Gesine Dornblüth / Thomas Franke: Putins Gift

Gesine Dornblüth, Jahrgang 1969, und Thomas Franke, Jahrgang 1967, sind journalistisch unterwegs, und das meint: Sie beschreiben, was ist, analysieren dies auch und stellen es in einen Kontext. Grundsätzliches Hinterfragen ist hingegen nicht ihr Ding. So schreiben sie etwa von unserer Demokratie, die es zu verteidigen gilt, ganz so, als ob es die Demokratie irgendwo auf der Welt geben würde. „The best democracy money can buy“, hat der Journalist Greg Palast einmal die amerikanische Version charakterisiert. Das will keineswegs sagen, dass es zwischen der russischen Unterdrückungsmaschinerie und den Staaten, in denen man sich frei äussern kann, kaum einen Unterschied gibt. Das will sagen, dass wenn die Demokratie Wirklichkeit wäre (in einer solchen gäbe es keine Superreichen), Putin und Konsorten keine Chance hätten.

Keine Frage, man muss die Dinge auf den Punkt bringen. Und das macht dieses Buch auch. Doch derart unreflektiert einen Begriff wie Freiheit zu benutzen, wie es hier getan wird, ist entschieden unter-komplex und erinnert an Politiker Parolen. Wie sagte einmal der Leiter eines Fotoladens in Prag, als ich ihn fragte, was sich seit der sowjetischen Besatzung und heute verändert habe: Der kommunistische Totalitarismus sei dem Geld Totalitarismus gewichen. Meinungsäusserungsfreiheit und Unabhängigkeit ist was den Westen vom Osten unterscheidet, und nicht etwa Freiheit.

„Es ist nicht wichtig, was geschieht, wichtig ist die Interpretation der Ereignisse“, wird eine Topmoderatorin des russischen Staatsfernsehens zitiert. Nun ja: Das sehen westliche Kommunikationsexperten auch nicht anders. Nichtsdestotrotz sind der russische Totalitarismus und der Kapitalismus westlicher Prägung nicht zu vergleichen. Das liegt vor allem an der menschenverachtenden Brutalität der russischen Gewaltmaschinerie.

Die Geschichte lehre uns, dass wir nichts aus ihr lernen, meinte bekanntlich Hegel. Andererseits ist es aber eben auch so, dass das, was wir wissen, unsere Ansichten und Entscheide formen. Dieses ausgesprochen informative Buch ermöglicht einen klaren Blick auf die russische Art die Welt zu sehen, indem es aufzeigt, wie die Mächtigen in Moskau seit jeher Unabhängigkeitsbestrebungen unterdrückt haben und mit rücksichtsloser Härte gegen regierungskritische Meinungsäusserungen vorgehen. Die Urenkelin von Chruschtschow, die in New York Politik lehrt, sprach in einem BBC-Interview davon, dass den Russen ein genetischer Code eigen sei, der sie zu Verleumdungen und Grausamkeiten verleite.

Der russische Unterdrückungsapparat gründet auf Angst. „Angst ist das effektivste Werkzeug von Kriminellen.“ Sicher, doch jede Hierarchie gründet auf Angst. Das soll den russischen Gewaltterrorismus keineswegs relativieren, das soll nur deutlich machen, dass unsere gängigen Erklärungsmodelle sich als ungeeignet erweisen, wenn wir Wesensfremdes zu verstehen suchen. Und was die Russen (vermutlich nicht alle) ausmacht, entzieht sich weitestgehend unserem westlichen Verständnis. Jedenfalls kommt es mir so vor.

Dazu kommt, was Gesine Dornblüth und Thomas Franke so auf den Punkt bringen: „Das Ausmass der Lüge und die skrupellosen Massaker an der Zivilbevölkerung in der Ukraine überfordern nahezu jeden.“ Obwohl, ich würde die Unterscheidung von Zivilbevölkerung und kämpfenden Truppen nicht machen, denn skrupellose Massaker sind immer unakzeptabel. Der für mich wohl wichtigste Satz in diesem gut recherchierten Buch lautet: „Alles, was bisher über Aussöhnung und Aufarbeitung gedacht wurde, alles, was Menschen glauben gemeinsam aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt zu haben, ist wie eine Seifenblase zerplatzt.“

Leider halten sich Gesine Dornblüth und Thomas Franke nicht an diese Erkenntnis und betreiben grösstenteils den üblichen Journalismus, der sich an Personen und Geschichten orientiert. Mit anderen Worten: Was Putin von sich gibt, verleiht einem Gefühl Ausdruck, das viele Russen teilen müssen, sonst wäre der Mann nicht an der Macht. Das Gleiche gilt übrigens für den Florida-Golfer, den es ohne seine Anhänger auch nicht gäbe.

„Zur russischen Welt gehören laut Putin alle, die sich mit Russland, der russischen Sprache, russischen Geschichte und russischen Kultur verbunden fühlen.“ So ähnlich hat das Lee Kuan Yew, der frühere Premierminister von Singapur, für die Chinesen formuliert. Es ist dies ein Nationalismus, der Westlern in dieser Form unbekannt ist; seine gnadenlose Umsetzung lässt keinen Zweifel, dass da ein anderer Menschentyp zugange ist als der den Westlern vertraute

Wie schon Corona so zeigt auch der Angriffskrieg gegen die Ukraine, dass die Welt, die wir zu kennen glaubten, nicht mehr existiert. Und dass unsere Vernunft sich neu orientieren muss, denn ganz offensichtlich sind nicht alle Menschen gleich. Wie Menschen sind, zeigt sich allein in ihren Handlungen; Motivforschung gehört zum Rätselraten und mag als Freizeitbeschäftigung durchgehen, denn wir sind viel zu komplex, um uns selber zu verstehen.

Die Vorstellung, man müsse immer auch die andere Seite anhören, ist nicht nur ein Hirngespinst von Journalisten, auch Juristen denken so. Die Folge? Lügen, Propaganda, Manipulation und Desinformation werden eine Plattform gegeben. Es spricht für dieses Buch, dass es deutlich Stellung bezieht. und sich klar gegen ein unreflektiertes Verständnis von Ausgewogenheit ausspricht. „Lügen sind weder eine Meinung noch, wie es neudeutsch heisst, ein Narrativ. Sie sind schlichtweg falsch, und Russland will mit ihnen faktenbasierte Berichterstattung stören und verwirren.“

Gesine Dornblüth / Thomas Franke
Putins Gift
Russlands Angriff auf Europas Freiheit
Herder, Freiburg Basel Wien 2024

Matt Haig: Die Unmöglichkeit des Lebens

Die ziemlich laute Minderheit, die behauptet, man könne nur davon überzeugend schreiben, was man persönlich erlebt habe (nur eine Frau kann glaubhaft über eine Frau schreiben), sollte einmal Flaubert (Madame Bovary) oder Fontane (Effi Briest) lesen. Oder eben Matt Haigs Die Unmöglichkeit des Lebens.

Die pensionierte Mathematiklehrerin Grace („Als ehemalige Lehrkraft sieht man in jedem Erwachsenen das Kind und stellt sich vor, wie es sich wohl im Unterricht verhalten hätte.“) erhält von einer Frau namens Christina, die sie kaum kannte, ein Häuschen auf Ibiza vermacht. Sie fliegt hin, ohne Rückflugticket. Das Häuschen entpuppt sich dann als ziemliche Enttäuschung. In der Folge macht sie sich auf die Suche nach Antworten über das Leben ihrer Freundin und über das Rätsel ihres Todes. Dabei stösst sie auf allerlei Merkwürdiges.

Doch wie kommt eine flüchtige Bekanntschaft dazu, einer anderen Frau ein Haus zu vermachen? Der Grund war ein freundlicher Ratschlag, der das Leben der Ratsuchenden entscheidend verändert hat. Dass dies zwar recht unwahrscheinlich klingt, liegt an unseren Voreingenommenheiten. Wie gut, dass das richtige Leben davon nichts weiss. Ich habe das übrigens selber einmal genau so erfahren …

Christina war Musiklehrerin gewesen. „Meiner Erfahrung nach neigten alle Musiklehrerinnen zu Exzentrik. Und Musiklehrerinnen, die Ende der Siebzigerjahre nach Ibiza gezogen waren, ganz besonders.“ Auf Ibiza war sie als Hellseherin bekannt. Und sie unternimmt Tauchgänge, die sie bei Alberto Ribas bucht, einem Meeresbiologen, der davon überzeugt ist, das Mittelmeer werde von einer extraterrestrischen Kraft bewohnt.

Nein, das ist kein esoterischer Roman. Wie schreibt doch Grace: „Ich habe wirklich keinen Hang zum Mystischen. Vermutlich, weil ich katholisch erzogen wurde und ein ganzes Leben voll nicht erhörter Gebete hinter mir liegt. (…) Nur in der Mathematik sind Fakten einfach Fakten. Da gibt es nichts zu diskutieren. Es gibt keine linke oder rechte Algebra. Es gibt in der Geometrie keine Sünde und in der Trigonometrie keine Schuld.“

Grace erlebt eigenartige Dinge auf Ibiza, doch nicht die Art von Veränderung, die man sich gemeinhin von einem Ortswechsel erhofft, denn schliesslich nimmt man ja sich selber mit. Was tue ich hier bloss?, fragt sie sich, und erfährt dann, dass sich Veränderungen meist erst dann einstellen, wenn man einen Tiefpunkt erreicht hat. Allmählich beginnt sich ihre Wahrnehmung zu verändern. Mit einem Mal wird sie hochempfindlich für die Fülle und Komplexität von allem, während sie den Sinn verliert für die sogenannt wichtigen Dinge wie Uhrzeit, Datum, Wochentag.

Der Realität sei eine Illusion, meinte bekanntlich Albert Einstein. Allerdings eine bemerkenswert hartnäckige. Auch Alberto Ribas vertritt diesen Standpunkt, schliesslich weiss der denkende Mensch, dass nicht nur das Universum,. sondern auch der Planet Erde noch weitgehend unbekannt ist. „Es waren schon mehr Menschen auf dem Mond als an der tiefsten Stelle des Ozeans.“

Die Wirklichkeit ist viel zu komplex, um von uns verstanden zu werden. Trotzdem verlangt unser Lebenstrieb nach Sicherheit und Ordnung, nach Stabilität. Und obwohl wir wissen (können), dass es Stabilität nicht gibt und nicht geben kann, bemühen wir uns trotzdem darum. Allerdings zu einem Preis: „… die Sehnsucht nach einer eng gefassten Ordnung, nach Struktur, Klarheit und Kontrolle ist die Grundlage für geistige Verzweiflung.“

Wie bei jedem guten Buch – und Die Unmöglichkeit des Lebens ist ein gutes Buch – ist nicht die Rahmenhandlung das Wesentliche, sondern wie die Geschichte erzählt wird. Im Falle von Matt Haig fallen, neben seinem flüssigen und ansprechenden Schreibstil, vor allem sein Witz („Er hatte sich ausdrücklich einen schwarzen Marmorgrabstein gewünscht. ‚Irgendwie rockt das mehr‘, pflegte er zu sagen. Er selbst war zwar so harmlos wie ein Käsesandwich, aber er mochte Rockmusik und am liebsten Black Sabbath. Das ist wohl die Erklärung.“) und seine philosophische Auseinandersetzung mit dem Leben auf. („Die ersten beiden Tage nach Daniels Tod war ich ausser mir. Ausser mir. Eine interessante Redewendung, nicht wahr? Ich war anwesend, aber auch nicht anwesend. Ich beobachtete mich selbst in der dritten Person. Eine Figur in einem Leben, das aussah wie mein Leben, es aber nicht war.“).

Fazit: Ein Plädoyer fürs Zulassen der chaotischen Wirklichkeit. Faszinierend, anregend und horizonterweiternd.

Matt Haig
Die Unmöglichkeit des Lebens
Roman
Droemer, München 2024

Andreas Eschbach: Die Abschaffung des Todes

Die Bücher, die einen sofort packen, sind rar. Die Schriftsteller, die solche Werke schaffen, genau so. Zu ihnen gehört Andreas Eschbach, der über ein Schreibtalent verfügt, das ich ziemlich einzigartig finde. Unterhaltsam, witzig, spannend, lebensnah und voller smarter Einsichten – ein Thriller, der gleichzeitig eine intensive Auseinandersetzung mit wesentlichen Lebensfragen, Angst und Tod also, ist.

James Henry Windover ist der Gründer und Chefredakteur einer Zeitung mit Sitz in Amsterdam, deren gerade mal 49 Abonnenten jeweils eine Million Euro im Jahr bezahlen, um exklusive Informationen zu erhalten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sachlich und unaufgeregt, die Dinge auf den Punkt bringen. Als die Hauptinvestorin, eine in London ansässige Milliardärin, die im Rollstuhl sitzt, ihn zu sich bestellt und ihm von einem Projekt erzählt, bei dem man Genetik und Nanotechnik kombiniert (und womöglich ihre Querschnittlähmung heilen könnte), muss er sich nach Kalifornien aufmachen, um der Sache nachzugehen.

Die Aufgabe ist heikel. Rät er ihr von einem Investment ab, und die Firma entpuppt sich als Erfolgsgeschichte, hat er ein Problem. Rät er ihr zu, und es entpuppt sich alles als Schwindel, hat er auch ein Problem. Er muss also den richtigen Entscheid fällen. Doch dann geht die Geschichte in eine ganz andere, unerwartete Richtung ….

Die Abschaffung des Todes bietet vielfältige Aufklärung. Etwa über Journalismus, der niemals unabhängig ist (und das auch gar nicht sein kann, weil er Geld einbringen muss), sondern in erster Linie unterhalten muss, Vorurteile zu bestätigen hat sowie das Gefühl vermittelt, am Zeitgeschehen teilzuhaben, „aber nur ungefähr so wie jemand, der am Strassenrand anhält, um sich einen Unfall auf der Fahrbahn gegenüber anzuschauen. Die meisten Dinge, von denen sie lesen, gehen sie eigentlich gar nichts an, haben oft wenig Einfluss auf ihr Leben, und vor allem haben sie keinen Einfluss auf diese Dinge. Im Grunde nützt es ihnen nichts, darüber Bescheid zu wissen.“

In der Hauptsache handelt Die Abschaffung des Todes von der Gehirnforschung und dem Investment-Business, die wesentlich aus der Perspektive der Hauptfigur James Windover geschildert werden, der sich als Journalist und Chefredakteur der möglichst objektiven Darstellung der Welt verpflichtet fühlt. Dabei gerät er auch in die Rolle des Spions.

Die Endlichkeit gehört zum Leben. Und macht es wertvoll. Dass einige von denen, die materiell viel erreicht haben, das nicht so sehen und ewig leben wollen, ist Thema dieses Buches und wird von ganz vielen Seiten beleuchtet. Dass ein High-Tech-Konzern die Unsterblichkeit plant, ist naheliegend, denn der Mensch hatte schon immer Angst vor dem Tod und versucht nun mit den heute zur Verfügung stehenden Mittel, dieser Angst zu entkommen. Andreas Eschbach greift damit ein uraltes Thema auf. Wie er das tut, ist ein Leseerlebnis der Sonderklasse, inklusive Liebesgeschichte.

Bei einer Veranstaltung für ausgewählte Superreiche im Silicon Valley wird eine virtuelle Realität vorgeführt, die die Teilnehmenden staunen macht. James Henry Windover bleibt skeptisch. „Eine Show, die mich überwältigt und mir keine Zeit zum Nachdenken gelassen hatte, was nie ein gutes Zeichen ist.: Wer unschlagbare Argumente hat, muss den anderen nicht ‚besoffen quatschen‘, wie man das in der Verkaufspsychologie nennt, sondern kann es sich leisten, sie in Ruhe wirken zu lassen.“

Es ist ausgesprochen selten, dass mich ein Buch völlig in seinen Bann zieht, ich total mit fiebere, mich vor Ort mit dabei fühle, sei es in Amsterdam und London, in Städten, die ich auch aus eigener Anschauung kenne. Und von den Orten, an denen ich noch nie war, wie dem Silicon Valley, kriege ich auch eine recht gute Vorstellung. Es bedarf eines wahren Könners, diesen ganz wunderbaren Lesefluss hinzukriegen, inklusive solch witziger Stellen wie „Im Folgenden habe ich im Interesse der Lesbarkeit alle weiteren ‚Ähms‘ weggelassen.“ Kein Zweifel, Andreas Eschbach ist ein begnadeter Erzähler.

Überhaupt, der smarte Witz: „Es war 9 Uhr 30, als ich das legendäre St. Mary’s Hospital erreichte. in dem unter andrem William, Prince of Wales und designierter Thronfolger, geboren ist, Charles R.A. Wright 1874 das Heroin erfunden und Sir Alexander Fleming 1926 das Penicillin entdeckt hat.“ Ein Ort wahrhaft bunten Geschehens! Und dann diese sehr schöne Beitrag zur Debatte über nature or nurture: „Dr. Prasad war, das wusste ich, in England geboren und aufgewachsen, trotzdem machte er diese typische indische Wackelbewegung mit dem Kopf, die mal ein Nein, mal ein Schulterzucken bedeuten kann, je nach Kontext.“

Was diesen Thriller neben der Spannung aussergewöhnlich macht ist die Breite und Differenziertheit der Überlegungen, die sich der Protagonist über die Idee eines Uploads des Bewusstseins macht. Wie Bewusstsein entsteht wissen wir nämlich nicht. Zudem: „Das Gehirn versucht zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert – sehr die Frage, ob es prinzipiell überhaupt geht, dass ein System sich selber vollständig verstehen kann.“ Nichtsdestotrotz: Die Promoter eines Uploads des Bewusstseins behaupten, man müsse dieses gar nicht verstehen, um es zu uploaden. Die potenziellen Investoren sind begeistert, doch dann taucht ein mysteriöser französischer Schriftsteller auf, der eine Story verfasst hat, die sie offenbar fürchten. Bei der Verfolgungsjagd in der Normandie ist auch Henry James Windover mit dabei, der herrlich trocken konstatiert: „Befremdlicher Gedanke, dass mich ausgerechnet die Jagd nach der Unsterblichkeit in Lebensgefahr gebracht hat.“

Fazit: Packend und unterhaltend, clever und aufklärend – ein grossartiger Pageturner!

PS: Einsteins Schreibtisch im Patentamt stand in Bern, nicht in Zürich.

Andreas Eschbach
Die Abschaffung des Todes
Thriller
Lübbe, Köln 2024

111 Actionszenen der Weltliteratur

Wir leben in Zeiten der Anpreisungen, glauben den Verkäufern und den Damen vom Marketing. Diesen Zeiten des schönen Scheins ist auch der Titel 111 Actionszenen der Weltliteratur geschuldet, denn mit Actionszenen hat dieses Werk wenig bis gar nichts zu tun, dafür mit ganz viel sehr amüsantem Klatsch, diesem unverzichtbaren Kitt menschlicher Beziehungen. Wobei: Im Vorwort wird geklärt, dass mit Actionszenen nicht etwa actionreiche Stellen in Werken der Weltliteratur gemeint sind, „sondern eigentümliche, kuriose, unerhörte Episoden im Leben ihrer Schöpfer.“ Das wiederum trifft es gut.

Das vorliegende Buch basiert auf einer Reihe, die seit 2019 in der Zeitungsbeilage Die Literarische Welt erscheint. Herausgegeben wurde die vorliegende Sammlung von Mara Delius und Marc Reichwein; die 11 Illustrationen stammen von Paul Fretter. Es ist eine ungemein erhellende Lektüre, denn in diesen Geschichten zeigt sich der Charakter des Menschen aufs Trefflichste.

111 Actionszenen der Weltliteratur wurde „als Lesebuch zum Entdecken konzipiert.“ Und was es da alles zum Entdecken gibt! Clarice Lispector, elegant gekleidet, in High Heels und mit Sonnenbrille in der ersten Reihe eines Demonstrationszugs in Rio de Janeiro; John Dos Passos und Ernest Hemingway als Krankenwagenfahrer in Italien; James Joyce, der in Triest „fast jede Nacht volltrunken durch die Pubs und zu den Prostituierten Taumelte.“ Und und und … Kurz und gut: Eine überaus vielfältige Fundgrube!

Zu meinen Favoriten gehört „Als Anna Seghers am FKK-Strand beschimpft wurde“. Von Johannes R. Becher, dem späteren Kulturminister der DDR. Die Rache von Frau Seghers fiel so wunderbar angemessen aus, dass man sie nicht so leicht vergisst. Es gibt übrigens ganz viele Geschichten, verfasst von unterschiedlichen Autoren, die das Potential haben, einem in Erinnerung zu bleiben.

Aus dem Vorwort: „Dass leibhaftige Personen hinter der Weltliteratur stecken, dass Klassiker zu allen Zeiten Menschen aus Fleisch und Blut waren, deren Erlebnisse, Abenteuer und Idiosynkrasien uns oft so viel über ihr literarisches Schaffen erzählen wie die Werke selbst, das erfährt nur, wer jenseits der Schullektüre weiterliest.“ Mit Verlaub: Die hier vorliegenden Anekdoten, Geschichten und Ereignisse erzählen uns fast gar nichts über das literarische Schaffen dieser Personen, sondern sehr viel über sie als Menschen. Und als solche waren sie zumeist weit weniger eindrucksvoll als ihre Werke. Und genau darin besteht der Gewinn dieser Lektüre: Das Menschliche dieser Personen vorgeführt zu bekommen und damit gezeigt zu kriegen, dass kreative Menschen zwar oft Kreatives schaffen, doch deswegen noch lange nicht mir menschlicher Grösse ausgestattet sind.

Das Panorama, das hier ausgebreitet wird, ist ausgesprochen bunt. Von Karin Strucks legendärem Fernsehauftritt lesen wir, von Dostojewskis inszenierter Erschiessung, von Dickens Geliebter und Flauberts kurzlebiger Kriegsbegeisterung. Und vielfältig lehrreich ist dieses Buch dazu. So stösst man etwa im Beitrag „Als Huxley das schönste Gemälde der Welt rettete“ auf die beiläufige Bemerkung „von der Nonchalance, mit der Briten er wie die grössten Fragen der Kunstgeschichte in einen heiteren Plauderton zu fassen kriegen.“ Wunderbar und so überaus treffend.

111 Actionszenen der Weltliteratur ist ein sehr unterhaltsames Werk, das mich immer mal wieder laut herauslachen lässt. Etwa die Verbannung des Dramatikers Kotzebue nach Sibirien, worüber dieser einen Bericht verfasste, der von Goethe runtergemacht wurde. Joseph Wälzholz kommentiert: „Das ist klar. Wenn Goethe nach Sibirien verbannt worden wäre, hätte er mit seiner Anschauungsobsession natürlich im Vorbeifahren sämtliche Baumrinden bestimmt, eine im Farbenspektrum noch unbekannte Farbe entdeckt und 300 Kutschen voller Mineralien gesammelt und mit nach Hause genommen.“

„Unser Ideal ist eine seriöse, aber unterhaltsame Literaturgeschichte, deren beste Szenen, einmal gehört oder gelesen, von ganz allein im Gedächtnis und vielleichte auch Herzen haften bleiben“, schreiben Mara Delius und Marc Reichwein. Das ist ihnen glänzend gelungen! Die Autoren und Autorinnen sind am Schluss aufgeführt, ebenso ein ausführliches Namensverzeichnis, in dem zu blättern, Literaturinteressierten gewiss das Herz höher schlagen wird.

111 Actionszenen der Weltliteratur
Herausgegeben von Mara Delius und Marc Reichwein
Die Andere Bibliothek, Berlin 2024

Leonardo Padura: Anständige Leute

Wer in Havanna überleben will, muss flexibel sein. Dem ehemaligen Polizisten Mario Conde, mit den Beatles aufgewachsen und mittlerweile über sechzig, handelt mit Büchern, gebrauchten Kleidern, kaputten Elektrogeräten und anderem mehr, als ihm im angesagtesten Lokal der Stadt ein Überwachungsjob, in dem er die Gäste unter die Lupe nehmen soll, angeboten wird. Obwohl Null Bock darauf, gegenüber den Verlockungen (zehn Dollar pro Abend plus ein komplettes Menü), die damit einher gehen, ist er machtlos.

Dann springt der Autor zum Jahrhundertbeginn (dem 19ten, nicht dem 20sten) zurück, als Havanna mit „Das Nizza Amerikas“ angepriesen wurde. Wie Leonardo Padura das typisch Kubanische schildert, ist überaus gelungen. So schildert er das Land als eines, „das sich Erleichterung verschafft, indem es alles Enttäuschende vergisst“ und den Nationalhelden José Martí als jungen Mann von schlichtem und romantischem Gemüt, „der noch an die republikanischen Ideale, Gerechtigkeit und andere utopische Vorstellungen glaubte.“

Anständige Leute ist sowohl Krimi als auch eine aufschlussreiche Lektion in Geschichte – so erwartete man am 11. April 1910, dass der Halleysche Komet auf die Erde treffen würde (die Reaktionen auf den bevorstehenden Weltuntergang illustrieren überaus treffend, wo die Prioritäten der Menschen liegen – die Gier kommt definitiv vor der Moral). Doch vor allem schildert dieser Roman die kubanische Mentalität, die sich … doch lesen Sie selber, es lohnt!

Zu dieser Zeit gab es auch einen bestialischen Mord im Rotlichtmilieu, an dem sich eine Fehde zwischen zwei Gangsterbossen entzündet. Die Hierarchien von damals und die von heute – die zeigt dieser Roman sehr schön – sind sich ausgesprochen ähnlich. Leute mit Geld ebenso.

Es gehört zur Magie der Wörter, dass sie Bilder und Gerüche in unserem Kopf entstehen lassen, und so bin ich oft in Havanna, wenn ich vom Prado, dem Malecón und dem Hotel Inglaterra lese, denn mir war die Stadt einmal recht gut bekannt, da ich dort geheiratet habe. Und natürlich geht mir auch immer mal wieder meine Ex durch den Kopf, die alles zumeist normal fand, während mir selber alles sehr, sehr eigenartig vorkam, wozu auch die kubanische Vorliebe fürs fettreiche Essen gehört.

Stolz, Rassismus, Nationalismus, Korruption und alles andere, das dem Menschen nicht gerade zu einer erfreulichen Spezies macht, kommen zu Sprache. Anständige Leute liest sich gut und ist vielfältig aufklärend. Das Zitat aus der Süddeutschen „Wer Kuba verstehen will, muss Leonardo Padura lesen“, ist trotzdem falsch, denn eine Vorstellung von einem Land zu haben, ist etwas ganz anderes, als dieses zu erleben. Nichtsdestotrotz lernt man in diesem Buch einiges über Kuba bzw. die Kubaner, die so schlau und mitfühlend, so witzig und niederträchtig sind wie andere auch, vielleicht jedoch nationalistischer.

Der Besuch Obamas sowie das Konzert der Rolling Stones stehen bevor, als ein gefürchteter und gehasster Kunst-Zensor, der eine stalinistische Kulturpolitik betrieb, brutal ermordet wird. Wie diese Kulturpolitik funktionierte, schildert Leonardo Padura höchst eindrücklich. Für mich gehören diese Ausführungen, bei denen man die Angst fast mit Händen greifen kann, zu den stärksten Stellen dieses gut geschriebenen Romans.

Was Havanna als Stadt einzigartig macht, ist die Avenida del Malecón, deren Ufermauer „man zugute halten konnte, die längste öffentliche Bank der Welt zu sein.“ Wunderbar! Wobei: Havanna ist nicht Kuba. Leonardo Padura macht das unter anderem an seinem Protagonisten Mario Conde deutlich, der vom Land in die Stadt gekommen war. „Vieles von dem, was mir hier noch vor Kurzem übertrieben, aussergewöhnlich, anormal, ja unmoralisch erschienen war, kam mir inzwischen geradezu alltäglich vor.“

So sehr dies ein sehr kubanischer Roman ist, vieles wenn nicht das meiste, trifft auch auf andere Weltgegenden zu. „Wie die Konservativen überhaupt die Partei sein wollten, welche die befleckte Ehre Kubas wiederherstellen, auf die Einhaltung der guten Sitten achten und zugleich den Glauben an den Fortschritt fördern würde. Viele Leute nahmen ihnen die Geschichte ab. Oder auch nicht, aber das hat nie eine grössere Rolle gespielt auf unserer von der Tropensonne gepeinigten Insel, wo der Zynismus – und nicht das aufrichtige Bekenntnis zu den eigenen Anschauungen – eine weit verbreitete Lebenshaltung darstellt.“

Conde wundert sich, woher die Leute so viel Geld haben. Und er führt am Beispiel seines ehemaligen Schulkameraden Miki, der Schriftsteller geworden aus, aus, was zum Erfolg nötig ist. Die Formbarkeit bzw. die Fähigkeit sich anzupassen.

Anständige Leute ist auch ein Roman, der sich mit Grundsätzlichem auseinandersetzt. Und es ist nicht zuletzt dies, was ihn wesentlich auszeichnet. „Wer interessiert sich heutzutage noch für so etwas wie Anstand?, fragte sich Conde. Wer legte in diesen Zeit noch Wert darauf, ein anständiger Mensch zu sein?“ Auch Lao Tse zitiert er. „Fühlst du dich traurig und bedrückt, lebst du in der Vergangenheit; bist du voller Begierde, lebst du in der Zukunft; Erfüllt dich Frieden, lebst du in der Gegenwart.“

Fazit: Gut geschrieben, aufschlussreich und oft sehr witzig.

Leonardo Padura
Anständige Leute
Roman
Unionsverlag, Zürich 2024

Matt Haig: Für immer, euer Prince

Was für eine glänzende Idee, ein Buch aus der Perspektive eines Hundes zu schreiben. Dass der Labrador Prince wie auch die Katze Lapsang sich so wie Menschen unterhalten, ist zwar wenig wahrscheinlich (doch was wissen wir schon!), doch in einem Roman drängt sich das auf. Und vor allem: Den Perspektivenwechsel, den Autor Matt Haig hier vornimmt, indem er für Prince und Lapsang spricht, ist nicht nur witzig, sondern auch erhellend.

Die Ladradore haben einen Pakt geschlossen, gemäss dem es ihre Pflicht ist, für die Menschen da zu sein, denn: „Wenn wir die Menschen aufgeben, geben wir uns selbst auf.“ Jede Aufgabe beginnt mit der Beobachtung. „Eines der ersten Dinge, die ein Labrador über seine menschliche Familie lernt, ist die Tatsache, wie sehr sie von Wiederholungen abhängt.“ Das ist weit eingängiger als die Feststellung, der Mensch sein ein Gewohnheitstier, auch wenn es dasselbe meint.

Bei Prince‘ Familie, den Hunters, geraten die Dinge aus dem Lot. Bei den Eltern Eltern, Kate und Adam, stehen die Dinge nicht wie sie sollten. Und dann sind da noch die pubertierenden Teenager Hal und Charlotte. Als Adam die um einiges jüngere Emily kennenlernt, gibt er vor, sich für Dinge zu interessieren, die ihn noch nie neugierig gemacht haben. Von der Aromatherapie zur Numerologie.

Prince sieht das alles mit sehr unguten Gefühlen, wobei sehen der falsche Ausdruck ist, denn der Hunde Spezialität ist das Riechen. So äussert sich Prince zu den Menschen. „Sie verlassen sich zu sehr darauf, die Dinge zu sehen – sei es in den Sternen oder in ihren Handlinien. Aus diesem Grund müssen wir uns um sie kümmern und sie vor künftigem Schaden bewahren.“

Dann stellt sich heraus, dass Simon, Emilys Mann, Adam und Kate von früher kennt. Simon ist als Unternehmensberater rund um die Welt im Einsatz. So beschreibt er seine Tätigkeit: „Ich rattere herunter, was sie hören wollen, und gebe ihnen einen Rahmen an die Hand, in dessen Grenzen sie genau das tun können, was sie immer schon getan haben, nur dass sie es jetzt anders benennen. Imaginationsdenken. Grenzenloses Denken. Vierdimensionales Gedächtnistraining. Das geht ihnen runter wie Öl.“

Für immer, euer Prince ist eine gut geschriebene, originelle Geschichte, die einen immer wieder überrascht. Nicht zuletzt der gelungenen Wortwahl wegen. „Wenn es den Anschein macht, dass die Situation aus der Pfote läuft …“. Und auch wegen Sätzen, bei denen man verweilen sollte. „Humor ist für die Menschen ein Verteidigungsmechanismus und weist in der Regel darauf hin, dass sie etwas zu verbergen haben.“

Für immer, euer Prince lässt einen nicht nur an Prince‘ innerem Monolog teilnehmen, sondern auch an seinen Dialogen mit anderen Hunden und mit Lapsang, die der Meinung ist, Prince solle sich zurücknehmen, er mische sich viel zu sehr ein. Doch dieser wehrt sich. „Hör mal, Lapsang, das verstehst du nicht.“ Worauf die Katze erwidert: „Deine Spezies tut mir echt leid, wirklich.“ Damit schloss sie die Augen und schlief wieder ein.

Für immer, euer Prince ist ein sehr gelungener Roman, der mich oft schmunzeln („Während Hunde lernen können, ihre Instinkte zu unterdrücken, gibt es für Menschen diesbezüglich keine Hoffnung.“) und mich immer mal wieder wundern liess, wie eigenartig wir Menschen unterwegs sind. „Bei einer Spezies, die sich so unwiderruflich von der Natur entfernt hat, sagte ich mir, war es unvermeidlich, dass sie sich ihre eigenen Herausforderungen suchte. Von all diesen Herausforderungen kam mir jedoch keine merkwürdiger vor als der Wunsch, sich an einem Seil über einen Abgrund zu hängen.“

Der Mensch, der glaube, er sei Herr in seinem Haus, unterliege einem grandiosen Irrtum, meinte bekanntlich Sigmund Freud. Anstelle des Unbewussten führt Matt Haig den Labrador Prince als Kontrollinstanz ein. „Wir müssen unsere menschlichen Herrchen beeinflussen und sie gleichzeitig glauben lassen, dass die Komplexität ihrer Welt über unser Verständnis hinausgeht.“ Mundus vult decipi, nannten das die alten Römer, die Welt will betrogen werden.

Fazit: Smart, unterhaltsam und abwechslungsreich.

Matt Haig
Für immer, euer Prince
Roman
Droemer, München 2024

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