David Quammen: Spillover

Zu den positiven Seiten der Corona-Pandemie gehört, dass wir unsere Prioritäten hinterfragen. Nein, nicht alle tun das, viele hätten gerne so schnell wie möglich ihre Spielzeuge zurück, möchten am liebsten, dass alles wieder ganz schnell beim Alten sein wird. Andere hingegen begrüssen es, dass Wissenschaftler mehr zu Wort kommen und die meisten Politiker sich deutlicher als je als das entlarven, was sie immer schon gewesen sind – egoistische Interessensvertreter, die den Hals nicht vollkriegen.

Grundsätzliches ist in letzter Zeit in den Vordergrund gerückt: Wir leben auf einem Planeten, den wir ausplündern, ohne jedoch zu wissen, was wir dabei anrichten. Sicher, einige wussten das. Die Klimaskeptiker zum Beispiel. Und andere, die sich mit Mensch und Natur auseinandersetzen. Doch die meisten waren und sind dermassen auf Materielles fixiert, dass sie nichts anderes wahrnehmen. Wie Süchtige eben so sind. Bis dann die Natur aus- und zurückschlägt – und uns eine Denkpause aufzwingt, die wir dazu nutzen könnten, uns kundig zu machen über das Leben auf unserem Planeten. Mit Spillover zum Beispiel, dem faszinierenden Bericht von David Quammen über Wissenschaftler an der Front, die oft Abenteurer, Entdecker und Forscher gleichzeitig sind.

„Eine Zoonose ist eine Infektionskrankheit bei Tieren, die auf Menschen überspringen kann. Es gibt mehr solcher Krankheiten, als man vielleicht glauben würde.“ Covid-19 gehört dazu, die Pocken hingegen nicht, da das Pockenvirus ausschliesslich Menschen infiziert. „Rund 60 Prozent aller Infektionskrankheiten, die wir heute beim Menschen kennen, wechseln entweder regelmässig zwischen anderen Tieren und uns hin und her, oder sie haben kürzlich die Artgrenze überschritten.“

Infektionskrankheiten, die auf den Menschen übergesprungen sind, haben die Forscher in den letzten Jahren einige angetroffen, etwa in Australien oder im Kongo. Die Wahrscheinlichkeit, dass es noch viele gibt, von denen man gar nichts weiss, ist gross, denn an vielen Orten sind weder Ärzte noch Wissenschaftler in der Nähe, die ungewöhnliche Tode dokumentieren könnten.

Wir leben inmitten von Millionen unbekannter Lebewesen, darunter sind auch Viren, Bakterien und Pilze. Zur Zeit hören wir vor allem von Viren, doch nicht alle neuen, hartnäckigen Erreger sind Viren. So wird etwa die Borreliose von Bakterien verursacht. Übrigens: „Viren können sich nur in den lebenden Zellen eines anderen Organismus vermehren. In der Regel bewohnen sie eine Tier- oder Pflanzenart, mit der sie eine enge, uralte und häufig (aber nicht immer) beiderseits nützliche Beziehung verbindet. Das heisst, sie sind abhängig, aber gutartig.“ Solange sie bleiben, wo sie hingehören und wir sie nicht dazu verleiten, auf uns hinüberzuspringen.

Spillover ist ein spannend erzähltes, höchst instruktives Werk, das unter anderem darüber aufklärt, wie unser Körper funktioniert und wie er sich gegen unerwünschte Eindringlinge wehrt. David Quammen beschreibt die Wissenschaftler, die sich der Erforschung der Biologie verschrieben haben, als konzentriert, nüchtern und wortkarg. „Virenforscher sind in der Regel keine Angeber.“ Das ist efreulich und deshalb hört man ihnen auch zu – jedenfalls geht es mir so. Bei Politikern im Fernsehen wechsle ich jeweils den Kanal.

Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich dadurch aus, dass man zu fragen versteht. „Warum erscheinen seltsame neue Krankheiten gerade zu diesem oder jenem Zeitpunkt an diesem oder jenem Ort auf diese oder keine Weise auf der Bildfläche und nicht anderswo, auf andere Weise und zu anderen Zeiten? Geschieht es heute häufiger als in der Vergangenheit? Und wenn ja: Wie ziehen wir uns solche Krankheiten zu? Können wir den Trend umkehren oder abschwächen …“. Alles hängt mit allem zusammen, das ist etwas, was wir, die wir darauf konditioniert sind, uns getrennt von der Natur erleben, lernen müssen.

Wissenschaft – im Gegensatz zu Einzelfallberichten und farbig erzählten Geschichten – befasst sich mit Daten, die klar definiert und quantifizierbar sein müssen, und deren Auswertung zum Ziel hat, Gesetzmässigkeiten (positive oder negative) ans Licht zu bringen. Hier geht es um Fakten, nicht um Meinungen, um experimentelle Nachweise, nicht um Ideologie (wie Wunschvorstellungen auch genannt werden). Die Arbeit der Forscher gleicht dabei häufig einer Detektivarbeit. Bei der Ebola-Viruserkrankung (Ebola ist übrigens der Name eines kleinen Flüsschens in Zaire) musste unter anderem abgeklärt werden, in welchen Lebewesen das Virus sich versteckte und wie es sich in der afrikanischen Landschaft verteilte.

Spillover zu lesen bedeutet auch, einiges über Übertragungswege zu lernen. So brauchte es gerade einmal zwei Langstreckenflüge, um SARS auf der Welt zu verbreiten. Eindrücklich beschreibt David Quammen, wie hoch die Ansteckung und überaus hohe Sterblichkeit bei medizinischen Personal bei SARS gewesen ist (und offenbar auch bei Corona ist). Bewusst wird einem dabei auch, wie hirnlos die Leute argumentieren, die Corona mit der Grippe (die wir eigenartigerweise als relativ harmlos wahrnehmen) vergleichen. Übrigens: „Schon in einem durchschnittlichen Jahr sorgt die jahreszeitliche Grippe weltweit für mindestens drei Millionen Krankheitsfälle, und mehr als 250 000 Menchen sterben daran.“

Niemand habe die gegenwärtige Pandemie voraussehen können, trompetet der egomanische Trottel im Weissen Haus immer mal wieder durch die Gegend. Mit niemand meint er sich. Dass noch ganz viele andere dazugehören, inklusive ich selber, liegt daran, dass wir meist den falschen Leuten zuhören. Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Und zu verstehen, dass zoonotische Krankheiten auch einen heilsamen Aspekt haben: „Sie erinnern uns wie der heilige Franziskus daran, dass wir Menschen ein untrennbarer Teil der Natur sind. Es gibt nur diese eine Welt, und die Menschen sind ebenso ein Teil davon wie Ebola-, Influenza und HI-Viren, wie Nipah, Hendra und SARS, wie Schimpansen und Fledertiere, wie Larvenroller und Streifengänse und wie das nächste mörderische Virus – das wir bisher noch nicht entdeckt haben.“

Die Originalausgabe dieses Buches erschien 2012, als David Quammen fragte: „Wird der Erreger der nächsten Pandemie ein Virus sein? Wird der Erreger aus dem Regenwald kommen oder von einem Markt in Südchina?“ Was uns im Nachhinein als fast schon prophetische Voraussicht anmutet, ist nichts anderes als eine differenzierte Weltsicht, die auf Fakten und Einsichten beruht. Sie ist nötiger denn je.

Spillover ist ein spannendes, anregendes und überaus nützliches Buch, das sich an alle richtet, die das überaus vielfältige Leben auf unserem Planeten verstehen wollen.

David Quammen
Spillover
Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen
Pantheon, München 2020

Sue Prideaux: Ich bin Dynamit

Nietzsches Familie war von einer starken Neigung zu geistiger oder neurologischer Instablität betroffen – sein Vater starb im Alter von 35 Jahren, er wuchs umringt von Frauen auf, Mutter, Grossmutter und zwei Tanten. Über letztere schreibt Sue Prideaux trocken: „Beide Tanten litten unter den damals weit verbreiteten nervlichen Beschwerden und behielten den Arzneischrank stets in Reichweite, ohne diesem jemals wirklich Heilsames entnehmen zu können.“

Ralph Waldo Emerson, Friedrich Hölderlin und Empedokles sollten Nietzsches kreatives Denken viele Jahre inspirieren. „Empedokles postuliert einen universellen Kreislauf der Dinge, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt. Vielmehr existiert eine in der Summe unveränderliche und ewige Form der Materie aufgrund der Mischung und Entmischung der beiden ewigen – und ewig widerstreitenden – Mächte: Liebe und Hass.“

Als Nietzsche mit 23 Jahren zum Professor für Klassische Philologie in Basel berufen wurde („Er hatte zwei Semester in Bonn und zwei Semester in Leipzig an der Universität verbracht, besass aber keinerlei Abschluss. Dennoch hatte sein hoch angesehener Professor Ritschl seinen Musterschüler für den Posten vorgeschlagen.“ – was doch Einfluss alles bewirken kann! Der für den Lehrstuhl unabdingbare Doktortitel wurde ihm übrigens von Leipzig ohne Examen verliehen.), studierten gerade einmal 120 Studenten an der kleinen Universität, die meisten von ihnen Theologie. Erspriessliche Kontakte hielt der talentierte Pianist Nietzsche in dieser Zeit mit dem in Tribschen bei Luzern residierenden Richard Wagner und dem Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum hätten sein können.

Ich bin Dynamit ist ein hervorragend geschriebenes Werk (glänzend übersetzt von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler), das Nietzsches Leben höchst anschaulich erzählt, wobei auch immer wieder der sehr englische Humor der Autorin, die heute in Norwegen lebt, durchscheint. So kommentiert sie etwa sein kompositorisches Bemühen mit „Das Stück war typisch für Nietzsches Klavierkompositionen in jener Phase, ein Potpourri aus Bach, Schubert, Liszt und Wagner. Zerfasert, übertrieben emotional und arm an Entwicklung wecken seine Kompositionen unweigerlich den Gedanken, Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Nietzsche war ein sehr impulsiver Mann (als Mathilde Trampedach, die er gerade mal ein paar Tage kannte, eine Bemerkung macht, in der er sich erkannt fühlt, macht er ihr gleich einen Heiratsantrag) und litt ein Leben lang an den unterschiedlichsten Gebrechen – dass er diesen standhielt, ist ein Wunder und zeugt von einer ungeheueren inneren Stärke. Überaus eindrucksvoll ist, dass er seine Krankheiten zum Anlass nahm, sich immer wieder neu zu orientieren und dabei seinem Credo „Werde, der du bist“ stetig näher kam.

Als ich als 18Jähriger „Also sprach Zarathustra“ las, hat es mich regelrecht umgehauen. Von der damaligen Lektüre weiss ich nur noch, dass mein gesamtes Wertesystem ins Wanken geriet und sich Abgründe auftaten. Ich bin Dynamit verschafft mir eine gute Ahnung davon, warum das so gewesen sein musste, denn Nietzsche war ein höchst radikaler Denker, der nichts mit den Repräsentanten des relativierenden Zeitgeistes am Hut hatte, sich von der Ketten-Krankheit (wie er die fehlgeleitete Loyalität seiner Familie gegenüber nannte) befreien und selbstverantwortlich das Leben begreifen wollte.

Priester und Philosophen lenken davon ab, worum es geht – um das Leben in der realen Welt. Nur eben: Der Mensch erträgt die Wirklichkeit nicht, sie macht ihm Angst, weswegen er Systeme kreiert, die ihm vermeintlich Halt geben. Doch davon gilt es sich zu verabschieden und sich dem Hier und Jetzt zu widmen. „Wenn sein ganzes Leben seinen Moment im Jetzt gefunden hatte, so war er bereit, den gesamten Lebenszyklus zu bejahen – alles, was bisher geschehen war und was noch kommen würde. Das Jetzt bot alles, und es war glanzvoll.“

Sue Prideaux ist mit Ich bin Dynamit ein absolut singuläres Buch gelungen, auch wenn es, wie alle Bücher, nicht ohne geringfügige Fehler ist. Bei dem kleinen Kurort in den Schweizer Alpen, wo Nietzsche zusammen mit Romundt und von Gersdorff einmal den Sommer verbrachte, handelt es sich nicht um Chur, sondern um Flims und der dortige See heisst nicht Caumesee, sondern Caumasee (S. 157). Doch das sind Details (andere sind mir nicht aufgefallen, ich bin kein Nietzsche-Kenner, doch ich kenne Flims und den Caumasee), die nicht ins Gewicht fallen und nur erwähnt werden, um zu zeigen, wie aufmerksam ich gelesen habe.

Ganz wunderbar geschildert ist unter anderem wie Lou Andreas Salomé auf der Bildfläche erscheint. Zum Einen verdreht sie vielen Männern den Kopf, zum Andern ist sie von einer erfrischenden Eigenständigkeit. Als Elisabeth fürchtet, sie habe es auf ihren Bruder abgesehen, macht sie ihr mehr als deutlich, dass dem nicht so sei. Kommentiert Sue Prideaux: „Auf den Schreck dieser vulgären Kritik hin drehte sich Elisabeth der Magen um. Man applizierte kalte Umschläge.“

Auch Nietzsches Philosophie kommt natürlich nicht zu kurz. Es gebe keine ewige Vernunft, vielmehr sei das Leben ein „Tanzboden für göttliche Zufälle“. Und was ist der Sinn, die Bedeutung des Ganzen? Die Biografin erläutert: „Bedeutung muss dadurch gefunden werden, dass der Mensch ‚Ja‘ sagt zu diesen göttlichen Zufällen auf dem Tanzboden.“ Zudem sei Nietzsche der Auffassung gewesen, es gebe „kein spezifisches Problem des Menschlichen, das es zu lösen gälte, aber seine allgemeine Beschreibung des Übermenschen ermutigt vielmehr jeden einzelnen von uns, nach seiner individuellen, unabhängigen Lösung zu suchen.“

Überaus lehrreich, äusserst packend und enorm clever – ein Geniestreich!

Sue Prideaux
Ich bin Dynamit
Das Leben des Friedrich Nietzsche
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Sebastian Ostritsch: Hegel

Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.

Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“

Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“

Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“

Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“

Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.

Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist …

Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange ’seelische Zufriedenheit‘, von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.

Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.

Sebastian Ostritsch
Hegel
Der Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020

Alan Watts: Über den Geist hinaus

Alan Watts (1915-1973) schrieb nicht nur bekannte Bücher, sondern hielt auch viele Radiovorträge. Aus diesen wählte sein Sohn Mark sechs aus, die nun unter dem Titel Über den Geist hinaus. Die östliche Weisheit der Befreiung in Buchform erschienen sind.

Die im Westen geläufigen Weltmodelle sind das keramische, gemäss dem „die Welt ein vom Schöpfer hergestelltes Artefakt ist – so wie ein Töpfer aus Lehm Töpfe formt oder ein Zimmermann aus Holz Tische und Stühle fertigt“ – und das vollautomatische Modell, wonach wir kosmische Zufallsprodukte sind. Beide Vorstellungen sind Mythen, sie sagen mehr über unsere Art zu denken aus als über die Welt wie sie ist.

Diesen Mythen nachzuhängen hat zur Folge, dass wir uns von unserer Umgebung getrennt fühlen. Nur eben: „Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die du verspeist – , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.“

Alan Watts geht davon aus, dass die Grundsituation unseres Lebens ideal ist. „Es gibt das zentrale Selbst – ob man es Gott nennet oder wie auch immer – , und wir alle sind es.“ Das sehen die meisten ganz anders, sie leiden unter Schuldgefühlen, dass sie überhaupt da sind und definieren sich als Opfer und Sünder. Eine bessere Variante wäre, Alan Watts‘ Rat zu beherzigen: „Ob Komödie oder Tragödie, du bist der Regisseur.“

Über den Geist hinaus ist voller hilfreicher Denkanstösse. Zu meinen Favoriten gehört dieser hier: „Wenn du dich in Fantasien über eine Person ergehst, die du begehrst, dann drehe die Stickarbeit um und sieh dir die Rückseite an. Betrachte das ganze Chaos auf der Unterseite, aber lass dich nicht dabei erwischen. Tu es heimlich, denn auf der Vorderseite der Stickerei spielt du das Spiel, dass alles so ist, wie es sein soll. Das ist es, was dich menschlich macht, und es ist das, was dich komisch macht.“

Das überaus Erfreuliche an Über den Geist hinaus gründet in Watts‘ Unerschrockenheit, seinem genauen Hinschauen und seinem Witz. „Unserer Erfahrung ist die Vorstellung eingepflanzt, dass die Existenz Schuld ist.“ Das Leben ist eine ernste Sache, wurde uns eingetrichtert, Spass kann dabei zwar vorkommen, doch dankbar zu sein, ist eindeutig wichtiger. Gott tanzt nicht, ausser bei den Hindus. 

Wir werden von früh auf konditioniert und zwar so, dass die Gesellschaft so weitermachen kann wie sie das gewohnt ist. „Zum Beispiel ist es im Krankenhaus tabu zu schreien, weil das Krankenhaus nicht für dich da ist, sondern für das Wohl der Belegschaft.“ In erster Linie werden wir daraufhin gedrillt, „das Leben im Sinne von Fortbestand und Nutzen zu betrachten.“ Nur eben: Dabei entgeht uns das Wesentliche, die Magie. „Und weil wir mit der Zeit aufhören, die Magie in der Welt zu sehen, taugen wir irgendwann nicht mehr für das Spiel der Natur, ihrer selbst gewahr zu sein, und sterben. Um nichts anderes geht es im Leben.“

Über den Geist hinaus regt an, unsere Denktraditionen genau zu prüfen, neu und anders zu denken – wenn man denn mag. Ich mag, denn Watts‘ Ausführungen wirken zutiefst wahr und befreiend auf mich. „Was du gerade jetzt erfährst – vielleicht nennst du es das gewöhnliche Alltagsbewusstsein – , ist es. Und wenn du das erst erkennst, lachst du dich kaputt. Das ist die grosse Entdeckung.“

Fazit: Ein überzeugendes Plädoyer, sich von seinen Selbsttäuschungen zu befreien!

Alan Watts
Über den Geist hinaus
Die östliche Weisheit der Befreiung
O.W. Barth, München 2020

Michael Haller / Walter Hömberg (Hrsg.): „Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“

Dieses Buch kommt entschieden zum falschen Zeitpunkt, denkt es so in mir, denn nichts steht mir in diesen Corona-Zeiten viel ferner als Pressefreiheit und Demokratie. Zum einen halte ich beide nicht für wirklich existent – Pressefreiheit: Die Freiheit einiger Begüterter ihre Meinung veröffentlichen zu lassen / Demokratie: „The best democracy money can buy“, so Greg Palast über die amerikanische Variante – , zum anderen erschöpft sich der Grossteil der Medien, denen es in erster Linie um den Profit geht, im Zur-Verfügung-Stellen einer Plattform für eitle Wichtigtuer. 

Soviel zu meinen Voreingenommenheiten. Dass ich dieses Werk trotzdem mit Gewinn gelesen habe, liegt wesentlich daran, dass ich eine Reise in die Vergangenheit habe machen dürfen, die mich vielfältig informiert und einiges gelehrt hat. Zudem hat sie mir in Erinnerung gerufen, dass der Qualitätsjournalismus, wie Wolfgang R. Langenbucher meint, auf derselben kulturellen Stufe steht wie Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft, auch wenn ich diese Unterteilungen für willkürlich erachte. So berichtete etwa Johann Gottfried Seume ganz einfach davon, was ihn auf seinen ausgedehnten Wanderungen beschäftigte – das tun übrigens viele, die schreiben; das Einordnen überlassen sie den Universitätslehrern. „Es ist ein assoziatives Erzählen in scheinbar sprunghafter Zusammenschau von Reiseerlebnissen, Geschichte, privaten Bekenntnissen und gesellschaftspolitischen Wertungen“, kommentiert Otto Werner Förster.

Als Herausgeber dieses Bandes fungieren die Professoren Michael Haller und Walter Hömberg, die in ihrer Einführung den Wiener Sozialreporter Max Winter zitieren, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Aufgabe des Reporters so beschrieb: „Überall eindringen, selber neugierig sein, um die Neugierde anderer befriedigen zu können, alles mit eigenen Augen schauen und was man sich nicht zusammenreimen kann, durch Fragen bei Kundigen herausbekommen, dabei aber nie vergessen, mit welchen persönlichen Interessen der Befragte an die Sache gekettet ist.“ Besser und umfassender geht kaum.

Als ich vor Jahren eine Journalismus-Reihe herausgegeben habe, begriff ich gute Journalisten vor allem als Aufklärer. Herbert Riehl-Heyse, Jürgen Leinemann, Ernst Müller-Meiningen jr. und Sibylle Krause-Burger gehörten dazu. „Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“ machte mich mit vielen anderen Journalisten bekannt, die ich als Aufklärer begreife – und überdies in Zeiten, in denen das um einiges gefährlicher war als heute. Das will nicht heissen, dass Journalismus heute ungefährlich sei, ganz und gar nicht.

Es sind übrigens nicht nur Journalisten, die sich um die Pressefreiheit verdient gemacht haben, auch der Drucker Peter Zenger, ein deutscher Einwanderer in New York, und Verleger wie Marion Dönhoff und Curt Frenzel gehörten dazu. Aufgeklärt wurde ich auch darüber, dass einige illustre Namen, die ich bisher nicht als Journalisten wahrgenommen habe, auch journalistisch unterwegs gewesen waren – von Daniel Defoe über Henry Morton Stanley und Joseph Roth zu Karl Marx.

Mit besonderem Interesse las ich über die mich schon lange faszinierende Martha Gellhorn („Während die Kollegen an der Hotelbar mit ihren Abenteuern prahlen, geht Gellhorn zu den Menschen, spricht direkt mit ihnen, hört zu, packt mit an, hilft und berichtet: aus Indochina, Vietnam, dem nahen Osten, Panama, Nicaragua, der Golfregion, Afrika …“),  konnte fast nicht glauben, dass am 1. August 1937 in Paris um die 100 000 Menschen dem Sarg der 27jährigen Gerda Taro folgten, die im Spanischen Bürgerkrieg als Fotoreporterin zu Tode gekommen war, und war mehr als nur verblüfft über den einstmals originellen und engagierten Nordwestdeutschen Rundfunk, der sich als Anwalt der Hörer begriff.

„Hätte ich es verhindern können?“ ist der Beitrag über den amerikanischen Fotografen Ronald Haeberle überschrieben, der im Vietnamkrieg (der in Vietnam übrigens ‚Der amerikanische Krieg‘ genannt wird) Aufnahmen vom My Lai-Massaker gemacht hatte, bei dem „182 Frauen, 172 Kinder, 60 Männer über sechzig, 90 jüngere Männer“ ermordet wurden. Erst als der Journalist Seymour Hersh sich der Geschichte annahm, gelangte sie an die Öffentlichkeit.

Die beiden Herausgeber und die zahlreichen Autorinnen und Autoren dieses Bandes präsentieren mit  „Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“ eine eindrückliche Aufklärungsgeschichte, die nicht zuletzt klar macht, dass was heutzutage viele für selbstverständlich halten (den Mund aufzumachen und deswegen nicht im Gefängnis zu landen), sich nur mühsam durchgesetzt hat – und nach wie vor von Interessengruppen bekämpft wird.

Michael Haller / Walter Hömberg (Hrsg.)
„Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“
Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie
Reclam, Stuttgart 2020

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