
Tramandaí, Rio Grande do Sul, Februar 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Tramandaí, Rio Grande do Sul, Februar 2022
Anlass, mir dieses Buch vorzunehmen, war der Titel, denn ich kenne diesen Satz, allerdings auf Englisch, ich habe ihn sogar einem Kapitel meines Thrillers Herolds Rache vorangestellt. Ein hilfreicher Satz für Leute, die unter Süchten leiden, weil er deutlich macht, dass Süchtige (und alle anderen auch, aber eben nicht immer mit destruktiven Konsequenzen) jeden Unsinn zu glauben bereit sind.
Kurt Krömer bezeichnet sich als Prominenten und ich habe keine Zweifel, dass er prominent ist, auch wenn er mir bislang nicht bekannt war. Wie alle Medienleute so ist auch er in hohem Masse anerkennungsbedürftig und das ist eine gute Ausgangslage, wenn man süchtig werden will.
Er ist trockener Alkoholiker, seit zehn Jahren. Dann, mit 47, wird er mit einer Depression diagnostiziert. „Ich bin alleinerziehender Vater und so wie es aussieht, war ich mehr als dreissig Jahre depressiv.“ Eine Aussage, die mich automatisch an Emmanuel Carrère denken lässt, der auch nicht wusste, dass er bipolar ist, bis er damit diagnostiziert wurde.
Geht man so verwirrt und von Gefühlen gebeutelt durchs Leben wie das für halbwegs Sensible normal ist, ist eine Diagnose oft ein willkommener Rettungsanker, jedenfalls sofern es sich um eine behandelbare Krankheit handelt. Und dies war bei Kurt Krömer der Fall.
Er schreibt viel von seinen Ängsten und das zeichnet dieses Buch wesentlich aus. Den meisten fehlt nämlich der Mut, sich ihre Ängste zuzugeben. Sie sind ihnen peinlich, sie schämen sich und haben letztlich, so sie denn genesen wollen, doch keine andere Wahl als sich der Realität zu stellen. Doch der Weg dorthin ist kein gerader: „Ich habe mich wirklich gefragt, ob ich narzisstisch veranlagt oder ein Egomane bin.“ Na ja, viele psychische Probleme sind Ego-Probleme.
Besonders eindrücklich ist Krömers Schilderung seines Horrors vor einem Klinikaufenthalt. „Vielleicht hatte ich so eine Fünfzigerjahre-Vorstellung von psychiatrischer Klinik im Kopf. Vielleicht hatte ich Angst, dass ich da nicht mehr rauskommen würde. Ausserdem dachte ich ja, wir Künstler brauchen eine Vollmeise, um überhaupt so arbeiten zu können, wie wir arbeiten. Und wenn diese Vollmeise wegtherapiert wird, dachte ich, dann kann ich meine Arbeit nicht mehr ausführen. Also ein Kurt Krömer, der völlig normal ist, ist ja nicht mehr zu gebrauchen. Das wäre das Ende meiner Karriere gewesen.“
Wenig überraschend entpuppt sich der Aufenthalt in der Klinik als etwas ganz anderes. Zum einen kommt er mit anderen Depressiven umstandslos ins Gespräch, zum andern lernt er, dass es sowas wie die Ursache einer Depression nicht gibt, sondern sich diese „eher so eingeschlichen“ hat, es um Selbstfürsorge und Entschleunigung geht.
„In der Einzeltherapie waren wir bis zu meinem elften Lebensjahr zurückgegangen.“ Der Mann hat eindeutig ein besseres Gedächtnis als ich; bei mir selber gibt es fast keine Erinnerungen an meine Jugend, geschweige denn an ein bestimmtes Altersjahr. Es schildert seinen Vater als Alkoholiker, der immer alle fertigmachte und fragt sich dann: „Welcher nicht-depressive Mensch kommt auf die Idee, eine Fernsehsendung zu machen, in die man sich nur Leute einlädt, die man nicht leiden kann.“ Dry drunks, zum Beispiel.
Natürlich hat er die Klinik nicht „als komplett geheilt verlassen.“ Doch er wird soweit instand gestellt, dass seine „stark blutende Wunde“ (ein wunderbar eingängiges Bild) versorgt wurde. Seit er aus der Klinik raus ist, geht er wachsamer durchs Leben. Weil er sich besser kennt und angefangen hat, sich Sorge zu tragen.
„Man kann fast davon sprechen, dass die Depression mir ein Geschenk gemacht hatte, nämlich die Erkenntnis, dass man als Komiker selbstverständlich über tragische Sachen sprechen konnte“, notiert er einmal. Mir scheint das zu kurz gegriffen. Meines Erachtens hat ihm die Depression dazu verholfen bzw. ihn gezwungen, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Er hat die Chance genutzt. Bravo!
Kurt Krömer
Du darfst nicht alles glauben, was du denkst
Meine Depression
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022
Drei Wattwanderer, die sich gut kennen, machen sich normalerweise gemeinsam auf den Weg, doch dieses Mal sind nur zwei von ihnen unterwegs – der eine kommt zu Tode. Die Bundespolizei See in Cuxhaven setzt den inoffiziellen Ermittler Liewe Cupido, in Deutschland geboren, aber in den Niederlanden geboren, bekannt als der Holländer, auf den Fall an. „Dem Holländer braucht man nichts zu erklären, der findet den Weg allein. Und ich sag dir am besten gleich, sehr gesprächig ist er nicht.“
Ein Toter auf einer Sandbank ist das eine, wer für ihn zuständig ist das andere. Die Deutschen, die Niederländer? Die Juristerei hat dafür gesorgt, dass man sich über noch viel mehr streiten kann als man je gedacht hat – und dies (und vieles andere) führt Mathijs Deen sehr gekonnt vor.
Der Tote weist eine Wunde am Ohr auf. War es etwa kein Unfall? Der Überlebende hat vor einigen Jahren seine Ehefrau durch einen Segelunfall verloren und hat nun Visionen von ihr. Gibt es da einen Zusammenhang? Und warum hatte der dritte Mann an dieser schon lange geplanten Wattwanderung nicht teilgenommen? Der Holländer ist ein überaus vielschichtiges, clever aufgebautes Buch, das sich gegen das Ende in zu einem veritablen Thriller steigert.
Was mir diesen Roman wertvoll macht, ist nicht so sehr die gelungene Rahmenhandlung, sondern dass er mir eine Welt eröffnet, von der ich bisher nichts wusste. „Ein Wattwanderer geht ungeahnte oder vom Meer ausgelöschte Wege. Es ist eine Umgebung voller Unwägbarkeiten, in der die Natur das Sagen hat. (…) Der Wattwanderer und seine Ausrüstung, auf alles vorbereitet und doch nicht sicher.“
Unter anderem ist von einem Maler die Rede, der kurz vor Sonnenuntergang seine Staffelei aufstellt und sobald die Sonne die Konturen der Dünen hervorhebt, zu malen beginnt. „Er kommt nie sehr weit, aber darum geht es ihm nicht. Die Sonne verschwindet unter dem Horizont, der Moment ist vorbei, das Bild unvollendet.“ Die Redakteurin der Lokalzeitung porträtiert den Maler, den sie mit den Worten zitiert: „Wenn man nicht richtig hingesehen hat, ist man dann überhaupt da gewesen? Wann ist man irgendwo wirklich da?“
Es sind solche Sätze, derentwegen ich hauptsächlich lese. Sicher, auch wegen der Geschichte, die erzählt wird. Doch Geschichten haben ein Ende, die Realität nicht, und so endet die Reportage über den Maler „nach anderthalbtausend Wörtern abrupt, mitten im Satz“, genau so wie die Bilder des Malers. Die Redakteurin erklärt ihrem Chef: „Föhrmann malt seine Bilder auch nie fertig, aber gerade darauf kommt es ihm an. Er sagt es doch selbst! Dass das Leben nie fertig ist und dass es ihm genau darum geht.“ Wunderbar, und sehr wahr.
Der Holländer ist eine lehrreiche Lektüre, die auch über das Leben der Küstenregion aufklärt – ich möchte am liebsten sofort hin, so anregend ist das geschildert. Und von gescheiten, differenzierten und anregenden Sätzen durchzogen ist. „Über das Meer hatten Jan (Nordseefischer und Kapitän) und Anna (Meeresbiologin) höchst unterschiedliche Ansichten – bei diesem Thema konnte es schnell ungemütlich werden. Was sie zueinander trieb, hatte nichts mit Worten und Meinungen zu tun, sondern mit etwas anderem, das sich nur schwer benennen lässt, weil es sich tief unter der Oberfläche abspielt.“
Meisterhaft versteht es Mathijs Deen seine Figuren zu zeichnen. Gelernt hat es das, so ist zu vermuten, durch Zuhören. „’Je weniger man sagt, desto mehr erzählt der andere‘, erklärt Liewe. ‚Unbehagen löst die Zunge.’“
Der Holländer handelt von den Grundfragen der menschlichen Existenz – ein glänzender Einfall, diese in einem Grenzgebiet abzuhandeln, in dem das Watt seinen eigenen Gesetzen gehorcht. „Im Watt ist die Natur die Herrscherin, und diese Natur … Als Mensch ist man dort nur zu Gast, und man wird klein, sehr klein, und auch sehr bescheiden.“ Shakespeare kommt zur Sprache. „‘Breath‘, sagt er und setzt seine Brille ab. Du ahnst nicht wie oft Shakespeare dieses Wort verwendet.“ Und Becketts Warten auf Godot, worin auch der zutiefst wahre Satz vorkommt „People are bloody ignorant apes.“
Fazit: Realistisch, feinfühlig, wesentlich – eine seltene Kombination, ein berührender Roman.
Mathijs Deen
Der Holländer
mareverlag, Hamburg 2022

Santa Cruz do Sul, Brasilien, am 9. Januar 2022
Virginia Hall war eine eigenwillige Frau „aus der besten amerikanischen Gesellschaft“, die sich selbst als „streitsüchtig und kapriziös“ beschrieb, „eine Einschätzung, die ihre Mitschülerinnen teilten, ungeachtet dessen aber ihr Talent für Organisation und Unternehmergeist würdigten“, wie Sonia Purnell in dieser Biografie, die sich wie ein Thriller liest, notiert. Im türkischen Smyrna (dem heutigen Izmir) muss Virginia wegen eines Unfalls das linke Bein unter dem Knie abgesägt werden. Sie war 27 und würde für den Rest ihres Lebens von Schmerzen begleitet sein.
Sie war ein ausgesprochen unabhängiger Geist, was natürlich, wie jeder weiss, ein Hindernis für die Diplomatenlaufbahn, die sie anstrebte, darstellt. Auch ihre Behinderung wurde gegen sie ins Feld geführt. „Präsident Roosevelt hatte seine durch Kinderlähmung verursachte, halbseitige Lähmung in den Griff bekommen und das allerhöchste Amt erreicht. Daher entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass er keinen Anlass sah, die Angelegenheit weiterzuverfolgen.“ Es sind nicht zuletzt solch hellsichtigen Sätze, die deutlich machen, dass dieses Buch weit über eine herausragende Biografie hinausgeht – die Vorstellung eigenes Leiden mache einen auch sensibel für die Leiden anderer, ist irrig.
Als nicht wirklich an Geschichte Interessierter (Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts aus ihr lernen, meinte bekanntlich Hegel) bin ich überrascht über die Ähnlichkeiten zwischen den 1930er Jahren und dem Heute. „In diesen Jahren wurden Wahrheit und Vertrauen Opfer von Angst, Rassismus und Hass.“
Virginia wird vom britischen SOE, der Special Operations Executive, rekrutiert. „Um für die SOE zu arbeiten, so glaubte Churchill, waren Persönlichkeiten gefragt, die in der Lage sein müssten, eine ehrenwerte Sache mit der Verwegenheit eines Freibeuters anzugehen.“ Solche Männer zu finden war schwierig, an Frauen hatte man gar nicht gedacht. Virginia wurde ausgebildet, unter anderen von einem Einbrecher im Ruhestand, der sie lehrte, Schlösser zu knacken. In Lyon kommt sie zuerst bei Nonnen unter, die ihr ein Bett in einer winzigen Turmkammer anboten, wo sie „die ungeteilte Aufmerksamkeit eines starken Nordwinds hatte.“
Der MI6 hielt den Rivalen SOE für eine Amateurbude, was sie zweifellos war. Als ihr französisches Hauptquartier aufflog, musste der Chef in London gehen. Er wurde von einem Mann ersetzt, von dem es hiess, „dass „er den Optimismus eines Vertriebsleiters (in die Baker Street) gebracht hat.“ Es ist nicht zuletzt der sehr britische Humor, der mich für dieses Buch einnimmt!
„Meine Nutten-Freundinnen“ lautet eines der Kapitel und berichtet, wie einige Risiken auf sich nehmen, zu denen die meisten zu Virginias Enttäuschung nicht bereit waren. Etwas die Bordellinhaberin Germaine, die mit Virginia eine Vorliebe für schwarzen Humor teilte: zudem konnten beide „aus nichts etwas machen“, und sie teilten eine „Verachtung für ihre eigenen Angstgefühle.“ Wie wohltuend es doch ist, in unseren Zeiten des Dialogs und Verstehens, von diesen kreativen und mutigen Frauen zu lesen – und sich hoffentlich inspirieren zu lassen. Auch Männer wie zum Beispiel der Gynäkologe Dr. Jean Rousset setzten sich für den von Virginia organisierten Widerstand an. „Er verteilte spezielle weisse Karten, die den Mädchen bescheinigten, frei von Infektionen zu sein, auch wenn das definitiv nicht der Fall war.“
Überaus aufschlussreich ist, was der Krieg aus den Menschen macht. Hohe Ideale sind oft an unvermuteten Orten zu finden, der Charakter zeigt sich deutlicher als zu Friedenszeiten. In einem besetzten Land zu operieren erfordert höchste Aufmerksamkeit für kulturelle Eigenarten. „Virginia mahnte Neuankömmlinge, wie die Franzosen zu essen, die Sosse genüsslich mit Brot aufzutunken und kein Krümelchen auf dem Teller zurückzulassen; und mit Sicherheit legten die Einheimischen ihr Besteck nach dem Essen nicht wie ein wohlerzogener Brite auf halb sieben auf den Teller.“
Was Virginias Arbeit zunehmend schwierig macht, ist, dass Frankreich sich immer mehr mit dem Dritten Reich verbündete, da es an Hitlers Sieg glaubte, was sich dann mit der brutalen Besetzung Südfrankreichs änderte. Mit anderen Worten: Dieses Werk ist auch eine Geschichtslektion mit ganz vielen mir unbekannten Facetten, die mich auch immer wieder mal schmunzeln liessen. Etwa die Schilderung de Gaulles als „eins sechsundneunzig grossen Sturkopf“.
Eine gefährliche Frau (Eine sehr eigenwillige Variante – A Woman of No Importance, lautet der englische Originaltitel!) ist auch eine Geschichte darüber wie in Zeiten des Krieges getrickst und manipuliert wird, nicht nur Spionage, sondern auch Gegenspionage üblich, Fähige und Unfähige manchmal schwer zu unterscheiden sind – wie auch in Friedenszeiten, nur akzeptierter. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, lautet ein geflügeltes Wort, was natürlich Unsinn ist, denn es impliziert, dass im Frieden die Wahrheit ein hohes Gut ist.
Es gehört zu den Kennzeichen von Kriegszeiten, dass ihr Leben lang unauffällige Leute plötzlich über sich hinauswachsen und Fähigkeiten zeigen, die sie wohl auch selber überrascht haben. So wird etwa über den Deutschen Hugo Bleicher berichtet. „Bevor er zur Abwehr ging, war er ein einfacher Bürokaufmann in Hamburg gewesen, als gemeiner Soldat im Ersten Weltkrieg aber erstaunlicherweise vier Mal aus Kriegsgefangenenlagern ausgebrochen.“
Als Virginia nach dem Krieg in die USA zurückkehrt und sich dem CIA anschliesst – „Die Schreibtischhengste aus Yale und Princeton parlierten bei Highballs und stellten sich einen Geheimagenten ungefähr so vor, wie sie sich selbst sahen.“ – , lernt sie eine Organisation kennen, die ehemalige hochrangige Nazis rekrutierte, „mit der Begründung, dass diese, mochte ihr Verhalten im Krieg noch so barbarisch gewesen sein, gleichwohl als lupenreine Anti-Sowjets durchgingen.“
Eine gefährliche Frau ist reich an Details, dabei spannend, unterhaltsam und aufklärend – auch darüber, dass die politische Welt alles andere als ein monolithischer Block, sondern ein Haifischbecken ist, in dem nicht den als offiziell deklarierten Regeln gefolgt wird, sondern persönliche Vorlieben und Abneigungen regieren. Vor allem aber ist diese exzellent geschriebene Biografie (hervorragend übersetzt von Liselotte Prugger) ein beeindruckendes Dokument der Resilienz und des Lebenswillens, der Kreativität und des Eigensinns. „Sie hatte einen wichtigen Auftrag und sie erledigte ihn gut. Sie hatte eine Rolle. Auch wenn eine Verhaftung jede Minute des Tages eine reale Perspektive war, hatte sie sich noch nie so frei gefühlt.“
Fazit: Horizont-erweiternde, brillant geschriebene, packende Aufklärung.
Sonia Purnell
Eine gefährliche Frau
btb, München 2022

Lanzenrosette, Santa Cruz do Sul, am 2. Januar 2022
Der Einstieg in dieses Buch ist ausgesprochen gelungen, denn die Autorin tut zweierlei: Sie beschreibt ihren Arbeitsplatz, an dem sie ihre Patienten empfängt. Und sie macht deutlich, dass die Psychiaterin Dr. Anna Lembke und die private Anna Lembke zwei verschiedene Personen sind und getrennt wahrgenommen gehören.
„Diesem Buch liegt die Absicht zugrunde, die neurowissenschaftlichen Mechanismen der Belohnung zu entschlüsseln und uns dadurch in die Lage zu versetzen, ein besseres und gesünderes Gleichgewicht zwischen Vergnügen und Schmerz zu finden. Aber Neurowissenschaft allein reicht nicht aus. Wir müssen auch auf die gelebten Erfahrungen von Menschen zurückgreifen.“ Nicht von irgendwelchen Menschen, sondern von Süchtigen, von denen der Philosoph und Theologe Kent Dunnington geschrieben hat: „Menschen, die unter einer schweren Sucht leiden, gehören zu jenen Propheten unserer Zeit, die wir zu unserem eigenen Verderben ignorieren, weil sie uns vor Augen führen, wer wir wirklich sind.“
Dopamin ist einer der wichtigsten Neurotransmitter. Substanzen wie etwa Schokolade oder Kokain stimulieren die Dopamin-Ausschüttung und aktivieren das Belohnungssystem unseres Gehirns, das sich an die Belohnung gewöhnt, nach immer mehr verlangt und zur Sucht führen kann. Genuss und Schmerz sind im gleichen Bereich des Gehirns angesiedelt und selbstregulierend, gleichen sich also gegenseitig aus. Es gilt das Prinzip der Homöostase: „die Tendenz eines jeden lebenden Systems ein physiologisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.“
Unter dem Stichwort Dopaminfasten führt die Autorin aus wie das gestörte Gleichgewicht von Süchtigen wieder hergestellt werden kann. Es sind spannende und überaus hilfreiche Ausführungen, die zum Teil auch auf Erstaunliches hinweisen. So bewirkte etwa ein Klinikaufenthalt von vier Wochen, bei dem unter Depressionen leidende Alkoholiker nicht gegen Depressionen behandelt wurden, sondern nur ihren Alkoholkonsum einstellten, dass 80 Prozent nicht mehr die Kriterien für eine klinische Depression erfüllten.
Es ist überaus erfreulich (und ausgesprochen selten), dass die Sucht in einen grösseren Zusammenhang gestellt und grundsätzlich betrachtet wird. Überschriften wie „Die dunkle Seite des Kapitalismus“ („Der Akt des Konsumierens selbst ist zu einer Droge geworden.“) und „Das Internet und die soziale Ansteckung“ („Menschen sind soziale Wesen. Wenn wir online sehen, dass andere sich in einer bestimmten Weise verhalten, erscheinen uns die Verhaltensweisen als ’normal‘, weil andere Menschen sie auch praktizieren.“) machen dies deutlich.
Die Herausforderung für den Menschen besteht darin, mit dem Leben klarzukommen. Die Art und Weise wie er das tut ist auch zeit- und kulturabhängig. Heutzutage erwarten wir, dass es gegen jegliches auch noch so milde Unbehagen ein Mittel gibt. Wir fliehen vor dem gegenwärtigen Moment, lenken uns ab, zerstreuen uns. Neil Postman schrieb bereits in den 1980er Jahren (in: Wir amüsieren uns zu Tode), dass die Amerikaner nicht mehr miteinander redeten, sondern sich unterhielten. „Sie tauschen keine Gedanken aus, sie tauschen Bilder aus. Sie argumentieren nicht mit Sätzen; sie argumentieren mit gutem Aussehen, Prominenz und Werbesprüchen.“
Es zeichnet dieses Buch ganz besonders aus, dass es nicht die Sucht in den Vordergrund rückt, sondern die dahinter liegenden Ursachen angeht. Wir sind aus dem Gleichgewicht geraten. „Der Grund dafür, dass wir alle so unglücklich sind, könnte darin zu finden sein, dass wir uns so intensiv darum bemühen zu vermeiden, unglücklich zu sein.“
Wer eine Sucht langfristig zum Stillstand bringen will, muss ehrlich sein, radikal ehrlich. Ehrlichkeit ist der Schlüssel, heisst es bei den Anonymen Alkoholikern und Anna Lembke teilt diese Auffassung. „Wir sind von klein auf so konstruiert, zu lügen, und wir alle tun es, ob wir es zugeben mögen oder nicht.“
Die Dopamin-Nation zeigt anhand vieler Fallbeispiele Schritt für Schritt, was nötig ist, um zu einer nüchternen Sicht auf die Welt zu gelangen. Besonders angesprochen haben mich die eigenständige Art und Weise, wie Dr. Lembke Konzepte, die zwar in aller Munde sind, doch selten verstanden werden, vorstellt. „Wenn ich am Nachthimmel die Milchstrasse betrachte, bin ich jedes mal ganz überwältigt davon, wie geheimnisvoll es ist, dass wir ein Teil von etwas sein können, das so weit weg und so losgelöst von uns erscheint. Achtsamkeit zu praktizieren ist so, wie die Milchstrasse zu betrachten: Es verlangt uns ab, unsere Gedanken und unsere Emotionen als von uns losgelöst und doch als einen Teil von uns zu sehen.“ Wer das begreift und praktiziert, braucht keine (anderen) Drogen.
Fazit: Nützlich, realistisch und fundiert. Eines der für mich besten Bücher zum Thema Sucht!
Dr. Anna Lembke
Die Dopamin-Nation
Balance finden im Zeitalter des Vergnügens
Unimedica, Kandern 2022

Camarão amarelo, Santa Cruz do Sul, 14. Januar 2022
New Yorker Kultautor, lese ich im Klappentext, und befürchte die damit einhergehende bemühte Originalität – und so ist es dann auch (eine Scheune, „die so rot war, dass es schon ans Patriotische grenzte.“ „Dee Cameron fuhr wie eine Tochter der beiden Carolinas, die Haupt- und Nebenstrassen eine natürliche Verlängerung ihrer in Sandalen steckenden Füsse.“), doch eben nicht nur.
Gary Shteyngart, 1972 im damaligen Leningrad geboren, im Alter von sieben mit den Eltern in die USA gekommen, weiss – wie alle in der kapitalistischen Grossstadt Aufgewachsenen – , dass der Mensch, um im angeblich naturgegebenen Wettbewerb zu bestehen, ein Markenzeichen braucht. Bei ihm sind das Russischstämmige, im vorliegenden Roman ist es der Schriftsteller Sasha Senderovsky sowie seine Frau Masha, eine Psychiaterin.
Die beiden wohnen auf dem Land und haben Freunde und Bekannte in ihre Bungalowanlage eingeladen. Es ist die Zeit, in der Corona regiert und die Psychiaterin schaut dazu, dass Distanz gehalten und in der Küche Maske getragen wird. Ein Pandemie-Roman sei Landpartie, habe ich irgendwo gelesen, doch dass Gary Shteyngart, wie der Klappentext behauptet, „die singuläre Gefühls- und Erlebniswelt unserer jüngsten Vergangenheit“ dokumentiert und „sie in einen süffig-intelligenten Roman (verpackt), der an Boccaccios Dekameron und die grossen Klassiker der russischen Literatur denken lässt“ … Sagen wir es so: Ich habe das Dekameron nie gelesen, an die grossen russischen Klassiker, die ich kenne, muss ich bei der Lektüre nicht denken. Die heutige Literaturwelt scheint mir vor allem einfallslos, kaum eine Besprechung dieses Werks, die das Dekameron und die grossen Russen auslässt.
Unter den Besuchern ist auch ein Hollywoodstar, den der Autor so schildert: „Der Schauspieler konnte Menschen mit charakterlichen Mängeln verkörpern, seine Fähigkeiten waren unermesslich, er konnte jederzeit wie auf Knopfdruck über eine Version seiner selbst weinen, die nur teilweise existierte, aber seine eigenen Mängel waren ihm nie so recht bewusst.“ So weit so gut, hätte er das nur so stehen lassen, doch leider drängt es Gary Shteyngart weiterzufahren: „In gewissem Sinne war er zutiefst ohne Jesus. Einem kleinen, beschädigten Atomreaktor vergleichbar, konnte er sein eigenes Spektrum von ‚Gefühlen‘ erzeugen, das er dann als Hintergrund-Gammastrahlung in die Umgebung freisetzte. Jeder am Tisch mit Ausnahme von Senderovsky, ja jeder auf dem Planeten wollte eine Dosis davon.“ Nun ja, ich nicht; doch möglicherweise Salman Rushdie, der aus mir unerfindlichen Gründen diesen Roman als – nichtssagender geht kaum – „eine mächtige Fabel für unsere gebrochene Zeit“ bezeichnet hat.
Ich habe Mühe mit diesem Buch, fühle mich hin und hergerissen zwischen sehr Witzigem („’Es ist mir egal, ob ich lebe oder sterbe‘, sagte Lara, was im Russischen ‚Mir geht es gut, danke der Nachfrage‘ entspricht.“) und forcierter Originalität („Das Leben mit Daddy war eine fortwährende Begegnung mit einem Gänseblümchen. Er liebte sie, er liebte sie nicht.“). Letzteres überwiegt leider bei weitem …
Andererseits: Ganz wunderbar gezeichnet finde ich die ungestüme Tochter der Senderovskys sowie Sashas Bemühungen, Vinods angeblich verschwundenes Manuskript zu entsorgen. Nur eben: „Der Schauspieler, unrasiert und mit ein paar Körnchen Schlaf um die osmanischen Augen, war unzufrieden.“ Solche und ähnliche Formulierungen („Senderovsky und Vinod erschienen mit bedrückten beziehungsweise benommenem Gesicht vor ihm wie zwei Rekruten einer österreichisch-ungarischen Armee kurz vor der Niederlage.“) sind nicht mein Ding. Doch den Bogen gab mir dann: „’Wo haben Sie eigentlich kochen gelernt?‘, fragte Dee. ‚Ich habe in jüngeren Jahren eine Zeit lang in Italien gelebt‘, sagte Ed.“ War das ernst gemeint? Oder als Witz? Ich konnte mich nicht entscheiden, erinnerte mich aber an ein Restaurant auf den Philippinen, das mit Thai-Italian-Pizza Werbung machte und von einem Pärchen (ja genau, sie Thai, er Italiener) geführt wurde, die beide definitiv nicht kochen konnten.
Trotzdem blättere ich weiter, lese mich immer mal wieder bei den Beziehungsdialogen fest, die sich unweigerlich ergeben, wenn man abgeschieden von der Welt, die man medial wahrnimmt, zusammenlebt. „’Mir kommt der Gedanke‘, begann er, ‚dass wir drei – du, ich und Sasha – Produkte der geschäftlichen Misserfolge unserer Väter sind.‘ ‚Mein Lieber, ich habe schon einen Seelenklempner‘, sagte sie. ‚Wahrscheinlich den besten in der City. Du bist im Augenblick mein ganzes Glück, zusammen mit Nat. Du musst hier nicht doppelte Arbeit leisten. Bleib bei deiner Kernkompetenz, nämlich einfach Vinod zu sein.’“
Das ist für mich Amerika pur. Simplifizierung gefolgt von, natürlich, der besten Lösung in Gestalt eines Psychologen/Psychiaters sowie einer höchst erhellenden Folgerung. „Bleib bei deiner Kernkompetenz, nämlich einfach Vinod zu sein“, ist eine überaus hilfreiche Lebensanleitung. Und dafür hat sich dann dieses Buch doch gelohnt.
Gary Shteyngart
Landpartie
Penguin Verlag, München 2022
Martin, der in Ligurien, in der Nähe von Genua, viel Zeit verbringt, hat mir von diesem Buch geschwärmt und auch erzählt, die Autorin verbringe ihre Zeit zwischen Haldenstein und Genua. Da ich selber solche Hin-und-Her-Phasen kenne – einst zwischen Bangkok und Sargans, heutzutage zwischen Santa Cruz do Sul und Sargans – , stelle ich mir vor, die Autorin sei von Genua so angefressen wie ich von meinen eigenen Wahlwohnorten.
Ich kenne die Stadt nicht, habe nur letzthin auf der Hinfahrt nach Cinque Terre die Gegend um den Bahnhof erkundet. Auch Prisca Roth, die Autorin von Genua – La Superba, beginnt mit dem Bahnhofsplatz – wobei: nicht ganz, zuerst zitiert sie Italo Calvino, doch da ich zu ihm keinen Bezug habe, überspringe ich das – und nimmt einen dann gleichsam an der Hand, erläutert, was man sieht, geht unweigerlich (sie ist Historikerin) zurück in die Geschichte – es ist lehrreich, was man erfährt, unaufgeregt vorgetragen, in einem mir sympathischen Ton.
Schon bald merke ich, dass das kein Buch ist, das man so liest wie etwa eine Erzählung oder einen Roman. Vielmehr ist es ein Werk, das sich als Führer durch die Stadt eignet. Man muss, was hier beschrieben wird, vor Augen haben, um die dazugehörigen Informationen zu schätzen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Und obwohl ich noch nie mit einem Reiseführer durch eine Stadt gestreift bin, kann ich mir das mit Genua – La Superba gut vorstellen. Und so nehme ich mir vor, nächstens für ein paar Tage hinzufahren.
Wobei: Dieses Buch ist so anschaulich geschrieben und zudem mit zahlreichen Bildern und Illustrationen versehen, dass es auch zuhause gelesen werden kann, besonders dann, wenn man sich einzelne Kapitel herausgreift – jedenfalls ist es mir so ergangen. Speziell „Genua: Das Meer der Schweiz. Von Hotelköniginnen und Bahnpionieren, Zuckerbäckern und Prostituierten – Eine Hommage an Genuas Migrationsgeschichte“ hat es mir angetan. Auch natürlich, weil da Franz Josef Bucher und Josef Durrer porträtiert werden, die sich die Konzession für den Bau der Righi-Bahn in Genua sicherten. Der Einschub über „Die Rig(h)i am Mittelmeer“ macht mein Herz vor Freude hüpfen, so wunderbar sachlich, unprätentiös und treffend ist er geschrieben – wie überhaupt dieses Buch. Franz Josef Bucher scheint übrigens mehr der PR-Mann gewesen zu sein (ausser subito! kannte er kein Italienisch), Josef Durrer musste dessen Versprechen dann umsetzen.
„Genua ist eine weltoffene, multiethnische Stadt. Durch ihre Position als Hafenstadt ist sie besonders von der Immigration aus den Entwicklungs- und Schwellenländern betroffen.“ Das bedeutet auch illegale Einwanderung sowie Prostitution, die „nicht wie andernorts hauptsächlich nachts, sondern tagsüber ausgeübt wird.“ Übrigens: Die Prostitution ist in Italien kein Vergehen, strafbar ist jedoch, sich an den Prostituierten finanziell zu bereichern. „Dies sind in erster Linie die Hausbesitzer, die ihre Lokale an die Prostituierten vermieten.“
Von Friedrich Glauser lese ich, der sich 1938 im Stadtteil Nervi aufhielt, von Margaritta Fanconi-Klainguti, die nicht nur im Engadin, sondern auch in Nervi ein Hotel erwarb, von beschwerlichen Reisen (vor der Eröffnung der Gotthardbahn im Jahr 1882 musste man mit 28 Stunden Reisezeit rechnen), die durch eine direkte Zugverbindung von Nervi nach Zürich obsolet wurden. Zarli Carigiet, Ernest Hemingway und Henri Guisan waren Gäste im Hotel Savoia der Familie Beeler.
Genua – La Superba ist eine Schatztruhe voller faszinierender Geschichten. Zum Beispiel der von Anna Josepha Paulina Scheuber, geboren 1864 in Büren, Nidwalden, die als 14Jährige, ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen, nach Nervi reiste, sich dort als Hilfsköchin in einer Fremdenpension verdingte, von einem betuchten Ehepaar nach Buenos Aires mitgenommen wird, im Alter von 24 nach Nervi zurückkehrt und dort die „Villa Pagoda“ ersteigert und daraus ein renommiertes Hotel macht. Soweit ein paar Eckpunkte, die ganze Geschichte verläuft um einiges dramatischer.
Zudem ist Genua – La Superba ein überaus clever gestaltetes Buch, nicht nur der Typgrafie und Bilderanordnung wegen. Bereits ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt einem nicht nur die beeindruckende Vielfalt der behandelten Themen, sie macht einem deutlich (klar doch, ich rede von mir, halte mich jedoch diesbezüglich nicht für eine Ausnahme), dass man es mit einer fantasievollen Autorin zu tun hat, die neugierig zu machen versteht. Ein paar willkürlich ausgewählte Titel mögen dies illustrieren: Sant’Anna: der schiefste Platz und die älteste Apotheke; Im Namen Gottes und des Profits; Maultierpfade mit Meerblick; Petit-Versailles mit Küche in Genua; Eine Bergwanderung auf Genuas Balkon.
Das Buch schliesst mit einem Serviceteil, der unter anderem auch darüber informiert, dass es eine Direktverbindung Zürich-Genua gibt, einen Barbiersalon, der unter Denkmalschutz steht und in Betrieb ist, sowie die begehrtesten Buchhandlungen aufführt. Und was ist die beste Reisezeit? Auch das erfahren Sie in diesem wirklich tollen Buch.
Prisca Roth
GENUA – La Superba
Streifzüge durch die Kulturstadt
Hier & Jetzt, Zürich 2022