Gesine Dornblüth, Jahrgang 1969, und Thomas Franke, Jahrgang 1967, sind journalistisch unterwegs, und das meint: Sie beschreiben, was ist, analysieren dies auch und stellen es in einen Kontext. Grundsätzliches Hinterfragen ist hingegen nicht ihr Ding. So schreiben sie etwa von unserer Demokratie, die es zu verteidigen gilt, ganz so, als ob es die Demokratie irgendwo auf der Welt geben würde. „The best democracy money can buy“, hat der Journalist Greg Palast einmal die amerikanische Version charakterisiert. Das will keineswegs sagen, dass es zwischen der russischen Unterdrückungsmaschinerie und den Staaten, in denen man sich frei äussern kann, kaum einen Unterschied gibt. Das will sagen, dass wenn die Demokratie Wirklichkeit wäre (in einer solchen gäbe es keine Superreichen), Putin und Konsorten keine Chance hätten.
Keine Frage, man muss die Dinge auf den Punkt bringen. Und das macht dieses Buch auch. Doch derart unreflektiert einen Begriff wie Freiheit zu benutzen, wie es hier getan wird, ist entschieden unter-komplex und erinnert an Politiker Parolen. Wie sagte einmal der Leiter eines Fotoladens in Prag, als ich ihn fragte, was sich seit der sowjetischen Besatzung und heute verändert habe: Der kommunistische Totalitarismus sei dem Geld Totalitarismus gewichen. Meinungsäusserungsfreiheit und Unabhängigkeit ist was den Westen vom Osten unterscheidet, und nicht etwa Freiheit.
„Es ist nicht wichtig, was geschieht, wichtig ist die Interpretation der Ereignisse“, wird eine Topmoderatorin des russischen Staatsfernsehens zitiert. Nun ja: Das sehen westliche Kommunikationsexperten auch nicht anders. Nichtsdestotrotz sind der russische Totalitarismus und der Kapitalismus westlicher Prägung nicht zu vergleichen. Das liegt vor allem an der menschenverachtenden Brutalität der russischen Gewaltmaschinerie.
Die Geschichte lehre uns, dass wir nichts aus ihr lernen, meinte bekanntlich Hegel. Andererseits ist es aber eben auch so, dass das, was wir wissen, unsere Ansichten und Entscheide formen. Dieses ausgesprochen informative Buch ermöglicht einen klaren Blick auf die russische Art die Welt zu sehen, indem es aufzeigt, wie die Mächtigen in Moskau seit jeher Unabhängigkeitsbestrebungen unterdrückt haben und mit rücksichtsloser Härte gegen regierungskritische Meinungsäusserungen vorgehen. Die Urenkelin von Chruschtschow, die in New York Politik lehrt, sprach in einem BBC-Interview davon, dass den Russen ein genetischer Code eigen sei, der sie zu Verleumdungen und Grausamkeiten verleite.
Der russische Unterdrückungsapparat gründet auf Angst. „Angst ist das effektivste Werkzeug von Kriminellen.“ Sicher, doch jede Hierarchie gründet auf Angst. Das soll den russischen Gewaltterrorismus keineswegs relativieren, das soll nur deutlich machen, dass unsere gängigen Erklärungsmodelle sich als ungeeignet erweisen, wenn wir Wesensfremdes zu verstehen suchen. Und was die Russen (vermutlich nicht alle) ausmacht, entzieht sich weitestgehend unserem westlichen Verständnis. Jedenfalls kommt es mir so vor.
Dazu kommt, was Gesine Dornblüth und Thomas Franke so auf den Punkt bringen: „Das Ausmass der Lüge und die skrupellosen Massaker an der Zivilbevölkerung in der Ukraine überfordern nahezu jeden.“ Obwohl, ich würde die Unterscheidung von Zivilbevölkerung und kämpfenden Truppen nicht machen, denn skrupellose Massaker sind immer unakzeptabel. Der für mich wohl wichtigste Satz in diesem gut recherchierten Buch lautet: „Alles, was bisher über Aussöhnung und Aufarbeitung gedacht wurde, alles, was Menschen glauben gemeinsam aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt zu haben, ist wie eine Seifenblase zerplatzt.“
Leider halten sich Gesine Dornblüth und Thomas Franke nicht an diese Erkenntnis und betreiben grösstenteils den üblichen Journalismus, der sich an Personen und Geschichten orientiert. Mit anderen Worten: Was Putin von sich gibt, verleiht einem Gefühl Ausdruck, das viele Russen teilen müssen, sonst wäre der Mann nicht an der Macht. Das Gleiche gilt übrigens für den Florida-Golfer, den es ohne seine Anhänger auch nicht gäbe.
„Zur russischen Welt gehören laut Putin alle, die sich mit Russland, der russischen Sprache, russischen Geschichte und russischen Kultur verbunden fühlen.“ So ähnlich hat das Lee Kuan Yew, der frühere Premierminister von Singapur, für die Chinesen formuliert. Es ist dies ein Nationalismus, der Westlern in dieser Form unbekannt ist; seine gnadenlose Umsetzung lässt keinen Zweifel, dass da ein anderer Menschentyp zugange ist als der den Westlern vertraute
Wie schon Corona so zeigt auch der Angriffskrieg gegen die Ukraine, dass die Welt, die wir zu kennen glaubten, nicht mehr existiert. Und dass unsere Vernunft sich neu orientieren muss, denn ganz offensichtlich sind nicht alle Menschen gleich. Wie Menschen sind, zeigt sich allein in ihren Handlungen; Motivforschung gehört zum Rätselraten und mag als Freizeitbeschäftigung durchgehen, denn wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen.
Die Vorstellung, man müsse immer auch die andere Seite anhören, ist nicht nur ein Hirngespinst von Journalisten, auch Juristen denken so. Die Folge? Lügen, Propaganda, Manipulation und Desinformation werden eine Plattform gegeben. Es spricht für dieses Buch, dass es deutlich Stellung bezieht. und sich klar gegen ein unreflektiertes Verständnis von Ausgewogenheit ausspricht. „Lügen sind weder eine Meinung noch, wie es neudeutsch heisst, ein Narrativ. Sie sind schlichtweg falsch, und Russland will mit ihnen faktenbasierte Berichterstattung stören und verwirren.“
Gesine Dornblüth / Thomas Franke
Putins Gift
Russlands Angriff auf Europas Freiheit
Herder, Freiburg Basel Wien 2024



