Die Geschichte packt einen sofort, das liegt am dem sehr eigenen, fesselnden Rhythmus. Worum geht’s? Eine Ballettschule in einer amerikanischen Kleinstadt, die die Schwestern Dara und Marie Durant von ihrer Mutter geerbt haben. Ein Ort der Sehnsucht. Wer darf wen spielen? Stress. Neid und Eifersucht.
Charlie, der ehemalige Lieblingsschüler der verstorbenen Madame Durant, stösst dazu. Dara und er heiraten. Ein Feuer bricht in der Schule aus und wird von der Feuerwehr gelöscht. Hat Marie es gelegt? Der Bauunternehmer Derek, der sich den Schaden ansieht, wittert einen Grossauftrag: Wäre es nicht gescheiter, anstatt zu reparieren, neu- und auszubauen? Marie, Charlie und Dara stimmen zu.
Es wird gebaut, die Proben für den Nussknacker schreiten voran. Megan Abbott versteht es ausgezeichnet, die Proben-Atmosphäre an dieser Ballettschule zu vermitteln. Prägend dafür ist die Lebensphilosophie der verstorbenen Mutter Durant: „Ballerinen sind für immer Mädchen. Nichts ändert sich je. In dieser Hinsicht ist Ballett wie der Garten Eden.“ Allerdings einer der Schmerzen, die es auszuhalten gilt. Wer keinen Schmerz spürt, hat nicht genug trainiert.
Ballett bedeutet auch eine Verstümmelung des Körpers, und speziell der Füsse. „Sechs Jahre nachdem er hatte aufhören müssen, waren seine Füsse immer noch Tänzerfüsse. Hart und knorrig und hufähnlich. Aber nicht halb so zugerichtet wie ihre, hässlich wie die einer Krähe, oder Maries, die ihr Vater immer die Bumerangs genannt hatte.“ Und diese Verstümmelungen werden verklärt. „Jolie-laide, hatte ihre Mutter immer behauptet. Für sie waren alle Tänzerfüsse schön, schön nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, ihrer Verkrümmungen, ihres Kampfes gegen die Natur, gegen den Körper selbst. Was könnte schöner sein, hatte sie immer gesagt, als so ein Wille.“
Charlie ist ein körperliches Wrack. „Für uns ist der Schmerz anders“, sagt Dara zu Derek. Tänzer würden den Schmerz zum Freund machen. Nichts, so scheint es, dass man sich nicht schönzureden imstande ist. Es geht ums Sich-Beweisen, es ist eine ungeheure Schinderei, die da den Schülern abverlangt wird, eine Schinderei, die sowohl Dara, Marie und Charlie kennen.
Wenn Derek in ihre Nähe komme, könne sie nicht atmen, sagt Marie. Auch Dara fühlt sich in seiner Gegenwart nicht wohl. Ihre Ballettwelt verträgt keine Einmischung von aussen. Doch dann lässt sich Marie auf Derek ein, sie treiben es miteinander im Studio. Seitdem ist für Dara, die zufällig Zeugin war, das Studio befleckt. Überaus gekonnte schildert Megan Abbott die daraus folgenden Spannungen zwischen den beiden Schwestern.
Derek wird für Marie zur Obsession. Und für Dara genauso, denn er bringt die beiden Schwestern auseinander. Marie geht weg, nach Griechenland und Rom, kommt aber schon bald wieder zurück. Dara, Marie und Charlie sind wieder vereint. Oder doch nicht?
Ein Hin und Her der Gefühle. So etwas wie ein vernünftiger, freier Entscheid kommt so recht eigentlich nie vor. Das Handeln verdankt sich dem Ausgeliefertsein an Mächte, die man nicht kontrollieren kann. Derek scheint die Regie übernommen zu haben, die aufkommende Beklemmung ist fast mit Händen zu greifen. Und dann wird es sehr, sehr spannend …
„Niemand wollte sich der Wahrheit stellen. Dass jede Familie ein Treibhaus war, ein Sumpf. Mit eigener Atmosphäre und eigenen Regeln. Mit eigenen Gesetzen und Göttern. Es würde von aussen niemals Verständnis geben. Das konnte es nicht.“
Aus der Balance erzählt eine sehr verwickelte Geschichte, bei der sich erst nach und nach zeigt, wie die Ereignisse miteinander zusammenhängen. Meisterhaft gelingt es der Autorin, die Spannung nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern nach und nach zu steigern.
Aus der Balance ist ein eindrückliches, fesselndes Buch über die Zwänge aus der Kindheit, die auch unser Erwachsenen-Leben bestimmen. Am Ende, hatte die Mutter sie gelehrt, hat man nur sich. Was eine Anleitung dafür sein könnte, Verantwortung zu übernehmen, wird ins Gegenteil verkehrt. Man schützt sich, indem man Geheimnisse wahrt, Unliebsames verdrängt, nichts anspricht, was die brüchige Gemeinsamkeit gefährden könnte.
Megan Abbott
Aus der Balance
Pulp Master, Berlin 2023


