Es ist ja schon ein ziemlich vertracktes Ding mit den Wörtern aus anderen Sprachen. Im Englischen jedenfalls gibt es keine weibliche Form von Coach, das Französische behilft sich elegant mit La Coach, doch Die Coachin? Die Beraterin würde eher passen. Nun gut: Bei dieser Gender-Frage gehen wir im Deutschen einen meines Erachtens falschen Weg, auf Englisch ‚gendert‘ es sich inklusiver – eben weil man nicht differenziert. Wie sagte doch Whoopi Goldberg: „Eine Schauspielerin kann nur Frauen spielen. Ich bin Schauspieler – ich kann alles spielen.“
Doch zum Buch: Mir gefällt ausgesprochen gut, dass es in der Schweiz (hauptsächlich in der Westschweiz) spielt und mir dieses Land auf eine Art und Weise zeigt, dass ich es fortan wohl mit neuen Augen sehen werde. So kommentiert die Protagonistin, Coraline Salamin, den Blick aus dem Zugfenster (das muss zwischen Bern und Zürich sein oder vielleicht doch zwischen Lausanne und Genf?): „Autowerkstätten, Tankstellen mit Shop, Verkehrskreisel mit Skulpturen von seltener Hässlichkeit. Outlet-Lagerhallen, Park-and-ride-Anlagen an den Autobahnausfahrten. Solange wir noch die Möglichkeit haben, hinauszublicken, tue ich mir dieses Schauspiel an. Ich sage das, weil Swiss Railways immer mehr Lärmschutzwände baut, die uns auf der Strecke zwischen zwei Städten einkapseln. Und kaum sind sie mit dem Einmauern fertig, schon vermiesen uns die miesen kleinen Schmutzfinken mit ihren grellen Graffitti den Blick.“ Darüber hinaus lerne ich, dass das Klima in Sierre günstig ist für Pensionierte. „All die Schmerzen, die sich in leitenden Funktionen angehäuft haben und im Rücken und in den Gelenken sitzen, sind hier weniger spürbar als sonst in der Schweiz.“
Coraline coacht Führungskräfte und gehört einem exklusiven Club an, dessen Devise ist: ‚Brenne für deinen Aufstieg‘ und deren Mitglieder nur eine Wahrheit kennen: Alles muss sich ihnen vollkommen unterordnen und fügen. Als ihr Bruder, Angestellter bei der Post, sich umbringt (er stellt sich vor einen Zug – das geschieht in der Schweiz jeden dritten Tag), führt sie das auf Strukturierungsmassnahmen zurück und beschliesst, sich an einem der Topmanager der Post zu rächen – als Coach glaubt sie daran, dass sogenannte Verantwortungsträger über Entscheidungsfreiheit verfügen (und nicht wie alle anderen auch Gefangene, wenn auch bestens entlöhnte, eines unbarmherzigen Systems sind).
Ihre Ideologie der Rücksichtslosigkeit als Erfolgsgarantie (auch Selbstbewusstsein genannt) praktiziert sie natürlich auch selber (welcher Coach verkauft schon etwas anderes als sich selber?), ist jedoch gleichzeitig auch ihr schwacher Punkt. War sie letztlich der Auslöser (oder die Auslöserin?) des Selbstmordes ihres Bruders? Autor Nicolas Verdan ist nicht nur ein talentierter Geschichtenerzähler, er hat auch psychologisch was drauf.
Parallel zur Rache-Geschichte läuft noch eine andere Geschichte: Ein Stalker hat es auf Coraline abgesehen. Das ist gut gemacht, erhöht die Spannung.
Am besten gefallen hat mir die wunderbar gelungene Schweiz-Aufklärung. Das französische Ufer scheine jeweils näher zu kommen, wenn es geregnet hat, lese ich (was mir, obwohl ich in Lausanne gewohnt habe, nie aufgefallen ist – und ich beim nächsten Mal bestimmt darauf achten werde). Und dass die am weitesten verbreiteten legalen Schweizer Drogen Lotterien und Wetten sind.
In der anglisierten Schweiz heisst die Eisenbahn Swiss Railways, die Post Swiss Post und deren betriebsinterne Personalzeitung YouLetter – der Anglo-Schwachsinn kennt wirklich keine Grenzen. Und der ökonomisierte Zeitgeist, wo mit Begriffen wie ‚Bereichsfitness‘ operiert wird, zeugt auch sprachlich von Hohlheit erster Güte.
Nicolas Verdan schildert eine empathie- und identitätslose Schweiz, die wie alle anderen Länder auf unserem Planeten, sich dem Egoismus und der Profitmaximierung verschrieben hat. Und er zeigt auf, was das für Konsequenzen hat – clever aufgebaut, rasant erzählt, mit einem unerwarteten, stimmigen Schluss.
Nicolas Verdan
Die Coachin
Lenos Verlag, Basel 2020




