Nicolas Verdan: Die Coachin

Es ist ja schon ein ziemlich vertracktes Ding mit den Wörtern aus anderen Sprachen. Im Englischen jedenfalls gibt es keine weibliche Form von Coach, das Französische behilft sich elegant mit La Coach, doch Die Coachin? Die Beraterin würde eher passen. Nun gut: Bei dieser Gender-Frage gehen wir im Deutschen einen meines Erachtens falschen Weg, auf Englisch ‚gendert‘ es sich inklusiver – eben weil man nicht differenziert. Wie sagte doch Whoopi Goldberg: „Eine Schauspielerin kann nur Frauen spielen. Ich bin Schauspieler – ich kann alles spielen.“

Doch zum Buch: Mir gefällt ausgesprochen gut, dass es in der Schweiz (hauptsächlich in der Westschweiz) spielt und mir dieses Land auf eine Art und Weise zeigt, dass ich es fortan wohl mit neuen Augen sehen werde. So kommentiert die Protagonistin, Coraline Salamin, den Blick aus dem Zugfenster (das muss zwischen Bern und Zürich sein oder vielleicht doch zwischen Lausanne und Genf?): „Autowerkstätten, Tankstellen mit Shop, Verkehrskreisel mit Skulpturen von seltener Hässlichkeit. Outlet-Lagerhallen, Park-and-ride-Anlagen an den Autobahnausfahrten. Solange wir noch die Möglichkeit haben, hinauszublicken, tue ich mir dieses Schauspiel an. Ich sage das, weil Swiss Railways immer mehr Lärmschutzwände baut, die uns auf der Strecke zwischen zwei Städten einkapseln. Und kaum sind sie mit dem Einmauern fertig, schon vermiesen uns die miesen kleinen Schmutzfinken mit ihren grellen Graffitti den Blick.“ Darüber hinaus lerne ich, dass das Klima in Sierre günstig ist für Pensionierte. „All die Schmerzen, die sich in leitenden Funktionen angehäuft haben und im Rücken und in den Gelenken sitzen, sind hier weniger spürbar als sonst in der Schweiz.“

Coraline coacht Führungskräfte und gehört einem exklusiven Club an, dessen Devise ist: ‚Brenne für deinen Aufstieg‘ und deren Mitglieder nur eine Wahrheit kennen: Alles muss sich ihnen vollkommen unterordnen und fügen. Als ihr Bruder, Angestellter bei der Post, sich umbringt (er stellt sich vor einen Zug – das geschieht in der Schweiz jeden dritten Tag), führt sie das auf Strukturierungsmassnahmen zurück und beschliesst, sich an einem der Topmanager der Post zu rächen – als Coach glaubt sie daran, dass sogenannte Verantwortungsträger über Entscheidungsfreiheit verfügen (und nicht wie alle anderen auch Gefangene, wenn auch bestens entlöhnte, eines unbarmherzigen Systems sind).

Ihre Ideologie der Rücksichtslosigkeit als Erfolgsgarantie (auch Selbstbewusstsein genannt) praktiziert sie natürlich auch selber (welcher Coach verkauft schon etwas anderes als sich selber?), ist jedoch gleichzeitig auch ihr schwacher Punkt. War sie letztlich der Auslöser (oder die Auslöserin?) des Selbstmordes ihres Bruders? Autor Nicolas Verdan ist nicht nur ein talentierter Geschichtenerzähler, er hat auch psychologisch was drauf.

Parallel zur Rache-Geschichte läuft noch eine andere Geschichte: Ein Stalker hat es auf Coraline abgesehen. Das ist gut gemacht, erhöht die Spannung.

Am besten gefallen hat mir die wunderbar gelungene Schweiz-Aufklärung. Das französische Ufer scheine jeweils näher zu kommen, wenn es geregnet hat, lese ich (was mir, obwohl ich in Lausanne gewohnt habe, nie aufgefallen ist – und ich beim nächsten Mal bestimmt darauf achten werde). Und dass die am weitesten verbreiteten legalen Schweizer Drogen Lotterien und Wetten sind.

In der anglisierten Schweiz heisst die Eisenbahn Swiss Railways, die Post Swiss Post und deren betriebsinterne Personalzeitung YouLetter – der Anglo-Schwachsinn kennt wirklich keine Grenzen. Und der ökonomisierte Zeitgeist, wo mit Begriffen wie ‚Bereichsfitness‘ operiert wird, zeugt auch sprachlich von Hohlheit erster Güte.

Nicolas Verdan schildert eine empathie- und identitätslose Schweiz, die wie alle anderen Länder auf unserem Planeten, sich dem Egoismus und der Profitmaximierung verschrieben hat. Und er zeigt auf, was das für Konsequenzen hat – clever aufgebaut, rasant erzählt, mit einem unerwarteten, stimmigen Schluss.

Nicolas Verdan
Die Coachin
Lenos Verlag, Basel 2020

Helmut Salzinger: Der Gärtner im Dschungel

Mein Interesse an diesem gut in der Hand liegenden Buch gründet einerseits darin, dass ich mit Helmut Salzinger (1935-1993) seine Musikkritiken im legendären Sounds  verbinde (er publizierte sie unter dem Namen Jonas Überrohr), auch wenn ich keine wirkliche Erinnerung mehr an sie habe (mein damaliger Favorit war Jörg Gülden), und hat andererseits mit dem Zitat auf dem Buchumschlag zu tun, das meine Grundeinstellung zum Leben auf diesem Planeten treffend zusammenfasst: „Wenn wir etwas vom Wesen des Menschlichen begriffen haben, dann dieses: dass der Mensch als Natur- und Lebewesen von keinerlei Bestimmung über die Erde gesetzt ist, sondern dass er von gleicher Art ist wie alles Lebendige.“ (Es ist übrigens nicht das ganze Zitat, dieses findet man im Buch).

Unter dem schönen Titel „Schreiben wie die Maus buddelt“ hat Mathias Bröckers ein schlaues Vorwort beigesteuert, in dem er unter anderem Salzingers Garten-Philosophie als umfassende Bioethik charakterisiert. „Weniger in programmatischen Sätzen als in den alltäglichen Beobachtungen, den mit offenen Sinnen eingefangenen Wechselwirkungen dieses unendlich vielfältigen Universums der Gräser, Büsche, Blätter und Bäume. Und in der geschärften Wahrnehmung für alles, was mit und zwischen ihnen lebt, einschliesslich des Gärtners selbst, dem der Garten nicht nur zum Wohnort, sondern, indem er ihn anschaut, auch zum Meditationsraum wird.“

Helmut Salzinger und seine Frau hatten ein Haus fern der Stadt gesucht und waren im nördlichen Teil des Weser-Elbe-Dreiecks im Lande Hadeln fündig geworden. Auf die zwei Morgen Land (das sind fünftausend Quadratmeter), die mit dabei waren, waren sie jedoch nicht wirklich vorbereitet. Der Gärtner im Dschungel  handelt von den Erlebnissen der beiden in ihrem neuen Lebensraum. Und ist eine differenzierte, gescheite, witzige und lehrreiche Lektüre.

Ich habe mich bestens identifizieren könne mit diesem Werk, obwohl ich mich noch nie zum Gärtnern gedrängt gefühlt habe. Ich lese lieber Bücher darüber und nicke dann immer mal wieder zustimmend, etwa bei Sätzen wie diesem: „Ein gutes Gartenbuch kommt allein aus der Erfahrung. Mit entsprechenden Konsequenzen für die Handlungsanweisungen, die gewöhnlich auf die Empfehlung hinauslaufen, die eigenen Erfahrungen gefälligst selber zu machen.“

Der Gärtner im Dschungel machte mich auch oft schmunzeln und gelegentlich laut herauslachen. „Dass sich in unserm Garten Schlangen eingefunden haben, nehmen wir natürlich als Vertrauensbeweis, als Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Was allerdings nicht von allen erkannt wird. So mähte ihr Nachbar Richard, der ihnen einen Gefallen tun wollte, in ihrer Abwesenheit die Wiese, worin sie eine grosse Zahl Eiben und Geissblattranken gepflanzt hatten, deren betäubenden Duft sie gehofft hatten, im Frühjahr geniessen zu können.

Lehrreich ist dieses Buch überdies für Menschen, denen es schon schwer genug fällt, „eine Kuh von der anderen zu unterscheiden, einen Spatz von dem anderen, eine Maus von der anderen, eine Ameise, Biene, Fliege vor den anderen.“ Und so lerne ich unter anderem, dass Schafe ihrer dicken Wolle wegen gegen Stromschläge von  Elektrozäune geschützt sind. Oder dass Steine dem Schutz des Bodens vor dem Umgegraben-Werden dienen.

Helmut Salzinger war ein Bildungsbürger und zeigte es auch. Jünger, Hesse und Goethe erwähnt er, auf Vergil und Hesiod nimmt er Bezug und auch die antiken Werke über den Land- und Gartenbau dürfen nicht fehlen. Inspirieren lässt er sich jedoch auch von Carlos Castanedas Don Juan und dessen Krieger-Ideal.

Mathias Bröckers hat die Essenz dieses schönen Buches treffend so formuliert: „Ohne eine Weltrevolution der Seele, ohne eine Veränderung des Innersten, des Bewusstseins, ohne eine radikale Umwertung aller Werte und vor allem seines, des Menschen, Wert als ‚Mass aller Dinge‘, muss jede globale Versöhnung mit der Natur ein frommer Wunsch bleiben.“

Fazit: Gut geschriebene, differenzierte, unterhaltsame und anregende Aufklärung.

Helmut Salzinger
Der Gärtner im Dschungel
Westend, Frankfurt am Main 2019

Paul McNeive: Resistent

Es geht um Rache in diesem rasanten Thriller, Rache an den Amerikanern, die den Japanern mit den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki unermessliches Unheil zugefügt haben. Zur Erinnerung: In Hiroshima wurden einhunderttausend Menschenleben ausgelöscht, in Nagasaki fünfzigtausend. Innert drei Tagen. Dazu kamen tausende an den Folgen der Strahlung ums Leben.

Reiche japanische Geschäftsleute tun sich unter der Führung von Pharma-Chef Yohoto, dessen Geschwister in Hiroshima den Tod fanden, mit Mitgliedern von Al-Qaida zusammen, um ihren Racheplan umzusetzen. „Durch Judo habe ich gelernt, dass der beste Weg, deinen Feind zu besiegen, darin besteht, seine grösste Stärke zu erkennen und sie gegen ihn selbst zu richten.“

Die Prämisse dieses Thrillers ist Realität: „Je mehr Antibiotika wir einnehmen, desto mehr antibiotikaresistente Bakterien entwickeln sich.“ Autor Paul McNeive hat das am eigenen Leib erfahren und weiss, wovon er schreibt, wenn er sich etwa über die Praxis bei der Zulassung von Medikamenten auslässt.

Die Handlung spielt in Japan, Pakistan, Afghanistan und den USA. In Manhattan verhindert Detective John Wyse, eine James Bond-Figur, die niemandem Rechenschaft schuldet und auf die alle hören, einen Terroranschlag. Und dann – die Umstände sind etwas arg konstruiert – kommt er während eines Essens neben Pharma-Chef Yohoto zu sitzen und sofort kommt ihm etwas eigenartig vor.

Der Plan ist perfide: Die Bewohner New Yorks, die keine Ahnung haben, was mit ihnen geschieht, werden dazu bewogen (mittels Werbung und Sonderangeboten), ein bestimmtes Antibiotikum zu konsumieren, um sie damit antibiotikaresistent zu machen. Dann sollen sie einem E.-coli-Bakterium ausgesetzt werden …

Neben dem Hauptstrang der Geschichte gibt es auch Nebenstränge. Detective Wyse, der sich in die PR-Frau Anna verliebt (und sie sich in ihn), was jedoch ihrer sogenannt besten Freundin nicht gefällt; sein Partner Mike, der ein Alkoholproblem hat und erst unter Druck gesetzt, davon lassen lernt. Und dann gibt es auch die Sätze, von denen man weiss, dass man sie sich merken sollte. „Seine Erfahrung sagte ihm, dass es die kleinen Dinge waren, um die man sich nicht rechtzeitig kümmerte, die später die ganz grossen Probleme verursachten.

Gut gelungen ist die Charakterisierung der gierigen und Prominenten-süchtigen Amerikaner, die allerdings auch nicht viel anders sind als die anderen Konsumwahnsinnigen auf dieser Welt. „Sie sind besessen von angesagten Markenprodukten. Und sie wollen alles sofort.“ Weniger gut gelungen sind hingegen die recht klischeehaften Charakterisierungen einzelner Protagonisten – dass der Vorstandsvorsitzende eines weltweit operierenden Pharmaunternehmens von einer PR-Frau beeindruckt ist, die „ ein Supermodel mit Kindern und einem turbulenten Leben“ als Gesicht einer Kampagne vorschlägt, ist wenig wahrscheinlich.

Die Grundidee dieses Thrillers ist originell, die Psychologie der Figuren jedoch ziemlich hanebüchen. So wird etwa vom Pharma-Chef, gesagt, er besuche seine über neunzigjährige Mutter fast jeden Tag und vermisse ihre Gespräche, wenn er auf Geschäftsreisen sei. Soweit so gut, doch die Gespräche mit seiner Mutter erschöpfen sich in Allerweltsfragen nach dem gegenseitigen Befinden. Schwer vorstellbar, dass er sie vermisst. Auch dass er deswegen nicht geheiratet habe, weil eine Frau in seinem Leben seine Aufmerksamkeit davon abgelenkt hätte, Rache an den Amis zu üben, zeugt nicht gerade von viel psychologischem Verstand.

Einleuchtend ist die Idee, ganz unterschiedliche Gruppierungen (japanische Geschäftsleute und Al-Qaida) zusammenzubringen, die ausser dem gemeinsamen Ziel, möglichst viele New Yorker zu terrorisieren, so ziemlich gar nichts verbindet. Wie sie dabei vorgehen, ist spannend geschildert – wie es sich für einen Thriller gehört.

Fazit: Ein höchst aktueller Page-Turner mit hilfreichen Aufklärungen zu Antibiotika und Marketingstrategien.

Paul McNeive
Resistent
Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2019

Mark Johnson: Die schlichte Wahrheit

Mark Johnson, geboren 1979, hat jahrelang als politischer Berater gearbeitet, lese ich und denke so bei mir, die politischen Berater werden auch immer jünger. Vielleicht schaut die Welt unter anderem auch deswegen so desolat aus.
 
„Die schlichte Wahrheit“ ist der erste Thriller des Schweden und der Prolog packt einen, auch wenn er nicht wirklich stimmig und etwas weit hergeholt ist. Zwei Männer, die in dunklem Ölzeug mitten in der Stadt auf der Strasse stehen und den Fahrer im Schneetreiben zum Halten veranlassen … doch ich will nicht vorgreifen.
 
Der Auftakt zur eigentlichen Geschichte ist hingegen ganz wunderbar stimmig, zeigt es doch einen der beiden Protagonisten, den Referenten für energiepolitische Fragen Jonatan Stark, in einer alltäglichen Morgensituation (die eigenwilligen Kinder sollten frühstücken) – das ist wunderbar realistisch geschildert.
 
„Die schlichte Wahrheit“ spielt in Schweden, wo politische Referenten und Chefredakteure sympathischerweise mit dem Bus und die Oppositionsführerin mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Dazu kommt, dass Frau und Mann in diesem Land einander gesellschaftlich gleichgestellt sind – und von solch positiven Beispielen kann die Welt nicht genug lesen und hören.
 
Es geht natürlich um viel Geld, Macht, Korruption und politische Ränkespiele – wie das eben bei Thrillern oft der Fall ist. Was „Die schlichte Wahrheit“ auszeichnet sind die realistischen Schilderungen des politischen Milieus und der überzeugende Aufbau, der die Spannung geschickt steuert.
 
Wovon handelt die Geschichte?
Jonatan Stark verliert seine Arbeit und kriegt handkerum einen finanziell ungemein attraktiven neuen Job angeboten. Er weiss nicht wie ihm geschieht. „Auf Höhe von Eriksdalsbadet ging er zum Ufer hinab und den Spazierpfad unter den Brücken entlang. An dem gegenüberliegenden Ufer sah er den steil abfallenden Arsta-Wald. Ihm fiel auf, dass er noch nie dort drüben gewesen war.“ Erst wenn wir aus unserem gewohnten Rhythmus fallen, bemerken wir Dinge, die uns zuvor noch gar nie aufgefallen sind.
 
Fast gleichzeitig wird der jungen Betty Lind, Pressechefin des Ministerpräsidenten, eine Liste mit Schmiergeldempfängern vorgelegt, auf der auch sie selber prominent figuriert. Zusammen mit Jonatan Stark soll sie geködert beziehungsweise erpresst werden … doch um was zu tun? Das soll hier natürlich nicht verraten werden …
 
Doch soviel soll sein: Es geht um die künftige Energieversorgung Schwedens, um Intrigen und Verrat, und um Politiker, die einen Terrorangriff primär als Gelegenheit sehen, ihre Führungsfähigkeiten unter Beweis zu stellen. Und natürlich spielen die heutzutage allüberall anzutreffenden Berater und ein russischer Oligarch prominente Rollen.
 
„Die schlichte Wahrheit“ ist durchgängig spannend und das ist eine Seltenheit! Bis auf die im letzten Viertel vorhersehbare Auflösung des Rätsels. Trotzdem: Ein gelungener Auftakt zu weiteren Abenteuern mit Jonatan Stark und Betty Lind, die der Verlag ankündigt. Man darf gespannt sein.

Mark Johnson
Die schlichte Wahrheit
Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2018

Guido Tonelli: Genesis

„Diese Dinge hätte ich als junger Mann studieren wollen. Bei mir hat das nie dazu gereicht, mich naturwissenschaftlichen Fragen zu stellen. Deswegen habe ich in Philosophie abgeschlossen. Und dann hat mich das Leben in eine andere Richtung gelenkt“, lässt der internationale Topmanager Sergio Marchionne den experimentellen Physiker Guido Tonelli, Autor von Genesis. Die Geschichte des Universums in sieben Tagen, wissen. So ähnlich ist es auch mir gegangen, obwohl ich weder Philosophie studiert habe, noch Manager geworden bin. Doch wer sich für die wirklich wichtigen Dinge auf der Welt zu interessiert, da bin ich mit Marchionne auf einer Linie, sollte zu Büchern wie diesem greifen. Weil sie uns helfen, uns im grösseren Ganzen zu sehen.

„Die Wissenschaft erzählt uns unsere Ursprünge in einer Geschichte, die deutlich fantastischer und gewaltiger als die der Mythen ist.“ Das ist der Ausgangspunkt für die Überlegungen in diesem Buch. Es versteht sich: Dies lässt die Auffassung ausser Acht, dass die Wissenschaft auch ein Mythos ist. Doch das wäre ein andere Geschichte. Hier geht es um experimentelle Beweise versus Glaube, auch wenn die beiden nicht immer scharf zu trennen sind.

Als Galileo Galilei 1610 publiziert, was er mit dem seltsamen Rohr eines holländischen Linsenschleifers am Himmel hat erkennen können – den Mond mit Bergen und Kratern, die Sonne, die sich um die eigene Achse dreht, voller Flecken – , bringt er das seit über tausend Jahren vorherrschende Weltbild ins Wanken: Der Mensch mit seinem Verstand steht nun im Zentrum. „Die galileische Wissenschaft ist deshalb so revolutionär, weil sie sich nicht anmasst, die Wahrheit zu besitzen, sondern unablässig nach Widerlegungen der eigenen Vorhersagen sucht.“

Wissenschaftler sind nicht nur neugierig, sondern geben ihrer Neugier nach und lassen sich von ihr leiten. In den Worten von Guido Tonelli: „Wissenschaft wird zur kreativen Suche nach ‚provisorischen Wahrheiten‘, die durch ‚vernünftige Erfahrung‘ und ‚zwingende Beweisführung‘ ermittelt werden.“ Das setzt voraus, sich von Vorurteilen und Erwartungshaltungen zu befreien, was, wie jeder weiss, eine ziemliche Herausforderung darstellt.

Was den Wissenschaftlern wie auch den Lesern von Genesis hauptsächlich im Weg steht, sind die „Anschauungen, die uns im Alltagsleben leiten – so die Beständigkeit der Dinge, die uns beruhigende scheinbare Harmonie um uns herum.“ Von diesen Vorstellungen müssen wir uns trennen, denn hinter dem Anschein eines geordneten Kosmos verbirgt sich das Chaos. „Auf mikroskopischer Ebene folgt die Materie unerbittlich den Gesetzen der Quantenmechanik, in der der Zufall und die Unschärferelation regieren. Nichts ist fest, alles brodelt in einer wechselhaften gewaltigen Vielfalt an Zuständen und Möglichkeiten.“

Es ist eine fantastische Welt, die Guido Tonelli in Genesis ausbreitet. Nur schon die Instrumente, mit denen die Wissenschaftler am CERN in Genf, wo der Autor bis 2012 in leitender Stellung beschäftigt war, zugange sind, lassen einen (zugegeben, ich spreche von mir) ziemlich sprachlos zurück. „Um grösste Energiemengen zu erreichen, braucht es gigantische Apparate wie den Grossen Hadronen-Speicherring (LHC), den grossen Teilchenbeschleuniger des CERN, der mit knapp 27 Kilometer Länge bei Genf unter der Erde verläuft.“ Mit anderen Worten: Mit dem gesunden Menschenverstand kommt man da schnell einmal an seine Grenzen.

Guido Tonelli ist ein exzellenter Erklärer, Genesis ein höchst anregendes Werk. Und auch wenn ich vieles nicht verstanden habe, so hat mich die Lektüre doch vielfältig inspiriert und meine Gedanken in Richtungen gelenkt, wohin sie selten unterwegs sind. So war und ist mir die Vorstellung, das Universum sei aus einem Vakuum entstanden beziehungsweise befinde sich noch immer in einem Vakuumzustand, nicht nur fremd, sondern so recht eigentlich unverständlich, doch die Beschreibung des Vakuums als „etwas Lebendiges, eine dynamische und sich unablässig verändernde Substanz, die voller Potentialität und Gegensätze steckt“ spricht mich sehr an. Nicht nur den Menschen wirbelt es offenbar ständig ganz gehörig herum, sondern auch das Universum.

Fazit: Gut geschrieben, anspruchsvoll, unterhaltsam und lehrreich – ein Augenöffner!

Guido Tonelli
Genesis
Die Geschichte des Universums in sieben Tagen
C.H. Beck, München 2020

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