Michael Maar: Leoparden im Tempel

Diese Porträts beginnen mit Hans Christian Andersen, einem offenbar höchst unangenehmem Zeitgenossen, und enden mit Elias Canetti, den, wie es scheint, Einiges mit dem begabten Märchenerzähler Andersen verbindet: „Manches an ihm hat etwas Märchenhaftes.“ Kommt dazu, dass beide ausgesprochene Egomanen sind. Schön, wie sich der Kreis schliesst – Leoparden im Tempel ist ganz wunderbar komponiert.

Mit dem Werk, den Biografien, den Briefen der Porträtierten hat sich der Autor auseinandergesetzt, klug, scharfsinnig und differenziert. Es sind ungeheuer dichte Texte von beeindruckender Kürze – der Mann weiss sich zu beschränken und ihm Wesentliches herauszuschälen.

Es sind Texte für Sich-Gebildet-Wähnende, die mit Fragen wie (anlässlich eines Briefes von Proust) „ob der aristophanische Mythos von den Doppelwesen, die nach der Spaltung durch Zeus ewig wieder zueinander streben, nicht ein Paar vergass, Mutter und Sohn.“ etwas anfangen können.

Die zwölf Porträtierten sind mir, abgesehen von Anthony Powell – „Es sind die Beziehungen zwischen den Figuren, mit denen der Autor uns so vertraut macht, dass wir sie, wie die Formel es will, nach kurzer Zeit zu kennen glauben. Der Grund dafür ist, dass es Typen von Menschen gibt und dass Powell mit seinen Figuren Typen aufruft, die jeder Leser kennt.“ – , dem Namen nach bekannt. Am meisten habe ich von Chesterton gelesen, dem wir unter anderem diese wunderbare Einsicht verdanken. „Wir sitzen nicht nur alle im selben Boot, bemerkte er, wir sind auch alle seekrank.“

Dichter, so mein Eindruck, sind sonderliche Wesen, oft mit Eigenheiten weitab des sogenannt gesunden Menschenverstandes, was auch immer man darunter verstehen mag. So regierte etwa Proust „die Welt aus dem Bett in seinem kleinen Zimmer, das nicht gelüftet wird, weil die frische Luft, wie seine Paranoia ihm früh einredet, viel Übles hereintrage“, und der Neid und die Rachsucht des humorlosen Zwangsneurotikers Musil sind dermassen abstossend, dass man sich fragen kann, ob man einen solchen Mann wirklich lesen soll.

Es versteht sich: Leoparden im Tempel gibt vor allem Auskunft über die Interpretationskunst des Autors, die sich gelegentlich der Heldenverehrung nähert. Etwas wenn er über Proust schreibt: „Er hatte das vollkommene Gehör für Moral, für Takt und für den falschen Ton.“ Das kann man wohl nur über jemanden sagen, den man nie persönlich im Alltag erlebt hat. Manchmal formuliert er auch eigenartig, etwa über Virginia Woolf: „Wenn der Tod des Bruders sie im Innern kalt gelassen hätte, was unschön, aber ihr gutes Recht gewesen wäre …“. Ihr gutes Recht? Kann man ein Recht auf einen Seelenzustand haben, dem man (Seelenzustände haben das so an sich) ausgeliefert ist? Man möchte fast meinen, der Autor habe Jura studiert und sei auf der Suche nach einem lukrativen Betätigungsfeld …

Das ändert jedoch nichts daran, dass dies ein gescheiter und überaus gelehrter Band ist, der aus ganz vielen Informationen ein faszinierendes und erhellendes Bild der Porträtierten zeichnet. Wobei ich, bei diesem Satz zu Thomas Manns Zauberberg („Es ist überhaupt erstaunlich, wie anders sich Manns grosser Roman der mittleren Epoche liest, wenn man auf die feinen Klopftöne achtet, die aus der Unterwelt dringen.“), an ein Foto von Eric Ambler, das ihn mit einem Regisseur und einem Schauspieler zeigte, denken musste. Man solle beachten, so Ambler, wie aufmerksam Regisseur und Autor dem Schauspieler lauschten, der ihnen gerade seine Rolle erklärte. Wie auch immer: Ich jedenfalls habe die Porträtierten so noch nie wahrgenommen, sehe sie und was ich von ihrem Werk kenne, fortan mit neuen Augen – und mit entschieden weniger Hochachtung.

Je grösser das Werk, desto grösser die menschlichen Defizite der Verfasser. Das trifft so recht eigentlich für nicht wenige in diesem Band zu. Und ist ja auch logisch, denn die Energie und Disziplin, die es für ein herausragendes Werk braucht, ist damit aufgebraucht, ein ausgeglichenes Gemüt, so scheint es, schafft nun einmal kein Kunstwerk. In einer meines Erachtens idealen Welt wäre das ausgeglichene Gemüt das Kunstwerk – doch das wäre eine andere Geschichte.

Es gibt aber auch die gequälten Seelen – Kafka würde man heute wohl als Borderline-Fall einstufen, meint Maar, Virginia Woolf, deren Lobbedürftigkeit jedes Mass sprengte, legt dieselbe oder eine zumindest sehr ähnliche Diagnose nahe.

Die Gifteleien, das Herziehen über andere zeugen davon, wie wenig die Porträtierten (es sind bis auf Virginia Woolf alles Männer) Herr ihrer Gefühle zu sein scheinen. Marc Szeftel hat es in Bezug auf Nabokov mit „grosses Talent sorge nicht notwendig auch für menschliche Grösse“ sehr höflich kommentiert. Auch wenn, wie nicht wenige meinen, Autor und Werk voneinander getrennt zu betrachten seien – nach der Lektüre dieses Bandes wird das um einiges schwieriger.

Leoparden im Tempel ist ein ungemein kenntnisreiches Werk, das die vielfältigen Verästelungen zwischen Person, Werk und anderen Werken, aufzeigt – es wird wohl vor allem von ähnlich kenntnisreichen Lesern geschätzt werden. Für Literatur-Unkundige wie mich ist aufschlussreich, mit den Dämonen und Obsessionen der Porträtierten bekannt, und von der Autors spürbarer Begeisterung, angesteckt zu werden.

Mein liebstes Porträt ist das von Borges, von dem ich kaum etwas kenne, doch von dem ich jetzt erfahre, dass „er ein Anhänger Arthur Schopenhauers war, für den er eigens Deutsch gelernt hatte. Unter Schopenhauerianern finden sich auffallend viele Humoristen, und auffallend selten sind Wichtigtuerei, Verquastheit und Bombast. Anders als Hegelianer haben sie den Sinn für die komischen Details der Welt, deren zentrales sie selber sind. Dieser Sinn bestimmt auch den Ton bei Borges, der nie pompös ist und bei dem immer ein unverwechselbarer Wahrheitsklang mitschwingt, etwas unrhetorisch, unegoistisch, eindringlich auf Erkenntnis und getreues Abbild Zielendes; ein Ton, der sich nicht fälschen oder imitieren läßt, weil er nicht eine Frage des Stils ist, sondern eine des Charakters,“

Mein Fazit: Je weniger ich über einen Autor weiss, desto besser – das lehrt mich, wohl unbeabsichtigt – dieser glänzend geschriebene, horizonterweiternde Band. Und klar doch, es gibt natürlich Ausnahmen.

Michael Maar
Leoparden im Tempel
Portraits grosser Schriftsteller
Rowohlt, Hamburg 2024

John Niven: Straight White Male

Der preisgekrönte irische Romanautor und Drehbuchschreiber Kennedy Marr lebt in Los Angeles das Leben des erfolgreichen Autors und, obwohl er ein Vermögen verdient, reicht das Geld nicht. Alimente für zwei Exfrauen, ein grosses Haus in Hollywood, Forderungen der Steuerbehörde, der aufwändige Lebensstil – das alles ist auch für den Grossverdiener Marr zu viel. Dazu kommt, dass er auch kreativ am Ende ist: seit fast zehn Jahren keinen Roman mehr geschrieben, mit mehreren Drehbüchern ist er im Verzug.

Doch da naht die Rettung in Gestalt eines wohl dotierten literarischen Preises. Der Haken dabei: um das Preisgeld zu kriegen, muss sich der Preisträger, dem die akademische Welt ein Graus ist („… braucht die Welt wirklich noch mehr Dissertationen zum Thema ‚Unstimmigkeiten in den Schriften von Beda dem Ehrwürdigen’“), verpflichten, ein Jahr lang creative writing an einer englischen Universität zu unterrichten, sehr zum Missfallen des zuständigen Fachbereichsleiters Dr. Drummond. Für Kennedy bedeutet das auch, seine erste Frau, die an der dortigen Uni unterrichtet, und seine Tochter zu treffen. Und auch seine Familie in Irland.

Als er in Heathrow eintrifft, wird er verhaftet … „Straight White Male“ ist gut und spannend geschrieben, und liefert vielfältigste Einblicke. Etwa in die Filmwelt, deren Rituale unter anderem verlangen, dass der Drehbuchschreiber sich mit Filmstars zum Essen treffen muss, wo ihm dann erklärt wird, wie sein Drehbuch auszusehen habe. „Kennedy war mit Schauspielern zu vertraut, um sich in ihrer Gegenwart jemals sicher zu fühlen. Was ihnen an einem Skript gefiel, konnte sich nach einer eingehenden Textanalyse ihres Friseurs oder Psychiaters über Nacht ändern. Oder nach der Premiere eines Blockbusters, in dem ein Freund oder Rivale mitspielte, dessen Figur mit Eigenschaften glänzte, die auch ihren Ehrgeiz weckten. Natürlich gab es noch eine weiteren möglichen Grund für Julie Teals ausbleibende Mäkelei. Sie hatte das Drehbuch noch nicht gelesen.“

Überhaupt ragen die Schilderungen der Filmwelt („Gottverdammtes Filmgeschäft: Die grösste Klapsmühle der Welt, bevölkert von den durchgeknalltesten Spinnern, die es gibt.“) heraus, und speziell diejenigen über die Eigenheiten der Stars. So forderte etwa die gerade erwähnte Schauspielerin Julie Teal, „dass ihr die Getränke – Diät-Cola und Evian – nur in einem bestimmten Flaschentyp serviert werden durften; für Räume, in denen sie sich mehr als zwei Minuten aufhielt, wurde ein sogenanntes ‚Lichtkonzept‘ vorgegeben; sämtlichen Crewmitgliedern, im Prinzip eigentlich jedem Menschen, der in der Hierarchie unter dem Regisseur, Produzenten oder Co-Star stand, war es untersagt, ihr direkt in die Augen zu blicken.“

John Niven schreibt schnörkellose, gerade Sätze und was er an anderen Büchern gut findet, das zeichnet auch „Straight White Male“ aus: „… das Buch hatte definitiv ein gewisses Gespür für das richtige Setting. Und man kam bis zu Seite zehn, ohne dass man sich lieber eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte, satt herauszufinden, was als Nächstes passierte.“ Zudem stimmt die Tonalität. „Nimmt man einem Buch seinen Ton nicht ab, dann hatte der Autor bereits verloren.“

„Straight White Male“ ist auch ein Buch über das männliche Älterwerden und dabei macht Kennedy Marr keine sehr vorteilhafte Figur, denn er war „immer der Überzeugung gewesen, erwachsen zu werden sei etwas, das mehr oder weniger von allein geschah. Dass es einfach passierte, während man älter wurde – quasi durch Osmose.“ Dabei hat er allerdings verpasst, seine Tochter aufwachsen zu sehen. Und er hätte mehr für seine jüngere Schwester Gerry, Alkoholikerin und drogenabhängig, tun können, die nach einem Selbstmordversuch in die Klinik gebracht und dort, im Beisein der Familie, stirbt – eine der stärksten Szenen dieses starken Buches.

John Niven hat mit „Straight White Male“ ein witziges, wütendes und ergreifendes Buch geschrieben.

John Niven
Straight White Male
Wilhelm Heyne Verlag, München 2014

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Vollkommen mittellos landet der 18jährige Ukrainer Boris Siddis 1886 in New York. Er ist ein intelligenter und unabhängiger Kopf, unbeeindruckt von sozialen Rangunterschieden, ein Idealist. „Er konnte Universitäten nicht ausstehen und Professoren noch weniger. Diese saturierten Langweiler verstanden sich prächtig darauf, sich ihre Dutzendgelehrtheit vergolden zu lassen, aber von der Kühnheit, vom Abenteuer, von der Lust und der Leidenschaft, von der mitunter auch quälenden Anstrengung des Denkens wussten sie nichts.“ Er ist eigenwillig, er will kein Normalo sein. Seine zukünftigen Schwiegereltern lässt er wissen, dass er keineswegs gedenke, den traditionellen Ernährer zu geben und ihre Tochter von sich und seinem Geld abhängig zu machen. Stattdessen will er sie darin unterrichten, selbstständig zu werden, sich zu bilden. „Denn das einzige Vermögen, das einem keiner stehlen kann, ist jenes, das man im Kopf hat.“

Boris Siddis ist ein Bildungsbesessener, fanatisch eignet er sich Wissen an, fanatisch gibt er es weiter. Mit seiner Hilfe schafft es seine Frau Sarah, zum Medizinstudium zugelassen zu werden, er selber bringt es zum Dozenten in Harvard und zum Forscher an der Columbia. Es ist die Zeit der psychologischen Forschung: Suggestion und Hypnose, Dissoziation und Persönlichkeitsspaltung, Selbstbestimmung und Fremdsteuerung.

Dann wird Boris und Sarah Siddis ein Sohn geboren, der nach dem Förderer und Kollegen von Boris, dem berühmten Psychologieprofessor William James benannt wird, der auch der Pate des Buben wird. Gemäss Boris‘ Überzeugung gibt es keine höhere Pflicht, als sich zur Perfektion heranzubilden, und so wird der kleine William einem Erziehungsprogramm auf Grundlage der neuesten psychologischen Erkenntnisse unterzogen. „ … die normalen Leute. Schau sie dir an, Sarah. Wie angepasst sie sind, und wie unglücklich. Sie machen immer nur das, was andere von ihnen verlangen. Die reinsten Marionetten. So einer soll William nicht werden.“

Die Schule muss der Kleine gleichwohl besuchen und findet dort alles ausgesprochen eigenartig. So berichtet er vom ersten Schultag: „Sehr wichtig ist ihnen das Begrüssen. Die Lehrerin kommt herein, stellt sich hinter den Katheder und sagt: ‚Guten Morgen, Kinder.‘ Dann müssen alle gleichzeitig aufspringen, sich neben ihre Bank stellen, im Chor ‚Guten Morgen, Mrs. Withcomb!‘ rufen und so lange stehen bleiben, bis sie ‚Danke, setzt euch‘ sagt. Das wird immer wieder geübt. Der Nutzen ist unklar. Die Lehrerin sagt nur, dass das eben dazugehört. Danach wird ein Schulgebet gesprochen. Die Schüler müssen Gott bitten, ihnen beim Lernen zu helfen. Eine Diskussion darüber, ob es Gott überhaupt gibt, ist unerwünscht.“

Wie sein Vater ist auch Billy ein eigenbrötlerisches Genie und darüber hinaus ein Besserwisser. Seine Klassenkameraden mögen ihn nicht, die Lehrer fürchten ihn – er ist ein Wissenshungriger und nicht wie die andern am Abschlusszeugnis interessiert. Überall steht er im Mittelpunkt, nirgends gehört er dazu, auch mit seinen Mitstudenten in Harvard, wo er im Alter von elf Jahren als Special Student zugelassen wird, kommt er nicht zurecht. Er wehrt sich gegen seine ehrgeizigen Eltern, will nicht so werden, wie sie es für ihn vorgesehen haben, überwirft sich mit ihnen – und könnte ihnen in seinem ganzen Tun und Lassen ähnlicher kaum sein.

Er schliesst sich „den Roten“ an, kommt vor Gericht, wo er sich selber verteidigt und auf die Kraft der Logik zählt – so weist er etwa den Richter darauf hin, dass das Recht auf Privateigentum in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nicht garantiert sei, im Gegensatz zum Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück – und auf eine Realität stösst, die er weder versteht noch verstehen will.

Er findet eine anspruchslose Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft und fühlt sich frei, da er niemand Spezieller mehr sein muss. „Er hatte keinen Grund, sich zu schämen. Vorausgesetzt, er würde niemals versuchen, Karriere zu machen und sich hochzukämpfen Richtung Turmspitze. Solange er konsequent in den untersten Bereichen des Unternehmens blieb und der Versicherung nur seine Zeit zur Verfügung stellte, aber nicht sein Herzblut und erst recht nicht seine Intelligenz, so lange würde er noch er selbst sein.“

Doch man lässt ihn nicht in Ruhe. Als die Presse Wind vom Schicksal des einstigen Wunderkindes bekommt, flieht William zuerst nach San Francisco, der Liebe wegen, die jedoch unerwidert bleibt. An die Ostküste zurückgekehrt, beginnt er mit dem Schreiben von unverkäuflichen Büchern, als sich die Weltwirtschaftskrise ankündigt. Dieses Werk ist auch eine intelligente Geschichtslektion.

Nicht zuletzt ist „Das Genie“ ein Buch darüber, wie brutal und rücksichtslos die Mehrheit mit Andersdenkenden umgeht, denen oft gar nichts anderes bleibt, so sie sich denn nicht verleugnen wollen, als sich in Sturheit und Arroganz zu retten. Mit tragischen Konsequenzen, wie Klaus Cäsar Zehrer eindrücklich zeigt.

Glänzend geschrieben, wunderbar witzig und erhellend erzählt – selten ist über „unser“ westliches Wertesystem unterhaltsamer aufgeklärt worden. „Das Genie“ ist ein Meisterwerk!

Klaus Cäsar Zehrer
Das Genie
Diogenes, Zürich 2017

Pascal Garnier: Der Beifahrer

Fabien besucht seinen wortkargen Vater in der Normandie, der beiläufig erwähnt, dass Charlotte gestorben ist, seine Frau, von der er seit dreissig Jahren getrennt lebt, und von der er immer gehofft hatte, dass sie zurückkommen würde. Er hatte offenbar keine Ahnung, was in seiner Frau vorgegangen war. Genauso wenig wie Fabien von seiner Frau Sylvie, von der er nach seiner Rückkehr nach Paris erfährt, dass sie, zusammen mit ihrem Liebhaber, bei einem Autounfall bei Dijon zu Tode gekommen ist.

Fabien ist ähnlich wortfaul wie sein Vater. Und ebenfalls ein Eigenbrötler, was unter anderem mit sich bringt, dass er bezw. der Autor Pascal Garnier zum Teil eigenartige Vorstellungen entwickelt. Als der Schirokko über Paris hinwegfegt und alles in Dreck verwandelt, sinniert er: „Vermutlich lag das an den mangelhaften Träumen.“ Was immer das sein mag …

Von der Welt, die er via Fernsehen erlebt und nicht mehr versteht (ob die überhaupt jemand versteht?), hat er sich verabschiedet, jedoch nicht vom Fernseher, der für ihn „der beste Freund des Menschen war“. Deprimierender lässt sich Einsamkeit kaum schildern.

Die Schilderung dieses verschlossenen, miesepetrigen Fabien, der alles ziemlich beschissen findet, ist Pascal Garnier hervorragend gelungen. Gut drauf ist dieser Fabien so recht eigentlich nie, weder hat er Humor noch gute Momente. Absurder geht kaum – mich jedenfalls bringt dieser düstere Roman immer mal wieder zum Lachen.

Der Liebhaber von Sylvie war verheiratet gewesen. „Dieser Typ hat mir meine Frau ausgespannt, jetzt spanne ich ihm seine aus“, sagt sich der anscheinend keinem Beruf nachgehende Fabien. Von dem, was man sich einredet, lässt man sich bekanntlich leiten – und so macht er sich an die unscheinbare Martine Arnoult heran. Diese Verfolgung wird atmosphärisch stimmig und sehr überzeugend geschildert.

Dies alles wird ohne erkennbare Zwangsläufigkeit geschildert, ganz so als ob sich alles irgendwie zufällig und ohne besonderen Grund ergeben würde. Also genauso wie es auch im richtigen Leben ist, in dem wir im Nachhinein Gründe für unser Tun und Lassen finden, die uns plausibel scheinen.

Martine und ihre ältere Freundin Madeleine, eine No-Nonsense Frau, vor der Fabien Respekt hat, reisen nach Mallorca. Fabien folgt ihnen, mietet sich im selben Hotel ein. Als er ins Meer hinausschwimmt, bekommt er Krämpfe in den Waden und im Rücken. Und der Gedanke erfasst ihn, alles aufzugeben, auch sich selbst. „Schlicht und einfach zu ertrinken, die Rückkehr ins allumfassende Nichts, wo angeblich Friede herrschte. Aber sein Körper war offenbar noch nicht bereit für eine solche himmlische Ruhepause, seine Arme und Beine setzten sich wieder in Bewegung und trugen ihn bedächtig zurück zum Strand.“ Wunderbar!

Martine und Madeleine werden zu seinen Retterinnen. „Man musste das Leben einfach nur machen lassen, es sorgte letztlich für alles und erfüllte Wünsche, die jenseits aller Hoffnung lagen.“ Dieser Satz, der auch in einem Selbsthilfebuch stehen könnte, kriegt bei Pascal Garnier jedoch eine ganz andere Bedeutung, denn Der Beifahrer ist auch ein illusionsloser Roman. Und ein erheiternder. „Die Kapelle bestand aus einem kahlköpfigen Heimorgelspieler in einem abgewetzten Smoking, einer platinblonden Sängerin in einem hautengen Lamékleid, das eher an eine Rettungsdecke erinnerte als an ein Kleidungsstück, und einem trägen Bassisten, der mit Tönen geizte.“

Zurück aus Mallorca, nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung, und dann noch eine, und noch eine; es wird sehr spannend, beklemmend und philosophisch … mehr soll nicht verraten werden.

Fazit: Ein griesgrämiger Mann, der lustlos vor sich hin lebt, wird vom Lebenswillen wachgeschüttelt – und gerät an eine griesgrämige Frau, eine unberechenbare und gefährliche. Eine clever aufgebaute, lakonisch erzählte Geschichte – komplex, packend und voller Ironie.

Pascal Garnier
Der Beifahrer
Septime Verlag, Wien 2023

Michael Haller / Hans-Peter Waldrich: Schuld, Verantwortung und Solidarität

Die Meinungen sind gemacht: Man ist entweder dafür oder dagegen. Jeder wähnt sich im Recht. Fakten sind egal. Ob bei Corona, der Ukraine oder der Hamas. Der Mensch ist ein irrationales Wesen. Der Verstand bzw. das Bewusstsein ist ihm hauptsächlich ein Rechtfertigungs- und Erklärungsinstrument.

Das sehen die Autoren Michael Haller und Hans-Peter Waldrich anders. Sie vertreten die Mehrheit, die zu glauben scheint, Erklärungen seien hilfreich und nötig, um die komplexe Wirklichkeit zu verstehen. Dieser Band ist eine differenzierte und informationsreiche Auseinandersetzung, die nicht unwesentlich dazu beiträgt, die Dinge noch komplexer zu machen als sie eh schon sind. Ist das nötig? Es ist eben das, was Akademiker so tun. Im vorliegenden Falle schreiben sie sich gegenseitig Briefe, nehmen sich also die nötige Zeit, um wirken zu lassen, was der andere äussert. Um dann zur Entgegnung anzusetzen, denn einig sind sich die beiden nicht.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Wer trägt die Verantwortung? Wo sind die Pazifisten geblieben? Droht uns in Europa der Atomkrieg? Medien im Krieg – wie informieren wir uns? Inwiefern die vorgelegten Antworten auf diese Fragen hilfreich sein könnten, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich mir von Einsichten wenig erhoffe. Im besten Falle eine gewisse Beruhigung der Seele.

In der Einleitung zur Kontroverse über Russland, Deutschland und die Nato im Ukrainekrieg halten die Autoren fest: „Können wir denn nicht über die Frage der Verantwortung auf beiden Seiten, über das Für und das Wider der Waffenhilfe miteinander nachdenken und die Argumente gemeinsam abwägen? Doch, genau dies wollten wir.“ Ich sehe das entschieden anders, halte die Vorstellung von „Man müsse immer auch die andere Seite sehen“ für einen Denkfehler, dem wir schon viel zu lange huldigen, denn Psychopathen an der Spitze von Regierungen und Unternehmen werden sich nun mal verhalten wie das Psychopathen eben tun. Sie brauchen dafür keinen Grund. Dass sie oft von der Mehrheit (seien es Wähler oder Aktionäre) ein Mandat erhalten, spricht nicht für die Mehrheit, die sich zumeist wenig Illusionen über den Charakter der Gewählten macht, jedoch die Wahnvorstellungen über den eigenen Charakter nicht zu sehen imstande ist.

Warum also lese ich dieses Buch? Weil ich, so vermute ich (ich weiss es nicht wirklich; mein Bewusstsein – das ich auf allerhöchstens 10 Prozent veranschlage – hat gegen mein Unbewusstes – die restlichen 90 Prozent – keine Chance), nicht genug kriegen kann vom ausgeprägtesten (und wohl nötigsten) menschlichen Talent – dem Selbstbetrug, denn der Mensch weiss eindeutig nicht, warum er dies und nicht das glaubt bzw. tut. Er kann nur rätseln. Wie man das intelligent und unterhaltsam, aber so recht eigentlich folgenlos macht, führen die beiden Autoren in diesem Buch gekonnt und routiniert vor.

„Nahezu alle Kriege können ursächlich auf bereits lange bestehende Streitigkeiten reduziert werden. Krieg ist gewissermassen die Verlegenheitslösung dieser Streitigkeiten, wenn der vorherige Interessensausgleich nicht stattfand bzw. versäumt wurde“, schreibt Hans-Peter Waldrich. Und liefert damit gleichzeitig eine Illustration des weithin gängigen Weltbildes: Es gibt für alles eine Ursache und am besten kommen wir miteinander aus, wenn wir den Interessensausgleich suchen. Also miteinander reden, Brücken bauen, einander gegenseitig respektieren etc. Doch ist das so? Kann/soll man mit Psychopathen und mit denen, die ihnen folgen, reden?

Jedenfalls: Die beiden Autoren tauschen sich aus, argumentieren und führen vor, was Demokratien von Diktaturen unterscheidet: Die freie Meinungsbildung. Und diese kann, wie der für „Frieden statt Waffen“ sich einsetzende Hans-Peter Waldrich schreibt, zu einer unerwarteten Erkenntnis führen: „Leider und wirklich leider muss dieses Engagement zurzeit kriegerisch sein. Denn ähnlich wie zur Zeit der Bedrohung durch Hitler gibt es einfach keine andere Wahl, als der Gewalt entschlossen mit Gegengewalt einen Riegel vorzuschieben.“ Und der sich für Waffenlieferungen an die Ukraine engagierende Michael Haller meint: „Im Rückblick auf die vergangenen 18 Monate erkenne ich mich als einen von der Realpolitik der westlichen Machthaber mehr und mehr enttäuschten … Idealisten.“

***

In weiten Teilen handelt dieses Buch von den Themen, mit denen sich die Autoren ihr Leben lang intensiv beschäftigt haben. Den Medien (Michael Haller) und den Sozialwissenschaften (Hans-Peter Waldrich). Das liest sich wie eine Geschichtsstunde, die, das liegt in der Natur der Sache, auch ausgesprochen spekulativ unterwegs ist. „Ist es völlig abwegig zu behaupten, Putin tue hier etwas, das ein amerikanischer Präsident mutatis mutandis ebenfalls getan hätte?“ (Hans-Peter Waldrich). Und gelegentlich lebensfremd: „Du hast Recht, wir sollten viel gründlicher über den Hang deutscher Medien zum prowestlichen Meinungs- und Belehrungsjournalismus sprechen.“ (Michael Haller). Nein, sollten wir nicht. Dass westliche Medien eine prowestliche Sicht vertreten ist nicht nur das Normalste von der Welt, es ist auch das, was der westliche Leser zu Recht von ihnen erwartet.

Was dieses Buch lesenswert macht, ist das differenzierte Sich-Bemühen, Grundsätzliches herauszuschälen. „Wenn mich eines im Lauf meiner jahrzehntelangen Bemühungen um sozialwissenschaftliches Begreifen immer wieder beunruhigt hat, dann ist es die Einsicht, wie wenig wir wissen können. Schauen wir umher und bleiben wir wirklich ehrlich, dann sehen wir uns umgeben von undurchsichtigen Wäldern. Und gleichwohl müssen wir eine Richtung wählen“, beschreibt Hans-Peter Waldrich unser aller Dilemma. Nur notiert er anlässlich der Corona-Massnahmen eben auch: „Plötzlich stritt ich mich mit Freunden, mit denen ich bislang weitgehend einer Meinung war. Aus meiner Sicht hatten sich diese Freunde und Bekannten in der Krisensituation ängstlich kritiklos den interpretativen Vorgaben der Regierung angeschlossen, wahrend ich dabei blieb, ›denen da oben‹ zu misstrauen.“ Das erinnert an George W. Bush: Ob sich die Umstände änderten oder nicht, er blieb bei seiner Meinung.

Michael Haller findet dabei „den Vorschlag des Soziologen Andreas Reckwitz hilfreich, anstelle der klassischen linearen Denkmodelle neue »Theorien der Nichtlinearität« zu entwickeln.“ Neue Theorien? Für Soziologen vielleicht, mir selber genügt, mir Zeit für das genaue Hinschauen zu nehmen, die Anschauung. Zudem: Die zahlreichen historischen Ausführungen und Herleitungen, so aufschlussreich sie in einem traditionellen Sinne auch sein mögen, scheinen mir ein Indiz dafür, dass die Zeit für eine andere Art zu denken noch nicht gekommen ist. Obwohl: „Doch in Kriegszeiten – ich bleibe dabei – wird das Politische binär und die politische Lage bipolar. Und in dieser Situation verlieren die Manifestanten ≫für Frieden≪ den Kontakt zur Realität.“ Ein nüchterner Blick auf die gegenwärtige Realität sollte in der Tat die herkömmlichen Denkmodelle ersetzen.

Fazit: Michael Haller und Hans-Peter Waldrich machen mit Schuld, Verantwortung und Solidarität eine Zeitreise durch ihr reflektiertes Erwachsenenleben und die Geschichte der Bundesrepublik sowie Ausflügen in die Weltpolitik in den letzten 50 Jahren. Eine Zeit, die einem heutzutage eigenartig unwirklich vorkommt. Selten ist mir deutlicher geworden, dass unsere gewohnten Denkstrategien nicht mehr helfen.

Michael Haller / Hans-Peter Waldrich
Schuld, Verantwortung und Solidarität
Eine Kontroverse über Russland, Deutschland und die Nato im Ukrainekrieg
Herbert von Halem Verlag, Köln 2023

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