
Marin County Civic Center, San Rafael, California, Dezember 2017
Hans Durrers Buchbesprechungen

Marin County Civic Center, San Rafael, California, Dezember 2017
Der Autor wacht auf, beschreibt, was er wahrnimmt, spürt, sich vorstellt. Er stellt sich viele Fragen, unterscheidet zwischen Traum und Wirklichkeit. Er tut, was wir alle tun – er interpretiert zu viel. Doch im Gegensatz zu den meisten beobachtet er genau und stellt fest: Die Teile im Zimmer, die er sieht, gehen direkt über in die anderen Teile, die er sieht. „Die Welt hat keine (für mich sichtbaren) leeren Stellen. Nicht mal Trennlinien, wie ein Puzzle. Auch nicht an den Rändern. Sie ist nahtlos.“
Tim Parks, in Manchester geboren und seit 1981 in Italien lebend, ist ein Vielschreiber, ein höchst talentierter und wunderbar anregender notabene, bei dem mir immer mal wieder durch den Kopf geht, was sich David Foster Wallace über John Updike gefragt hat: Hat er eigentlich jemals einen unveröffentlichten Gedanken gehabt? Anders gesagt: Mir ist vollkommen unverständlich, wie jemand dermassen viel und derart gut schreiben kann. Ein workaholic, kein Zweifel, und für Leser wie mich ein Glück.
Womit auch immer er sich schreibend beschäftigt, er tut es eloquent, witzig und intelligent – wie es zivilisierten Engländern oft eigen ist. In seinem neuesten Werk macht er sich auf die Spur des Bewusstseins – das Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg hat ihm „ein ansehnliches Honorar angeboten“, um „an einem Projekt teilzunehmen, bei dem ‚Schriftsteller zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Institute der Universität Heidelberg geschickt werden‘ sollten, um herauszufinden, ‚ob die „Naturwissenschaften“ in der Lage wären, ein Konzept für eine „neue Metaphysik“ zu entwickeln.“
Sein Aufenthalt in Heidelberg erweist sich auf vielfältige Art und Weise als aufschlussreich, nicht nur für ihn, auch für den Leser, nicht zuletzt, weil der Autor sogenannt Privates und Studienprojekt neben- und miteinander beschreibt, wie das ja auch im richtigen Leben so ist. Die junge Partnerin, der Regen, der kaputte Schuh und mehr oder weniger gleichzeitig die Frage, ob im Gehirn eine Schlacht zwischen ‚kriegerischen Neutronennetzwerken‘ stattfinde – wir Menschen sind höchst wunderliche Kreaturen!
Bin ich mein Gehirn? bietet Einsichten der unterschiedlichsten Art. So erfährt man etwa, dass es auf der Welt keine Farben gibt, sondern alle Farbtöne in unserem Gehirn erzeugt werden. Nicht etwa, dass dieses Wissen Konsequenzen haben würde. „Das Gelb existiert natürlich nur in unseren Köpfen“, kommentiert der Autor eine in knalliges Geld gewandete (inklusive Hut) Frau, was von seiner Partnerin wie folgt kommentiert wird: „Trotzdem können wir ihm nicht entkommen. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht aufhören, es uns einzubilden. Und wir nennen es beide Gelb.“
Auch mittels der Sprache erfinden wir uns die Welt – wer hat schon einmal ‚Identität‘, ‚Persönlichkeit‘ oder ‚Charakter‘ gesehen oder angefasst? „Erfahrung gab es nur in unserem Kopf, wo wir mit uns selbst sprachen, uns im Grunde erst ins Dasein hinein redeten.“ Oder ist es vielleicht ganz anders, nämlich, „dass es keine Erfahrung ohne ein erfahrbares externes Objekt gibt?“ Wie auch immer, Fakt ist, dass das, was wir wissen, uns die Welt nicht notwendigerweise anders erfahren lässt. Schliesslich ging alles unverändert weiter, nachdem geklärt war, dass die Erde sich um die Sonne dreht. „Die Leute redeten weiterhin über Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, so als wäre nichts passiert.“
Das Gehirn „ist ein Monstrum an Konnektivität.“ Es besteht gemäss neueren Zählungen aus ungefähr 85 Milliarden Nervenzellen, lese ich und frage mich, wie solch eine Zählung eigentlich möglich ist. Auch dass es pro Nervenzelle etwa 10’000 Synapsen (Verbindungsstellen) geben soll, übersteigt mein Vorstellungsvermögen beträchtlich. Ein Labor zu betreten, wo Neuronen in Aktion aufgezeichnet werden, mutet den Autor an, sich an einem „Ort für Ministranten und Eingeweihte“ zu befinden. „Zwischen den Wissenden, denen, die hier zum Kern des Lebens vordringen, bis in die Neutronen selbst vorstossen, herrscht eine rituelle Atmosphäre, ein tiefer gegenseitiger Respekt.“ Gefragt habe ich mich allerdings, wie man bloss auf die Idee kommen kann, das Sezieren von Mäusegehirnen könnte einen etwas über das Bewusstsein lehren.
Wissenschaftler pflegen ihr jeweiliges Fachgebiet, denken entlang etablierter Vorgaben und sind Neuem gegenüber nicht aufgeschlossener als der Rest der Bevölkerung. „Keine neue Philosophie überzeugt je durch Argumente; weil niemand an der Spitze der Philosophie oder der Naturwissenschaften, niemand, der eine Autorität geworden ist, je zugeben wird, dass er sich geirrt hat“, sagt einer von Parks Gesprächspartnern, selber Professor und Institutsvorsteher.
Bin ich mein Gehirn? macht es möglich, dem Autor gleichsam beim Denken zuzusehen. Dieses ist von einer Entschlossenheit geprägt, den Dingen auf den Grund zu gehen (er bemüht sich wirklich, die Experimente der Neurowissenschaftler zu verstehen – keine einfache Sache!), die mir definitiv abgeht. Näher steht mir hingegen die Erfahrung, die er mit einem Handyfoto gemacht hat (und die ich auch selber oft mache): Er fotografiert einen Stein. Als er das Bild auf dem Display betrachtet, bemerkt er einen Moosfleck auf dem Stein, den er zuvor nicht gesehen hat. Er berührt das Moos mit der Fingerspitze, anschliessend umfasst er mit seiner Hand den Stein – und erlebt, dass das Bewusstsein nichts anderes ist als das Zusammentreffen äusserer Dinge mit den eigenen Sinnen.
Der für mich wesentliche Reiz von Bin ich mein Gehirn? liegt übrigens darin, wie sich der Autor aus antrainierten (Denk)Zwängen zu befreien versucht – etwas, das uns allen gut tun würde.
Fazit: Geistreich, unterhaltsam und vielfältigst lehrreich.
Tim Parks
Bin ich mein Gehirn?
Dem Bewusstsein auf der Spur
Verlag Antje Kunstmann, München 2021
Jasmin Schreiber, Jahrgang 1988, schreibt ein Buch „Über das Leben, das Sterben und den Tod – und was ein Hamster damit zu tun hat.“ Und in mir denkt es: Was will mir eine junge Frau darüber schon sagen, sie soll zuerst einmal leben, ein paar Erfahrungen machen und so weiter. Und dann steht im Klappentext noch „gefeierte Bestsellerautorin“, was für mich gleichbedeutend ist mit Mainstream (und wer will da schon dazugehören?). Gleichzeitig denkt es aber auch dies in mir: Bin neugierig, wie sie das sieht, bestimmt anders als ich. Und dann beginne ich zu lesen und bin sofort ganz begeistert. Wegen der Sprache, dem Stil und dem Rhythmus. Und weil ich einiges lerne.
Die Autorin ist studierte Biologin und ihre Betrachtungsweise eine biologische. „In diesem Buch möchte ich zeigen, wieso der Tod unschön ist, wir ihn aber trotz allem brauchen.“ So habe ich es noch nie gesehen, was womöglich auch daran liegt, dass ich mich bislang nicht mit Biologie auseinandergesetzt habe. Übrigens: Hermine ist ein Zwerghamster, lebte 2,5 Jahre, musste dann wegen schwerer Krankheit eingeschläfert werden – sehr berührend, wie das geschildert wird – und eignet sich, so die Autorin, „hervorragend dazu, Leben und Tod zu erklären.“
Dass wir aus Zellen bestehen, wusste ich, dass diese sich teilen, ebenfalls, doch Zelldifferenzierung? Zellen unterscheiden sich, eine Nierenzelle hat eine andere Aufgabe als eine Blutzelle. Dass Zellen absterben, war mir auch bekannt, doch falsch sei, so erfahre ich, „dass sich der menschliche Körper alle sieben Jahre komplett erneuere.“ Wobei: Es ist so ähnlich. Wie genau, darüber gibt dieses Buch Auskunft.
Wir Menschen sind zwar Teil der Natur, doch erleben wir uns getrennt von ihr. Das liegt an unserem Denken, das in Kategorien von gut und böse, traurig und grausam operiert. Solche Zuordnungen kennt die Natur nicht. „Alles ist darauf ausgerichtet, ohne moralische Wertung und möglichst effizient, die jeweilige Aufgabe zu erfüllen, sodass ein gut funktionierendes ökologisches Gleichgewicht herrscht.“
Doch obwohl der Tod eine biologische Notwendigkeit ist („Gäbe es den Tod nicht, würden wir uns entweder mit uralten und kaum funktionierenden Zellen eher schlecht als recht herumschleppen, oder wir wären durch die Gegend suppende Zellhaufen, die immer grösser werden würden.“), tun wir uns gleichwohl schwer, ihn zu akzeptieren. Jasmin Schreiber bringt das Dilemma auf den Punkt: „… habe ich keine Lust zu sterben. Und dennoch ist mir klar, dass ich in keiner Welt leben wollte, in der es keinen Tod gäbe.“
Jasmin Schreiber schreibt anschaulich und witzig: Und sie kennt ihre Grenzen, weiss, dass man nicht sagen kann, wie man stirbt, trotz aller Erkenntnisse. Doch sie denkt auch über den Tellerrand hinaus und weist etwa darauf hin, dass man früher Friedhöfe oft auf Anhöhen anlegte, weil man der Meinung war, Leichen würden giftige Ausdünstungen absondern. „Man glaubte, dass diese Leichengase Krankheiten übertragen könnten, von Bakterien, Viren oder Pilzsporen, hatte man damals noch nicht einmal eine unscharfe Ahnung.“ Händewaschen und Desinfektion hielt man übrigens bis weit ins 19. Jahrhundert für „unseriösen Humbug.“
Sich mit biologischen Prozessen vertraut zu machen – und darum geht es hauptsächlich in diesem Buch – , trägt dazu bei, Leben und Tod als das zu begreifen, was sie so recht eigentlich sind – natürliche Vorgänge. Sich dagegen zu wehren, ist nicht nur aussichtslos, sondern auch ziemlich blöd. Doch auch Blödheit gehört zum Menschen. Dies zu akzeptieren, hat durchaus das Potential, uns mit der eigenen Sterblichkeit zu versöhnen. Gelegentlich.
Jasmin Schreiber
Abschied von Hermine
Über das Leben, das Sterben und den Tod – und was ein Hamster damit zu tun hat
Goldmann, München 2021

Von Mastrils aus gesehen, am 19. April 2021
Es sei dies ein Buch „über Einzelpersonen und kleine Gruppen, denen es ebenso um das grosse Ganze wie um Details ging und die sich oft um den Transfer oder die ‚Übertragung‘ bestimmter Ideen und Praktiker von einer Disziplin zur anderen bemühten“, schreibt Peter Burke in seinem Vorwort.
Mich haben Universalgelehrte immer schon fasziniert. Das hat auch damit zu tun, dass mir die einzelnen Disziplinen zu künstlich und willkürlich sind, ich mich mit Abgrenzungen schwer tue und nicht so recht erkennen kann, worin denn ihr Sinn bestehen könnte. Die Beschränkung auf Überschaubares? Die Möglichkeit, sich als Experte zu profilieren?
Doch was ist eigentlich ein Universalgelehrter? Ich verstehe darunter einen breit gebildeten, höchst neugierigen und überaus kreativen Menschen. Leonardo da Vinci kommt mir in den Sinn. Und James Lovelock. Und Goethe. Dazu zählen würde ich auch die als Astronominnen bekannt gewordenen Maria Mitchell und Mary Somerville. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem aussergewöhnlichen Menschen und einem Universalgenie?
Gemäss der „Polymath Discussion Group“ ist ein Universalgelehrter jemand, „der sich für viele Themen interessiert und viel über sie erfahren will.“ Peter Burke konzentriert sich hingegen auf Akademiker mit enzyklopädischen Interessen oder, anders gesagt, auf Gelehrsamkeit. Und so kriegt meine Lektüre bereits den ersten Dämpfer, denn akademisches Wissen finde ich eigentlich nur akademisch, also nicht von praktischem Nutzen. Umso erstaunter bin ich dann, dass sich der Autor auch mit Aldous Huxley und Jorge Luis Borges auseinandersetzt. Der Grund? Sie haben auch nicht-belletristische Literatur hervorgebracht. Genauso wie Vladimir Nabokov und Umberto Eco.
„Das Buch konzentriert sich auf Europa und Nord- und Südamerika in der Zeit vom 15. bis zum 21. Jahrhundert.“ Wobei: Die Debatte über den Wert des Wissens ist seit den Griechen immer die gleiche geblieben: Breite versus Tiefe. Bei der zunehmend ausufernden Erfindung von immer neuen Disziplinen, die meines Erachtens weniger von der Sache als von der Jobbeschaffung geleitet werden, tritt die Neugierde für breites Wissen leider immer mehr in den Hintergrund. Und das ist einer der Gründe, weshalb sich die Lektüre dieses Werkes lohnt.
Giganten der Gelehrsamkeit ist kein Buch, das man von Anfang bis Ende durchliest, dazu ist das geballte Wissen, das da auf einen einprasselt zu umfangreich. Klar doch, ich spreche von mir (von wem auch sonst?). Zum ersten Mal so richtig hängen bleibe ich bei Leonardo, der ein denkbar untypischer Renaissance-Mensch war. Es mangelte ihm an humanistischer Bildung, er hatte vermutlich nie eine Schule besucht, auch Latein konnte er nur mit Schwierigkeiten lesen.
Giganten der Gelehrsamkeit bringt mir auch viele Frauen näher, von denen ich noch nie gehört hatte. Etwa die Französin Marie de Gourney, die 1584 Montaignes ‚Essais‘ für sich entdeckte. „Deren Lektüre versetzte sie in einen solchen Erregungszustand, dass ihre Mutter sie mit Medikamenten ruhigstellen wollte. Später lernte sie Montaigne persönlich kennen, wurde eine Art Tochter für ihn …“. Natürlich nahm ich unverzüglich mein Reclam-Bändchen aus dem Regal.
Viele, die in diesem Buch erwähnt werden, waren mir gänzlich unbekannt. Und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als ich vom deutschen Jesuit Athanasius Kircher las, er „studierte medizinische Chemie, beobachtete Eklipsen und versuchte, Codes zu dechiffrieren und die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern.“ Zudem: „Er schrieb in Latein, Italienisch, Spanisch, Deutsch, Holländisch, Griechisch, Hebräisch, Armenisch, Arabisch und Koptisch und konnte in vielen weiteren lesen.“ Ein Buch über China kam auch noch dazu, das von Leibniz bewundert wurde, der jedoch zu Kirchers ägyptischen Studien befand: „Er versteht nichts.“
Wie alles andere auch, so unterliegen auch die Einschätzungen von Universalgelehrten dem stetigen Wandel, denn die allgemeine Weltsicht wandelt sich nun mal mit den jeweiligen neuen Einsichten sowie den Denkmoden, Giganten der Gelehrsamkeit zeigt das an konkreten Personen wie auch an Ausprägungen der Zeit wie etwa den Bibliotheken. „Plinius hatte Zugriff auf zweitausend Bücher, wohingegen im 9. Jahrhundert die Klosterbibliotheken von Reichenau und St. Gallen – seinerzeit bedeutende geistige Zentren – über jeweils nicht mehr als vierhundert Bücher verfügten.“
Peter Burke lässt mich auch Vieles neu sehen. So war mir zwar Joseph Needham als Vermittler östlichen Denkens bekannt, doch hatte ich keine Ahnung, dass er auch Professor für Biochemie und für die ‚Needham-Question‘ berühmt war: „Warum fand die Wissenschaftliche Revolution in Europa und nicht in China statt?“ Auch wäre mir nie in den Sinn gekommen, Susan Sontag als Universalgelehrte zu sehen. Nicht bekannt war mir überdies, wie vielfältig Gregory Bateson, den ich hauptsächlich mit Anthropologie und Systemtheorie in Verbindung bringe, unterwegs gewesen war. Und verblüfft konstatierte ich, dass Aldous Huxley und Jorge Luis Borges die ‚Encyclopaedia Britannica‘ lasen und nicht etwa nur konsultierten.
Universalgelehrte sind Generalisten (und im besten Sinne des Wortes Amateure – sie liebten, was sie taten) und damit eine Bedrohung für die Spezialisten, die ihnen denn auch immer wieder Ungenauigkeiten und unzulässiges Pauschalisieren vorwerfen. Nur eben: Wer die grösseren Zusammenhänge nicht kennt, verpasst das Wesentliche. In den Worten von Isaac Barrow im 17. Jahrhundert: Die „Verbindung der Dinge untereinander und die Bedingtheit von Gedanken“.
Fazit: Ein sehr gelehrtes und überaus anregendes Werk.
Peter Burke
Giganten der Gelehrsamkeit
Die Geschichte der Universalgenies
Wagenbach, Berlin 2021

Wolken über dem Pizol, am 24. April 2021
Jana ist 19, stammt aus Bottrop und arbeitet ihn Berlin als Pizzakurier. Ihr Chef, ein Bulgare, hat klare Ansichten, was ihren Job angeht: „Wenn jeder seine Arbeit macht, nichts als seine Arbeit und pfuscht nicht ins Leben von anderen Leuten – die Welt wird ein besserer Ort.“ Furchtbar, ein Systemerhalter par excellence. Auch Jana passt der Satz nicht und sie hält sich auch nicht daran, was natürlich Konsequenzen hat – und davon handelt dieser Roman.
Peter Pankelow, der einst umschwärmte, dann fallen gelassene und mittlerweile nahezu vergessene Bürgermeister, arbeitet mit Sam zusammen, einem jungen, erfolgshungrigen und skrupellosen Mann. Und er hat eine Mission. Was für eine zeigt sich erst im Lauf der Geschichte – dass man auch nach der Hälfte des Buches nichts Genaueres darüber weiss, nervt allerdings ziemlich. „Sam musste sich in Momenten wie diesen an die elementare Klarheit ihrer Aufgabe erinnern, um nicht zu verzweifeln.“ Bei mir selber hat sich jede elementare Klarheit darüber, was eigentlich das Ziel dieser Mission ist, bis zum Schluss nicht eingestellt.
Ein Unfall, den Jana verursacht hat, für den Peter Pankelow jedoch die Verantwortung übernimmt (er bezahlt sie fürstlich), bringt die beiden zusammen. In der Folge bringt sie seinen Wagen auf Vordermann und mutiert zu seiner Angestellten. „Was bildete der Kerl sich ein? War sie seine Sklavin?“ Nun ja, sie verhält sich eben entsprechend. Er bietet ihr einen Job als Fahrerin an, das doppelte Gehalt. Sie lehnt ab, hat ein ungutes Gefühl. Dann besinnt sie sich wieder anders, wird eingestellt und kurz darauf wieder gefeuert …
Es geht um den Berliner Flughafen, dessen Eröffnung sich seit Jahren verschob. Pannen. Kostenüberschreitungen, geplatzte Termine – ein einziges Desaster, das natürlich auch viele Opfer forderte. „Einhundertsechstausendeinhundertzweiunddreissig Mängel“ soll es gegeben haben. Und man versteht, dass ein Flughafen, der nie fertig zu werden scheint, nicht einfach nur ein Monument politischen Versagens, sondern auch eine Goldgrube für die am Bau beteiligten Firmen ist.
Intrigen, Verdächtigungen und auch die Politik kommen nicht zu kurz. Und da gibt es dann auch diese ganz wunderbare Charakterisierung„ … Pankelow – ganz Politiker, der nie Nein sagt, egal was es andere Leute kostet – hatte sofort eingewilligt.“ Doch warum tun die Menschen, was sie tun? „Sie erfüllen die Aufgabe, für die sie geboren wurden – oder scheitern, dann ist ihr Leben verpfuscht.“ Woran sich wieder einmal zeigt, wie fern jeder erfahrbaren Realität unser Entweder/Oder-Denken ist.
Auch über Berlin, von unten gesehen, erfährt man einiges. „Jana floh aus der S-Bahn. Sie ertrug das Gedränge nicht, die Gerüche, die Bettler mit ihren Jogginghosen und verfilzten Hunden. In den ersten Tagen war ihr Berlin aufregend erschienen – die vielen Hautfarben, überall Graffiti und Strassenmusiker, schlafende Junkies in den Unterführungen.“ Später, in der Strassenbahn: „Jana sah die leeren Gesichter um sich herum. Menschen erschöpft vom Funktionieren, Korrigieren, Optimieren, vom Verbergen ihrer Wunden.“
Besonders wirklichkeitsnah ist die Geschichte, die dieser Roman erzählt, allerdings nicht; auch gehört Psychologie nicht gerade zu des Autors Stärken, hingegen weiss er packend zu erzählen, versteht es, die Spannung hoch- und voranzutreiben, manchmal auch auf Kosten der Plausibilität, doch es funktioniert, wenn man mit den Details grosszügig umgeht. Man merkt vor allem an den Übergängen – harte Schnitte – , dass Kai Hensel Erfahrung als Drehbuchschreiber hat. Auch die auf Effekt getrimmten Dialoge erinnern an Fernsehserien.
Fazit: Ein rasanter, filmreifer Roman, der starke Bilder im Kopf zurücklässt.
Kai Hensel
Terminal
Unionsverlag, Zürich 2021

Tannenbodenalp, Flumserberge, am 21. April 2021
Dies der Hintergrund: Späte Tage der Menschheit, geprägt durch die Verwüstung des Planeten und Fanatismus jedweder Art. „Liebe und Zuversicht hatten wir, jetzt haben wir Grimm und Hass.“ Besser kann man das gesellschaftliche Klima der heutigen Zeit kaum beschreiben.
Drei Frauen, die Stadträtin Antonia Silberstein, die Schriftstellerin Ortrud Vandervelt und die Bibliothekarin Therese Flösser, zu denen sich noch ein Experte samt Ehemann gesellt – herrlich, wie die einzelnen Personen charakterisiert werden! – , begeben sich auf eine Ortsbesichtigung der besonderen Art: Die einstige, hinter Mauern versteckt liegende, Villa des ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse (1830-1914). Ein Kulturzentrum soll daraus entstehen – und den Leser erwartet eine Überraschung.
Dass man einiges über den weitestgehend vergessenen Paul Heyse, dem bislang mit einer Unterführung gedacht wird, erfährt, ist einerseits verdienstvoll, und bietet andererseits die Möglichkeit, über den Neid und die Eifersüchteleien unter den Literaten zu berichten. Dass die dem sogenannt Höheren sich verpflichtet Wähnenden nur allzu menschlich sind, weiss man zwar, doch es so elegant vorgeführt zu kriegen wie in diesem Roman, ist noch einmal etwas anderes.
Die Geschichte ist ausgesprochen bildhaft erzählt und besticht sowohl durch ihren Rhythmus als auch die überaus witzigen Dialoge. Zudem: Ich lese Am Götterbaum auch als philosophisches Buch, wobei die Philosophie hier nicht als Theorie daherkommt, sondern unauffällig (und gleichzeitig leitend) mitläuft, in Form von aufmerksamen Betrachtungen zur Weltlage, im Allgemeinen und Münchnerisch-Besonderen. Übrigens: Auch Lektüre-Anregungen findet man in diesem Roman. Ich jedenfalls bin erneut auf Stifter neugierig geworden.
Die Beschreibung Münchens, das ja immer auch sehr ambitioniert und leistungsorientiert daherkommt, wirkt so wunderbar leicht, dass es eine wahre Freude ist. Überhaupt beschert einem dieser Roman auch ein höchst amüsantes Nebeneinander. „Sie bogen in die volle Theatinerstrasse ein. Keinen Geistlichen, auch in einem Menschenstrom, gewahrte man mehr ohne Nebengedanken an die enthüllten Übergriffe von Klerikern. Im Sportgeschäft wurden Fenster mit Footballzubehör dekoriert. Sogar mehrere Meter vor einer Parfümerie duftete es.“ Oder: „Luxusläden in dieser Gegend. Die Türwache eines Juweliers begutachtete unmerklich Kunden, grüsste mit knappem Nicken. Was für ein Beruf. Natürlich viel besser als keiner. Edle Schuhe, seidene Sakkos, Roben und Fantasietrachten für Festspiele. Dazwischen Filialen von Nobelmarken, die weltweit zu finden waren. Die gleichen Schals von Hermès auf Lanzarote, hier und in Taschkent.“ Treffender lässt sich das Potpourri des modernen Lebens kaum beschreiben.
München ist, wie jeder weiss, eine gefragte Stadt. Zum Beispiel bei den Saudis. Glänzend, die Schilderung ihrer Ankunft in der bayerischen Metropole, ich habe Tränen gelacht. Der Gardasee ist ein weiterer Schauplatz – brillant die Schilderung des Unwetters, das den See heimsuchte. Und die Stadt Omsk: „Am Strassenrand Rentner, die Salatblätter verkaufen.“ Es versteht sich, da muss man nicht unbedingt hin, andererseits: „Die Fremde, das Fremde, wie faszinierend. Man verspürt sofort neue Kräfte, ist belebt.“ Überhaupt Russland: Mit westlichen Massstäben ist man da verloren.
Dann auch viel Geschichtliches, die Politik und das Betteln werden gestreift. „Der junge Mann mit dem Schild Ich habe Hunger, Danke hatte ein Sandwich neben sich liegen und wirkte kräftig (…) Das Gros des Bettelwesens war in Verruf geraten, schien zu durchgeplant zu sein. Mit den Almosen kauften sich Chefs, die man nie sah, in Bukarest ihren dritten Mercedes …“. Genauso absurd ist das Leben im 21sten Jahrhundert! Das ist ein Roman, kein dokumentarischer Bericht? Schon klar, nur eben immer mal wieder näher an der Realität als ein dokumentarischer Bericht, der ja, genau wie ein Roman, auch zuerst im Kopf des Dokumentaristen entsteht und nicht etwa die Welt abbildet, wie sie vorgefunden wird.
Was mich ganz besonders für diesen Roman einnimmt, sind die vielfältigen Einsichten, meist Randbemerkungen, die mich kurz innehalten lassen oder schmunzeln machen oder beides. Etwa zu König Maximilian II. Joseph. „Merkwürdig, dass Thomas Mann, der die Verbindung von Leiden und Sensibilität liebte, bei anderen, diesen König nicht in eine Erzählung eingebunden hat.“ Oder zum Übersetzen: „Das ist ja auch schön: Man hat etwas Fertiges unter den Fingern und darf es zu eigenen Zunge machen.“ Oder über das Mutter/Tochter-Verhältnis bzw. die Abhängigkeit: „Ihre Tochter studierte in Edinburgh, Kulturmanagement oder etwas Ähnliches, und meldete sich, wie Therese wusste, mehrmals täglich bei der Mutter. Auch kein gutes Zeichen.“
Fazit: Das Werk eines Könners. Gescheit, lehrreich, höchst unterhaltsam und sehr lustig. Grossartig, ein Lesevergnügen der Extraklasse!
Hans Pleschinski
Am Götterbaum
C.H. Beck, München 2021

Sargans, am 23. April 2021