Antti Tuomainen: Klein Sibirien

Ralleyfahrer Tarvainen rast über die schneebedeckten finnischen Strassen, als plötzlich eine Detonation ertönt – Wagendach und Beifahrersitz sind durchlöchert. „Wie gut, dass er eine Flasche Schnaps genossen hatte. Hätte er das nicht getan, würde ihn der Anblick vermutlich verstören.“ Der für den Schaden verantwortliche Meteorit wird im Militärmuseum des Dorfes von Freiwilligen bewacht (das Dorf kann sich keinen Sicherheitsdienst leisten), doch dann wird eingebrochen.

Der Pfarrer („Ich habe eine halbe Stunde in der Bibel gelesen und dann ausgiebig in einem Roman von James Ellroy.“), der in der besagten Nacht den Bewachungsdienst versieht, nimmt prompt die Verfolgung auf. Wieder geschieht eine Detonation, diesmal fliegt einer der Einbrecher in die Luft. Bei seiner Rückkehr stellt der Pfarrer, der auch über eine Nahkampfausbildung verfügt, fest, dass der Meteorit noch immer an seinem Platz liegt.

Gestohlen worden war eine Granate, von der die Polizisten glauben, dass sie bestimmt nicht mehr scharf gewesen sein könne. „Ich sehe die Polizisten an und denke, dass die Wirklichkeit bisweilen Vermutungen weit überlegen ist.“ Es stellt sich heraus, dass auch zwei Russen an dem Meteoriten interessiert sind.

Wie das in Dörfern und Kleinstädten so ist, alle wissen alles über alle. Und es dauert meist nur Sekunden, dass, kaum ist etwas passiert, alle davon wissen. Antti Tuomainen beschreibt das so: „Manchmal denke ich, dass ich mir zu Hause meinen Zeh an der Türschwelle anschlagen könnte, und eine Viertelstunde später würde jemand anrufen und fragen, wie es dem Fuss geht.“

Klein Sibirien spielt in Ost-Finnland, in Hurmevaara (bestehend aus einer Haupt-, einigen Neben- und dutzenden Seitenstrassen, die sich in den endlosen Wäldern verlieren), nahe der russischen Grenze, wo der Schnee senkrecht aus den Wolken fällt und die Stille zumeist derart ist, dass man schon mal an seinen Sinnen zu zweifeln beginnt.

Die Frau des Pfarrers ist schwanger. Er ist eifersüchtig, nicht ohne Grund, denn er ist zeugungsunfähig, was er ihr jedoch verheimlich hat. Seine Eifersucht frisst ihn auf, bestimmt sein Leben. „Ich frage mich, ob Krista die Literaturübersetzerin, fähig wäre, sich einem Analphabeten hinzugeben. Die Lust kann mit den Menschen so einiges anstellen. Der Mensch ist Fleisch. Die Brunft ist keine Frage der Grammatik.“

In finnischen Dörfern und Kleinstädten ist normalerweise nicht gerade wahnsinnig viel los, weshalb es denn auch absolut verblüffend ist, dass Antti Tuomainen es schafft, mit Klein Sibirien nicht nur eine sehr lustige, sondern auch ausgesprochen spannende Geschichte zu erzählen. Und mit Pfarrer Joel Hutha hat er eine Figur geschaffen, die auch immer wieder mit existenziellen Fragen konfrontiert wird. So wird er etwa in schöner Regelmässigkeit von einem Mann aufgesucht, der gerne definitive Antworten auf das Rätsel unserer Existenz hätte. „Ich sehne mich nach Gottes Schutz und Segen, finde den aber schneller beim Bier.“ Wenn nur der Hangover nicht wäre, denn das Ausnüchtern „ist wie ein Werk des Teufels.“

Während der Pfarrer durch den finnischen Schnee stapft, gehen seine Gedanken auch zu seinem verstorbenen Vater, der ebenfalls Pfarrer war, doch kein zweifelnder, wie er selber, sondern einer voller Selbstgewissheit, der immer recht hatte und an seiner eigenen Besserwisserei starb. Antti Tuomainen ist auch ein Philosoph, und wie alle guten Philosophen, einer mit viel Humor.

„Am Ende geht es nicht um Gefühle, sondern um Taten. Gefühle geben nicht immer wieder, wie die Dinge wirklich liegen, was wirklich getan werden muss, was wirklich das Klügste wäre. Hinzu kommt, dass wir alle jederzeit irgendetwas fühlen. Wenn Beethoven, Henry Ford und Josephine Cochrane ihre Tage damit verbracht hätten, darüber nachzusinnen, wie sie sich fühlten, hätten wir keine Symphonien, Personenkraftwagen und Spülmaschinen.“

Fazit: Gut geschrieben, überaus witzig, reich an trefflichen Einsichten und voller überraschender Wendungen.

Antti Tuomainen
Klein Sibirien
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2020

Frank Urbaniok: Darwin schlägt Kant

Was können wir eigentlich erkennen?, fragt Frank Urbaniok im ersten Teil von Darwin schlägt Kant. Unsere Fähigkeit zur Selbsteinschätzung ist limitiert, unsere Tendenz, uns selber reinzulegen, ausgeprägt. So unterliegen wir etwa dem Rückschaufehler, der eine Zwangsläufigkeit suggeriert, die illusorisch ist. Oder dem Halo-Effekt, der besagt: „Wenn eine Person in einem bestimmten Bereich eine gute Leistung bringt, dann werden ihr auch in anderen Bereichen überdurchschnittliche Kompetenzen zugetraut.“ Oder dem Faktor Gewohnheit: Wir glauben Dinge, die wir häufig gehört haben, leichter. Und und und …

Natürlich gibt es ganz viele Gründe, weshalb der Mensch sich verhält, wie er sich verhält. Und möglicherweise auch gar keine, denn nur schon Gründe anzunehmen, verrät mehr über unsere Gewohnheit zu denken als über die Realität. Urbaniok sieht das anders: „Wie sind extrem darauf ausgerichtet, Kausalität und stimmige Geschichten zu konstruieren.“ Die Hirnforschung stimmt ihm zu – wir handeln zuerst, die Gründe werden nachgereicht, denn wir haben ein Bedürfnis nach Sinn und die Kausalität stellt diesen Sinn her. Einen Sinn, den wir verstehen. Denkbar ist aber eben auch eine Welt, die wir nicht verstehen (können). Nur eben: Wir wollen wissen, uns ist das Unbegreifliche nicht geheuer.

Für Frank Urbaniok besteht der primäre evolutionäre Zweck der Vernunft darin, die Überlebensfähigkeit der menschlichen Art zu steigern. Das bedeutet unter anderem, dass wir die Vernunft in den Dienst der Evolution stellen. Das tun wir indem wir vereinfachen, generalisieren und häufig verabsolutieren. Anders gesagt: Wir benutzen unser Gehirn, um zu rechtfertigen, was wir sowieso tun. Wir können es allerdings auch ganz anders benutzen – man lese Zen-Buddhistisches.

Instinktorientiertes stereotypes Verhalten ist ein Erfolgsmodell, das unser Leben garantiert. Doch es hat seinen Preis. Wir sehen es in der Corona-Krise: Die längerfristigen Konsequenzen schnellen Handelns werden nicht oder zu wenig bedacht; die Fähigkeit vorauszuschauen, scheint uns nur in geringem Masse gegeben.

Um „die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend vernünftig und human zu handeln“, bedienen wir uns des RSG-Modells, das aus den Elementen Registrieren, Subjektivieren, Generalisiseren besteht. Genauer: Wir erkennen etwas bewusst, verarbeiten es gemäss unserer persönlicher Vorstrukturierungen und glauben so uns selber und die Welt verstehen und damit kontrollieren zu können) und verallgemeinern es dann. Bei diesem Prozess geht es wesentlich darum, „uns Gefühle von Kompetenz und Sicherheit zu vermitteln.“

Frank Urbanioks favorisierte Herangehensweise basiert auf der pragmatisch-phänomenologischen Betrachtungsweise. Und das meint, „möglichst unvoreingenommen und aufmerksam wahrzunehmen, ohne dass diese Wahrnehmung bereits durch Gewohnheiten oder gängige Theorien verstellt und in ein Raster gepresst wird.“ Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass man sich der eigenen Konditionierungen bewusst ist – und dieses Buch leistet dazu recht umfassend und gut verständlich Hilfestellung (und schon allein deshalb lohnt die Lektüre).

Darwin schlägt Kant ist auch eine gelungene Einführung in Erkenntnisfragen. So wird etwa nach wie vor darüber gestritten, ob es „das Ding an sich“ gibt oder wir nur die Erscheinungen, die in unserem Kopf entstehen, kennen, mithin also alles eine Illusion ist. So sehr ich persönlich die Weisheit aus dem Talmud schätze, die da sagt, wir sähen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind, so sehr steht mir auch Kants Auffassung nahe, dass es „ungereimt“ sei, anzunehmen, „dass die Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint.“ Und auch die Phänomenologie sagt mir zu, die annimmt, „dass die Phänomene, so wie sie in unserem Bewusstsein auftauchen, auch eine vom Bewusstsein unabhängige Quelle bewahren.“ Von nichts kommt nichts, weiss der Volksmund und überhaupt: Widersprüche existieren nur im Kopf, wir brauchen sie nicht aufzulösen, sondern zu akzeptieren lernen.

Es gehört zu den Vorzügen dieses sehr lesbar geschriebenen Buches, dass man dem Autor quasi beim Denken zusehen kann. Unter anderen setzt er sich mit Daniel Kahnemann, Nassim Nicholas Taleb, Friedrich Nietzsche, Max Stirner (für mich eine Entdeckung, ich kannte ihn bisher nur dem Namen nach), Popper, Hegel und der Frankfurter Schule auseinander und macht auch deutlich, wo er mit ihnen nicht einig geht. Und auch die gesellschaftliche Dimension kommt nicht zu kurz, was nicht zuletzt meint, dass Urbaniok sich unter anderem mit aufgeblähten Apparaten sowie einem Übermass an Regelungen auseinandersetzt.

So sehr es einleuchtet, dass man taugliche Standards entwickelt (also bestandene Prüfungen zur Ausübung bestimmter Berufe verlangt), so problematisch ist es, sich unbesehen darauf zu verlassen. „Wenn man eine häufig auftretende Krankheit hat, für die es gut etablierte und unstrittige Behandlungsmethoden gibt, kann man beruhigt sein. Für das Häufige und wenig Komplizierte macht es keinen grossen Unterschied, ob man von Herrn Dr. Meier oder Frau Dr. Müller behandelt wird. Hat man aber ein Problem, das nicht auf dem gut befestigten Pfad des Häufigen und Üblichen liegt, dann sieht die Sache anders aus.“ Er sei Buchhalter, sagte mir einmal ein Bekannter, doch kein diplomierter. Und darauf lege er Wert – er könne nämlich auch unübliche Fälle lösen.

Auch mit den Medien setzt sich Frank Urbaniok auseinander und macht etwa am Beispiel von Eva Herman (die sich weigerte, öffentlich Abbitte zu leisten und deswegen nach Strich und Faden fertig gemacht wurde) und der Migrantenberichterstattung deutlich, dass das Mediennarrativ eines ist, dass zwar vieles in Frage stellen darf, nur sich selber und die eigene Sichtweise nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Funktion der Medien die Erhaltung des Systems ist, das sie möglich macht. Medieneigner sind nunmal Stützen der Gesellschaft und keine Revolutionäre.

Ob die Funktion der Vernunft wirklich darin besteht, die Evolution zu unterstützen und zu fördern, bezweifle ich, weil wir solche Fragen schlicht nicht beantworten können (genauso wenig können wir beurteilen, ob das Universum Sinn und Zweck hat). Ich gehe eher davon aus, dass wir emotional und instinktiv stehengeblieben sind, die Vernunft sich unabhängig von den Emotionen weiter entwickelt hat und wir gelegentlich an ihr irre werden. Wie auch immer: Die Auseinandersetzung mit Frank Urbanioks Gedankenwelt erlebte ich als überaus lehrreich und bereichernd, denn hier ist ein eigenständiger, humanistisch orientierter Denker unterwegs.

Darwin schlägt Kant ist ein reichhaltiges, überzeugendes, hilfreiches und aussergewöhnlich anregendes Werk, das ich mit Gewinn gelesen habe.

Frank Urbaniok
Darwin schlägt Kant
Über die Schwächen der menschlichen Vernunft und ihre fatalen Folgen
Orell Füssli Verlag, Zürich 2020

William Trevor: Letzte Erzählungen

Da erschafft einer schreibend eine Welt, eine literarische Welt, geht mir bereits bei der ersten Erzählung durch den Kopf, in der eine Klavierlehrerin spürt, dass einer ihrer Schüler, ein scheuer junger Mann, Genialisches in sich hat. Allerdings bestiehlt er sie auch, doch angesichts des Wunders, dessen sie teilhaftig wird, tritt das in den Hintergrund. Am Rande: Die Klavierlehrerin hat nie geheiratet, unterhielt jedoch während Jahren eine Liebschaft mit einem verheirateten Mann, der eines Tages einfach nicht mehr kam, „doch nachgetragen hatte sie es ihrem Geliebten nicht, denn immerhin blieb ihr die Erinnerung an ein Glück.“ Auch die literarische Welt, jedenfalls die von William Trevor erschaffene, gibt weise Ratschläge fürs reale Leben.

Eine aussergewöhnliche Beobachtungsgabe zeichnet dieses Schreiben aus. „Die beiden Männer, die zu dem Gehöft gekommen waren, berieten sich miteinander, ohne zu reden, nickten und gestikulierten nur …“. Es gibt ein intuitives Verstehen des Lebens, das manchmal Menschen eignet, die wenig eloquent sind und sich nicht hinter der Sprache verstecken können.

„Aber wir sind, wie wir sind, nicht wie wir waren“, sagt eine Frau zu einer anderen. Wir bedürfen solcher Ermahnungen, um gegenwärtiger sein zu können. Und auch unser Glaube an den Wert der Erziehung gehört hinterfragt, damit wir die Dinge realistisch sehen. „Niemand hat ihr diese Fähigkeit beigebracht, aber sie ist ihr gegeben und sichert ihr den Lebensunterhalt.“

Es sind lebenserfahrene, nachdenkliche und höchst aufmerksame Texte, die in Letzte Erzählungen versammelt sind, die mehrheitlich von gescheiterter Liebe und vom Weggehen erzählen. „Ich war eine vorübergehende Laune im Leben eines verwöhnten Mannes, und du warst ihm alles“, tröstet die ehemalige Liebhaberin die Witwe.

Eindrücklich auch die Charaktere. Etwa Mrs Crasthorpe, die zwar wusste, dass sie ihrem verstorbenen Gatte unrecht tat, „aber schliesslich hatte sie sich schon zu seinen Lebzeiten daran gewöhnt, im Vorwürfe zu machen und konnte nicht anders, als damit fortzufahren.“ Oder Mary Bella, die meist in der Vergangenheit lebt. „Da die Erinnerung ihr nicht gestattete, vorbei zu sein, würde sie es nie sein. Die Beschädigungen verschwinden nicht etwa höflich, vielmehr setzen sie Dämonen frei. Es musste so sein, sie konnte sich nicht vorstellen, dass es sich anders verhielt.“

Letzte Erzählungen handeln vom Alltäglichen, vom Gewöhnlichen, den kleinen Kümmernissen und den einfachen Freuden, von Missverständnissen, hellsichtigen Erkenntnissen wie von Momenten des Glücks und der Trauer. Es liegt etwas Melancholisches über diesen Geschichten voller wunderbarer Formulierungen „Da sie ihrer Eitelkeit gehorchte, war das Grau in ihrem Haar künstlich abgemildert ….“ und subtiler Einsichten „Sie war nicht nur zu der Beerdigung gekommen, weil sie das Gefühl hatte, dass es von ihr erwartet wurde, sondern auch, weil sie es von sich selbst erwartete.“

Was mich ganz unbedingt für William Trevors Erzählkunst einnimmt, ist seine aussergewöhnliche Formulierungsgabe (hervorragend ins Deutsche übertragen von Hans-Christian Oeser). „Anthony wurde Kartograph und war selbst überrascht, dass er sich von einem Beruf, der ihn sofort interessierte und fesselte und in dem er, wie er herausfand, ebenso geschickt wie begabt war, nicht schon früher angezogen gefühlt hatte.“ Übrigens: „Die Welt des Kartographen, zu der er sich hingezogen gefühlt hatte, war rational und begreiflich, unbeeinträchtigt von jeglicher Phantasie. Er freute sich an ihrer Akribie und Präzision und erklärte sie sich so, wie sie es von ihm wollte, indem er alles verwarf, was nicht zweckgerichtet war.“

William Trevors zeitloses und lebensweises Schreiben macht die Welt wirklicher – und magischer.

William Trevor
Letzte Erzählungen
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Keigo Higashino: Unschuldige Täter

Seit ich vor einem Jahr drei Wochen durch Japan gereist bin, lese ich japanische Bücher neu – ständig tauchen Bilder in meinem Kopf auf, wähne ich mich vor Ort und mit dabei. Im Zug, im Hotel, bei den Begegnungen der Menschen. Den Umgang der Japaner mit Fremden erlebte ich als höflich und zuvorkommend, die gegenseitige Rücksichtsnahme in den immer vollen Zügen als vorbildlich – das Ellbogen-Gedränge am Flughafenbahnhof in Zürich bei meiner Rückkehr war ein regelrechter Schock.

In Harigaura, einem kleinen Ort an der Küste, findet eine Konferenz zur Erschliessung von Bodenschätzen auf dem Meeresgrund statt. Örtliche Umweltschützer sind skeptisch, befürchten irreparable Schäden, die Verantwortlichen wiegeln ab. Physikprofessor Yukawa nimmt als Experte teil.

Die Leiche eines älteren Mannes wird auf einem Felsen der Küste entdeckt, sein Ausweis identifiziert ihn als pensionierten Kommissar von der Mordkommission in Tokio. Physikprofessor Yukawa nimmt sich des Falles an. „Unsere Welt ist voller Rätsel. Und selbst die Lösung des kleinsten Rätsels macht mehr Spass als alles andere“, versucht er dem jungen Kyohei die Wissenschaft schmackhaft zu machen. Besonders sympathisch ist, dass die beiden gegenseitig voneinander lernen.

Ein wesentlicher Teil der Handlung spielt sich in und um die Pension Grüner Felsen ab, wo sowohl der tote Kommissar als auch Professor Yukawa, der für die Polizei in Tokio eine bekannte Grösse ist, abgestiegen waren und wo der junge Kyohei bei seinen Verwandten, den Betreibern der Pension und deren Tochter, seine Schulferien verbringt.

Es stellt sich heraus, dass der tote Kommissar nicht zufällig in Harigaura war. Die allmähliche Enthüllung des rätselhaften Todes wird nicht nur hoch differenziert geschildert, sondern mit Abstechern in den japanischen Weinbau, die Umweltschutzproblematik, den Tourismus und die Wissenschaft angereichert. Dabei versteht es Keigo Higashino hervorragend, die Spannung zunehmend zu steigern.

Den Krimi hier nachzuerzählen, scheint mir wenig sinnvoll, doch was ihn ausmacht ist dies: Einmal das spezifisch Japanische, das sich vor allem im Umgang der Menschen untereinander zeigt. Sie verhalten sich höflich, rücksichtsvoll, scheinen sich bewusst, dass alles mit allem verbunden ist – eine Tatsache, die uns wohl noch nie so bewusst gewesen ist wie in der heutigen Corona-Krise. Auch Unschuldige Täter macht diese Lebensvernetzungen deutlich – nach und nach werden die verschiedenen Puzzle-Teile aufgrund der umsichtigen Polizeiarbeit zu einem Ganzen gefügt „Neugier ist die stärkste Antriebskraft des Menschen. Eine Energiequelle sondergleichen“, sagt Yukawa einmal.

Darüber hinaus ist Keigo Higashino ein Meister der Details – und auf diese kommt es letztlich an. Und nicht zuletzt zeichnet sich dieser Kriminalroman auch dadurch aus, dass er in Gestalt des Physikprofessors Yukawa über die Wissenschaft aufklärt. Heftig fährt er die Umweltschützerin Narumi, die Tochter des Ehepaars, das die Pension führt, an: „Sie sind vielleicht eine Expertin in puncto Umweltschutz, aber von der Wissenschaft verstehen Sie leider nichts. Was genau wissen Sie von der Erschliessung von Rohstoffquellen auf dem Meeresboden? Wenn Sie wirklich beides wollen, brauchen Sie Kenntnisse und Erfahrungen auf beiden Gebieten.. Es ist eine arrogante Haltung, nur eins davon für wichtig zu halten. Nur wenn man auch die Arbeit der anderen Seite achtet, öffnet sich ein Weg zu einem Kompromiss.“

Fazit: Raffiniert aufgebaut, packend geschrieben, reich an überraschenden Wendungen.

Keigo Higashino
Unschuldige Täter
Tropen Verlag, Stuttgart 2020

Andrea Gerk: Lesen als Medizin

Es gibt viele Gründe, Bücher zu lesen. Um den Horizont zu erweitern, um getröstet zu werden, um sich nicht alleine zu fühlen, um der Welt zu entfliehen. Mir selber ist vor allem wichtig die Identifikation. Wie vielen Jugendlichen so hat auch mir die Hermann Hesse-Lektüre den Weltschmerz gelindert.

Bücher können „seelisch verwendbar“ sein, wie es so wunderbar treffend in Doktor Kästners Lyrischer Hausapotheke  heisst und selbstverständlich haben sie auch das Potential, zur Sucht zu werden. Doch davon soll hier nicht die Rede sein, sondern vom Gegenteil, vom Lesen als Medizin, wie Andrea Gerk ihr sehr gelungenes Werk überschrieben hat.

Lesen bedeutet mir auch immer wieder Staunen. Etwa darüber, dass Lucrez zu einer Zeit, in der christliche Dogmen das Denken und Handeln der Menschen bestimmten, mit seinem De rerum natura  ein atomistisches Weltbild entwarf, das zeigt, dass es auch damals Freigeister gab, die nicht an eine göttliche Vorsehung glaubten.

Es ist höchst beeindruckend, was die sehr belesene Andrea Gerk da alles zusammengetragen hat. So erfährt man etwa, dass  das Lesen bei jungen Straftätern in Dresden als pädagogische Strafmassnahme angewandt wird. „Siebzig bis hundert Buchbesprechungen werden in Dresden pro Jahr verordnet zu Themen wie Gewalt, Drogen, Fremdenfeindlichkeit, Sucht, sexueller Missbrauch.“ Oder wie wichtig das Zuhören ist. Anstatt die übliche Krankengeschichte abzufragen, fragt zum Beispiel eine amerikanische Medizinerin zu Beginn der Konsultation: „Bitte erzählen  Sie mir, was Sie glauben, was ich über Ihre Situation wissen sollte.“ Das nennt sich „Narrative Medizin“ und dazu gehört, genau hinzuhören „wie ein Patient seine Leidensgeschichte schildert, aber auch, wie er sein Umfeld, seine Biografie darstellt.“ 

Wir leben ja in einer Zeit empirischer Nachweise, wo nichts vor unserem Drang zu messen sicher ist. Auch nicht das Geheimnis des Lesens. „Wenn empirisch nachgewiesen werden kann, weshalb Lesen Vergnügen bereitet oder wie Spannung und Entspannung entstehen, könnten solche Erkenntnisse unter anderem dazu beitragen, die Leseförderung zu optimieren.“

Mir leuchtet zwar nicht ein, weshalb ständig irgendetwas optimiert werden soll (eine Zeitkrankheit!) und ziehe das Geheimnis dem Wissen oftmals vor, doch andererseits erwarte ich von Büchern eben auch, dass sie mir Sachen zeigen, auf die ich selber wohl nicht gekommen wäre. Und in dieser Hinsicht ist Lesen als Medizin eine echte Bereicherung, denn da wimmelt es geradezu von phantasieanregenden Hinweisen. Für den Büchernarr ist dieses Werk eine wahre Schatztruhe.

Zudem wird man darüber informiert, wie „Biblio- und Poesietherapeuten, Schreibwerkstätten und Lesegruppen zu Werke gehen“, dass es bereits im 18. Jahrhundert in psychiatrischen Kliniken üblich gewesen sei, „Lesestoff wie Medizin zu verabreichen“ und dass die „vermeintliche Sucht- und Seuchengefahr des Romanlesens“ unter dem Stichwort ‚Lesesucht‘ in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

Dass und wie wundersam die Literatur wirken kann, zeigt Lesen als Medizin unter anderem am Beispiel ganz vieler Autoren. Und an Andrea Gerks eigenem Beispiel. Dass und wie sie darüber schreibt, ist auch eine Form der Therapie. Und vielleicht sogar wirksamer als das Lesen. Nur eben: ohne das Lesen wäre dieses Schreiben wohl kaum möglich gewesen.

Andrea Gerk
Lesen als Medizin
Die wundersame Wirkung der Literatur
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

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