Er wolle „die Wirklichkeit schildern wie sie ist und nicht nur wie die Mehrheit wünscht dass sie sein soll“, so Autor Glenn Bech, für den feststeht: „Alles ist Identität.“ Und er fügt hinzu: „kein Mensch kann sich über seine eigenes Interesse daran hinwegsetzen wer er selber ist es ist einfach unsinnig sich irgendeinen neutralen festen Behälter vorzustellen ohne Werte und Haltungen und Gefühle und Lieblingsfilme.“ Das klingt, als ob der Mann sich etwas gar wichtig nehmen würde. Und offenbar glaubt er, dass nur er bestimmt, wer und wie er sei. Ein Irrtum.
Seine Mutter ist Gefängniswärterin, eine Lesbe, die sich für die Rechte von LGBT+-Menschen einsetzt. „ins Gefängnis zu kommen ist scheisse jaja aber wie es ist als Homosexuelle ins Gefängnis zukommen das kann meine Mutter, die Gefängniswärterin, nicht einmal beschreiben“.
So recht eigentlich dreht sich dieses ganze Manifest um Identität. Um die Identität des Autors. Und um die seiner Mutter. Es ist jedoch nicht nur eine Nabelschau, er bemüht auch den (erhellenden) Blick von aussen. „gefühlsmässig und kognitiv überfordert leicht zu stressen, Probleme mit der Selbstkontrolle reizbar, überempfindlich, explosiv Verantwortung von sich weisend, grob und grenzüberschreitend diese Familie im Flugzeug über die man die Augen verdrehte das waren wir“.
Gegliedert ist dieses Manifest in die Kapitel: Ich & meine Mutti, Klassengesellschaft, Du, Und andere Privilegien, Priest & Madonna, Provinzschwule sind Gott, Selbstleben, Julius.
Ich erkenne eure Autorität nicht länger an ist ein typischer Ausdruck unserer Zeit, in der die obsessive Selbstbeschäftigung die Regel zu sein scheint. Nur eben: je mehr wir zu wissen scheinen, sei es über uns selber, sei es über andere, sei es über die Welt, desto verwirrter werden wir, desto weniger können wir lassen von dem, was wir als unsere Identität begreifen wollen. Dass diese sogenannte Identität, ein reines Konstrukt, beliebig und auswechselbar, relevant sein soll, ist nichts als Wunschdenken.
Einzelne Sätze sind fettgedruckt („ja, ich bin neidisch“; „sie müssen die richtigen Sachen meinen und denken und fühlen“ – was für ein Anspruch!), andere in Grossbuchstaben „MEINE TRAUMATA SIND GRÖSSER ALS DEINE ICH VERDIENE DIE GESAMTE FÜRSORGE DIE GESAMTE GEDULD TOLERANZ UND ANERKENNUNG DIESE PARTNERSCHAFT MUSS SICH NACH MEINEN TRIGGERN RICHTEN oder was?“
Auf mich wirkt dieses Manifest vor allem selbstbezogen und eitel. Und egomanisch. Und auch differenziert und sensibel. Darüber hinaus ist es eine Kampfansage – auch an sich selber, denn „einfach der sein der keine blinden Flecken hat einfach der sein der niemals jemanden kränkt ….“ ist eine Forderung, die vor allem lebensfeindlich ist. Dass er „alle die es zulassen oder selbst dazu beitragen dass LGBT+ in den Medien stigmatisiert oder verurteilt wird“ als „mitschuldig am Massenmord“ bezeichnet, macht deutlich, dass er keinen Schimmer hat, was „Massenmord“ so recht eigentlich bedeutet.
Ich erkenne eure Autorität nicht länger an liefert ganz viel Aufklärung, notwendige Aufklärung, auch wenn mit Schlagworten wie „Brasiliens Bolsonaro, Ungarns Orbán, Frankreichs Le Pen“ wenig gewonnen ist (Politik auf Personen zu reduzieren – unter-komplexer geht kaum), doch dass nach wie vor 71 Länder Sex zwischen Männern und 43 Länder Sex zwischen Frauen verbieten gehört ins öffentliche Bewusstsein. Auch ist höchst verdienstvoll, darauf aufmerksam zu machen, dass der Anführer der russisch-orthodoxen Kirche die Invasion der Ukraine als „eine Mission gegen die Homosexuellen der NATO-Länder und ihre Rechte“ bezeichnet und die Pride-Bewegung als „Kriegsursache“ auffasst.
Glenn Bech
Ich erkenne eure Autorität nicht länger an
Manifest
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2023

