Ralleyfahrer Tarvainen rast über die schneebedeckten finnischen Strassen, als plötzlich eine Detonation ertönt – Wagendach und Beifahrersitz sind durchlöchert. „Wie gut, dass er eine Flasche Schnaps genossen hatte. Hätte er das nicht getan, würde ihn der Anblick vermutlich verstören.“ Der für den Schaden verantwortliche Meteorit wird im Militärmuseum des Dorfes von Freiwilligen bewacht (das Dorf kann sich keinen Sicherheitsdienst leisten), doch dann wird eingebrochen.
Der Pfarrer („Ich habe eine halbe Stunde in der Bibel gelesen und dann ausgiebig in einem Roman von James Ellroy.“), der in der besagten Nacht den Bewachungsdienst versieht, nimmt prompt die Verfolgung auf. Wieder geschieht eine Detonation, diesmal fliegt einer der Einbrecher in die Luft. Bei seiner Rückkehr stellt der Pfarrer, der auch über eine Nahkampfausbildung verfügt, fest, dass der Meteorit noch immer an seinem Platz liegt.
Gestohlen worden war eine Granate, von der die Polizisten glauben, dass sie bestimmt nicht mehr scharf gewesen sein könne. „Ich sehe die Polizisten an und denke, dass die Wirklichkeit bisweilen Vermutungen weit überlegen ist.“ Es stellt sich heraus, dass auch zwei Russen an dem Meteoriten interessiert sind.
Wie das in Dörfern und Kleinstädten so ist, alle wissen alles über alle. Und es dauert meist nur Sekunden, dass, kaum ist etwas passiert, alle davon wissen. Antti Tuomainen beschreibt das so: „Manchmal denke ich, dass ich mir zu Hause meinen Zeh an der Türschwelle anschlagen könnte, und eine Viertelstunde später würde jemand anrufen und fragen, wie es dem Fuss geht.“
Klein Sibirien spielt in Ost-Finnland, in Hurmevaara (bestehend aus einer Haupt-, einigen Neben- und dutzenden Seitenstrassen, die sich in den endlosen Wäldern verlieren), nahe der russischen Grenze, wo der Schnee senkrecht aus den Wolken fällt und die Stille zumeist derart ist, dass man schon mal an seinen Sinnen zu zweifeln beginnt.
Die Frau des Pfarrers ist schwanger. Er ist eifersüchtig, nicht ohne Grund, denn er ist zeugungsunfähig, was er ihr jedoch verheimlich hat. Seine Eifersucht frisst ihn auf, bestimmt sein Leben. „Ich frage mich, ob Krista die Literaturübersetzerin, fähig wäre, sich einem Analphabeten hinzugeben. Die Lust kann mit den Menschen so einiges anstellen. Der Mensch ist Fleisch. Die Brunft ist keine Frage der Grammatik.“
In finnischen Dörfern und Kleinstädten ist normalerweise nicht gerade wahnsinnig viel los, weshalb es denn auch absolut verblüffend ist, dass Antti Tuomainen es schafft, mit Klein Sibirien nicht nur eine sehr lustige, sondern auch ausgesprochen spannende Geschichte zu erzählen. Und mit Pfarrer Joel Hutha hat er eine Figur geschaffen, die auch immer wieder mit existenziellen Fragen konfrontiert wird. So wird er etwa in schöner Regelmässigkeit von einem Mann aufgesucht, der gerne definitive Antworten auf das Rätsel unserer Existenz hätte. „Ich sehne mich nach Gottes Schutz und Segen, finde den aber schneller beim Bier.“ Wenn nur der Hangover nicht wäre, denn das Ausnüchtern „ist wie ein Werk des Teufels.“
Während der Pfarrer durch den finnischen Schnee stapft, gehen seine Gedanken auch zu seinem verstorbenen Vater, der ebenfalls Pfarrer war, doch kein zweifelnder, wie er selber, sondern einer voller Selbstgewissheit, der immer recht hatte und an seiner eigenen Besserwisserei starb. Antti Tuomainen ist auch ein Philosoph, und wie alle guten Philosophen, einer mit viel Humor.
„Am Ende geht es nicht um Gefühle, sondern um Taten. Gefühle geben nicht immer wieder, wie die Dinge wirklich liegen, was wirklich getan werden muss, was wirklich das Klügste wäre. Hinzu kommt, dass wir alle jederzeit irgendetwas fühlen. Wenn Beethoven, Henry Ford und Josephine Cochrane ihre Tage damit verbracht hätten, darüber nachzusinnen, wie sie sich fühlten, hätten wir keine Symphonien, Personenkraftwagen und Spülmaschinen.“
Fazit: Gut geschrieben, überaus witzig, reich an trefflichen Einsichten und voller überraschender Wendungen.
Antti Tuomainen
Klein Sibirien
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2020




