Holly Whitaker: Quit Like A Woman

Wieso soll ich mir ein Buch antun, dessen Titel mir schon klar macht, dass ich nicht das Zielpublikum bin? Und dann diese saublöde Mode, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, eine Fantasielosigkeit sondergleichen; der Untertitel im englischen Original The Radical Choice To Not Drink In A Culture Obsessed With Alcohol hätte mich übrigens um einiges neugieriger gemacht als die irreführende deutsche Variante.

Ich verspreche mir von diesem Buch ein paar Gedanken und Einsichten, auf die ich selber wohl kaum gekommen wäre. Und ich komme auch durchaus auf meine Kosten, denn dieses Buch, so die Autorin, setzt sich auch „mit einer Gesellschaft auseinander, die uns im Falle einer Abhängigkeit dazu zwingt, männerdominierte Hilfsorganisationen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) aufzusuchen, die den aufkeimenden feministischen und individualistischen Idealen nicht nur zuwiderlaufen, sondern aktiv dagegen vorgehen.“ Dass die Anonymen Alkoholiker (Männer und Frauen) gegen Ideale aktiv vorgehen, seien es feministische, individualistische und andere das Ego-fördernde, liegt daran, dass Ideale und Sucht/Abhängigkeit nicht nur nicht zusammengehen, sondern dass Ideale (also Wunschvorstellungen) für Sucht/Alkoholismus oft ursächlich sind.

Holly Whitaker sieht das entschieden anders, ihre kurze Zeit bei den AA erlebte sie als bedrückend. Sie habe kein Ego-Problem, wehrt sich ihr Ego. Von der Feministin und Meditationslehrerin Carol Lee Flinders lernt sie: „Die jahrtausendealte Tradition der Meditation, die in verschiedenen Religionen verankert ist, ist nicht genderneutral. Sie wurde vor allem in Klöstern praktiziert und zielt darauf ab, die Autonomie aufzugeben, die als männliches Privileg galt. Deshalb beschneidet sie unsere Freiheit, unsere Meinung zu äussern, eigene Weg zu gehen, Vergnügungen nachzugehen, vor allem, als Mensch bedeutsam zu sein.“

Zugegeben, so habe ich das noch nie gesehen, doch die Frauen, die ich bei AA-Meetings angetroffen habe, sahen dort nicht ihre Freiheit bedroht, sondern hatten erfahren, dass auf ihren eigenen Weg zu insistieren, der hauptsächliche Grund für ihren Alkoholismus war. „Wenn dir der Therapieansatz nicht gefällt, wähle einen anderen“, diese bei den AA häufig gebrauchte Formel befindet Holly Whitaker als zu einfach (!). Wie kommt sie zu dieser Auffassung? „Der von den Anonymen Alkoholikern entwickelte Ansatz ist seit über 100 Jahren beim Umgang mit Abhängigen erste Wahl“, schreibt sie, dabei hat sie ein paar Seiten zuvor das Gründungsdatum der AA mit dem 10. Juni 1935 angegeben, das wären dann doch etwas weniger als 100 Jahre. Nun gut, auch wenn Zahlen offenbar nicht ihre Stärke sind, ihr geht es darum, dass das AA-Gedankengut die ganze Gesellschaft durchzieht. „Alkoholabhängige werden nicht nur von den AA als egozentrische, selbstsüchtige Lügner angesehen, die zu Bescheidenheit und Demut erzogen werden müssen.“ Man merkt, dass sie nur kurze Zeit bei den AA war und offenbar wenig verstanden hat, denn wäre das wirklich das Weltbild der AA (ist es nicht, überhaupt nicht), hätte ich mich ganz sicher auch dagegen gewehrt und wäre bestimmt nicht seit nunmehr über 31 Jahren trocken …

Quit Like A Woman ist aus einer nordamerikanischen Perspektive geschrieben, wo „mindestens 73 Prozent aller Behandlungseinrichtungen mit dem Zwölf-Schritte-Programm“ arbeiten. Damit es nicht ungesagt bleibt: Ich tue das auch. Doch in der Schweiz, wo ich lebe, ist der Einfluss der AA eher gering, die Psychoindustrie weit einflussreicher. Und es hat sicher noch Platz für Holly Whitakers Tempest Sobriety School, für die sie mit diesem Buch Werbung macht.

Whitakers Ablehnung der AA ist ziemlich umfassend. So lehnt sie vollständige Abstinenz ab, zieht es vor, „sich Abstinenz langsam anzutrainieren“, denn: „Für Menschen, die versuchen, mit dem Trinken aufzuhören, sind Stress und Druck fatal.“ Es ist so recht eigentlich umgekehrt. Ich jedenfalls hätte ohne Stress und Druck wohl nie aufgehört zu saufen. Und Nein, natürlich unterscheide ich nicht zwischen innerem und äusserem Druck, das sind Pseudo-Unterscheidungen, die nur für die funktionieren, die daran glauben. Man kann vieles glauben und dazu gehört auch viel Unsinn wie, zum Beispiel, dass Frauen, so die Autorin, aus anderen Gründen suchtkrank werden als Männer. So blödsinnig diese Behauptung auch ist (suchtkrank wird man, wenn man nicht fühlen will, was man fühlt – gender-übergreifender geht kaum), offenbar lässt sich darauf ein Geschäft gründen. „Who profits?“, fragt man in Amerika, wenn wieder einmal jemand mit einer angeblich neuen Idee auf den Markt drängt. Das Zwölf-Schritte-Programm ist übrigens gratis.

Und wo bleibt das Positive? Besonders die Aufklärungen zur Tabak- und Alkoholindustrie fand ich ausgesprochen hilfreich. Und das Kapitel „Alkohol und körperliche Gesundheit“ sollte Pflichtlektüre sein.

Holly Whitaker
Quit Like A Woman
Nüchtern und glücklich in einer Welt voll Alkohol
mvgverlag, München 2021

Nora Ephron: Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode

Die gefragteste Eigenschaft unserer Zeit liegt zweifellos im Verkaufen, das sich bekanntlich in Subkategorien wie Werbung, Public Relations oder Öffentlichkeitsarbeit gliedert. Mit dem vorliegenden Titel Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode ist dem Verlag eine geniale Verkaufsidee gelungen (ich jedenfalls bin total davon angetan), vor allem auch, wenn man bedenkt, dass das Original mit einem gänzlich anderen (aber ebenfalls gelungenen) Titel daherkam: I Feel Bad About My Neck.

Nora Ephron ist mir ein Begriff (Harry und Sally, E-Mail für dich, Silkwood), Dolly Alderton, von der das Vorwort stammt. hingegen nicht. Ich habe sie nicht gegoogelt (!), wie sie Ephrons Schreibstil charakterisiert, spricht mich sehr an: „zwischen Zynismus und Begeisterung, das richtige Verhältnis von Ausführlichkeit zu Kürze, die passende Dosis Realität, gemischt mit der passenden Dosis Romantik.“ Ist das mehr als die übliche Lobhudelei, die man regelmässig in einem Vorwort findet?

Teils, teils. Jedenfalls für meinen Geschmack. Nora Ephron ist zweifellos eine begabte Schreiberin, noch besser ist, wie sie ihre Essays strukturiert. Kein Wunder, schliesslich war sie (sie starb 2012) eine begabte Drehbuchautorin. Was ich weniger schätzte, war die gelegentliche Effekthascherei. Doch zum Positiven (und dies überwiegt bei weitem): Ihre Fähigkeit, pointiert und witzig zu formulieren, ist wunderbar speziell: „Kurz bevor ich nach New York zog, hatten zwei historische Ereignisse stattgefunden: Die Pille war erfunden worden, und das erste Kochbuch von Julia Child war erschienen. Daraufhin hatten alle Sex, und wenn der Sex vor bei war, kochte man etwas.“

„Ich schäme mich für meinen Hals“ ist der erste Essay überschreiben, der mich immer mal wieder laut heraus lachen liess. „Meiner Hautärztin zufolge fängt der Hals mit dreiundvierzig an, sich zu verabschieden, und dann ist es vorbei.“ Nein, nicht ganz – schliesslich wird man mit dem Alter auch noch „weise und klug und milde.“

Essay Nummer zwei richtet sich an Frauen, die keinen Sinn für Handtaschen haben, und ist eine originelle Anregung, sich Gedanken über Sinn und Zweck von Handtaschen im Allgemeinen und im Besonderen zu machen. Warum haben sich eigentlich Handtaschen bei Männern noch nicht durchgesetzt? Weil sie die Bewegungsfreiheit einschränken.

Es folgen Essays über Sport und Elternschaft, die Glückseligkeit, die Bücher vermitteln können sowie das Leben in New York und und und. Das liest sich nicht nur überaus vergnüglich, sondern ist auch lehrreich. Mir war jedenfalls bislang nicht bekannt, dass Sport in der Kulturgeschichte erst ziemlich spät auftauchte. „Ungefähr bis 1910 waren die Menschen die ganze Zeit in Bewegung, aber sie betrachteten es nicht als Sport, sondern als das eigentliche Leben.“

Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode dokumentiert auch das sogenannt gehobene soziale Umfeld der Nora Ephron, wo man mit einer Köchin aufwächst und die Freundin für eine gebrauchte Handtasche schon mal zweitausendsechshundert Dollar ausgibt. Man erfährt auch, dass man im Pearl’s, dem berühmten chinesischen Restaurant, eigentlich nie einen Tisch bekam, wenn doch „blieb einem das Essen für immer in Gedächtnis, denn die Gerichte enthielten so viel Mononatriumglutamat, dass man noch Jahre später hellwach davon war.“ Ich habe Tränen gelacht …

Mein Lieblingsessay behandelt das Phänomen der Elternschaft, ein Konzept, das zur selben Zeit erfunden wurde wie verhaltensändernde Medikamente. „Elternschaft legt die die Annahme zugrunde, dass das Baby ein Klumpen Lehm war, den man (durch harte Arbeit, Förderung und positive Verstärkung) zu einem perfekten Menschen formen könne, der irgendwann eine Zusage für ein College seiner Wahl bekäme.“ Dieses Konzept hatte unter anderem zur Folge, dass mittlerweile Eltern Unterstützung von teuren Spezialisten brauchen ….

Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode bietet scharfsinnige, unterhaltende und ausgesprochen amüsante Essays und endet mit einem berührenden, luziden Text über Alter und Tod.

Nora Ephron
Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode
Und andere Wahrheiten aus dem Leben einer Frau
Atlantik Verlag, Hamburg 2021

Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes

Also packend liest liest sich dieser Roman ja nun wirklich nicht, dachte es so nach etwa fünfzig Seiten in mir. Auch gab es da Formulierungen, wo ich mich fragte, ob mir vielleicht die Sensibilität für Literatur abgehe, etwa bei dieser: „ … vom Salz der Freiheit kostend und an der Bitterkeit der Einsamkeit knabbernd.“

Zugegeben, ich war ziemlich ernüchtert und auch überrascht, denn des Autors Acht Berge hatte mich beeindruckt. Der Protagonist von Das Glück des Wolfes, Fausto, der sich selber als langweilig beschreibt, ist leider genau das: langweilig. Nein, nicht nur. Und das Buch hat auch durchaus seine inspirierenden Passagen. „… dass sich das Klima von einem Höhengrad viel schneller ändert als von einem Breitengrad zum nächsten, weshalb schon ein geringer Höhenunterschied mit einer langen Reise vergleichbar ist.“

Worum geht es? Fausto, 40, und Silvia, 27, treffen im Bergdorf Fontana Fredda aufeinander. „Zehn Jahre hatte er mit ein und derselben Partnerin verbracht und ein halbes Jahr in der langweiligen Gesellschaft seiner selbst. Ihm war, als hätte er endlich wieder Besuch, als er diesen Körper neben sich im Bett erkundete …“. Ob das wohl damit gemeint ist, wenn der Verlag diese Geschichte „eine poetische Liebesgeschichte“ nennt? Auch die Charakterisierung des Schnees, der sich gegen Ende der Saison in Matsch verwandelt, werden wohl einige poetisch finden – ich gehöre nicht dazu, ich finde solche Formulierungen peinlich. „Santorso war, als flehte er (der Schnee) förmlich darum, wieder zu Wasser zu werden, die Erde benetzen und ins Tal fliessen zu dürfen.“

Am Ende der Saison trennen sich Silvia und Fausto. Zurück in Mailand, wo er den gemeinsamen Haushalt mit seiner Ex auflöst, beschliesst Fausto, wieder in die Berge zurückzukehren, wo er eine Anstellung als Koch für Holzfäller findet. Silvia befindet sich währenddessen in einer Schutzhütte im Monte-Rosa-Massiv und macht sich Gedanken übers Bergsteigen. Was suchen die Leute da oben?, will sie vom Sherpa wissen. Wind, Schnee und Wolken, lacht dieser.

Für mich lohnt sich die Lektüre dieses Romans Einsichten wie dieser wegen: „Die sonst so scheuen Vipern liessen (im Frühling) jede Vorsicht fahren, und Begegnungen mit ihnen konnten gefährlich werden. Wenn man sie umeinander geringelt vorfand, machte man besser einen grossen Bogen, um sie nicht zu stören.“ Oder dieser: „Einer von ihnen hatte sie wahrgenommen, sie gewürdigt, sodass sich Babettes Gastmahl gelohnt hatte, weil es immerhin ein einziger Mensch auf der Welt genossen hatte.“

Es ist eine recht willkürlich zusammengestückelte Geschichte, die hier erzählt wird. Neben der Liebesgeschichte von Silvia und Fausto, gibt es auch einige Nebengeschichten, die eher beiläufig auch Sinnfragen streifen. Nur einmal kommt so was wie Spannung auf: Als ein junges Paar, das seine Flitterwochen auf Schutzhütten verbrachte, mit einem älteren Mann ins Gespräch kommt und dieser dann plötzlich verschwunden ist …

Der Pressinformation entnehme ich, dass unter anderen auch Henry D. Thoreau und Raymond Carver zu des Autors Vorbildern zählt. Ich selber kann da beim besten Willen keine Verbindung herstellen, schon überhaupt gar nicht zu Carver, der höchst nüchtern (nicht nur, weil er das Saufen aufgegeben hatte) und, jedenfalls für mein Empfinden, wenig poetisch (was auch immer das heissen mag) unterwegs gewesen ist.

Paolo Cognetti
Das Glück des Wolfes
Penguin Verlag, München 2021

Gerard Donovan: In die Arme der Flut

Luke Roy plant, sich kurz vor seinem siebenunddreissigsten Geburtstag von einer hohen Brücke in den Tod zu stürzen. Er stellt sich vor, wie die Nachricht von seinem Ableben aufgenommen werden wird, erinnert sich, was Menschen, die den Sprung überlebt haben, darüber gesagt haben. Doch es kommt alles ganz anders – und sein Leben ändert sich auf eine Art und Weise, die er sich nicht hatte vorstellen können.

Wie Gerard Donovan den Einstieg in diesen Roman gestaltet, ist bestechend – er schreibt vom Wetter („Das ist das Land der tausend Nebel,“) und von der Jahreszeit (Es ist Oktober. „Schon seit Wochen werden die Nachmittage kühler und die Abende länger.“). Besser kann man Stimmungen und Gefühle kaum vermitteln.

Wie ist Luke dazu gekommen, sich umbringen zu wollen? Im realen Leben weiss das niemand, im Roman weiss es der Autor. Es hat mit Lukes Fast-Ertrinken im Sommer 1991, als er 14 Jahre alt war, zu tun, als er dem Tod genau so nah gewesen war wie dem Leben. „Etwas Altes hatte ihn mit einem Traum angesteckt, der schwerelos war. Und dieser Traum würde ihm überallhin folgen.“

Es ist ein Betäubungsstoff, der ihn angesteckt hat, ein Geist, der ihn fortan studiert und dann leitet. „Er was nicht unglücklich. Er war nicht deprimiert. Er hatte bloss genug von dem Schatten, den dieser Drang aus ihm machte, von den Türen, die er verschloss.“ Im Laufe der Zeit lernt er, dass er durchaus eine Wahl hat.

Ein Ausflugsboot kentert im Fluss, den Luke für sein Ableben vorgesehen hat. Luke rettet einen 15jährigen Jungen vor dem Ertrinken und macht sich anschliessend davon. Doch einfach so zu verschwinden geht natürlich nicht in unserer Zeit des Sich-Anpreisens. Der Held wider Willen, ein klassischer Aussenseiter, wird von den Medien und der Politik vereinnahmt – glänzend, wie Gerard Donovan diese Mechanismen schildert, die ihre Hauptdarsteller zu Opfern machen und die Zuschauer von ihrem eigenen Leben ablenken.

Luke, zur öffentlichen Person gemacht, wird von allen Seiten bedrängt – alle (inklusive alter Bekannter, denen er bisher schnuppe war) wollen etwas von ihm. „Ich will mein Leben zurück“, sagt er zu einem Freund, doch für die Leute ist er zu einer Ware geworden, auf die sie vermeinen, Anspruch zu haben. „Er ist nicht in einen Fluss gesprungen, sondern in die Leben der Verlassenen und der Menschen, die keine Stimme haben, aber am meisten zu sagen wissen.“

Die Ereignisse nach seinem Sprung in den Fluss entwickeln sich mit einer Eigendynamik, die jede Illusion eines selbstbestimmten Lebens ad absurdum führen. Die Kräfte, die fortan Lukes Schicksal bestimmen, lassen ihm scheinbar keine Wahl – er wird von ihnen mitgezogen, bis sich das Blatt dann doch noch zu seinen Gunsten wendet und er realisiert, dass sein Schicksal sich nicht in seiner Vergangenheit entschieden hat. „Der Drang zu sterben traf auf etwas Neues, Lichtes und Furchtloses in seinem Innern und fiel von ihm ab.“

Mit In die Arme der Flut ist Gerard Donovan nicht nur eine Bilder-starke Geschichte gelungen – die eindrücklichen Schilderungen der gewaltigen Natur und des Schicksals machen uns wieder einmal bewusst, dass der Mensch ein ziemlich schwaches Geschöpf ist, von Kräften getrieben, die er nicht versteht, geschweige denn beherrscht – , sondern auch zahlreiche ungemein anregende Sätze, die ein Innehalten lohnen. Etwa: „Nichts davon ist passiert, deshalb kommt es ihm so real vor.“ Oder: „Auch die beste Ausrüstung der Welt kann nichts gegen Panik ausrichten.“ Oder „ … an Tagen wie diesem, wo Nicht-normal-Sein die einzige Möglichkeit ist, die Ereignisse zu verstehen …“.

Sehr schön auch, wie hier sensibel vorgeführt wird, wie alles miteinander verbunden ist. Auch wenn wir es nur selten spüren. Die Liebe vermag uns dies zu lehren – und eine Liebesgeschichte ist dieser Roman auch. „Eine Last, die er nicht gespürt hat, ist von ihm abgefallen. Jenes andere Leben, das er geführt hat, war nicht das echte Leben. Das hier ist echt.“

In Zwängen und Erklärungen gefangen, verbringen wir unser Leben – bis wir nicht mehr können, uns nicht mehr klammern, uns treiben lassen. In die Arme der Flut ist auch ein Buch darüber, dass man scheitern muss, um frei zu werden. Doch Gerard Donovan liefert keine simplen Erklärungen, erzählt keine sogenannt stimmige Geschichte, hat keine Botschaft. Stattdessen schildert er, wie wir alle mit ganz eigenen Innenwelten ausgestattet sind, die zumeist unerwartet (wenn überhaupt) aufeinandertreffen.

Selten wurde mir überdies so eindrücklich vorgeführt, wie gefährlich die sogenannt sozialen Medien sind. Und auch die traditionellen Medien – sie tun alles, um wahrgenommen zu werden, provozieren, schüren den Konflikt.

In die Arme der Flut ist ein überaus spannender Roman voller erfreulicher und unerfreulicher Fügungen und überraschender Wendungen, der uns das reale Leben wirklicher – verrückter, unerklärlicher und wunderbarer – sehen lässt.

Gerard Donovan
In die Arme der Flut
Luchterhand, München 2021

Garry Disher: Kaltes Licht

Der Auftakt überzeugt, zieht mich sofort rein in die Geschichte: Im Garten der Wrights auf der Blackberry Hill Farm südöstlich von Melbourne hat sich eine Schlange eingenistet. Eingefangen wird sie von zwei herbeigerufenen Schlangenfängern, die dabei auch auf ein Skelett stossen – ein Fall für Sergeant Alan Auhl, der aus der Pensionierung in den Dienst zurückkehrt. Als Leser ist man zuversichtlich, dass der alte Hase diesen Cold Case lösen wird, denn bekanntlich werden fast alle Fälle (und insbesondere die kalten) immer nur von Polizisten gelöst, die entweder aus dem Dienst entlassen oder pensioniert worden sind.

Alan Auhl war „fünfzig, ausgebrannt und traurig“ gewesen, als er in Pension gegangen war, mit der er dann aber nichts wirklich anzufangen wusste. Als er eines Tages von der Polizei gebeten wurde, sich ihr wieder anzuschliessen, sagte er zu. „Damit gingen fünf Jahre zu Ende, in denen er nur die Zeit totgeschlagen hatte. Urlaubsfahrten ab und an, Lesen, Erwachsenenfortbildung, hoffnungslose und/oder katastrophale romantische Verwicklungen, gelegentlich freiwillige Mitarbeit bei verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen.“ Mein Münchner Freund Junior, der 2006 im Alter von 97 starb, geht mir dabei durch den Kopf: ‚Alt werden ist schon Scheisse, andrerseits, jung sterben bringt’s irgendwie a net,‘

„Kaltes Licht“ ist mein zweiter Garry Disher; der erste, „Leiser Tod“ hat mich begeistert. Dazu beigetragen hat auch, dass er – wie auch „Leiser Tod“ – in Australien spielt und bei mir Gefühle an meine Zeit dort, besonders in Melbourne und Darwin, hervorruft.

Schon früh in Auhls Eheleben (seine Frau hat ihn verlassen, doch die beiden verkehren nach wie vor wie ein Ehepaar, ein getrennt lebendes, miteinander) begann er Leute aufzunehmen. Heimatlose und Streuner. Und auch Frauen und Kinder, die vor gewalttätigen Partnern flohen. Als er einmal die zehnjährige Tochter einer dieser Frauen von der Schule abholt, spielen die beiden Gegenverkehr und das meint: sie „nahmen zwei Drittel des Bürgersteigs ein, während drei Personen mit gesenkten Köpfen auf sie zukamen und mit den Daumen auf ihren Handys rumtippten … Einer prallte mit ihnen zusammen.“ Wunderbar, solch kreative Widerstand, man lernt nie aus!

Polizeiarbeit beginnt, wie jeder (und jede) weiss mit dem Befragen der Nachbarn und führt häufig zum Pathologen. So auch der Fall des Arztes, dessen jüngere Ehefrauen plötzlich sterben, und gegen den Auhl eine heftige Abneigung hat. Wie realitätsnah und witzig Garry Disher die Befragung dieses Mannes schildert, erklärt zu einem wesentlichen Teil meine Vorliebe für gute Krimis (zu denen der vorliegende zweifellos gehört), da man hier mehr über menschliches Verhalten erfährt als in der sogenannt guten Literatur („… las einen ausnehmend schön geschriebenen Roman, in dem nichts passierte“).

Zudem: Wie der Autor die Voreingenommenheit eines blasierten Gutachters vor Gericht auseinandernimmt, sagt mehr über das unzulängliche und am Leben vorbeigehende Justizsystem aus als wir gemeinhin wahrnehmen. „Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen“, erinnere ich mich einmal in einer juristischen Vorlesung gehört zu haben. „Gründe können wir dann immer noch finden.“ Nicht nur die Justiz funktioniert so, auch die Psychiatrie, die Psychologie, die … ja, so recht eigentlich alles.

„Kaltes Licht“ erzählt nicht nur die Geschichte der Leiche unter den Betonplatten, sondern noch ganz viele andere. Dabei geht es so recht eigentlich immer um den Versuch, sich von bösartigen und niederträchtigen Kreaturen, den Schneid nicht abkaufen zu lassen und anständig zu bleiben. Sergeant Alan Auhl zeigt wie das geht – nicht indem man dem System zudient, sondern indem man die Dinge immer mal wieder in die eigenen Hände nimmt.

Garry Disher
Kaltes Licht
Kriminalroman
Unionsverlag, Zürich 2019

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte