Matthias Glaubrecht: Die Rache des Pangolin

Eigenartigerweise halten wir Menschen uns für zivilisiert, obwohl wir ohne jede Rücksichtnahme auf der Erde herumtrampeln, ganz so, als seien wir die einzigen Bewohner dieses Planeten. Die Plünderung der Natur, so Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität an der Universität Hamburg, habe vor allem in Asien, wo die Weltbevölkerung geradezu explodiert ist, „ein Ausmass ohnegleichen erreicht.“ Und jeder, der schon einmal vor Ort gewesen ist, weiss, dass das stimmt.

Die Globalisierung trägt dazu bei, dass „heute die nächste Seuche gleichsam immer schon um die Ecke wartet.“ Für mich ist das ein neuer Gedanke, was natürlich vor allem meine Ignoranz zeigt. Und noch vieles andere mehr in diesem sehr verständlich geschriebenen Buch bringt mir zu Bewusstsein, in was für einem Tunnel wir unser Leben verbringen. Nicht alle, denn die Virenökologen hat Corona nicht überrascht. Und Wissenschaftsautoren wie David Quammen und Mark Honigsbaum genauso wenig. Matthias Glaubrecht erwähnt übrigens auch den Thriller-Autor Richard Preston, der über ein entsprechendes Sensorium zu verfügen scheint; auch Deon Meyer und sein Roman „Fever“ gehört meines Erachtens zu denen, die ein Gespür für potentiell Kommendes haben.

„Warum werden die einst für göttliche Strafe gehandelten Plagen in der aufgeklärten Moderne gemeinsam mit anderen Krisen zu Naturkatastrophen befördert? Weil damit gleichsam die Macht naturalisiert wird – und der Mensch sich selbst gegenüber abermals die wahren Zusammenhänge verschleiert. Erst waren die Götter schuld, jetzt ist es die Natur – aber in jedem Fall ist der Mensch einmal mehr die Verantwortung los.“ Die Dinge zu sehen, wie sie sind, scheint uns fast nicht möglich; der Selbstbetrug ist unser ausgeprägtestes Talent.

Die Wahrheit ist: „Indem der Mensch immer mehr Natur zu seinem Nutzen umwandelt, erntet er unabsichtlich auch immer mehr der gefährlichen Infektionskrankheiten.“ Zudem: „Viren mutieren ziellos, so wie sich sämtliche Organismen auf genetischer Ebene primär ungerichtet verändern.“ Die Variationen, die das Virus ansteckender machen, überleben. Das entspricht auch der Theorie der natürlichen Selektion, die auf Charles Darwin und Alfred Russel Wallace zurückgeht.

Mit den meisten Viren, ja mit den meisten Mikroorganismen leben wir in friedlicher Koexistenz. Mehr noch: Viele Viren sind uns nicht nur von Nutzen, wir brauchen sie. So halten einige von ihnen diverse Bakterien in Schach. Vor allem verdienstvoll ist, dass und wie Autor Glaubrecht die Komplexität von Sars-CoV-2 aufzeigt, das „mit knapp 30 000 Nukleotiden, also den genetischen Bausteinen der Erbsubstanz, das grösste aller humanpathogenen RNA-Viren“ ist. Zum Vergleich: Influenza-Viren kommen auf 13 500 und die Rhinoviren einer gewöhnlichen Erkältung auf 8000 Nukleotiden. Und in mir denkt es wieder einmal: Je weniger man weiss, desto leichter ist es, ein Corona-Skeptiker zu sein.

„Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt.“ Dieser Paul Valéry zugeschriebene Satz taucht ständig in meinem Kopf auf, als ich Matthias Glaubrechts Ausführungen zum Schwarzen Schwan und dem Friedhof der stummen Zeugen lese. Dabei zeigt er auf, wie uns unsere Denkgewohnheiten in die Irre führen können, nicht zuletzt, weil wir naturgemäss denkfaul sind. Bekanntlich wusste bereits Kant, dass Faulheit und Feigheit der Aufklärung im Wege stehen. 1784 war das, besonders weit sind wir diesbezüglich nicht gekommen.

Dazu kommt, dass wir im Zuschreibungsmodus gefangen sind, der dazu führt, dass wir jedes Geschehen auf einen Akteur zurückführen wollen. Mit anderen Worten: Unsere Art zu denken – Es muss doch jemand Schuld sein !– schliesst die Möglichkeit des Zufalls aus. Möglich ist er trotzdem. Denn: Was wir über die Welt denken, ist der Welt egal.

Die Rache des Pangolin blickt auch in die Vergangenheit und fragt, was wir über frühere Seuchen wissen. Auch wenn das über begründete Mutmassungen kaum hinausgehen kann, ist es nichtsdestotrotz aufschlussreich, davon Kenntnis zu nehmen, wie Viren und Bakterien Geschichte gemacht haben, und es paradoxerweise jeweils hoch entwickelte Zivilisationen sind, „die erst neue Erreger entstehen und sich ausbreiten lassen, die ihrerseits dann den Untergang befördern.“

Dieses Buch liefert eine Art Gesamtschau des Menschen auf dem Planeten Erde. Dabei wird deutlich, dass seuchenartige Infektionskrankheiten das Leben weit mehr beeinflusst haben, als wohl den meisten bewusst ist. Seit jeher waren diejenigen, die in den Städten dicht nebeneinander lebten, viel krankheitsanfälliger als die verstreut lebenden Landbewohner. „Religion und Moral im modernen Sinn entstanden, so die These einiger Historiker, als ein kulturelles Schutzsystem und als eine Art Katastrophenschutz gegen Krankheiten.“ Eine einleuchtende These – und deswegen vermutlich falsch.

Natürlich haben die Menschen schon immer nach Erklärungen für die Seuchen gesucht. Und sind auch mannigfaltig fündig geworden. So liest man etwa im Gilgamesch-Epos aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend, „die Pest sei von den Göttern als Mittel gegen die Überbevölkerung auf die Erde geschickt worden.“ Der göttliche Zorn wurde auch in Mesopotamien als Erklärung bemüht, und Homer machte in der Illias den Gott Apollon für die tödliche Krankheit verantwortlich, die über das Heerlager der Griechen vor Troja kam. „So wie es in der Antike für alles Mögliche zuständige Götter gab, war für Seuchen Apollon zuständig, der zugleich der Gott der Heilkunst war.“ Es sind nicht zuletzt solche (für mich auch immer mal wieder sehr lustige) Informationen, die ein höchst instruktives Bild vermitteln, wie der Mensch mit letztlich Unerklärlichem umgeht.

Die Rache des Pangolin liest sich streckenweise wie ein Krimi, allerdings ohne Auflösung, denn nach wie vor ist nicht wirklich gesichert, wie genau die Corona-Pandemie ausgelöst worden ist. Andererseits hat man mittlerweile derart viel herausgefunden, dass man heutzutage weiss, was zu tun wäre, um künftige Pandemien zu vermeiden: Wir müssen einen anderem Umgang mit der Natur finden, was zu begreifen voraussetzt, dass wir ein Teil von ihr sind und uns nicht nach Belieben auf dem Planeten Erde breitmachen können.

Viele Wissenschaftler äussern sich hoffnungsfroh und trauen dem Menschen Lernprozesse zu, die, angesichts der Veränderungsunwilligkeit des Gewohnheitstiers Mensch, mir nicht besonders wahrscheinlich scheinen. Plausibler scheint mir, dass es mit einer solchen potentiellen Verhaltensänderung ähnlich sein könnte wie mit der Sucht – man ändert sich (fast) nur dann, wenn man muss.

Fazit: Überaus lehrreich und wunderbar unterhaltsam. Ein grosser Wurf!

Matthias Glaubrecht
Die Rache des Pangolin
Wild gewordene Pandemien und der Schutz der Artenvielfalt
Ullstein, Berlin 2022

Karin Smirnoff: Verderben

Zuerst war da die Stieg Larsson Trilogie, dann folgte die Fortsetzung von David Lagercrantz und jetzt also die von Karin Smirnoff. Als Larsson-Fan – für mich die besten drei Thriller, die je geschrieben wurden, wenn man das (fast) atemlose Verschlingen zum Massstab nimmt; dazu kommt, dass mir nie eine Rächerin sympathischer war als Lisbeth Salander – , der ich auch die Folgebände von Lagercrantz ungemein schätze, bin ich natürlich mehr als nur gespannt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Verderben ist packend, brutal und zeigt unter anderem, dass Rache gut tun kann.

Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander verschlägt es in Schwedens Norden, in die kleine Stadt Gasskas, die unbegrenzten Zugang zur Stromversorgung hat und wo sich ein moderner Goldrausch ankündigt, weswegen nicht nur internationale Konzerne, sondern auch das organisierte Verbrechen sich breit machen. Wobei: Worin unterscheiden sich die beiden eigentlich? Etwas legal zu erklären ist schliesslich weniger der Idee von Gerechtigkeit, als der Durchsetzung von Partikularinteressen geschuldet.

Mikael Blomkvist, der gefeierte Reporter muss sich neu orientieren, denn Millenium gibt es nicht mehr bzw. nur noch als Podcast – und das ist etwas ganz Anderes. Dazu kommt, dass er mit den Themen, die derzeit gängig sind, nicht wirklich vertraut ist. „Die ganze Klimabewegung ist unsexy: neunmalklug, überheblich, von Lobbyisten durchsetzt.“

Henry Salo, Lokalpolitiker und Verwaltungsleiter von Gasskas, wird erpresst. Überdies ist er der zukünftige Schwiegersohn von Mikael Blomkvist und mit Märta, der Mutter der dreizehnjährigen Svala, verbandelt. Und um Svala soll sich Lisbeth Salander kümmern …. doch ich will hier nicht die für meinen Begriff etwas arg konstruierte Geschichte nacherzählen, sondern davon berichten, was mich an diesem Roman, der ein eigentlicher Thriller ist, fasziniert.

Die Charakterisierung von Lisbeth, zum Beispiel, die sehr eigenwillig und nicht besonders menschenfreundlich ist. Wobei: Mit einigen Menschen kann sie schon, nur mit dem Standardtyp hat sie es nicht so. „Horden fremder Leute, die darauf bestehen, Guten Morgen zu sagen, schieben sich an den Aufschnittplatten vorbei (…) Es gibt noch anderes im Leben als Menschen, Primzahlen beispielsweise.“ Seit Kurzem ist sie Teilhaberin von Milton Security, ihr Chef schätzt sie sehr. „In den Augen der anderen ist Lisbeth ein komischer Vogel, in seinen eins der wenigen Exemplare einer seltenen Spezies.“

Lisbeth ist allergisch gegen Unrecht, kann (wie wir alle) ihrer Vergangenheit nicht entkommen und ist wesentlich von Wut motiviert – eine Kombination, die einen für den Mainstream definitiv disqualifiziert. Auch verfügt sie über ein Wertesystem, zu dem auch gehört, dass es üble Figuren von der Art gibt, die keine zweite Chance verdient. Keine Auffassung, die in der medialen Korrektheit von heute eine Mehrheit finden könnte.

Svala und Lisbeth haben viel gemein; beide sind hochbegabt, scharfsinnig und höchst aufmerksam – ihnen entgeht nichts. Schön auch, dass Karin Smirnoff der Dreizehnjährigen Worte in den Mund legt, die man sonst eher älteren Menschen zuordnet. „Den Weg des Schicksals kann man nicht ändern, aber man kann sich entscheiden, auf welcher Strassenseite man geht“, sagt Svala. Schliesslich ist alles Wesentliche bereits früh in uns angelegt.

Verderben ist gut geschrieben, heftig und sehr witzig. Zu meinen Lieblingsszenen gehört das Kennenlernen von Birna und Mikael anlässlich der Hochzeit von Pernilla und Henry Salo. „Clever“, sagt Mikael (als Birna auf den Fingern nach dem Barkeeper pfeift). „Frau zu sein hat Vorteile.“ „Und seine Nachteile. Ich nehme an, Sie haben nicht ständig eine unbekannte Hand an der Taille und eine andere auf dem Hintern.“ „Stimmt. Leider.“ Zudem erfreut der no-nonsense Witz von Lisbeth mein Herz. Als sie Mikael im Krankenhaus besucht und dieser ihr die Lage erklärt: „Per-Henrik hat sich in den Bauch geschossen, und mich haben sie an der Schulter erwischt.“, kommentiert sie dies mit: „Die Bekloppten also.“

Immer mal wieder stosse ich auf Sätze, die mich innehalten lassen, und derentwegen ich hauptsächlich Bücher lese. „Das Leben besteht aus jeder Menge Paradoxen. Dass er zum Beispiel im einen Moment sterben und im nächsten leben will.“ Am allerbesten gefällt mir, wenn mich solche Sätze auch noch schmunzeln machen. „Okay, er ist eifersüchtig – aber lebensmüde?“ „Lebensmüde ist jeder mal“, entgegnet Lisbeth. „Und manchmal kriegt man dabei sogar Hilfe.“ „Er ist in Sunderbyn und nicht in der Schweiz.“

Karin Smirnoff
Verderben
Heyne, München 2023

Edward S. Herman / Noam Chomsky: Die Konsensfabrik

Mir ist dieses Buch aus der Zeit meines Master-Studiums an der School of Journalism, Media, and Cultural Studies an der Universität Cardiff, 1999 war das, bekannt, doch was erinnere ich eigentlich? Grob gesagt: Dass zur Aufgabe der Massenmedien zentral gehört, die herrschenden Verhältnisse zu stabilisieren. Und das ist, wenn man es recht bedenkt, auch ganz logisch, denn worum es dem Menschen primär zu tun ist, ist Stabilität.

Dieses Master-Studium richtete sich übrigens an mid-career journalists und andere in den Medien Tätige, die lernen wollten, wie die Medien funktionierten. Der Blick von aussen war also gefragt und dieser fehlt denen, welche die Medien bedienen, zumeist. Dasselbe gilt übrigens für Lehrer, die meist ganz andere Ziele haben als die Schule als Institution, deren wichtigste Aufgabe es ist, die jungen Menschen mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Das ist meines Erachtens, entgegen den idealistischen Vorstellungen von Vierter Gewalt etc., auch die zentrale Aufgabe der Medien.

Die Konsensfabrik ist ein Klassiker und wird von drei Herausgebern verantwortet, die eine hilfreiche Einführung beigesteuert haben, die natürlich – was wären Akademiker ohne Begriffsbestimmungen! – auch eine Begriffserklärung für Propaganda liefert (was Herman und Chomsky unterlassen haben), gemäss welcher Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit oder Strategische Kommunikation nichts anderes als Propaganda seien. Natürlich sagen sie es komplizierter, doch darauf läuft es in etwa heraus, schliesslich bedeutet propagare nichts anderes als verbreiten.

Wer sich einmal die Leute genauer ansieht, die bei den Medien Karriere machen, und sich dabei vor Augen hält, dass diese ihren Job vor allem der Eigenschaft verdanken, dass sie so denken und handeln wie alle anderen auch (und damit keine Gefahr für die herrschende Ordnung darstellen), der weiss, dass diese Leute das System verinnerlicht haben. Treffend halten die Herausgeber fest: „Die Autoren postulieren als nicht ein intentional propagandistisches Verhalten von Journalisten, sondern zeigen bestimmte Logiken und Zwänge auf, die für journalistisches Schaffen den Rahmen setzen und handlungsleitend sind.“ Das gilt nicht nur für Journalisten, das gilt für alle in einem (irgendeinem) System Tätigen.

Die Einführung weist übrigens auch darauf hin, dass vor allem wirtschaftliche Ungleichheiten sowie neoliberale Fantasien „politische Ohnmachts- und Entfremdungsgefühle erzeugen“, was natürlich von den Massenmedien tunlichst nicht thematisiert wird, da sie die gesellschaftliche Stabilität gefährden könnten. Chomsky und Waterstone haben in Konsequenzen des Kapitalismus ausgeführt, dass diese Stabilität immer vor allem denen dient, die am meisten davon profitieren.

„Die Massenmedien fungieren als ein System zur Kommunikation von Botschaften und Symbolen an die Bevölkerung als Ganzes. Sie sollen belustigen, unterhalten und informieren sowie den Einzelnen die Werte, Meinungen und Verhaltensweisen vermitteln, die sie in die institutionellen Strukturen der Gesamtgesellschaft integrieren. In einer Welt, in der der Reichtum bei Wenigen konzentriert ist und in der gravierende Interessenskonflikte zwischen den Klassen bestehen, können sie diese Rolle nur durch systematische Propaganda ausfüllen.“

Womit, jedenfalls für mich, so recht eigentlich alles gesagt wäre. Herman und Chomsky sehen das anders und bemühen 700 Seiten, um diesen Grundgedanken anhand konkreter Beispiele auszuführen. Von „den Wahlen“ in El Salvador, Guatemala und Nicaragua in den 1980ern sowie der Rolle, die die Medien dabei spielten, lesen wir, und ich wundere mich, wie man glauben kann, man könne Wahlen in fremden Ländern beurteilen. Ich war selber bei den ersten gemischtrassigen Wahlen in Südafrika vor Ort und hatte den Eindruck, dass die Berichterstattung und meine eigene Erfahrung nicht einmal ansatzweise etwas miteinander zu tun hatten. Womit ich keineswegs sagen will, meine Version sei die richtige, sondern dass die Medien nur am Rande die Aufgabe haben, zu informieren. Mundus vult decipi, die Welt will betrogen sein, wussten schon die alten Römer.

Die Konsensfabrik ist weit entfernt davon eine Verschwörungstheorie zu sein, denn es sind die systeminhärenten Zwänge, die den Konsens garantieren, schliesslich weiss jeder Journalist, dass es eine bestimmte Art und Weise gibt, eine Geschichte zu erzählen, und er weiss auch, dass er mit gewissen Geschichten gar nicht erst aufzukreuzen braucht. Die Selbstzensur übertrifft jede andere Zensur. Dazu kommt – auch das ist ein allgemein menschliches Phänomen – , dass den meisten Journalisten gar nicht klar ist, dass sie die herrschende Ideologie verinnerlicht haben (sonst hätten sie ihren Job gar nicht bekommen) und die Welt aufgrund ihrer Konditionierungen beurteilen. Eindrücklich zeigen die Autoren dies etwa an der Berichterstattung über Laos und Kambodscha.

Journalismus, so eine seiner Definitionen, sei nichts anderes als die lautstarke Begleitung von Ereignissen, die auch ohne diese stattfinden würden. Daran haben mich die Schilderungen in Die Konsensfabrik immer wieder erinnert, denn weit davon entfernt (obwohl es gelegentlich vorkommt) eine korrigierende Macht zu sein, dienen die Medien (wie alle anderen Institutionen auch) den monetären Interessen, die alle anderen dominieren. Propagiert wird, sei es von den Schulen, den Supermärkten oder den Medien, was der herrschenden Ordnung (und damit den Geld-Interessen) dient.

Man kann sich natürlich fragen, welche Relevanz dieses Werk in Zeiten einer gänzlich veränderten Medienlandschaft noch haben kann. Nun ja, an den Machtstrukturen hat sich nichts geändert, die von Eigeninteressen geleitete Politik ist uns nach wie vor selbstverständlich, die Selbstzensur wird immer noch als Verhaltensideal gelehrt, und die Medien lenken in der Hauptsache unverändert davon ab, womit wir uns wirklich beschäftigen sollten. Nicht mit dem Mafioso aus Queens, sondern mit dem Klimawandel, wie besonders Chomsky nicht müde wird zu betonen.

Fazit: Grundsätzlich und wesentlich.

Edward S. Herman / Noam Chomsky
Die Konsensfabrik
Die politische Ökonomie der Massenmedien
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023

Julie Burchill: Willkommen bei den Woke-Tribunalen

„Es ging alles so gut: Frauen, Homosexuelle und ethnische Minderheiten schienen sich – im Westen – unaufhaltsam den Menschen gleichzustellen, die es schon immer besser zu wissen glaubten. Was im letzten Jahrhundert begonnen hatte, setzte sich im jetzigen nahtlos fort.“ Genauso sah ich das auch – und wurde dann, wie Julie Burchill, von Kräften überrumpelt, von denen ich mir nicht einmal vorstellen konnte, dass es sie geben könnte. Zugegeben: Menschen, die sich in Sachen menschliche Natur und Geschichte besser auskennen, wurden definitiv weit weniger überrascht.

Julie Burchill ist mit einer rebellischen Ader, sehr viel englischem Witz und einer Haltung gesegnet, die es ihr nicht erlaubt, mit Trotteln und Dummköpfen (männlich, weiblich oder sächlich) Nachsicht zu haben. Dass sie dabei gelegentlich übers Ziel hinausschiesst und völligen Schwachsinn behauptet (etwa, dass im Kapitalismus ein gesunder Wettbewerb herrsche), gehört offenbar genauso zu ihr wie der britische Nationalismus, der sie den Brexit als Sieg feiern liess.

Auch wenn ich Burchills Abscheu vor den Woken teile – und angesichts der Beispiele, die sie aufführt, ist mir schleierhaft, wie jemand den nicht teilen kann – , Willkommen bei den Woke-Tribunalen ist weniger ein Buch über Identität und fortschrittliche Politik, als darüber, was der Autorin passt (lebhafte Debatten, bei denen es fetzt) und was nicht (selbstmitleidige Weichlinge, die Privatschulen besucht haben).

Burchill stammt aus der Arbeiterklasse, hat es ohne Uniabschluss zur privilegierten Autorin geschafft (was sie auch ständig betont – ihr eigentliches Thema ist sie selber) und sieht offenbar vieles im Zeichen des Klassenkampfs (kein Wunder, angesichts des englischen Klassensystems). „… ich der Meinung bin, dass Wokeness im Grunde nur der jüngste Versuch der Privilegierten ist, die furchterregenden proletarischen Horden zu bändigen und zu kontrollieren; eine repressive eher als eine progressive Bewegung, auch wenn die Woken mit sozialer Gerechtigkeit hausieren gehen.“

Sie sei berüchtigt für ihre zügellose Vulgarität, schreibt sie; ich selber schätze ihr klares Denken (wenn sie nicht gerade eine persönliche Rechnung offen hat) mehr: „Ein beliebter Satz der Translobby lautet: ‚Worte sind buchstäblich Gewalt‘ Das ist natürlich eine Logik aus dem Irrenhaus. Worte sind das Gegenteil von Gewalt, sie können sie aufhalten oder sogar gänzlich verhindern.“

Die Briten, so sagt man, lieben Exzentriker und diesem Aberglauben ist vermutlich auch Julie Burchills Renommee geschuldet. Mir hingegen scheint diese Exzentrik eher eine Maske, hinter der die Inselbewohner ihre Egomanie verstecken, denn ohne Grössenwahn wäre ihr ehemaliges Weltreich ganz gewiss nicht möglich gewesen.

Julie Burchills Journalismus ist sehr britisch, also ausgesprochen meinungsstark und damit notgedrungen sehr subjektiv, was primär erfreulich ist, doch gelegentlich eben auch eine recht beschränkte Weltsicht offenbart. „Ich kannte gebildete und aufgeklärte Männer, die Frauen schlugen; tatsächlich habe ich noch nie einen ungebildeten Frauenschläger getroffen.“ Das beweist höchstens, dass sie die Arbeiterklasse weit hinter sich gelassen hat.

Willkommen bei den Woke-Tribunalen handelt von Wokeness in seinen verschiedensten Ausprägungen – von der eigenartigen Vorstellung, dass Sexarbeit eine Arbeit wie jeder andere sei, über die Pornofizierung der Gesellschaft zum hippen Antisemitismus und der woken Islamophilie. Burchill zeigt die Absurdität des Ganzen an vielen Beispielen aus der englischsprachigen Welt, und outet sich selber – sie ist auch erfreulich selbstkritisch – als einstigen Meghan Markle-Fan. Mit anderen Worten: Sie ist aufrichtig, nimmt kein Blatt vor den Mund und macht mich auch immer wieder lachen: „Was sie kulturelle Aneignung nennen, nennen wir Kumpels.“

Ich selber bin nicht immer so sicher, ob es eine gute Idee ist, derart ausführlich auf die Wokeness einzugehen – mir scheint, man tut diesen Hohlköpfen damit zu viel Ehre an. Nur eben: Dann gäbe es dieses Buch nicht und mir würde entgehen, dass es heutzutage an (bislang einigen wenigen) britischen Universitäten nicht mehr möglich ist, „die einfache Wahrheit auszusprechen, dass biologische Männer nicht zu biologischen Frauen werden können, genauso wenig wie Clownfische zu Clowns oder Seepferdchen zu Pferden werden können.“

Darüber hinaus wäre mir entgangen, dass eine Studentin der Universität Yale ihrem Dozenten einst zuschrie: „Es ist ihre Aufgabe, einen Ort zu schaffen, an dem die hier lebenden Studenten sich wohl und heimisch fühlen! Es geht nicht darum, einen intellektuellen Raum zu schaffen, nein! Verstehen sie das? Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!“ Die Infantilisierung der Gesellschaft ist leider nach wie vor auf dem Weg zu immer neuen Ufern.

Julie Burchill ist Feministin und das meint: ihr Ideal sind starke, selbstbewusste Frauen. Margaret Thatcher, zum Beispiel, von der mir unter anderem geblieben ist, was sie nach einer verlorenen Wahl einem Reporter auf seine Frage, wie sie sich fühle, geantwortet hat: „Wie ich mich fühle? Warum fragen Sie mich nicht, was ich denke?“ Wunderbar!

Willkommen bei den Woke-Tribunalen ist ein Buch für alle, die sich für Kämpfernaturen begeistern, und den pseudo-aufgeklärten Schwachsinn der modernen Realitätsverweigerer nicht ertragen.

Julie Burchill
Willkommen bei den Woke-Tribunalen
Wie #Identität fortschrittliche Politik zerstört
Edition Tiamat, Berlin 2023

Evelyn Roll: Pericallosa

Die Journalistin Evelyn Roll ist 59, als eine Arterie in ihrem Gehirn platzt. Sie konstatiert einen kleinen, scharfen Knall, gefolgt von einem rasenden Schmerz. „Zwölf auf der Skala von eins bis zehn. Die Mediziner nennen das den bei einem ruptierten Aneurysma typischen Vernichtungskopfschmerz …“. Sie schafft es, Hilfe herbeizurufen und landet in der Charité bei dem Neurochirurgen Peter Vajkoczy.

Das ist dermassen packend geschildert, dass man glaubt vor Ort mit dabei zu sein. Verblüffung, Entsetzen, Angst und das Wunder, praktisch zu funktionieren, geschehen gleichzeitig. Bestens nachvollziehbar wird auch, wie viel Glück man haben muss, denn da spielen ganz viele Faktoren mit hinein, damit das alles zu einem guten Ende kommen kann.

Nach dem Aufwachen aus der Narkose erleidet sie eine vorübergehende Intensivpsychose, doch vor allem kriegt sie ein zweites Leben. „Das zweite Leben, das anfangen konnte, als ich verstand, dass ich wirklich nur dieses eine habe.“ In diesem zweiten erlebt sie auch, „was bei linkshemisphärischen Gehirnschäden gelegentlich vorkommt, den Zugang zu Begabung und Talenten, die mir bisher versperrt waren. Ich habe auch endlich die Begabung und das Talent verloren, die Lebenslügen, Familiengeheimnisse und blinden Flecken meiner Familie weiter zu ignorieren …“.

Nach der Operation ist sie nicht mehr dieselbe Person wie zuvor. „In meinem ersten Leben bin ich ausgewichen und weggelaufen vor allem, was mir Angst macht. Mit meinem zweiten Leben will ich immer genau da hinrennen, wo die Angst sitzt.“ Auch ihr Ehemann findet, sie habe sich verändert, sei sowohl egoistischer als auch empathischer geworden. „Du erkennst jetzt sehr schnell, was du brauchst, kannst dich besser um dich selber kümmern, und vielleicht auch deswegen so gut um andere.“

„Mein Gehirn wusste es vor mir.“ Das meint (zumindest interpretiere ich es so): Das Bewusstsein ist dem, was im Hirn vor sich geht, nachgeordnet. Die Vorstellung von Willensfreiheit ist absurd, das wissen wir, doch wie vieles Wissen ändert dies nichts an dem, was wir glauben wollen. Dazu kommt, dass unser Vorstellungsvermögen bei weitem nicht ausreicht, um zu verstehen, was wir wissen. „In einem einzigen Kubikzentimeter eines menschlichen Gehirns gibt es mehr Verbindungen, als die Milchstrasse Sterne hat. Und das sind keine simplen Eins-zu-null-Verbindungen wie in einem Computer. Sie sind mehrdimensional, hochdimensional. Unvorstellbar also.“

Ist alles bereits in uns angelegt und zeigt sich, wenn seine Zeit gekommen ist? Unsere Vorahnungen scheinen gelegentlich darauf hin zu deuten, liegen dann aber eben auch immer wieder daneben. Das Leben werde vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, zitiert Evelyn Roll Kierkegaard. Nur eben: Dieses Verstehen ist unserem Bedürfnis nach Sinn untergeordnet – und ob es diesen gibt, betrachten die meisten scheinbar als ihren individuellen Entscheid.

„Warum ist Gehirnforschung für mich zu einer Art Obsession geworden in den Jahren, bevor mein eigenes Gehirn explodierte? Reiner Zufall wahrscheinlich. Aber ein interessanter Zufall. Oder?“ Vielleicht benutzen wir den Begriff Zufall auch ganz einfach falsch, denn so recht eigentlich bedeutet er nichts anderes, als dass einem die Dinge zu-fallen. Und wer könnte das bestreiten? Ausser denen natürlich, die so verblendet sind, dass sie ernsthaft zu wissen glauben, was und warum sie tun, was sie tun.

Es ist sehr instruktiv was Evelyn Rolls Auseinandersetzung mit dem Gehirn zutage fördert, auch weil es das Potential hat (The readiness is all, sagt Horatio in Hamlet), unsere Sicht auf das Leben zu verändern bzw. realistischer werden zu lassen. „Unser Gehirn reagiert Tausende Male am Tag auf Wahrnehmungen und Reize, ohne dass sie uns bewusst werden und bevor sie uns bewusst werden.“ Woraus zu schliessen wäre, dass wir definitiv nicht von unserem Bewusstsein gesteuert sind. Dass wir trotzdem, so tun als ob, ist vermutlich unserem Lebenstrieb geschuldet.

Pericallosa erzählt jedoch nicht nur von einem geplatzten Aneurysma, sondern auch die Familiengeschichte der Autorin und damit auch die Geschichte der Generation, die mit Songs wie „In-A-Gadda-Da-Vida“, „Get Off of My Cloud“, „Lazy Sunday“ und „When a Man Loves a Woman“ aufgewachsen ist. Und mit Worten wie „Koteletten. Ein Wort, das ich seit einem halben Jahrhundert nicht mehr genutzt, gehört oder gelesen habe.“

„Wer aus der Gehirnforschung weiss, wie Erinnerung funktioniert, geht kritischer mit eigenen Gewissheiten um. Und nachsichtiger mit Menschen, die sich unvollkommen erinnern oder falsch – also ganz anders als wir selber.“ Völlig einverstanden, auch wenn ich mehr als nur einige Zweifel habe, ob die Gehirnforschung wirklich weiss, wie Erinnerung funktioniert. Obwohl die Beispiele, die Evelyn Roll aufführt, durchaus überzeugen, sind sie letztendlich nichts anderes als Illustrationen dafür, wie wir denken. The physicist Leo Szilard once announced to his friend Hans Bethe that he was thinking of keeping a diary: ‚I don’t intend to publish, I am merely going to record the facts for the information of God.‘ ‚Don’t you think God knows the facts?‘ Bethe asked. ‚Yes‘ said Szilard. ‚He knows the facts, but He doesn’t know this version of the facts.‘ (Hans Christian von Baeyer: Taming the Atom).

Pericallosa, wiewohl ein sehr persönliches Buch, ist keineswegs eine Nabelschau, sondern eine spannende Auseinandersetzung mit dem Leben, auch dem von anderen, nicht nur ihrem eigenen. Ein Buch, das leistet, was ein wirklich gutes Buch leisten kann – profunde Aufklärung und vielfältige Anregung.

Fazit: Packend, erhellend und überaus lehrreich.

Evelyn Roll
Pericallosa
Eine deutsche Erinnerung
Droemer, München 2023

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