Eigenartigerweise halten wir Menschen uns für zivilisiert, obwohl wir ohne jede Rücksichtnahme auf der Erde herumtrampeln, ganz so, als seien wir die einzigen Bewohner dieses Planeten. Die Plünderung der Natur, so Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität an der Universität Hamburg, habe vor allem in Asien, wo die Weltbevölkerung geradezu explodiert ist, „ein Ausmass ohnegleichen erreicht.“ Und jeder, der schon einmal vor Ort gewesen ist, weiss, dass das stimmt.
Die Globalisierung trägt dazu bei, dass „heute die nächste Seuche gleichsam immer schon um die Ecke wartet.“ Für mich ist das ein neuer Gedanke, was natürlich vor allem meine Ignoranz zeigt. Und noch vieles andere mehr in diesem sehr verständlich geschriebenen Buch bringt mir zu Bewusstsein, in was für einem Tunnel wir unser Leben verbringen. Nicht alle, denn die Virenökologen hat Corona nicht überrascht. Und Wissenschaftsautoren wie David Quammen und Mark Honigsbaum genauso wenig. Matthias Glaubrecht erwähnt übrigens auch den Thriller-Autor Richard Preston, der über ein entsprechendes Sensorium zu verfügen scheint; auch Deon Meyer und sein Roman „Fever“ gehört meines Erachtens zu denen, die ein Gespür für potentiell Kommendes haben.
„Warum werden die einst für göttliche Strafe gehandelten Plagen in der aufgeklärten Moderne gemeinsam mit anderen Krisen zu Naturkatastrophen befördert? Weil damit gleichsam die Macht naturalisiert wird – und der Mensch sich selbst gegenüber abermals die wahren Zusammenhänge verschleiert. Erst waren die Götter schuld, jetzt ist es die Natur – aber in jedem Fall ist der Mensch einmal mehr die Verantwortung los.“ Die Dinge zu sehen, wie sie sind, scheint uns fast nicht möglich; der Selbstbetrug ist unser ausgeprägtestes Talent.
Die Wahrheit ist: „Indem der Mensch immer mehr Natur zu seinem Nutzen umwandelt, erntet er unabsichtlich auch immer mehr der gefährlichen Infektionskrankheiten.“ Zudem: „Viren mutieren ziellos, so wie sich sämtliche Organismen auf genetischer Ebene primär ungerichtet verändern.“ Die Variationen, die das Virus ansteckender machen, überleben. Das entspricht auch der Theorie der natürlichen Selektion, die auf Charles Darwin und Alfred Russel Wallace zurückgeht.
Mit den meisten Viren, ja mit den meisten Mikroorganismen leben wir in friedlicher Koexistenz. Mehr noch: Viele Viren sind uns nicht nur von Nutzen, wir brauchen sie. So halten einige von ihnen diverse Bakterien in Schach. Vor allem verdienstvoll ist, dass und wie Autor Glaubrecht die Komplexität von Sars-CoV-2 aufzeigt, das „mit knapp 30 000 Nukleotiden, also den genetischen Bausteinen der Erbsubstanz, das grösste aller humanpathogenen RNA-Viren“ ist. Zum Vergleich: Influenza-Viren kommen auf 13 500 und die Rhinoviren einer gewöhnlichen Erkältung auf 8000 Nukleotiden. Und in mir denkt es wieder einmal: Je weniger man weiss, desto leichter ist es, ein Corona-Skeptiker zu sein.
„Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt.“ Dieser Paul Valéry zugeschriebene Satz taucht ständig in meinem Kopf auf, als ich Matthias Glaubrechts Ausführungen zum Schwarzen Schwan und dem Friedhof der stummen Zeugen lese. Dabei zeigt er auf, wie uns unsere Denkgewohnheiten in die Irre führen können, nicht zuletzt, weil wir naturgemäss denkfaul sind. Bekanntlich wusste bereits Kant, dass Faulheit und Feigheit der Aufklärung im Wege stehen. 1784 war das, besonders weit sind wir diesbezüglich nicht gekommen.
Dazu kommt, dass wir im Zuschreibungsmodus gefangen sind, der dazu führt, dass wir jedes Geschehen auf einen Akteur zurückführen wollen. Mit anderen Worten: Unsere Art zu denken – Es muss doch jemand Schuld sein !– schliesst die Möglichkeit des Zufalls aus. Möglich ist er trotzdem. Denn: Was wir über die Welt denken, ist der Welt egal.
Die Rache des Pangolin blickt auch in die Vergangenheit und fragt, was wir über frühere Seuchen wissen. Auch wenn das über begründete Mutmassungen kaum hinausgehen kann, ist es nichtsdestotrotz aufschlussreich, davon Kenntnis zu nehmen, wie Viren und Bakterien Geschichte gemacht haben, und es paradoxerweise jeweils hoch entwickelte Zivilisationen sind, „die erst neue Erreger entstehen und sich ausbreiten lassen, die ihrerseits dann den Untergang befördern.“
Dieses Buch liefert eine Art Gesamtschau des Menschen auf dem Planeten Erde. Dabei wird deutlich, dass seuchenartige Infektionskrankheiten das Leben weit mehr beeinflusst haben, als wohl den meisten bewusst ist. Seit jeher waren diejenigen, die in den Städten dicht nebeneinander lebten, viel krankheitsanfälliger als die verstreut lebenden Landbewohner. „Religion und Moral im modernen Sinn entstanden, so die These einiger Historiker, als ein kulturelles Schutzsystem und als eine Art Katastrophenschutz gegen Krankheiten.“ Eine einleuchtende These – und deswegen vermutlich falsch.
Natürlich haben die Menschen schon immer nach Erklärungen für die Seuchen gesucht. Und sind auch mannigfaltig fündig geworden. So liest man etwa im Gilgamesch-Epos aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend, „die Pest sei von den Göttern als Mittel gegen die Überbevölkerung auf die Erde geschickt worden.“ Der göttliche Zorn wurde auch in Mesopotamien als Erklärung bemüht, und Homer machte in der Illias den Gott Apollon für die tödliche Krankheit verantwortlich, die über das Heerlager der Griechen vor Troja kam. „So wie es in der Antike für alles Mögliche zuständige Götter gab, war für Seuchen Apollon zuständig, der zugleich der Gott der Heilkunst war.“ Es sind nicht zuletzt solche (für mich auch immer mal wieder sehr lustige) Informationen, die ein höchst instruktives Bild vermitteln, wie der Mensch mit letztlich Unerklärlichem umgeht.
Die Rache des Pangolin liest sich streckenweise wie ein Krimi, allerdings ohne Auflösung, denn nach wie vor ist nicht wirklich gesichert, wie genau die Corona-Pandemie ausgelöst worden ist. Andererseits hat man mittlerweile derart viel herausgefunden, dass man heutzutage weiss, was zu tun wäre, um künftige Pandemien zu vermeiden: Wir müssen einen anderem Umgang mit der Natur finden, was zu begreifen voraussetzt, dass wir ein Teil von ihr sind und uns nicht nach Belieben auf dem Planeten Erde breitmachen können.
Viele Wissenschaftler äussern sich hoffnungsfroh und trauen dem Menschen Lernprozesse zu, die, angesichts der Veränderungsunwilligkeit des Gewohnheitstiers Mensch, mir nicht besonders wahrscheinlich scheinen. Plausibler scheint mir, dass es mit einer solchen potentiellen Verhaltensänderung ähnlich sein könnte wie mit der Sucht – man ändert sich (fast) nur dann, wenn man muss.
Fazit: Überaus lehrreich und wunderbar unterhaltsam. Ein grosser Wurf!
Matthias Glaubrecht
Die Rache des Pangolin
Wild gewordene Pandemien und der Schutz der Artenvielfalt
Ullstein, Berlin 2022




