Dave Robicheaux vom Iberia Parish Sheriff’s Department hat gesoffen. Und James Lee Burke weiss, was es bedeutet, Alkoholiker zu sein. „Alle bekamen mit, dass ich ständig gereizt war, dass meine Hände zitterten und ich spätestens zu Mittag meinen ersten Wodka Collins brauchte. Das Mitleid und der Abscheu in den Augen der anderen verfolgten mich bis in den Schlaf.“ Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Robicheaux jetzt trocken. Mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker, von denen er einen wesentlichen Lebensgrundsatz mitgenommen hat: „Dass es keinen kostbareren Besitz gibt als einen nüchternen Sonnenaufgang. Ein Trinker, der mehr vom Leben erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden.“
Dave Robicheaux säuft zwar nicht mehr, doch sein Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Naturell hat er deswegen nicht abgelegt. Nach wie vor kann er ausrasten, die Kontrolle verlieren und gewalttätig werden – er braucht dafür keinen Alkohol.
James Lee Burke, geboren 1936 in Houston/Texas und in Louisiana an der Golfküste aufgewachsen, ist ein grosser Menschenkenner und ein lebensweiser Schreiber, der seinen Protagonisten Robicheaux nicht nur als introspektiv und empathisch zeichnet, sondern ebenso als aufmerksamen Betrachter der Natur. Não pense, veja (Denk nicht, schau), habe ich letzthin bei einem brasilianischen Zen-Buddhisten gelesen. Robicheaux: „Allein diese alte Frau dabei zu beobachten, wie sie ihrer täglichen Arbeit nachgeht, versöhnt mich ein Stück weit mit der Welt.“
Dunkle Tage im Iberia Parish spielt in Lousiana, unter anderem bekannt für seine Casinos (die viel Steuergelder abwerfen, weshalb sie auch von Lehrern geschätzt werden!) und der damit einhergehenden Prostitution, wo der Polizeialltag kurioser kaum sein könne. „… wurde das Verschwinden eines gebratenen Schweins von einer Gartenbank gemeldet; wie sich herausstellte, war das Schwein von einem Alligator verspeist worden, der zufrieden im Swimmingpool der Familie schwamm.“ „Mein Favorit der Woche war jedoch ein 911-Notruf eines Meth-Abhängigen, der sich darüber beschwerte, dass sein Dealer vorbeigekommen war, ohne ihm die bereits bezahlten Drogen zu liefern, was in den Augen des Anrufers schwerer Betrug war, zumal der Mann ihm auch noch mit vorgehaltener Pistole 78 Dollar sowie eine Notfallreserve geraubt habe.“
Eine junge Frau wird tot aufgefunden. Selbstmord, befindet der Pathologe. Detective Robicheaux ist skeptisch, geht der Sache nach, stösst auf Widerstand. Clete Purcel, Robicheauxs alter Partner bei der Mordkommission des New Orleans Police Department, kommt ins Spiel. Sowie Trish Klein, deren Vater vor Robicheauxs Augen, als er noch gesoffen hat, in Florida erschossen wurde. Und so nimmt ein vielfältig verschlungener, komplexer und spannender Dave-Robicheaux-Krimi voller Gewalt seinen Lauf, der sich wie es diesen Krimis so eigen ist, weit besser als politologische und soziologische Studien darüber Aufschluss geben, was unsere Welt ausmacht und wie es in ihr zu und her geht. Und vor allem darüber, was für eine ungeheure Rolle die Gewalt spielt.
Man erfährt von Rivalitäten zwischen FBI und lokalen Strafverfolgern; wird aufgeklärt über die falsche Vorstellung, es gehe bei Gericht ausschliesslich um Schuld oder Unschuld, obwohl viel öfter individuelle Karrieren im Vordergrund stehen; lernt, dass es vor allem drei Kategorien gibt, die einen das Leben kosten können: „Schreibtischhengste, Amateure und Idealisten“, und dass die Top-Devise, wie man in einer Bürokratie am besten überlebt, lautet: „Freunde dich mit den Beamten an und komme keinem Vorgesetzten in die Quere, der um zwei Uhr nachmittags auf dem Golfplatz sein will.“
Ganz besonders gefallen mir die smarten und oft witzigen Dialoge sowie die Personen-Charakterisierungen. „Es fiel mir schwer, Special Agent Mossbacher einzuschätzen. Sie wirkte einerseits etwas linkisch und unbeholfen, hatte andererseits aber eine sehr direkte Art. Im nächsten Moment konnte sie sich so hintergründig ausdrücken, dass man einen Kryptologen gebraucht hätte, um zu verstehen, was sie meinte.“ „… seine Teilzeitsekretärin Hulga Volkmann … eine rundliche, fröhliche, ein wenig schusselige Frau, die vorzugsweise mit Blumenmustern bedruckte Kleider trug und ein Parfüm benutzte, mit dem sie den Geruchssinn eines Elefanten hätte betäuben können.“
James Lee Burkes Kriminalromane handeln wesentlich davon, wie man sich in einer gewalttätigen Welt anständig verhalten kann – nicht indem man sich sklavisch ans Gesetz hält, sondern indem man Menschlichkeit (seine persönliche) zum Massstab macht. So verprügelt Robicheaux schon einmal den Staatsanwalt, wenn dessen Verhalten danach verlangt; er weiss aber auch, dass der grösste Feind des Menschen die Selbsterkenntnis ist.
Dunkle Tage im Iberia Parish, ein wunderbar atmosphärischer Krimi, bei dem man sich vor Ort in Lousiana wähnt, handelt nicht nur von Gut und Bös (ja, das Böse, das gibt es), sondern auch davon, dass die Toten unter uns sind und „uns in manchen Nächten besuchen, was wir dann als belanglosen Traum abtun.“
Dunkle Tage im Iberia Parish ist nicht nur ein exzellenter Kriminalroman sondern auch ein packendes und überzeugendes Plädoyer gegen menschliche Dumpfheit und Ignoranz.
James Lee Burke
Dunkle Tage im Iberia Parish
Pendragon, Bielefeld 2021




