Louise Jacobs: Louise sucht das Weite

Louise Jacobs, geboren 1982 in Zürich, kommt mit der Schweizer Perfektion nicht zurecht, zieht mit achtzehn nach Berlin, fühlt sich befreit. „In Berlin war ich am richtigen Platz.“

Vierzehn Berliner Jahre später fühlt sie sich leer, unendlich leer. Und denkt an das Land ihrer Sehnsucht, den Wilden Westen. In ein Leben als Aussenseiter im Wilden Westen hat sie sich während ihrer Kindheit hinein geträumt. Ich kenne das. Bei mir war es nicht der Marlboro-Mann, bei mir waren es die Indianer.

Und dann, während eines Aufenthalts in Arizona, packt sie die Countrymusik. „Ich fand mein Schicksal in den Songs wieder.“
Zurück in Berlin schreibt sie weiter an ihrem Künstlerroman, taucht mit grosser Genugtuung in das Leben und Schaffen von Goya, Klimt, Velázquez, Delacroix und de Kooning ein. Doch sie fühlt sich gehetzt, getrieben von der Angst, dieses Buch, ihr zweites, niemals zu Ende zu bringen.

Doch sie bringt es zu Ende, es wird gedruckt, doch zwei Wochen vor Erscheinen wird das Verlagshaus verkauft und der Vertrieb des gesamten Verlagsprogramms eingestellt. Was sollte sie jetzt tun, sie, die sich in Berlin, als Deutsche unter Deutschen nicht heimisch fühlte? Sie stösst auf Berichte und Auswandererführer, auf Briefe und Geschichten aus der Neuen Welt und diese führen sie wieder zu ihrer Cowboy-Sehnsucht zurück.

Sie macht sich auf nach Montana, erfährt dort die Naturgewalten. „Masslose Wolken mit schwarzen Unterleibern jagten in zwei übereinanderliegenden Schichten nach Osten. Zwischendurch zerriss der Wind die dichte Decke und legte ein Stück blauen Himmel frei, dann schloss sich die Lücke wieder, und Regentropfen zerplatzten auf der Frontscheibe des Wagens, in dem ich sass.“

Sie erlebt sich neu, staunt, ist fasziniert, fühlt sich frei und bei sich. „Ich schaute zum Fenster hinaus und fühlte mich still und klar – ein Gefühl, das manche nur in der Meditation erfahren können. Mir reichte Montana.“

Sie trifft auf Patrick, sie machen viel zusammen, er macht ihr einen Heiratsantrag, besucht sie in Berlin. „Irgendwann  erzählte er mir, dass er eine Borderline-Diagnose hatte. Er nehme keine Medikamente mehr, sagte er, die hätten ihn nur fett gemacht. Doch immer öfter fing er aus heiterem Himmel an, mit mir die Auseinandersetzung zu suchen.“
Sein Verhalten wird zunehmend aggressiver, seine Stimmungsschwankungen heftiger, seine Eifersuchtsanfälle und Wahnvorstellungen häufen sich. „Ich war hilflos, ich konnte mich nicht gegen ihn wehren.“ Nach neun Monaten Beziehung trennen sie sich. „Es war ein Ende mit Schrecken. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass meine Naivität und Abenteuerlust ein für mich bedrohliches Ausmass angenommen hatten.“

Keine Vorwürfe an Patrick, keine Schuldzuweisungen; Louise Jacobs sucht den Fehler für das Scheitern ihres Montana-Traums bei sich und genau dies ist es, was Louise sucht das Weite zu einem starken Buch macht. Ihr wird klar, dass sie, um ihren Traum leben zu können, sich selbst ändern muss.
Sie lässt Berlin hinter sich, in Vermont verliebt sie sich, heiratet und lernt an der Cornell University das Hufschmiedehandwerk, die Voraussetzung für ein Leben als Cowboy.

Louise Jacobs hat sich von ihrem Traum nicht abbringen lassen und die Vorstellung vom Cowboy-Leben durch das Cowboy-Leben selbst ersetzt.
Louise sucht das Weite  macht Mut aufs Leben!

Louise Jacobs
Louise sucht das Weite
Wie ich loszog, Cowboy zu werden und zu mir selbst fand
Knaur Verlag, München 2016

Rebecca Solnit: Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens

Die 1961 in den USA geborene Rebecca Solnit ist mir vor allem als geistreiche Essayistin ein Begriff. Auf dem Umschlag von Wanderlust wird sie als Kulturtheoretikerin bezeichnet. Vermutlich ist sie beides und noch einiges mehr. Die Erstveröffentlichung erschien vor zwanzig Jahren.

Den Rundweg auf einer Landzunge bei San Francisco, den sie „vor einem Jahrzehnt zu wandern begann, um meine Existenzängste in einem schwierigen Jahr hinter mir zu lassen“, kenne ich zwar nicht, doch die Gegend ist mir bekannt und das Wandern als Methode der Angstbewältigung ebenso. Auch ihre Grunderfahrung beim Gehen ist mir vertraut. „Gelegentlich konzentriere ich mich auf den Akt des Gehens, doch meist bleibt es ein unbewusstes Tun, bei dem sich meine Füsse mittels ihrer eigenen Kenntnisse über Geschwindigkeit, das Halten des Gleichgewichts und das Umgehen von Steinen und Spalten fortbewegten. Das verschaffte mir die Freiheit, die Hügellandschaft in der Ferne und den Überfluss an Blumen um mich herum zu betrachten …“.

Beim Gehen gehe es darum, sich draussen aufzuhalten, im öffentlichen Raum. Und dieser ist ihr denn auch Anlass über Atomkraft, Malls, die Landschaft wie auch die Effizienzrhetorik nachzudenken. Von letzterer schreibt sie, dass sie suggeriere, dass nicht wert geschätzt werden könne, was nicht quantifizierbar sei. Ein sehr amerikanischer Gedanke, finde ich.

Zu den Philosophen, die das Wandern schätzten, gehörte auch Thomas Hobbes, der sogar einen Wanderstock mit einem integrierten Tintenfass besass, damit er unterwegs Ideen niederschreiben konnte, und der junge Nietzsche erklärte: „Drei Dinge sind meine Erholungen, aber seltne Erholungen: mein Schopenhauer, Schumann’sche Musik, endlich einsame Spaziergänge.“ Bei Rousseau und Kierkegaard macht Solnit grosse Ähnlichkeiten aus: „die gesellschaftliche Isolation“.

Die meisten der englischen Autoren, die sich übers Wandern ausliessen, seien privilegiert gewesen und „schreiben, als hätte jedermann in Oxford oder Cambridge studiert, und sogar Thoreau war in Harvard“, notiert sie. Nun ja, sich die Zeit zum Wandern zu nehmen und anschliessend davon zu berichten, fällt einem körperlich arbeitendem Menschen möglicherweise weniger ein. Auch die Art gelehrten Schreibens, das Wanderlust kennzeichnet, ist wohl eher Privilegierten zugänglich.

Besonders angesprochen haben mich die Ausführungen übers Pilgern, das für viele mit etwas Beschwerlichen verbunden scheint, das es zu erleiden gilt (travel – travail). Mir stehen diese Ausführungen von Allan G. Grapard, den Solnit zitiert, näher: „Je weiter sich Pilger von ihrer gewohnten Welt entfernen, desto näher kommen sie dem Reich des Göttlichen. Wir sollten erwähnen, dass im Japanischen das Wort für ‚gehen‘ zugleich benutzt wird, um die buddhistische Praxis zu bezeichnen; der Praktizierende ist somit zugleich der Gehende, der nirgendwo wohnt, der in Leere verweilt. All dies hängt natürlich mit der Idee des Buddhismus als Weg zusammen: Praktizieren ist ein konkreter Zugang zur Erleuchtung.

Mit „Tausend Meilen konventionelles Empfinden“ ist mein Lieblingskapitel überschrieben, worin ausgeführt wird, dass das Wandern für ‚Das Reine‘, ‚Das Einfache‘ und ‚Das Ferne‘ stehe. Apropos ‚Das Einfache‘: Als bei einem Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow die Verhandlungen ins Stocken kamen, soll Reagan (so die Legende) Gorbatschow zu einem Spaziergang am Genfersee eingeladen haben, bei dem der Engpass erfolgreich überwunden worden sei. So einfach kann das Leben sein, wenn zwei vernünftige Männer zusammen spazieren gehen …  Nein, das sollen wir nicht glauben, meint Solnit. Nur schon, dass die beiden über keine gemeinsame Sprache verfügt haben, ist ein Detail, das solcher Legendenbildung im Wege steht.

Ich erlebe Solnits Texte als Augenöffner; oft drücken sie aus, was ich selber einmal wahrgenommen, doch nur noch unbewusst in mir trage. So notiert sie übers Stadtwandern in San Francisco: „Wie ein Bücherregal japanische Dichtung, mexikanische Geschichte und russische Romane miteinander in Berührung bringt, enthielten die Gebäude meiner Stadt Zen-Zentren, Kirchen der Pfingstgemeinde, Tätowiersalons, Lebensmittelgeschäfte, Burritoläden, Filmpaläste und Dim-Sum-Restaurants.“ Und in Paris fällt ihr unter anderem auf, dass die Cafés nicht nur der Strasse zugewandt sind, sondern gleichsam in sie übergehen, „als wäre das Theater der Passanten selbst für die Dauer eines Getränks viel zu interessant, um ihm den Rücken zu kehren.

Wanderlust ist ein enorm vielseitiges und wesentlich philosophisches Buch, das nicht am Stück gelesen werden muss, sondern das man immer wieder zur Hand nehmen, irgendwo aufschlagen kann und Perlen finden wird. „Die Geschichte des Gehens ist, in der Stadt wie auf dem Land, eine Geschichte der Freiheit und der Definition von Vergnügen.“ Weshalb denn auch das Bergsteigen und „Las Vegas, oder die längste Strecke zwischen zwei Punkten“ darin ihren Platz finden. Genauso wie der Versuch, „den Rekord für die langsamste Überquerung eines Bergrückens auf der Insel Skye“ aufzustellen sowie die Auffassung des New Yorker Tanzkritikers Edwin Denby, der über junge Römer schrieb: „Ihr Spaziergang ist eine Form der Kommunikation, als wäre er ein Gespräch mit dem Körper.“

Fazit: Informativer, vielfältiger und anregender geht kaum.

Rebecca Solnit
Wanderlust
Eine Geschichte des Gehens
Matthes & Seitz Berlin, 2019

Charles Bukowski: Schreie vom Balkon – Briefe 1958-1994

Mein erstes Bukowski-Buch, „Aufzeichnungen eines Aussenseiters“, habe ich vor vielen Jahren während wenig inspirierenden juristischen Vorlesungen gelesen – ich war begeistert, habe aber keinen Schimmer mehr, was ich damals gelesen habe. Dafür habe ich noch Bilder im Kopf von „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“, der Geschichte von Bukowskis Aufwachsen in Los Angeles.

„Schreie von Balkon“ versammelt Briefe, die Bukowski von 1958 bis 1994 geschrieben hat, und ist in der Tat, wie „Der Spiegel“ meint, „ein faszinierender Briefroman“. Zum ersten Mal laut auflachen musste ich auf Seite 5: „Ich weiss nicht, es gibt verdammt viel Enttäuschung und Trickserei in dieser Lyrik-Branche; die Bildung von Gruppen, der seelenvolle Händedruck, ich druck was von dir wenn du was von mir druckst, und hätten Sie nicht Lust vor einer kleinen erlesenen Schar von Homos zu lesen? Ich nehme eine Zeitschrift für Lyrik in die Hand, blättere die Seiten um, zähle die Sterne und Monde und Kümmernisse, gähne, pisse mein Bier aus und nehme mir die Stellenangebote vor.“ Und schon sind die Gefühle, die ich bei meiner Bukowski-Lektüre vor vielen Jahren verspürte, wieder da. Das schnörkellose Beschreiben von dem, was ist. Dieser gerade, klare, unprätentiöse Stil begeistert mich nach wie vor.

Bukowski schreibt wahre Sätze. Solche wie diese hier: „Gedichte schreiben ist nicht schwer. Danach leben, das ist schwer.“ Oder diese: „Kapieren die nicht, dass es schlicht und ergreifend angenehm sein kann, in einem Zimmer zu sitzen und Bier zu trinken und nicht viel zu sagen; die Welt draussen spüren, dasitzen und ausruhen.“ Oder diese: „Bin heute schwer verkatert, aber ich sehe kein zertrümmertes Mobiliar und habe keine aufgeschürften Fingernägel, also hat es keine Schlägerei gegeben. Gut.“

Bei Hemingway, schreibt er, sei es immer um Sieg oder Niederlage gegangen. Bei Camus habe das hingegen keine Rolle gespielt. Camus‘ Fremder „hatte den Mut, sich mit allem abzufinden, statt dagegen aufzubegehren.“ Und er fügt hinzu: „Ich könnte dieser Typ von Camus nicht sein; ich könnte nicht alles hinnehmen, um es abzutun, zu ignorieren oder in Trockenfäule zu machen. Irgendwo zwischen Hem und Camus stehe bzw. sitze ich heute morgen, verkatert, bleich, weiss, alt. Morgen gehts vielleicht wieder besser.“

Alle Empfindungen, Gedanken und Gefühle hat man nur in einem bestimmten Moment. Dann sind sie wieder weg. Stunden später sieht man alles womöglich wieder ganz anders. Bei einem Brief ist das klar, bei einem Briefroman wie dem vorliegenden auch, bei einem Roman hingegen nicht. Deshalb lese ich diese Briefe als was sie sind: Bestandesaufnahmen von Momenten. Näher an die Realität kann man mit Schreiben vermutlich gar nicht herankommen.

„Schreie vom Balkon“ sind eine erfrischende Lektüre. Weil Bukowski anders denkt als die meisten. Weil er eben auch anders lebt als die meisten: „Wenn ein Englischlehrer schreiben kann, gut, mir recht. Man muss nicht in fünfzig Ausnüchterungszellen landen, um zum Leben erweckt oder aus ihm hinausgedroschen werden. Aber an denen ihrem Leben ist mir etwas zu risikolos und glatt.“ Und weil er zu anderen Urteilen kommt als die meisten: „Mir kam der Gedanke, dass Henry Miller der Allwissende keine Ahnung von Sex hatte und nur darüber reden konnte, was ja das typische Verhalten von Nichtfickern ist.“

Am 7. Dezember 1963 schreibt er über John F. Kennedy, der am 22. November 1963 in Dallas. Texas erschossen wurde: „Du fragst, was ich von Kennedy halte. Gar nichts halte ich von K. Da unten, wo ich arbeite, haben sie unter seinem Foto ein schwarzes Schild: MÄRTYRER. Meint ihr wirklich? Harvard? Eine edle Tusse fürs Bett, die sich eine Wespentaille hinhungert. Die ihr das Baby im Leib killt? Meint ihr, ein Mensch muss als Märtyrer betrachtet werden, weil er den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist? Ist es wirklich die Hölle, schon bei der Geburt mehr Geld auf der Bank zu haben, als man je ausgeben kann? Ist es die Hölle, nie darüber nachdenken zu müssen, woher das Geld für die Miete kommt? Ist es die Hölle, wenn dir jemand eine Kugel in den Kopf schiesst, statt dass du’s selber tun musst? Wo kommt die Hölle überhaupt ins Spiel, und wie definiert man das? Leiden nur die da oben?“

„Schreie vom Balkon“ ist ein Buch, das einen die Welt für einmal anders, ganz anders, sehen lässt.

Charles Bukowski
Schreie vom Balkon – Briefe 1958-1994
Hrsg. von Seamus Cooney, Deutsch von Carl Weissner
Gingko Press, Hamburg 2012

Jerold J. Kreisman / Hal Straus: Ich hasse dich – verlass mich nicht

Jerold J. Kreismans und Hal Straus‘ „Ich hasse dich – verlass mich nicht: Die schwarzweisse Welt der Borderline Persönlichkeit“  liegt jetzt in einer komplett aktualisierten und erweiterten Neuausgabe vor.

Im Vorwort lese ich, dass es sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung noch immer um eine Krankheit handelt, die die Allgemeinheit verwirrt und viele Fachleute in Schrecken versetzt. Kein Wunder, denn: „In gewisser Weise kämpfen wir alle mit demselben Problemen wie die Borderline-Persönlichkeit – die Bedrohung durch Trennung, die Angst vor Zurückweisung, die Verwirrung der Identität, Gefühle von Leere und Langeweile.“ Stimmt, doch was macht denn jetzt die Borderline-Persönlichkeit aus? Das Ausmass, die Intensität. „Der Unterschied besteht jedoch darin, dass nicht alle Menschen so sehr von dem Syndrom kontrolliert werden, dass es ihr Leben stört oder beherrscht.“

Schaut man sich die schematische Darstellung „der Position der Borderline-Persönlichkeit in Bezug auf andere psychische Störungen“ auf Seite 45 an, wird einem schnell klar, dass man auch heute noch von einer einigermassen klaren Definition, worum es sich bei Borderline handeln könnte, weit entfernt ist, denn da gibt es (wie bei allen seelischen Störungen) unzählige Überlappungen mit Sucht, Depression, Aufmerksamkeitsdefiziten, Narzissmus, Panikattacken etc. etc.

Die Borderline-Persönlichkeit erlebt die Welt als schwarzweiss. „Der Betroffene ist emotional gesehen ein Kind und kann menschliche Widersprüche und Mehrdeutigkeit nicht tolerieren.“ In der Borderline-Welt gibt es also keine Abstufungen, keine Grauzone, keine Nuancen und Schattierungen, so die Autoren. Doch kann das wirklich sein? Obwohl als Grundmuster durchaus plausibel, scheint dies bei genauerer Betrachtung etwas arg verkürzt, denn: „Obwohl es der Borderline-Persönlichkeit äusserst schwerfällt, ihr Privatleben zu bewältigen, kann sie im Beruf produktiv sein – besonders dann, wenn die Arbeit gut strukturiert, klar definiert und unterstützend ist.“ Es ist nicht einzusehen, weshalb ein gut strukturiertes, klar definiertes und unterstützendes Privatleben nicht ebenfalls positive Resultate zeigen könnte.

Treffend halten die Autoren fest: „Das grösste Hindernis auf dem Weg zur Veränderung für die Borderline-Persönlichkeit ist die Neigung alles in absoluten Extremen zu bewerten. Die Borderline-Persönlichkeit muss entweder ganz perfekt sein, oder sieht sich als völliger Versager. Sie ist nicht gewillt, mit den Karten zu spielen, die an sie ausgeteilt wurden. Wenn sie nicht sicher ist, dass sie gewinnen kann, spielt sie nicht aus, was sie auf der Hand hat. Die Situation bessert sich, wenn sie lernt, ihre Karten zu akzeptieren, und erkennt, dass sie immer noch gewinnen kann, wenn sie geschickt spielt.“

Was die Borderline-Persönlichkeit letztlich lernen muss, ist Selbstverantwortung. „Darin unterscheidet sich die Borderline-Persönlichkeit in nichts von jeder anderen Behinderung. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, löst Mitgefühl aus, aber dennoch ist er verantwortlich dafür, eine Rollstuhlrampe zu finden, wenn er Ausflüge unternehmen möchte, und seinen Rollstuhl in einem guten Zustand zu halten, sodass er stets einsatzbereit ist.“ Wie sagte doch Leo Tolstoi so treffend: „Wahres Leben wird gelebt, wenn kleine Änderungen eintreten.“ Besonders eindrücklich illustrieren das die verschiedenen Fallgeschichten in diesem informativen Buch.

Jerold J. Kreisman und Hal Straus
Ich hasse dich – verlass mich nicht
Die schwarzweisse Welt der Borderline Persönlichkeit
Kösel Verlag, München 2012.

Johann Hari: Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges

Johann Hari, geboren 1979, ist ein britischer Journalist und lebt in London. 2011, nach einer privaten und beruflichen Krise (er hatte unter anderem Interviews manipuliert, war in Ungnade gefallen), begab er sich auf eine drei Jahre dauernde Reise um die Welt, um die Ausmasse und Langzeitfolgen des Krieges gegen Drogen zu ergründen.

Kann man dem Buch eines Journalisten, der beim Lügen und Bescheissen erwischt worden ist, trauen? Möglicherweise mehr als all denen, die auch gelegentlich lügen und bescheissen, doch nie dabei erwischt worden sind, denn dieser Journalist will seinen guten Ruf zurück.

So macht er etwa transparent, wie er zu seinen Informationen gekommen ist. Das ist rar im Journalismus. Und höchst begrüssenswert. Doch auch der aufrichtigste Journalismus ist nicht vor Irrtümern gefeit. Davon, dass in den 80er und 90er Jahren die Drogensüchtigen der Umgebung wie Vieh in einem abgesperrten Teil des Zürcher Bahnhofs zusammengetrieben worden sind, habe ich jedenfalls bisher noch nie gehört.

Vor hundert Jahren konnte man überall auf der Welt problemlos Drogen kaufen. Viele Hustensäfte in den USA enthielten Opiate, Coca-Cola wurde aus derselben Pflanze wie Schnupfkokain hergestellt und in Grossbritannien boten Warenhäuser für die Damen der feinen Gesellschaft Heroindöschen an.

Wie viele Menschen Alkohol trinken, ohne Alkoholiker zu werden, gab es auch viele, die zu mit Opiaten versetzten Hustensäften griffen, um ihre Nerven zu beruhigen, ohne dass sie süchtig wurden.

Im Jahre 1914 wurden in den USA Drogen verboten. Aus Angst vor den Schwarzen, Mexikanern und Chinesen, von denen man glaubte, dass sie „ihren angestammten Platz in der Gesellschaft vergassen und zur Gefahr für die Weissen wurden.“

Drogen illegal zu machen, bedeutet, eine illegale Drogenindustrie zu ermöglichen. Und die Kontrolle über die Drogen in die Hände gefährlicher Verbrecher zu legen. „Die Drogendealer konnten nun exorbitante Preise verlangen. In der Apotheke hatte das Gramm Morphium zwei, drei Cents gekostet, die Gangster verlangten einen Dollar. Und die Süchtigen zahlten, was immer sie zahlen mussten.“ Das ist heute noch genauso.

Derart eindrücklich wie in Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges, habe ich noch nie gelesen, dass und wie der Krieg gegen Drogen gescheitert ist. Das liegt auch daran, dass Johann Hari ganz viele und ganz unterschiedliche Seiten zum Zug kommen lässt. Von der drogen- und alkoholkranken Billie Holiday zu Arnold Rothstein, einem der ersten Drogenbarone. Vom Strassendealer Chino zu Harry Anslinger, der in den Dreissigerjahren Amerikas oberster Drogenjäger war und das Drogenverbot initiierte.

Auch mit Rosalio Reta, der für eine mexikanische Drogenbande gemordet hatte und heute in einem texanischen Gefängnis sitzt, kam Hari ins Gespräch. Nur schon lesend ist die Brutalität dieser Banden schwer zu ertragen

„Überall in den Vereinigten Staaten und überall in der Welt beobachteten Polizisten ein Phänomen. Verhaftet man viele Vergewaltiger, nimmt die Zahl der Vergewaltigungen ab. Verhaftet man viele gewaltbereite Rassisten, nimmt die Zahl rassistischer Übergriffe ab. Verhaftet man aber viele Drogendealer, laufen die Drogengeschäfte keineswegs schlechter.“

Anders gesagt: Die Kriminalisierung der Drogen bringt diese nicht zum Verschwinden, sondern schafft mehr Kriminalität, mehr Kriminelle und mehr Opfer. Opfer meint nicht nur Drogensüchtige, es meint auch Menschen, die zufällig in einen Krieg zwischen Drogenbanden geraten, es meint auch die vielen 15, 17 oder 20 Jährigen, die einmal wegen eines Drogenvergehens verhaftet worden sind und deswegen jetzt keine Stelle mehr finden.

Wer glaubt, süchtiges Verhalten liesse sich mit Gewalt bezwingen, sollte unbedingt lesen, was Johann Hari über ‚Tent City‘, eine weibliche Sträflingskolonie für Drogensüchtige, in Arizona zusammengetragen hat. Und sich auch einmal dies vor Augen halten: „Vom liberalen Staat New York bis zum liberalen Staat Kalifornien gehört das Verhaften und Foltern von Drogengefangenen zur Routine.“

In Mexiko, jedenfalls in Ciudad Juárez, kontrollieren die Kartelle den Staat. Einen anderen Schluss lässt das Schicksal der Krankenschwester Marisela Escobedo, die den gewaltsamen Tod ihrer Tochter Rubi durch ein Mitglied einer einflussreichen Drogengang nicht einfach so hinnehmen wollte, sondern sich wehrte, nicht zu.

So wie die Prohibition das organisierte Verbrechen ermöglicht hatte, half die Kriminalisierung der Drogen einem Geschäft auf die Beine, das brutaler und einflussreicher nicht sein könnte. Dagegen gibt es nur eine Lösung: „Legalisiert und reguliert den Drogenmarkt.“

Johann Hari ist aber noch auf etwas ganz anderes gestossen. „Clean ist nicht das Gegenteil von Sucht. Das Gegenteil ist, nicht allein zu sein … Ist man allein, kann man der Sucht nicht entkommen. Wird man geliebt, hat man eine Chance.“

Fazit: Erschütternde Geschichten, notwendige Aufklärung, überzeugende Argumentation.

Johann Hari
Drogen
Die Geschichte eines langen Krieges
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015

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