Zu den positiven Seiten der Corona-Pandemie gehört, dass wir unsere Prioritäten hinterfragen. Nein, nicht alle tun das, viele hätten gerne so schnell wie möglich ihre Spielzeuge zurück, möchten am liebsten, dass alles wieder ganz schnell beim Alten sein wird. Andere hingegen begrüssen es, dass Wissenschaftler mehr zu Wort kommen und die meisten Politiker sich deutlicher als je als das entlarven, was sie immer schon gewesen sind – egoistische Interessensvertreter, die den Hals nicht vollkriegen.
Grundsätzliches ist in letzter Zeit in den Vordergrund gerückt: Wir leben auf einem Planeten, den wir ausplündern, ohne jedoch zu wissen, was wir dabei anrichten. Sicher, einige wussten das. Die Klimaskeptiker zum Beispiel. Und andere, die sich mit Mensch und Natur auseinandersetzen. Doch die meisten waren und sind dermassen auf Materielles fixiert, dass sie nichts anderes wahrnehmen. Wie Süchtige eben so sind. Bis dann die Natur aus- und zurückschlägt – und uns eine Denkpause aufzwingt, die wir dazu nutzen könnten, uns kundig zu machen über das Leben auf unserem Planeten. Mit Spillover zum Beispiel, dem faszinierenden Bericht von David Quammen über Wissenschaftler an der Front, die oft Abenteurer, Entdecker und Forscher gleichzeitig sind.
„Eine Zoonose ist eine Infektionskrankheit bei Tieren, die auf Menschen überspringen kann. Es gibt mehr solcher Krankheiten, als man vielleicht glauben würde.“ Covid-19 gehört dazu, die Pocken hingegen nicht, da das Pockenvirus ausschliesslich Menschen infiziert. „Rund 60 Prozent aller Infektionskrankheiten, die wir heute beim Menschen kennen, wechseln entweder regelmässig zwischen anderen Tieren und uns hin und her, oder sie haben kürzlich die Artgrenze überschritten.“
Infektionskrankheiten, die auf den Menschen übergesprungen sind, haben die Forscher in den letzten Jahren einige angetroffen, etwa in Australien oder im Kongo. Die Wahrscheinlichkeit, dass es noch viele gibt, von denen man gar nichts weiss, ist gross, denn an vielen Orten sind weder Ärzte noch Wissenschaftler in der Nähe, die ungewöhnliche Tode dokumentieren könnten.
Wir leben inmitten von Millionen unbekannter Lebewesen, darunter sind auch Viren, Bakterien und Pilze. Zur Zeit hören wir vor allem von Viren, doch nicht alle neuen, hartnäckigen Erreger sind Viren. So wird etwa die Borreliose von Bakterien verursacht. Übrigens: „Viren können sich nur in den lebenden Zellen eines anderen Organismus vermehren. In der Regel bewohnen sie eine Tier- oder Pflanzenart, mit der sie eine enge, uralte und häufig (aber nicht immer) beiderseits nützliche Beziehung verbindet. Das heisst, sie sind abhängig, aber gutartig.“ Solange sie bleiben, wo sie hingehören und wir sie nicht dazu verleiten, auf uns hinüberzuspringen.
Spillover ist ein spannend erzähltes, höchst instruktives Werk, das unter anderem darüber aufklärt, wie unser Körper funktioniert und wie er sich gegen unerwünschte Eindringlinge wehrt. David Quammen beschreibt die Wissenschaftler, die sich der Erforschung der Biologie verschrieben haben, als konzentriert, nüchtern und wortkarg. „Virenforscher sind in der Regel keine Angeber.“ Das ist efreulich und deshalb hört man ihnen auch zu – jedenfalls geht es mir so. Bei Politikern im Fernsehen wechsle ich jeweils den Kanal.
Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich dadurch aus, dass man zu fragen versteht. „Warum erscheinen seltsame neue Krankheiten gerade zu diesem oder jenem Zeitpunkt an diesem oder jenem Ort auf diese oder keine Weise auf der Bildfläche und nicht anderswo, auf andere Weise und zu anderen Zeiten? Geschieht es heute häufiger als in der Vergangenheit? Und wenn ja: Wie ziehen wir uns solche Krankheiten zu? Können wir den Trend umkehren oder abschwächen …“. Alles hängt mit allem zusammen, das ist etwas, was wir, die wir darauf konditioniert sind, uns getrennt von der Natur erleben, lernen müssen.
Wissenschaft – im Gegensatz zu Einzelfallberichten und farbig erzählten Geschichten – befasst sich mit Daten, die klar definiert und quantifizierbar sein müssen, und deren Auswertung zum Ziel hat, Gesetzmässigkeiten (positive oder negative) ans Licht zu bringen. Hier geht es um Fakten, nicht um Meinungen, um experimentelle Nachweise, nicht um Ideologie (wie Wunschvorstellungen auch genannt werden). Die Arbeit der Forscher gleicht dabei häufig einer Detektivarbeit. Bei der Ebola-Viruserkrankung (Ebola ist übrigens der Name eines kleinen Flüsschens in Zaire) musste unter anderem abgeklärt werden, in welchen Lebewesen das Virus sich versteckte und wie es sich in der afrikanischen Landschaft verteilte.
Spillover zu lesen bedeutet auch, einiges über Übertragungswege zu lernen. So brauchte es gerade einmal zwei Langstreckenflüge, um SARS auf der Welt zu verbreiten. Eindrücklich beschreibt David Quammen, wie hoch die Ansteckung und überaus hohe Sterblichkeit bei medizinischen Personal bei SARS gewesen ist (und offenbar auch bei Corona ist). Bewusst wird einem dabei auch, wie hirnlos die Leute argumentieren, die Corona mit der Grippe (die wir eigenartigerweise als relativ harmlos wahrnehmen) vergleichen. Übrigens: „Schon in einem durchschnittlichen Jahr sorgt die jahreszeitliche Grippe weltweit für mindestens drei Millionen Krankheitsfälle, und mehr als 250 000 Menchen sterben daran.“
Niemand habe die gegenwärtige Pandemie voraussehen können, trompetet der egomanische Trottel im Weissen Haus immer mal wieder durch die Gegend. Mit niemand meint er sich. Dass noch ganz viele andere dazugehören, inklusive ich selber, liegt daran, dass wir meist den falschen Leuten zuhören. Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Und zu verstehen, dass zoonotische Krankheiten auch einen heilsamen Aspekt haben: „Sie erinnern uns wie der heilige Franziskus daran, dass wir Menschen ein untrennbarer Teil der Natur sind. Es gibt nur diese eine Welt, und die Menschen sind ebenso ein Teil davon wie Ebola-, Influenza und HI-Viren, wie Nipah, Hendra und SARS, wie Schimpansen und Fledertiere, wie Larvenroller und Streifengänse und wie das nächste mörderische Virus – das wir bisher noch nicht entdeckt haben.“
Die Originalausgabe dieses Buches erschien 2012, als David Quammen fragte: „Wird der Erreger der nächsten Pandemie ein Virus sein? Wird der Erreger aus dem Regenwald kommen oder von einem Markt in Südchina?“ Was uns im Nachhinein als fast schon prophetische Voraussicht anmutet, ist nichts anderes als eine differenzierte Weltsicht, die auf Fakten und Einsichten beruht. Sie ist nötiger denn je.
Spillover ist ein spannendes, anregendes und überaus nützliches Buch, das sich an alle richtet, die das überaus vielfältige Leben auf unserem Planeten verstehen wollen.
David Quammen
Spillover
Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen
Pantheon, München 2020




