Denise Mina: Götter und Tiere

Die Geschichte spielt in Glasgow. Vor dem Postschalter stehen die Leute Schlange. Ein bewaffneter Mann drängelt sich vor, in der Hand eine AK-47, auf dem Kopf eine Jagdhaube. Der alte Mann zuvorderst in der Schlange kennt ihn augenscheinlich. Der Räuber fordert ihn auf, die Geldscheine in die mitgebrachte Tasche zu legen; anschliessend erschiesst er ihn. Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner DC Harris gehen der Sache nach, auch an Orten, die man häufig als „am Rande der Gesellschaft“ bezeichnet. Götter und Tiere bietet auch vielfältige Aufklärung darüber, was aus ausgestossenen Menschen so alles wird.

Augenzeuge Martin Pavel, 21, aus San Francisco, Geologiestudent an der Glasgow University (allerdings stellt sich dann heraus … nein, das soll hier nicht verraten werden), gibt der Polizei Auskunft. Er ist jetzt Teil dieser Geschichte, sagt er zur Polizistin, die nur Bahnhof versteht. Das sei keine Geschichte, das sei die Realität, weist sie ihn zurecht. „Es war zu viel zu erklären. Ein Schotte aus Kalifornien, Barbarei und die Zugehörigkeit zu einer Geschichte.“ Sehr schön, wie Denise Mina deutlich macht, das akademische Gebildete in einer völlig anderen Lebensrealität unterwegs sind als Menschen, für die Realität etwas ganz anderes ist als eine Geschichte. „Wenn man die Frage stellt: Was soll ich tun?‘ lautet die Antwort: ‚Von welchen Geschichten bin ich Teil?'“

Parallel dazu laufen noch weitere Geschichten, die dann zu guter Letzt ineinander übergehen. Eine erzählt von einem bekannten Labour Politiker, der Privatschulen besucht hat und deswegen von den Arbeitern nicht als einen der ihren angesehen wird, und seiner Frau, die aus der Arbeiterklasse stammt. Er betrügt sie, sie will Rache. Das ist nicht nur ungemein packend geschildert, sondern auch allerbeste Aufklärung über das Politgeschäft. „Er dachte oft, die Demokratie könnte ganz schnell in die Binsen gehen, wenn die Wählerschaft je dahinter kam, wie fadenscheinig und kleinkariert das Ganze war.“

Eine andere Geschichte erzählt von zwei Polizisten (Frau und Mann), die einen auffälligen Wagen stoppen, dabei ganz viel Geld beschlagnahmen und dieses dann in die eigene Tasche stecken. Doch dabei wurden sie beobachtet, es gibt ein Foto … Auch dies liest sich ausgesprochen spannend.

So lebendig die Geschichten auch erzählt werden, dieser Kriminalroman ist wesentlich ein faszinierendes und beeindruckendes Sozialporträt Schottland, mit Alltagskonflikten, die höchst realistisch rüberkommen, mit trockenem Witz angereichert.

Denise Mina, Jahrgang 1966, lehrte unter anderem Kriminologie an der University of Strathclyde, was man Götter und Tiere anmerkt, da auch ihr kriminologisches Wissen einfliesst. Etwa wenn man liest, dass Detective Sergeant Morrow und der Drogenhändler Danny Schwester und Halbbruder waren. „Sie war Polizistin, weil Danny ein Verbrecher war; sie heiratete Brian, weil er dunkel, ruhig und sanft war. Ihr Leben war immer ein Spiegel von Dannys.“

Es sind die reflektierten Einschübe, die diesen Kriminalroman speziell machen. Da gibt eine Polizistin „dem Zwang zum Multitasking nach …“, da erfährt man, dass „Unerbittlichkeit und Entrüstung Anzeichen von Verlogenheit waren“ und das Gesicht eines Ladenbesitzers faltig war, „vom lebenslangen Anlächeln Fremder.“ Mein absoluter Liebling ist: „Lattes hiessen früher Milchkaffee …“.

Es sind nicht vor allem Kriminalromane, die uns heutzutage eine Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln. Götter und Tiere macht auch deutlich, dass Politik nicht das ist, was das Fernsehen von Parteitagen überträgt, sondern ein brutales und rücksichtsloses Gerangel um Macht und Einfluss, das sich so recht eigentlich kaum von den sogenannt kriminellen Aktivitäten sozial wenig angesehener Typen unterscheidet. Was diesen Kriminalroman weit über andere heraushebt, ist die Schilderung der verschiedenen Charaktere, die ganz wunderbar gelungen sind. Nie ist eine Person entweder gut oder schlecht, sondern immer etwas dazwischen, letztlich unverständlich.

Fazit: Packend, clever, realitätsnah.

Denise Mina
Götter und Tiere
Kriminalroman
Unionsverlag, Zürich 2025

Lukas Erler: Winter’s Game

Es beginnt mit einer Busfahrt von Sofia nach Thessaloniki. Ob die junge schwangere Frau, deren Mutter offenbar das ungeborene Kind verkauft hat, es schafft, ihrem Schicksal zu entkommen, lässt der Autor, ein Meister der Übergänge, lange in der Schwebe. Der Einstieg in diesen Kriminalroman ist sehr gelungen, Lukas Erler versteht sein Handwerk.

In Frankfurt am Main entgeht die Anwältin Carla Winter knapp zwei Anschlägen auf ihr Leben. Sie landet schwerverletzt im Spital, wo es sie allerdings nicht lange hält. Wer ihr nach dem Leben trachtet, ist nicht sofort klar, doch es gibt Hinweise. Insbesondere eine schwarze Dahlie spielt eine prominente Rolle.

Geschickt verbindet Autor Lukas Erler verschiedene Handlungsstränge, die nach Bulgarien, Griechenland und Deutschland führen. Dabei kommt ganz Unterschiedliches zur Sprache. Von den Lebensbedingungen der Roma in Bulgarien über den Handel mit Neugeborenen zu in Deutschland operierenden tschetschenischen Clans. Überaus lehrreich sind die Ausführungen zur Aphasie und ganz wunderbar die Spitze gegen das nuancenreiche Werbeverbot der Juristen, das eine Sprachtherapeutin so kommentiert, wie das auch jede Nicht-Juristin tun würde. „Eine interessante Überlegung. Mit so etwas müssen sie sich herumschlagen? Auf die Idee wäre ich in hundert Jahren nicht gekommen.“

Gute Kriminalromane machen meist auch auf Verblüffendes aufmerksam, so auch dieser: „Den Nachmittag verbringt Carla mit Papierkram. Akten lesen, Schriftsätze prüfen, ein Plädoyer vorbereiten, alles Tätigkeiten, denen sie normalerweise sehr ungern nachgeht, die aber heute eine bemerkenswert beruhigende Wirkung auf sie haben.“

Winter’s Game bietet neben spannender Unterhaltung, mit vielen guten Dialogen, auch vielfältige Aufklärung über Menschenhandel und illegalen Adoptionen, insbesondere in Südeuropa. „Nach dem Zusammenbruch des Regimes in Albanien 1990 (…) machten sich Hunderttausende Albaner auf den Weg nach Griechenland, und natürlich hatten sie ihre Kinder dabei.“ Was hierzu geschildert wird, entspringt nicht der Fantasie, sondern ist verbürgt, wie der Autor im Nachwort ausführt.

Carla Winter versteht es einen ihrer Peiniger zu identifizieren. Sie beschliesst, sich an ihm zu rächen, bringt sich in Gefahr und wird von ihrer privaten Personenschützerin gerettet. Der Austausch der beiden nach der gelungenen Rettung ist definitiv meine Lieblingsstelle. Fragt die Personenschützerin: „Kann es sein, dass sie völlig irre sind?“ „Kommt drauf an, wen sie fragen.“ „Sie sollten sich einweisen lassen und in der Klapsmühle Bücher schreiben. Zum Thema: ‚Woran man einen guten Plan erkennt.‚“

Dann stellt sich heraus, dass noch jemand anderer hinter ihr her ist …

Abgesehen von sprachlichen Ausrutschern wie „… steigt unter die Dusche und zieht sich an …“ (wohl kaum unter der Dusche) und dem misslungenen Titel (Wieso bloss ein englischer Titel für ein deutsches Buch?) ist dies ein sehr gelungener Kriminalroman. Spannend, witzig und lehrreich.

Lukas Erler
Winter’s Game
Kriminalroman
Tropen Verlag, Stuttgart 2025

Daryll Delgado: Überreste

Tacloban, Leyte, Philippinen. Die Philippinen bestehen aus 7641 Inseln. Diese Inseln sind in drei Hauptgebiete unterteilt: Luzon, Visayas und Mindanao. Etwa 880 dieser Inseln sind bewohnt. Leyte gehört zu den Visayas, die mir nicht unbekannt sind. Ich kenne Panay, Negros und Cebu. Mit anderen Worten: Ich lese diesen Roman unweigerlich mit Bildern im Kopf.

Der Super-Taifun Haiyan hat auf Leyte gewütet. Im Auftrag einer NGO kommt Ann nach Tacloban, ihre Heimatstadt. „Mein Job besteht nur im Dokumentieren, manchmal im Verfassen von Texten, vor allem im Beibringen von Material.“ Da ich selber einmal für eine NGO im Einsatz gewesen bin (im südlichen Afrika) stellen sich von neuem Bilder in meinem Kopf ein.

Wohl die wenigsten haben eine Vorstellung davon, was NGOs, die nach einer Katastrophe vor Ort eintreffen, eigentlich tun. Kreativ zu sein hilft, da angesichts der Zerstörung nicht unbedingt auf der Hand liegt, was, wie. und in welcher Reihenfolge getan werden sollte. Daryll Delgado versteht es ausgezeichnet, die Situation vor Ort zu vermitteln. Einerseits, indem sie die Schäden beschreibt: „Einige Teile des Haupthauses standen noch – die Grundmauern, die massiven Pfeiler, Teile von Betonwänden. Aber das, was aussah wie eine Reihe von Appartements dahinter, darunter auch Mano Paters Schlafräume, wie ich vermutete, war vollständig zerstört, als ob etwas im Inneren explodiert wäre. Eine Ansammlung zerbrochener, schlammbedeckter Möbelstücke, etwas, das aussah wie ein Haufen Kleider, abgebrochene Teile von Armaturen und allerlei Gerätschaften waren in einer interessanten Flugbahn auf dem Boden zerstreut, als hätte sie jemand mit Gewalt erbrochen.“ Dann aber auch, weil sie ihre Gefühle artikuliert: „Ich versuchte, nicht an die anderen Tiere zu denken, die hier gefangen gehalten worden waren und deren Kadaver vielleicht im Haus herumlagen.“

Was sind das eigentlich für Leute, die sich im Auftrag von NGOs in Katastrophengebiete aufmachen? „Adrenalinjunkies allesamt. Eskapisten. Menschen mit dem zwanghaften Verlangen nach Erregung, stets auf der Suche nach dem besonderen Kick, den einem nur das echte Felderlebnis verpasst, das Gefühl, dort zu sein, wo es passiert. Menschen mit dem permanenten Bedürfnis, etwas zu reparieren: jemanden, die ganze Gesellschaft, die ganze Welt. Menschen auf der Suche nach ihrem flüchtigen Selbst, mit grossen S.“ Überreste ist ein Roman voller Realität. Nicht zuletzt die in die Romanhandlung eingebetteten Original-Interviews mit Überlebenden tragen dazu bei.

Auch der eigenen Familiengeschichte geht Ann bei ihrem Besuch in Tacloban nach. Speziell interessant dabei ist, dass die beiden Schwestern Ann und Alice ihre Kindheitserinnerungen ganz unterschiedlich einordnen und bewerten.

Was den Lesefluss stört, sind die vielen Einschübe in Waray (der Sprache, die auf Leyte gesprochen wird). Zwar werden sie am Ende des Buches erläutert, nur eben: sie drängen sich nun wirklich nicht auf, ich erlebte sie als befremdend prätentiös. Und so recht eigentlich überhaupt nicht zu diesem Roman passend, der sich für mich besonders dadurch auszeichnet, dass er unsere Erwartungen unterläuft, gehen wir doch gemeinhin davon aus, dass von einer Katastrophe Betroffenen dankbar für jede Hilfe zu sein haben.

Eine Vorstellung, die Daryll Delgado mit der Realität kontrastiert, als “ eine junge Frau von der Strasse, sehr laut vor sich hin redend, hysterisch lachend, die Szene störte. Sie war nur notdürftig bekleidet und dreck- und schlammverschmiert, Sie hatte weit aufgerissene Augen, wütend, wild.“ Was in der Folge geschieht (alle beobachten einander, niemand tut etwas), wird so wunderbar lebensnah geschildert, dass es eine wahre Freude ist.

Daryll Delgado
Überreste
Roman
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2025

Susan Bernofsky: „Hellseher im Kleinen“

Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.

Die Bezeichnung „Hellseher im Kleinen“ geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, „die zumindest zum Teil autobiografisch sind“, scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.

Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. „Hellseher im Kleinen“ ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.

Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. „Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört.“ Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt „Der Greifensee“ zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.

Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: „Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!“ als „pseudophilosophisches Sinnieren“ bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.

„Hellseher im Kleinen“ ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. „Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen.“ Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.

Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. „Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht.“ Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.

In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: „War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?“ Eine weitere Perle auch dieser Satz: „Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können.“

So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. „Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist.“ Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: „Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab …“.

Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, „dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich.“ Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?

Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.

Susan Bernofsky
„Hellseher im Kleinen“
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp, Berlin 2025

Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod

„Ein grosser europäischer Erzähler“, wird DIE ZEIT auf dem Umschlag zitiert und in mir denkt es: Inhaltsleerer geht wirklich nicht. Und dann steht da auch noch: „Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“ Das Bemühen um Originalität ist so offenkundig, dass es fast schon peinlich ist, auch natürlich, weil der Satz so ziemlich gar keinen Sinn macht, denn mit Garten assoziiert man (ich jedenfalls) etwas Blühendes, und das sind Tote eher nicht. Mit anderen Worten: Mein Einstieg in dieses Buch ist entschieden suboptimal.

Der Gärtner und der Tod handelt vom Sterben von Georgi Gospodinovs Vater, der ein getriebener Erzähler und Poet gewesen ist. „Mein Vater erzählte auf Leben und Tod. Er wusste, hört er auf, wird alles, was er herbeierzählt hat, verschwinden wie der morgendliche Tau auf den Erdbeeren im Garten.“

Der Vater wird mit Krebs diagnostiziert. Der Sohn liest die medizinischen Berichte und weiss, die Dinge sind mehr als hoffnungslos. „Bisher wusste ich nur, dass das Lateinische eine tote Sprache ist. Jetzt aber weiss ich, dass es die Sprache des Todes ist. Der Tod spricht Latein.“ Für mich ist das nicht nur bemüht originell, es ist auch falsch.

Doch dann wird es spannend. „Vor genau siebzehn Jahren starb mein Vater zum ersten Mal …“. Im selben Jahr, in dem auch der Autor Vater wurde. Mittlerweile ist der Vater jedoch nur noch Haut und Knochen, liegt im Spitalbett, braucht Windeln. Wie der Sohn letztere zu beschaffen sucht, ist als Tragik-Komödie schwer zu überbieten.

Schilderungen der Gegenwart, in der alles als Anspielung auf den bevorstehenden Tod verstanden wird, wechseln sich ab mit Erinnerungen an die Zeit, als der Vater im Arbeitsleben stand und darauf beharrte, seine Meinung zu sagen. Und da er Ungerechtigkeit nicht ertrug, war er im sozialistischen Bulgarien oft auf Arbeitssuche.

„Zeitungen werden nur noch von den Kranken gelesen.“ Warum bloss?, rätselt der Autor. Und liefert Überlegungen, die einen schmunzeln machen. Auch Kreuzworträtsel sind im Krankenhaus populär. Dann wird die Mutter mit Leukämie diagnostiziert. Der Sohn fragt die Eltern, was sie als Kinder gespielt haben. „Ich spreche über die Kindheit, um nicht über den Tod sprechen zu müssen. Nur dort, in der Kindheit, sind wir praktisch unsterblich. Meistens.“ So wahr solche Sätze auch sind, mich stören sie, ich empfinde sie als konstruiert. Andererseits: Ist das nicht auch gerade das, was Literatur von simplen Erlebnisberichten unterscheidet? Mein Unbehagen bleibt.

Andererseits stosse ich auch immer wieder auf Stellen, die mich entzücken. „Und ich kenne niemanden, der schöner rauchte als er. Er gehörte zu jenen, die aus den Filmen der 50er und 60er das Rauchen gelernt haben. Das vergisst man nie.“ Und auf solche, die mich einigermassen ratlos zurücklassen. Etwa die Bemerkung, Franz Beckenbauer und Cruyff (die Lieblinge seines Vaters) stammten „aus der Zeit, als die Spieler noch Intellektuelle waren.“ Beckenbauer, ein Intellektueller? Man lernt wirklich nie aus, allerdings weniger wegen Beckenbauer als über ganz, ganz unterschiedliche Wahrnehmungen.

Berührend ist insbesondere, wie Georgi Gospodinov das Ableben seines Vaters schildert. „Warum lehrt uns niemand, wie wir mit dem Tod der anderen umgehen sollen? Warum lehrt uns niemand, wie man stirbt, wie wir sterben sollen?“ Sicher, das sind rhetorische Fragen, und überdies hat er selber gewusst, was zu tun ist. Nichtsdestotrotz: Es sind wichtige Fragen, bei denen sich zu verweilen lohnt, da sie dazu beitragen können, wacher durchs Leben zu gehen.

Ein Mensch stirbt, das Leben geht weiter, wir schauen nach vorne, auch weil unser Hirn das so will. „Das Ritual des Begräbnisses hat zum Ziel, den Verstorbenen von uns zu entfernen, ihn gleichsam auf den Weg zu bringen. Und ihn gleichzeitig aus dem Leben zu entfernen, also die Trauernden auf seine Abwesenheit vorzubereiten.“ Es sind dies Beobachtungen, die ich als Augenöffner empfinde.

Nach seinem Tod, scheint der Vater präsenter denn je. Sein Sohn setzt ihm mit seinen Erinnerungen und seinen Nachforschungen ein liebevolles Denkmal. Was soll er jetzt, wo der Vater nicht mehr ist, bloss tun, mit sich, seiner Zeit, seinem Leben?

Georgi Gospodinov
Der Gärtner und der Tod
Roman
Aufbau, Berlin 2025

Liz Moore: Der Gott des Waldes

Liz Moore, 1981 geboren, lebt mit ihrer Familie in Philadelphia, und ist durch Long Bright River bekannt geworden, einem tollen Buch, das wie auch sein Nachfolger, Der Gott des Waldes, mit vielen Rückblenden operiert, was mir nicht behagt. Nichtsdestotrotz, beide Romane lesen sich bestens.

Im August 1975 verschwindet die 13jährige Barbara aus dem Sommercamp in den Adirondack Mountains. Barbara ist die Tochter der reichen Familie Van Laar, der das Camp und das umliegende Land in den Wäldern gehört. Bereits ihr Bruder Bear ist verschwunden, das war vor 14 Jahren, Bear war damals acht. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Im Camp gibt es die typische Hierarchie. Barbara sticht schon deswegen heraus, weil sie wie ein Punk gekleidet ist. Die Atmosphäre im Camp, der Umgang der Jugendlichen miteinander, ist sensibel beobachtet. „Zwölf- und dreizehnjährige Mädchen haben einen ganz eigenwilligen Humor, vor allem, wenn kleine Jungs dabei sind: Er ist eklig und unschuldig zugleich. Unanständig und naiv.“ Besonders gut schildert Liz Moore die Seelenlagen der Jugendlichen, für die noch die kleinste Geste Bedeutung hat. „Sie nahm die Zeitung in die Hände und wusste jetzt schon, dass sie sie für den Rest der Saison in ihrem Koffer aufbewahren würde, als wäre sie eine heilige Reliquie, gesegnet durch die Berührung Lowell Cargills.“

Der Gott des Waldes liess in mir nicht nur ein Jugendlager wieder lebendig werden, die ansprechende Waldschilderungen riefen mir auch in Erinnerung, dass ich als Bub hatte Waldarbeiter werden wollen. Mit anderen Worten: Dieser Roman stellt für mich auch eine willkommene Zeitreise dar. Gleichzeitig bietet er nützliche Aufklärung. So erfährt man etwa, dass man im Wald leicht die Orientierung verlieren kann. „Wenn man im dichten Unterholz zwischen den Bäumen den Weg aus den Augen verlor, sah alles gleich aus. ‚Fünfundsechzig Prozent der Menschen‘, sagte Calvin, ’sind keine zehn Schritte vom Waldweg entfernt, wenn sie die Orientierung verlieren.'“

Die Van Laars sind sehr vermögend; das Verhältnis von Barbaras Eltern, Peter und Alice Van Laar, so recht eigentlich unmöglich. „Peter kritisierte sie oft, und zwar immer in Form von Ratschlägen.“ Nach der Geburt von Tochter Barbara hört Alice die Stimme von Bear nach ihr rufen. Ihr Mann will nichts davon wissen, der Arzt verschreibt ihr Schlafmittel, doch Bears imaginierte Besuche werden länger. Alice wird in eine Klinik abgeschoben.

Barbara ist schwierige und hatte bereits als Kind schreckliche Wutanfälle. Ihre Eltern schieben sie ins Internat ab, bis von dort Beschwerden kommen. Wie Liz Moore die seelische Kälte in reichen Familien und deren Probleme-Abschieben schildert, ist meisterhaft. Die Frage drängt sich auf: Geht Reichtum und gesellschaftlicher Erfolg unweigerlich mit Empathielosigkeit einher ?

Der Gott des Waldes ist ein gut geschriebener Gesellschaftsroman, reich an überraschenden Wendungen, der uns eindrücklich die amerikanische Klassengesellschaft vor Augen führt, in der die Begüterten, „diese ganzen Künstler, Schriftsteller und Schauspieler einladen. Aber die sind nur zur Unterhaltung da. Die sind nur Deko. Keiner nimmt sie ernst.“

Gegen Ende nimmt die Geschichte ungemein Fahrt auf und macht deutlich, dass kein Leben, kein einziges, einfach ist. Und vor allem, dass einfache Antworten nicht zu haben sind. „Sie spürt, dass ihr Instinkt sie in die Irre geleitet hat. Wie so oft. Sie fragt sich, ob sie an ihrem Instinkt gegenüber Menschen etwas ändern kann. Gegenüber Männern.“

Fazit: Bewegend, berührend und spannend. Ein grosser Wurf!

Liz Moore
Der Gott des Waldes
Roman
C.H. Beck, München 2025

Nina George: Die geheime Sehnsucht der Bücher

Von literaturmedizinischer Beratung ist in diesem Buch die Rede, in der Buchhandlung gibt es einen Buchapotheker, und man ahnt, in der „Pharmacie Littéraire“ des Monsieur Perdu sind Bücher weit mehr als nützliche Wissensvermittler oder Dekoration, sondern Medizin. Doch wie kommt man eigentlich auf einen Titel wie Die geheime Sehnsucht der Bücher? Haben denn Bücher ein Hirn, einen Verstand; können sie wissen, was sie tun? Nun ja: „Manche wissen noch, dass es das Buch ist, das sich den Menschen aussucht. Nicht umgekehrt.“

Nicht nur ein faszinierender Gedanke, sondern auch von praktischer Relevanz, schliesslich wissen wir alle, dass es Bücher gibt, die zur richtigen Zeit kommen, was allerdings voraussetzt, dass es die Zeit auch gibt und das ist zumindest fraglich. Nichtsdestotrotz gibt es ganz eindeutig Bücher, die eine ganz besondere Bedeutung in unserem Leben haben, auch wenn wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, weshalb sie unseren Weg gekreuzt haben bzw. uns zugefallen sind. Keine Frage (jedenfalls für mich), da ist Magie im Spiel. Und von dieser Magie handelt Die geheime Sehnsucht der Bücher.

Nicht nur Bücher scheinen ein Eigenleben zu haben, auch Fotos, die gelegentlich den Eindruck erwecken können (man schaue sich das Bild eines geliebten Menschen an), sie verfügten über ein Eigenleben. Darüber hinaus ist unsere gängige Unterteilung in belebt/unbelebt recht willkürlich wie der Geologe William E. Glassley erfuhr, als er mit einem Stahlhammer kräftig auf einen Stein einschlug und damit chemische Verbindungen freisetzte, die eigenartige Gerüche verströmten.

Zurück zu den Büchern. Jean Perdu glaubt, dass ein Baum, von dem das Papier für die Bücher stammt, nie vergisst. „Jedes Buch aus Papier trägt alle geträumten Träume und jedes gelebte Leben mit sich, es ist ein Wesen geworden, aus Bäumen und aus unseren Worten. Und wenn wir das Papier berühren, erkennt es uns und erkennt uns wieder. Und wie der Baum, der es einst war, so hört das Buch uns zu, wenn wir lesen, Es hört unsere Fragen. Und es gibt Antworten, vor allem, wenn wir das richtige Buch genau zur richtigen Zeit aufschlagen.“

Françoise ist elf bzw. fast zwölf und will auf keinen Fall Frankie gerufen werden: Sie begeistert sich für Wer die Nachtigall stört und Oliver Twist und empfiehlt ihrer Mutter den Besuch bei Jean Perdu („Jean Perdu achtete weniger auf das, was Menschen sagten. Sondern auf das, was sie nicht sagten.“), denn dieser werde ihr Bücher geben „und rettet dein Leben.“

Wenn sie wissen wolle, wie eine Stadt, ein Land, die Menschen ticken, solle sie sich die Friedhöfe ansehen, sagt Françoises Maman zu ihrer Tochter, denn dort sehe man auch, dass sich einige über den anderen stehend wähnten. „‚Ich habe das nie verstanden, du?‘ Woher soll ich das denn wissen, Maman, dachte Françoise. Aber Françoise wusste es. Aus Oliver Twist wusste sie es. Aus Heidi auch. Aus Harry Potter, aus eigentlich allen Büchern, da es immer jemanden gab, der wollte, dass andere unten sind und sich abstrampeln oder denen man das Leben noch schwerer machen kann und sich zu Hause gemütlich eine Tasse Tee brühen und sich beglückwünschen, nicht unten zu sein.“

Was dieses Buch unter anderem klarmacht: Nichts, das sich nicht in Büchern finden würde. Auch wer an Kulinarischem Freude hat, findet in Die geheime Sehnsucht der Bücher vielfältige Anregungen. „Hemingways Kartoffelsalat mit Öl, Prousts Madeleines („Mit einem Hauch Quitte!“), Lammrippchen à la Jon Fosse („Das einzig wahre delissimo, ansonsten fade Lesekost“) und natürlich die Tarte Tatin au caramel beurre salé. Es gab Bordeaux, wie ihn Guy de Maupassant liebte, Taittinger Champagner der Françoise Sagan.“

Die geheime Sehnsucht der Bücher ist überaus reich an Lektüre-Hinweisen. Von Marcel Proust, über Oliver Sachs zur Grossen Enzyklopädie der Kleinen Gefühle (was für ein wunderbarer Titel!). Zudem trifft man auf viel Anregendes, das allesamt, wen wundert’s, aus Büchern stammt, doch deshalb nicht einfach geglaubt werden muss. „Man muss jemanden nicht kennen, um ihn zu lieben, Das hatte mal in einem deutschen Beststeller gestanden, und Pauline war sich immer noch nicht ganz sicher, ob sie das zutiefst wahrhaftig oder zutiefst patati-patata fand.“

Françoises Mutter erklärt ihrer Tochter, dass man bei ihnen zu Hause nicht las, da der Vater die Kontrolle behalten wollte und die Kinder deshalb nicht lesen sollten, was sie wollten, sondern nur das, was sie sollten. Wer also die vielfältigen (und oft hilfreichen) Gedanken fremder Leute in seinen Kopf lassen will, lese dieses Buch!

Nina George
Die geheime Sehnsucht der Bücher
Roman
Knaur, München 2025

Emma Pattee: Auf der Kippe

Annie, Mitte dreissig, hochschwanger, sucht im IKEA in Portland nach dem idealen Babybett. Das ist dermassen lustig geschildert, dass ich aus dem Lachen fast nicht mehr herausgekommen bin. Das Bett, für das sie sich entschieden hat, ist nicht mehr vorrätig. Jedenfalls glaubt sie das und staucht die wenig motivierte Verkäuferin zusammen, die sie zu beruhigen sucht. „Beruhigen Sie sich. Ich wüsste nichts, was mich weniger würde als dieser Spruch.“

Die Autorin Emma Pattee, „a climate journalist and fiction writer“, laut ihrer Website, verfügt über viel Witz, inklusive Selbst-Ironie. Und sie schreibt sehr gut. Was hängt eigentlich wie und womit zusammen?, fragt sich ihre Protagonistin, falls die Dinge überhaupt zusammenhängen – und tut dann, was alle tun, die sich versuchen die Welt bzw. ihr Leben zu erklären: Sie schaut zurück. Genauer: Siebzehn Jahre zurück, damals war sie 18, studierte an der New York University Dramatisches Schreiben, und litt unter Heimweh. Also wieder heim nach Portland, wo sie Theaterstücke schreibt und prompt bei einem lokalen Theaterwettbewerb als Siegerin hervorgeht.

Dieser Blick zurück ist jedoch nicht die übliche Nabelschau, sondern eine Art Sozialgeschichte, die darüber Auskunft gibt, was sich in diesen siebzehn Jahren wie verändert hat, gesellschaftlich und persönlich. Das ist ungemein aufschlussreich, schliesslich wissen wir alle nicht so recht, weshalb wir gelandet sind, wo wir jetzt sind, und fragen uns gelegentlich, was eigentlich aus unseren Träumen geworden ist. „Doch aus irgendeinem Grund ist jedes Jahr kürzer als das zuvor.“

Ein Erdbeben erschüttert die Westküste der USA, das grosse Beben, das schon lange vorhergesagt worden war. Annie findet sich unter einem Stapel Kartons wieder, sie gerät in Panik. „Denk nicht daran, was vor dir liegt, hat die Lehrerin beim Schwangerschaftsyoga gesagt. Denk nur daran, was gerade jetzt geschieht.“ Die IKEA-Verkäuferin, die sie gerade noch angeschnauzt hat, rettet sie. Merke: Auch beim Schwangerschaftsyoga lässt sich Wesentliches fürs Leben lernen.

Zwei Jahre zuvor hatte Annie zusammen mit ihrem Mann an einem Erdbebenvorbereitungskurs teilgenommen. Aus Langeweile und weil es kostenlose Donuts und Kaffee gab. Nicht das Erdbeben sei das Problem, sondern die schlecht gebauten Gebäude, lernten sie da. Und dass man um sein Leben laufen solle sowie die Möbel an der Wand befestigen, Bohnen in Dosen kaufen und Eimer zum Sammeln von Regenwasser zur Hand haben. Stattdessen kauften sie bei Amazon Funkgeräte, die seither in Plastikverpackung im Schrank lagern.

Im Durcheinander nach dem Erdbeben versucht Annie ihren Mann zu erreichen. Unterwegs zur Innenstadt, an eingestürzten Gebäuden vorbei, trifft sie auch auf die IKEA-Verkäuferin, der sie ihr Leben zu verdanken hat. „… wir stehen da in der Sonne wie zwei Idiotinnen. Grinsend und weinend. Weinend und grinsend.“ Wunderbar, diese Variante von Wittgensteins: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ 

Hervorragend versteht es die Autorin, eingefahrene Floskeln ad absurdum zu führen. Will man etwa eine Frage nicht beantworten, so sagt man häufig, das sei eine lange Geschichte, womit in der Regel signalisiert wird, man wolle nicht darüber sprechen. Doch es geht auch anders. „Ich seufze. ‚Lange Geschichte‘, sage ich?.“ „Und die Kurzversion?'“ Und die ist dermassen gut, also akkurat und unverständlich, dass sie hier nicht verraten werden soll …

Emma Pattee erzählt von den Dingen, wie man sie sich vorstellt, und wie sie wirklich sind. Und da sie eine smarte Person ist, weiss sie natürlich auch, dass unserer Vorstellungen von uns selber selten der Wirklichkeit entsprechen. Sicher, eine einigermassen banale Erkenntnis, doch diese so überaus unterhaltsam zu schildern wie die das in Auf der Kippe geschieht, ist selten. Darüber hinaus beschreibt dieser Roman auch glänzend die naive Ernsthaftigkeit der Jugend, in der man annimmt, man sei die einzige, die grosse Träume hegt, bis man dann herausfindet, dass das so recht eigentlich alle tun.

Fazit: Clever, berührend und sehr lustig sowie eine Anleitung zur Erdbebentauglichkeit.

Emma Pattee
Auf der Kippe
Roman
Piper, München 2025

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