
Helicônia, Santa Cruz do Sul, am 12. Januar 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Helicônia, Santa Cruz do Sul, am 12. Januar 2022
Will man das Virus bekämpfen oder das System (Föderalismus, Gesundheitswesen) schützen?, war die Frage, die sich zu Beginn der Covid-19 Pandemie stellte. Die Priorität hatte der Systemschutz. Das war ein instinktiver und nicht etwa ein rationaler Entscheid, denn uns Menschen – das Unvertraute (das Virus) ängstigt uns – geht es vorrangig immer um Sicherheit, also um die Bewahrung von dem, was wir kennen. Wäre unser System wirklich so gut (und wir selber so kompetent und sachlich), wie wir annehmen, hätte das möglicherweise sogar funktionieren können. Doch das hat es nicht, denn ein Virus weiss nichts vom Föderalismus.
„Krankheitserreger, die weltweite Pandemien auslösen, sind blinde Passagiere.“ So lautet der erste Satz dieses fachübergreifenden Werkes. Es ist ein Satz, der einen innehalten lassen sollte – auf dass sich einem die Brisanz erschliessen möge, die sich darin versteckt: blinde Passagiere bemerkt man nicht, sie reisen gleichwohl mit.
Bereits nach den ersten fünfzig Seiten dieses insgesamt 500 Seiten zählenden Werkes ist mir klar, dass ich es hier mit differenzierter, sachlicher Aufklärung zu tun habe, die sich dadurch auszeichnet, dass sie über das weltweite Geschehen informiert und Zusammenhänge aufzeigt, die unsere Impulshandlungen künftig (hoffentlich) in ihre Schranken zu weisen vermag. So führte etwa die MERS-Pandemie von 2012 zu einem internationalen Forschungsverbund, zu dem auch Labore in Wuhan und Bellinzona gehören. „Auch wenn die Hypothese einer natürlichen zoonotischen Übertragung alle wesentlichen Argumente auf ihrer Seite hat, sollte die Möglichkeit einer unbeabsichtigten Freisetzung einer Genomvariante des Virus aus den Forschungslabors von Wuhan, Bellinzona, Chapel Hill und Boston weiterdiskutiert werden.“ Und zur Gates-Dämonisierung merkt der 1942 geborene Autor, der sowohl in Medizin als auch in Geschichte promovierte, an, dass US-amerikanische Grossstiftungen bei der Internationalisierung des Public Health und der internationalen Seuchenhygiene traditionell eine entscheidende Rolle spielen und die 1946 gegründeten Centers for Disease Control und die National Institutes of Health schon lange weitgehend von Stiftungen gesteuert werden.
Wir leben in Zeiten der Profitmaximierung und da erstaunt es wenig, dass die nationalen Pandemiepläne sich auch an den Begehrlichkeiten der Pharmaindustrie, deren Vertreter in der WHO über Einfluss verfügen, orientieren. Gekoppelt mit der uns Menschen eigenen Tendenz, möglichst nichts zu ändern (ausser man muss), ist die Fixierung auf kurzfristige Gewinne so recht eigentlich ein Rezept für den Untergang. Weder wurden bei Pandemie-Planspielen die „im Just-in-time getakteten Verteilungskreisläufe der Pharmagrosshändler und Apotheken“ noch der „aus Kostengründen forcierte Abbau der Krankenhauskapazitäten“ angetastet. Dass die Sicherheit eines Systems zu garantieren, nicht bedeutet, nur ja nichts zu ändern, werden vermutlich viele theoretisch anerkennen, verhalten werden sie sich trotzdem nicht entsprechend. Der Mensch mag potentiell vernunftbegabt sein, im praktischen Leben ist er es nicht.
Dass es Menschen gibt, die durchaus sehen, was in einer Pandemie auf uns zukommen kann, zeigt dieses Buch an zahlreichen Beispielen. Und manchmal kann man kaum glauben (zugegeben, ich spreche von mir), was man da liest: So wurde etwa im Oktober 2019 in New York ein Pandemie-Szenario durchgespielt, das Regierungen auf einen möglichen Pandemiefall vorbereiten sollte. „In diesem Sinne veröffentlichten das World Economic Forum, die Bill & Melinda Gates Foundation und das Center for Health Security am 17. Januar 2020 eine Sieben-Punkte-Erklärung, in der sie die Zielstellungen des ‚Event 201‘ nochmals zusammenfassten (…) Aber auch diese Warnrufe verhallten ungehört.“
Karl Heinz Roth bezeichnet das Unterbleiben von Vorsorgemassnahmen als grosses Rätsel und meint, es liege zum Teil an den Pandemie-Planspielen, die auf Worst-Case-Szenarien ausgerichtet gewesen seien statt auf „variierende und vor allem ’nur‘ mittelschwere Pandemiekonstellationen“ sowie auf den Rückbau des öffentlichen Gesundheitswesens. Der zweite Grund scheint mir plausibel, der erste nicht, denn auch der adäquat informierte Mensch wird sich ausgesprochen dumm verhalten, wenn seine Gewohnheiten (von denen er partout nicht lassen will, wie auch der Klimawandel zeigt) davon betroffen sind.
Blinde Passagiere zeichnet die Ausbreitung von Covid-19 umfassender nach als die mir bisher bekannten Werke. So war mir nicht geläufig, dass der Iran und Ägypten „eine wichtige Rolle bei der Beschleunigung des Gesamtprozesses gespielt haben.“ Dabei gilt sich vor Augen zu halten (was der Autor tut), dass die Informationen, die hier vorgelegt werden, bestenfalls Annäherungen an das wirkliche Geschehen sind. So erinnere ich mich an einen Fernsehbeitrag über die Situation in Malawi, wo viele Menschen Krankenhäuser meiden, die sie mit ‚White Voodoo‘ bezeichnen, und es vorziehen, zuhause zu sterben – woran weiss niemand.
Unter den wichtigsten Merkmalen der Pandemie führt Karl Heinz Roth auch die unterschwellige Ausbreitung des Virus an. „Wenn mehr als die Hälfte der Infizierten keine relevanten Krankheitssymptome entwickelt, ist es unmöglich, das tatsächliche Ausmass der Durchseuchung einer Gesellschaft zu erkennen.“ Es sind unter anderem solche Informationen, von denen man sich wünschte, sie wären allgemeiner bekannt bzw. sie würden uns leiten.
Die Suche nach pharmakologischen Substanzen mittels derer die Ausbreitung des Virus im menschlichen Körper zu stoppen und Organschäden zu verhindern wären, lief auf Hochtouren. Eines der Mittel, das eine Zeitlang Aufsehen erregte, war Remdesivir, für das der Hersteller, Gilead Sciences, von den US-Sozialkassen 390 US-Dollar und von Privatkrankenkassen 520 US-Dollar pro Ampulle wollte. Wie kommt man bei einem Gestehungspreis von 0,93 Dollar, was pro Behandlungsfall einen Gesamtaufwand von 10 Dollar ausmacht, auf solche Beträge? „Begründet wurde diese horrende Forderung mit einer Gegenrechnung der durch die Anwendung eingesparten Krankenhauskosten – ein in der Pharmaindustrie seit einigen Jahrzehnten übliches Verfahren.“ Ein übliches Verfahren? Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus …
Karl Heinz Roth setzt sich in diesem Werk mit so ziemlich allen denkbaren Aspekten der Coronoakrise auseinander. Den Lockdowns, die vor allem geschadet, doch kaum (wenn überhaupt) etwas gegen die Ausbreitung des Virus genützt haben, so sie wirkten als Beschleuniger der Automatisierung wie auch der Digitalisierung. Dem grösser gewordenen Reich/Arm-Gefälle. Den Medien-Intellektuellen, die vor allem dann reüssierten, wenn sie die herrschende Panik noch verstärkten. Den Impfgegnern, die es schon immer gegeben hat. Dem globalen Gesundheitswesen, das von den Gesetzen des Marktes regiert wird. Und und und …
Blinde Passagiere zeigt anhand der Coronakrise wie „unser“ Profit-System funktioniert und macht unter anderem deutlich, dass die Gegenmassnahmen in Asien, Europa, den USA und Lateinamerika sich zum Teil beträchtlich voneinander unterschieden. Dass man voneinander lernen kann, mag in der Wissenschaft vorkommen, in der Politik (der Durchsetzung von eigensüchtigen Interessen) hingegen eher nicht, weshalb denn auch Hegel gemeint hat, aus der Geschichte liesse sich nur lernen, dass man nichts aus ihr lerne. Doch da alles sich ständig ändert, besteht auch die Chance, dass unsere Prioritäten sich ändern könnten.
Fazit: Eine enorme Fleissarbeit und ein überzeugendes Grundlagenwerk, das so ziemlich alles berücksichtigt, was analysiert gehört, um künftig angemessen auf Pandemien reagieren zu können.
Karl Heinz Roth
Blinde Passagiere
Die Coronakrise und die Folgen
Kunstmann, München 2022

Tramandaí, Rio Grande do Sul, Brasilien, am 24. Februar 2022
„Ich weiss nicht, wie ich meine Gefühle benennen soll – sie reichen jedenfalls tiefer als blosse Neugier oder Interesse, und sie sind gewichtiger als die Freude, die ein Historiker oder Kunstliebhaber angesichts uralter Gebäude oder einer seit Jahrhunderten unveränderten Liturgie empfindet …“ , notiert Patrick Leigh Fermor in seiner Einführung und beschreibt damit auch meine eigenen Empfindungen in Bezug auf Klöster, wobei meine Zeit als Klosterschüler, an die ich nur vage, aber ungute Erinnerungen habe, davon kaum betroffen sind. Dafür ist es mein letzter Aufenthalt in einem ungarischen Kloster vor einigen Monaten, für ein paar Tage nur, wo die Schlichtheit der Zelle mich auf Wesentliches fokussieren liess: Auf das Hier und Jetzt.
Darf ein Aussenstehender sich eigentlich zum klösterlichen Leben äussern?, fragt sich der Autor. So lange er keinen Zweifel daran lasse, dass er hier ausschliesslich seine persönliche Meinung wiedergebe, sei das kein Problem, sagt ein ihm wohlgesinnter Abt. Gibt es eigentlich Meinungen, die nicht persönlich sind? Ich zumindest kann mir keine solchen vorstellen.
Patrick Leigh Fermor berichtet in diesem schmalen Band von seiner Zeit (die Originalausgabe erschien 1957; die vorliegende, von Dirk van Gunsteren hervorragend übersetzte Version stammt aus dem Jahre 1982) als Gast in französischen Klöstern, wo er in der Abgeschiedenheit zu schreiben plant. Zudem beschreibt er seine Eindrücke von den Felsenklöstern von Kappadokien. Er erzählt von der Geschichte der Klöster, die einen wenig von Bildung Begeisterten etwas frustriert zurücklässt, doch erfreulicherweise schildert er auch seine Gefühlslage (ich hätte mir mehr davon gewünscht), denn es sind des Autors Beobachtungen und Erfahrungen, die mir Eine Zeit der Stille wertvoll machen.
Das Leben innerhalb des Klosters und das Leben draussen „haben gar nichts miteinander gemeinsam“, befindet er. Das liegt wesentlich daran, dass die Zeit hinter Klostermauern langsam vergeht. Dem umtriebigen Menschen draussen ist hingegen wichtig, dass alles schnell geht – von der Zeit weiss er nur, dass er sie nicht wahrnimmt. Allmählich lernt Fermor jedoch, dass auch im Kloster die Zeit schnell vergeht …
Er muss sich umgewöhnen. „… es deprimierte mich, dass mir das gewohnte reichliche Quantum Alkohol versagt war.“ Die anfängliche Müdigkeit und Rastlosigkeit weicht bald einem neuen Tatendrang. Hellsichtig notiert er: „Die Werte, nach denen die Mönche streben, sind dieselben geblieben, während die der Welt ringsum kaleidoskopische Veränderungen erfahren haben. Es ist eigenartig, dass eine Welt, die sich jährlich ändernden Moden unterwirft, dem klösterlichen Leben mit Spott begegnet.“
Nicht von den Aufregungen und Moden des Tages aufgefressen zu werden, sondern durch eine strenge und starre Ordnung das Gleichförmige und mithin Ewige anzustreben, das bedeutet für mich eine Klosterexistenz. Klöster sind aus der Zeit gefallen und das ist gut so, denn Orte der Besinnung tun Not. Allzu viele werden es wohl nicht mehr sein, denn zu gross ist der heutzutage allumfassende Druck, profitabel zu sein.
Klöster sind verschieden, die Ordensregeln genauso. Benediktiner pflegen andere Vorstellungen als Trappisten. Auch davon handelt dieses Buch. „Der Tagesablauf in einem benediktinischen Kloster war mir anfangs streng erschienen, doch verglichen mit dem trappistischen Horarium ist er die reinste Sommerfrische.“
Eine Zeit der Stille ist eine hilfreiche Einladung, sich auf Wesentliches zu besinnen.
Patrick Leigh Fermor
Eine Zeit der Stille
Zu Gast in Klöstern
Dörlemann, Zürich 2022

Tramandaí, Rio Grande do Sul, am Abend des 23. Februar 2022
Ein solch grossformatiges und schweres (11 Kilo zeigt meine Waage an) Buch hatte ich noch nie in Händen: Hardcover, 37,2 x 53 cm, 748 Seiten.
Über 700 Titelseiten, alle im Zeitungsformat, je eine Seite aus jedem Monat seit dem 24. Juni 1952, dem Gründungstag von BILD.
Hier eine Auswahl meiner Lieblingsüberschriften:
Das verdammte Geld machte meinen Mann zum Spion (31. Oktober 1968).
Sex-Droge: Bein steif (24. November 1986).
Rezept für glückliche Ehen: ein bisschen schwindeln (13. Dezember 1986).
Honecker lebt, liest BILD, und ärgert sich (13. September 1989).
Macht das Handy Männer doch unfruchtbar? (25. Oktober 2006).
„Zuweilen reflektierten die Titelzeilen keine Realität mehr, sondern wurden kunstvoller Selbstzweck – bis hin zur dadaistischen Lautmalerei“, schreibt Stefan Aust in seinem Beitrag „Keine Atempause: 60 Jahre BILD“. Beispiele gefällig? „Franzi, Franzi, wunderbar.“ „Guru Franz – meine Botschaft. 1. Kehrt um, liebt euch 2. Wir sind unsterblich 3. Lebt wie Brüder und Schwestern“. „Brando frisst sich tot“. „Naddels Pfui-TV, Kanzler tobt“.
Ferdinand von Schirach hat auch einen Text beigesteuert („Paternoster“). Darin erfährt man unter anderem, dass er nach Alpträumen zum Bücherschrank geht und in den alten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts liest. Zudem zitiert er den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, mit dem Satz: „Für die BILD-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“
Laut Sebastian Turner („Gefühlte Geschichte“) ist es das Wechselspiel von Bild und Text, das die BILD-Zeitung ausmacht: „… die Text-Foto-Spannung lädt BILD auf. Gefühl kommt zum Bild erst durch das Wort und die Aufladung zwischen beiden. Als Axel Springer ‚Bild‘ sagte, hatte er Spannung gemeint.“ Es lohnt, sich das vorliegende Werk mit diesem Gedanken im Kopf vorzunehmen.
Das BILD-Buch ist nicht zuletzt ein Zeitdokument. Das will nicht heissen, dass es beziehungsweise die BILD-Zeitung die jeweilige Zeit abbildet (das tut kein Buch und keine Zeitung), das will heissen, dass wir die jeweilige Zeit durch die BILD-Sicht zu sehen kriegen. Gleichzeitig jedoch, und in diesem Sinne ist dieses Buch auch Zeitdokument, können wir mitverfolgen, welche Ereignisse den damaligen Zeitungsverantwortlichen Wert schienen, ihrer Leserschaft mitgeteilt zu werden – dabei staunt man, wie vieles einem nicht oder nicht mehr präsent ist.
Pocken-Alarm in aller Welt (12. Januar 1962).
US-Negerführer: Die schwarze Revolution hat begonnen (25. Juli 1967).
Es ist einfach herrlich! Die farbige Mattscheibe verzaubert alle (26. August 1967).
Ehebruch nicht mehr strafbar (31. Oktober 1968).
Was sind das eigentlich für Leute, die für BILD texten? Einer von ihnen ist Franz Josef Wagner, der bekennt: „Ich schreibe gern für BILD. Weil ich schreien darf, mich aufregen darf.“ Wenn dabei Sätze rauskommen wie „Wir sind Papst“ ist das echt toll, bei Sätzen wie (in Sachen Guttenberg) „Wir finden die GUTT! Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“ ist das hingegen mehr als bedenklich, aber eben auch eine treffende Selbstcharakterisierung.
Das BILD-Buch
Taschen, Köln 2012

Estrelícia, Torres, Brasilien, am 22. Februar 2022
Auf dem Umschlag von Alkohol, bei Ink Press in Zürich erschienen, sind Kalin Terzijski und Dejana Dragoeva als Autoren aufgeführt, doch nur von Kalin Terzijski erfährt man, wer er ist: Ein studierter Mediziner, der einige Jahre als Psychiater gearbeitet hat. Im Prolog beschreibt Dejana Dragoeva ihre Mitarbeit bei diesem Buch so: „Meine ‚unsichtbare‘ Rolle bestand darin, die Linien vorzuzeichnen, auf welchen alle Seiten geschrieben wurden. Die Seiten so zusammenzufügen, dass aus einem verstreuten Puzzle unzusammenhängender Gedanken eine Geschichte sowohl mit einer Story als auch mit einem Plot entstand.“
Kajo, der Protagonist der Geschichte, wollte schon als Kind Alkoholiker werden, denn er empfindet das Leben als sinnlos. „So gelangte ich zur diffusen, aber immer stärker werdenden Überzeugung, dass ich Alkoholiker werden musste.“ Er schildert das als einen bewussten Entscheid, zimmert sich rationale Gründe zurecht und glaubt sie offenbar. „Der Rausch ist der einzige Zustand im Leben, der sich lohnt.“
Ich kann mit solchen wenig inspirierenden Selbstrechtfertigungen, die sich gelegentlich als ziemlich abstruses Loblied auf Alkoholiker lesen („Die Freiheit des Alkoholikers liegt darin, dass er die Welt nicht ändern will.“) nichts anfangen, sie ermüden mich nur; andere Aspekte dieses Buches sprachen mich weit mehr an. Die Schilderungen aus der Psychiatrie etwa, als er „der seriöse, traurige, nette, kühle, grausame Arzt gewesen war, der durch die Alleen zwischen den Baracken der Klinik umherwanderte und versuchte, seine eigene Seele zu retten, indem er seine Hand ängstlich den Seelen der anderen entgegenstreckte. Der von der Welt verlassenen Verrückten.“
Als er dann die Medizin, die Familie (von seiner Frau und seinem Kind erfahren wir nicht viel – das ist nicht weiter verwunderlich, Alkoholiker sind fast ausschliesslich mit sich selber beschäftigt) und das sogenannt normale Leben aufgibt, „war ich in den Kreisen der normalen Menschen nicht mehr erwünscht.“
Doch was sind normale Menschen? Was ist ein normales Leben?
„Normal nenne ich aus Gewohnheit jene, die vor allen Angst haben, die anders sind als sie. Es graut ihnen vor dem Scheitern, und deshalb hüllen sie sich in Überheblichkeit ein. In diesen Kreisen – der normalen Menschen – sind Verräter gar nicht willkommen. Verräter nennen die Normalen jene, welche der Idee der Unterwerfung unter den gigantischen Mechanismus – unter die Fleischmühle, in welche lebende, blutige Körper eingehen und unmenschliche Werbegesichter und Autobiografien aus Pappe herauskommen – fremdgegangen sind.“
Im Laufe der Geschichte tritt immer wieder die Wahrsagerin Marta auf, deren Rolle sich mir nicht wirklich erschlossen hat. Im Klappentext erfahre ich, sie gebe Kajo via diverser Skype-Gespräche „durch einen manipulierten Zwist mit seinem besten Freund Martin Karbovski seine Würde zurück und den unbändigen Willen, ohne Alkohol zu leben und zu schreiben.“ Das muss ich überlesen haben.
Wie auch immer, jedenfalls hört Kajo auf zu trinken. Und jetzt beginnen die für mich stärksten Szenen dieses Buches. „Eines Abends sass ich am leeren Tisch. Ich starrte die weisse Wand an und trank nicht. Ich trank einfach nicht. Es war grossartig. Als wäre ich in einer gotischen Kathedrale. Als wäre ich selbst eine gotische Kathedrale. Streng, vernünftig und trocken.“ Er wird zum Kämpfer. „Ich durchlebte die ungeheuren Schmerzen und die Hölle der Abstinenz. Ich zermalmte sie mit meinem Willen. Und war stolz auf mich selbst. Ich war ein Sieger.“
PS: Von den ersten Seiten an sei ihr klar gewesen, dass Alkohol kein Bekenntnisbuch sei, sondern ein Poem, über die eigene Generation, schreibt die 1981 in Sofia geborene und mittlerweile in Zürich lebende Übersetzerin Viktoria Dimitrova Popova im Nachwort. „Das war er, der Roman aus Bulgarien, auf den ich seit der Wende gewartet hatte, der auch mich betraf und erschütterte …“.
Kalin Terzijski
Dejana Dragoeva
Alkohol
INK PRESS, Zürich 2015

Palmenmuster, Santa Cruz do Sul, 2. Februar 2022
Saugut und ein wenig wie wir handelt von unserer Beziehung zum Schwein. „Das Schicksal des Schweins ist ein Ergebnis unserer Schaffens- und Urteilskraft. Wir haben es domestiziert und am Ende einer langen Entwicklung eingesperrt. Deshalb ist die Geschichte des Schweins ebenso eine Geschichte des Menschen.“ Die Ähnlichkeit zwischen Schwein und Mensch ist in mancher Hinsicht so gross, dass manche sich fragen, ob die Evolutionsforschung da nicht etwas übersehen hat und wir vielleicht näher miteinander verwandt sind als wir das bisher angenommen haben.
So verläuft etwa die Krebserkrankung beim Schwein ähnlich wie beim Menschen. Auch sind Schweine Organspender. „Schon 1838 bekam ein Patient in England eine Hornhaut, die von einem Schwein stammte – ganze 65 Jahre, bevor die erste Hornhaut von Mensch zu Mensch transplantiert wurde.“ Zudem sind Schweine und Menschen Allesfresser, ernähren sich von Fleisch und von Pflanzen. Erst mit dem Feuer, das uns zu kochen erlaubte, wurde deutlich, dass es in Sachen Essen Unterschiede gab.
Unser Fleischverbrauch hat in den letzten fünfzig Jahren stetig zugenommen, Schweinefleisch ist die mit Abstand meist verzehrte Fleischsorte der Welt. Wie kommt es bloss, dass diese riesige Industrie weitestgehend unsichtbar ist?, fragte sich Kristoffer Hatteland Endresen, der fast täglich Schweinefleisch isst, obwohl er jegliche Form von Nutztierhaltung ablehnt, und begab sich auf Spurensuche.
„In der Diskussion über den Fleischkonsum und den dadurch bedingten Effekt auf unser Klima muss man so viele Fallgruben umschiffen und so viele Perspektiven berücksichtigen, dass einem fast schwindelig wird.“ Obwohl Fleischesser, betrachtet der Autor sich weder als Idealist noch als Ignorant. In unseren Zeiten der Interessenskonflikte ist das keine bequeme Lage, doch es ist die einzige, die das Potential hat, uns weiterzubringen.
Um herauszufinden wie es um die Schweinezucht in Norwegen bestellt ist, bemüht er sich um einen Job bei einem Schweinebauer, der sich genauso zwischen Stühlen und Bänken befindet wie alle anderen, die ihren Denkapparat nicht gänzlich abgeschaltet haben. „Diese Aktivisten sind schon
schlimm, aber die Lebensmittelaufsicht ist manchmal auch nicht besser. Die Inspektoren haben oft keine Ahnung und fordern Massnahmen, die für uns Bauern enorme Konsequenzen haben.“
Was Kristoffer Hatteland Endresen antrifft, sind Lebensumstände, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Und ich wundere mich darüber. „Auf diesen sechs Quadratmetern verbringen die Schweine ihr gesamtes Leben, wobei die Zeit, die ihnen bleibt, nicht lang bemessen ist. Es dauert nur etwa sechs Monate von der Geburt bis zu dem Tag, an dem sie im Lastwagen zum Schlachthof gefahren werden. In dieser Zeit erleben sie nicht viel, sie haben nichts zu tun, können lediglich entspannen und auf die nächste Fütterung warten. Es gibt nichts zu erforschen, nichts, für das sie ihre Instinkte einsetzen könnten – nur Streu und Heu, für das sie sich aber nicht sonderlich zu interessieren scheinen.“
Saugut und ein wenig wie wir behandelt das Thema Schwein aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, von seinem ausgeprägten Geruchssinn zum religiös begründeten Verbot dieses Tier nicht essen zu dürfen bis zu Glaubenskriegen über Fragen von rein und unrein. Der Autor zeigt nicht nur sehr schön auf, wie alles mit allem zusammenhängt, sondern macht auch deutlich, dass der Mensch von dieser Komplexität überfordert ist und sich deswegen Schlachtfelder sucht, wo es angeblich um Recht und Unrecht geht.
Heutzutage erfolgt die Zucht mittels künstlicher Besamung. „Ausgangspunkt war die Entdeckung der Samenzellen im eigenen Sperma durch den Niederländer Anton van Leeuwenhoek in den 1670er Jahren.“ Van Leeuwenhoek war Tuchhändler, entwickelte ein kompaktes Mikroskop, weil er Stoffe genauer untersuchen wollte und entdeckte als erster Mensch auf dem Stoff Bakterien. In der Folge nahm er den Samen ganz unterschiedlicher Tiere unter die Lupe. Es sind solche Zusammenhänge, die mich ganz besonders faszinieren und dieses Buch ist voll davon.
Kristoffer Hatteland Endresen hat nicht nur eine ungeheure Fülle von Informationen verarbeitet – das Buch ist nicht zuletzt eine beeindruckende Fleissarbeit – , er erzählt auch von seiner Arbeit mit den Schweinen, von seinen Versuchen, sie mit ihm vertraut zu machen, von der Ruhe im Stall am frühen Morgen („Die Zeit, von der man sich wünscht, sie würde länger dauern, die aber unerbittlich verrinnt, wenn die Kollegen einer nach dem anderen, kommen.“), von seinen Überlegungen zur Schönheit und Hässlichkeit.
Wie jedes wirklich gute Buch so ist auch dieses eine Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens, wobei unter anderen auch Ludwig Wittgenstein, Charles Darwin und Umberto Eco zu Wort kommen. Können wir uns in die mentale Welt der Tiere versetzen? “… sie sieht mir in die Augen, wie ein Mensch. Aber vielleicht projiziere ich da etwas hinein. Andererseits haben ihre Augen etwas, das mich ganz konkret an meine eigenen erinnert. So etwas habe ich vorher bei noch keinem Tier gesehen.“
Wir können uns nicht in Tiere versetzen. Einige haben es versucht und sind gescheitert. „Wie kann ich das Verhalten der Tiere richtig deuten, wenn ich schon bei vielen Menschen Schwierigkeiten damit habe?“ Letztlich bleibt uns nur, die Tiere nach menschlichen Kriterien zu beurteilen. Und vor allem, nützliche Fragen zu stellen. So meinte etwa der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham schon 1780: „Die Frage ist nicht ›Können sie denken?‹ oder ›Können sie sprechen?‹, sondern ›Können sie leiden?‹.“
In der Natur ist ›das Leid‹ normal, es gehört zum Alltag; in unserer Wohlfühlgesellschaft hat es jedoch keinen Platz, denn diese ist nicht normal, sondern hochgradig artifiziell. „Weil wir aber wissen, dass das Leid trotz allem existiert, ist es in unseren Köpfen zum Monster geworden. Diese Angst sowie das Streben nach Wohlbefinden projizieren wir auch auf die Tiere. Wie zweckmäßig ist das?“ Gute Frage! Kristoffer Hatteland Endresens Ausführungen dazu sind lohnenswert.
Fazit: Eine vielfältige, aufschlussreiche und erfreulich persönliche Kulturgeschichte des Schweins.
Kristoffer Hatteland Endresen
Saugut und ein wenig wie wir
Eine Geschichte über das Schwein
Westend, Frankfurt am Main 2022