Gerald Kersh: Hirn und zehn Finger

Der mir bislang unbekannte, 1911 in Teddington-on-Thames, London geborene Gerald Kersh, war „während des Zweiten Weltkriegs der meist gelesene Schriftsteller des Vereinigten Königreichs“, wie ich aus den informativen und aufklärenden Nachbetrachtungen zu Leben und Werk des Autors von Angelika Müller und Frank Nowatzki erfahre. Er starb 1968 mittellos als amerikanischer Staatsbürger in Kingston, New York. Und in mir denkt es: Schon eigenartig, wie das Leben so spielt, wer vergessen wird und wer nicht. Doch man kann ja dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Und genau das tut der Berliner Pulp Master Verlag, indem er Kershs Werke herausgibt.

Hirn und zehn Finger spielt 1943, im damaligen Jugoslawien, und handelt vom Widerstand gegen die Besatzer. Der Autor bezeichnet die Widerstandskämpfer in dieser Geschichte als nicht zu einer politisch oder nationalistisch motivierten Gruppe gehörig. „Es sind einfach nur Slowenen, Kroaten und Serben – Menschen aus Jugoslawien, die kämpfen. Gott sei Dank!“ In der Hauptsache ist dieses Buch jedoch eine Geschichte vom Guten im Menschen, der Pflicht und der Liebe – und wird aus der Sicht verschiedener Beteiligter geschildert.

„Im wahren Menschen verbirgt sich ein Licht, das in der Finsternis zum Vorschein kommt“, so der Gerald Kersh, der dieses Buch „für gute Menschen in Bedrängnis“ geschrieben hat, deren „unerschütterlichen Geist“ er bewundert. Einer der Menschen, die diesen Geist verkörpert ist Klemen, den er als Baum charakterisiert. „Stellt euch einen Baum vor, einfach einen Baum, der auf einem Hügel in die Höhe ragt. Ihr betrachtet diesen Baum und erkennt, dass er gut ist, so gut, dass er zu gut ist, um ihn als Nutzholz zu fällen … dass etwas in ihm steckt, dass mehr ist als nur gesunde Eiche oder Fichte oder was auch immer: etwas Grundsolides. So in etwa ist Klemen.“

Wunderbar! Da weiss einer, dass es gute Menschen gibt. Und dass das, was sie ausmacht, ihre Standfestigkeit und ihr Mut ist. Gerald Kersh drückt das in einfacher und klarer Sprache aus, ohne das moderne Relativieren in Gestalt von „zwar, aber“ und „es kommt drauf an“. Übrigens: Gute Menschen reden auch mit Regenwürmern …

Die Widerstandskämpfer machen sich daran, im Wald eine Brücke zu bauen. Klemen führt die Gruppe an. „Sie nennen mich einen Narren. Weil ich nicht sehe, was schlaue Menschen sehen. Ich spüre nur, was richtig ist, und weiss nie, warum. Ich weiss nur in meinem Inneren, was richtig ist und falsch. Weisst du’s erst mal, machst du dich an die Aufgabe. Du machst, was die Möglichkeiten erlauben.“ Dies die Philosophie, von der dieses Werk geprägt ist.

Wir leben in Zeiten, in denen das Vermeiden von Konflikten höchste Priorität geniesst. Gerald Kershs Haltung ist eine ganz andere. Er glaubt, dass man durch die Hölle gehen muss, dass grosse Schwierigkeiten das Beste oder das Schlechteste in uns hervorbringen, uns stark machen oder brechen. „Ja, im Sturm beweist sich das Boot, angesichts grosser Schwierigkeiten der Mann. Jeder von uns dort hatte seine Portion Unglück zugeteilt bekommen und einige mehr als nur diese Portion.“ Da beklagt sich einer nicht über sein Schicksal, er stellt sich ihm, nimmt es an und versucht, es ins Gute zu formen.

Es sind eindrückliche, berührende Porträts, die der Autor von den ganz unterschiedlichen Widerstandskämpfern zeichnet, die der Hass auf den Feind vereint. „Menschen, die das Gleiche hassen, wachsen enger zusammen als Menschen, die das Gleiche lieben.“ Doch Hirn und zehn Finger handelt nicht vom Hass, sondern von guten, anständigen Menschen wie etwa dem feinsinnigen, verwundeten Janez oder der schönen, sensiblen, vom Feind entführten und in der Seele verletzten Jeriza.

Immer mal wieder fühlte ich mich an Viktor Frankl erinnert, der einmal meinte, es gebe nur zwei Rassen: die Anständigen und die Unanständigen. Und hinzufügte: Da die Anständigen in der Minderheit seien, müsse man diese stärken. Gerald Kersh trägt mit Hirn und zehn Finger dazu bei.

Gerald Kersh
Hirn und zehn Finger
Pulp Master, Berlin 2024

Julian Hans: Kinder der Gewalt

Der Mensch will verstehen, doch da das Universum viel zu mysteriös ist, um es verstehen zu können, behilft er sich damit, die Wirklichkeit auf für ihn Verständliches zu reduzieren. Zu den vielen Dingen, die wir nicht verstehen, gehört die Gewalt und die Grausamkeit, die, so scheint es zumindest, in Russland ganz besonders ausgeprägt ist. Diese zu erklären hat sich der Journalist Julian Hans in Kinder der Gewalt vorgenommen, worin er anhand von fünf spektakulären Verbrechen aufzeigt, „wie sich Gewalt und Erniedrigung in das Leben der russischen Menschen gefressen haben.“

Erfreulicherweise wird für einmal nicht der Versuch unternommen, Putins Psyche oder die russische Politik verständlich zu machen, denn so recht eigentlich gibt es hier nichts zu verstehen, es genügt meines Erachtens, zu konstatieren, was von denen, die offenen Sinnes sind, wahrgenommen werden kann. „Seit Februar 2022 ist klar, dass die einzige Sprache, die Wladimir Putin versteht, die Sprache der Macht ist und ihr Dialekt die Gewalt.“ Es gab nicht wenige (nicht die von Gier angetriebenen Wandel-durch-Handel-Naivlinge), denen das schon lange vorher klar war.

Gier und Korruption regieren gemäss Julian Hans Russland; die auf verbindlichen Regeln gründende europäische Ordnung ist in Gefahr, sollte das russische Recht des Stärkeren die Oberhand gewinnen. Denn darum geht es in der Ukraine: um zwei nicht kompatible Gesellschaftsordnungen.

Keine Rechte zu haben, Erfahrungen der Schutzlosigkeit und des Ausgeliefertseins, gehören laut Julian Hans zu den Gründen, weshalb die Russen sich staatliche Willkür und Grausamkeiten gefallen lassen. Er zitiert eine Moskauer Psychologin: „Eine stabile Basis kann nur das Gefühl sein, dass ich Rechte habe und dass man nicht alles mit mir machen darf. Und wenn man diese Rechte verletzt, dann hilft mir jemand.“ Sicher, der Rechtsstaat ist ein Fortschritt, doch solange er einen Mann wie Trump oder Wirtschaftsanwälte möglich macht, eben noch weit entfernt von dem, war wir (zumindest einige) uns von ihm erhoffen: Gerechtigkeit.

Was Kinder der Gewalt für mich wesentlich auszeichnet, ist das Aufzeigen der Folgen besonders der sexuellen Gewalt, deren Auswirkungen nicht nur mannigfaltig sind, sondern das gesellschaftliche Miteinander vergiften. „Die Zerstörung, die die Vergewaltigung angerichtet hat, bringt die Gesellschaft zu Ende: die Verachtung der Mitschülerinnen, das Achselzucken der Polizisten, die Vorwürfe der Eltern.“

Sich in dieses Buch zu vertiefen, bedeutet, sich mit Ereignissen, Zuständen und Vorstellungen zu konfrontieren, die man (klar doch, ich rede von mir) nicht mit Zivilisation assoziiert, wo sich Recht und Unrecht in der Regel unterscheiden lassen. „Kriminelle Welt, kapitalistische Wirtschaft und der Staat sind oft schwer zu unterscheiden. Die Grenzen sind fliessend, Akteure wechseln die Seiten.“

Selbstaufopferung, Sterben fürs Vaterland, der Tod für eine gerechte Sache gehören in Russland zum Repertoire der patriotischen Reden. Genau so wie die sogenannt traditionellen Werte, die immer dann hervorgeholt werden, wenn es wirtschaftlich nicht so läuft, wie man glaubt, dass es laufen sollte. Wer, um Himmels Willen, fällt bloss auf sowas rein?!

Dazu kommt: Dass man dafür, dass die Polizei aktiv wird, bezahlen muss, erinnert an Staaten, in denen üblicherweise Entwicklungshelfer tätig sind. Doch es gibt auch Widerstand wie etwa die Überfälle auf Polizeiposten von sechs jungen Männern, der ‚Partisanen von Primorje‘, nahe der chinesischen Grenze, die auf Begeisterung in der Bevölkerung stossen. Überhaupt ist das Leben in Russland ausgesprochen vielgestaltig und nicht wirklich fassbar – genau so wie überall auf der Welt.

Von der „russischen Seele“ und der Feststellung, „die Russen“ seien eben wie sie seien und nicht so wie „wir“, hält Julian Hans wenig bis gar nichts; er bevorzugt einen nüchternen Blich auf das, was ist und erklärt sich vieles mit den Erfahrungen, die die Russen gemacht haben bzw. den geschichtlichen Entwicklungen. Mit anderen Worten: er bedient sich der heutzutage gängigen Sichtweise, gemäss der die Menschen über ihr Schicksal bestimmen. Doch ist dem so? Keine Ahnung. Manchmal scheint es so, dann wieder nicht.

Gut geschrieben, vielfältig aufklärend und einleuchtend argumentierend – eine eindrückliche Bestandsaufnahme der grösstenteils unbekannten russischen Realität.

Julian Hans
Kinder der Gewalt
Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen
C.H. Beck, München 2024

Michaela Haas: 108 Arten, dem Leben einen Sinn zu geben

Sinngebung gehört nicht mehr zu dem, was mich wesentlich umtreibt, denn was wir als Sinn erkennen können, ist nur gerade, was unser Hirn uns vormacht. Und das ist, so weit wir wissen können, selten mehr als eine Illusion. Trotzdem macht mich dieses Buch neugierig, denn meine Einsichten haben gegen das biologisch in uns angelegte Bedürfnis nach Sinn keine Chance.

Michaela Haas schildert anhand von 108 Zitaten „aus den zwanzig beliebtesten Büchern in O.W. Barths hundertjähriger Geschichte“ (offenbar handelt es sich hier um eine Auftragsarbeit des Verlages) die mannigfaltigen Erfahrungen, die sie auf ihrer eigenen Sinnsuche gemacht hat. „Es gehört für mich zu den faszinierendsten und wichtigsten Aspekten der Achtsamkeit, dass wir sie zwar zur Eigenschau nutzen, sie aber gleichzeitig das Ego schwächt. Denn wenn wir nach innen schauen, entblössen wir gleichzeitig die Essenz des Lebens, die uns mit allen anderen Lebewesen verbindet.“

Weisheiten, um ihren Sinn zu entfalten, gehören gelebt. Was voraussetzt, dass sie uns erreichen. Ob und wie das geschieht, ist ziemlich rätselhaft. Mir selber geht es dabei ähnlich wie Michaela Haas. „Manchmal höre ich einen Satz erst wirklich, wenn er von Charlotte Joko Beck kommt, einer geschiedenen Mutter von vier Kindern, manchmal erkenne ich eine Einsicht erst in den Worten von Thich Nhat Hanh, dem vietnamesischen Zen-Mönch.“ 

Viele gescheite Einsichten werden in diesem Buch zitiert, entscheidend ist jedoch, ob sie praktiziert werden. Michaela Haas lässt uns daran teilhaben, wie sie selber dabei vorgeht. So ist ihr etwa die Motivation („Was ist das Leben, das zu führen mir aufgegeben ist?“) wichtig, genau so wie die regelmässige Praxis (mindestens zwölf Minuten am Tag; wie man da drauf kommt, lesen Sie im Buch). Sie probiert vieles aus (Meditation, Yoga, Surftherapie, Qigong …) und zitiert für mein Dafürhalten etwas arg oft sogenannte Experten (eine Journalistenkrankheit), die allerdings selten mehr sagen als mens sana in corpore sano.

Die unprätentiöse Sprache und die Offenheit der Autorin sind erfrischend. „Als ich zum ersten Mal Anapanasati im Dschungel von Thailand lernte, fand ich es ehrlich gesagt grauenvoll langweilig. Einatmen, ausatmen, immer dasselbe. Ich nutzte die Methode nach dem Retreat eine Weile, um vor dem Einschlafen meine Gedanken zu beruhigen. Heute weiss ich: Wenn ich mich langweile, ist das ein Zeichen, dass ich nicht präsent bin. Kein Augenblick gleicht dem nächsten.“ Kein Augenblick gleicht dem nächsten? Wunderbar! So habe ich das noch nie gesehen.

Michaela Haas ist eine höchst umtriebige Journalistin, was sich einerseits darin zeigt, dass sie sich mit sogenannt wichtigen Leuten trifft, und andererseits viele Studien zitiert, die in der Regel bestätigen, was man eh schon weiss. So ist etwa jedem und jeder geläufig, dass wir selten im Hier und Jetzt sind, und genau so, dass die Konzentration auf das, was gerade ist, geeignet ist, dem entgegenzuwirken.

Sehr schön fasst sie zusammen: „Es klingt paradox: Wir brauchen eine solide Motivation, um uns der Meditationspraxis zu widmen, aber gleichzeitig betonen Meditationsmeisterinnen die Absichtslosigkeit unseres Unterfangens. Wohin wir auch wollen, wir sind schon da.“ Allerdings ist das nur für unsere Art zu denken paradox, denn wenn wir genau hinschauen, erkennen wir, dass Widersprüche nur in unserem Kopf existieren.

Ganz besonders gefällt mir an diesem Buch, dass es mich immer mal wieder zum Lachen bringt. Als Jon Kabat-Zinn, den sie etwas gar ausführlich zitiert, auf Zen aufbauend seine eigene Stressreduktion entwickelt, darauf hingewiesen wurde, dass Meditation doch eine östliche Technik sei, scherzte er: „Wenn Meditation buddhistisch sei, müsse die Schwerkraft britisch sein, schliesslich habe Isaac Newton sie entdeckt.“ Und als ihr eine („die vermutlich berühmteste Psychotherapeutin in London seit Sigmund Freud“) mittlerweile fast Achtzigjährige ihr Erfolgsrezept für eine normale, gesunde Figur verrät („Iss, wenn du Hunger hast. Iss, was dir guttut. Hör auf, wenn du satt bist.“) kommentiert Michaela Haas: „So einfach ist das. Wenn es nur so einfach wäre.“ 

So nachvollziehbar das (Wenn es nur so einfach wäre) ist, es ist ein Denkfehler. Anders gesagt: Wir denken zwar so (falsch), doch wir könnten auch anders denken (richtig). So sagte einmal ein über hundertjähriger japanischer Zen-Meister, als er gefragt wurde, wie man denn friedlich und gelassen leben könne: Es ist ganz einfach, man muss es nur tun.

So recht eigentlich drehen sich die Ausführungen in diesem Werk wesentlich darum, sich des Lebens, so wie es ist, gewahr zu werden. Was genau damit gemeint ist, wird auf vielfältige Art und Weise und anhand ganz vieler an der Praxis orientierter Beispiele erläutert – und damit nicht nur nachvollziehbar gemacht, sondern auch eindrücklich erhellt. Aha-Momente sind garantiert.

Michaela Haas
108 Arten, dem Leben einen Sinn zu geben
Inspiriert von den grossen Weisheitslehren
O. W. Barth, München 2024

Lisa Kaltenegger: Alien Earths

Die Vorstellung, wir seien die einzigen bewussten Lebewesen im Universum, sei ziemlich furchterregend, sagte sinngemäss der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke. Und fügte dann hinzu: Die Vorstellung, wir seien nicht die einzigen, sei allerdings genau so furchterregend.

Wie will man eigentlich herausfinden, ob es ausserirdische Planeten und ausserirdisches Leben gibt? Man sucht mit Weltraumteleskopen, fahndet nach Radiosignalen. Bei den gigantischen Distanzen zwischen den Sternen ein extrem schwieriges Unterfangen. Doch wonach sucht man eigentlich? Man sucht nach dem, was wir bis jetzt als das Grundgerüst des Lebens begreifen: Flüssigem Wasser und Kohlenstoff.

Wie hat das Leben auf der Erde eigentlich begonnen?, fragte sich Lisa Kaltenegger, die Leiterin des Carl Sagan Institute für die Suche nach Leben im All an der Cornell University, bevor sie sich auf die Suche nach Leben im Kosmos begab. Und war dann ganz erstaunt, dass die Wissenschaft dies bis heute nicht weiss. Was man hingegen weiss, ist, dass zwei Voraussetzungen erfüllt sein müssen: „Wasser und eine Oberfläche, an der Chemikalien aneinander haften bleiben können.“

Mal angenommen, man findet ausserirdische Lebewesen. Vermutlich kommunizieren die nicht auf Englisch, Spanisch oder Chinesisch; wie also dann? Lisa Kaltenegger machte ein Experiment und versuchte, mit einer Qualle zu kommunizieren – ohne Erfolg, und das, obwohl die Qualle direkt vor ihr war. Wenn wir also schon beträchtliche Schwierigkeiten haben, mit Bewohnern „unseres“ Planeten zu kommunizieren, wie soll das eigentlich gehen mit potentiell gescheiteren Bewohnern von anderen Planeten?

„Seit 1995 der erste extrasolare Planet entdeckt wurde, haben Astronomen in unserer kosmischen Nachbarschaft mehr als 5000 weitere gefunden. Es ist fast unglaublich, doch seit der ersten Entdeckung kam im Schnitt jeden zweiten Tag eine neue Welt hinzu. Dabei haben wir bislang nur die leicht zu findenden erspäht – die Spitze des Eisbergs.“

Mit anderen Worten: Das Universum ist viel verrückter und unfassbarer als wir es uns vorstellen können. Doch der Mensch ist ein suchendes Wesen, das verstehen will. Also versucht er Ordnung in diesen immensen Kosmos zu bringen. Heute wissen wir, „dass die meisten Sterne nicht allein sind – sie werden von Planeten umkreist, deren Licht zwar zu schwach ist, um sie mit einem Blick am Firmament zu erkennen, aber wir wissen, dass es sie gibt.“

Lisa Kaltenegger erläutert, dass ein Objekt, das um einen Stern kreist, Planet genannt wird, und Mond heisst, wenn das Objekt um einen Planeten kreist. Der Blick auf unser Sonnensystem lehrt uns, dass alle Planeten in gleicher Richtung um die Sonne kreisen. „Das heisst, dass sich die Planeten aus Material gebildet haben, das sich um die junge Sonne bewegte.“

Woher weiss man eigentlich, dass die Erde viereinhalb Millionen Jahre alt ist? Von Gesteinsbrocken, sogenannten Meteoriten, die radioaktives Material enthalten, das zerfällt – und dieser Zerfall lässt sich zeitlich messen. Es sind solche und ganz viele andere faszinierende Informationen – etwa: dass unser Sonnensystem aus acht Planeten (Merkur, Venus, Mars …) sowie Hunderten von Monden besteht – , die sich in diesem gut geschriebenen Werk finden.

Alien Earths ist überaus geeignet, unser Weltbild zu erweitern. „Unsere Sonne ist einer von über 200 Milliarden Sternen unserer Milchstrasse. Unsere Galaxie ist wiederum nur eine von Milliarden von Galaxien da draussen, manche mit mehr, andere mit wenigen Sternen als unsere. Die Schätzungen liegen bei mehr als rund einer Billion Sterne in den grössten Galaxien und einer Million Sterne in den kleinsten.“ Dazu kommt, dass sich in Gaswolken im Universum ständig neue Sterne bilden … Verwirrender geht kaum. Und das Zitat von Douglas Adams, das dem Kapitel „Was ist Leben?“ vorangestellt ist, bringt es auf den Punkt: „Die Tatsache, dass wir am Grund eines Gravitationsschachts, auf der Oberfläche eines von einer Glashülle umgebenen Planeten leben, der sich um einen 90 Millionen Meilen entfernten atomaren Feuerball dreht, und das für normal halten, deutet zweifellos darauf hin, wie schräg unsere Perspektive manchmal ist.“

Alien Earths lehrt einen nicht nur viel über den Kosmos, sondern auch über uns selbst. Man staunt darüber, was wir alles wissen, und noch mehr darüber, was wir alles nicht wissen – und entdecken dürfen. Dieses Buch ist auch ein Plädoyer für die Wissenschaft. „Die wissenschaftliche Methode ist schonungslos in dem Sinne, als sie sich nicht danach richtet, was man zu finden hofft. Aber das ist auch ihre grösste Stärke: Daten müssen Ideen bestätigen, und neue Einsichten formen neue Theorien und verdrängen überholte Annahmen.“

So vielfältig informativ dieses Buch auch ist (dass Zellen so winzig sein können, dass ein paar Tausend zusammen nur einen Millimeter Platz einnehmen, war mir genau so neu wie die Tatsache, dass wir nur mit „einem sehr kurzen, kostbaren und flüchtigen Moment der Erdgeschichte vertraut“ sind), es ist darüber hinaus auch deswegen überzeugend, weil es uns mitnimmt an die Orte, von Korsika zum Yellowstone-Nationalpark, an denen der Humor-Begabten Lisa Kaltenegger Wesentliches aufgegangen ist.

Fazit: Eine wunderbar instruktive Entdeckungsreise!

Lisa Kaltenegger
Alien Earths
Auf der Suche nach ausserirdischen Planeten und ausserirdischem Leben
Droemer, München 2024

Rients R. Ritskes: Lerne zu denken, was du denken willst

Warum sollte ich ein Zen-Buch von einem Holländer lesen? Wäre es nicht gescheiter, mich mit einschlägigen Werken von Japanern zu beschäftigen? Nun ja, eines meiner ersten Zen-Bücher stammte auch von einem Holländer (Janwillem van de Wetering: Der leere Spiegel), und Japaner sind mir nicht unvertraut (Daisetz Teitaro Suzuki, Shunryu Suzuki); dazu kommt:: Der Blick von ausserhalb der angestammten Kultur ist generell hilfreich. „Japanische Mönche sind in der Regel nicht sehr motiviert. Viele von ihnen sitzen ein paar Jahre im Kloster ab, um danach als Nachfolge-Priester in die Fussstapfen ihrer Väter zu treten.“

Mühe habe ich hingegen damit: „Vor dreissig Jahren wurde mir vorgeworfen, ich würde Zen zweckentfremden und die Erleuchtung verhökern, indem ich Führungskräfte in Zen unterrichtete. Ich verfolgte dabei jedoch sehr banale, irdische Ziele, wie Menschen zu einer besseren Konzentration und einem besseren Schlaf zu verhelfen.“ Was er hier nicht erwähnt Zu seinen banalen, irdischen Zielen gehört auch sein Geschäftsmodell, das in den Niederlanden mittlerweile 40 Niederlassungen umfasst. Ob mit Zen Geld verdienen und Zen-Meditation zusammengehen, soll jeder für sich selber entscheiden.

Ein anderer, nicht ganz unproblematischer Aspekt ist, dass gemäss dem Autor das Ziel wichtig ist. Doch ist das nicht dem Geist des Zen entgegengesetzt, bei dem der Fokus gerade nicht auf dem Ziel liegen, sondern absichtslos sein soll? Rients R. Ritskes führt sechs Gründe an, weshalb sich Zielsetzungen und Zen gut verbinden lassen. Der für mich einleuchtendste besteht darin, dass, sofern wir kein Ziel bestimmen, von unbewusstem Verlangen gesteuert werden, das auch die Ziele anderer beinhalten kann. Fragen lässt sich allerdings auch, ob wir ohne Ziele (die nichts anderes als fokussierte Motivation sind) überhaupt leben können. Ein realistisch-spirituelles Ziel hat Eugen Herrigel in Die Kunst des Bogenschiessens formuliert: „Das Unbewusste und Bewusste in Harmonie bringen.“

Rients R. Ritskes drückt sich klar und nachvollziehbar aus, bedient sich einer einfachen Sprache. Gut aufgebaut ist sein Buch obendrein. Und auch von praktischem Nutzen. Gleichzeitig fand ich seine Ausführungen auch immer mal wieder irritierend. Dazu gehört sein Denkmodell, das auf den Denkprozess einwirkende Prozesse darstellen soll und bei dem er das persönlich Bewusste, das darunter liegende persönlich Unbewusste, darunter das kollektive Unbewusste, und darunter das Einheitsbewusstsein unterscheidet. Abwegig ist das zwar nicht, doch mehr als eine Annahme eben auch nicht, denn wissen können wir das nicht. Und erfahren genau so wenig.

Unverarbeitete Erfahrungen und die dazugehörigen Emotionen nennt er Bubbles – und die müssen genau betrachtet werden, denn sie lenken uns ab. Sowohl die negativen als auch die positiven. Es geht also wesentlich darum, sie in unser Bewusstsein zu bringen, damit dieses klarer wird, denn ein klares Bewusstsein erlaubt uns, unsere Gedanken darauf zu richten, „was im jetzigen Moment wichtig ist.“

„Bedürfnisse sind im Endeffekt unverarbeitete Erfahrungen“, schreibt er. Das mögen andere verstehen, ich tue es nicht. Auch erschliesst sich mir lange nicht, was er mit „verarbeiten“, auf das er grossen Wert zu leben scheint, meint. Ich hatte mit diesem Begriff schon immer meine liebe Mühe – wie man Holz verarbeitet, verstehe ich, wie man einen Verlust verarbeitet, ist mir hingegen schleierhaft. Rients R. Ritskes erläutert: „Wer sich nach einem Konzert die Zeit nimmt, zu meditieren, gibt sich eher die Chance, auch die Konzert-CD mit offenem Ohr zu hören. Der Grund dafür ist einfach. Man hat sich hingesetzt, das Konzert ’nach-genossen‘ und es verarbeitet, sprich losgelassen.“

Etwelche Schwierigkeiten hatte ich auch mit dem für mein Empfinden übertriebenen Psychologisieren. So behauptet er etwa, es sei „essenziell, mit unserer Vergangenheit ins Reine zu kommen.“ Keine Frage, das findet heutzutage vermutlich so ziemlich jeder und jede, auch wenn ich selber den Zusammenhang mit Zen, in dem das Hier und Jetzt entscheidend ist, nur schwer sehen kann.

Nun gut, die Zeit, als ich Bücher vorwiegend zur Selbstbestätigung gelesen habe, liegt schon lange zurück; heutzutage geht es mir mehr darum, auf nützliche Art und Weise angeregt zu werden – und genau das tut dieses Buch, das sich auch mit Projektion („Der effektivste Weg zu einer sauberen Wahrnehmung der Wirklichkeit, frei von Projektion, ist Reflexion.“), selektiver Wahrnehmung, Symbolen, Ritualen und anderem mehr auseinandersetzt.

Lerne zu denken, was du denken willst ist zudem reich an Anekdoten, die der Autor mit Kursteilnehmern erlebt hat, und die auf vielfältige Art und Weise illustrieren, dass es beim Zen letztlich um die bewusste Anwendung der gewonnen Einsichten geht. „Er (Buddha) sagte nicht: ‚Werde zuerst erleuchtet, dann wirst du von selbst freundlich.‘ Nein, seine Worte waren: ‚Verhalte dich freundlich. Sei dankbar. Kleide dich schlicht und einfach.’“

Rients R. Ritskes
Lerne zu denken, was du denken willst
Ein Basisbuch für Zen-Training
Origo Verlag, Bern 2024

Christoph Schuch (Hg.): Antisemitismus und Recht

Der vorliegende Band baut auf einer Ringvorlesung an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin auf; die Beiträge, auf Deutsch und Englisch, beschäftigen sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten. Die für mich einzig relevante Frage: Lässt sich mit dem Recht der Antisemitismus bekämpfen? ist jedoch für die Autoren und Autorinnen viel zu konkret, als dass sie darauf konkret antworten könnten. Der Untertitel deutet an, was ihnen möglich ist: Interdisziplinäre Annäherungen.

Eigenartiger bzw. absurder könnte es so recht eigentlich gar nicht sein: Zuerst teilt man die Welt in Disziplinen auf, trennt also recht willkürlich, was zusammengehört bzw. eine Einheit bildet, und merkt dann, dass das Ganze nicht so richtig aufgeht, weshalb man sich wieder um Annäherung bemüht. Nur eben: Akademiker sind eindeutig besser darin, Probleme zu schaffen, die es ohne sie gar nicht geben würde, als sie zu lösen.

Gesetze wurden einst von Gott oder vom Fürsten erlassen und waren unanfechtbar, hatten also den Nimbus des Ewigen. Die heutigen Gesetze können zwar angefochten werden, doch der Begriff Gesetz suggeriert nach wie vor, man habe etwas Ewiges, quasi Gottgegebenes vor sich. Mit anderen Worten: Die Aufgabe des Rechts ist die Herstellung von Stabilität in Form von Gesetzen, weshalb denn auch die Rechtssicherheit das wichtigste Kriterium ist, wenn Entscheide anstehen. Die Gesetze sind es, von denen die Juristen ausgehen, und das meint: sie orientieren sich nicht an dem, was ist, sondern an dem, was sie geschaffen haben.

Eingegangen wird in diesem Band auf die Geschichte des Antisemitismus vor Gericht, der Antijudaismus und der Antisemitismus in der rabbinischen Rechtstradition, die zweite Fussnote des Paragraphen 270 aus Hegels ‚Grundlinien der Philosophie des Rechts‘ (zuerst dachte ich, das sei ein Witz – die zweite Fussnote! – , doch der Beitrag zeigt, dass man Hegels dass die Juden zuallererst Menschen sind philosophisch auf eine Art und Weise problematisieren kann, dass davon nicht mehr viel übrigbleibt.). Zur Sprache kommen auch die sozialwissenschaftliche Perspektive auf Recht und Justiz, das Kölner ‚Beschneidungsurteil‘, kognitivlinguistische Ansätze … doch ich will hier nicht das Inhaltsverzeichnis wiedergeben.

Es sind sehr differenzierte Texte, die auch immer mal wieder nützliche Einsichten vermitteln, doch weitestgehend, jedenfalls für mein Dafürhalten, sich als l’art pour l’art entpuppen, also vornehmlich für diejenigen interessant sind, die das Privileg geniessen, ihren intellektuellen Hobbys nachgehen zu können.

Jean-Paul Sartre, den Herausgeber Christoph Schuch in seiner Einleitung zitiert, ist skeptisch, dass das Recht im Kampf gegen den Antisemitismus eine grosse Rolle spielt. „Gesetze haben den Antisemiten nie gestört und werden ihn nie stören, er fühlt sich einer mystischen Gemeinschaft zugehörig, die ausserhalb der Gesetze steht.“ Auch die Ausführungen in diesem Band – so unterschiedlich sie auch sind – machen wenig Hoffnung auf eine Verhaltenskorrektur durch das Recht.

Am meisten angesprochen hat mich – zu meiner eigenen Verblüffung – der Text, dessen Titel mich bereits aufstöhnen liess: „Das ‚Recht, Rechte zu haben‘ und die jüdische Existenz als allgemeine“, gefolgt von einem Untertitel, der auch nicht gerade ein spannendes Leseerlebnis prophezeit: „Hannah Arendts und Theodor W. Adornos Kafka-Lektüre.“ Nein, nicht alles hat mich angesprochen. Eine Aussage wie „dass das Subjektive am Subjekt, das Besondere darin anerkannt, geschützt und legitimiert wird“, mögen vielleicht andere verstehen, für mich ist das … doch lassen wir das.

So fasst Hannah Arendt Kafkas Prozess zusammen: „Es ist die Geschichte eines Mannes, dem der Prozess gemacht wird nach Gesetzen, die er nicht entdecken kann, und der schliesslich hingerichtet wird, ohne dass er herausfinden konnte, um was es sich dabei handelte.“ So weit so gut, doch was hat das mit der jüdischen Existenz oder mit Antisemitismus zu tun? „Kafka, in Arendts Interpretation, bezeugt literarisch die verunsicherte Existenz bzw. Rechtlosigkeit und Illegitimität jüdischer Existenz in der Ordnung der Welt als solche.“, so Yael Kupferberg.

Schon möglich, dass das Kafka auch so gesehen hat, doch vor allem klar ist, dass Hannah Arendt es so sieht. Und, jedenfalls für mein Empfinden, damit Recht hat. Sollte es denn wirklich so sein, erstaunt es nicht, dass das Recht, so wie es gehandhabt wird, ein wenig taugliches Instrument ist, um das zu ändern.

Christoph Schuch (Hg.)
Antisemitismus und Recht
Interdisziplinäre Annäherungen
transcript Verlag, Bielefeld 2024

Polly Morland: Ein glückliches Tal

Dass ich überhaupt auf dieses Buch gestossen bin, liegt wohl wesentlich daran, dass mein Vater als Arzt (genauer: als Spezialarzt für ORL) auf dem Land praktizierte. Dazu kommt, dass Geschichte eines Landarztes von John Berger und Jean Mohr bei mir im Regal steht (dessen englischer Originaltitel lautet: A Fortunate Man. The Story of a Country Doctor) und die in diesem Buch porträtierte Ärztin heute die Praxis des von John Berger geschilderten Arztes führt (der englische Originaltitel von Polly Morlands Werk heisst übrigens: A Fortunate Woman. A Country Doctor’s Story).

Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen den beiden Büchern. Höchst aufschlussreich ist auch, was man alles über John Bergers Buch, das für angehende britische Ärzte damals als Pflichtlektüre galt, erfährt. Bewegt hat mich vor allem dies: Die Frau des Arztes spielte eine überaus wichtige Rolle im Leben des Manisch-Depressiven, den man heute als bipolar charakterisieren würde. So wusste sie etwa, wann es an der Zeit war, wieder einmal das Gewehr wegzuschliessen. Ein Jahr nachdem sie mit 61 Jahren an einem Herzschlag starb, erschoss sich ihr Mann. Dass Berger die Rolle der Frau nicht gebührend erwähnte, wurde ihm zu Recht als unverzeihlich angekreidet.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Landärztin und einer Ärztin im Krankenhaus? Zum einen hat man auf dem Land kein Privatleben, zum andern ist das Vertrauen, das persönliche Verhältnis ganz besonders wichtig. Wegen Kinkerlitzchen geht man auf dem Land nicht zum Arzt; eine Landärztin braucht ein gutes Gespür für ihre Klientel, die vor allem hören will, dass es so recht eigentlich nichts zu behandeln gibt und alles in Ordnung ist. Dass es das manchmal überhaupt nicht ist, erfährt man an zahlreichen Beispielen. Trotzdem gilt: Das Beruhigen ist die wichtigste Vorsorge.

Die Patientenvielfalt in dieser Landpraxis ist schlicht umwerfend. Das geht von der postnatalen Depression zur Frau mittleren Alters, die von der Ärztin will, dass sie ihrer Schwester verbietet, das Scheckbuch der betagten Mutter egoistisch zu eigenen Zwecken zu verwenden; vom Raucher, der nichts von Nikotinpflastern hören will bis zur Vierzehnjährigen, die mit einem viel älteren Mann schläft. Auch Patienten mit Selbstmordgedanken oder der Neigung zur Selbstverletzung finden den Weg in ihre Sprechstunde. „2018 stellte eine Studie fest, dass in den Nachwehen eines Suizids bis zu 135 Menschen Unterstützung suchen, sei es medizinisch oder seelsorgerisch.“

Polly Morland ist ein bemerkenswertes Porträt dieser mit heftigen Emotionen geschlagenen Landärztin gelungen. „Ihre Emotionen waren immer noch heftig und zwingend, aber sie lernte, einen Zwischenraum zwischen ihre Gefühle und den in einer Krise notwendigen Schritten einzuziehen. Zu Beginn war das eine Zufallsentdeckung, eine spontane, intuitive Simulation der einstudierten Gelassenheit ihrer Mutter, aber als sie herausfand, dass es funktionierte und ihr bei der Arbeit half, wurde es zu einem Verhalten, das die Ärztin innerlich einstudierte. Fast fünfundzwanzig Jahre später ist es genau das, was ihre Kollegen in der Landpraxis immer wieder hervorheben: wie ruhig sie bleibt, ganz gleich, was auch geschieht.“

Studien haben gezeigt, dass die Tatsache, über einen langen Zeitraum den gleichen Doktor aufzusuchen, sowohl medizinische als auch finanzielle Vorteile hat. „Diese umfassen das bessere Befolgen von medizinischen Ratschlägen, eine höhere Akzeptanz von Impfungen, einen zurückgehenden Bedarf an Bereitschaftsdiensten, niedrigere Überweisungsraten, grössere Praxistreue, höhere Zufriedenheit der Patienten und weniger Notaufnahmen im Krankenhaus.“ Auch sinkt die Todesrate bei kontinuierlicher Versorgung. Mit anderen Worten: Vertrauen, Verlässlichkeit und Empathie machen zu einem wesentlichen Teil eine gute Gesundheitsfürsorge aus.

Und dann kam Covid-19 und Distanz war angesagt. Man glaubt, die nun vollkommen veränderte Situation nicht nur vor Augen zu haben, sondern vor Ort mit dabei zu sein, so eindrucksvoll beschreibt Polly Morland die nunmehr ganz neuen Umstände. Dabei wird die Ärztin auch mit medizinischen Unmöglichkeiten konfrontiert. „Es gibt Fälle, in denen der Patient offenbar ohne Beschwerden mit dem Doktor ein Schwätzchen hält oder in einem Magazin liest und in der nächsten Minute tot umfällt.“

Medizinische Diagnosen gründen nicht selten in auf Erfahrung beruhenden Ahnungen bzw. Vorahnungen. Doch nicht immer hat die Ärztin das richtige Gespür, und natürlich kann es vorkommen, dass sie einmal etwas übersieht. Dann geht sie der Sache nach, doch nicht immer wird sie auch fündig. Es gehört zu den Stärken dieses Buch, dass die Autorin deutlich zu machen versteht, dass Mediziner letztlich auch nur (gelegentlich fehlbare) Menschen sind, ohne Antworten auf die Rätsel des Lebens. Worum es geht: „Mensch zu sein und anderen Menschen mit Wärme und Anstand zu begegnen.“

Ein glückliches Tal ist illustriert mit gut komponierten Fotografien von Richard Baker, bei denen sich zu verweilen lohnt, da sie sehr geeignet sind, die durch den Text hervorgerufenen Eindrücke noch zu vertiefen.

Fazit: Ein wunderbar erzähltes, sehr berührendes Dokument des menschlichen Mit- und Füreinander.

Polly Morland
Ein glückliches Tal
Die Geschichte einer Landärztin
Fischer, Frankfurt am Main 2024

Simon Meier-Vieracker: Sprache ist, was du draus machst!

Autor Simon Meier-Vieracker ist Inhaber der Professur für Angewandte Linguistik an der TU Dresden und ganz begeistert von seinem Fach – eine bessere Ausgangslage kann man sich kaum wünschen, denn er will seine Begeisterung teilen und er tut dies anhand ganz verschiedener Beispiele, wobei er auch kontroverse Themen wie etwa das Gendern behandelt, zu dem er sich persönlich bekennt.

„Neben dem allgemeinen Ziel, die (im Grundgesetz Artikel 3 eigentlich garantierte) Gleichbehandlung der Geschlechter auch in der Sprache zu erwirken, soll es oft darüber hinaus emanzipatorische Kräfte entfalten.“ Er glaubt also (und mehr als ein Glaube ist das nicht), dass man mittels Sprache das Bewusstsein ändern bzw. auf dieses Einfluss nehmen kann. Meines Erachtens ist das Wunschdenken, das in der menschlichen Psyche gründet, der es lieb wäre, sie könnte stärker auf das Leben und die sozialen Zustände Einfluss nehmen.

Meier-Vieracker erklärt sich den Widerstand ganz anders: Einerseits würde das Gendern als Umsturzversuch der Grammatik wahrgenommen, andererseits würde es andere Geschlechter als das männliche sichtbar machen. Das klingt plausibel – und ist deswegen wohl falsch. Es geht hier nämlich nicht um Sprache, sondern darum, dass der Mensch sich entgegen seiner Selbsteinschätzung immer sehr heftig gegen Veränderungen (jeglicher Art) stemmt.

Nur eben: Dem Linguistik-Professor geht es um die Sprache. Und von ihr handelt auch dieses Buch. Und so setzt er sich sachlich und differenziert mit den Einwänden gegen das Gendern auseinander. Er tut dies unter anderem anhand rhetorischer Fragen wie „Aber ist es wirklich so, dass das widernatürliche Eingriffe in die Sprache sind? Und was heisst denn überhaupt natürlicher Sprachwandel?“ Seine Antworten ergeben sich – wenig überraschend – aus seiner positiven Einschätzung des Genderns.

Doch das Buch handelt von noch ganz viel anderem und nicht zuletzt von den Fragen, mit denen Linguisten generell gequält werden. Dazu gehört: Wie heisst das jetzt eigentlich richtig?, worauf Sprachwissenschaftler so recht eigentlich immer mit: Es kommt drauf an, antworten und dann eloquent ausführen, dass man die Frage auch deswegen nicht beantworten kann … Lesen Sie das Buch! … , stattdessen jedoch anregende Überlegungen präsentiert, die einen immer mal wieder auf Aspekte hinweisen, an die man (möglicherweise) noch gar nie gedacht hat.

Zu den für mich besonders spannenden Ausführungen gehören die, welche sich mit „Das macht Sinn“ befassen, einem Satz, den ich bis anhin bedenkenlos verwendet habe, und von dem ich nun lerne, dass er falsch oder zumindest kein gutes Deutsch ist. Richtig wäre: „Das ergibt Sinn, Das hat Sinn oder Das ist sinnvoll“. Die falsche (und trotzdem verständliche) Variante geht auf das Englische „That makes sense“ zurück.

Klar, Sprache (wie alles andere auch) entwickelt sich – und nicht unbedingt logisch. Der Autor macht dies sehr schön deutlich an Beispielen wie „Fragen stellen“, „Flucht ergreifen“, „Verdacht schöpfen“, oder einem Gedanken „Ausdruck verleihen“. Verblüffend ist ja schon, dass Wörter bei freiem Vorkommen und in Gestalt von Kombinationen einen völlig neuen Sinn ergeben können. Man denke etwa an „einen guten Eindruck machen“ oder „ein Dessert machen“, wobei „machen“ nicht den gleichen „Sinn macht“.

Simon Meier-Vieracker vermerkt auch, dass „sich das Schweizer Standarddeutsche auch im Geschriebenen zum Teil sehr deutlich vom ‚deutschlanddeutschen‘ Standard unterscheidet.“ Wobei: Auch das Standarddeutsche wird beileibe nicht einheitlich angewendet. Norddeutsche und Süddeutsche pflegen sich gelegentlich auch grammatikalisch unterschiedlich auszudrücken; und ältere und jüngere Deutsche sowieso,.

Wie jedes von Hochschullehrern verfasste Werk ist auch dieses reich an Ja, aber bzw. Nein, aber; klare, eindeutige Aussagen gibt es kaum, dafür vieles, das zeigt wie komplex und wunderbar Sprache ist. Und auch wie rätselhaft. Weshalb man denn auch nur Mutmassungen anstellen kann, in diesem Falle bestens informierte. „Heisst es zum Beispiel ‚Anfang diesen Jahres‘ oder ‚Anfang dieses Jahres? Es gibt für beide Varianten gute Argumente.“

Das meint jedoch nicht, dass Simon Meier-Vieracker meinungslos wäre – ist er nicht! Was sich speziell im Kapitel „Mit Sprache Politik machen: Die Macht der Wörter“ zeigt, worin er den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz kritisiert, der auf die Frage, wie viele Geschlechter es gebe, mit „vor allem zwei“ geantwortet hat. „Schon die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, ist interessant, ist es doch auf den ersten Blick eine wissenschaftliche Frage, etwa der Biologie oder auch der Soziologie, zu deren Beantwortung Friedrich Merz die Kompetenz fehlt“, so der Professor für Angewandte Linguistik, der zwar in diesem Falle seinen eigenen Kriterien nicht entspricht, sich aber trotzdem für kompetent hält. Was mich angeht (meine Qualifikation besteht darin, dass ich selber denken kann): Selbstverständlich hat Herr Merz Recht. Auch mit dem, was er implizit behauptet: Dass da einer sehr, sehr kleinen Gruppe (weil sie – wie auch Professor Meier-Vieracker – clever die Medien zu bedienen weiss) viel zu viel Aufmerksamkeit gegeben wird.

Fazit: Gut geschrieben, vielfältig anregend und (auch) zum Widerspruch reizend.

Simon Meier-Vieracker
Sprache ist, was du draus machst!
Wie wir Deutsch immer wieder erfinden
Droemer, München 2024

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