Hans Magnus Enzensberger: Tumult

„Tumult“ spielt in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Es sind Memoiren wie sie meines Erachtens nach sein sollten: Eine Collage, in der sich Berichte von Reisen und Aufzeichnungen mit Selbstgesprächen abwechseln.

Mit einem Besuch in Russland im Jahre 1963 beginnen diese Erinnerungen, bei dem der Autor auch ein Treffen von Intellektuellen mit Chruschtschow schildert, der diesen nervösen Köpfen ruhig und überlegen entgegen trat.

„Je drei Minuten sprechen allerlei Vorsitzende. Ihr Dank, ihre rühmenden Worte, ihre Beteuerungen sind eine Spur zu blumig, zu rückhaltlos. Der Adressat glaubt ihnen nicht. Er hat ein genaues Gehör. Sartre geht mit seinen dreissig Worten kein Risiko ein, er verhält sich abwartend, um nicht zu sagen lammfromm, ganz im Gegensatz zu seiner Haltung in Frankreich, wo er der Macht gegenüber gerne gefahrlose Mutproben ablegt. Der einzige, der eine Spur von Courage zeigt, ist der Pole Jerzy Putrament. Er verlangt mehr Bewegungsspielraum für die sowjetischen Autoren.“

Als der Gastgeber ein Bad nehmen will, schliessen sich Enzensberger und sein italienischer Kollege Vigorelli an. Die Badehosen, die man ihnen zur Verfügung stellt, sind von „eigentümlicher Schäbigkeit“ und reichen ihnen bis ans Knie. Sensibel, wach, vielfältig informierend (Sartre vertrug offenbar den Vodka nicht) und mit Witz wird dies geschildert. Dabei ist es vor allem Enzensbergers schnörkellose und elegante Sprache, die mich für diesen Text einnimmt.

Er reist durchs Land, stolpert im Eiltempo, wie er schreibt, durch Buchara, Samarkand und Alma Ata. Staunt über den ungeheuren Himmel Sibiriens. „Von Novosibirsk nach Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn. ‚Nach Moskau!‘ Endlich! Die Reise ist eintöniger als der Mythos, der auf dieser Strecke irgendwelche Abenteuer verspricht.“

Bei einem offiziellen Essen lernt er die jüdische Dichterin Margarita Aliger und deren Tochter Mascha kennen. „Sie ist dreiundzwanzig und studiert amerikanische Literatur. Grosse, grün schimmernde, durchdringende, erwachsene Augen und kindliche Hände. Beim Essen zittert sie leicht und begnügt sich wie ein Kaninchen mit ein paar Salatblättern. Sie spricht ein wenig Französisch und Spanisch, vor allem aber ein pures, zögerndes, wie von Schallplatten erlerntes Englisch. Ich finde sie bezaubernd.“ Eine amour fou entwickelt sich. „Ein Mensch in meinem Alter wird nie bereit sein, einer Macht zu gehorchen, die es ihm verbieten will, mit der Frau, die er liebt, zu leben. Das war schon immer so und wird immer so bleiben.“

Mascha leidet unter heftigen Stimmungsschwankungen, die er jedoch nicht ernst nimmt. Erst im Nachhinein wird ihm klar, was für ein gefährdeter Mensch sie war. „Die Mediziner sprechen in solchen Fällen von bipolaren Störungen und von Panikattacken, weil ihnen alte Begriffe wie Angst, Übermut und Traurigkeit unwissenschaftlich vorkommen.“ Selten ist mir deutlicher geworden, wie medizinische Begriffe die Wirklichkeit verschleiern. Und selten habe ich derart präzise erfasst gefunden, dass Beziehungen mit Menschen, die unter heftigen Stimmungsschwankungen leiden, ein ungleicher Kampf sind. „Wie sich zeigen sollte, war nicht sie das schwankende Rohr, sondern ich; denn sie, die Gefährdete, die Labile, die Schwächere, war zu allem entschlossen. Ich war es nicht.“

Von der Kommune 1 berichtet er, von seinem Verhältnis zu Norwegen, vom russischen Roman, dem gewöhnlich das ‚happy end‘ fehlt, von einem Kulturkongress in Habana, bei dem ein alter Stalinist einen Tritt in den Hintern kriegte und und und. Mich begeistern Enzensbergers Formulierungen wie etwa die über „den gelehrten Redaktor Karl Markus Michel, der so gescheit war, dass er sich nie zu einem akademischen Examen herabliess“. Überhaupt, sein Humor. Ganz wunderbar! Über Maschas Vater schreibt er: „Fest steht jedenfalls, dass dieser Fadejew ein schwerer Alkoholiker war, und dass er sich nach der berühmten Rede Chruschtschows, in der Dschugaschwilis Verbrechen beim Namen genannt wurden, auf seiner Datscha in Peredelkino erschossen hat. Seinen Abschiedsbrief soll er nicht an seine Frau oder an seine Kinder, sondern an das Politbüro gerichtet haben. Selbst in Russland versteht niemand, was in einem solchen Mann vorging.“

Zu meinen Lieblingsstellen, gehört diese hier: „Was ist ein Klassiker? Ein Werk, das längere Zeit lebt, weil es offene Möglichkeiten enthält, die der Verfasser vielleicht gar nicht kennt. Er war und ist nie allein Herr der Sache. Er muss zwar etwas können, und das heisst, er muss technisch auf der Höhe sein, aber zugleich braucht er einen Restbestand von Naivität, der sich der Herrschaft der Theorie entzieht. Rationalität und Unbefangenheit sind eigentlich miteinander unvereinbar. Aber gerade das ist es, was der Literatur ihren Freiheitsgrad verschafft.“

So, jetzt lass ich’s gut sein, sonst zitiere ich noch das ganze Buch! Und überhaupt: Wer bis jetzt nicht neugierig geworden ist, dem ist eh nicht zu helfen.

Hans Magnus Enzensberger
Tumult
Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2015

Bill Clegg: Neunzig Tage

Der New Yorker Literaturagent Bill Clegg war nach einer zwei Monate dauernden Drogenorgie in der psychiatrischen Abteilung von Lenox Hill, einer Alkohol- und Drogenentzugsklinik, gelandet. Vier Wochen später kehrt er nach New York zurück. „Die kleine Literaturagentur, die ich vier Jahre als Mitinhaber geleitet habe, gibt es nicht mehr, alle meine Klienten haben sich neue Agenten gesucht, unsere Angestellten haben neue Jobs oder sind weg aus New York, und weg ist auch das Geld, das ich mal hatte; geblieben sind wachsende Schulden bei Anwälten, Krankenhäusern und Entzugskliniken …“.

Es gibt Süchtige, bei denen ist der Drang/das Verlangen nach der Droge nach dem Aufhören plötzlich weg, bei ganz vielen ist das jedoch nicht der Fall – Bill Clegg gehört zu den letzteren.

Mit seinem Paten („Sponsor“ im Englischen) Jack, den er im Krankenhaus kennengelernt hat, geht er zu Versammlungen, in denen Suchtkranke Hilfe suchen. Er fühlt sich sehr fragil, hat Angst davor, was andere von ihm denken.

Eines Tages sieht er auf der Strasse Jane, die Frau eines früheren Klienten und Bestsellerautorin, mit einem Kinderwagen auf sich zukommen. Er hat seit vielen Monaten nicht mehr mit ihr gesprochen und fürchtet nun, sie würde ihn wie Luft behandeln und einfach an ihm vorbeigehen. So wie man eben Ausgestossene behandelt. Was dann wirklich geschieht, ist dies: „Jane bleibt stehen, tritt auf die Feststellbremse des Kinderwagens und kommt zu mir. Wortlos fast sie mich bei den Armen, zieht mich an sich und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Schnell, spontan, schon passiert. Sie streicht mir über die Schultern, sieht mich liebevoll an und geht wieder.“

Der Titel Neunzig Tage  verdankt sich dem von Selbsthilfegruppen propagierten „Neunzig Treffen in neunzig Tagen“, das Neuzugängern wärmstens empfohlen wird. Bill Clegg schafft die neunzig Tage nicht, er wird rückfällig. Beim nächsten Treffen der Selbsthilfegruppe ist er nicht bereit, von seinem Rückfall zu erzählen und geht. Und hat einen weiteren Rückfall.

„Ich kenne die Folgen, weiss, dass schon im nächsten Augenblick alles in paranoide Verzweiflung umschlägt, und finde es trotzdem erstrebenswert, Crack zu rauchen. Es ist Irrsinn, denke ich nicht zum ersten Mal.“ Was der Veränderung beziehungsweise Neuorientierung im Wege steht, ist das Ego. Jeder Süchtige hält sich für einen absoluten Spezialfall. Als Bill seinem Paten Jack wiedereinmal sein Leid klagt, meint dieser trocken: „Das hört sich alles nach ICH gegen DIE an statt nach WIR, und runter kommt man nur, wenn WIR daraus wird.“

Er braucht Geld, ein Freund hilft ihm aus. Er verhökert das Silber seiner Mutter, die ihn eindringlich ermahnt: „Das reicht jetzt, du musst damit aufhören. Endgültig. Hast du verstanden? Es reicht.“ Noch nie hat er sie in einem solchen Ton reden hören, und als Leser denkt man, jetzt schnallt er es. Doch er hat einen weiteren Rückfall, er hält ihn geheim, erzählt niemandem davon.

Eine der Süchtigen, mit der sich Bill an einem Treffen der Selbsthilfegruppe befreundet, ist Polly, die wie er selber, immer wieder rückfällig wird. Als sie und ihre Zwillingsschwester Heather vier Tage und Nächte durchschnupfen, wird Heather bewusstlos. „Sie muss eine Überdosis genommen haben, begreift Polly und bekämpft die aufsteigende Panik mit einer Nase Kokain. Als das nicht hilft, nimmt sie noch eine. Fast ein ganzer Eightball liegt auf dem Tisch, und sie weiss, wenn sie einen Krankenwagen ruft und Leute kommen, wird sie Heather ins Krankenhaus begleiten müssen. Und nicht mehr schnupfen können. Sie zieht eine Linie nach der anderen, um sich Mut für den Notruf zu machen …“.

Bill will Polly helfen und so sagt er ihr, was seine Freundin Lili einst zu ihm sagte, als sie ihn im Drogensumpf vorgefunden hatte: „Wenn du sterben willst, stirb. Wenn du leben willst, ruf mich an. Aber bis dahin lass mich aus dem Spiel.“

Der Schlüssel zu Bills Genesung war Ehrlichkeit, unbedingte Ehrlichkeit sich selber und anderen gegenüber. Neunzig Tage  berichtet eindrücklich davon, wie er sich dagegen gewehrt, schliesslich kapituliert und bei anderen Süchtigen Hilfe gefunden hat. „Für mich waren ihre Stimmen lauter als die Lügenstimme, lauter als meine eigene. Sie haben mich Tag für Tag zur Aufrichtigkeit und zum Nützlichsein hingeführt, und sie haben mir das Leben gerettet.“

Bill Clegg
Neunzig Tage
Eine Rückkehr ins Leben
S. Fischer, Frankfurt am Main 2014

Svend Brinkmann: Pfeif drauf!

Nichts genügt, alles soll besser werden, auch der Mensch. Nicht mit sich selber zufrieden zu sein, ist dem Menschen so recht eigentlich Schicksal. Dass er danach trachtet, über sich selbst hinauszuwachsen, ist ihm eigen, immer schon. Das Ausmass der gegenwärtigen Unzufriedenheit mit sich selber, wenn denn die Self Help-Abteilungen der Buchläden ein verlässlicher Indikator sind,  verwundert hingegen nicht nur, sondern sollte zu Besorgnis Anlass geben, denn es scheint, dass da ganz grundsätzlich Einiges falsch läuft.

Das Leben ist ein ständiges Hin und Her, von Heute Hui geht es schnurstracks zu Morgen Pfui. Prof. Dr. Svend Brinkmann, Psychologe, ist das überdrehte „Hauptsache Positiv“-Mantra der Self Help Bücher dermasssen aufgestossen, dass er sich mit einem genauso blöden „Hauptsache Negativ“ heftig dagegen wehrt. Könnte man jedenfalls meinen, wenn man den Titel seines Buchs Pfeif drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn oder die sieben Punkte, die er als Gegenmittel vorschlägt, wörtlich nimmt. 

Nehmen wir den ersten: „Hören Sie auf, in sich selbst hineinzublicken.“ Denn dieses Selbst sei nichts anderes als eine Idee, eine Konstruktion. Weshalb es denn auch sein könnte, dass wenn wir tief in uns hineinblicken, wir da gar nichts finden werden. Nun ja, als Erkenntnis wäre das ja schon mal nicht schlecht, doch setzt es voraus, dass man mal den Versuch gemacht hat.

Der zweite der sieben Punkte heisst: „Fokussieren Sie sich auf das Negative in ihrem Leben.“ Dass es heutzutage eine Tyrannei des Positiven gibt, wie Prof. Brinkmann beklagt, ist für mich keine Frage, doch weshalb dann gleich ins andere (und weitaus dümmere) Extrem verfallen? Lässt man die der Werbung/dem Verkauf geschuldete Plattheit (und Provokation) dieser Behauptung ausser Acht und fokussiert sich auf des Professors Ausführungen, stösst man auf Vernünftiges, Realistisches und Naheliegendes. „Wir müssen uns das Recht zurückerobern, zu denken, dass etwas einfach nur schlecht ist – und das ohne Vorbehalte.“ Eine Selbstverständlichkeit, die vermutlich Nicht-Studierten geläufiger ist als Studierten.

Ich habe nicht vor, auf jeden der sieben Punkte einzugehen, denn so recht eigentlich gipfeln sie alle darin, dass wir uns das Leben nicht schön reden (es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung), sondern so nehmen sollen, wie es nun einmal ist – nicht perfekt. Und auch wir Menschen sind nicht perfekt und sollen es auch gar nicht sein.

Zugegeben, das sehen nicht alle so. Weshalb sie denn auch in einem unnötigen Masse leiden. Die Suche/das Streben nach Perfektion kann krankhafte Züge annehmen. Wie alles, das extrem betrieben wird. Wie etwa das Authentisch-Sein, das für viele einen Wert an sich darstellt. Allerdings wird dabei vergessen, dass es auch authentische Trottel gibt.

Prof. Brinkmann erklärt sich den allgegenwärtigen Selbstoptimierungswahn damit, dass es schwieriger geworden ist, Wurzeln zu schlagen und Stabilität zu erlangen. Wir sind Gefangene einer schnelllebigen Zeit, in der Flexibilität gefragt und gefordert ist. Wer ständig gehetzt durchs Leben rennt, hat kaum einmal Zeit, um innezuhalten und sich zu fragen, was das Ganze eigentlich soll bezw. ob man wirklich so gehetzt leben will.

„Meine Grossmutter“, schreibt Svend Brinkmann, „pflegt des Öfteren zu sagen, man solle mit dem Leben ‚zurechtkommen‘, Treten Probleme auf, sollten wir ihrer Meinung nach nicht danach streben, sie zu ‚lösen‘. Das wäre zu viel verlangt.“ Anstatt sich zu finden versuchen, wäre es oft gescheiter, sich mit sich abzufinden.

Von der positiven Visualisierung werden wohl die meisten schon gehört haben. So werden etwa Sportler beim Training dazu angeleitet, ein Ziel zu visualisieren, damit es erreicht werden kann. Funktioniert das? Schwer zu sagen (wie soll man das auch messen?), doch mir scheint der Ansatz plausibel. Und was meint Prof. Brinkmann? Er geht gar nicht darauf ein, sondern empfiehlt, was er „die negative Visualisierung der Stoiker“ nennt und ein ganz falscher Begriff für etwas höchst Hilfreiches ist.

Die Stoiker haben unter anderem gelehrt, dass alles im Leben nur geliehen sei und jederzeit wieder genommen werden könne. Und dass wir uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen sollten. „Memento mori –bedenke, dass du sterben wirst! Denken Sie jeden Tag daran. Doch nicht auf eine Weise, die Sie lähmt oder verzweifelt macht, sondern so, dass Sie sich schrittweise an den Gedanken gewöhnen und das Leben besser wertschätzen können.“ Wahre und hilfreiche Worte! Was sie mit ’negativer Visualisierung‘ zu tun haben sollen, ist mir hingegen schleierhaft.

Svend Brinkmann nimmt sehr oft Bezug auf den Stoizismus. Zentral ist ihm dabei keine theoretische, sondern eine pragmatische Sichtweise. Ihn interessiert die Frage, „inwieweit diese Philosophie angesichts heutiger Probleme von Nutzen sein kann,“ Für mich selber ist das keine Frage, ich halte diese Lebensphilosophie, bei der Standhaftigkeit und Gelassenheit im Zentrum stehen, für weitaus sinnvoller als Anleitungen zur Selbstoptimierung.

PS: Svend Brinkmann empfiehlt die Lektüre von Murakami, Houellebecq und Knausgard, weil die drei konkret, nüchtern und illusionslos schreiben. Denn nichts hilft uns besser in der Gegenwart anzukommen, als unsere Illusionen zu verlieren.

Svend Brinkmann
Pfeif drauf! 
Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn
Knaur Verlag, München 2018

Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe

Arzt wollte Paul Kalanithi nicht werden. Das wusste er schon früh, denn sein Vater war Arzt und der arbeitete so viel und so hart, dass er ihn selten zu Gesicht bekam. Ein solcher Preis war ihm zu hoch, den wollte er nicht bezahlen. Und wurde dann (natürlich) der gleiche viel und hart arbeitende Arzt wie schon sein Vater.

Doch zuerst machte er seinen Magister in Englischer Literatur, erst dann folgte das Medizinstudium und die Facharztausbildung in Neurochirurgie. Für diese hatte er sich entschieden „sowohl wegen ihrer Verbindung von Gehirn und Bewusstsein als auch wegen ihrer Verbindung von Leben und Tod. Ich hatte angenommen, dass ein Leben zwischen diesen zwei Polen mir nicht nur die Möglichkeit zu mitfühlendem Handeln geben, sondern mich auch zu einem besseren Menschen machen würde.“

Wenig überraschend erwies sich die Realität etwas anders als vorgestellt, die hundert Stunden Arbeitszeit pro Woche liessen ihn vor allem funktionieren und sich erschöpft fühlen. Doch damit wollte er sich nicht zufrieden geben. „Als Assistenzarzt war mein höchstes Ideal nicht, Leben zu retten – jeder stirbt einmal – , sondern einem Patienten und dessen Angehörigen das Verstehen von Tod und Krankheit zu erleichtern.“ Sein Vorbild ist ihm dabei sein Vater.

„Die Neurochirurgie mit ihrer unerbittlichen Forderung nach Perfektion hatte mich gepackt.“ Wegen zwei Millimetern kann ein Patient vollständig gelähmt sein, wegen eines Millimeters (der Hypothalamus war bei der Entfernung eines Tumors leicht beschädigt worden) wurde aus einem süssen kleinen Jungen ein von Wutanfällen und Fressattacken gepeinigtes Monster.
Es sind spannende Einblicke in seine Arbeit, die Paul Kalanithi gewährt. „Seltsamerweise verliert man im OP jedes Zeitgefühl, ob man nun hektisch rast oder bedächtig vorgeht. Wenn Langeweile, wie Heidegger  es ausdrückte, das bewusste Wahrnehmen des Vergehens von Zeit ist, dann ist eine Operation das Gegenteil.“

Er geht auf in seinem Beruf, hat den Eindruck, „all die Einzelstränge wie Biologie, Ethik, Leben und Tod würden sich nun endlich miteinander verbinden, zu einer kohärenten Weltsicht und einem Gefühl dafür, wo mein Platz darin war.“ Zu diesem Zeitpunkt ist er sechsunddressig, „das Land der Verheissung vor mir“. Doch dann erhält er die Diagnose Krebs.

Es geht rapide bergab, die Aussichten sind schlecht, doch dann schlägt die Behandlung an. Er liest viel, hauptsächlich Literarisches, aber auch „Memoiren von Krebspatienten, einfach alle, die je über das Sterben geschrieben hatten.“ Seine Frau Lucy wird schwanger, Tochter Cady kommt auf die Welt, er kann wieder operieren und hatte schon bald „statt eines Zwölfstundentages wieder einen Sechzehnstundentag. Erneut standen die Patienten ständig im Mittelpunkt meines Denkens.“

Unvermutet taucht ein neuer, grosser Tumor in seinem rechten Lungenflügel auf. „Ich war weder wütend noch erschrocken. Es war einfach Realität, genauso wie die Entfernung von der Sonne zur Erde.“ Am 9. März 2015 stirbt er im Kreis seiner Familie.

Im Nachwort schildert die Ehefrau, eine Ärztin, die letzten Tage ihres Mannes. „Er wollte Menschen helfen den Tod zu verstehen und sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen.“ Sie selber tut das ebenso, offen, aufrichtig und bewegend.

Paul Kalanithi
Bevor ich jetzt gehe
Was am Ende wirklich zählt
Das Vermächtnis eines jungen Arztes
Knaus Verlag, München 2016

Atul Gawande: Sterblich sein

Atul Gawande ist Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston. Während seines Studium lernte er zwar eine Menge, aber nichts über Sterblichkeit. „Wir sollten lernen, Leben zu erhalten, und uns nicht um den Tod kümmern, das war – nach unserer Meinung und nach Meinung unserer Professoren – der Zweck unserer Ausbildung.“

Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, der Mensch will nicht wahrhaben, was er über sein Schicksal weiss. „Theoretisch wusste ich natürlich, dass meine Patienten sterben konnten, aber jedes Mal, wenn es tatsächlich passierte, kam es mir wie eine unzulässige Ausnahme vor, als seien die Regeln gebrochen worden, nach denen – wie ich glaubte – gespielt wurde. Ich weiss nicht, was genau ich mir unter diesem Spiel vorstellte, aber es waren immer wir, die dabei zu gewinnen hatten.“

In der längsten Zeit der Geschichte der Menschheit lebten viele Generationen einer Familie unter einem Dach. Das hat sich geändert. Heutzutage sind Alter und Gebrechlichkeit keine gemeinschaftlichen generationenübergreifenden Aufgaben mehr, sondern werden von spezialisierten Einrichtungen übernommen.

Nein, früher war es nicht besser. Und kaum jemand möchte die Uhr zurückdrehen. „Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Möglichkeit, allein und autonom zu leben, so, wie man es wollte. Diese Tatsache sollte gefeiert werden“, schreibt Atul Gawande in Sterblich sein. Und er fügt hinzu: „Vielleicht gibt es die Verehrung der Alten nicht mehr; aber an die Stelle ist nicht die Verehrung der Jugend getreten, sondern die Verehrung des unabhängigen Selbst.“
Dieses unabhängige Selbst mag ein Ideal sein, Realität ist es nicht. Nach wie vor sind wir aufeinander angewiesen und das zeigt sich spätestens dann, wenn das selbstbestimmte Dasein durch Krankheiten, Gebrechlichkeit und Schwäche unmöglich geworden ist.

In Sterblich sein  erzählt Atul Gawande davon, wie Menschen mit den Einschränkungen durch Alter und Krankheit umgehen. Vor allem aber setzt er sich mit der Frage auseinander, wie man ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man schwach und gebrechlich ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann.

Das hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit wir glauben, zur Verfügung zu haben. „Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern die Perspektive, der Blickwinkel, die Einstellung zum Leben.“ Um herauszufinden, was Sterbende sich wünschen, sollte man sie fragen. „Was sind Ihre grössten Ängste und Befürchtungen? Was wollen Sie im Leben noch erreichen? Was ist Ihnen am wichtigsten, worauf können Sie verzichten und worauf keinesfalls?“

Es geht darum, dass Sterbende ihr Leben, im Rahmen des Möglichen, weiterhin selbst gestalten können. Das verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und die können natürlich auch falsch sein. Die Frage ist, „welche Fehlentscheidung wir mehr fürchten: die zur Verlängerung von Leiden führt, oder diejenige, die wertvolles Leben verkürzt“?

Wie der Untertitel treffend sagt, ist dies ein Buch über „Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung“. Atul Gawande setzt sich damit anhand von Krankengeschichten auseinander. Auch mit derjenigen seines Vaters. Vor allem an dieser sehr persönlichen Geschichte wird deutlich, eindringlich und höchst berührend, dass es kein Patentrezept für ein gutes Sterben gibt.

Sterblich sein  zeigt überzeugend, dass „die Auseinandersetzung mit den Beschränkungen unserer Biologie, mit den Grenzen, die uns von Genen und Zellen und Fleisch und Knochen gesetzt sind“ nicht nur lohnt, sondern ausgesprochen hilfreich ist.

Sterblich sein  ist ein wichtiges Buch!

Atul Gawande
Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt
Über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

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