Philomen Schönhagen / Mike Meissner: Kommunikations- und Mediengeschichte

Philomen Schönhagen ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Uni Fribourg und das vorliegende, zusammen mit Mike Messner verfasste, Werk „ein Begleitbuch“ zur ihrer Vorlesung. Mit anderen Worten: es ist ein akademisches Buch und das meint, dass noch die banalsten Aussagen referenziert werden. Das ist usus, ich weiss; Eitelkeit hat eben viele Formen.

Ich bin zwar akademisch ausgebildet, verstehe mich jedoch nicht als Akademiker (die arbeiten an der Uni): mich interessiert allein, ob dieses Buch (für mich) zu einer hilfreichen Horizonterweiterung beiträgt. Und es sei gleich vorweggenommen: Das tut es. Im Nachfolgenden greife ich einige Aspekte heraus, die mich besonders spannend dünkten; für eine fachliche Einschätzung fehlen mir die einschlägigen, und besonders die historischen, Kenntnisse.

Mediengeschichte beginnt mit der Schrift, ihre erste Revolution wird gemeinhin der Typografie von Gutenberg zugeschrieben. Nur eben: der Buchdruck für sich alleine wäre noch kein revolutionärer Umbruch gewesen, es brauchte dazu auch ein funktionierendes Postwesen. Es sind nicht zuletzt die vielfältigen Wechselwirkungen (wie die gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufeinander einwirken), die dieses Buch verdienstvollerweise herausstreicht.

Versammlungskommunikation hat es so recht eigentlich immer schon gegeben, lerne ich. Und sie gibt es auch heute noch, etwa bei den Dowayo in Kamerun (der Bezug auf Nigel Barley bringt automatisch dies zu Bewusstsein), den schriftlosen Kulturen Nordost-Neuguineas und in einigen Schweizer Kantonen. Womit sich wieder einmal bestätigt findet, dass die Schweiz ein ausgesprochen exotisches Land ist.

Wie kommt es eigentlich, dass „die Entwicklung zur journalistisch vermittelten Kommunikation nachhaltig  nur im Europa der Frühen Neuzeit zustande gekommen ist“, da China zwar über kein Postsystem, doch über Papier und Typografie verfügte? Weil es „in Europa eine Tradition des umfassenden Austauschs (im Modus der Versammlungskommunikation)“ gab, meinen die Autoren. Dazu kommt, dass die Renaissance aufs Diesseits und nicht mehr aufs Jenseits  ausgerichtet war, was auch zu einer Nachfrage nach weltlichen Nachrichten führte.

Einiges in diesem Buch machte mich sehr schmunzeln. Etwa, dass es ab 1705 in der Schweiz eine „natur- und länderkundliche Zeitschrift“ mit dem Titel „Seltsamer Naturgeschichten des Schweizerlandes wochentliche Erzehlung“, oder dass es ab 1730 in Schaffhausen  das „Hoch Oberkeitlich begünstigtes Kundschafts-Blättlein“, oder dass es im 19. Jahrhundert Damenlesehallen gab. Letzteres erinnerte mich auch daran, wie Souad Mekhennet in „Nur wenn du allein kommst“ eine Buchhandlung nahe einer Hamburger Moschee beschrieb: „Der kleine Bereich mit den Büchern für Frauen und Kinder war mit einem Vorhang vom Rest des Raums abgetrennt.“

Kommunikations- und Mediengeschichte  ist reich an mich faszinierenden Details. So wurde etwa der seit 1959 von Ringier herausgegebene „Blick“ zu Beginn abgelehnt, nicht nur von der Konkurrenz, sondern auch von der Bevölkerung – „die ‚reisserische‘ Art (die Schlagzeilen) galt als ‚geschmacklos‘ und ‚unschweizerisch'“ (und wurde trotzdem zu einem Erfolg).

Jedes menschliche Zusammenleben erfordert den kommunikativen Austausch über „das, was alle angeht“, zitieren die Autoren ein Rechtsgutachten von Peter Schneider zur Spiegel-Affäre. Von der Antike bis ins Mittelalter geschah dies vorwiegend auf Versammlungen, also da, wo der Mensch physisch präsent war. Im 16. Jahrhundert nahm dann die Kommunikation auf Distanz, die heute dominierende mediale Form, ihren Anfang. Dieser gesamtgesellschaftliche Austausch scheint zur Zeit gefährdet, da sich Social Media und Digitalplattformen nicht mehr an einem imaginierten öffentlichen Interesse, sondern an den situativen Bedürfnissen einzelner Nutzer orientieren.

Wie eingangs erwähnt: Dies ist ein akademisches Buch, definitive Aussagen sucht man also vergebens, mehr als ein differenziertes Sowohl als Auch ist da nicht zu haben. „Es bleibt also offen, ob die journalistische Vermittlung grundlegend für die gesellschaftliche Kommunikation bleiben wird und wie der umfassende gesellschaftliche Austausch ansonsten realisiert werden könnte, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wesentlich ist.“ Manchmal sind Akademiker eben auch ganz schön realistisch.

Philomen Schönhagen / Mike Meissner
Kommunikations- und Mediengeschichte
Von den Versammlungen bis zu den digitalen Medien
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021 

Lucy F. Jones: Die Wurzeln des Glücks

Wie die Natur unsere Psyche schützt  lautet der Untertitel und ist auch der Grund, weswegen ich mich für dieses Buch interessiere. Ich habe schon viel über das Verhältnis Natur und Mensch gelesen und darunter viel Anregendes, doch der Begriff der „Naturdefizit-Störung“ von Richard Louv war für mich neu. „Er beschreibt den Preis, den der Mensch angesichts seiner mangelnden Verbindung zur Natur zahlt: eine Unterentwicklung der Sinne, Konzentrationsschwierigkeiten und die Zunahme von körperlichen und seelischen Krankheitsbildern.“ Diese Abspaltung, die auch in vielen anderen Bereichen charakteristisch für den modernen Menschen ist, scheint mir die Hauptkrankheit unserer Zeit.

„Doch trotz unserer Entfremdung beziehen wir uns noch immer auf die Natur. Sogar im Internet: ‚Web‘ (‚Netz‘), ‚Stream‘ (‚Strom/Fluss‘), ‚Bug‘ (Käfer‘). Linguistisch und mental sind wir stark mit der Natur verwoben …“. Dies auch praktisch zu erfahren, ist natürlich noch einmal etwas anderes. „Kein Arzt hatte mir ‚Natur‘ verschrieben oder mir angeraten, Zeit im Freien zu verbringen. Ich war mehr oder weniger darüber gestolpert. Doch ich stellte zusehends fest, dass ich die Natur brauchte und ähnlich von ihr Gebrauch machte wie vom Alkohol, der mich früher benebelt hatte. Grosses Plus: Von der Natur bekommt man keinen Kater.“

Bereits in den 1760ern habe man geglaubt, dass die Erde sich positiv auf psychisch Kranke auswirken würde. Dass Erde in der Tat wohltuend ist, wissen auch Kinder. „Alle Babys, die man sich selbst überlässt, essen Erde“, so Graham Rook, emeritierter Professor und medizinischer Molekularbiologe vom University College London. Auch Erwachsene schätzen den erdigen Geruch nach einem Regenschauer, wenn die Pflanzen bestimmte Öle in die Luft abgeben. Geosmin heisst die organische Verbindung, die für den metallischen Geruch der Erde verantwortlich ist.

Dass sich die Natur positiv auf unser Wohlbefinden auswirkt, lässt sich übrigens messen. Roger Ulrich, Architekturprofessor des schwedischen Center for Healthcare Architecture Research der Chalmers University of Technology, hat herausgefunden, dass bei Patienten, die nach der OP auf Bäume blicken konnten, kürzere Krankenhausaufenthalte, weniger negative Vermerke der Pfleger sowie geringere Schmerzmitteldosen die Folge waren.

Schon einmal von E.O. Wilson gehört? Mir war er bislang als Sozialbiologe bekannt, der sich vor allem mit Insekten befasst hat. Jetzt lerne ich (und das ist höchst spannend erzählt), dass er als junger Teenager ein Auge verlor, so dass ihm nur noch ein kurzsichtiges Auge blieb und er deswegen seine Vogel-, Frösche- und Bären-Beobachtungen aufgeben und sich Wesen zuwenden musste, die sich aus der Nähe betrachten liessen. Und so begann seine Erforschung der Ameisen, die ihn weltberühmt machen sollte.

In seinem 1984 erschienen „Biophilia“ befasste er sich mit der Frage, ob die Menschheit mit der Ausbeutung der Natur ihre geistige Gesundheit verliert. „Wenn eine unserer Hauptaufgaben darin bestand, so Wilson, geeigneten Lebenstraum zu finden, ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Gehirne und Sinne dafür hilfreiche Charakteristika herausgebildet haben. Der moderne Mensch – Sie, ich, wir alle – kommt nicht auf die Erde, als stiege er aus einem Zug. Unser Fleisch und Blut und unsere DNA und Gedanken und Vorlieben werden von der Vergangenheit geprägt.“ Sich auf diese Einsicht wirklich einzulassen, bedeutet, das Leben zu verstehen: Unsere Existenz ist eingebettet in ein grösseres Ganzes.

Es gibt ja heute kaum mehr ein Phänomen, zu dem nicht geforscht wird. Lucy F. Jones erwähnt auch den Psychologen Dacher Keltner von der University of California in Berkeley, der die Emotion des Staunens untersucht hat. „Wenig überraschend stellte Keltner fest, dass Staunen zu gesteigertem Glücksempfinden führt und Stress reduziert.“ Staunen, es versteht sich, kann man über das, was man wahrnimmt bzw. wahrnehmen kann. Schwinden die Lebensräume, schwinden auch die Möglichkeiten des Staunens und der Welterfahrung. Staunen hat auch das Potential, unser Interesse von uns selbst weg, zu anderen hin zu führen. Und ist damit ein Gegenmittel gegen den grassierenden Narzissmus, der sich auch oft in Süchten entlädt, bei denen das Kreisen ums eigene Ego zentral ist. 

Die Forschung zeige, so Lucy F. Jones, dass wir alle zum Erhalt unserer geistigen Gesundheit in irgendeiner Form auf die Natur angewiesen sind. „Ohne Zugang zu naturbelassenen Landschaften und der gesamten Bandbreite an Biodiversität, zu Blumen, Pflanzen, Tieren und Bäumen, können wir uns sehr viel weniger effektiv erholen, Ruhe und psychische Nahrung finden.“ Es gilt einzuhalten und dies zu bedenken. Jetzt, denn uns rennt die Zeit davon, wie Klimaforscher und Wissenschaftler uns schon lange predigen.

Die Wurzeln des Glücks  ist eine faszinierende, informative und überaus anregende Lektüre.

Lucy F. Jones
Die Wurzeln des Glücks
Wie die Natur unsere Psyche schützt
Blessing, München 2021

Val McDermid: Ein Bild der Niedertracht

Dies ist Val McDermids 35ster Roman. 1987 hat sie mit Schreiben angefangen; mir ist sie als Autorin der Tony Hill-Serie, die ich einstmals verschlungen habe, ein Begriff. 35 Romane, das heisst, fast jedes Jahr ein Buch. Mit ist vollkommen schleierhaft, woher sie die Ideen dazu hat – meine eigenen scheinen lebenslang dieselben zu sein.Andererseits: Schreiben ist Val McDermids Beruf und den übt man ja so recht eigentlich täglich aus, wie man das ja auch bei jedem Handwerk tut.

Ein Bild der Niedertracht ist der sechste Fall für die Ermittlerin Karen Pirie, die wie die Autorin im schottischen Fife aufgewachsen ist. An einem schönen, kalten Tag („der eierschalenblaue Februarhimmel verhiess keinen Regen“ – ein eierschalenblauer Himmel? Meine Idee, nächstens einmal Schottland zu besuchen, kriegte da einen ziemlichen Dämpfer), glaubt ein Hummerfischer an einen besonders guten Fang, doch dieser entpuppt sich als männliche Leiche.

Zur selben Zeit stösst eine Frau in der Garage ihrer verstorbenen Schwester auf ein Wohnmobil, von dem sie nichts wusste – und darin auf ein Skelett. Auch dieser Fall gehört in die Zuständigkeit von Karen Pirie und ihrem Team der Historic Case Unit, zuständig für Cold Cases.

Die beiden Fälle parallel laufen zu lassen, funktioniert recht gut. Und auch noch eine andere Geschichte läuft mit: Der Frauenschläger Merrick Shand, der Karens Partner Phil zu Tode gefahren hat, ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Karen rächt sich jetzt und sie macht das sehr clever.

Spuren des einen Falles führen nach Paris (ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Krimi gelesen zu haben, in dem der Chief Inspector mit dem Zug zum Einsatzort fährt – ist mir sehr sympathisch) und nach Caen. In der Folge kommen gefälschte Gemälde ins Spiel, was der Autorin auch Gelegenheit gibt, sich über die Eigentümlichkeiten der Welt zu wundern, in der die Arbeit eines Künstlers nach seinem Tod mehr wert ist als zu Lebzeiten (sich jedoch kaum jemand an die Arbeit engagierter Polizisten erinnert).

Val McDermid beschreibt Detective Chief Inspector Karen Pirie als einerseits frech, schelmisch, dreist und mutig, und andererseits als stur, starrsinnig und dickköpfig. Eine ziemlich explosive Kombination. Und nicht besonders günstig in einer Partnerschaft, wie sich zeigt.

Spritzige Dialoge, kluge Argumente, britischer Witz machen Ein Bild der Niedertracht unter anderem aus. Und natürlich geht es auch um die schottische Unabhängigkeit, wegen der die emotionalen Wellen schon lange hochgehen.

Ein Bild der Niedertracht ist auch ein lehrreiches Buch. So lernt man etwa, dass jemanden umzubringen relativ leicht ist; diesen jemand dann zu beseitigen, ist weitaus schwieriger. Und man wird darüber aufgeklärt, dass die meisten Morde simpel waren und mehrheitlich deshalb geschahen, weil ein Mann „um sich schlug, weil er wütend, verängstigt, gedemütigt oder frustriert war.“ Und man erfährt, dass die Romane von Marian Keyes, „deren Charaktere gelernt hatten zu überleben, ohne verbittert zu werden“, ausgesprochen wohltuend sind, wenn man mit Depressionen zu kämpfen hat.

Val McDermid hat ein gutes Gespür für Menschen und viel Empathie. So lässt sie einen Mann über seine verstorbene Ehefrau, die ihre letzten Jahre in der Psychiatrie untergebracht war, sagen: „Sie wissen, was man sagt, oder? Man kann nicht mit ihr leben, aber auch nicht ohne sie? So war Lizzie.“ Und die Tochter der beiden war genau so. „Sie waren keine schlechten Menschen, Dani und ihre Mutter. Sie waren nur anders als wir anderen. Sie waren wie Tiere, die es nicht aushielten, gefangen zu sein.“ Was wunderbar auf den Punkt bringt, dass die weitaus meisten Menschen keine Mühe damit zu haben scheinen, als gezähmte Schafe durchs Leben gehen.

Val McDermid
Ein Bild der Niedertracht
Ein Fall für Karen Pirie
Droemer, München 2021

Beth Ann Fennelly / Tom Franklin: Das Meer von Mississippi

Dieser Roman spielt im Jahre 1927, zur Zeit der Prohibition (1920-1933), als das amerikanische Parlament beschloss, auf Druck der Temperenzler, wie die Abstinenzler genannt wurden, den Alkoholausschank zu verbieten. Die Folge waren illegale Schnapsbrennereien zuhauf und entsprechend viele Alkoholkranke und Tote. Verbote und Gesetze gegen Drogen inklusive Alkohol, wirken nicht bzw. nicht so wie der Gesetzgeber sich das vorstellt. Damals wie heute ist schlecht beraten, wer sich von der Politik Vernünftiges für die Allgemeinheit erhofft.

Es regnet und nicht zu wenig. Nach gewaltigen Unwettern droht der Mississippi über die Ufer zu treten, als die beiden Prohibitionsagenten Ted Ingersoll und Ham (?!) Johnson (das Buch ist auch die Geschichte einer Freundschaft), die zu den wenigen ehrlichen gehören (den Bestechungsgeldern zu widerstehen, war den meisten nicht gegeben), in Hobnob eintreffen. Handelsminister Herbert Hoover, ein medienbewusster Mann, hat sie persönlich angewiesen, nach zwei vermissten Agenten zu suchen.

Bei der Plünderung eines Ladens gab es Tote, ein Baby hat überlebt – Ingersoll, der selbst ein Waisenkind gewesen war, nimmt sich des Buben an. Wunderbar, wie das geschildert wird. Als er bei Dixie Clay ein Zuhause für das Kind findet, weiss er (noch) nicht, dass sie und ihr Mann Jesse, ein notorischer Schürzenjäger und Falschspieler, Schwarzbrenner sind.

Jesse hatte Dixie Clay nie von seiner Destille erzählt, sie hatte sie selber gefunden. Doch zur Rede stellte sie ihn nicht, stattdessen hoffte sie, er würde ihr von sich aus davon erzählen. „Sie erinnerte sich auch an den Gedanken, dass seine verschiedenfarbigen Augen ihn wie zwei verschiedene Menschen erscheinen liessen, wie bei dieser Umkehrpuppe – und da begriff sie, wie richtig sie damit gelegen hatte. Er war zwei Männer, aber sie hatte nur einen geheiratet. Und derjenige, den sie geheiratet hatte, war nie zu sehen.“ Es ist überaus eindrücklich, wie die Autoren aufzeigen, dass wir nicht wahrnehmen, was wir nicht wahrnehmen wollen.

So unwahrscheinlich es auch klingen mag, dass sich eine junge Frau so mir nichts dir nichts bereit erklärt, für ein ihr unbekanntes Kind zu sorgen, unrealistisch fühlt es sich für den Leser nicht an. Und das liegt daran (zugegeben, ich spreche von mir), dass die Autoren exzellent zu vermitteln verstehen, dass wir von Gefühlen und Instinkten und nicht von der Ratio geprägte Wesen sind. „Einige Jahre früher hatten Angestellte der Regierung die ersten Telefonleitungen zwischen Pine Grove und Birmingham gespannt, und obwohl ihr Vater ihr die Technik erklärt hatte – die Stimme wurde in Schallwellen übersetzt und wanderte durch die Leitung – , wusste sie, dass in Wahrheit Magie dahintersteckte, genau wie bei der Jagd, wenn sie spürte, dass ihre Kugel das Ziel treffen würde.“

Das Meer von Mississippi ist einerseits eine spannende Geschichte (wie Prohibition und Unwetter miteinander verbunden werden, ist überaus gekonnt), und andererseits auch ein Sittenporträt des amerikanischen Südens. Gegen das Hochwasser werden Dämme errichtet, doch gleichzeitig herrscht Angst vor Saboteuren mit Sprengstoff; Schwarzbrenner schmieren die Behörden und es gibt auch einen Prediger, der als Rekrutierer für den Ku-Klux-Klan sowie als Schwarzbrenner im Einsatz ist. Darüber hinaus ist es auch noch eine packende Liebesgeschichte.

Das Tolle an diesem Buch ist, dass die Menschen, die darin vorkommen, in und mit der Natur leben. Das wird so ausgiebig und detailreich geschildert, dass man sich als Leser oft vor Ort und mit dabei wähnt. Dabei wird einem auch bewusst, wie abgespalten von der Umwelt unser modernes Leben vor dem Computer ist.

Das Meer von Mississippi ist ein höchst eindrückliches Werk, das in seinem Finale gleichsam die Apokalypse heraufbeschwört und ungemein starke Bilder hervorzurufen vermag, die lange nachwirken.

PS: Das gut in der Hand liegende Buch wurde hervorragend übersetzt von Eva Bonné; der sehr ansprechende Schutzumschlag stammt von Eisele Grafik-Design, München.

Beth Ann Fennelly / Tom Franklin
Das Meer von Mississippi
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Mary Shelley: Der letzte Mensch

Es liegt noch nicht lange zurück seit ich Mary Shelleys Frankenstein oder der neue Prometheus gelesen habe, schwer beeindruckt, dass eine so junge Frau (sie war 18 als sie damit begann, 21 als sie es zu Ende gebracht hatte) über eine derartige Hellsichtigkeit verfügen kann. Seit dieser Lektüre weiss ich wieder einmal, dass es Klassiker gibt, die diese Bezeichnung zu Recht tragen.

Den Roman Der letzte Mensch aus dem Jahre 1826, habe Mary Shelley für eines ihrer wichtigsten Werke gehalten, erfahre ich aus dem Klappentext. Das mag mit ein Grund sein, weshalb ich mich dafür interessiere, der wichtigere jedoch ist, dass mich Dystopien faszinieren und dieses Buch als die erste Dystopie der Weltliteratur bezeichnet wird.

Worum geht’s? Adrian und Idris, die Kinder des abgedankten Königs, befreunden sich mit den Waisenkindern Lionel und Perdita, deren Vater mit dem König gut bekannt gewesen war. Lionel und Idris werden ein Paar, Perdita heiratet den kriegerischen Lord Raymond.

Der Idealist Adrian („Dass Hass, Tyrannei und Furcht nicht länger ihre Zuflucht in menschlichen Herzen fänden! Dass jeder Mann einen Bruder in seinem Gefährten finden würde …“) und Lord Raymond („… er handelte stets voller Selbstsucht. Er betrachtete die Struktur der Gesellschaft als einen Teil der Maschinerie, die das Netz, auf dem sein Leben beruhte, stützte.“) könnten unterschiedlicher nicht sein, doch zusammen mit Lionel, Perdita und Idris bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, die Raymond zum Lordprotektor von England macht. Diese Wahl wird ausgesprochen spannend geschildert und offenbart auch die ausgeprägten psychologischen Einsichten der Autorin – es war Raymonds ursprüngliche Absicht gewesen, Adrian für diesen Posten zu nominieren, ohne sich bewusst zu sein, dass er ihn für sich selber erhoffte.

Wieder einmal bin ich erstaunt, wie ähnlich die Zeit, die hier geschildert wird, der heutigen ist. „Der physische Zustand des Menschen würde bald nicht mehr hinter der Schönheit der Engel zurückstehen; Krankheit sollte verbannt; die Arbeit ihrer schwersten Last entledigt werden (…) Das Böse hatte freilich überlebt, und die Menschen waren nicht glücklich, nicht weil sie es nicht konnten, sondern weil sie sich nicht dazu aufraffen wollten, selbstauferlegte Hindernisse zu überwinden.“

Andererseits würde man heutzutage kaum mehr so romantisch überschwänglich schreiben. Die Gefühle sind edel, da wird auch viel geweint und viel idealisiert. „ …in Perdita besass er alles, was sein Herz begehren konnte. Ihre Liebe brachte Zuneigung hervor; ihre Klugheit liess sie jedes seiner Worte verstehen; ihre Geistesgaben befähigten sie, ihn zu unterstützen und zu führen.“

Gelegentlich kam mir diese Dichtung auch arg melodramatisch vor, was jedoch von den ewigen Wahrheiten gemildert wurde, die von grosser Weisheit zeugen. „Wir nennen die überirdischen Lichter unbeweglich, aber sie wandern auf jener Ebene umher, und wenn ich wieder hinsehe, wo ich vor einer Stunde hingesehen habe, ist das Antlitz des ewigen Himmels verändert: Der törichte Mond und die unbeständigen Planeten ändern nämlich ihren unberechenbaren Tanz, die Sonne selbst, die Herrscherin des Himmels, verlässt ihren Thron und überlässt ihre Herrschaft der Nacht und dem Winter.“

Im zweiten Teil dann tritt die Pest auf. „Sie wurde eine Epidemie genannt. Aber die grosse Frage war noch immer ungeklärt, wie diese Epidemie erzeugt und verstärkt wurde.“ Unweigerlich denkt man an Covid-19. Dazu Rebekka Rohleder in ihrem Nachwort: „Die Welt von Shelleys Roman und nicht zuletzt die Pest, um die es darin geht, unterscheiden sich doch zu stark von Covid-19 und die Welt des 21. Jahrhunderts, als dass eine gründliche Lektüre von Der letzte Mensch als erschöpfende Vorbereitung für die Corona-Pandemie hätte gelten können.“ Was für die Literaturwissenschaftlerin stimmen mag, trifft auf mich nicht zu. Das liegt nicht nur daran, dass meine Lektüre wenig gründlich war und ich beim besten Willen nicht weiss, was eine „erschöpfende Vorbereitung“ hätte sein können, es liegt wesentlich daran, dass ich anders lese. Konkret: Mich interessiert weder der historische Kontext noch die Absichten der Autorin, mich interessiert alleine, wie ein Buch auf mich wirkt. Natürlich auch deswegen, weil ich unsere Unterteilungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine Illusion halte. Zugegeben, eine ziemlich beständige.

Sätze wie diese machen für mich deutlich, dass sich die letzten zweihundert Jahre nichts Wesentliches geändert hat. „ … ein Gefühl der Ehrfurcht, eine atemlose Empfindung des Staunens, eine schmerzliche Erniedrigung der Menschheit schlich sich in jedes Herz. Die Natur, unsere Mutter und Freundin, blickte uns drohend an. Sie zeigte uns deutlich, dass sie uns zwar erlaubte, ihre Gesetze anzuerkennen und uns ihren sichtbaren Kräften zu unterwerfen, doch wenn sie nur einen Finger höbe, müssten wir beben.“

Und auch wie die Behörden auf die Pest reagierten, scheint mir nicht gross anders als in unseren Corona-Zeiten: Ignorant und überfordert (auch die Intelligenten unter ihnen, denn ihre Vernunft reicht nur für den üblichen Lauf der Dinge, nicht jedoch für Unvorhergesehenes), denen nachgebend, die am lautesten schreien.

Ausführlich werden die Auswirkungen der Seuche beschrieben. Die Angst, Panik und Hilflosigkeit, aber auch die Beherztheit einiger. „War die Seuche einmal in den ländlichen Gebieten aufgetreten, erschienen ihre Auswirkungen schrecklicher, gefährlicher und schwieriger zu heilen als in den Städten.“ Das ist heutzutage sicher anders, jedenfalls in der kleinen, industrialisierten Schweiz. In Malawi, wie ich letzthin vernommen habe, scheint es hingegen nach wie vor so zu sein. Wie auch immer: Den Überblick hat niemand, mir scheint es auch unwahrscheinlich, dass ihn jemand haben könnte. Umso beeindruckender, dass Der letzte Mensch eine so recht eigentlich ziemlich umfassende Schilderung zustande bringt.

Mary Shelley ist eine Kennerin der menschlichen Seele. Eindrücklich versteht sie zu vermitteln, wie die Seuche das Beste wie auch das Übelste in den Menschen hervorbringt. Sie weiss um die Fragilität unseres angelernten Wissens, weiss, dass wir für Unerwartetes nicht gewappnet sind.

Fazit: Gescheit, empathisch und horizonterweiternd.

Mary Shelley
Der letzte Mensch
Reclam Verlag, Ditzingen 2021

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