Jens Liljestrand: Der Anfang von Morgen

Panik und Schock ergreifen den PR-Berater Didrik von der Esch und seine Familie, als das Feuer im Waldgebiet nördlich des Siljan-Sees immer näher kommt. Ihr Auto springt nicht an, die Batterie ist im Eimer; sie fliehen zu Fuss, halten ein Auto an, versuchen gegen den Willen der Autobesitzer sich Zugang zu verschaffen, erfolglos. Ein starker, dramatischer und überaus überzeugender Einstieg.

Wir leben in einer Zeit, in der die Kinder, die den Kapitalismus verinnerlicht haben, wissen wie ihre Eltern zu manipulieren sind. „Dass mir meine Tochter etwas zeigt, das an Liebe und Respekt zumindest erinnert, passiert ausschliesslich dann, wenn ich mit der Kreditkarte in der Hand am Rechner sitze und das nächste Produkt für sie nach Hause bestelle.“

Wie immer in Krisensituationen brechen auch in der Klimakrise zugedeckte, nie angesprochene Konflikte auf. Lange zurückliegende Verletzungen, viel Verdrängtes, Schmerzliches. Denn wir werden gezwungen, uns mit dem auseinanderzusetzen, was ist – mit der Realität. Denn die Natur scheisst auf uns. Das ist das Wichtigste, das müssen wir erst Mal begreifen. Die Natur kümmert sich nicht. Sie bedankt sich nicht bei dir, weil du ein Hybridfahrzeug gekauft hast. Sie wird nicht nett, weil du eine Solaranlage eingebaut hast (…) Die Natur verhandelt nicht. Sie kann nicht überredet werden oder besänftigt oder genötigt. (…) Wenn wir davon reden, dass wir gerade ‚den Planeten zerstören‘ oder ‚die Natur schädigen‘, ist das eine selbstbezogene Lüge. Wir zerstören nicht den Planeten. Wir zerstören nur unsere eigenen Möglichkeiten, auf ihm zu leben.

Eindringlicher ist selten geschildert worden – und vermutlich eignet sich der Roman dazu besser als das Sachbuch, wo Gefühle eher selten zu finden sind – , dass wir uns nicht nur anders verhalten müssen, sondern dass sich auch unser Denken ändern muss. Unsere Debattenkultur lenkt ab, benebelt und lässt uns glauben, Kompromisse seien nicht nur möglich, sondern wünschenswert. Ein Irrtum sondergleichen!

Teil zwei handelt von Verleugnung und Zynismus. Didrik sucht mit seiner dreijährigen Tochter bei Melissa Stannervik Unterschlupf, einer Influencerin und Speakerin, mit der er einst eine Affäre hatte und die ihm seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Sie ist abhängig von Schmerzmitteln und weiss, dass sie das ändern muss.

Aus dem Internet erfahren sie, dass Hunderte Menschen dem Feuer bereits zum Opfer gefallen sind und die Behörden vor einer erhöhten Ansteckungsgefahr mit der neuen Virusvariante warnen. Die U-Bahn fährt nicht mehr, aus Angst der Strom könnte ausfallen; Gift-resistente Wanzen; zerstörte Cafés, geplünderte Boutiquen, Autowracks und liegen gebliebene Einsatzfahrzeuge. Die Menschen sind überfordert, wissen nicht mehr, was sie tun sollen. So apokalyptisch sich dies alles anfühlt, man hat gleichzeitig das Gefühl, mitten drin zu stecken, ganz so als ob dies bereits unserer Realität wäre – und sie ist es ja auch, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen

Trauer und Hass dominieren Teil drei. Der neunzehnjährige André Hell befindet sich mit seinem Vater, der Tennislegende Anders Hell am Mittelmeer. Er müsse künftig für sich selber aufkommen, eröffnet Anders Hell seinem fils à papa. Die beiden unterhalten sich über die Brände, die randalierenden Klimaaktivisten, über die Pest. André erwähnt die Seuche vom 18. Jahrhundert, als die Hälfte der Stockholmer Bevölkerung starb, und von der sein Vater noch nie gehört hat. „Das ist typisch für die Geschichte des Leids, wenn die Oberschicht nicht betroffen ist, wird es gar nicht registriert.“

Obwohl die jeweiligen Teile auch für sich gelesen werden können, gehören sie zusammen – man staunt, wie gekonnt Jens Liljestrand Verbindungen herstellt und die verschiedenen Geschichten zusammenzubringen weiss.

Teil vier handelt vom Widerstand. Die Situation hat sich zugespitzt; der Stromausfall dauert an, Züge bleiben in der Hitze stehen, einige Kinder sterben, andere werden ins Krankenhaus gebracht. „Dieser ganze Scheiss hier ist ja noch schlimmer als die Pandemie, wirklich nichts, absolut gar nichts funktioniert noch in diesem Kackland und …“. Wenn das in Schweden so ist, wie ist es dann wohl in weniger entwickelten Ländern?

Der Anfang von Morgen ist ein ungemein packendes Porträt unserer Zeit, in der ein kleiner Teil der Menschheit Privilegien geniesst, die einige von ihnen manchmal mit Scham erfüllen, von denen sie jedoch trotzdem nicht lassen wollen.

Immer dringender stellt sich die Frage nach einer grundsätzlichen Umbesinnung, einer Frage, der wir tunlichst aus dem Weg gehen, da sie uns an die Endlichkeit unseres Daseins erinnert. Die dramatischen Klimaveränderungen lassen uns jedoch keine Wahl und doch – und dies zeigt Jens Liljestrand ausgezeichnet – , bleiben wir in unserem gewohnten Denken und Handeln befangen, scheinen nicht fähig, zu tun, was das Leben von uns verlangt.

Ich dachte, jemand wird schon kommen und die Sache regeln. Jemand, der für Ordnung sorgt, nicht für dieses verdammte Chaos. Doch nicht alle denken so; die 14jährige Vilja findet im ganzen Chaos eine Antwort auf das Dilemma, in das uns die Klimakrise gestürzt hat, und die Jens Liljestrand so formuliert: „Die Menschheit hat nur einen Planeten, aber jeder Mensch hat nur ein Leben. Also, was willst du mit deinem machen?“

Fazit: Beklemmend, differenziert, wesentlich!

Jens Liljestrand
Der Anfang von Morgen
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2022

Louise Nealon: Snowflake

Eine junge Frau wächst auf einem Bauernhof auf, geht nach Dublin zum Studium, doch das Leben in der Stadt ist nicht so ihr Ding und Zuhause laufen die Dinge immer mehr aus dem Ruder. Und zwar ziemlich dramatisch.

Louise Nealon erzählt hier, zumindest teilweise, ihre eigene Geschichte – was sollte sie auch sonst erzählen, etwas anderes als uns selber bzw. unsere Wahrnehmungen (Fantasien eingeschlossen) können wir doch gar nicht kennen. Wie sie von ihrem Leben (oder von Debbie White, wie sie in Snowflake heisstuninspirierter als einen englischen Titel für ein deutsches Buch zu wählen, geht kaum*) erzählt, weist die Autorin als geborene Erzählerin aus, die Irland und die dortigen Anschauungen überaus witzig und treffend zu vermitteln weiss.

Natürlich kommt Debbie mit Erwartungen an die Uni. „Es ist Orientierungswoche, und ich habe Collegefilme gesehen – wenn ich an der Uni meine zukünftige beste Freundin oder meine grosse Liebe treffe, dann am ersten Tag.“ Da sie den Weg zum Trinity College noch nicht kennt, fragt sie einen Polizisten. „Er lacht mich aus, und ich werde rot, hasse mich dafür. Ich gehe in die Richtung, in die er mich schickt, und bin fest entschlossen, ab jetzt so auszusehen.als wüsste ich genau, wo ich hinmuss.“

Snowflake machte mich oft lachen. „Meine Mutter hat einen Grossteil ihres Lebens verschlafen. Der Morgen liegt ausserhalb ihres Existenzbereichs. Ihr Wecker klingelt erst mittags und spielt dann Downtown von Petula Clark in Endlosschleife.“ Oder: „Was ist das erste Wort, das dir einfällt, wenn ich vegan sage?“, frage ich. „Hitler“, sagt Billy. „Genau.“ „Obwohl er wahrscheinlich gar keiner war.“ „Ich weiss.““

Auf einem Bauernhof aufzuwachsen mag idyllisch klingen, doch die Verhältnisse in Debbies Zuhause entsprechen nicht der Norm – ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter ist ziemlich durch den Wind, der Onkel trinkt. Wobei: die Iren und Alkohol ist eine Geschichte für sich. „Ein Alkoholproblem zu haben, ist bei uns gesellschaftlich akzeptiert, solange man sich deswegen nicht in Behandlung gibt. Gerne mal einen über den Durst zu trinken, ist hier eine Überlebensstrategie.“

Bestens nachvollziehbar schildert sie ihr Uni-Dasein, diese Mischung von Überheblichkeit und Selbstzweifeln. Ihre Freundin Xanthe, die in der Stadt aufgewachsen ist, teilt ihre no-nonsense Haltung. „Was hast du als Nächstes?“, fragte Xanthe als ich zusammenpacke. „Literaturtheorie.“ „Du meinst: Phrasendreschen für Fortgeschrittene?“ „Da sagst du was.“

Die Therapeutin, die Debbie einmal aufsucht, schiesst sich auf Angststörungen ein. „Diese Unterstellung widert mich an. Angststörung ist doch nur ein geschwollener Ausdruck für Sorgen machen, und Sorgen machen ist keine Krankheit. Depression ist auch nur ein geschwollener Ausdruck für traurig sein, aber das Synonym ist stärker.“ Eine andere Therapeutin erweist sich hingegen als lebensklug und hilfreich.

Sie schätze an ihr, dass sie so echt sei, sagt Xanthe einmal zu Debbie. Es werde vermutlich an ihrer Bauernhof-Herkunft liegen. Nur, dass Debbie diese so recht eigentlich hinter sich lassen möchte. Und dann doch wieder nicht. Fraglich ist nämlich auch, ob das überhaupt geht. Sie sehe genau so aus wie ihre Mutter, sagt ein Verehrer der Mutter zur Tochter, deren Verhältnis zu ihrer Mam sich auch deswegen nicht ganz einfach gestaltetet, weil diese bipolar ist. Die Schilderungen der kranken Mutter gehören mit zu den stärksten Passagen dieses Buches.

Zu den vielen Gründen, weshalb Snowflake sich ganz unbedingt lohnt, gehört die unverblümte, direkte Sprache voller Witz. Sowie der Hinweise wegen; ich jedenfalls lege mir unverzüglich Alice im Wunderland (Debbies Lieblingsbuch) sowie Just Kids (Xanthes Lieblingsbuch) heraus. Und auch den Thomas Hardy, über den Debbie einen Aufsatz schreiben soll. „Ich will einen guten Essay schreiben, weil ich die Tutorin mag.“ Ein Satz, der mehr darüber aussagt, wie wir im Leben unterwegs sind als ganz viele noch so gescheite Analysen.

Dass dieses Buch den Titel Schneeflocke trägt, hat einerseits mit einem Fotografen zu tun, dessen Spezialgebiet die Schneefotografie ist, und andererseits mit Debbies Mutter: „Meine Mutter hat mir früher immer eine Geschichte vorgelesen, in der es um eine Schneeflocke ging, die nicht an Schnee glaubt.“ Wunderbar!

Snowflake erzählt vom Erwachsenwerden in Irland, von der Jungfräulichkeit, der Uni, dem Sich-Unwohl-Fühlen, von Partys, Küssen aus Neugier und viel Alkohol. Doch für mich ist es vor allem eine sehr berührende Geschichte über Debbies sehr spezielle und wundervoll inspirierende Mutter.

Fazit: Einfach grossartig!

* Der Verlag lässt mich wissen: „Wir haben den englischen Titel übernommen, weil der Begriff neben dem Vorkommen der tatsächlichen Schneeflocken im Buch als englischer Begriff auch in Deutschland eine Bedeutung hat, nämlich als abwertende Bezeichnung für die Generation der Millennials, die als übertrieben individualistisch und empfindlich gilt. Wir waren uns natürlich der Gefahr bewusst, dass das nicht allen Leser*innen geläufig ist, haben uns aber trotzdem dafür entschieden.“

Louise Nealon
Snowflake
Roman
mareverlag, Hamburg 2022

Lee Child: Die Hyänen

„Die Freundlichkeit von Fremden bewirkt, dass die Welt sich dreht.“ Der Satz stammt aus Tennessee Williams‘ Endstation Sehnsucht, und wird von Jack Reacher, einem ehemaligen Militärpolizisten einem alten Mann gegenüber zitiert, dem er gerade geholfen hat.

Die amerikanische Stadt, in der Reacher gerade angekommen ist, wird von zwei Gangs verwaltet, einer ukrainischen und einer albanischen, die sich mit Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Prostitution und Kreditverleih inklusive Wucherzinsen bereichern. Der alte Mann, dem Reacher geholfen hat, ist eines ihrer Opfer.

Ein grosser Teil von Die Hyänen ist dem Bandenkrieg zwischen Ukrainern und Albanern gewidmet. Lee Child, so scheint es, hat sich eingehend mit dem organisierten Verbrechen befasst; da wird nicht diskutiert, da wird gehandelt. Was der Autor manchmal mit einigen wenigen kurzen Sätzen auch vermittelt: Dass sich hinter der Prostitution ein menschliches Schicksal verbirgt.

Die Hyänen ist nicht nur ein spannender Thriller, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Fragen der Moral. Nicht im Sinne von abgehobenen Uni-Seminaren, bar jeder praktischen Relevanz (abgesehen vom Lohn der Dozenten), sondern im angewandten Sinne. Einem verletzten Mann, der ihn umbringen wollte und den er im Kofferraum eines Autos verstaut, hilft Reacher nicht; einem bedürftigen alten Ehepaar hingegen, das niemandem etwas zu Leide getan hat, kommt er zu Hilfe. „Weil ich eines Tages wie sie sein könnte. Aber niemals wie der Kerl im Kofferraum.“ „Also eine reine Stammesgeschichte“, meinte Abby. „Deine Art Leute gegen alle anderen.“ „Meine Art Leute gegen die falsche Art.“ „Wer gehört zu deinem Stamm?“ „Fast niemand“, sagte Reacher. „Ich führe ein einsames Leben.“

Jack Reacher ist ein no-nonsense Typ mit einem intakten Ehrgefühl und einem ausgesprochenen Durchhaltewillen. Einen festen Wohnsitz hat er nicht, Besitztümer ebenso wenig, er ist ständig unterwegs, eine Mischung aus modernem Krieger und Pilger. In seiner Zeit als Militärpolizist hat er unter anderem die schmutzigsten Nahkampftricks der Welt gelernt. Und das Leben hat ihn dies gelehrt: „Wir leben in einem Universum der Zufälle. Alle Jubeljahre einmal entwickeln die Dinge sich zum Guten.“

Reachers Lebensphilosophie gründet auf Regeln. „Seit seiner Kindheit, seit er zu der Erkenntnis gelangt war, dass man erschreckt werden oder selbst erschrecken konnte, lautete seine Regel Nummer eins: Immer auf die Gefahr zugehen, nicht von ihr weg.“ Zu seinen Charakteristika gehört überdies, dass er sich auf seinen Instinkt verlässt. „In einem Taschenbuch, das Reacher einst in einem Bus fand, hatte er einmal gelesen, viele Menschen neigten zu stunden- oder tagelangen Zweifeln, obwohl sie die Wahrheit in Wirklichkeit sekundenschnell erkannten. Das Buch hatte ihm gefallen, weil es seine eigenen Auffassung bestätigte.“

Ein Held ist Reacher nicht, denn Lee Child braucht keinen Helden, ihm genügt „die Hauptperson eines populären Romans“, die die Menschen darin bestärkt, worin wir alle bestärkt werden müssen: „ermutigt, gestärkt, aufgerichtet und getröstet zu werden.“

Die Hyänen ist sehr spannend, reich an überraschenden Wendungen, ein exzellenter Page-Turner. Und darüber hinaus smart, packend und witzig („Was will er?“ „An dem Tag, als sie Wahrsagen gelehrt haben, war ich leider krank.“) – ein echter Jack Reacher eben.

Lee Child
Die Hyänen
Ein Jack-Reacher-Roman
Blanvalet, München 2022

Tove Alsterdal: Sturmrot

Im Alter von 14 gesteht Olof Hagström in Ådalen im Norden Schwedens, die 16jährige Lina Stavred ermordet zu haben. Als er 23 Jahre später auf dem Weg nach Stockholm bei seinem Elternhaus vorbeischaut, findet er seinen Vater tot vor, ermordet mit einem Jagdmesser. Kurz darauf steht das Haus in Flammen, der Sohn wird verletzt im Wald aufgefunden.

Die Polizistin Eira Sjödin hat einst in Stockholm gearbeitet, lebt aber wieder in Ådalen bei ihrer demenzkranken Mutter Kerstin. Sie war neun Jahre alt, als Lina, deren Leiche nie gefunden wurde, verschwand. Olof Hagström war der Junge aus ihren Albträumen. Sturmrot ist zu grossen Teilen eine Reise in Eira Sjödins Vergangenheit.

Eindrücklich, wie die Autorin es schafft, mit ein paar einfachen Sätzen die Tragik der Demenz der Mutter zu erahnen. „Ihre klaren Momente hatte Kerstin Sjödin meist morgens, zwischen fünf und sechs, wenn sie den Kaffee aufsetzte. Manchmal war er stark und manchmal auch viel zu stark, aber Eira beschwerte sich nicht. Die Morgen waren eine Art Freistatt, bevor die Eindrücke des Tages Kerstins Zustand verschlechterten und sie zunehmend verwirrt schien.“

Eira Sjödin und ihr älterer Kollege Georg Georgsson nehmen sich des Falles an. Olof Hagström scheidet schon bald als als Verdächtiger aus; seine Schwester arbeitet beim Fernsehen in Stockholm und hat ein Kind – auch das macht einen Mord wenig wahrscheinlich.

Das Leben auf dem Land gehorcht seinen eigenen Gesetzen. Die Leute wissen, was los ist, ob die Medien davon berichten oder nicht. Und sie fragen sich, wie sie sich schützen können, da doch Olaf Hagström bereits wieder auf freiem Fuss ist. Auch greifen sie oft zu Selbstjustiz. Und dann gibt es ja auch noch die sozialen Medien, denen so ziemlich gar nichts zu entgehen scheint – wenn die einmal Blut geleckt haben, wird es meist heftig. Anstand und Zurückhaltung sind heutzutage wenig gefragt.

Die schwedischen Wälder, so lerne ich unter anderem, seien schon immer Zufluchtsorte für ganz unterschiedliche Leute gewesen, seien es amerikanische Deserteure aus dem Vietnamkrieg, seien es „grün bewegte Aussteiger oder Frauen, die von ihren Männern geschlagen wurden.“ Und auch von brutalen Gruppenvergewaltigungen erfahre ich. Es sind nicht zuletzt solche Geschichten, die neben den Naturschilderungen, diesen Roman lesenswert machen.

Es ist das Schwedische, das mir diesen Kriminalroman sympathisch macht. Gekonnt vermittelt Tove Alsterdal die Weite des Landes, das so recht eigentlich unmöglich zu kontrollieren ist; erzählt von der Einsamkeit, die nicht wenige in den Alkohol treibt, und von den Eigenheiten, die die Leute entwickeln. „Es ist dieses Schweigen, und dass man alles mit sich selbst ausmacht. Passen Sie bloss auf, wenn jemand die Augenbraue hebt, denn das kann heissen, dass er sehr wütend ist.“ Und so charakterisiert sie den berühmten Mittsommer: „Mittsommer war für die Polizei einer der wohl schlimmsten Tage im Jahr. Hübsche Traditionen wie laubumwundene Stangen und besinnungslose Besäufnisse, Schlägereien und Übergriffe prägten die hellste aller schwedischen Nächte.“

Sturmrot bringt mir Schweden auf eine Art und Weise nahe wie ich dieses Land (ich war schon einige Male vor Ort) noch nie wahrgenommen haben. Ein Beispiel: „… Enthüllungen, laut denen reiche Stockholmer Kommunen ihre Sozialhilfeempfänger heimlich in ärmere Ort in Norrland abschoben. Sie besorgten ihnen Mietverträge, wo es leer stehende Wohnungen gab, bezahlten ihnen das Zugticket sowie eine Monatsmiete, und dann waren sie die lästigen Kosten los. In Kramfors war dies erst aufgefallen, nachdem die entsprechenden Personen auf dem Sozialamt aufgetaucht waren.“

Wie jeder gute Krimi sich nicht einfach mit der Auflösung eines Rätsels erschöpft, so macht einem auch Sturmrot Aspekte bewusst, über die man sich noch gar nie Gedanken gemacht hat. Weshalb, zum Beispiel, wird jemand Polizist? „Keiner gab es zu, aber war man bei der Polizei, wollte man, dass etwas passierte (…) Man wollte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, alles geben, man suchte die Spannung und den Adrenalinkick, was jedoch nicht bedeutete, dass man Straftaten deswegen guthiess. Es war dieselbe Faszination, mit der Chirurgen sich für komplizierte Operationen begeisterten oder Schauspieler für Hamlet und King Lear.“

Was zu Beginn festzustehen scheint, erweist sich im Verlaufe der Geschichte als zunehmend fraglich. Die Gewissheiten von einst haben keinen Bestand und müssen den tatsächlichen Erkenntnissen weichen. Überaus gekonnt führt Tove Alsterdal vor, wie das, was die Menschen glauben wollen, und die Wahrheit oft auseinanderklaffen.

Fazit: Ein sehr clever gestalteter Krimi. Tove Alsterdal versteht ihr Handwerk.

Tove Alsterdal
Sturmrot
Kriminalroman
Rowohlt Polaris, Hamburg 2022

Charlie Corbett: Die Zwölf Seelen-Vögel

„Wir sind unserer natürlichen Umgebung entfremdet. Diese Entwurzelung ist, so glaube ich, einer der Hauptgründe, warum es uns heute so schwerfällt, die Schläge, die uns treffen, zu bewältigen. Wir haben die Perspektive verloren, die uns die Natur bietet“, schreibt Charlie Corbett in der Einleitung zu Die Zwölf Seelen-Vögel. Als seine Mutter stirbt, findet er Trost beim Beobachten von Vögeln. Dabei stellt er unter anderem fest, dass die Lerche zu den wenigen Vögeln gehört, die im Flug singen.

Wir sehen selten, was vor unserer Nase liegt, gehen meist achtlos daran vorbei. „Ich bin immer noch verblüfft, wie viel Neues ich immer wieder bei Spaziergängen entdecke, obwohl ich jetzt seit Jahren schaue, suche und lerne.“ Das liegt daran, dass wir zumeist auf Autopilot unterwegs sind – de-automatize hat Osho uns geraten. Wie jeder wirklich gute Rat, so zeichnet sich auch dieser dadurch aus, dass er nicht so einfach umgesetzt werden kann.

Charlie Corbett macht die Erfahrung, dass nur schon still unter einem Baum zu sitzen, sich als überraschend schwierig erweist, denn es kann beängstigend sein, mit den eigenen Gedanken allein zu sein. „Ich wollte instinktiv vor diesen Augenblicken der Stille fliehen (oder mich aus ihnen wegsaufen), weil ich Angst davor hatte, was mir in ihnen begegnen würde, und deshalb scheiterten viele meiner Versuche, mich einfach hinzusetzen und dem Gras beim Wachsen zuzuschauen und zuzuhören, völlig.“

So recht eigentlich handelt es sich bei Die Zwölf Seelen-Vögel um ein Heranführen an die Natur, von der wir ein Teil sind, auch wenn uns das selten wirklich bewusst ist, da wir gelernt haben in Gegensätzen zu denken. „Oben auf dem Hügel kam ich mir vor, als sei ich Teil von etwas Grösserem als meinem begrenzten Verstand und meiner kurzen Verweildauer auf Erden. Ich versuchte, mir intensiv die Menschen und Tiere vorzustellen, die vor mir diese alte Kulturlandschaft bevölkert hatten. Ich fragte mich, wie viele Tausende Menschen in den vergangenen Jahrhunderten dieses schöne Fleckchen Erde ihr Zuhause genannt hatten. Es mussten viele gewesen sein, und dennoch kam es einem so unberührt vor mit seinen endlosen Hügelketten und gewundenen Bächen mit kalkig weissem Wasser.“

Bei seiner Entdeckungsreise stösst Charlie Corbett auch auf Edward Grey, den britischen Aussenminister zu Beginn des Ersten Weltkrieges, der sich als Vogelfreund herausstellte, und sich in einer Art und Weise über den Zaunkönig ausliess, dass Charlie das Gefühl hatte, auf eine verwandte Seele gestossen zu sein. Was wieder einmal zeigt, dass es zu allen Zeiten und in allen Berufen Menschen gab, die sich mit der Natur verbunden fühlten.

Auch der britische Witz kommt nicht zu kurz in diesem gut geschriebenen Werk. Etwa wenn man darauf hingewiesen wird, dass Paul McCartney offenbar kein Vogelkenner ist, sonst hätte er kaum eine Amsel (Blackbird) mitten in der Nacht singen lassen. Amseln tun das nämlich nicht, Singdrosseln tun das. Übrigens nicht nur mitten in der Nacht, „sondern auch mitten im Winter, wenn sich kein anderer Vogel hören lässt.“
Die Zwölf Seelen-Vögel ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Sterben von Charlie Corbetts Mutter. Vor allem der Vater will nicht wahrhaben, dass das Leben seiner Frau zu Ende geht; ihr Tod lässt ihn als gebrochenen Mann zurück. „Trauer ist eine seltsame Sache. Das Wort selbst ist ein schwacher Versuch, eine Legion von Gefühlen zu beschreiben, die sich auf hunderterlei Art manifestieren, ähnlich wie Liebe wohl, aber negativ.“

Was Die Zwölf Seelen-Vögel auszeichnet, sind die persönlichen Geschichten. So beobachtete der Autor etwa einen Buchfink, der mit seinem Spiegelbild kämpft, das er für einen Rivalen hält. Und auf ein Mal dämmert ihm, dass er selber genau so mit seinem Vater kämpft. „Manchmal zeigen einem die Tiere so deutlich, was mit dem eigenen Leben nicht stimmt, dass es wehtut.“

Fazit: Nützlich und anregend.

Charlie Corbett
Die Zwölf Seelen-Vögel
Wie sie uns Trost, Ruhe und neue Kraft schenken
Kailash, München 2022

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