James Lee Burke: Dunkle Tage im Iberia Parish

Dave Robicheaux vom Iberia Parish Sheriff’s Department hat gesoffen. Und James Lee Burke weiss, was es bedeutet, Alkoholiker zu sein. „Alle bekamen mit, dass ich ständig gereizt war, dass meine Hände zitterten und ich spätestens zu Mittag meinen ersten Wodka Collins brauchte. Das Mitleid und der Abscheu in den Augen der anderen verfolgten mich bis in den Schlaf.“ Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Robicheaux jetzt trocken. Mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker, von denen er einen wesentlichen Lebensgrundsatz mitgenommen hat: „Dass es keinen kostbareren Besitz gibt als einen nüchternen Sonnenaufgang. Ein Trinker, der mehr vom Leben erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden.“

Dave Robicheaux säuft zwar nicht mehr, doch sein Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Naturell hat er deswegen nicht abgelegt. Nach wie vor kann er ausrasten, die Kontrolle verlieren und gewalttätig werden – er braucht dafür keinen Alkohol.

James Lee Burke, geboren 1936 in Houston/Texas und in Louisiana an der Golfküste aufgewachsen, ist ein grosser Menschenkenner und ein lebensweiser Schreiber, der seinen Protagonisten Robicheaux nicht nur als introspektiv und empathisch zeichnet, sondern ebenso als aufmerksamen Betrachter der Natur. Não pense, veja (Denk nicht, schau), habe ich letzthin bei einem brasilianischen Zen-Buddhisten gelesen. Robicheaux: „Allein diese alte Frau dabei zu beobachten, wie sie ihrer täglichen Arbeit nachgeht, versöhnt mich ein Stück weit mit der Welt.“

Dunkle Tage im Iberia Parish spielt in Lousiana, unter anderem bekannt für seine Casinos (die viel Steuergelder abwerfen, weshalb sie auch von Lehrern geschätzt werden!) und der damit einhergehenden Prostitution, wo der Polizeialltag kurioser kaum sein könne. „… wurde das Verschwinden eines gebratenen Schweins von einer Gartenbank gemeldet; wie sich herausstellte, war das Schwein von einem Alligator verspeist worden, der zufrieden im Swimmingpool der Familie schwamm.“ „Mein Favorit der Woche war jedoch ein 911-Notruf eines Meth-Abhängigen, der sich darüber beschwerte, dass sein Dealer vorbeigekommen war, ohne ihm die bereits bezahlten Drogen zu liefern, was in den Augen des Anrufers schwerer Betrug war, zumal der Mann ihm auch noch mit vorgehaltener Pistole 78 Dollar sowie eine Notfallreserve geraubt habe.“

Eine junge Frau wird tot aufgefunden. Selbstmord, befindet der Pathologe. Detective Robicheaux ist skeptisch, geht der Sache nach, stösst auf Widerstand. Clete Purcel, Robicheauxs alter Partner bei der Mordkommission des New Orleans Police Department, kommt ins Spiel. Sowie Trish Klein, deren Vater vor Robicheauxs Augen, als er noch gesoffen hat, in Florida erschossen wurde. Und so nimmt ein vielfältig verschlungener, komplexer und spannender Dave-Robicheaux-Krimi voller Gewalt seinen Lauf, der sich wie es diesen Krimis so eigen ist, weit besser als politologische und soziologische Studien darüber Aufschluss geben, was unsere Welt ausmacht und wie es in ihr zu und her geht. Und vor allem darüber, was für eine ungeheure Rolle die Gewalt spielt.

Man erfährt von Rivalitäten zwischen FBI und lokalen Strafverfolgern; wird aufgeklärt über die falsche Vorstellung, es gehe bei Gericht ausschliesslich um Schuld oder Unschuld, obwohl viel öfter individuelle Karrieren im Vordergrund stehen; lernt, dass es vor allem drei Kategorien gibt, die einen das Leben kosten können: „Schreibtischhengste, Amateure und Idealisten“, und dass die Top-Devise, wie man in einer Bürokratie am besten überlebt, lautet: „Freunde dich mit den Beamten an und komme keinem Vorgesetzten in die Quere, der um zwei Uhr nachmittags auf dem Golfplatz sein will.“

Ganz besonders gefallen mir die smarten und oft witzigen Dialoge sowie die Personen-Charakterisierungen. „Es fiel mir schwer, Special Agent Mossbacher einzuschätzen. Sie wirkte einerseits etwas linkisch und unbeholfen, hatte andererseits aber eine sehr direkte Art. Im nächsten Moment konnte sie sich so hintergründig ausdrücken, dass man einen Kryptologen gebraucht hätte, um zu verstehen, was sie meinte.“ „… seine Teilzeitsekretärin Hulga Volkmann … eine rundliche, fröhliche, ein wenig schusselige Frau, die vorzugsweise mit Blumenmustern bedruckte Kleider trug und ein Parfüm benutzte, mit dem sie den Geruchssinn eines Elefanten hätte betäuben können.“

James Lee Burkes Kriminalromane handeln wesentlich davon, wie man sich in einer gewalttätigen Welt anständig verhalten kann – nicht indem man sich sklavisch ans Gesetz hält, sondern indem man Menschlichkeit (seine persönliche) zum Massstab macht. So verprügelt Robicheaux schon einmal den Staatsanwalt, wenn dessen Verhalten danach verlangt; er weiss aber auch, dass der grösste Feind des Menschen die Selbsterkenntnis ist.

Dunkle Tage im Iberia Parish, ein wunderbar atmosphärischer Krimi, bei dem man sich vor Ort in Lousiana wähnt, handelt nicht nur von Gut und Bös (ja, das Böse, das gibt es), sondern auch davon, dass die Toten unter uns sind und „uns in manchen Nächten besuchen, was wir dann als belanglosen Traum abtun.“

Dunkle Tage im Iberia Parish ist nicht nur ein exzellenter Kriminalroman sondern auch ein packendes und überzeugendes Plädoyer gegen menschliche Dumpfheit und Ignoranz.

James Lee Burke
Dunkle Tage im Iberia Parish
Pendragon, Bielefeld 2021

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Unsere Zivilisation ist ein höchst gefährdetes Gebilde, das aus nicht viel mehr als einer sehr dünnen Schicht angelernten Verhaltens besteht, die jederzeit durchbrochen werden kann. So oder ähnlich äusserte sich Johannes Mario Simmel einmal, zumindest erinnere ich es so. Daran musste ich bei Anne Applebaums Die Verlockung des Autoritären immer wieder denken.

Es ist ein erfreulich persönliches Buch, das davon handelt, wie gut situierte Bürger, die sich an gesellschaftlichen Anlässen immer gut verstanden haben, sich plötzlich nichts mehr zu sagen haben und sich voneinander entfernen. Die vermeintlichen Gemeinsamkeiten scheinen einer mehr oder weniger offenen Feindschaft gewichen zu sein. „Der Graben verläuft quer durch Familien und zerreisst Freundschaften.“ Was ist da passiert?, fragt sich die Autorin. Mir scheint die Antwort offensichtlich: Sie sind einer Illusion aufgesessen.

Demokratie gibt es nicht im Kapitalismus, denn im Kapitalismus regiert das Geld und nicht das Volk, hat Horst Herold, Sozialdemokrat und ehemaliger Präsident des BKA, einmal gesagt. Und der Journalist Greg Palast schrieb vor Jahren ein Buch, dessen Titel die amerikanische (und wohl nicht nur diese) Demokratie treffend auf den Punkt bringt: „The best democracy money can buy.“

Anne Applebaums Ansatz ist jedoch ein ganz anderer. Geboren 1964 in Washington D.C., lebt die bestens vernetzte Journalistin mit ihrem Mann, dem polnischen Ex-Aussenminister Radek Sikorski, in Polen. Daher ist in diesem Buch auch viel von polnischer Politik die Rede. Ihre Idealvorstellung von westlichen Demokratien halte ich für einigermassen realitätsfremd. „… der demokratische Wettbewerb die gerechteste und effizienteste Methode zur Verteilung der Macht ist. Diejenigen Politiker sollten regieren, die am kompetentesten sind und die meisten Menschen ansprechen. In den staatlichen Institutionen – dem Justizsystem und dem Beamtentum – sollten die Qualifiziertesten beschäftigt sein.“ Nicht zuletzt die gegenwärtige Pandemie hat gezeigt, dass Politiker und sachliche Kompetenz schlicht nicht zusammengehen, denn Politiker verstehen sich ausschliesslich auf das politische Machtspiel.

Natürlich weiss auch Anne Applebaum, dass das Wettbewerbsprinzip kein Allheilmittel ist, denn des Menschen Bedürfnis nach Harmonie und Zugehörigkeit bleibt dabei aussen vor. Und was sie in Polen beobachtet, lässt sich auf der ganzen Welt beobachten. Als „wütend, rachsüchtig, ressentimentgeladen“ bezeichnet sie die gegenwärtiges polnische Regierung, worauf ihr der venezolanische Autor Moisés Naím entgegnet: „Klingt wie die Chavistas.“ In meinen Ohren beschreibt das so recht eigentlich Regierungen weltweit, immer schon.

Die Verlockung des Autoritären ist auch ein Buch darüber, wie Eliten ticken – die Autorin kennt nicht nur viele, sie gehört selber dazu. Über Boris Johnson, einen Studienkollegen ihres Mannes, schreibt sie. „Er unterstützte den Brexit mit derselben Unbekümmertheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen, die er in seiner journalistischen Arbeit und seinem Privatleben an den Tag gelegt hatte.“ Übrigens: „Eliten“ darf man durchaus in Anführungszeichen setzen. Mir jedenfalls hat sich nicht erschlossen, was sie über andere erheben würde – derselbe Stolz, dieselbe Missgunst und Eitelkeit, die so ziemlich allen eigen ist. Nur raffinierter und rücksichtsloser.

Ausführlich äussert sie sich zum Brexit wie auch zu Orbáns Ungarn – Die Verlockung des Autoritären ist auch insofern ein persönliches Buch, als die Autorin ganz einfach davon schreibt, womit sie sich in den letzten Jahren beschäftigt hat. Was das allerdings mit dem Untertitel, Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist zu tun hat, hat sich mir nicht erschlossen. Auch scheint ihr zu entgehen, dass den antidemokratischen Stimmen eine Plattform zu geben (was sie mit diesem Buch genau so tut – und seit Jahren das Geschäftsmodell der Intelligenz-Medien ist), mitgeholfen hat, den heutigen Florida-Golfer möglich zu machen.

Das Revival der Nostalgie, die Enttäuschung über die Leistungsgesellschaft und die Attraktivität von Verschwörungstheorien macht Anne Applebaum als Gründe für die gegenwärtige Wutpolitik aus. Sowie, zumindest teilweise, die „auf Streit und Rechthaben ausgelegte Natur des heutigen politischen Diskurses“. Das ist bestimmt alles richtig, doch es erklärt nicht einmal ansatzweise, wie die „America-First“-Ideologie (gab es jemals eine andere?) weltweit möglich wurde – wegen eines zutiefst ungerechten, lügnerischen Raubtierkapitalismus, dem wir alle unterworfen sind, und der allzu viele erschöpft und desillusioniert zurücklässt.

Als Historikerin denkt Anne Applebaum in geschichtlichen Kategorien – dass die Geschichte sich wiederholt ist ihr genau so vertraut wie der Gedanke, dass das nicht so sein muss. Als Amerikanerin ist sie zudem nicht unwesentlich von der Antriebskraft Hoffnung geprägt („Vielleicht sind die Jugendlichen, die sich sowohl als Polen als auch als Europäer fühlen und denen es egal ist, ob sie in der Stadt oder auf dem Land sind, die Vorboten von etwas Neuem, von etwas Besserem, das wir uns noch nicht vorstellen können.“). Ich selber bin eher skeptisch und denke, dass sich der Mensch im Kern nicht ändern kann.

Fazit: Instruktiv und erhellend.

Anne Applebaum
Die Verlockung des Autoritären
Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist
Siedler, München 2021

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau, etc.

Als „ein einzigartiges, vielstimmiger Porträt unserer Zeit“ wird dieses Buch, das 2019 den Booker Prize gewann, im Klappentext beschrieben – und das trifft es haargenau. Das ist umso erstaunlicher (jedenfalls für mich), weil es vom Leben schwarzer britischer Familien handelt und ich mir bislang nicht vorgestellt habe, diese könnten für unsere Zeit besonders typisch sein. Doch sie sind es, sehr sogar, wie ich finde. Mit anderen Worten: Es war für mich auch eine höchst lehrreiche Lektüre.

Zuallererst finde ich Mädchen, Frau, etc. jedoch spannend. Und schlau. Und berührend. Und witzig. Die bunte Palette Alternativer mit ihren Eigenheiten macht mich immer mal wieder laut heraus lachen. Ja, so recht eigentlich kann ich mich an kein Buch erinnern, bei dem ich so oft lachen und schmunzeln musste. Das liegt wesentlich am Ton. Und an den Figuren, die alle sehr speziell und gleichzeitig sehr normal sind.

Es ist ein Chor schwarzer Frauenstimmen, der in diesem Werk zu vernehmen ist. Frauen, die alle miteinander verbunden sind und deren Einsichten es in sich haben. Etwa über Weihnachten: „unter dem Baum stapeln sich die Geschenke, nur darum geht es den Leuten, mit Religion hat das nichts mehr zu tun, es sollte nicht Weihnachten heissen, sondern Giernachten“.

Da ist Amma, die lesbische Theaterregisseurin, von der ihre Tochter Yazz, gezeugt von einem narzisstischen Schwulen, die Journalistin werden will, sagt. „es keinen der Menschheit bekannten Hautton gibt, den Mum noch nicht im Bett hatte (multiethnisches Rumhuren nennt man das)“. Sie selber hat ihren ganz speziellen Stil – „teils Nineties-Goth, teils Post-Hip-Hop, teils nuttig, teils ausserirdisch“ – und ist intellektuell auf einer Wellenlänge mit ihrer Kommilitonin Waris, in England geboren, Eltern aus Somalia. „Waris sagt Ja zum Hidschab und zu Sex vor der Ehe, aber Nein zu Alkohol und Schweinefleisch.“

Und dann ist da Ammas Freundin Dominique, die von ihrer lesbischen Freundin Nzinga, einer durchgeknallten Egozentrikerin, in Amerika umerzogen wird. Eine Beziehung, die paranoide Züge annimmt und in Gewalt ausartet – bewegend und tragisch.

Es gibt noch viele andere Protagonistinnen (die Hauptfiguren sind Frauen) in diesem Potpourri unterschiedlichster Lebensschicksale, das einen auch Einblicke in ganz verschiedene Berufe verschafft – vom Reinigungsgeschäft zum Supermarkt. Sie machen einem überdies bewusst (mir ging es zumindest so) wie ungeheuer bunt, mühsam, aufregend und anstrengend das Leben ist. Jedes Leben, jedes einzelne.

Alle haben wir unsere sehr eigensinnigen Ansichten über Gott und die Welt und darüber hinaus. Doch selten werden sie so direkt und prägnant geäussert wie in Mädchen, Frau etc. Die Schülerin LaTisha: „sie sah keinen Sinn im Lernen, wo man doch nicht glücklich davon wurde (die Streber waren schliesslich alle schlecht drauf und zogen sich scheisse an), und mit zu viel Lernen machte man sich ausserdem das Hirn kaputt (wissenschaftlich erwiesen) das sagte sie auch den Lehrern …“. Die Lehrerin Shirley: „kleine Streberinnen, das war es, was sie wollte, keine waffenschwenkenden, kaugummikauenden, koksschniefenden, geschwängerten Gangster-Abschaum-Schlägertypen“.

Mädchen, Frau, etc. besticht überdies durch seine eigenwillige Form (Punkte gibt es in diesem Buch nicht), seinen Rhythmus und seine Cleverness. „sie vermisst die Menschen, die sie damals gewesen sind, als sie alle noch damit beschäftigt waren, sich selbst zu entdecken, ohne zu ahnen, wie sehr sie sich mit den Jahren verändern würden.“ „… man keinen Menschen wirklich kennt, bevor man nicht in seine Schubladen geschaut hat und in seinen Browser-Verlauf.“

Mädchen, Frau, etc. ist auch ein Buch über Identität, Rasse und Klasse, spielt vor allem in England, wo in den 1960ern eine Art von Fremdenfeindlichkeit herrschte, die einen ungläubig zurücklässt. Das einzige Mittel dagegen, so die aus der Karibik stammende Winsome, ist „wenn man lange genug an einem Ort bleibt und sich ordentlich benimmt, dann gewöhnen sich die Leute an einen“.

Selten war mir so deutlich, dass jeder Mensch ein Universum für sich ist. Also ziemlich unübersichtlich und Gesetzmässigkeiten gehorchend, die wir nicht verstehen und chaotisch anmuten. Darüber lachen zu können ist befreiend – und wer bei den Charakteren in diesem tollen Buch diese Erfahrung nicht macht, dem ist schlicht nicht zu helfen. Übrigens: Mädchen, Frau, etc. ist super übersetzt von Tanja Handels.

Fazit: Grandioses Welttheater! Eine Perle von einem Buch!

Bernardine Evaristo
Mädchen, Frau, etc.
Tropen, Stuttgart 2021

Guido Schlaich: Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht

Als ich mich in jungen Jahren gerade durchgerungen hatte, die Pädagogik aufzugeben und zu Jura zu wechseln, und einer sehr schönen Frau, für die ich entflammt war, davon erzählte, lachte sie laut heraus. „Du wirst vermutlich eines Tages von einer Bücherwand mit juristischen Texten erschlagen werden“, prophezeite sie mir. Daran muss ich manchmal denken, wenn ich die Bücher (keine juristischen) in meiner Wohnung betrachte, die mich einerseits beglücken (schon toll, sich in solch guter Gesellschaft zu befinden), andererseits aber eben auch beschweren, und zwar nicht zu wenig.

Anders gesagt: Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht  erweckt meine Neugierde nicht, weil ich Gründe brächte, die mir „weniger ist mehr“ attraktiv machen oder weil ich gar Besitz mit Glück verwechsle, sondern weil ich mir davon Anregungen verspreche, wie man schlau aufräumt bzw. in seinem Leben Ordnung schafft. Nein, ich suche keinen Ratgeber, ich suche ganz einfach hilfreiche Gedanken – und Guido Schlauch, der Autor von Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht, liefert einige.

Der wichtigste Gedanke steht auf dem Umschlag: „LASS LOS!“ Nein, das ist nichts Neues, das wusste ich schon, doch eben eher theoretisch. Und das meint: Ich wusste es nicht wirklich. Und auch jetzt weiss ich es noch nicht wirklich, denn wirkliches Wissen äussert sich im Tun. Sich also „LASS LOS!“ immer wieder vor Augen zu führen, fördert, so stelle ich mir vor, das Tun.

Weitere Gedanken, die ich hilfreich finde. „Dinge beanspruchen deine Aufmerksamkeit, die dir dann für Wichtigeres im Leben fehlt.“ So habe ich etwa die Erfahrung gemacht, dass mir mein Schreiben leichter fällt, je weniger Bücher ich um mich herum habe. „Konsum befriedigt nie lange, dann musst du nachlegen. Er wird zur Sucht …“. So isses! Anstatt von Konsumgesellschaft wäre angebrachter von Suchtgesellschaft zu reden.

Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht  ist ein persönliches Buch. Autor Guido Schlaich, freier Illustrator in München, erzählt anhand vieler praktischer Beispiele von seinem Weg des Ballast-Abwerfens, den er als äussere und innere Befreiung schildert. „Will ich das, brauche ich das wirklich?“ fragt er sich routinemässig. Zweifellos eine nützliche Frage, doch sie klingt einfacher als sie wirklich ist, denn unser Hirn kann uns bekanntlich jeden Schmarren einreden. Sogar den, man solle alles digitalisieren (Seite 92 ff.) was sich spätestens dann als als eher suboptimal erweisen wird, wenn der Strom ausfällt. Oder wenn man eines Tages feststellen muss, dass es die Websites, auf denen man seine Texte veröffentlicht hat, nicht mehr gibt und die Texte weg sind.

Mit anderen Worten: Das Leben nach Nützlichkeitserwägungen auszurichten, ist eine Übersimplifizierung, die dem Leben nicht gut tut. So schlägt Guido Schlaich etwa vor, im Urlaub einmal keine Handybilder zu machen. „Tauche ab in Naturschönheiten ohne jeglichen Filter vor dem Auge.“ Sicher, warum auch nicht. Nur eben: Wer so etwas schreibt, hat keine Ahnung davon, dass man mit der Kamera anders schaut und einen die Kamera das Sehen lernen kann.

Guido Schlaich
Weshalb mich weniger Besitz glücklich macht
nymphenburger, Stuttgart 2021

Jenny Offill: Wetter

Der Titel Wetter ruft bei mir ganz unterschiedliche Assoziationen hervor, von der Unberechenbarkeit bis zum I just love weather einer jungen Kanadierin, als es während eines Schulausflugs in Costa Rica zu regnen begann. Nein, sie stand nicht unter Drogen.

Auch Jenny Offills Wetter ruft bei mir ganz unterschiedliche Assoziationen hervor, was jedoch weniger dem Rahmen der Geschichte (eine Ehefrau und Mutter aus Brooklyn, als Bibliothekarin tätig, beginnt die Zuschriften von Hörern eines Podcast mit dem Namen Komme, was wolle zu beantworten) zu verdanken ist, sondern den vielen alltäglichen Momentaufnahmen, die sich durch Scharfsinnigkeit und Witz auszeichnen. Selten empfand ich die Absurdität unseres menschlichen Daseins deutlicher.

Zwei Beispiele: „TIERE VERBOTEN steht auf dem Schild vor dem Restaurant. ‚Aber wir sind Tiere, oder?‘. ‚Jetzt sei nicht so pedantisch‘, sage ich zu ihm.“ „Erste Veranstaltung mit Sylvia. Was ich dazu sagen kann: Sehr viele Leute, die keine amerikanischen Ureinwohner sind, reden über amerikanische Ureinwohner.“

Wetter handelt natürlich auch von den bestimmenden Themen der (amerikanischen) Welt – Drogen und Technologie. Ihr Ex-Junkie-Bruder habe ihr einmal erzählt, so die Ich-Erzählerin, „dass ihm die Drogen fehlen, weil sie das Geschrei der Welt in seinen Ohren abgestellt haben“ und ein junger technologiebegeisterter Bursche erklärt ihr, „dass die gegenwärtige Technologie niemanden mehr verstören wird, sobald die Generation, die nicht damit aufgewachsen ist, verstummen wird. Aussterben wird, will er offenbar sagen.“

Ich lese Wetter als eine Art Tagebuch, als eine Sammlung cleverer Alltagsbeobachtungen, die mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Amüsement kommentiert werden. Die Frage, die diese Aufzeichnungen durchzieht ist: Wie kann/soll man leben angesichts der drohenden Apokalypse? Sich vorbereiten geht nicht, wird der Protagonistin klar, als sie ausser Atem den Bus erreicht. Ihre Zen-Hinweise weisen jedoch darauf hin, dass die Zukunft (wie das Wetter) nicht geplant werden kann und dass den Gedanken nicht zu viel Bedeutung zu geben, vermutlich hilfreich wäre.

Ich bin mir nicht immer sicher, wie einzelne Beobachtungen zu verstehen sind. Als ich etwa die „bekannteste Voraussage“ eines Zukunftsforschers lese: Alte Leute in grossen Städten, die sich vor dem Himmel fürchten, frage ich mich unwillkürlich: Ist das jetzt besonders weise oder ein absurder Witz? Vielleicht Literatur, denkt es so in mir.

Auch von den verschiedensten Aspekten des Klimawandels handelt dieses Buch. Und von den Kuriositäten der Namensgebung in Neuseeland. Und der (für mich) Frage des Tages an Vegetarier: „Eine Tomate ist genauso ein Lebewesen wie eine Kuh, oder etwa nicht?“ Überdies lerne ich, dass Katastrophenpsychologen (was es nicht alles gibt!), herausgefunden haben, dass das Standardverhalten der meisten Leute in für sie erschreckenden neuen Situationen sich ‚im Kreis bewegen‘ sei – was Sylvia, die Betreiberin des Podcasts Komme, was wolle mit „Das ist die Bezeichnung für das, was wir tun“ kommentiert.

Jenny Offill verfügt über eine hellwache, subtile Wahrnehmung, berichtet vom Konkurrenzdenken und Neid am Arbeitsplatz, über das Verhältnis der Protagonistin zu Mann und Sohn wie auch über die Tendenz des Menschen, sich gegenseitig (auch ungefragt) Ratschläge zu erteilen. Die Comédie Humaine zeigt sich am Schönsten im Alltag, der das Zentrum von allem, ja, das Wichtigste überhaupt ist – schliesslich gibt es nichts anderes.

Wir wüssten schon, wie wir leben sollten, doch wir tun es nicht. Ändert es etwas, wenn wir uns damit auseinandersetzen? „Ich weiss nicht, was mit mir nicht stimmt. Offenbar kann ich nicht aufhören, falsche Entscheidungen zu treffen. Das Abartige daran ist. Dass sie sich nicht heimlich anschleichen. Ich kann sie meilenweit kommen sehen.“

Fazit: Gescheit, witzig und anregend.

Jenny Offill
Wetter
Piper, München 2021

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