Auf einer Forschungsstation im Nordosten Grönlands zieht ein Whiteout auf (ist das Sonnenlicht durch Nebel gedämpft, dann ist der weisse Boden vom Horizont nicht mehr zu unterscheiden). Die Wissenschaftler werden aufgefordert drinnen zum bleiben, doch die Klimaforscherin Iona Grimstedt fehlt. Der sofort ausgeschickte Suchtrupp findet sie unterkühlt und desorientiert. Auf einem US-Forschungsschiff soll sie von Grönland nach Kiel gebracht werden, ist jedoch plötzlich unauffindbar.
Die Suche der Küstenwache und der Helgoländer Seenotretter bleibt ohne Erfolg, doch dann schaltet sich die Bundespolizei zur See ein, deren Ermittler Xander Rimbach Verhöre an Bord durchführt, die darauf hinzuweisen scheinen, dass die seit langem unter Depressionen leidende Iona aus eigenem Antrieb über Bord gegangen ist. Doch dann …
„Sie hatte nicht mehr dieses Resolute, sie schien ein bisschen abwesend zu sein, würde ich sagen“, erfährt Xander. „Sie lässt sich nicht helfen“, sagt Thorsten (Ionas Mann). „Sie will immer alles allein schaffen.“ Wie viele Depressive war Iona offenbar in einem Mass mit sich selber beschäftigt, das ihr kaum Energie mehr für andere liess. „Solche Geschichten kann man sich eine Weile anhören, aber auf die Dauer hört man immer weniger hin, vor allem, wenn die andere Person nie mal fragt, wie es einem selbst geht …“.
Nach und nach lernt man, dass Iona Grimstedts Forschungsgebiet die Glaziologie ist, also die Wissenschaft, die das Eis liest, das Wasser analysiert und die Anteile der im Eis gefangenen Gase misst. „In ihrem Fachgebiet dreht sich alles um Klimaschwankungen, Treibhausgase, Erwärmung, Abkühlung.“ Sie wird zur Zielscheibe von Klimawandelleugnern, insbesondere ein Typ namens Arpoi, von dem niemand weiss, wer er ist, hat sich auf sie eingeschossen.
Dieser Roman besticht nicht zuletzt durch den grandiosen Auftakt, der einen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das liegt an der unprätentiösen Sprache sowie dem Händchen des Autors für Dramaturgie. Man ahnt nicht nur, sondern man weiss, dass Iona Grimstedt ein unwillkommenes Schicksal bevorsteht. Hingegen weiss man ganz und gar nicht, wer an Ionas Tod Schuld trägt. Sind es wirklich die Klimaleugner?
Auftritt Liewe Cupido. Der eigenwillige Kommissar ist Mathijs Deens Maigret, also einer, der Zusammenhänge sieht, die anderen entgehen, „Eine falsche Spur führt nicht vom Täter weg, sondern zu ihm hin.“ Und : „Es gibt einem zu denken, mir jedenfalls, wie gewaltig doch der Kontrast ist zwischen dem, was ein Mensch sich wünscht, in seiner Fantasie ….“, er schweigt einen Moment und betrachtet das Fotos, „… und der Wirklichkeit.“ Es sind Einsichten wie diese, die diesen Roman speziell machen.
Die Lotsin zeichnet sich auch durch überraschende Dialoge aus, die nicht nur zum Schmunzeln einladen, sondern regelrechte Augenöffner sind. „Du bist doch an einem Fluss aufgewachsen, hast du nie von solchen Fällen gehört?“ „Nein“, sagt Xander. „Aber ich habe auch nicht immer zugehört.“ Der besondere Reiz dieses Romans geht nicht zuletzt davon aus, dass er am, im und auf dem Wasser spielt. So liest man etwa auch vom Unterwasserforscher Jacques Cousteau, der uns eine gänzlich unbekannte Welt gezeigt hat.
Lakonisch schildert Mathijs Deen den Umgang der verschiedenen Akteure miteinander – Kommunikation wäre dafür ein zu positiver Ausdruck. Die geschilderten Menschen sind durchs Band eigensinnig und meist wenig kooperativ. Eine überaus realistische Sicht der Welt, die gemeinhin eher in der Wirklichkeit als in Romanen zu finden ist.
Fazit: Spannend, differenziert, berührend, lehrreich und wunderbar atmosphärisch.
Mathijs Deen
Die Lotsin
Roman
Mare Verlag, Hamburg 2025

