Megan Abbott: Aus der Balance

Die Geschichte packt einen sofort, das liegt am dem sehr eigenen, fesselnden Rhythmus. Worum geht’s? Eine Ballettschule in einer amerikanischen Kleinstadt, die die Schwestern Dara und Marie Durant von ihrer Mutter geerbt haben. Ein Ort der Sehnsucht. Wer darf wen spielen? Stress. Neid und Eifersucht.

Charlie, der ehemalige Lieblingsschüler der verstorbenen Madame Durant, stösst dazu. Dara und er heiraten. Ein Feuer bricht in der Schule aus und wird von der Feuerwehr gelöscht. Hat Marie es gelegt? Der Bauunternehmer Derek, der sich den Schaden ansieht, wittert einen Grossauftrag: Wäre es nicht gescheiter, anstatt zu reparieren, neu- und auszubauen? Marie, Charlie und Dara stimmen zu.

Es wird gebaut, die Proben für den Nussknacker schreiten voran. Megan Abbott versteht es ausgezeichnet, die Proben-Atmosphäre an dieser Ballettschule zu vermitteln. Prägend dafür ist die Lebensphilosophie der verstorbenen Mutter Durant: „Ballerinen sind für immer Mädchen. Nichts ändert sich je. In dieser Hinsicht ist Ballett wie der Garten Eden.“ Allerdings einer der Schmerzen, die es auszuhalten gilt. Wer keinen Schmerz spürt, hat nicht genug trainiert.

Ballett bedeutet auch eine Verstümmelung des Körpers, und speziell der Füsse. „Sechs Jahre nachdem er hatte aufhören müssen, waren seine Füsse immer noch Tänzerfüsse. Hart und knorrig und hufähnlich. Aber nicht halb so zugerichtet wie ihre, hässlich wie die einer Krähe, oder Maries, die ihr Vater immer die Bumerangs genannt hatte.“ Und diese Verstümmelungen werden verklärt. „Jolie-laide, hatte ihre Mutter immer behauptet. Für sie waren alle Tänzerfüsse schön, schön nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, ihrer Verkrümmungen, ihres Kampfes gegen die Natur, gegen den Körper selbst. Was könnte schöner sein, hatte sie immer gesagt, als so ein Wille.“

Charlie ist ein körperliches Wrack. „Für uns ist der Schmerz anders“, sagt Dara zu Derek. Tänzer würden den Schmerz zum Freund machen. Nichts, so scheint es, dass man sich nicht schönzureden imstande ist. Es geht ums Sich-Beweisen, es ist eine ungeheure Schinderei, die da den Schülern abverlangt wird, eine Schinderei, die sowohl Dara, Marie und Charlie kennen.

Wenn Derek in ihre Nähe komme, könne sie nicht atmen, sagt Marie. Auch Dara fühlt sich in seiner Gegenwart nicht wohl. Ihre Ballettwelt verträgt keine Einmischung von aussen. Doch dann lässt sich Marie auf Derek ein, sie treiben es miteinander im Studio. Seitdem ist für Dara, die zufällig Zeugin war, das Studio befleckt. Überaus gekonnte schildert Megan Abbott die daraus folgenden Spannungen zwischen den beiden Schwestern.

Derek wird für Marie zur Obsession. Und für Dara genauso, denn er bringt die beiden Schwestern auseinander. Marie geht weg, nach Griechenland und Rom, kommt aber schon bald wieder zurück. Dara, Marie und Charlie sind wieder vereint. Oder doch nicht?

Ein Hin und Her der Gefühle. So etwas wie ein vernünftiger, freier Entscheid kommt so recht eigentlich nie vor. Das Handeln verdankt sich dem Ausgeliefertsein an Mächte, die man nicht kontrollieren kann. Derek scheint die Regie übernommen zu haben, die aufkommende Beklemmung ist fast mit Händen zu greifen. Und dann wird es sehr, sehr spannend …

„Niemand wollte sich der Wahrheit stellen. Dass jede Familie ein Treibhaus war, ein Sumpf. Mit eigener Atmosphäre und eigenen Regeln. Mit eigenen Gesetzen und Göttern. Es würde von aussen niemals Verständnis geben. Das konnte es nicht.“

Aus der Balance erzählt eine sehr verwickelte Geschichte, bei der sich erst nach und nach zeigt, wie die Ereignisse miteinander zusammenhängen. Meisterhaft gelingt es der Autorin, die Spannung nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern nach und nach zu steigern.

Aus der Balance ist ein eindrückliches, fesselndes Buch über die Zwänge aus der Kindheit, die auch unser Erwachsenen-Leben bestimmen. Am Ende, hatte die Mutter sie gelehrt, hat man nur sich. Was eine Anleitung dafür sein könnte, Verantwortung zu übernehmen, wird ins Gegenteil verkehrt. Man schützt sich, indem man Geheimnisse wahrt, Unliebsames verdrängt, nichts anspricht, was die brüchige Gemeinsamkeit gefährden könnte.

Megan Abbott
Aus der Balance
Pulp Master, Berlin 2023

Peter Stamm: In einer dunkelblauen Stunde

Im Schweizer Fernsehen, ein Dokumentarfilm über den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. Wie porträtiert man einen Mann, der schreibt? Die beiden Filmemacher, eine junge Frau namens Andrea und ein junger Mann mit Namen Tom, zeigen ihn beim Gehen, beim Reden, beim Besuch von Becketts Grab in Paris. Besonders aufregend ist das nicht, doch die Dokumentation gefällt mir. Einmal, weil ich Peter Stamm zum ersten Mal reden höre (und er damit sympathischer wirkt als auf den Fotos mit Zigarette), vor allem jedoch, weil die Filmemacher auch von sich erzählen, den Budgetschwierigkeiten und den persönlichen Konflikten. Als Zuschauer nimmt man an einem reflektierten Prozess teil (einem inszenierten, sowieso); das geschieht selten.

Peter Stamm, ein verheirateter Vater, ist offenbar viel unterwegs, schreibt in Gottlieben, Paris und andernorts. Wie er dieses Leben finanziert, wird nicht angesprochen; dass seine Buchverkäufe dafür ausreichen, kann ich mir nicht vorstellen. Andererseits: Was weiss ich schon? Zudem: Ich kann mir ganz vieles nicht vorstellen.

In einer dunkelblauen Stunde, das ich als Buch zum Film lese, heisst der Schriftsteller Richard Wechsler und nicht Peter Stamm, was natürlich die alte Frage aufwirft, ob man überhaupt über jemanden anderen als über sich selber schreiben könne, was viele Schriftsteller und auch Peter Stamm offenbar glauben, ich hingegen nicht: Man kann nur dem Ausdruck geben, was in einem angelegt ist. Das meint nicht, dass die geschilderte Person mit dem Schilderer identisch ist, das meint nur, dass das, was man in anderen sieht oder zu erkennen glaubt, einem vertraut oder bekannt sein muss – und zwar von sich selber, denn eine andere Referenzquelle hat man nun mal nicht.

„Eigentlich gibt es über mein Leben nichts zu sagen. Und über meine Bücher auch nicht viel. Man kann sie ja lesen, wenn man sich für sie interessiert.“ Treffender (und weiser) wurde das Loslassen vom Schriftsteller-Ego selten charakterisiert.

Für seine Texte sei er als Person nicht relevant, sagt er einmal, „ich bin nur das Auge, das sieht, das Ohr, das hört, die Hand, die schreibt, der Körper, der empfindet, nichts mehr.“ Ein Gedanke, der zum Verweilen lohnt – er gemahnt mich an die buddhistische Wahrheit, gemäss der es kein Ich gibt. Gleichzeitig habe ich den Eindruck eines Versteckspiels.

Wie viel ist er bereit, von sich preiszugeben? „Obwohl er immer so weltfremd tut, weiss er schon ziemlich gut, wie er vor der Kamera Wirkung erzeugen kann.“ Ein Ringen um die Inszenierung zwischen Schriftsteller und Filmemachern findet statt. Wechsler behauptet, er wisse manchmal nicht mehr, was ihm wirklich passiert sei und was er erfunden habe. Auch eine Methode, sich nicht preiszugeben, was er natürlich weiss.

Die Gegenwart einer Kamera verändert das Verhalten eines Menschen. Ob bewusst oder unbewusst, er posiert ständig, da er sich nicht nur beobachtet, sondern aufgezeichnet weiss. Dazu kommt, dass Filmemacher zu Fragen greifen, die jemanden, der nicht zu simplen Antworten neigt, gelegentlich irritieren. Ist es Ihnen wichtiger zu lieben oder geliebt zu werden? Was ist das für eine Frage?, antwortet er.

Mit dem Humor hat es der Mann nicht so, denkt es in mir, als ich bei dem Satz hängenbleibe: „Vor Gott und in Badehose sind wir alle gleich.“ Nur muss ich dann einige Seiten später Tränen lachen, als der Filmemacherin Andrea auf YouTube dauernd Videos über Serienmörder vorgeschlagen werden, obwohl sie doch noch gar nie Metzgermesser oder Kabelbinder im Internet bestellt hat. „Immer versucht die Journalistin (oft sind die Journalistinnen Australierinnen) sehr ernsthaft und respektvoll zu verstehen, wie man zum Mörder wird, aber die Mörder wissen es selbst nicht.“

Die Geschichte spielt in Paris („Die Stadt gibt keinen Deut auf uns, das hat etwas Befreiendes.“) und in der Schweiz, auf dem Land, wo Peter Stamm (Sorry, Wechsler) aufgewachsen ist. Die Filmemacher machen eine Jugendliebe namens Judith ausfindig, die immer wieder in seinen Büchern auftaucht. Sie arbeitet heute als Pfarrerin.

Zusammen mit Andrea reist Judith nach Wechslers Tod nach Paris. Rückblenden: Wechsler weiss, dass er sterbenskrank ist. „Ich sehe die Welt jetzt anders, alles ist intensiver, die Angst, aber auch die Freude. Bei jedem alten Mann, bei jeder alten Frau auf der Strasse denke ich, geschenkte Jahre. Wisst ihr überhaupt, was ihr da bekommt jeden Tag (…) Ich habe die Schönheit noch nie so genossen wie jetzt, und ich möchte nicht, dass es zu Ende geht …“.

Woher kommt eigentlich dieser Drang, allem und jedem Sinn und Bedeutung verleihen zu müssen, der dann aber allzu oft in Schwarz/Weiss-Kategorien mündet? „Auch Kinder gibt es nur noch in zwei Ausgaben, entweder sie sind hochbegabt oder verhaltensgestört. Hauptsache, sie sind etwas Besonderes.“

Wozu tut man, was man tut? Was zeigt man von sich? Wieso macht man einen Film, wozu schreibt man ein Buch? „Für mich war die Literatur immer der Ort, an dem Dinge geschehen, an dem ich Dinge tun und lassen kann, die in der Wirklichkeit nie geschehen sind, die ich nie gemacht habe.“

In einer dunkelblauen Stunde ist ein Buch über die Vergänglichkeit und die Frage, was bleiben wird. Dies an einem gescheiterten Dokumentarfilm abzuhandeln, ist ein höchst origineller Einfall. Ist es wirklich so, dass jedes Leben es verdient, aufgezeichnet zu werden, wie Andrea meinte, als sie mit Dokumentarfilmen begann. Oder hat Wechsler recht, der sich über die geheuchelte Authentizität empört? Doch das ist nur die Oberfläche, ist nichts als Ablenkung, es geht um etwas anderes. „Es geht um die Präsenz, hat er einmal gesagt, ganz da zu sein, in diesem Moment, an diesem Ort.“

Peter Stamm
In einer dunkelblauen Stunde
S. Fischer, Frankfurt am Main 2023

Elisabeth Pähtz: Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt

Wie kommt jemand wie ich, der selber weder Schach spielt, noch die Regeln des Spiels kennt, dazu, eine Schachbiografie zu lesen? Weil ich nach den ersten paar Seiten wusste, dass es darin genau wie der Untertitel versprach, um „Strategien für das Spiel des Lebens“ geht, und ich Menschen, die über das Leben nachdenken, sehr zugetan bin. Das tun nämlich die wenigsten, die meisten beschäftigen sich lieber mit selbst fabrizierten Problemen, die ihre Neigungen zur Rechthaberei fördern.

In jungen Jahren brachte ich Schach immer mit Sport in Verbindung, obwohl die körperliche Betätigung dabei sich doch sehr in Grenzen hält. Ich erkläre es mir so (und dieses Buch bestätigt diesen Eindruck), dass bei beiden Selbstdisziplin und Konzentration zentral, die alleinige Verantwortung fürs eigene Handeln charakteristisch sind.

„Was wäre die Welt ohne Fehler? Schlicht nicht vorstellbar, würde ich behaupten. Fehler gehören zum Leben und der Umgang mit Fehlern zählt sicher zu den grössten Herausforderungen, denen wir uns immer wieder stellen müssen. Vor allem, wenn es um unsere eigenen Fehler geht. Manchmal frage ich mich, ob wir hier bei uns – jedenfalls soweit ich das überblicken kann – nicht eine völlig falsche Kultur im Umgang mit Fehlern entwickelt haben.“

Elisabeth Pähtz spielt seit ihrem fünften Lebensjahr Schach, das sie gelehrt hat, anders als gemeinhin üblich an Fehler heranzugehen: Nicht die Fehlervermeidung, die wir in der Schule lernen, ist das Ziel, sondern eine saubere Partie zu spielen. „Schach ist im Hinblick auf Fehler brutal, denn es gibt keine Ausreden. Es sind immer deine Fehler und sie lassen sich auf dem Schachbrett auch nicht verstecken.“ Wohl deswegen spielen sogenannte Führungskräfte (was für ein Wort!) lieber Golf …

„Im Schach kommst du immer wieder in Situationen, in denen es nicht den einen richtigen Zug gibt, sondern vielleicht zwei oder drei mögliche Züge, die alle gut sind, aber dein Spiel in komplett unterschiedliche Richtungen lenken können.“ Genau wie im richtigen Leben, denkt es so in mir.

Es ist kennzeichnend für dieses sehr gut geschriebene Buch, das es so recht eigentlich eine Anleitung fürs Leben ist. Wir sollten ein freundschaftliches Verhältnis zu Fehlern entwickeln, meint die Autorin. „In der Nachbetrachtung einer Partie war die Analyse der Fehler eigentlich immer mein bester Lehrmeister. Aus Fehlern wird man tatsächlich klug, wenn man bereit ist, sich offen und ehrlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Schach wie auch sonst im Leben.“

Die Zugvarianten im Schach sind derart viele, dass sie so recht eigentlich nicht zu zählen sind, höchstens zu schätzen. „Es gibt Schätzungen, wonach es im Schach mehr Zugvarianten als Atome im Universum gibt (…) Ein Leben reicht nicht aus, um alle Varianten durchzuspielen. Jede Partie stellt dich vor neue Herausforderungen und das macht für mich die Faszination und den grossen Reiz dieses Spiels.“

Schach ist eine Männerdomäne. Woran liegt das? Möglicherweise daran, dass sich Frauen weniger für Kriegsstrategien, Angriff, Verteidigung, Schlagabtausch und Opfer, womit Schach oft in Verbindung gebracht wird, interessieren, meint die Autorin, die erfreulicherweise auch darauf hinweist, dass es bereichernd ist, dass Frauen und Männer verschieden sind („auch in ihrer Art und Weise, Schach zu denken, zu fühlen und zu spielen“). Sie plädiert für feminines Selbstbewusstsein und setzt sich dafür ein, mehr Mädchen und junge Frauen für das Schachspiel zu begeistern. „In dieser Beziehung leistet zum Beispiel die Mongolei vorbildliche Arbeit. Dort wurde Schach zum Schulfach für alle gemacht (…) man hat erkannt, dass Schach ein Spiel mit sehr vielen Facetten ist, das die Persönlichkeitsentwicklung von Mädchen wie Jungen sehr positiv beeinflusst.“ Dazu gehört auch, neben dem Training des Gedächtnisses, dass man lernt, mit Zeitdruck umzugehen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Sie lernt, auf ihre Intuition zu vertrauen, die sich aus Wissen und Erfahrung speist. Das meint nicht etwa blindes Vertrauen in sein Bauchgefühl, sondern dass sich die Intuition schulen lässt. Durch Reflektieren, Analysieren und Wahrnehmen, welche Gefühle einen in die Irre führen könnten. “Im Schach lernt man sich selbst wirklich gut kennen, seine emotionalen, mentalen oder psychischen Stärken und Schwächen. An manchen arbeite ich bis heute.“

Fazit: Eine wunderbar inspirierende Lektüre.

Elisabeth Pähtz
Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt
Strategien für das Spiel des Lebens
Westend, Frankfurt am Main 2022

Amanda Cross: Tödliches Erbe

Amanda Cross ist ein Pseudonym, hinter dem sich eine feministische Literaturwissenschaftlerin verbirgt, die von 1926 bis 2003 lebte und an der Columbia University in New York unterrichtete. Übersetzt wurde der vorliegende Kriminalroman von der diplomierten Übersetzerin Monika Blaich (geboren 1942) und dem gelernten Zeitungsredakteur Klaus Kamberger (geboren 1940), wie der Verlag wissen lässt.

Dies ist mein erstes Buch von Amanda Cross, das, wenig überraschend, in der akademischen Welt spielt, für die kennzeichnend ist, dass alles komplex, kompliziert und nie, gar nie, simpel und direkt ist. Was Kate Fansler so alles durch den Kopf geht, als sie eines Tages ihren Freund Max Reston sich ihrer Hütte in den Berkshires nähern sieht, ist jedenfalls kein Ausdruck einer Person, die sich ihrer selbst sicher ist, obwohl sie das selber von sich zu glauben scheint. Ihre witzige Selbstcharakterisierung ist reines Wunschdenken: „An diesem besonderen Tag im März dachte sie mit Stolz an die tiefen Widersprüche, die ihr Leben prägten. Sie waren es, die den Erfahrungen die Würze verliehen und der Seele die notwendige Ruhe. Natürlich bedurfte es zum Austarieren solch tiefer Widersprüche einer Geschicklichkeit, die an Akrobatik grenzte.“

Max Reston ist der Nachlassverwalter der berühmten Schriftstellerin Cecily Hutchins und möchte, dass Kate ihn begleitet, um im Haus der Verstorbenen zum Rechten zu sehen. Doch weshalb will er Kate dabei haben, wieso geht er nicht alleine hin? Wegen seines Glaubens an Geister, behauptet er. Na ja. Überaus anregend ist hingegen, was Amanda Cross aus der Art wie ein Haus möbliert ist zu schliessen imstande ist: wohnlich und dekorativ können sehr, sehr weit auseinanderliegen.

Kate und Max sind „zwei reputierliche Personen“, die sich und ihre vielfältigen Skrupel offenbar für interessant halten, auf mich jedoch ziemlich übertrieben umständlich und langweilig wirken. Auffallend ist auch, wie oft sich Kate darüber Gedanken macht, wie sie wohl von anderen wahrgenommen wird. Psychologinnen bitte nicht vortreten, ein einigermassen gesunder Menschenverstand genügt. Nur eben: Die Autorin ist Professorin und so erfährt man auch ausführlich, wie sich ihr akademisches Leben gestaltet – mässig spannend, wie ich finde – und dass natürlich auch an Elite-Universitäten geschummelt wird, was wohl nicht viele überraschen wird.

Zwischen den Felsen am Meeresufer entdeckt Kate eine Frauenleiche. Die junge Frau hatte über Dorothy Whitmore promoviert, einer Freundin von Hutchins. Als Kate von einer Freundin gebeten wird, sie in Oxford zu besuchen, packt sie die Gelegenheit am Schopf, den Dingen auf den Grund zu gehen, denn Hutchins hatte dort gelebt. Das ist gut und flüssig erzählt, auch wenn man gelegentlich über Sätze stolpert, die eigenartig sperrig wirken. „Mit einer Ironie, die typisch für die Vereinigten Staaten ist, berührte Cecily Hutchins in der Schilderung ihres täglichen Kampfs mit dem Alleinsein als Witwe und Schriftstellerin so eindeutig den Nerv ihrer Leser, dass ihr genau dieses Alleinsein und seine Schwester, die Einsamkeit, wieder in Gefahr gerieten.“ Zudem: Mit Ironie bringe ich die Vereinigten Staaten nun wirklich nicht in Verbindung.

Ausführlich wird Oxford beschrieben sowie das Schicksal der englischen Frauen beklagt. „Ich habe noch kein Land gesehen, in dem die Frauen so ein Sklavendasein führen.“ Ausführlich lässt sich die Autorin über gesellschaftlich engagierte Frauen am Anfang des 20sten Jahrhunderts aus. So erfährt man etwa, dass Krankenschwestern im Ersten Weltkrieg nicht mit den Soldaten in die Kneipe gehen durften. Auch sich mit den Offizieren treffen, war ihnen nicht erlaubt.

Amanda Cross ist eine begabte und differenzierte Beobachterin, was sich auch in vielen hellsichtigen Einsichten zeigt. „Die Ärzte nannten es eine sanfte Depression. Der Grund – wenn es denn überhaupt Gründe für Depressionen gibt – war das, was Dichter die Melancholie der erfüllten Aufgaben nennen.“ Oder: „Der Wunsch nach Einsamkeit ist begreiflich; sie hat allerdings verheerende Auswirkungen auf die Konversation: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Einzelgänger buchstäblich überlaufen, wenn man ihnen begegnet? Ihr Redestrom will nicht enden. So gross ist der Druck der vielen Ideen, die sie so lange nicht loswerden konnten.“

So recht eigentlich handelt Tödliches Erbe vor allem von den Gepflogenheiten der akademischen Welt, in der man sich unter anderem darüber ereifert, wer an welcher Universität studiert. Anders gesagt: Das Buch vermittelt die Eitelkeiten der Leute, die an sogenannten Elite-Institutionen tätig sind, auch wenn die Autorin, obwohl selbst an einer renommierten Institution tätig gewesen, eine ziemlich idealisierte Vorstellung davon zu haben scheint. „Im Kollegium und in der Verwaltung mochte es Schwachstellen geben, doch die starken Persönlichkeiten waren da, wo man sie brauchte.“

Gebildet, umständlich, interessant, unterhaltsam, doch weitestgehend spannungsfrei, so lese ich dieses Werk, das aus mir unerfindlichen Gründen als Kriminalroman bezeichnet wird. Dass sich die Lektüre lohnt liegt an den gescheiten und Horizont-erweiternden Einschätzungen wie „Während der Adoleszenz nahm die Suche nach Identität viele, grösstenteils schreckliche Formen an.“ Oder „… ein Mädchen, das wusste, was es vom Leben wollte oder zumindest in welchem Teil ihrer selbst ihre Möglichkeiten zum Arbeiten und zur Liebe steckten (beides hatte Freud mit jener seltenen Schlichtheit, zu der die Grossen finden, als die entscheidenden Dinge im Leben bezeichnet).“ Oder über die englische Klassengesellschaft. „Wie er mir sagte, hat er sich im Lehrerzimmer einmal nach einem jüngeren Kollegen erkundigt und als Antwort erhalten, dessen Vorfahren seien nicht eben kultivierte Leute gewesen.“

Fazit: Intelligente Unterhaltung mit vielfältigen Einblicken in die akademische Welt.

Amanda Cross
Tödliches Erbe
Dörlemann Verlag, Zürich 2023

Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt

Bei einem Attentat im fiktiven südamerikanischen Land Matatudo (unschwer als Brasilien auszumachen) hat Kohner, Reporter bei einem Hamburger Magazin (der Autor Rainer Fabian war Stern-Reporter und während 15 Jahren Korrespondent für Lateinamerika) seine Frau Anna verloren. Jahre später wird Kohner eine Kassette mit mysteriösen Alltagsgeräuschen (aus der Grossstadt, aber auch aus dem Urwald) zugespielt. Ist es ein Köder, der zum Versteck des Attentäters führt? Kohner, sein Stringer João und die Amerikanerin Jenny machen sich auf eine Reise durch Brasilien.

Sich bei der Erkundung eines Landes von Geräuschen leiten zu lassen, ist eine originelle Idee, die einem nicht zuletzt zu unvermuteten Einsichten verhilft („Jeder wahrgenommene Klang … löscht den zuvor gehörten Klang vollkommen aus, und es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Klänge kann man nicht nacherzählen.“), doch die Stärke dieses unbedingt lesenswerten Romans, ist nicht der Plot, sondern die vielen Gedanken, die sich Kohner über Brasilien, den Beruf des Journalisten, das Leben in einem fremden Land sowie über das Leben allgemein so macht.

Dass Rainer Fabian Filmdramaturgie und Filmregie studiert hat, ist unschwer zu spüren; seine Fähigkeit, mittels Sprache Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, ist eindrücklich. Die Reise durch dieses Riesenland Brasilien beschreibt er so: „Sie holperten über Erdstrassen, die die Farbe von verrosteten Maschinen hatten, fuhren zwischen mit Sommersprossen gefleckten Weidenflächen dahin, und die Sommersprossen waren Termitenhügel, die auf den Wiesen standen. An Herden von Zeburindern kamen sie vorbei und an Zuckerrohrfabriken mit dem sich im Wind kräuselnden Rauch. Auf den Strassen lag Pferdestreu. Es raschelte und knisterte, wenn sie über die Streu fuhren, aber auch dies war nicht das, was es schien, es war keine Streu, es waren die Rippen des Zuckerrohrs, die von den Erntewagen gefallen waren.“

Nichts ist, wie es den Anschein macht. Das ist überall so, doch fern der Heimat fällt es einem eher auf. „Er reiste dorthin, wo er fremd ist und nicht wirklich sein wird, und er wird in zwei, drei Wochen an einen Ort zurückkehren, wo er auch nicht wirklich ist und nie gewesen war.“

Rainer Fabian hat viel erlebt und er hat viel nachgedacht, und so handelt sein Buch von seinen reflektierten Erfahrungen und die sind es wert, dass man von ihnen Kenntnis nimmt – und mehr: dass man sich mit ihnen auseinander setzt.

Über den Ruf des Reporters lässt er Kohner sagen: „Es ist die Scham meines Berufes, dachte er, immer genauer hinsehen zu müssen und immer weniger dabei zu empfinden.“

Über das Älterwerden dies: „Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand – dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken.“

Über die Gründe des Reisens äussert er sich so: „Wenn einer zu dir sagt, „ich will nach Japan, weil ich dort noch nie war’, dann ist das eine Lüge, denn er war natürlich schon in Japan, sonst wüsste er ja nicht, dass er dorthin will. Er war in Japan, weil er Bilder von Japan kennt, und er will zu den Bildern reisen, die er kennt.“

Wer eine Reise nach Matatudo (das Brasilien Rainer Fabians) plant, wird dieses Buch mit Gewinn lesen. Und auch wer zu seinen eigenen Bildern von Brasilien reisen will, wird nach der Lektüre dieses einsichtsvollen und eindringlich erzählten Buches um zusätzliche Bilder bereichert sich dorthin aufmachen.

Rainer Fabian
Das Rauschen der Welt
Klett-Cotta, Stuttgart 2003

Cormac McCarthy: Stella Maris

In einem Interview sagte Cormac McCarthy einmal, er könne mit Schriftstellern, die sich nicht mit grundsätzlichen Fragen über Leben und Tod auseinandersetzten, wenig anfangen. Bekannt ist auch, dass er sich lieber mit Wissenschaftlern als mit Literaten austauscht. Das nimmt mich für ihn ein. „Nennen Sie mir eine Sache, die unsere Welt besser macht als die von 1900 und nicht der Wissenschaft zu verdanken ist.“

Alicia, eine attraktive zwanzigjährige Doktorandin der Mathematik an der University of Chicago, liefert sich selber in die Psychiatrie ein. Sie kennt die Einrichtung von zwei früheren Aufenthalten. „Ich wollte hier einige Leute sehen.“ „Patienten.“ „Ja.“ „Denken Sie, ich komme her, um das Personal zu besuchen?“ „Sie meinen die Ärzte.“ „Ja.“ Er sei überrascht, dass sie sich in einer psychiatrischen Anstalt heimisch fühle, sagt der Psychiater. „Vielleicht will ich nur die Nachsicht ausnutzen, die man Verrückten entgegenbringt (…) ich glaube, alle hier sind sich ziemlich einig, dass alle anderen, die hier sind, tatsächlich hierher gehören. Wo sonst findet man das?“

Dieses Aufnahmegespräch gehört zu den faszinierendsten und packendsten Texten, die ich kenne. Es ist gescheit, witzig, herausfordernd und von einer no-nonsense Atmosphäre geprägt, die mir sehr behagt – mehr philosophischer als therapeutischer Dialog, und darüber hinaus auch ein Spiel. Der Psychiater weiss nicht immer, ob Alicia ernst meint, was sie sagt. Und sie selbst weiss es auch nicht immer.

Von der Mathematik ist die Rede, und von der Literatur, und von Halluzinationen wie auch von Satan, der sich nur für die Seele interessiert. „Die Kirche hört nie auf, von Sündern zu sprechen. Die Geretteten werden kaum erwähnt. Jemand hat mal darauf hingewiesen, dass Satans Interessen ausschliesslich spiritueller Natur sind. Chesterton, glaube ich.“

Alicia mag keine Tests, hält es für rassistisch, dass bei diesen keine Musik abgefragt wird, denn ein Schwarzer mit einem kleinen IQ kann durchaus ein musikalisches Genie sein. Auch die Therapie wird thematisiert („Der Therapeut muss glauben, dass die Patientin die Ärztin ist. Dass sie die Wahrheit über sich selbst enthält.“). Ein intellektueller Genuss!

Von den Ärzten hält Alicia nicht gerade viel. „Ich könnte sie fragen, wofür sie ihrer Meinung nach bezahlt werden. Sie wollen entweder meine Wahnvorstellungen oder meine Vorliebe für Lügen erklären, aber in Wirklichkeit können sie gar nichts erklären. Meinen sie, eine Patientin mit Wahnvorstellungen wäre leichter zu behandeln als eine, die nur glaubt, welche zu haben? Wie das schon klingt. Jedenfalls bin ich über Erklärungen längst hinaus. Ich bin fertig.“

Stella Maris handelt hauptsächlich von Erkenntnisfragen grundsätzlicher Art, bei denen unter anderen Kant, Wittgenstein, Bischof Berkeley und Schopenhauer zur Sprache kommen. Schlecht weg kommt besonders C.G. Jung. Ich habe schon sehr sehr lange nicht mehr ein derart anregendes Buch gelesen – die Lust und Freude am Denken springt einen geradezu an.

Ihr Vater, ein Physiker, war am Manhattan Project beteiligt, ihre Mutter ebenfalls; ihr Bruder ist hirntot. Über ihren Vater sagt Alicia: „Ich glaube, für ihn gehörte das, was einer glaubte, zum Charakter. Er wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass an Gott zu glauben – oder nicht zu glauben – eine bewusste Entscheidung sein könnte. Wahrscheinlich war man eben einfach gläubig oder auch nicht.“

Stella Maris ist amüsant, eigenständig, clever und ausgesprochen lehrreich. Zu meinen Erkenntnissen gehört unter anderem, dass, was man sagt, deswegen noch lange nicht glaubt. Und was ich über Musik, über die ich zu meinem Erstaunen noch gar nie wirklich nachgedacht habe, obwohl ich in jungen Jahren mich intensiv damit beschäftigte und in einer Rockband sang, gelernt habe, war ein veritabler Augenöffner. „Musik besteht aus nichts als ein paar ziemlich einfachen Regeln. Die Wahrheit ist, dass niemand sie sich ausgedacht hat. Die Regeln. Die Töne selbst bedeuten fast gar nichts. Aber warum sich ein bestimmtes Arrangement dieser Töne so stark auf unsere Emotionen auswirkt, ist ein Geheimnis, das zu ergründen wir nicht mal hoffen dürfen. Musik ist keine Sprache. Sie bezieht sich auf nichts anderes als sich selbst.“

Stella Maris ist ein sehr dichter Text, den langsam zu lesen lohnt. Klar wird mir dabei unter anderem, dass die sprachlichen Grenzen, an die man beim Nachdenken und Argumentieren stösst, beileibe nicht so eng gezogen werden müssen, wie unser ausschliesslich auf Nützlichkeit programmiertes Denken uns weismachen will.

Mich begeistert dieser Roman, der auf einem Dialog auf Augenhöhe zwischen Patientin, die so recht eigentlich keine ist, und Psychiater beruht. Die vielfältigen Einsichten, die Stella Maris offenbart, beglücken mich, weil sie tiefe Wahrheiten formulieren. Als der Psychiater fragt, ob Verrückte einen Sinn für Gerechtigkeit hätten, antwortet Alicia: „Ist das eine ernst gemeinte Frage? Sie rasen. Nichts beschäftigt sie so sehr wie Ungerechtigkeit.“ Und als er von ihr wissen will, ob sie glaube, dass der Therapeut nicht sonderlich viel heilen kann, sagte sie: „Ich glaube, was die meisten Leute glauben: Heilung kommt durch Zuwendung, nicht durch eine Theorie.“

Fazit: Grossartig, ein Juwel von einem Buch!

Cormac McCarthy
Stella Maris
Rowohlt, Hamburg 2022

Malachy Tallack: 60° Nord

60° Nord handelt auch davon, dass die Richtung, die unser Leben nehmen wird, sich bereits in jugendlichen Jahren zeigt: Es sind unbewusste Entscheide, die uns leiten. So scheint, gemäss dem 1980 geborenen Malachy Tallack, es mehr zu bedeuten, dass Shetland, das ihm seit seiner Kindheit vertraut ist, auf gleicher Höhe wie St. Petersburg, Grönland und Alaska liegt, als dass es denselben Längengrad mit Middlesbrough oder Ouagadougou teilt. Es dauert meist eine geraume Zeit, bevor wir dem, was in uns angelegt ist, auch wirklich folgen. Auch davon handelt dieses gut geschriebene Buch.

Was Malachy Tallacks Naturbeschreibungen auszeichnet sind seine Beobachtungsgabe, seine Vorstellungskraft und seine gänzlich unprätentiöse Sprache. Darüber hinaus ist er ein belesener Mann, der auch andere Schreiber zitiert – etwa Rachel Carson: „Es ist unwahrscheinlich, dass irgendeine Küste wütender von den Wellen des Meeres heimgesucht wird als die der Shetlands und der Orkneys.“ – sowie ein erfrischend eigenständiger Denker. „Dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, macht nichts, solange es weiter so aussieht, als würde sie es tun und ihr Auftauchen vorhersehbar ist. Denn die Wurzeln dieser Frage – wo bin ich – , sind nicht so sehr philosophisch oder wissenschaftlich, sie sind zweckorientiert.“

60° Nord erzählt von des Autors Reisen in der Welt des Nordens. Dabei erfährt man viel Lehrreiches. Etwa dass der öffentliche Verkehr in Grönland per Boot und Hubschrauber stattfindet oder dass die von Reisenden oft beklagte Unordentlichkeit grönländischer Städte darauf zurückzuführen ist, dass es in Grönland keinen Landbesitz gibt. Wie bei jedet Begegnung mit fremden Kulturen wird man dabei oft auf sich selbst zurückgeworfen. Ob es in Shetland Robben gäbe?, wird er gefragt. Ja, gibt es. Und warum esst Ihr die nicht?

Wie es Reiseberichten eigen ist kommt auch die Geschichte nicht zu kurz. Mehr angesprochen haben mich die persönlichen Reflexionen grundsätzlicher Art, zu denen das Reisen in besonderem Masse einlädt. „Als mein Vater starb, erfuhr ich, dass Verlust immer bei uns ist. Er ist kein Riss in unserem Leben, keine plötzliche Pause, kein Ende. Verlust ist eine beständige Kraft, ein Sein, das sich in uns und ohne uns bewegt. Er ist ein unaufhörlicher Prozess, von dem wir, wenn wir wollen, Zeuge sein können.“ Wenn wir uns darauf einlassen, können wir der Schönheit und der Freude näherkommen.

Reisen, so denkt es bei dieser Lektüre immer mal wieder in mir, hat eindeutig das Potential, uns selber näher zu kommen. Weil wir aus dem Gewohnheiten herausgerissen werden, wir bereit sind, uns überraschen zu lassen, die üblichen Ablenkungen nicht funktionieren. Als Malachy Tallack mit einer Grippe in seiner grönländischen Hütte festsitzt, notiert er. „Die Stunden vergingen nur langsam. Ich las, doch es fiel mir schwer, mich lange zu konzentrieren. Ich machte den Fernseher an, schaltete aber wieder aus, als ich sah, was da kam.“

In Kanada ist er unterwegs – „Etwa vierzig Prozent seiner Landmasse liegen nördlich des sechzigsten Breitengrades – ein riesiges Gebiet, in der Grösse vergleichbar m gesamten Europäischen Union.“ – , wo ihm seine Reise in den Norden wie ein Traum vorkommt. „Aber es war nicht mein eigener Traum. Es war eher so, als würde das Unbewusstsein von jemand anderem auf die Scheibe projiziert.“

So sehr 60° Nord von des Autors Erlebnissen handelt, eine Nabelschau ist es nicht, sondern erzählt auch die Geschichten der Menschen, mit denen er auf seiner Reise Bekanntschaft gemacht hat. Zu meinem Erstaunen erfahre ich, dass viele, die im Norden leben, nicht dort aufgewachsen, sondern dort hingezogen sind. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Zu den wichtigsten Lektionen, die man dabei lernt: Alles ist miteinander verbunden, auch wenn wir viele dieser Verbindungen nicht wahrnehmen können.

Auch in Alaska und in Sibirien, diesem Riesengebiet mit vierzig Millionen Einwohnern, das grösser als Amerika und Europa zusammengenommen ist, war er unterwegs. Und St. Petersburg, Finnland, das weitgehend politisch autonome Åland sowie Schweden und Norwegen hat er besucht.

Malachy Tallack ist ein aufmerksamer, neugieriger und interessierter Reisender, der sich auch Fragen stellt, die viele für Antworten halten. So kann man vielerorts hören, es gehe darum, seinen Platz in der Welt zu finden. „Wie können wir wissen, frage ich mich, wann wir unseren Platz in der Welt gefunden haben? Wie können wir wissen, wann wir unsere Wanderschaft beenden müssen?“ Natürlich, das sind rhetorische Fragen, die auch von der Nostalgie beeinflusst sind. Übrigens: Die Nostalgie ist eine Krankheit, die erstmals von Schweizer Ärzten im späten siebzehnten Jahrhundert beschrieben worden ist. Auch das lerne ich aus diesem Buch.

Von der Faszination des Nordens und der Suche nach einem Zuhause lautet der Untertitel. Was die Frage aufwirft: Hat er ein Zuhause gefunden? Immer mal wieder, für eine gewisse Zeit. 60° Nord ist ein realistisches Buch.

Apropos sechzigster Breitengrad: Der Breitengrad ist keine Linie, sondern so recht eigentlich eine vollkommen willkürliche Grösse – und genau dies ist es, was den Autor für ihn einnimmt. Wunderbar!

Fazit: Clever, Perspektiven-verschiebend, inspirierend.

Malachy Tallack
60° Nord
Von der Faszination des Nordens und der Suche nach einem Zuhause
btb, München 2022

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