Jenny Odell: Nichts tun

„Nichts ist schwerer als das Nichtstun“, behauptet die Autorin nicht nur, sondern beweist es auch, denn ganz offensichtlich hat sie es vorgezogen, 270 Seiten darüber zu Papier zu bringen und dabei gemerkt, „wie wichtig es war, etwas zu tun, und (sie dabei) unweigerlich immer radikaler wurde.“

Jenny Odell, laut Klappentext Künstlerin, Schriftstellerin sowie an der Stanford University lehrend, geht es also nicht um das kontemplative Leben, sondern um eine aktive Neuorientierung. „Die erste Hälfte des ‚Nichtstuns‘ besteht darin, sich von der Aufmerksamkeitsökonomie freizumachen; die zweite darin, sich auf etwas anderes einzulassen. ‚Etwas anderes‘ ist in diesem Fall nichts Geringeres als Zeit und Raum, eine Möglichkeit, die wir erst dann haben, wenn wir uns dort mit Aufmerksamkeit begegnen.“ Ein Plädoyer also „gegen die Ortlosigkeit eines optimierten Online-Lebens“ und „für eine neue ‚Ortsfülle’“, die sich durch „Feingefühl und Verantwortung für das Historische (Was passierte hier, an dieser Stelle) und das Ökologische (Wer oder was lebt oder lebte hier)“ auszeichnen soll.

Was sich nicht in Besitz nehmen lässt, wird in unserer Kultur als unnütz betrachtet. Eine solche Auffassung nimmt das Leben nicht nur als atomisiert und optimierbar wahr, sondern glaubt zudem, dass es dem Menschen aufgegeben ist, sich die Erde zu unterwerfen. Dieses Denken ist nicht nur fehlerhaft, sondern zerstörerisch. Nichts tun zeigt auf, wie es korrigiert werden kann.

„Nichtstun“ bedeutet für Jenny Odell, dass es „einen aktiven Prozess des aufmerksamen Hinhörens anstösst, der die Auswirkungen von ethnischer, ökologischer und ökonomischer Ungerechtigkeit aufspürt und einen echten Wandel herbeiführt.“ Eine sehr eigenwillige Definition, die den Vorteil hat, dass sie von allem, was sie gerade beschäftigt und sie so tut, berichten kann – vom Rosengarten, den sie besucht, von Gilles Deleuze, von ihrem Vater, von David Hockney, von David Abraham („einer meiner Lieblingsautoren“) und so weiter.

Ihr geht es wesentlich um Self Care, im Sinne von selbsterhaltend und „Teil eines politischen Kampfes“ (Audre Lorde). Spätestens an diesem Punkt (auf Seite 52) ist mir klar, dass ich mir ein ganz anderes Buch vorgestellt hatte und dass hier wieder einmal jemand ein Buch darüber geschrieben hat, was im Kapitalismus alles falsch läuft. Nicht, dass ich das wesentlich anders sehen würde, nur ist eben auch die Existenz dieses Buch der kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie geschuldet.

Jenny Odell, eine belesene und bestens informierte Frau, zitiert immer mal wieder Autoren mit auf den ersten Blick cleveren Einsichten, die sich dann allerdings als ausgesprochen sinnfrei erweisen. Etwa den Akustik-Ökologen Gordon Hempton, „der natürliche Klanglandschaften aufnimmt“ (schon erstaunlich, womit man heutzutage sein Leben verdienen kann): „Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Gegenwart von allem.“

Über „Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“, die der Untertitel verspricht, habe ich in diesem Buch nichts gelesen, es sei denn, man versteht unter Kunst einigermassen banale Aussagen wie dass Einander-Zuhören wichtig oder dass Sich-aus-der-Welt-Zurückzuziehen keine Lösung ist. „Die Welt braucht meine Teilnahme mehr denn je. Und wieder ist es keine Frage des Ob, sondern des Wie.“ Der englische Original-Untertitel spricht übrigens nicht von Kunst, sondern von Resistance und dies trifft wesentlich besser, worum es in diesem Buch geht – eine Anleitung zum politischen Widerstand gegen den zerstörerischen Kapitalismus.

Jenny Odell ruft dazu auf, sich zu verweigern. Diogenes von Sinope, Henry David Thoreau, Melvilles Bartleby sind ihr dabei, neben vielen Künstler und Künstlerinnen (kein Wunder, sie ist ja selber Künstlerin), Vorbilder. Treffend hält sie fest: „… dass eine wirkliche Verweigerung wie Bartlebys Antwort die Bedingungen der Frage selbst verweigert.“

„Ziviler Ungehorsam bedeutet in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie, Aufmerksamkeit zu entziehen“, schreibt sie an anderer Stelle. Und sie, so ist zu vermuten, auf dieses Buch zu lenken? Da wäre schon mal nicht schlecht, denn sich dem destruktiven Nachrichtenkreislauf und der Produktivitätsrhetorik zu entziehen, erlaubt eine andere, bessere, gesündere und uns zuträglichere Aufmerksamkeit zu generieren. „Im Kern war das, was ich entdeckte … der Bioregionalismus.“ Die Geschichten, die Jenny Odell erzählt, bewirken vielfältige Aufmerksamkeitserweiterungen, die zum Ziel haben, „die biologischen und kulturellen Ökosysteme wiederherzustellen“.

Für mich war jedoch etwas anderes zentral an diesem recht konventionellen Buch, das wie jedes andere Werk, das sich mit Ideen auseinandersetzt, ausführlich die alten Griechen und viele andere zu Worte kommen lässt. Es lässt sich in diesem Allerweltssatz zusammenfassen: „Nichts ist zugleich so vertraut und fremd wie das, was die ganze Zeit über da war.“ Um dies zu erkennen, braucht man nichts zu tun. Zu sehen und zu fühlen genügt.

Jenny Odell
Nichts tun
Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen
C.H. Beck, München 2021

Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

Als ich nach den ersten paar Seiten auf diese Sätze stosse – „Unvorstellbar, dass einer wie er, der Wittgenstein studiert hat und Yoga praktizierte, einem auf einer Anwaltsparty am Silvesterabend im Toilettenraum eine runterhaut.“ – , weiss ich, dass ich diesen Roman mögen werde. Und so ist es denn auch.

Es fehle an der Erziehung, deswegen gehe es in diesem Brasilien so chaotisch zu und her, klagte letzte Woche in Santa Cruz do Sul eine Dermatologin während des Englischunterrichts. Doch obwohl ihr Argument Einiges für sich hat, die Misere liegt, so denke ich, in unseren Empfindungen und Impulsen begründet, die wir schlecht zu kontrollieren verstehen. Es ist nicht selten, dass ausgesprochen gebildete Zeitgenossen primitiv, machtbesessen und bösartig unterwegs sind.

Die Protagonistin dieses Romans ist Anwältin. Ihre Kanzlei in São Paulo hat sie nach Cruzeiro do Sul im Bundesstaat Acre geschickt, wo sie als Beobachterin (ihre eigene Mutter ist ein Gewaltopfer) bei Verfahren von Femiziden fungieren soll. Die Opfer sind hauptsächlich Indiomädchen, die Morde bestialisch – wer an das Gute im Menschen glaubt, täte besser, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Und, wie es die Grossmutter der Protagonistin formuliert: „Diese Frauen sind gestorben, weil sie es nicht geschafft haben zu reden. Nicht zu reden ist eine Tragödie.“

Sie nimmt an Ayahuasca-Ritualen teil, wobei sie intensive Rache-Phantasien erlebt. Auch erfährt sie in Cruzeiro do Sul ein anderes als ihr Sâo Paulo-Brasilien und weiss: „Das wahre Schafott der Frauen ist die Ehe.“ Denn auch bei Femiziden gilt, dass die (von den Medien gesteuerte) öffentliche Wahrnehmung anders ist als die Realität. ‚Geh nicht mit einem Onkel mit, den du nicht kennst‘, wird dem Kind eingeschärft, obwohl es meist der Onkel ist, den es kennt, von dem Unheil zu erwarten ist.

Der Typus Mann, den Patrícia Melo beschreibt, erweckt in mir Empfindungen, die mich das alttestamentarische ‚Auge und Auge‘ positiv sehen lassen. Obwohl: „Natürlich werden sie nicht so geboren, mit diesem Bedürfnis, Frauen zu töten. Manche schon, die Psychopathen.“ Unsere Kultur, so die Autorin, lehrt den Frauenhass. Es lohnt, sich damit auseinanderzusetzen, dieser aufwühlende Roman trägt dazu bei. Auch um sich darüber klarzuwerden, dass das Justizsystem keine Lösung anzubieten hat. „Für manche Verbrechen gibt es keine Vergebung“, sagt die Protagonistin einmal. „Vergebung ist gezähmte Rache.“ Auch damit sollte man sich auseinanderzusetzen.

Was dieser Roman für mich wesentlich ausmacht, ist nicht zuletzt das Atmosphärische – dass der Wald voller Geräusche ist, Cruzeiro do Sul nach reifen Mangos, Jackfrüchten, Rinde, Rosenholz, Blüten und und und … riecht, und wie der niederstürzende Regen die Stadt unter Wasser setzt. „Und dann funktioniert nichts mehr.“ Wohl auch, weil ich Letzteres vor Kurzem gerade selber so erlebte.

Nachdenkenswert fand ich auch den Hinweis (in der zweiten Hälfte) auf die traumatisierten Tiere, die unter der Grausamkeit der Menschen leiden. Auch darin – und nicht nur bei Covid-19 – zeigt sich, was für Unheil der ausser Rand und Band geratene, egozentrische Mensch auf dem Planeten Erde anrichtet.

Zu meinen Lieblingspassagen gehört die Charakterisierung des Brasilianers an und für sich (insbesondere auf Seite 159), der sich in allem für eine Autorität hält – witzig und wahr! Kein Wunder, gefällt es mir in diesem Land – ich bin auch so!

Wer sich ein Bild vom realen Brasilien und seinem Kastensystem machen will, soll Patrícia Melo lesen. „Das System ist darauf ausgerichtet, nicht zu funktionieren.“ So beschreibt sie das Justizsystem, doch für das politische System gilt es ebenso. Oder, in Cruzeiro do Sul: „’Helmpflicht‘, stand in spanischer Sprache auf einem der Schilder, aber keiner der Motorradfahrer dort trug einen Helm.“ Das war offenbar an die Grenzgänger aus Bolivien und Peru gerichtet, bei Brasilianern ist so ein Hinweis, wie das Beispiel zeigt, eh für die Katz.

„Gestapelte Frauen“ klärt auf, nüchtern und sarkastisch. Und macht wütend – und das ist gut so!

Patrícia Melo
Gestapelte Frauen
Unionsverlag, Zürich 2021

Graeme Maxton | Bernice Maxton-Lee: F*CK THE SYSTEM

„Wir wandten uns an die Vereinten Nationen, trafen uns mit dem Papst, taten uns mit Influencern zusammen und setzten uns mit Präsidenten, Premierministern und Zentralbankgouverneuren aus aller Welt an einen Tisch. Jetzt würden wir das Problem doch bestimmt, endlich, wirklich verstehen“, lese ich im Vorwort und wundere mich über soviel Naivität, schliesslich braucht es nur wenig Lebenserfahrung, um zu erkennen, dass die Leute, die es in diesem System weit gebracht haben, wohl kaum die Leute sind, die es ändern wollen. Wozu auch?

Erfreulich an diesem Buch ist, dass es um Grundsätzliches geht (was sich angesichts der rasanten Entwicklung auch aufdrängt): Wir müssen uns entscheiden, ob unsere Entscheidungen wie bisher „auf der Grundlage ichzentrierter, kurzfristiger, animalischer Instinkte erfolgen? Oder schaffen wir es endlich, der reflektierenden und spirituellen Seite des menschlichen Charakters den Vorzug zu geben?“ Viel Zeit bleibt uns nicht, um uns zu entscheiden. Und sich nicht zu entscheiden, ist auch ein Entscheid, denn weiter gehen wie bis anhin wird es nicht.

Zurück zu Vor-Covid-19 ist weder wünschenswert noch eine Option, denn schliesslich hat Vor-Covid-19 uns Covid-19 beschert. Und dies betrachten die Autoren als Weckruf, als Chance. Dabei setzen sie ihre Hoffnungen vor allem auf die Jüngeren, die ihrer Meinung nach noch nicht so stark von der Wirtschaftspropaganda vereinnahmt worden sind und am meisten zu verlieren haben.

F*CK THE SYSTEM liefert Fakten. „Die Weltbevölkerung hat sich in 60 Jahren mehr als verdoppelt und ist heute fast fünfmal so gross wie noch vor einem Jahrhundert.“ Alle 12 Jahre gibt es eine Milliarde mehr Menschen, die Nahrung, Wasser, Wohnraum etc. brauchen. Dazu kommt, dass sich die Erde stetig erwärmt und dies ist „hauptsächlich darauf zurückzuführen, wie Menschen Energie und Nahrung produzieren.“

Dieses Buch richtet sich an Leute wie mich, denen zwar klar ist, dass es ein Klimaproblem gibt, doch denen nicht bewusst ist, wie gravierend es ist. „Das Ausmass des Klimaproblems ist so gross, dass selbst wenn Hunderte Millionen von Menschen zu 100 Prozent nachhaltig lebten und absolut keine Treibhausgase verursachten, es nicht genug wäre, um den Kipp-Punkt zu verhindern.“ Mit anderen Worten: Eine radikale Kehrtwendung ist von Nöten.

Dieses Buch ist ein Appell, ein notwendiger, denn wir können nicht warten bis wir den Kipp-Punkt erreichen, wir müssen jetzt handeln. „Im Klartext: Die meisten von uns müssen ihre Lebensweise von Grund auf umkrempeln, unabhängig von den wirtschaftlichen und sozialen Folgen.“ Frage an die Autoren: Mit wie wenig Einkommen und Sicherheiten sind Sie bereit zu leben?

Dass ein System, das auf der Ideologie von Mehr-Mehr-Mehr gründet, ziemlich hirnrissig ist, versteht sich, ändert jedoch nichts daran, dass wir ihm bedingungslos ergeben sind. Nötig ist, dass sich unser Denken ändert. Doch wie soll das gehen? Der Ansatz der Autoren besteht darin, uns mit Tatsachen füttern, die uns die Dramatik unserer Situation vor Augen führt. „Wir sind der Meinung, dass die Aussagen in diesem Buch zu radikalen Gesellschaftsreformen und Klimawandel auf Fakten und gut durchdachten Erkenntnissen beruhen sollen, nicht auf dem Auf und Ab im Alltag unseres bisherigen Lebens.“

So weisen sie unter anderem auf Faktoren hin, die den Klimawandel beschleunigen – von der irrigen Annahme, der Markt werde es schon richten bis zur falsch verstandenen Demokratie, vom idiotischen Wachstumsglauben bis zum übersteigerten Egoismus (auch Individualismus genannt).

Bei allem Respekt für die verdienstvolle Arbeit der beiden Autoren, der nüchtern denkende Mensch, der ihnen vorschwebt, existiert nicht. Leider. Dazu kommt, dass es uns Menschen schlicht nicht gegeben ist, längerfristig zu denken bzw. die Konsequenzen unseres Handelns einschätzen zu können. Die globale Debatte über die Werte, auf denen eine nachhaltige Gesellschaft aufbauen sollte, würde dran vermutlich nicht viel ändern.

Nachdrücklich fordern die Autoren einen Systemwechsel, denn das gegenwärtige System tötet, wie sie anhand von Tolstois Auferstehung eindrücklich belegen. „Wir – nicht ich, ich, ich“ lautet einer der Zwischentitel dieses Werkes und das beschreibt treffend, wie unsere Werte aussehen sollten. Wir wissen das, doch wie kommen wir dahin, dass wir es auch glauben? Indem wir handeln. Anregungen dazu, wie Sie gesellschaftspolitisch aktiv werden können, finden Sie in diesem Buch.

Graeme Maxton | Bernice Maxton-Lee
F*CK THE SYSTEM
Ein Leitfaden für eine bessere Welt
Verlag Komplett-Media, München 2021

Joël Dicker: Das Geheimnis von Zimmer 622

Das ist für einmal ein Dicker, der nicht in den USA, sondern in der Schweiz spielt. Man liest anders, wenn einem die Handlungsorte vertraut sind – Genf, Verbier, Sitten, meine ich, nicht die Fünfsternhotels. Ich habe das Buch im südbrasilianischen Sommer gelesen und wähnte mich in der winterlichen Westschweiz. Die Bilder, die dieser Roman in meinen Kopf zauberte bzw. die Gefühle, die er auslöste, verdanken sich der Fabulierkunst des Joël Dicker, diesem Meister der Stimmungen.

Eine fehlgeschlagene Liebe in Genf macht den Auftakt, den der Schriftsteller, der in diesem Roman eine Hauptrolle einnimmt, zu einem mysteriösen Todesfall im Zimmer 622 in einem Walliser Luxushotel führt. Zusammen mit seiner Zimmernachbarin Scarlett Leonas wird er in den ungelösten Fall hineingezogen. Was ist damals in Zimmer 622 geschehen, das es in diesem Hotel offiziell gar nicht gibt?

Macaire Ebezner, der glaubt als Nachfolger seines Vaters das Präsidium der Familienbank zu übernehmen, wird vom Bankrat ausgebootet – sein Konkurrent Lew Lewowitsch soll ihm vorgezogen werden. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass ein derart unbeholfener Trottel, wie ihn Joël Dicker zeichnet, an der Spitze einer Bank stehen könnte. Vielleicht aber eben auch nicht, denn schliesslich leben wir in Zeiten, wo Unbedarftheit geradezu die Voraussetzung für höhere Chargen zu sein scheint. Andererseits wird sein Bilderbuchkarriere-Konkurrent dermassen perfekt gezeichnet (er spricht zehn Sprachen, schafft es in sechzehn Jahren vom Hotelpagen an die Spitze einer Privatbank), dass man sich schon etwas wundert … und sich dann erinnert: Dies ist ein Roman.

Nicht nur Ebezner hat ein Geheimnis, auch Lewowitsch hat eins. Und wie das eben so ist, wenn es um einflussreiche Machtpositionen geht, greifen die beiden zu Intrigen, wo sie nur können. Es geht um internationalen Waffenschmuggel, ums Schweizer Bankgeheimnis … Klischeehafter geht kaum, doch das ist durchaus positiv gemeint, denn in Klischees liegt viel Wahres. Wobei: Die zentrale Liebesgeschichte, die Das Geheimnis von Zimmer 622 auch erzählt, ist schon fast mehr als kitschig. Gut, lässt der Autor seine Figuren immer mal wieder unzensuriert reden, womit sich ebenfalls viel Wahres vermitteln lässt. Wenn er nicht zum Präsidenten der Bank gewählt werde, bringe er sich um, sagt Macaire Ebezner zu seinem Psychoanalytiker. »Sagen Sie doch so etwas nicht!«, erwiderte Dr. Kazan entsetzt. »Das wäre sehr schlecht für meinen Ruf.«

Es finden sich auch immer wieder anregende Gedanken in diesem Werk. Etwa zur Liebe, die es gemäss Lewowitsch nicht gibt. »Sie ist ein Trugbild, ein Hirngespinst. Oder falls Sie das vorziehen, die Liebe existiert potenziell nur dann, wenn sie sich nicht konkretisiert. Sie ist ein Produkt unserer Vorstellung, bestehend aus Hoffnung, Erwartung und Projektionen.« Oder zum Liebeskummer: »Je mehr es ihm wehtat, desto mehr musste er daran denken, je mehr er daran dachte, desto mehr tat es ihm weh. Er hatte das Gefühl, der Schmerz werde nie vergehen.« Oder zum Lachen: »Das Lachen ist eine Form von zeitloser Vollkommenheit. Man bedauert es nie, man geniesst es immer ganz und gar. Wenn es vorbei ist, ist man immer zufrieden, man möchte mehr davon, ohne mehr als das zu verlangen. Selbst die Erinnerung an das Lachen ist immer angenehm.«

Wie es Joël Dicker schafft, über 617 Seiten die Spannung aufrecht zu erhalten, ist mir ein Rätsel. Umso mehr als er mit vielen Rückblenden arbeitet, einer Methode, die den geradlinigen Verlauf ständig unterbricht und der Dramatik erstaunlicherweise trotzdem nichts anhaben kann. Immer mal wieder dachte ich, das müsste ja jetzt doch eigentlich die Auflösung des Geheimnisses gewesen sein, doch nein, sie war es nicht – die beeindruckende Vorstellungskraft dieses Autors wird geleitet von »Wenn man etwas unbedingt glauben möchte, dann sieht man nur noch, was man sehen will.«

Doch Das Geheimnis von Zimmer 622 ist nicht nur gut geschriebene, spannende Unterhaltung (das Markenzeichen dieses Autors) und die Geschichte eines grossen Liebesschicksals, es ist auch eine Hommage Joël Dickers an seinen Verleger Bernard de Fallois, für den ein grosser Schriftsteller ein Maler ist. Unter anderem zitiert er de Fallois mit dieser schönen Überzeugung: »Der Erfolg eines Buches«, antwortete er mir, »bemisst sich nicht an der Zahl der verkauften Exemplare, sondern am Glück und an dem Vergnügen, die das Verlegen des Buches einem bereitet.«

Fazit: Eine fantastische Abenteuergeschichte voller Intrigen und überraschender Wendungen, die starke Bilder im Kopf zurücklässt, die einen noch lange begleiten.

Joël Dicker
Das Geheimnis von Zimmer 622
Piper Verlag, München 2021

Werner Gross: Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten

Der Titel ist unserem Marketing-Zeitalter geschuldet, soll also nicht wörtlich genommen werden. Er suggeriert, dass man in diesem Buch so recht eigentlich alles zum Thema Sucht finden wird – und so ist es, zu meiner nicht gelinden Überraschung, denn auch. Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten  ist überaus inhaltsreich und informativ, ein umfassendes Nachschlagewerk zu so ziemlich allen denkbaren Aspekten rund um die Sucht.

Der Autor Werner Gross ist niedergelassenener Psychotherapeut und Coach und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Sucht. Mit diesem Buch, so die Verlagsinformation, wendet er sich an Betroffene, Angehörige und Freunde, Selbsthilfegruppen, Berater in Suchtberatungsstellen und -kliniken, Psychotherapeuten, Berater und Ärzte. Schwer vorstellbar, wer da noch fehlen könnte. 

Im Vorwort lese ich, wovon das Buch handelt: „Aber was genau ist eigentlich Sucht? Was für Auswirkungen hat sie auf die Betroffenen? Wie und in welchen (Lebens-)Bereichen zeigt sie sich? Was sind die wichtigsten Suchtkriterien? Wie entwickelt sich Sucht – und wo sind die Übergänge vom normalen zum süchtigen Verhalten? Ab wann spricht man von Missbrauch? Wo beginnt die Abhängigkeit, die Sucht? Was ist die Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Formen der Sucht – und wo sind die Unterschiede?“

Doch es geht auch noch um andere Fragen. „Wo finde ich (oder mein süchtiger Angehöriger) Hilfe? Welche Hilfssysteme gibt es überhaupt? Welche Berufsgruppen beschäftigen sich mit dem Thema Sucht? Wie steht es um Selbsthilfe und welche Selbtshilfegruippen im Bereich Sucht gibt es?“

Ich habe Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, sondern darin geblättert und mich dann immer wieder in einen Abschnitt hineingelesen. Und bin dabei ständig von Neuem angeregt worden, selbständig weiter zu denken (und das ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb ich mich in Bücher vertiefe). Nehmen wir den Abschnitt mit dem Titel „‚Infoholics‘ oder: Leben im Zeitraffer“.

Werner Gross geht das Thema (wie überhaupt alle Themen) unaufgeregt und sachlich an, macht darauf aufmerksam, dass in unseren hektischen Zeiten immer weniger Menschen Stille und Ruhe aushalten. „So ist auch der Griff nach dem Smartphone ein Schutzmechanismus, um nicht über sich selbst und etwaige aktuelle Probleme nachdenken zu müssen. Durch die ständig verfügbare Ablenkung muss ich mich nicht mit tieferliegenden u.U. schmerzhaften Themen beschäftigen.“ Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es jeder Generation aufgegeben ist, mit neuen technischen Errungenschaften klar zu kommen – was auch den meisten gelingt.

„Ist das wirklich Sucht?“ ist ein anderes Thema, mit dem sich der Autor befasst. Wonach man süchtig wird, ist irrelevant, denn: „Letztendlich kann jede Tätigkeit süchtig entgleisen.“ Werner Gross sieht die Sucht als ein Grundproblem unserer Konsumgesellschaft, denn deren Leitsatz sei: „Noch mehr, noch grösser, noch besser, noch bequemer.“ Die Folge davon ist, dass wir uns nicht mehr nach unseren Grundbedürfnissen ausrichten, sondern nach dem, „was uns angeboten oder eingeredet wird.“

Was nottut, ist „eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf Lebenswerte, die ein sinnvolles und lustvolles Leben auch ohne Drogen oder süchtige Verhaltensweisen möglich macht“ sowie „eine eindeutige, von allen Experten akzeptierte Begriffsbestimmung der Sucht zu finden.“ Letzteres ist deswegen nötig, da auch stoffungebundene Süchte das Alltagsleben beeinträchtigen und als Krankheiten anerkannt gehören. 

Beeindruckend an diesem Buch fand ich insbesondere die Fähigkeit des Autors auf knappem Raum Wesentliches darzustellen, denn das ist eine Kunst, wie jeder weiss, der selber schreibt. Und ganz besonders gefallen hat mir, dass in diesem Buch auch viel Witz Platz gefunden hat. So sind den einzelnen Themen jeweils zum Schmunzeln einladende Zitate vorangestellt. Eines meiner liebsten stammt von Wilhelm Busch und leitet die Rubrik „Legale Drogen“ ein: „Es ist so mit Tabak und Rum: Erst ist man froh, dann fällt man um.“

Werner Gross
Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten
Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2016

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