Der mir bislang unbekannte, 1911 in Teddington-on-Thames, London geborene Gerald Kersh, war „während des Zweiten Weltkriegs der meist gelesene Schriftsteller des Vereinigten Königreichs“, wie ich aus den informativen und aufklärenden Nachbetrachtungen zu Leben und Werk des Autors von Angelika Müller und Frank Nowatzki erfahre. Er starb 1968 mittellos als amerikanischer Staatsbürger in Kingston, New York. Und in mir denkt es: Schon eigenartig, wie das Leben so spielt, wer vergessen wird und wer nicht. Doch man kann ja dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Und genau das tut der Berliner Pulp Master Verlag, indem er Kershs Werke herausgibt.
Hirn und zehn Finger spielt 1943, im damaligen Jugoslawien, und handelt vom Widerstand gegen die Besatzer. Der Autor bezeichnet die Widerstandskämpfer in dieser Geschichte als nicht zu einer politisch oder nationalistisch motivierten Gruppe gehörig. „Es sind einfach nur Slowenen, Kroaten und Serben – Menschen aus Jugoslawien, die kämpfen. Gott sei Dank!“ In der Hauptsache ist dieses Buch jedoch eine Geschichte vom Guten im Menschen, der Pflicht und der Liebe – und wird aus der Sicht verschiedener Beteiligter geschildert.
„Im wahren Menschen verbirgt sich ein Licht, das in der Finsternis zum Vorschein kommt“, so der Gerald Kersh, der dieses Buch „für gute Menschen in Bedrängnis“ geschrieben hat, deren „unerschütterlichen Geist“ er bewundert. Einer der Menschen, die diesen Geist verkörpert ist Klemen, den er als Baum charakterisiert. „Stellt euch einen Baum vor, einfach einen Baum, der auf einem Hügel in die Höhe ragt. Ihr betrachtet diesen Baum und erkennt, dass er gut ist, so gut, dass er zu gut ist, um ihn als Nutzholz zu fällen … dass etwas in ihm steckt, dass mehr ist als nur gesunde Eiche oder Fichte oder was auch immer: etwas Grundsolides. So in etwa ist Klemen.“
Wunderbar! Da weiss einer, dass es gute Menschen gibt. Und dass das, was sie ausmacht, ihre Standfestigkeit und ihr Mut ist. Gerald Kersh drückt das in einfacher und klarer Sprache aus, ohne das moderne Relativieren in Gestalt von „zwar, aber“ und „es kommt drauf an“. Übrigens: Gute Menschen reden auch mit Regenwürmern …
Die Widerstandskämpfer machen sich daran, im Wald eine Brücke zu bauen. Klemen führt die Gruppe an. „Sie nennen mich einen Narren. Weil ich nicht sehe, was schlaue Menschen sehen. Ich spüre nur, was richtig ist, und weiss nie, warum. Ich weiss nur in meinem Inneren, was richtig ist und falsch. Weisst du’s erst mal, machst du dich an die Aufgabe. Du machst, was die Möglichkeiten erlauben.“ Dies die Philosophie, von der dieses Werk geprägt ist.
Wir leben in Zeiten, in denen das Vermeiden von Konflikten höchste Priorität geniesst. Gerald Kershs Haltung ist eine ganz andere. Er glaubt, dass man durch die Hölle gehen muss, dass grosse Schwierigkeiten das Beste oder das Schlechteste in uns hervorbringen, uns stark machen oder brechen. „Ja, im Sturm beweist sich das Boot, angesichts grosser Schwierigkeiten der Mann. Jeder von uns dort hatte seine Portion Unglück zugeteilt bekommen und einige mehr als nur diese Portion.“ Da beklagt sich einer nicht über sein Schicksal, er stellt sich ihm, nimmt es an und versucht, es ins Gute zu formen.
Es sind eindrückliche, berührende Porträts, die der Autor von den ganz unterschiedlichen Widerstandskämpfern zeichnet, die der Hass auf den Feind vereint. „Menschen, die das Gleiche hassen, wachsen enger zusammen als Menschen, die das Gleiche lieben.“ Doch Hirn und zehn Finger handelt nicht vom Hass, sondern von guten, anständigen Menschen wie etwa dem feinsinnigen, verwundeten Janez oder der schönen, sensiblen, vom Feind entführten und in der Seele verletzten Jeriza.
Immer mal wieder fühlte ich mich an Viktor Frankl erinnert, der einmal meinte, es gebe nur zwei Rassen: die Anständigen und die Unanständigen. Und hinzufügte: Da die Anständigen in der Minderheit seien, müsse man diese stärken. Gerald Kersh trägt mit Hirn und zehn Finger dazu bei.
Gerald Kersh
Hirn und zehn Finger
Pulp Master, Berlin 2024

