Glenn Bech: Ich erkenne eure Autorität nicht länger an

Er wolle „die Wirklichkeit schildern wie sie ist und nicht nur wie die Mehrheit wünscht dass sie sein soll“, so Autor Glenn Bech, für den feststeht: „Alles ist Identität.“ Und er fügt hinzu: „kein Mensch kann sich über seine eigenes Interesse daran hinwegsetzen wer er selber ist es ist einfach unsinnig sich irgendeinen neutralen festen Behälter vorzustellen ohne Werte und Haltungen und Gefühle und Lieblingsfilme.“ Das klingt, als ob der Mann sich etwas gar wichtig nehmen würde. Und offenbar glaubt er, dass nur er bestimmt, wer und wie er sei. Ein Irrtum.

Seine Mutter ist Gefängniswärterin, eine Lesbe, die sich für die Rechte von LGBT+-Menschen einsetzt. „ins Gefängnis zu kommen ist scheisse jaja aber wie es ist als Homosexuelle ins Gefängnis zukommen das kann meine Mutter, die Gefängniswärterin, nicht einmal beschreiben“.

So recht eigentlich dreht sich dieses ganze Manifest um Identität. Um die Identität des Autors. Und um die seiner Mutter. Es ist jedoch nicht nur eine Nabelschau, er bemüht auch den (erhellenden) Blick von aussen. „gefühlsmässig und kognitiv überfordert leicht zu stressen, Probleme mit der Selbstkontrolle reizbar, überempfindlich, explosiv Verantwortung von sich weisend, grob und grenzüberschreitend diese Familie im Flugzeug über die man die Augen verdrehte das waren wir“.

Gegliedert ist dieses Manifest in die Kapitel: Ich & meine Mutti, Klassengesellschaft, Du, Und andere Privilegien, Priest & Madonna, Provinzschwule sind Gott, Selbstleben, Julius.

Ich erkenne eure Autorität nicht länger an ist ein typischer Ausdruck unserer Zeit, in der die obsessive Selbstbeschäftigung die Regel zu sein scheint. Nur eben: je mehr wir zu wissen scheinen, sei es über uns selber, sei es über andere, sei es über die Welt, desto verwirrter werden wir, desto weniger können wir lassen von dem, was wir als unsere Identität begreifen wollen. Dass diese sogenannte Identität, ein reines Konstrukt, beliebig und auswechselbar, relevant sein soll, ist nichts als Wunschdenken.

Einzelne Sätze sind fettgedruckt („ja, ich bin neidisch“; „sie müssen die richtigen Sachen meinen und denken und fühlen“ – was für ein Anspruch!), andere in Grossbuchstaben „MEINE TRAUMATA SIND GRÖSSER ALS DEINE ICH VERDIENE DIE GESAMTE FÜRSORGE DIE GESAMTE GEDULD TOLERANZ UND ANERKENNUNG DIESE PARTNERSCHAFT MUSS SICH NACH MEINEN TRIGGERN RICHTEN oder was?“

Auf mich wirkt dieses Manifest vor allem selbstbezogen und eitel. Und egomanisch. Und auch differenziert und sensibel. Darüber hinaus ist es eine Kampfansage – auch an sich selber, denn „einfach der sein der keine blinden Flecken hat einfach der sein der niemals jemanden kränkt ….“ ist eine Forderung, die vor allem lebensfeindlich ist. Dass er „alle die es zulassen oder selbst dazu beitragen dass LGBT+ in den Medien stigmatisiert oder verurteilt wird“ als „mitschuldig am Massenmord“ bezeichnet, macht deutlich, dass er keinen Schimmer hat, was „Massenmord“ so recht eigentlich bedeutet.

Ich erkenne eure Autorität nicht länger an liefert ganz viel Aufklärung, notwendige Aufklärung, auch wenn mit Schlagworten wie „Brasiliens Bolsonaro, Ungarns Orbán, Frankreichs Le Pen“ wenig gewonnen ist (Politik auf Personen zu reduzieren – unter-komplexer geht kaum), doch dass nach wie vor 71 Länder Sex zwischen Männern und 43 Länder Sex zwischen Frauen verbieten gehört ins öffentliche Bewusstsein. Auch ist höchst verdienstvoll, darauf aufmerksam zu machen, dass der Anführer der russisch-orthodoxen Kirche die Invasion der Ukraine als „eine Mission gegen die Homosexuellen der NATO-Länder und ihre Rechte“ bezeichnet und die Pride-Bewegung als „Kriegsursache“ auffasst.

Glenn Bech
Ich erkenne eure Autorität nicht länger an
Manifest
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2023

Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft

Dieses Buch handelt von dem Phänomen, „dass Menschen, aus welchen Gründen auch immer, ungeachtet der verfügbaren Fakten und gegen jede Wahrscheinlichkeit, mit unerschütterlicher Gewissheit auf ihren Überzeugungen beharren.“ Autor Philipp Sterzer, Jahrgang 1970, Professor für Psychiatrie in Basel, macht dieses Phänomen staunen, es fasziniert ihn. Doch es beunruhigt ihn auch. Und so versucht er es zu verstehen bzw. zu erklären.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass sich Professor Sterzer mit sehr vernünftigen Argumenten der von ihm so genannten Illusion der Vernunft annimmt. Dabei zeigt er unter anderem auf, dass die Tatsache, dass etwas in sich stimmig ist, kein brauchbares Kriterium für Wahrheit sein kann, denn auch Märchen können in sich stimmig sein. Andererseits: Sind Märchen denn nicht wahr?

David Hume vertrat die Auffassung, dass wir die Wirklichkeit als solche nicht erkennen können. Auch Kant war der Meinung, die Erscheinung der Dinge hänge vom erkennenden Subjekt ab. Nur eben: Was wir erkennen bzw. wissen können, ist das Eine; was für Konsequenzen unser Wissen hat, hingegen etwas ganz Anderes.

Pilipp Sterzer tut, was Autoren von Sachbüchern gemeinhin so tun: Er führt Begriffe ein, erklärt sie, setzt sie in einen Zusammenhang. „Was aber sein könnte, ist, dass eine gewisse Neigung zu wahnhaftem Denken in der gesunden Bevölkerung durchaus weit verbreitet ist, ähnlich wie wir das von Volkskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck kennen. (…) Wenngleich sich Wahn nicht so leicht messen und mit einem Wert beziffern lässt wie Blutzucker oder Blutdruck, spricht viel dafür, dass eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Neigung zu wahnhaftem Denken in der Bevölkerung verbreitet ist, wir aber auch hier erst bei einer ungewöhnlich starken Ausprägung von einem Krankheitssymptom sprechen.“ Leuchtet ein, man käme ja sonst auch mit der Behandlung kaum nach …

Die Illusion der Vernunft macht auch deutlich, dass Abgrenzungsfragen nicht einfach sind, dass wir wesentlich (und aus guten Gründen) oft irrationaler agieren als wir gemeinhin annehmen. Speziell weist der Autor auch auf das Phänomen der blinden Flecken hin.

Wenig überraschend widmet sich Professor Sterzer auch ausführlich der Schizophrenie, seinem Spezialgebiet. Dabei lernt man unter anderem, dass es „die eine ‚Krankheit Schizophrenie’“ nicht gibt, vielmehr sind es eine Mehrzahl von Mechanismen, die zum Krankheitsbild beitragen. Vor allem aber lernt man: „Bei der Suche nach den grundlegenden Ursachen der Schizophrenie müssen wir uns an der Frage orientieren, was für Lebewesen wie uns adaptiv ist. Adaptiv bedeutet, dass Lebewesen ihr Verhalten bestmöglich an die Gegebenheiten der Umwelt anpassen, um ihre Fitness zu maximieren, als die Chance, zu überleben und sich fortzupflanzen.“ Folglich stellt sich die Frage: „Kann Irrationalität adaptiv sein.“ Selbstverständlich, denn letztlich geht es uns immer um unser Überleben. Und so greifen wir nach allem, was sich uns anbietet.

Der Mensch sucht nach Sicherheit und Stabilität. Diesem Streben ist alles andere untergeordnet. Weshalb wir denn auch Überzeugungen nicht so leicht aufgeben. Denn: „Wer von einer Sache überzeugt ist, der ist sich sicher.“ Das schliesst jedoch nicht aus, dass man sich irrt. „Irrationales Denken ist offenbar in vielen Situationen durchaus funktional. Es hilft uns, folgenschwere Fehler zu vermeiden und uns in Situationen, die schnelle Entscheidungen erfordern, nicht umständlich mit der Suche nach der Wahrheit zu verzetteln.“

„Unser Gehirn ist eine Vorhersagemaschine.“ Laut Philipp Sterzer stellt die Fähigkeit, Vorhersagen zu machen „möglicherweise das grundlegende Funktionsprinzip des menschlichen Gehirns (und vermutlich vieler anderer Gehirne) dar.“ Man beachte des Professors Ausdrucksweise, die geradezu wimmelt von „möglicherweise“ und „vermutlich“. Positiv formuliert: Er fühlt sich der Wissenschaft verpflichtet und weiss darum, dass all unser Wissen bestenfalls relativ ist. Wissenschaft gibt Auskunft über die gegenwärtige Datenlage und ändert sich mit dieser.

Das meint jedoch keineswegs, dass Überzeugungen Privatsache sind, also jeder glauben (und handeln) kann, wie es ihm beliebt. So zeigte sich etwa während der Pandemie, „dass durch einen beträchtlichen Anteil der Bevölkerung, die die Impfung ablehnte, die Ansteckungszahlen hoch gehalten wurden, was viele ältere und immungeschwächte Menschen das Leben kostete.“ Darüber hinaus betrieben vor allem rechte bzw. rechtsextreme Kreise die Verbreitung von erwiesenen Falschinformationen.

Professor Sterzers Anliegen ist es, das Gespräch zu suchen, „immer wieder, mit Offenheit und echtem Interesse, aber auch mit der gebotenen Klarheit und Standhaftigkeit. Sich darüber bewusst zu sein, wie Überzeugungen in unseren Köpfen entstehen und welche Funktionen sie für uns haben, wird dabei sicherlich hilfreich sein.“

Philipp Sterzer
Die Illusion der Vernunft
Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten
Ullstein, Berlin 2022

Paul Murray: Der Stich der Biene

Paul Murray, so der Klappentext, „studierte Englische Literatur und Creative Writing an der Universität von East Anglia in Dublin“. Nur eben: Die Universität von East Anglia befindet sich in Norwich, wo Murray Creative Writing studiert hat, und nicht in Dublin, wo er Englische Literatur studiert hat.

Die Familie Barnes, in Irland auf dem Land ansässig, steckt wegen der Wirtschaftslage in finanziellen Schwierigkeiten. Das Autogeschäft von Vater Dickie Barnes läuft nicht mehr, seine Frau Imelda, deren Leben dem Shoppen gewidmet war, sieht sich genötigt, Kleider und Schmuck zu verkaufen, und hofft jetzt auf den Vater von Dickie, der sich in den Ruhestand nach Portugal verabschiedet hat.

Höchst anschaulich und detailliert beschreibt Paul Murray das Leben der umtriebigen Cass und ihres Bruders PJ (und in meinem Kopf denkt es immer mal wieder: Schon eigenartig, was da im Kopf eines fast Fünfzigjährigen ablaufen muss, dass er sich ins Gemüt von Teenies einfühlen kann) auf der Suche nach ihrer Identität.

Statt sich den Problemen seines dahinserbelnden Autohauses zu widmen, baut Dickie im Wald einen Bunker. Cass soll mit ihm reden, findet der zwölfjährige PJ, denn auf sie hört er. Es klappt nicht, Cass schreit ihn zusammen und PJ macht sich Gedanken ums Universum, das sich jedoch um gar nichts schert.

Der Stich der Biene ist überaus stark an Bildern. Wie etwa der Autor die Fahrt von Dickie und Imelda zur Hochzeitsfeier schildert, bei der es zum titelgebenden Bienenstich kommt, hinterlässt Bilder im Kopf, die es offenbar darauf abgesehen haben, zu bleiben.

Auch gibt es in diesem packend erzählten Buch (mir ist vollkommen schleierhaft, wie es der Autor schafft, dass die Spannung auf den 700 Seiten nicht nachlässt), zahlreiche Szenen, die als überaus gelungene Illustrationen dafür gelten könnten, dass Wörter Filme im Kopf entstehen lassen. Als etwa Imelda nach einigen Jahren wieder in Dublin zum Einkaufsbummel geht, von Männern angestarrt, von einem Mädchen in der Kosmetikabteilung gefragt, ob sie als Model arbeiten wolle,

„Sie beachtet sie nicht, sie konzentriert sich zu 100 Prozent aufs Einkaufen. Es ist wie im Film, wenn der in einer Hütte in den Bergen lebende Held seinen Ruhestand unterbricht, um einen allerletzten Job zu erledigen als der immer noch unfassbar versierte Safeknacker, Ninjutsu-Kämpfer, Drachenflieger oder was auch immer. Mit den Augen tastet sie in einer Minute eine ganze Wand Klamotten ab, schlägt dann zu und pickt das eine perfekte Teil heraus, als spiesse sie einen Fisch auf. Ein Kleid, eine Strickjacke und Leggings für Cass, eine Hemd, eine Pullover und eine Hose für PJ.“

In einzelnen Kapiteln gibt es dann weder Punkt noch Komma. Was auch immer die Überlegung dafür gewesen sein mag, mir hat sie sich nicht erschlossen, doch das Lesen gestaltete sich dadurch eindeutig mühsamer. Und machte mir überdeutlich bewusst, dass der Text für meinem Geschmack viel zu lang ist.

Man fiebert mit, regt sich auf, ist enttäuscht und schmunzelt so vor sich hin. „Aha Gratisgetränke denkt Imelda Daher die vielen Leute“. Herrlich dann diese Kommentierung eines Snapshots. „Imeldas Frisur sieht aus wie ein Vogelnest Dickie sieht aus als würde er gleich einen Herzinfarkt erleiden Cass‘ Gesicht ist Ausdruck reinsten Leidens und in der Mitte strahlen Maurice und der Bürgermeister als wären sie zu Besuch in einem Irrenhaus.“

Wie hat es bloss zum Untergang von Maurice Barnes Motors kommen können? Maurices Sohn Frank, der ein Herz und eine Seele mit Imelda war, protzte mit des Vaters Geld. „Wer ihn nicht kannte hätte im am liebsten die Fresse poliert Bei der Arbeit trug er einen Anzug und sah aus wie ein FBI-Agent im Fernsehen Auch sie sah ihn im Showroom wenn er mit Kunden redete Das war anscheinend alles was sie taten Mit Leuten reden Das ist der Job sagte er.“

Frank und Imelda waren füreinander bestimmt. Doch Frank, der begabte Fussballer, trinkt. Bis zur Bewusstlosigkeit. Dann fliegt er wegen seiner Trinkerei aus der Mannschaft. Auch das Autohaus darf er nicht mehr betreten. Er hört auf zu trinken. Wird wieder in die Fussballmannschaft aufgenommen, trinkt von Neuen und stirbt bei einem Autounfall. Imelda heiratet seinen Bruder Dickie.

Natürlich wäre die Geschichte der Familie Barnes anders verlaufen, wenn Frank nicht gestorben und Imelda geheiratet hätte. Falls er sie geheiratet hätte. Und gesetzt den Fall, das Leben würde sich so abspielen wie wir uns das vorstellen. Der Stich der Biene handelt auch davon, dass es das nicht tut.

Lässt sich aus der Vergangenheit herleiten, weshalb wir uns in der Gegenwart verhalten wie wir uns verhalten? Auch wenn das die gebräuchlichste Art und Weise ist, uns unser Verhalten zu erklären, so sind wir doch viel zu komplex, um auf ein simples Ursache-Wirkung-Erklärungsmodell reduziert zu werden. Was Paul Murray mit diesem Roman eindrücklich vorführt, ist die Komplexität alles Geschehens.

Fazit: Ein ungemein talentierter Fabulierer und eine Geschichte, die einen magisch ins Geschehen hineinzieht und in einer ganz wundersamen Welt wähnen lässt, die einem gleichzeitig eigenartig vertraut vorkommt.

Paul Murray
Der Stich der Biene
Kunstmann, München 2024

Markus Gasser: Lil

Markus Gasser ist ein aficionado, ein Buchverrückter, der seinen eigenen Bücher-Kanal betreibt („Literatur ist alles“), wo er engagiert und eloquent seiner Leidenschaft frönt. Der Mann brennt nicht nur für die Literatur, sie steckt in ihm drin und will heraus. Etwa in Gestalt von Lil, diesem höchst lebendigen Roman über die Unternehmerin Lillian Cutting. Dabei nimmt des Autors Fabulierlust allerdings dermassen überhand, dass die Geschichte gelegentlich darin unterzugehen droht. Auch schiefe Bilder fehlen nicht. „Über ihnen hing schlaff die amerikanische Flagge, als ginge sie ihr Moloch des Niedergangs nichts an.“ Oder Aussagen, die ein zwar gängiges, wenn auch merkwürdiges Geschichtsverständnis offenbaren. „ … die man die ‚Cutting Line‘ nannte, weil sie vor einem Jahrzehnt von Lillian Cutting erbaut worden war.“ Vermutlich eigenhändig …

Nichtsdestotrotz: Des Autors Sprach-Enthusiasmus ist ansteckend, reisst mit und macht einen auch immer mal wieder laut heraus lachen. „Er war ein Wutausbruch auf zwei Beinen. Selbst wenn er schlief.“

Lillian Cutting befindet sich in der Obhut des Nervenspezialisten Doktor Fairwell, der die Meinung vertritt, alles Körperliche habe geistige Ursachen, obwohl: er selber scheint nicht alle Sinne beisammen zu haben. Lillians vor drei Jahren verstorbener Mann Chev meinte, Irrenhäuser würden gebaut, „weil ein paar Dilettanten mit drei Semestern Medizinstudium im Rücken sich einbilden, sie wüssten, was in den Köpfen anderer vorgeht.“

Lil spielt im Jahre 1880 in New York, wo sich seit man denken konnte zwei Sippen, die Vandermeers und die Belmorals, befehden. Das historische Setting erlaubt es dem Autor Grundsätzliches abzuhandeln, ohne in die gerade aktuellen Gesellschaftsdebatten hineingezogen zu werden. Der Psychiater führt aus: „Die Bedachtsamkeit. Nehmen Sie einmal bewusst wahr, was im gegenwärtigen Augenblick einfach ist, nur ist, einfach nur da ist, ohne darüber zu urteilen. Lassen Sie das Sein … sein. Es blüht. Es duftet, duftet empor.“

Lils an einem Tumor leidender Vater vermacht ihr die Cutting Railway Company. Ob sie das kann, diese führen, eine Frau? Auch heute noch glauben viele (zumeist Männer), sie wüssten, was sich für eine Frau schicke, doch Vater John Work Willard lässt sich nicht beirren, „’die kleine Lil‘ sei seine engste Vertraute und auch als Tochter ein Sohn ganz nach seinem Herzen.“ Wunderbar!

Markus Gasser weiss derart gekonnt, gescheit und amüsant zu formulieren, dass man sich allerbestens unterhält, doch bewirkt dieser lustvolle Umgang mit Sprache auch, dass man darob Gefahr läuft, die Geschichte gar nicht wirklich mitzukriegen. Klar doch, ich spreche von mir. Immer mal wieder fühlte ich mich an George Steiners Aussage erinnert, gute Literatur (und darum handelt es sich bei Lil zweifellos) immunisiere einen gleichsam gegen das reale Leid auf der Welt.

Doch dies war nur einer der Gedanken, der meine Lektüre begleitete. Es gab noch ganz viele andere und zu denen gehört die sehr schöne Charakterisierung des Psychiaters, mit dessen Hilfe Robert, Chevs und Lils Sohn, die Mutter nach dem Tod des Vaters zu entmündigen trachtet. Psychiatern ist ja unter anderem eigen, dass sie für ihre höchst willkürlichen Zuschreibungen keinerlei Belege vorzuweisen brauchen.

Lil wehrt sich gegen die Bevormundung, das Urteil des Richters Stamford Brook gibt ihr nicht nur Recht, sondern argumentiert derart kraftvoll für den gesunden Menschenverstand, dass es eine wahre Freude ist. „Eigensinn ist keine Krankheit. Eigensinn erfordert Charakter …“. Gerade in der heutigen Zeit, wo jedem Schwachsinn eine Plattform geboten wird, ist dieses kraftvolle Plädoyer für die Vernunft besonders willkommen.

Markus Gasser
Lil
Roman
C.H. Beck, München 2024

Oliver Burkeman: Das Glück ist mit den Realisten

Oliver Burkeman, geboren 1975 in Grossbritannien, lebt als Journalist in New York. Mit Das Glück ist mit den Realisten. Warum positives Denken überbewertet ist, das in der 2012 erschienenen Originalausgabe den ganz wunderbaren Titel The Antidote trägt, legt er ein Buch vor, das vorführt, was exzellenter britischer Journalismus ist – smart, meinungsstark und selbstironisch.

Autor Burkeman hat seine Hausaufgaben gemacht. Unter anderem hat er sich bei Sozialpsychologen kundig gemacht, denen „anscheinend erlaubt ist, das Geld anderer Leute auszugeben, um das Offensichtliche zu beweisen.“ Die einschlägigen Erkenntnisse vieler dieser Forschungen sind aus der Literatur bekannt. Etwa die Theorie, „dass wir zwar gerne positive Botschaften über uns selbst hören, uns aber noch mehr nach dem Gefühl sehnen, überhaupt ein kohärentes, konsistentes Selbst zu sein“, ein Phänomen, das sich bei Dostojewski findet.

Das Streben nach Glück beschäftigt den Menschen seit je her und so landet denn Oliver Burkeman unweigerlich bei den alten Griechen, und speziell den Stoikern, die viel Schlaues und Weises gesagt haben, das heutzutage als Sprüche in Geschenkbändchen auftaucht. „Das alles leuchtete mir intellektuell ein, aber ich wollte wissen, ob heute wirklich jemand nach diesen Prinzipien lebt.“

Das Ehepaar, das er in der Folge aufsucht, lebt, trotz bester akademischer Qualifikationen, in prekären gesundheitlichen und finanziellen Verhältnissen, die ihnen vor Augen führten, dass die Einflussmöglichkeiten auf die Realität beschränkt sind. Eine Einsicht, die sich als enorm hilfreich erweist; der Autor erlebt es selber in der Schlange des Supermarktes.

Im Rahmen seiner Beschäftigung mit dem Buddhismus, bei dem es ums Loslassen geht, nimmt er an einer Meditationswoche in einem Wald von Massachusetts teil. Er besucht Eckhart Tolle („Und das ist für manche Menschen eine Offenbarung: zu erkennen, dass das ganze Leben nur aus Jetzt besteht. Vielen Menschen wird plötzlich klar, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens so gelebt haben, als wäre es nicht so.“), erzählt von Alan Watts, dessen Einsichten „sich weder auf New Age noch auf Pseudowissenschaft stützen, sondern auf strenges, rationales Denken“.

Er macht sich auf in die Slums von Nairobi, wo die Menschen keineswegs so deprimiert sind, wie er sich das vorgestellt hat. Vielmehr macht sie die tägliche Konfrontation mit der Unsicherheit lebenstauglicher. Und er fährt nach Mexiko, weil er gehört hatte, dass die Menschen dort ein einzigartiges Verhältnis zum Tod haben – denn davon handelt dieses Buch letztlich: von der Konfrontation mit der Realität und zu dieser gehört auch der Tod.

Eine der Kernthesen dieses Werkes lautet: Je mehr man sich auf etwas konzentriert, desto grösser die Gefahr, dass dies zum Problem wird. „Zielbesessenheit“ nennt es ein „Experte für organisatorisches Verhalten“ (was auch immer das sein mag). Untersuchungen zeigten überdies, dass diejenigen, denen ein Ziel vorgegeben wurde, weitaus häufiger logen als diejenigen, denen nur gesagt wurde, ihr Bestes zu geben. Dazu kommt, dass Laborbedingungen und Alltag selten übereinstimmen.

Das Glück ist mit den Realisten ist guter, traditioneller Journalismus, was meint: eine Kombination von Recherche und eigenem Nachdenken. Irritierend ist die für mein Dafürhalten übertriebene Bezugnahme auf sogenannte Autoritäten (eine Journalisten-Krankheit). So wissen wir auch ohne Psychologin, dass wir Gefühle von Ungewissheit nicht ertragen. Und wir wissen genau so, dass es gut wäre, uns auf diese Gefühle einzulassen. Es gibt allerdings nur wenige, die das auch versuchen.

Hängengeblieben ist mir ganz Unterschiedliches. Etwa, dass es keine Hinweise darauf gibt, „dass man seine Wut loswird, wenn man sie abreagiert, oder dass man seine Ziele eher erreicht, wenn man sie sich vor Augen führt.“ Oder das schöne Zitat aus einer Kurzgeschichte von Edith Wharton: „Zufriedenheit stellt sich hingegen nur ein, wenn man aufhört, dem Glück hinterherzujagen.“ Und dann natürlich das Experiment mit dem Eisbär, das selbstverständlich nicht verraten werden soll.

Sind wir Herr unseres Schicksals oder sind wir es nicht? gehört zu den wesentlichen Fragen dieses Buches, das nützliche Informationen zuhauf liefert und klar macht, dass Entweder/Oder, das allein unserem Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit geschuldet ist, an der Komplexität des Daseins scheitern muss. Und das ist gut so, wie Oliver Burkeman auf vielfältige Art und Weise darlegt.

Fazit: Aufschlussreich, unterhaltsam, witzig und informativ. Eine gelungene Anleitung zum lebenspraktischen Philosophieren.

Oliver Burkeman
Das Glück ist mit den Realisten
Warum positives Denken überbewertet ist
Piper Verlag, München 2023

Les Edgerton: Primat des Überlebens

Les Edgerton hat unter anderem „wegen Einbruchs, bewaffneten Raubüberfalls und versuchter Hehlerei zwei Jahre im berüchtigten Pendleton Reformatory abgesessen.“ Kein Wunder also, dass wir in diesem Werk auch einiges über amerikanische Gefängnisse lernen.

Jake Bishop, der heute in einem Friseursalon namens Tangerine Z Hair Designs arbeitet, wird von einem ehemaligen Knastkumpel namens Walker aus Pendleton, dem er sein Leben verdankt, kontaktiert.

Walker braucht Hilfe, Jake soll ihm bei einem Einbruch bei einem lokalen Juwelier helfen. Jake will nicht, doch Walkers Auftraggeber Spencer hat etwas gegen ihn in der Hand. Jake wehrt sich, will nicht mitmachen. Sehr gelungen beschreibt Les Edgerton wie Jake, ein trockener Alkoholiker, unter Druck gesetzt, wieder zur Flasche greift. „Die Klarheit, von der ich angenommen hatte, dass sie dank der Drinks mein Handeln bestimme, hatte sich einfach verabschiedet.“ Dass er sich, nachdem er besoffen hingefallen war, in der Folge sehr überlegt verhält, ist hingegen wenig überzeugend.

Irritierend fand ich, dass Jake seiner Frau Paris nicht von seinen Problemen erzählen will. Weshalb dem so ist, führt der Autor leider nicht aus. Was er jedoch überaus gekonnt schildert, ist wie Jakes Verschweigen seiner Vergangenheit eine Lawine aus Lügen und Halbwahrheiten lostritt, aus der es kein Entkommen gibt.

In klarer, schnörkelloser Sprache und immer mal wieder witzig wird hier ein anderes Amerika als das der Medien erfahrbar. Wobei: Gewisse Ausdrücke sind gewöhnungsbedürftig. Gebratene Koteletts vernichten? Oder diese arg bemühte Originalität: „ … hatte der Wind Zähne bekommen, spuckte vereinzelte Schneeflocken aus …“. „Sie war an mir vorbeigehuscht wie eine quietschende Maus an einer Katze.“

Es sind die Alltäglichkeiten, die mich besonders für Primat des Überlebens einnehmen. Etwa wie Jake und Paris mit Jakes Bruder Bobby, einem schwierigen Teenager, umgehen, Oder das Verhältnis von Paris, mit einem vulkanischen Temperament gesegnet, und Jake, der nicht verstehen kann, dass seine Frau, die auf dem College gewesen war, an Ausserirdische glauben konnte. Womit wieder einmal geklärt wäre, dass Ausbildung keine Chance gegen unsere Wunschvorstellungen hat.

Die eigentliche Stärke von Primat des Überlebens liegt in der Schilderung der abrupt wechselnden Stimmungen. Genau so funktionierte ja auch das richtige Leben – ein ständiges Hin und Her von Stimmungen und Gefühlen, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen.

Diese Geschichte von Zwängen und Verpflichtungen zeichnet sich durch einen guten Sprachrhythmus aus und macht überaus deutlich, dass der Mensch alles andere als frei ist. Die Tatsache, dass Jake weiss, das er sich niemals hätte auf seinen Knastkumpel Walker einlassen dürfen, hindert ihn nicht, es trotzdem zu tun. Eine Spirale wird in Gang gesetzt, die so recht eigentlich jederzeit (am besten jedoch zu Beginn) unterbrochen werden könnte. Theoretisch. Nur eben: der Mensch tickt anders und ohne dass er weiss wie.

Exemplarisch führt Les Edgerton vor, dass wir nicht Herr unserer Handlungen sind, uns von Mächten leiten lassen, die unsere Grundpersönlichkeit ausmachen. Niemand in diesem Buch, mit Ausnahme des schleimigen Auftraggebers Spencer, scheint auch nur ansatzweise von nüchternen Überlegungen geleitet; auch funktionieren alle auf ihrer jeweils eigenen Umlaufbahn, ohne sich mit den anderen abzusprechen.

Der deutsche Titel Primat des Überlebens ist weit treffender als das nichtssagende amerikanische Original (The Bitch), denn genau davon handelt dieses Buch – vom Überleben.

Les Edgerton
Primat des Überlebens
PULP MASTER, Berlin 2024

Thomas Bagger: Feuer

Der Auftakt zu diesen Morden auf den Färöern ist Thomas Bragger überaus gelungen – stimmungsvoll informiert er über die Geschichte der Inselgruppe, fasst mit drei Sätzen das gänzlich Ungesunde der 100-Seelen-Gemeinde, in der sich in der Kirche eine bizarre (und ziemlich unwahrscheinliche) Bluttat ereignet hat, zusammen. „Es war nicht gut, in einem Ort ohne Frauen zu wohnen. Zu wissen, dass hinter den erleuchteten Fenstern auf der anderen Strassenseite nur Männer hockten. Männer mit kräftigen Händen und finsterem Gemüt.“

Die Färöer liegen im Nordatlantik zwischen Schottland, Norwegen und Island; sie gehören zu Dänemark, sind allerdings nicht Teil der EU. Das erfährt man allerdings nicht in dem Buch, sondern von Wikipedia.

Lucas Stage, ein forscher und recht überheblicher Typ, mit einem Hang zu eigenständigen, philosophischen Gedankengängen „Wir ficken Mutter Natur mit illusorischen Kausalitäten wie Ethik und Moral … und Religion.“), von der Kopenhagener Task Force 14, wird zusammen mit Sidsel Jensen, die einmal als Kriminaltechnikerin, dann wieder als Forensikerin beschrieben wird, auf die Inseln geschickt, deren Bewohner recht verstockt sind, was natürlich Stoff für zahlreiche Konflikte in sich birgt. Nicht zuletzt richtet sich der Hass der Einheimischen auf Sidsel Jensen, die in jungen Jahren die Inseln verlassen hatte und jetzt zurück ist – und die Inselbewohner daran erinnert, dass es noch ein anderes Leben fern der Inseln gibt. Und das ertragen sie nicht.

Autor Thomas Bagger versteht sich aufs rasante Geschichten-Erzählen, was gelegentlich zu argen Simplifizierungen führt. „Die Seele wirft immer zwei Schatten.“ Nur zwei?! Schön, dass sich ab und zu auch sein Witz zeigt. „… war sie jeder Mal verblüfft, dass der gelbe Backsteinkasten neben hypermodernsten Laboren, einem Ballistikraum, einer Brandwerkstatt und einem ‚Blutraum‘ auch die absolut mieseste Kantine des Landes hatte.“ Oder: „Denk nur an Tinder, wo alle Männer Klimaaktivisten und Herzblutfeministen sind und behaupten, ihr Leben im Griff zu haben. In meinen Augen fällt das unter demonstrative Gutheitsbekundung.“

Bei den Opfern handelt es sich um vier Pfarrer, die sich zu einer Synode eingefunden hatten; ein fünfter Pfarrer ist spurlos verschwunden. So sieht es zunächst aus. Zu den Personen, die Lucas Stage in der Folge befragt, gehört auch Heralv, der im Alter von acht Jahren feststellte, dass er ein Mädchen ist. Die Inseln deswegen zu verlassen, was sein Leben vermutlich einfacher gemacht hätte, wollte er jedoch nicht – er hat einen missionarischen Drang, will mit den Gutheitsbekundungen des Bibelgürtels aufhören und die Menschen vereinen. „Für alle Übel gibt es zwei Mittel: Zeit und Stille“, zitiert er aus dem Graf von Monte Christo.

Thriller Autoren bedienen sich in der Regel einer spannend erzählten Geschichte, um darin ihre Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens darzustellen. Hier ein Beispiel, welches das Nachdenken lohnt. „ … der Mensch sich selbst von der Natur losgelöst hat. Wir sind das einzige Tier auf Erden, das einen Anspruch auf seine Existenz fühlt. Die Meeresschildkröte beispielsweise legt hundert Eier auf einmal, weil nur eins von tausend Jungen überlebt. Die Natur trifft die nötige Entscheidung, sortiert die Ungeeigneten aus. Der Mensch beansprucht diese Wahl für sich.“

Eine der Fragen, die im Zentrum dieses Thrillers stehen, handelt davon, ob der Mensch der Gestalter seines Schicksals ist. Oder ob es uns seit jeher vorgegeben ist, nach Traditionen (die wir „Kultur“ nennen) zu leben, Es spricht für die Ausführungen des Autors, dass diese sehr praxisnah sind.

Zudem lernt man einiges. Etwa übers Blut. „Blut war dynamisch und hochsensibel, voller lebender Zellen und aktiver Enzyme, die selbst bei mikroskopischen Abweichungen der Rahmenbedingungen ihren Charakter änderten.“ Oder über Messerstiche. „Schon ein zwei Zentimeter tiefer Stich kann mit einundvierzigprozentiger Wahrscheinlichkeit die Lunge oder noch wahrscheinlicher eine Arterie treffen.“

Thomas Baggers anregende Gedankengänge werden ergänzt durch Rückblenden in die Kindheit von Lucas Stage und Sidsel Jensen, die der heutzutage gängigen Vorstellung huldigen, dass das, was in unserer Kindheit und Jugend geschah, unser ganzes Leben beeinflusst. Ob das tatsächlich so ist, wissen wir zwar nicht, doch was wir uns einmal zu glauben entschieden haben, geben wir nicht so leicht wieder her.

Fazit: Atmosphärisch dicht, packend, reich an überraschenden Wendungen sowie vielfältig inspirierend.

Thomas Bagger
Feuer
Mord auf den Färöern
Knaur, München 2023

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Elfriede Sattler, mit Ulaya Gadalla: Nabelfrei

Elfriede Sattler, 1931 in ärmlichen Verhältnissen im Passauer Land aufgewachsen, flieht mit zwanzig vom elterlichen Bauernhof, zuerst nach München, wo sie als Haushaltshilfe und Bedienung arbeitet, bis sie dann mit einer Tanzgruppe nach Zypern zieht und schliesslich in Kairo den orientalischen Tanz entdeckt.

„Nabelfrei“ ist ein beeindruckendes Buch. So erfährt man zum Beispiel, wie die Verhältnisse auf dem Land in den 1930ern und 1940ern waren. „Damals suchten die Geistlichen in ihrer Gemeinde noch diejenigen Ehepaare auf, bei denen sich nicht jedes Jahr ein Kind ankündigte, um sie zur Rede zu stellen. Selbst eine Frau, die schon viele Kinder hatte – vierzehn und mehr waren keine Seltenheit – , kam bei einer Pause von ein, zwei Jahren in Erklärungsnot. Häufig starben die Mütter nach einigen Schwangerschaften an Entkräftung oder am Kindbettfieber, wodurch sich das Thema irgendwann auf diese Weise erledigte. Der Mann nahm sich danach oft eine zweite Frau und vielleicht auch eine dritte, und alles ging wieder von vorne los.“

In diesem Umfeld wächst Elfriede auf, von der Mutter als Rauschdepp betitelt und vom Stiefvater regelmässig vergewaltigt, bis sie schliesslich das Weite sucht. „Die Männer bei uns in Niederbayern“, schreibt sie, „schienen wohl keine andere Lösung für ihre Probleme zu kennen als das Wirtshaus.“ Und fügt dann hinzu: „Aber wenn man es recht bedenkt, war und ist es überall auf der Welt so.“ Übrigens, und auch dies lernt man aus diesem Buch, durften damals Frauen über kein eigenes Bankkonto verfügen und wenn es der Gatte untersagte, auch keinen Beruf ausüben. Erst in den siebziger Jahren wurden diese Gesetze restlos ausgemerzt.

Diese Welt hat Elfriede Sattler radikal hinter sich gelassen: „Meine Bereitschaft, kompromisslos alles hinter mir zu lassen, überraschte mich selbst.“ An klaren Meinungen scheint es ihr nie gefehlt zu haben. Über den damaligen Frauenschwarm und Schwerenöter Curd Jürgens stellt sie fest: „Der Mann stinkt nach Alkohol, Schweiss und Samen.“

Spannend und lehrreich ist auch, was die Autorin vom Orient und vom Tanzen zu berichten weiss. So wurde ihr etwa über König Farouk von Ägypten erzählt, dass er fresssüchtig, spielsüchtig und sexbesessen war. Knapp fünftausend Frauen habe er mit seiner Manneskraft schon beglückt, und trotzdem sei sein Komplex immer noch nicht geheilt. In Rom, wo er im Exil lebe, steh die ganz Stadt Kopf, weil niemand wisse, woher man noch Prostituierte nehmen solle, die allein durch die Nähe zum Vatikan ausgelastet seien.“

In Kairo, von dem sie hingerissen ist, lernt sie den ägyptischen Tanz-Superstar Samia kennen, die ihr klar macht, dass sie weder einen ‚bellydance‘ noch einen ‚dance du ventre‘ und auch keinen Bauchtanz, sondern einen ‚oriental dance‘ ausübe. Dabei gelte es nicht nur den Bauch, sondern auch allen anderen Körperteile, vom kleinen Zeh bis zur Kopfhaut, zu beherrschen. Elfriede will das unbedingt lernen. „’Ich gebe dir nur Tipps, der Rest liegt bei dir‘, betonte Samia.“ In der Folge bringt es die gebürtige Niederbayerin unter dem Namen Ulfat Sharif zu einer der gefragtesten Tänzerinnen der arabischen Welt („… im Nahen Osten … sahen die Menschen eine orientalische Tänzerin nicht als kulturelles Eigentum an. Sie verkörperte vielmehr ein Lebensgefühl. Entscheidend für ihre Anerkennung war, wie sie das ewig Weibliche in ihrem Tanz erzählte.“) und hat ausgesprochen klare Vorstellungen, was sie von einem Mann erwartet: „… Grosszügigkeit setzte ich bei einem Mann schon voraus. Sozusagen als Massstab für die Wertschätzung, die er mir entgegenbrachte.“ Zudem hat sie vor sich selbst „ein Gelübde abgelegt: in jedem Land ein anderer Mann. Vielleicht auch mal keiner. Falls ich ein Land mehrmals besuchte, sollte die Devise für jeden Aufenthalt gelten. Nie, nie, niemals wollte ich mich für länger binden. Familie und Kinder? Dazu war ich viel zu beschäftigt.“ Ob es dabei geblieben ist, und noch vieles andere mehr, erfährt man in diesem anregenden Buch.

Elfriede Sattler
mit Ulaya Gadalla
Nabelfrei
Mein Leben, kein Roman
Knaur Verlag, München 2012

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