Lew Tolstoi: Für alle Tage

Es gibt Bücher, von denen weiss man, bevor man überhaupt zu lesen begonnen hat, dass man sie mögen, ja schätzen wird.  Das kann daran liegen, dass einem der Buchumschlag gefällt oder daran, dass man mit dem Namen des Autors Positives verbindet oder an Umständen, die einem selber nicht bewusst sind. Zugegeben, ich spreche von mir. Und bei mir trifft im vorliegenden Fall das alles zusammen zu.

Mit Tolstoi verbinde ich „Krieg und Frieden“, das ich vor einigen Jahren in China gelesen habe. Zur gleichen Zeit wie ein chinesisch-stämmiger kanadischer Freund (er auf Englisch, ich auf Deutsch) – uns beiden machte genau dieselbe Stelle den grössten Eindruck: Als Fürst Andrej verletzt auf dem Schlachtfeld liegt und angesichts des unendlichen Himmels über ihm plötzlich weiss, dass alles eitel und nur Lug und Trug ist.

Tolstoi war ein Moralist mit hohen Ansprüchen an sich selber. Das vorliegende „Lebensbuch“ versammelt Gedanken aus einer grossen Anzahl Schriften und Textsammlungen. Es ist „ein Buch der Stärkung, auch der Selbstvergewisserung, das Tolstoi sich schuf in dem Wunsch, ein besserer Mensch zu werden“, schreibt Volker Schlöndorff in seinem Geleitwort. Und Ulrich Schmid vermerkt im Nachwort: „Der Sinn des menschlichen Lebens besteht für Tolstoi darin, durch asketische und philosophische Übungen aus den falschen gesellschaftlichen Konventionen ‚aufzuwachen‘ und sich zur wahren Religion zu bekehren.“

Tolstoi geht es mit diesem Buch darum, „unter Zuhilfenahme grosser, fruchtbarer Gedanken verschiedener Schriftsteller einem weiten Leserkreis eine leicht fassliche Lektüre für alle Tage zu bieten, die geeignet ist, nur die besten Gedanken und Gefühle zu wecken“, wie er in seinem Vorwort vom März 1908 schrieb.

Neben der Tageslektüre, die Gedanken unterschiedlicher Autoren aufführt (von Lichtenberg über Kant zu Konfuzius) enthält dieser dicke Band auch Wochen- und Monatslektüren über Weltanschauliches wie ‚Göttliches und Menschliches‘ oder ‚Forderungen der Liebe‘. Ich staune ob der Schaffenskraft dieses Mannes. Diese monumentale Zusammenstellung alleine wäre genug für ein ganzes Arbeitsleben!

Mich verblüfft und begeistert die Breite der Themen, die angesprochen werden und da ich nicht weiss, wie man ein solches Werk, das sich bestens zur Tagesmeditation eignet, besprechen könnte, möchte ich ein paar Gedanken zitieren, ganz willkürlich, so wie sie mir beim Durchblättern aufgefallen sind.

„Sonderbar! Der Mensch empört sich über das Böse, das von aussen her, von anderen kommt, das er nicht beseitigen kann, aber das eigene Böse bekämpft er nicht, obwohl das in seiner Macht stünde.“ (Mark Aurel). „Verdamme deinen Nächsten nicht, bevor du in seiner Lage warst.“ (Talmud) „Die Menschen sind tausendmal mehr bemüht, sich Reichtum als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiss, was man ist, viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man hat.“ (Schopenhauer) „Unterweise dein Herz. Lass dich nicht von ihm unterweisen.“ (Buddhistischer Spruch).

Es ist eine bestechende Idee, sich jeden Tag einige Gedanken vorzunehmen, die auf Wesentliches hinweisen. Passenderweise hat Tolstoi zum Auftakt (dem 1.Januar) entschieden, sich das Lesen vorzunehmen und lässt dazu Schopenhauer, Emerson, Seneca, Thoreau und Locke zu Worte kommen. Letzteren damit: „Wir sind aus dem Geschlecht der Wiederkäuer, und es genügt nicht, dass wir uns mit allerlei Bücherwust vollstopfen: Falls wir nicht alles ordentlich wiederkäuen, gewähren uns die Bücher keine Kraft und keine Nahrung.“

Das Allerwesentlichste hat sich Tolstoi zum Schuss aufgespart. Mögen wir, eingedenk unseres Geschlechts als Wiederkäuer, immer wieder darauf zurückkommen: „Es gibt keine Zeit. Es gibt nur die unendlich kleine Gegenwart. In ihr vollzieht sich das Leben. Deshalb sollte der Mensch all seine geistigen Kräfte auf die Gegenwart richten.“

Lew Tolstoi
Für alle Tage
Ein Lebensbuch
C.H. Beck, München 2021

Julia Blackburn: Daisy Bates in der Wüste

Die Autorin Julia Blackburn, 1948 in London geboren, informiert mich der Verlag, „sucht in Tagebüchern, Briefen und vergilbten Fotografien nach dem wahren Leben der Daisy Bates“, einer Irin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Aborigines im australischen Outback lebte und bekannt für ihre Lügen war. „Vielleicht hatte Daisy Bates schon als kleines Kind damit begonnen, sich selbst ihre Geschichte und ihre Erinnerungen zu erfinden, und es später nicht mehr geschafft, diese Gewohnheit aufzugeben, oder einfach nicht bemerkt, dass dies nicht ganz die übliche Art war, der Welt Sinn zu verleihen“, so Julia Blackburn.

Wir wissen, dass das Gedächtnis kreativ ist, können nicht immer mit Gewissheit sagen, ob und wie etwas stattgefunden hat oder ob wir es uns „nur“ einbilden. Aus dieser Perspektive ist es nicht abwegig, das Leben einer zum Lügen neigenden Frau zu beschreiben. „Als alte Dame sitzt sie in ihrem Zelt und verschanzt sich hinter geschwätzigen Geschichten von all ihren Abenteuern, all den wichtigen Persönlichkeiten, die sie gekannt habe. Manches stimmt tatsächlich, aber das meiste nicht, und es ist ein kurioses Unterfangen, die Person, die sie war, von jener zu trennen, die sie gern gewesen wäre, die beiden auseinanderzureissen, sie aus ihrer Umklammerung zu lösen.“

Nicht nur ein kurioses, sondern ein ziemlich unmögliches Unterfangen, würde ich sagen, denn für mein Dafürhalten ist bereits traditionelle Biografie-Arbeit weitestgehend Fiktion, umso mehr also muss dies beim Porträt einer Frau der Fall sein, von der so recht eigentlich nur ihr Äusseres bekannt ist. Was macht man also in so einer Situation? Julia Blackburn stellt sich vor, was sich wohl Daisy Bates vorgestellt haben mag. Geht das, sich in die Schuhe einer anderen Person zu versetzen? Ja, das geht. Und Julia Blackburn zeigt wie.

1905 liess sich Daisy Bates mit ihrem Zelt bei den Aborigines im Reservat von Maamba, östlich von Perth nieder. Mit einem staatlichen Stipendium ausgestattet will sie während zwei Jahren Sprache und Sitten der Menschen, die man aus den umliegenden Gebieten ins Reservat gebracht hatte, studieren. 

Dreissig Jahre verbringt sie insgesamt bei den Aborigines, macht anthropologische Aufzeichnungen, die sie später einmal ordnen will. „Ich überliess es den Aborigines zu entscheiden, wo ich mein Zelt aufstellen sollte und wann es Zeit sein würde, wieder weiterzuziehen. Ich mochte diese Ungewissheit irgendwie; es gefiel mir, nicht zu wissen, was sich meinen Augen als Nächstes darbieten würde.“

In Jeegala Creek, östlich von Eucla, findet ein vierzehntägiger Tanz verbunden mit einer Initiationszeremonie statt, bei der ihr von  Aborigines gesagt wird, sie sei in der Alten Zeit ein Mann gewesen, „ein Stammesältester, und nun sei ich weder Mann noch Frau. Ich war ein übernatürliches Wesen jenseits der Geschlechtergrenze.“ Doch auch die Briten sehen sie als eine der ihren – 1934 verlieh man ihr den CBE, den Commander of the British Empire.

Man muss seine Komfortzone verlassen, um andere als die gewohnten Erfahrungen zu machen. Je unvertrauter die Umgebung, desto besser. Und die Wüste eignet sich ganz besonders. „Der Himmel ist  blau und flach, flach und blau und knochentrocken (…) Der heutige Tag ist so heiss und lautlos wie der gestrige. Ich habe nicht einmal den Morgenzug vorbeifahren hören; vielleicht ist er zusammengebrochen unter dieser Hitze.“

Da Daisy Bates widersprüchliche Berichte über ihr Leben hinterlassen habe, schreibt Julia Blackburn im Nachwort, habe sie sich ihren eigenen Weg durch das verfügbare Material bahnen müssen. Daisy Bates in der Wüste, so schliess ich daraus, ist also ebenso sehr ein Buch über Julia Blackburn. „Seltsam, wie man die Taschen voller Erinnerungen hat, von denen man gar nichts weiss, bis sie plötzlich hervorbrechen und das Gehirn überfluten mit Bildern aus längst vergangenen Zeiten.“

Julia Blackburn
Daisy Bates in der Wüste
Unionsverlag, Zürich 2021

Peter Spork: Die Vermessung des Lebens

Obwohl mir der ganzheitliche Ansatz, also das Geschehen im Körper als komplexes Netzwerk zu verstehen, sehr zusagt, bin ich bereits nach den ersten Seiten versucht, dieses Buch in die Ecke zu schmeissen. Das liegt an dem unsäglichen Ton und den vollkommen realitätsfremden Behauptungen wie etwa: „Wir alle können plötzlich Exponentialfunktionen lesen.“ Oder: „Wir haben verstanden, dass räumliche Isolation Sinn macht.“ Oder: „Wir haben gelernt, Abstand voneinander zu halten, regelmässig zu lüften, Hände zwanzig Sekunden zu waschen und Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen, vor allem auch, weil wir Risikogruppen schützen wollen.“ In was für einer Welt lebt bloss ein Mensch, der behauptet, was sich jeder Überprüfung (und ganz besonders einer wissenschaftlichen) entzieht? Jedenfalls nicht in der Welt, in der ich lebe (in der Schweiz und Brasilien).

Dass ich mir dieses Buch trotzdem vornehme, liegt allein an der netten Dame von der DVA-Presseabteilung, die es mir freundlicherweise hat zukommen lassen und der ich mich verpflichtet fühle. Und deswegen erfahre ich: Ich teile vieles, was der Autor diagnostiziert. Etwa dass die Corona-Pandemie unter anderem gezeigt hat: „Gesundheit ist kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Das Wohlergehen vieler Einzelner hängt massgeblich davon ab, wie sozial und fürsorglich sich die Gesellschaft als ganze verhält.“ Seine Folgerungen teile ich hingegen ganz und gar nicht. „Wenn in den letzten Jahren und Monaten eines klar geworden ist, dann also, dass die Menschheit gezwungen ist, auf vielen Ebenen neue Weg zu suchen und dies möglichst rasch und kompromisslos zu beschreiten.“ Wäre schön, es wäre so, doch es ist überhaupt nicht so. Jedenfalls gemäss meiner Wahrnehmung. Ganz im Gegenteil. Der Mensch will keine neuen Wege, er wehrt sich mit Händen und Füssen, er will seine alten Spielzeuge zurück.

Bei der Systembiologie liegt der Akzent auf der Gesundheit, die unterstützt werden soll, und nicht auf der Krankheit, die bekämpft wird. Dieser Perspektivenwechsel wirkt einleuchtend, doch was heisst das in der Praxis? Man sammelt so viele Daten wie irgend möglich, was dann zu erkennen erlaubt, wo potentiell Krankheiten entstehen könnten, so dass man frühzeitig eingreifen kann und so verhindert, dass ein Leiden gar nicht erst entsteht.

Peter Spork hat mit vielen Wissenschaftlern gesprochen und ist dabei auch auf extrem komplexe biologische Systeme gestossen, die mit den verbreiteten monokausalen Erklärungsmodellen schlicht nicht erfasst werden können. Ihm steht der Glaube an den technischen Fortschritt näher, der es in nicht so ferner Zukunft erlauben könnte, „das Leben ausschliesslich als das zu betrachten und zu beschreiben, was es ist: als grosses Netzwerk verbunden mit vielen anderen Netzwerken inmitten einer Menge noch viel grösserer, umfassenderer Netzwerke.“

So spannend die Fragen sind, denen die Forscher nachgehen („Welches Gen hat in welchem Kontext welche Funktion? Wie interagieren bestimmte Proteine mit bestimmten Genen? Wie werden Gene an- und ausgeschaltet?“ etc. etc.), die Vorstellung eines digitalen Zwillings befremdet mich nicht nur, ich finde ihn überhaupt nicht wünschenswert. Peter Spork sieht ihn hingegen optimistisch, denn: „Er wird uns dienen, nicht umgekehrt.“ Und zeigt anhand seines Fitnesstrackers wie sich seine Lebensqualität verbessert.

Die Vermessung des Lebens ist von Nützlichkeitserwägungen geleitet und verheisst uns eine schöne, neue Welt in Gestalt der Systembiologie, bei der nicht nur Mathematik, Informatik und Biotechnik zusammen spannen, sondern auch dabei helfen soll, Soziologie und Biologie, Psychologie und Medizin miteinander zu versöhnen. „Eine solche Form der Gesundheitsförderung wird sogar das Altern erträglicher machen. Denn (…) es ist der Alterungsprozess, der das Gegenteil von Gesundheit ist – nicht die Krankheit.“ Das klingt für mich nach „Fit in den Tod“ und das ist eindeutig nicht mein Ding.

Andererseits stellt Peter Spork viele Fragen, die ich spannend finde, und zitiert Antworten von Wissenschaftlern, die ich als anregend erlebe. Kurz und gut: Seine Beschreibung dessen, was ist beziehungsweise wie die Welt erfahren und beobachtet wird, spricht mich an; mit seinen Zukunftsvisionen kann ich hingegen wenig anfangen. Meine eigene Sichtweise hat Osho so zusammen gefasst: Life is not a problem to be solved but a miracle to be experienced.

Nichtsdestotrotz: Die Vermessung des Lebens bietet einen differenzierten und interessanten Blick auf den Strand der Forschung, bei der es auch darum geht „die vielen Bestandteile eines einzelnen hochkomplexen Lebensnetzwerks kennenzulernen.“ Wie schwierig sich diese Aufgabe gestaltet, kann man unter anderem an der Leber ablesen, in der sich etwa das epigenetische Muster in einzelnen Leberzellen je nach Lage im Organ systematisch wandelt.

Peter Spork ist nicht der verbreiteten Meinung, das endlose Sammeln und Auswerten von Daten mache abhängig. Im Gegenteil: „Die Systembiologie wird uns freier machen.“ Sicher, das Potential hätte sie, die vielen Beispiele, die der Autor vorlegt, belegen das. Andererseits ist es aber eben auch so, dass es den Menschen eigen ist, so ziemlich alles, was positiv genutzt werden könnte, auch negativ einzusetzen. Weshalb denn auch nötig ist, sich eingehend mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – und das tut dieses Buch.

Und nicht zuletzt: Die Vermessung der Welt ist auch ein überaus aktuelles Buch, denn in unseren Corona-Zeiten ist definitiv ein Umdenken gefragt, denn nie war deutlicher, dass alles mit allem zusammenhängt. Der Anthropologe und Systemtheoretiker Gregory Bateson wusste das schon lange, seine Tochter Nora Bateson sagt es so: „Vitalität und Leben werden durch Beziehungen gemacht. Sie entstehen durch Beziehungen, die Beziehungen aufbauen, die Beziehungen aufbauen und so weiter.“ Nur schon dieser Einsicht wegen lohnt dieses Buch.

Fazit: Ein engagiertes Plädoyer für einen Perspektivenwechsel sowie eine willkommene und notwendige Horizonterweiterung.

Peter Spork
Die Vermessung des Lebens
Wie wir mit Systembiologie erstmals unseren Körper ganzheitlich begreifen – und Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen
DVA, München 2021

Max Dax: Dissonanz

Warum ich dieses Buch ganz anders als gewohnt angehe, weiss ich nicht wirklich. Ich lese die ersten Seiten, blättere dann vor und wieder zurück, bleibe hängen, fahre fort, beginne wieder von vorn – es ist ein ständiges Hin und Her. Und es stimmt für mich so.

Der Umschlag gefällt mir, Klappentext hat es keinen. Der Name des Autors ist mir kein Begriff (ich google ihn nicht), auch hatte ich irrtümlicherweise angenommen, der Untertitel beziehe sich auf das Corona-Jahr, es handelt sich jedoch um die Zeit von Juni 2009 bis Juni 2010.

Wie bin ich überhaupt zu diesem Buch gekommen? Durch den Newsletter des Verlags, den ich ganz offenbar nicht wirklich gelesen hatte … Umso beglückender ist natürlich, dass das Buch ganz nach meinem Geschmack ist, was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich bei meinem eigenen Schreiben ähnlich verfahre.

Ich nehme Dissonanz als Collage wahr. Einzelne Sätze wechseln ab mit längeren Ausführungen, Alltagsbeobachtungen mit Projektüberlegungen, die Preisangabe eines Sandwich mit einem Buchtitel. Der Autor, dessen überaus vielfältige Interessen zumeist im Kulturbereich angesiedelt sind, schreibt halt so auf, was ihn umtreibt.

Am Mittwoch, dem 15. Juli 2009, notiert er unter anderem. „Ein Geschenk des Verlegers Alexander Wewerka: Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer. Haneke: ‚Deswegen hat es sich in Philosophie und Literatur schon seit längeren herumgesprochen, dass die fragmentarische Erzählweise die unseren Fähigkeiten einzig angemessene sein kann.’“ Und genau diese praktiziert auch Max Dax.

Zu den Zitaten, die mich ganz besonders angesprochen haben (wohl, weil sie mein eigenes Lebensgefühl treffen), gehört: „Diedrich Diederichsen: ‚Früher hatte die Popmusik die Kraft, einem zu vermitteln:’Ja. Genau so ist es, so lebt man heute.‘ Zeitgenössische Popmusik kann dieses Gefühl nur noch selten herstellen.’“. Zu den Zitaten, die ich absoluten Schwachsinn finde, gehört, was Klaus Theweleit über Gilles Deleuze schreibt: „Trinken: Die Alkoholiker, was für Strategen: Der Alkohol und das Schreiben: die grossen Amerikaner, Lowry, Faulkner, Thomas Wolfe, Algren. Schriftsteller und Alkohol gehören zusammen. Warum? Weil sie etwas spüren im Leben, das grösser ist als sie, und das sie ohne Alkohol nicht ertragen.“ Am Rande: Als der Songwriter Warren Zevon einmal im Krankenhaus lag, wurde er auch von seinem Lieblingsautor Ross Macdonald besucht, der ihm klarmachte, dass er trotz seines Saufens tolle Songs schrieb.

In der Berliner Dachgeschosswohnung einer Zürcher Galeristin liegt Peter Handkes Mein Jahr in der Niemandsbucht neben dem Bett. „Der erste der drei Teile dieses monströs überdicken Schinkens hatte Schneiders Blick auf die Welt einst verändert. Man kann also von einer Zeit vor und einer Zeit nach der Lektüre von Mein Jahr in der Niemandsbucht sprechen. Die Zeit davor steht für eine Gleichgültigkeit gegenüber der am ICE vorbeiziehenden Natur. Lange Wegstrecken hatte Schneider als Geduldprobe empfunden, als zu überbrückende Distanzen. Die Zeit danach steht für ein Interesse an der Welt da draussen als ständig sich veränderndes Bild, dessen ruhende Horizontlinie stets einen Fixpunkt für das Auge gewährt, während der Hochgeschwindigkeitszug durch Hügel und Ebenen, über Flüsse und Tunnel rast.“ Auch meine Weltwahrnehmung hat Handke beeinflusst.

Dissonanz ist ein sehr treffender Titel für diese Aufzeichnungen, denn im herkömmlichen Sinne geordnet ist in diesem Buch einzig die Chronologie. Ansonsten herrscht die vermeintliche Willkür, die so recht eigentlich der Normalzustand ist. Ordnung und Vereinheitlichung strebt der Mensch um seiner Orientierung Willen an, dass das Leben beziehungsweise was in einem Kopf vorgeht faszinierender ist, wenn man es einfach beschreibt und kommentiert, zeigt dieses Buch.

Es ist das Nebeneinander von Allem und Jedem, das mich für Dissonanz einnimmt, denn so unaufgeregt und gleichzeitig geschieht das Leben. Jedenfalls empfinde ich meins so. Da steht die Beschreibung des Abendessens („Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn und Vogelbeere“) neben der Simulation des Urknalls in der Nähe von Genf („Es war dabei gottseidank nicht, wie von manchen befürchtet, ein Schwarzes Loch entstanden.“).

Fazit: Höchst anregende Alltagsphilosophie.

Max Dax
Dissonanz
Ein austauschbares Jahr
Merve Verlag, Leipzig 2021

Jia Tolentino: Trick Mirror

Eigenen Angaben zufolge ist die 1988 geborene Jia Tolentino seit ihrem zehnten Lebensjahr internetsüchtig. Die anfängliche Begeisterung hat sich allerdings gewandelt. So um 2012 geschah das, vermutet sie. „Während wir früher die Freiheit hatten, online wir selbst zu sein, waren wir nun online an uns selbst gekettet, und das machte uns unsicher.“ Vor allem aber macht es uns abhängig, man nennt das auch Sucht (sie sagt es ja selber und zelebriert sie dann).

Wir leben in Frankenstein-Zeiten und das meint: Wir schaffen uns Monster, die wir nicht kontrollieren können, weil sie ein Eigenleben entwickeln. Anders gesagt: Der leichte und schnelle Zugang zu ganz unterschiedlichen Dingen, den uns das Internet verschaffte, gibt es zwar immer noch, doch mittlerweile ist er einer Unübersichtlichkeit gewichen, in der wir zu ersaufen drohen. Und genau das ist es, was Trick Mirror bei mir wesentlich auslöst – das Gefühl erschlagen zu werden. Und zwar mit Informationen, die, zugegeben, immer auch interessant sind, doch die ich so recht eigentlich nicht brauche. Mehr noch, die mir den Blick verstellen auf für mich Wesentlicheres.

Konkret: Hope Hicks trat Anfang 2018 als Trump-Regierungsfrau zurück. Jia Tolentino nimmt dies zum Anlass, sich mit dem Phänomen Hicks und darüber hinaus mit konservativer Gender-Politik auseinanderzusetzen. Der mediale Hinweis darauf, dass Hicks einmal als Model gearbeitet hat, erachtet Laura McGann in einem Artikel für Vox als sexistisch und sollte ihrer Meinung nach unterlassen werden. Jia Tolentino sieht das anders. Für sie ist zentral, dass Frauen vom Patriarchat geformt werden und Trump drei Models geheiratet hat, weshalb denn auch Hicks so recht eigentlich eine Idealbesetzung für diesen Mann gewesen ist. „Ein Model muss einen Weg finden, einem unsichtbaren, ständig wechselnden Publikum zu gefallen; sie muss es verstehen, die Menschen schweigend dazu zu bewegen, ihre Wünsche und Bedürfnisse auf sie zu projizieren; unter hohem Druck muss sie perfekte Haltung und Selbstkontrolle ausstrahlen.“ Das sind gescheite Überlegungen, ich bezweifle jedoch, dass der Immobilienmafioso aus Queens sie sich gemacht hat. Doch mein Problem hier ist ein anderes: Ich will mich nicht mit Hope Hicks beschäftigen. Und auch nicht mit Models, die hier als Meisterinnen der Strategie (!) geschildert werden. Überlegungen interessant zu finden, ist mir zu wenig.

Über das inszenierte Ich, so der meine Neugierde weckende Untertitel, habe ich nichts wirklich Neues erfahren. Und dass der digitale Overkill problematisch ist, das wusste ich schon. Denn das Internet ist wie alles in der westlichen Konsumgesellschaft: Too much, and too much to handle.

Anregend ist das Buch gleichwohl. Das hat mit Sätzen wie diesem zu tun, der mich auf Grundsätzliches aufmerksam macht. „Die sozialen Medien wurden um die Idee herum konstruiert, dass etwas insofern von Bedeutung ist, als dass es für einen selbst von Bedeutung ist.“ Ich Ich Ich, eine andere Ideologie scheint es heute nicht mehr zu geben. Das gilt genauso für Autoren und Autorinnen.

Trick Mirror ist auch ein sehr persönliches Buch, was es mir sympathisch macht. Jia Tolentino gibt nicht vor, den Durchblick zu haben, stattdessen erzählt sie davon, wie sie ich darum bemüht, mit der Komplexität des Lebens klarzukommen. Sie ist eine sehr eigenständige Denkerin und das zeichnet sie meines Erachtens vor allem aus. Und sie hat Humor. „Zu Lebzeiten wurden Amy Winehouse und Whitney Houston oft als drogensüchtige Monster hingestellt; nach ihrem Tod sind sich alle einig, sie seien schon immer Genies gewesen.“

Die Essays in diesem Band sind sehr lang und, wie es amerikanischen Essays eigen ist, imponierende Fleissarbeiten. Das vermutlich beste Beispiel ist „Pure Heldinnen“ – mehr Details sind kaum vorstellbar; was die Autorin mit der Zurschaustellung ihres geballten Wissens sagen wollte, habe ich allerdings nicht verstanden. Doch dann erinnerte ich mich plötzlich an einen Satz aus „Optimierung ohne Ende“, der mir wie ein Schlüssel für diese Texte vorkam: „Ich esse meistens abartig schnell“, las ich da. Natürlich weiss ich nicht, ob diese Essays schnell geschrieben wurden, doch auf mich wirken sie wie das Internet: Too much, and too much to handle. Das passiert auch, wenn man zu schnell isst.

PS: Bei einem englischen Titel für ein deutsches Buch, drängt sich so eine englische Zusammenfassung geradezu auf.

Jia Tolentino
Trick Mirror
Über das inszenierte Ich
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

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