Die Geschichte spielt in Glasgow. Vor dem Postschalter stehen die Leute Schlange. Ein bewaffneter Mann drängelt sich vor, in der Hand eine AK-47, auf dem Kopf eine Jagdhaube. Der alte Mann zuvorderst in der Schlange kennt ihn augenscheinlich. Der Räuber fordert ihn auf, die Geldscheine in die mitgebrachte Tasche zu legen; anschliessend erschiesst er ihn. Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner DC Harris gehen der Sache nach, auch an Orten, die man häufig als „am Rande der Gesellschaft“ bezeichnet. Götter und Tiere bietet auch vielfältige Aufklärung darüber, was aus ausgestossenen Menschen so alles wird.
Augenzeuge Martin Pavel, 21, aus San Francisco, Geologiestudent an der Glasgow University (allerdings stellt sich dann heraus … nein, das soll hier nicht verraten werden), gibt der Polizei Auskunft. Er ist jetzt Teil dieser Geschichte, sagt er zur Polizistin, die nur Bahnhof versteht. Das sei keine Geschichte, das sei die Realität, weist sie ihn zurecht. „Es war zu viel zu erklären. Ein Schotte aus Kalifornien, Barbarei und die Zugehörigkeit zu einer Geschichte.“ Sehr schön, wie Denise Mina deutlich macht, das akademische Gebildete in einer völlig anderen Lebensrealität unterwegs sind als Menschen, für die Realität etwas ganz anderes ist als eine Geschichte. „Wenn man die Frage stellt: Was soll ich tun?‘ lautet die Antwort: ‚Von welchen Geschichten bin ich Teil?'“
Parallel dazu laufen noch weitere Geschichten, die dann zu guter Letzt ineinander übergehen. Eine erzählt von einem bekannten Labour Politiker, der Privatschulen besucht hat und deswegen von den Arbeitern nicht als einen der ihren angesehen wird, und seiner Frau, die aus der Arbeiterklasse stammt. Er betrügt sie, sie will Rache. Das ist nicht nur ungemein packend geschildert, sondern auch allerbeste Aufklärung über das Politgeschäft. „Er dachte oft, die Demokratie könnte ganz schnell in die Binsen gehen, wenn die Wählerschaft je dahinter kam, wie fadenscheinig und kleinkariert das Ganze war.“
Eine andere Geschichte erzählt von zwei Polizisten (Frau und Mann), die einen auffälligen Wagen stoppen, dabei ganz viel Geld beschlagnahmen und dieses dann in die eigene Tasche stecken. Doch dabei wurden sie beobachtet, es gibt ein Foto … Auch dies liest sich ausgesprochen spannend.
So lebendig die Geschichten auch erzählt werden, dieser Kriminalroman ist wesentlich ein faszinierendes und beeindruckendes Sozialporträt Schottland, mit Alltagskonflikten, die höchst realistisch rüberkommen, mit trockenem Witz angereichert.
Denise Mina, Jahrgang 1966, lehrte unter anderem Kriminologie an der University of Strathclyde, was man Götter und Tiere anmerkt, da auch ihr kriminologisches Wissen einfliesst. Etwa wenn man liest, dass Detective Sergeant Morrow und der Drogenhändler Danny Schwester und Halbbruder waren. „Sie war Polizistin, weil Danny ein Verbrecher war; sie heiratete Brian, weil er dunkel, ruhig und sanft war. Ihr Leben war immer ein Spiegel von Dannys.“
Es sind die reflektierten Einschübe, die diesen Kriminalroman speziell machen. Da gibt eine Polizistin „dem Zwang zum Multitasking nach …“, da erfährt man, dass „Unerbittlichkeit und Entrüstung Anzeichen von Verlogenheit waren“ und das Gesicht eines Ladenbesitzers faltig war, „vom lebenslangen Anlächeln Fremder.“ Mein absoluter Liebling ist: „Lattes hiessen früher Milchkaffee …“.
Es sind nicht vor allem Kriminalromane, die uns heutzutage eine Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln. Götter und Tiere macht auch deutlich, dass Politik nicht das ist, was das Fernsehen von Parteitagen überträgt, sondern ein brutales und rücksichtsloses Gerangel um Macht und Einfluss, das sich so recht eigentlich kaum von den sogenannt kriminellen Aktivitäten sozial wenig angesehener Typen unterscheidet. Was diesen Kriminalroman weit über andere heraushebt, ist die Schilderung der verschiedenen Charaktere, die ganz wunderbar gelungen sind. Nie ist eine Person entweder gut oder schlecht, sondern immer etwas dazwischen, letztlich unverständlich.
Fazit: Packend, clever, realitätsnah.
Denise Mina
Götter und Tiere
Kriminalroman
Unionsverlag, Zürich 2025

