Boris Cyrulnik: Die mit den Wölfen heulen

„In der Kindheit stellen wir die grundsätzlichen Fragen, mit denen wir durchs Leben gehen. Und mit zunehmendem Alter erkennen wir, dass zwei oder drei Worte genügen, um ein Leben zu prägen.“ Das sind die ersten Sätze, die ich mir in diesem Werk angestrichen habe; viele weitere sind im Lauf meiner Lektüre von Die mit den Wölfen heulen dazugekommen.

Neuropsychiater Boris Cyrulnik, 1937 in Bordeaux geboren, weiss, dass wir Selbstvertrauen entwickeln müssen, um im Leben bestehen zu können. Und natürlich weiss er auch, wie mittlerweile jeder und jede, dass die ersten Lebensjahre für unsere Entwicklung, ja für unser Leben, bedeutsam sein werden. Im Gegensatz zu vielen, weiss er dies jedoch eindrücklich zu beschreiben. „Im Alter von sechs Jahren, wenn der zerebrale Reifungsprozess so weit gediehen ist, dass sich die präfrontalen Neuronen (Basis der Antizipation) mit den limbischen Neuronen (Basis des Gedächtnisses) verbinden, erwirbt das Kind eine Vorstellung von der Zeit. Fortan kann es eine Geschichte verstehen und nicht nur eine Aufforderung.“

Eindrücklich beschreibt er wie der einfache Satz „Der Krieg ist vorbei“, die  deutschen Soldaten im südlichen Frankreich, „die schrecklichen Übermenschen in angenehme Zeitgenossen“ verwandelte. Doch wie konnten die Deutschen des Zweiten Weltkriegs überhaupt zu Barbaren werden? „Wir sind alle davon geprägt, was uns das Umfeld erzählt“, so Boris Cyrulnik, der zwischen zwei  hauptsächlichen Weltwahrnehmungen unterscheidet: „Die Emphase, die zur Utopie führt, steht im Gegensatz zum Vergnügen des Ackermanns, der den Reichtum des Banalen entdeckt.“

Wir erschaffen uns unsere Realität mittels unseres Wahrnehmungs- und Empfindungsapparats. Schon früh suchen wir nach Sicherheit, und das meint nach Erklärungen. und das meint wiederum nach denen, die schuld an unserem Unglück sind. „Die Benennung eines Aggressors ruft ein seltsames Wohlbefinden hervor, fördert eine gute Meinung von sich selbst, schafft eine Klarheit, die keiner Bestätigung bedarf.“ Im Gegensatz zur Welt der Ackermänner, die ihr Wissen mühsam der Realität, abgerungen haben, geben sich diese vom Autor als Windfresser bezeichneten Zeitgenossen, mit dem zufrieden, wohin der Wind weht.

„Der  Iran der Ajatollahs, das Russland Putins und die Türkei Erdogans erzählen ein und dieselbe Geschichte: Es war einmal ein Führer, dessen unfehlbare Intelligenz ein von reichen Bösewichten geknechtetes Volk vor dem Chaos gerettet hat. Der Führer sagt, er sei zum Befreier berufen. Er sprach die Sprache des Volkes, verhiess eine strahlende Zukunft …“ und so weiter. Wir kennen das: Plötzlich ist alles ganz klar., kennen wir die Lösung und auch den Weg dorthin. Je mehr daran glauben, desto wahrscheinlicher ist, dass ein Diktator sich durchsetzen kann. Doch wie kommt es, das so viele auf so etwas reinfallen?

Die Macht des Konformismus, meint Boris Cyrulnik. „Wenn man mit den Wölfen heult, fühlt man sich irgendwann selbst als Wolf. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist so beruhigend und euphorisierend, dass man sich berauschen lässt.“ Nur eben: Nicht alle machen dabei mit. George Orwell, zum Beispiel, machte nicht mir. Weil ihn seine Lebensumstände mit  einem besonderen Wahrnehmungsapparat ausgestattet hatten. Konkret: Er lebte in den 1930er Jahren auf der Strasse und schrieb eine wöchentliche Kolumne, in der er das Aufkommen extremer Theorien mit Belanglosigkeiten aus dem Alltag verknüpfte. Dabei irrte er sich, gemäss seinen eigenen Worten, zwar oft, aber eben doch weniger oft als die Militärexperten.

Neben Orwell wird auch auf Viktor Frankl, Hannah Arendt, Martin Heidegger, Stanley Milgram und und und … hingewiesen. Besonders eindrücklich zeigen des Autors eigene Erfahrungen, dass, was der Mensch einmal gelernt hat zu glauben, nur schwer wieder korrigiert werden kann. Dabei plädiert er für die Freude an der Selbstbehauptung, auch wenn man dabei Gefahr läuft, seine Freunde zu verlieren.

Auch warnt er vor einfachen und klaren Weltbildern, die uns zwar Orientierung geben und Sinn vermitteln können, jedoch mehr mit Wunschvorstellungen, denn mit der Wirklichkeit zu tun haben, die er im Denken des Ackermanns begründet sieht, „der über das spricht, was er weiss.“

„Selbstständiges Denken bedeutet Vereinzelung: Der Preis der Freiheit ist ein Unbehagen.“ Kein Wunder, scheuen wir uns vor der Freiheit, denn sie bedeutet die Übernahme von Verantwortung. Sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen, dazu regt dieses Buch an.

Boris Cyrulnik
Die mit den Wölfen heulen
Warum Menschen der totalitären Versuchung so schwer widerstehen können
Droemer, München 2023

Anna-Lisa Dieter: Susan Sontag. 100 Seiten

Ich bin mit Susan Sontag nicht besonders vertraut, habe mich hauptsächlich mit ihren Arbeiten zur Fotografie auseinandergesetzt, eher ablehnend als zustimmend. Darüber hinaus halte ich sie für eine überaus eitle Egomanin. Mit anderen Worten: Ich gehe Anna-Lisa Dieters Text negativ gestimmt an – und bin umso überraschter, dass ich davon so angetan bin.

Ein tolles Buch, denkt es nach den ersten Seiten in mir, Anna-Lisa Dieters Schreiben packt mich ungemein, und das liegt nicht alleine an der Person Susan Sontag, auf die ich fast schon reflexartig mit Ablehnung reagiere. Dieses Mal nicht, dieses Mal ist es anders – ich erkläre es mir, einerseits, mit Anna-Lisa Dieters Erzählen, und andererseits mit mich verblüffenden und überaus hellsichtigen Hinweisen: „Susan Sontag verzichtete beim Schreiben ihrer bekanntesten Texte aufs Ich-Sagen. Ihre berühmten Essays kommen fast ausnahmslos ohne erste Person Singular aus.“

Susan Sontags Ziel war es, berühmt zu werden. Sie ging offenbar sehr systematisch an so ziemlich alles in ihrem Leben heran, mit einem eigentlichen Lebensplan, der sich in zahlreichen Listen äusserte. Eine führte die Bücher auf, die sie sich zur mehrfachen Lektüre verordnet hatte – von Thomas Manns Zauberberg über Walter Benjamins Essays zum Porträt des Künstlers als junger Mann von James Joyce – , eine andere Liste enthielt „Eigenschaften, die mich antörnen“, wieder eine andere ihre eigenen Regeln der Kindererziehung.

Auch ihre Tage gestaltete sie recht rigoros. Ein typischer Tagesablauf war klar strukturiert. Die intensive Tagesgestaltung lasse auf ein Übermass an Energie schliessen, so Anna-Lisa Dieter. Auf mich wirkt sie eher wie eine Getriebene, eine Lebensgierige.

“Sie strahlt eine glamouröse Ernsthaftigkeit aus, die Aufsehen erregen musste“, kommentiert sie das grosse Schwarzweissfoto auf der Rückseite von Sontags Debütroman ‚Der Wohltäter‘. So zutreffend das auch ist, ohne das überaus intensive Marketing, das ihr von ihrem Verlag zuteil wurde, wäre Susan Sontag wohl kaum derart bekannt geworden. Selten war mir deutlicher, dass die literarische Welt genauso funktioniert wie jede andere Welt, die aufs Verkaufen angewiesen ist: auf Marketing und Netzwerken – zwei Domänen, die Susan Sontag aussergewöhnlich gut beherrschte.

Susan Sontag. 100 Seiten ist gleichzeitig Porträt als auch Einführung ins Werk. So sind etwa die Ausführungen der Autorin über „Notes on ‚Camp’“, Sontags Essay, der sich für die Betonung des Stils stark machte, und über „Against Interpretation“, worin Sontag dafür plädierte, „mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen“ nicht nur deswegen erhellend, weil sie differenziert den Inhalt referieren, sondern auch pointiert auf die Widersprüchlichkeit von Sontags Argumentation hinweisen. „Die Starintellektuelle warnt vor zu viel Intellektualität, vor dem Verlust der Sinnlichkeit.“ Dass auch Sontag klar war, dass ohne Interpretation so ziemlich gar nichts geht, erwähnt Anna-Lisa Dieter übrigens auch.

Es ist ausgesprochen selten, dass mich ein Buch zum Umdenken, zum partiellen, motiviert. Susan Sontag. 100 Seiten gehört dazu, weil es mich auf Sontags Kernanliegen (jedenfalls ist es das für mich) aufmerksam gemacht hat: Sich von allen Sinnen leiten zu lassen, nicht ständig unserem Bedürfnis nach Bedeutung nachzugeben.

Auch Sontags Auseinandersetzung mit dem Krebs ist davon geprägt: Schaut hin, nehmt ihn wahr als das, was er ist – eine Krankheit, keine Strafe. Sie hat sich gegen das Sterben gewehrt. Sich zu ergeben, war nicht ihr Ding, ihr war das Kämpfen dagegen vertrauter. „Die Unausweichlichkeit des Todes verlieh der Intensität, mit der sie am Leben festhielt, ihrer Weigerung, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen oder vielleicht sogar auszusöhnen, etwas Tragisches.“

Dass Anna-Lisa Dieters Ausführungen zu Sontags Schriften zur Fotografie kaum Platz einnehmen, wird wohl dem Reihenkonzept des Verlags, Reclam 100 Seiten, geschuldet sind. Das Prophetische, das sie Susan Sontag zuschreibt, teile ich allerdings nicht. So ist eine Aussage wie, die technischen Möglichkeiten zur Fälschung von Reportagefotos seien nahezu grenzenlos, einigermassen banal. Dazu kommt: In Zeiten von Deep Fake und KI kann man gar nicht mehr von Fälschungen sprechen. Und auch der Satz „Eine Erfahrung zu machen, wird schliesslich identisch damit, ein Foto zu machen“, ist meines Erachtens nicht prophetisch, sondern schlicht lebensfremd.

Fazit: Ein einfühlsames, gescheites und überaus anregendes Porträt.

Anna-Lisa Dieter
Susan Sontag. 100 Seiten
Reclam, Ditzingen 2022

Arno Luik: Rauhnächte

Arno Luik, geboren 1955, von Beruf Journalist, seit ein paar Jahren Rentner, ist froh, dass er sich nicht mehr mit eitlen Politikern und machtversessenen Wirtschaftsbossen, also mit Egomanen, auseinandersetzen muss. Dann erhält er die Diagnose Darmkrebs. Wie er damit umgeht, davon handelt dieses zutiefst menschliche und sehr berührende Buch, in dem auch viele dieser Egomanen vorkommen …

Wir alle wissen, dass wir dereinst sterben werden, dass das Leben mit uns macht, was es will – und glauben es doch nicht. Jedenfalls verhalten wir uns nicht unseren Einsichten gemäss, sondern wursteln weiter wie immer schon, gefangen in sogenannten Wichtigkeiten, Opfer von Gewohnheiten. Bis dann eintritt, womit wir nicht gerechnet haben.

Und was dann? Kriegen wir noch eine Chance? Stirbt die Hoffnung wirklich zuletzt? Es braucht einen Schock, damit der Mensch wesentlich wird, sich mit dem auseinandersetzt, was wirklich wichtig sein sollte. Sagt man. Doch ist das auch so? Teilweise. Arno Luik tut es auf beeindruckende, bewegende, ergreifende Art und Weise, etwa bei der Grabrede für seine an ALS gestorbene jüngere Schwester, die er mit den weisen Sätzen zitiert: „Verzeihen heisst, den Schmerz loszulassen. Mich selber verstehen, dass ich so bin wie ich bin.“

Eine Krebsdiagnose macht einen nicht zu einem anderen Menschen, vielmehr zeigt sich sein Charakter deutlicher. Nun steht mir fern, von dem, was jemand veröffentlicht, auf seinen Charakter zu schliessen (so einfach ist es dann doch nicht), doch Hinweise darauf erlaubt dieses Buch durchaus. Zwei Aspekte will ich erwähnen: „Diese Drecksau in meinem Körper soll mein Leben nicht beherrschen“, notiert er, und in mir denkt es: Was für eine Aggression! Kein Wunder war der Mann als Journalist erfolgreich. Dann aber auch dieser wunderbare Humor, als er sich fragt, ob er nach der Chemo eine Perücke brauche? „Einen Afro-Look, Angela-Davis-like, frage ich meine Frau. Das geht in diesen merkwürdigen Zeiten nicht, sagt sie, das würde als kulturelle Aneignung interpretiert.“

Rauhnächte ist wie das richtige Leben, ein Durcheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, voller Widersprüche. Gleichzeitig aber auch das Bemühen um Klärung und Momente gelegentlicher Hellsichtigkeit: Gegen Krebs kann man nicht kämpfen! Und über die Weltfinanzkrise von 2008: „Brandstifter werden normalerweise verhaftet, aber wir erleben nun, dass der Brandstifter zum Feuerwehrkommandanten ernannt wird. Es ist absurd, und so wächst der Zweifel, dass aus der Krise etwas Gutes entsteht.“

Arno Luik hat mit Rauhnächte auch eine Lebensrückschau, eine Art Vermächtnis verfasst (Nein, keine Nabelschau!). Seine Ausführungen zur Einheitsberichterstattung der Medien sollten Pflichtlektüre sein, und Sätze wie diese ersetzen ganze Geschichtsbücher: „Im Zynismus des Kriegsverbrechers und Friedensnobelpreisträgers Henry Kissinger liegt wohl die Wahrheit: ‚Ein Feind Amerikas zu sein, kann gefährlich sein, aber sein Freund zu sein, ist fatal.’“

Wie viele Journalisten empört er sich (bestens nachvollziehbar) über vieles. Etwa über die Grünen: „Das einzige Prinzip, das diese Partei hochhält, dem sie sich verpflichtet fühlt, seit Langem: Prinzipienlosigkeit. Und: Machtgeilheit. Bin ich gemein?“ Nein, natürlich nicht. Nur sind alle anderen politischen Parteien auch nicht anders. Und er geisselt (zu Recht) die Greueltaten der amerikanischen Aussenpolitik, die russischen hingegen nicht.

Unter Bezugnahme auf Voltaire und Schillers Don Carlos macht er sich auch stark für die Meinungsfreiheit, für die er, so scheint es, keine Grenzen gelten lassen will. Obwohl alles andere als ein Verfechter der politischen Korrektheit mit ihren absurden Ausuferungen, sollte meines Erachtens die Meinungsäusserungsfreiheit für Psychopathen, Pädophile, Mörder und Vergewaltiger (die Aufzählung ist willkürlich und unvollständig) unverzüglich eingestellt werden.

„Zutiefst ehrlich“ wolle er in seinem Tagebuch sein, so des Autors Anspruch. Es spricht sehr für ihn, dass er das dann relativiert, denn: „Schon Heine sagte es, auch Dostojewski war bewusst: Niemand ist wahrhaft ehrlich, wenn er von sich selber spricht.“

Damit mir ein Buch gefällt, muss es mich auch zum Lachen bringen und in meinem Kopf Bilder entstehen lassen – und Rauhnächte tut das. Über einen Besuch von Bundespräsident Steinmeier („diesen Politiker mit dem Charisma einer Büroklammer“) in Königsbronn, dem Heimatdorf des Autors auf der Schwäbischen Alb: „Die Tür öffnet sich, heraus schreitet der Bundespräsident, er geht nicht, er schreitet, und bevor er den Platz mit dem einsamen Radler (Autor Luik) sieht, wirft er noch unter der Rathaustür die Arme nach oben – grüsst staatsmännisch lachend nach links und rechts: ins Leere.“

Was Rauhnächte zu einem rundum überzeugenden Werk macht, ist das Nebeneinander von persönlichem Schicksal, politischer bzw. weltanschaulicher Analyse sowie den Einsichten, die sich beim Schreiben einstellen. „Ich schreibe über mich. Und doch: Ich bin da nicht ich. Ich bin da eine Art Romanfigur, irgendwie unwirklich. Ich guck da von aussen nach innen auf mich. Obwohl es intim ist, ist es distanziert. Und das tut gut.“

Fazit: Ein aufwühlendes, hilfreiches und wesentliches Buch.

Arno Luik
Rauhnächte
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023

Layla AlAmmar: Das Schweigen in mir

Diesem Buch ist auch ein Joyce-Zitat vorangestellt, das sehr schön illustriert, worum es der Autorin Layla AlAmmar geht: „Wenn die Seele eines Menschen in diesem Land geboren wird, dann werden Netze nach ihr ausgeworfen, um sie daran zu hindern, zu entfliegen. Du erzählst mir was von Nationalität, Sprache, Religion. Ich werde versuchen, an diesen Netzen vorbeizufliegen.“

Eine junge Frau lebt in einem Hochhaus, schaut aus ihrem Wohnzimmerfenster in Nachbarwohnungen hinein und schildert, was sie dabei beobachtet (manchmal Verstörendes) und ihr durch den Kopf geht. Ein Vater (in der Übersetzung aus mir unerfindlichen Gründen ‚Dad‘ genannt – oder ist das mittlerweile ein im Deutschen gängiges Wort?), der Freitags jeweils besoffen nach seinen Kindern ruft, ein schwuler Gesundheitsfanatiker, ein altes Ehepaar (er ruhig, sie schreit viel), und und und …

Die voyeuristische junge Syrerin entpuppt sich als angehende Journalistin. Die Redakteurin Josie will einiges von ihr wissen – ob sie den Hijab trage, ob es ihre ganze Familie hinausgeschafft habe und wie schlimm die Kämpfe seien. Doch die junge Frau will lieber nichts gefragt werden. „In gewisser Hinsicht geht es um Privatsphäre.“ Sie selber respektiert die Privatsphäre anderer allerdings nicht und beobachtet weiterhin ihre Nachbarn. Das Schweigen in mir lebt auch von solchen, zum Leben gehörenden Widersprüchen.

Die Kolumne der jungen Frau in einem Onlinemagazin gibt ihr die Möglichkeit, sich mit dem Islam und dessen Wahrnehmung in Europa auseinanderzusetzen. Geleitet wird sie dabei von ihrer Grundüberzeugung: „Die Freiheit zu leben, wie wir leben wollen.“ Das ist, ganz entgegen der üblichen Berichterstattung, keine Frage der Religion. Doch wie lebt sie in Verhältnissen, mit denen sie sich anfangs schwer tut? „… ich konnte mich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass ich frei war zu gehen, wohin ich wollte. Also setze ich mir unsichtbare Grenzen, an die ich mich lange Zeit hielt.“

„Alle verlangen nach Geschichten: Ärztinnen, die Prellungen und Kratzer und nicht heilen wollende Geschwüre begutachten; Polizisten, die Papiere sehen wollen, einen Beweis dafür, dass man eine Berechtigung dafür hat, hier zu sein; Fremde auf der Strasse, die glauben, etwas aus der Heimat in einem zu erkennen.“ Und dann dieser überaus eindrückliche Satz: „Das menschliche Bedürfnis nach Geschichten an sich steht der Erinnerung im Weg.“ Man sollte sich für diesen Satz Zeit nehmen, ihn auf sich wirken lassen, damit uns aufgehen möge, dass die Narrative, die wir konstruieren, mit Anfang, Mittelteil und Ende, das Geschehene in eine Form zwängen und es so entstellen. Die Ironie dabei: Auch dieser Roman hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende.

Das Schweigen in mir ist auch ein Buch über unterschiedliche Welterfahrungen. So irritiert die junge Syrerin, dass in England „alle ständig die persönliche Distanzzone überschreiten. Steigt man in einen Bus, wird man von jemandem angerempelt, der aussteigen will (…) Setzt man sich in einen Park oder auf eine Bank, beschliesst die Person neben einem, sich unterhalten zu wollen (…) Dort, wo ich herkomme, ist das anders. Dort haben andere ihre Grenzen, und ich habe meine, und wenn diese überschritten werden, dann ist irgendeine verdammte Katastrophe passiert.“

Apropos andere Kultur: Wie in diesem Roman das englische Wetter geschildert wird, ist definitiv Horizont-erweiternd. „Ich werde nie genug haben von diesem Wetter, mit seinen Reibungskräften und seiner Unbeständigkeit, seiner Forderung nach Unterwerfung. Ich mag die vier Jahreszeiten an einem Tag, und die Angewohnheit, einen Regenschirm mitzunehmen, auch wenn der Himmel klar und blau ist. Ich liebe es …“.

Layla AlAmmar erzählt vom Ankommen in einem fremden Land, von der Auseinandersetzung mit der Kultur des Herkunfts- und des Ankunftslandes. „Es steht mir nicht auf die Stirn tätowiert, und ich trage auch keinen Anstecker an meinem Revers, aber er erkennt mich“, notiert sie über den Imam einer Moschee, und macht damit klar, dass es nicht die Unterschiede der Religionen sind, von denen bekanntlich alle sagen, es gebe nur eine Wahrheit, die zu Konflikten führen, sondern die Vorlieben und Abneigungen bei den Eingesessenen und den Ankömmlingen.

Eine Woche vor dem Ramadan wird in der nahen Moschee ein Festmahl abgehalten, obwohl der Islam „keine Religion des Feierns“ ist. Dabei finden sich auch ungebetene Gäste ein, die es auf Krawall abgesehen haben. Die Schilderung dieses Zusammentreffens gänzlich inkompatibler Weltanschauungen gehört für mich zu den stärksten Stellen dieses starken Buches.

Layla AlAmmar, in Kuwait aufgewachsen und derzeit in Grossbritannien lebend, ist mit Das Schweigen in mir ein ungemein dichter Roman gelungen, der mich immer wieder innehalten liess. Wegen Sätzen wie diesem: „Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören“, oder Beobachtungen wie dieser „… ein Etikett mit der Aufschrift: ‚Vietnam War Protest Songs‘, und ich frage mich, wie man es geschafft hat, sogar so etwas zu kommerzialisieren.“ sowie gescheiter Gedanken wie diesen: „Damit eine Demokratie gelingt, benötigt man eine informierte Wählerschaft. Und dafür braucht man eine freie und gerechte und verantwortungsvolle Presse. Nicht einmal Amerika, das freieste Land der Welt, hat die.“

Das Schweigen in mir ist ein ausgesprochen vielseitiger und enorm cleverer Roman, sowohl Aufklärung über den Islam („Im Islam gibt es keinen orthodoxen Kult, keinen Papst, keinen Glaubenshüter … Es gibt Varianten des Islams mit völlig unterschiedlichen Lehren …“) als auch Dokument der Faszination, die Bücher auslösen können – und mich neugierig auf Edgar Allan Poe macht. Darüber hinaus zeugt dieses Werk von genauem Hinsehen, eigenständigem Denken, grosser Fantasie und Humor. „Ich frage mich, ob es irgendwann in dieser Reihe einmal Frauen gab, die Riesinnen waren und über Moore und Gipfel stampften, mit roten, goldenen und braunen Wäldern als Haare, Augen in der Grösse von Seen und Wangenknochen wie die Klippen von Dover.“

Fazit: Eindrücklich, smart und vielfältigst anregend.

Layla AlAmmar
Das Schweigen in mir
GOYA Verlag, Hamburg 2023

Yoko Ogawa: Das Museum der Stille

Ein junger Mann soll in einem abgelegenen Dorf in der Provinz ein Museum einrichten, hat jedoch nach der ersten Begegnung mit der resoluten alten Dame, unter deren Anleitung er arbeiten sollte, das Gefühl, aus dem Job werde nichts, da er sich nicht willkommen fühlt. Der Gärtner der Unterkunft, in der er seine erste (und, wie er glaubt, letzte) Nacht verbringen wird, weist ihn zurecht: „Wie kommen Sie auf die Idee, dass irgendjemand ihr gefallen könnte?“

Schon klar, denkt es so in mir, der Mann wird bleiben, doch es ist weniger das Geschilderte, das diese Geschichte ausmacht, es ist das gleichsam magische Erzählen, das einen ins Geschehen hineinzieht und sich an diesem surrealen Ort mit dabei fühlen lässt.

Vor dem Einschlafen liest er im Tagebuch der Anne Frank, ein Ritual, wie andere in der Bibel lesen. Er bezeichnet es als „Methode, sich durch Zwiesprache mit etwas Unsichtbarem, Fernem, zu beruhigen“ – was mir nicht nur das Beruhigende von Ritualen bewusst macht, sondern mich auch in eine Art meditative Stimmung versetzt, die dieses Buch durchzieht.

Die Geschichte ist in zwei Hauptstränge gegliedert – das Verhältnis des Erzählers zu der sehr alten, sehr eigensinnigen Dame, und sein Verhältnis zu dem jungen Mädchen, der Adoptivtochter der Alten.

Es ist ein sehr spezielles Museum, das da gegründet werden soll: Die alte Dame will die Erinnerung an verstorbene Dorfbewohner bewahren und so stiehlt sie Gegenstände von ihnen – vom Gärtner die Heckenschere, von der Prostituierten das Diaphragma, vom Chirurgen das Skalpell, vom Organisten das Glasauge. Die Aufgabe des jungen Mannes soll sein, neben dem Ordnen und Katalogisieren, anstelle der alten Dame solchen Erinnerungsstücken nachzujagen.

Doch wozu überhaupt ein solches Museum? „Muss es für ein Museum etwa eine rationale Existenzberechtigung geben? Etwas Bleibendes zu schaffen ist eins der primitivsten Grundbedürfnisse des Menschen“, blafft die alte Dame den jungen Mann an.

Einer der für mich schönsten Dialoge ereignet sich zwischen dem jungen Mädchen und dem jungen Mann, der sie anleiten und unterstützen möchte. Sie fragt: „’Wie haben Sie denn gelernt, wie es auf der Welt zugeht?‘ Ich musste nachdenken. ‚Vielleicht am Mikroskop?‘, antwortete ich schliesslich. Das Mädchen und der Gärtner zeigten sich gleichermassen überrascht. ‚Wie kann man denn von einem Mikroskop lernen, was Geduld, Demütigung, Opferbereitschaft oder Eifersucht bedeuten?^‘ ‚Tja, ich kann es vielleicht nicht so gut erklären, aber auch zwischen den Zellen der Lebewesen, die man unter dem Mikroskop beobachtet, gibt es so was wie Opferbereitschaft oder Eifersucht.’“

Wie man mit einem Mikroskop umgeht, hat der junge Mann durch Zuschauen gelernt. Er hat die Vorgehensweise seinem Bruder abgeguckt, der das Leben und die Welt ganz anders erlebt als er selber es tut. „Er ist ein Mensch, der keinen grossen Wert auf Besitz legt. Er hängt nicht an Dingen.Wahrscheinlich weil er weiss, wie Materie sich zusammensetzt. Auch der kostbarste Edelstein besteht nur aus einfachen Atomen, und die Zellen noch des primitivsten Organismus sind wunderschön angeordnet. Alles Äussere ist nur Schein, und er legt deshalb grösseren Wert auf die unsichtbare Welt. Sein Grundsatz lautet: ‚Die Beobachtung beginnt mit der Erkenntnis der Unzulänglichkeit des menschlichen Auges‘.“ Niemals ist mit das bewusster, als wenn ich mit meiner Kamera eine Blume heranzoome und dann sehen kann, was dem nackten Auge verborgen bleibt.

Das Museum der Stille handelt einerseits von Erkenntnisfragen und erzählt andererseits eine Art kriminalistischer Geschichte, in der sich eines Tages auf dem Dorfplatz eine Explosion ereignet, bei der ein im Dorf bekannter Mann den Tod findet und das junge Mädchen verletzt wird. Kurz darauf wird eine junge Frau ermordet. Da der junge Mann am Tatort beobachtet wurde, gerät er selbst in Verdacht …

Der Mensch braucht Orientierungspunkte, deshalb baut er Museen. Dass das Leben viel zu kurios ist, um es fassen zu können, weiss auch der junge Mann, der Fragmente gesammelt und ihnen im Museum eine Ordnung verliehen hat. „Immerhin war ich es, der sie dem Chaos entrissen und ihnen einen Sinn zurückgegeben hat, der längst in Vergessenheit geraten war.“

Yoko Ogawa
Das Museum der Stille
Liebeskind Verlag, München 2023

Fernando Pessoa: Ein anarchistischer Bankier

Ein anarchistischer Bankier, was für ein toller Titel, der hoffentlich hält, was ich mir darunter vorstelle, denkt es so in mir, wobei: ich weiss gar nicht so recht, was ich mir darunter vorstellen soll. Jedenfalls: Der Text macht mich neugierig, denn einen grösseren Gegensatz als Anarchist und Bankier kann ich mir kaum denken.

Fernando Pessoas Bankier sieht das allerdings ganz anders. „Ich bin in der Praxis ebensosehr Anarchist wie in der Theorie. Und das sogar noch mehr, viel mehr als jene Typen von denen Sie sprachen. Mein Leben ist der Beweis dafür.“

Mit Anarchisten verbinden wohl die meisten Bombenleger und Gewerkschaftstypen. Nur eben, so der Bankier, „deren Leben spielt sich jenseits des Anarchismus, jenseits ihrer Ideale ab.“ Doch was ist denn eigentlich der Kern des Anarchismus? „… sich gegen die Ungerechtigkeiten auflehnen, die darin bestehen, dass wir gesellschaftlich gesehen ungleich zur Welt kommen – das ist es, was einen Anarchisten ausmacht. Daraus folgt, wie sich zeigen lässt, die Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Konventionen, die diese Ungleichheit erst ermöglichen.“

Die gesellschaftlichen Konventionen sind Fiktionen – und diese sind nicht natürlich. Der wahre Anarchist ist also einer, der mit der künstlich geschaffenen Gesellschaft nichts zu tun haben, der von diesen Fiktionen frei sein will. Doch ist nicht gerade der Bankier das pure Gegenteil, der zudem noch ein Geldsystem am Laufen hält, das eher für Gefängnis, denn für Freiheit steht?

Ein anarchistischer Banker ist ein schmaler Band, dessen Gedankenführung mich überrascht hat, in einem ganz und gar positiven Sinne, denn es ist eine wunderbar grundsätzliche Auseinandersetzung (und nicht die Satire, die ich vermutete) mit der Frage, weshalb wir nicht ein freies Leben wählen, das absolut möglich wäre, sondern uns stattdessen für die selbstgewählte Gefangenschaft entschieden haben.

Liegt es an der Gesellschaft, liegt es an der Natur? Kann man ein System ändern, indem man seine Repräsentanten bekämpft? Sind denn die Gegner eines Systems zwangsläufig besser als die, welche sie bekämpfen? Pessoas Bankier denkt in anderen, weit radikaleren Kategorien …

Ein anarchistischer Banker wurde von Reinhold Werner übersetzt, der auch ein aufschlussreiches Nachwort beigesteuert hat, das er so wunderbar hellsichtig beginnt: „Als hätte der Name eine Botschaft bedeutet. Pessoa, Person, Mensch – als hätte der Name auf ein Programm verpflichtet: nichts zu sein als die Abstraktion Mensch, ein beliebtes Exemplar der Gattung – , uma pessoa, irgendwer. Fernando Pessoa hat seinen Zeitgenossen ein Leben vorgeführt, in dem man vergeblich nach schillernden Attributen, nach grossartigen, spektakulären Gesten suchen würde.“

Hinter dem für einen radikalen Egoismus plädierenden Bankier verberge sich auch Pessoa selbst, schreibt sein Übersetzer. Das ist wenig überraschend, denn so recht eigentlich kann der Mensch nur beschreiben, was er kennt – und das so ziemlich Einzige, das er mehr oder weniger kennt, ist er selbst.

Und nicht zuletzt: Reinhold Werner liefert in seinem Nachwort einen ganz wesentlichen Grund, weshalb Ein anarchistischer Banker in unserer Welt der zunehmenden Polarisierung, der das Aushalten von Gegensätzen weitgehend abhanden gekommen ist, überaus aktuell ist. „Dummheit bestand für ihn darin, die Spannung von Gegensätzen, von Anderssein nicht aushalten zu können.“

Fernando Pessoa
Ein anarchistischer Bankier
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023

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