Michel Onfray: Niedergang

Der 1959 in Argentan/Frankreich geborene Michel Onfray, ein rastloser Mann, der mehr als 50 Bücher verfasst hat, hat sich auf die Suche nach den Gründen des Niedergangs der abendländischen Kultur gemacht und ist zum Schluss gekommen, dass wenn die Religion verfällt, auch die Kultur verfällt. „Eine Kultur schöpft ihre Kraft stets aus der Religion, von der sie legitimiert wird. Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.“

Doch er fragt auch: „Was kann man jenseits unserer engen geistigen Kategorien, denen die Erkenntnisse der Astrophysik verheerend zusetzen, schon wissen und was kann man hoffen?“ Die Astrophysik lehrt uns unter anderem, dass wir in einer Galaxie namens Milchstrasse, einer Zusammenballung von Sternen, in dessen Zentrum sich ein massives schwarzes Loch befindet, leben. Und dass es noch Millionen von weiteren Galaxien gibt. „Wenn Menschen meinen, willentlich zu bestimmen, was mit ihnen geschieht, wiegen sie sich in Illusionen.“

Auf einer Illusion, folgt man Michel Onfray, gründet auch die jüdisch-christliche Kultur, denn Jesus von Nazareth habe es historisch nie gegeben. Überdies sei eine Zeugung ohne Geschlechtsverkehr und eine Mutter, die nach der Geburt noch immer Jungfrau war, mit dem gesunden Menschenverstand nur schwer zu vereinbaren. Auch über Jesus‘ Kindheit sei kaum etwas bekannt, schreibt er, zählt dann aber doch einiges auf – er verfügte über wundertätige Kräfte, hatte keine Bedürfnisse, Leidenschaften liess er nicht erkennen.

„Die Biographie Jesu“, so Onfray, „wurde schriftlich niedergelegt, noch ehe er gelebt hatte – so genau, dass er gar nicht gelebt haben musste.“ Einer der vielen Hinweise darauf bildet etwa die Tatsache, dass gemäss Archäologen das Städtchen Nazareth zu der Zeit, als Jesus (von Nazareth) zur Welt gekommen sei, noch gar nicht existierte, sondern erst im 2. Jahrhundert n.Chr. besiedelt worden ist.

Das Detail-Wissen des Michel Onfray erschlägt einen geradezu, macht einen aber auch schmunzeln. „Obwohl Jesus, da ohne reale Existenz, ein Körper fehlte, wurde er doch beschnitten. Als Beweis dafür wird an verschiedenen Kultstätten in Europa ein Dutzend Vorhäute verwahrt und auch verehrt …“. Auch die Nabelschnur, die Maria mit Jesus verband, werde an verschiedenen Kultstätten verwahrt, hingegen gebe es keine Hinweise darauf, was mit der Vorhaut des Paulus, der dafür eintrat, dass die Beschneidung nicht mehr am physischen Leib, sondern an der Seele vorgenommen wurde, geworden sei. „Psychoanalytisch gesehen – Gott bewahre – , könnte der chirurgische Eingriff als traumatisches Erlebnis verstanden werden: nämlich als eine Art Kastration auf psychischer Ebene. Das Verbot der Beschneidung durch Paulus diente dann der Verhinderung einer Wiederholung des Traumas wie auch der Sublimierung des körperlichen Eingriffs zu einem rein spirituellen Akt.“

Nur eben: Dass die Bibel voller Widersprüche steckt, ist bekannt, dass jeder fündig werden kann, der nach Rechtfertigungen für sein Handeln sucht, ist auch bekannt. Denn es ist der Glaube, der den Menschen ausmacht.

Michel Onfrays Vorlieben und Abneigungen

Wie jedes Buch, so handelt auch Michel Onfrays Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden wesentlich von des Autors Vorlieben und Abneigungen. Die Psychoanalyse ist definitiv nicht sein Ding und seine Achtung vor der Moral des Christentums hält sich in Grenzen. „Das Christentum triumphierte nicht, weil es die Wahrheit in Händen hielt, sondern weil es mit bewaffneter Gewalt, Polizeimacht, politischer List und kriegerischer Einschüchterung auftrat.“

Unsere Zeit habe aufgehört zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen, Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen, so Onfray. Er illustriert das, indem er die den Marktgesetzen gehorchende Funktionsweise der Medien beschreibt. „Angesichts eines Feuers erklären sie, die Flammen schlügen aus dem Gebäude; die Feuerwehrleute und Notärzte werden mit dem Kommentar bedacht, Hilfe sei vor Ort, und wenn die Polizei das Gelände absperrt, wird berichtet, die Polizei sperre das Gelände ab.“ Mit anderen Worten: Die Medien begleiten mit grossem Lärm, was auch ohne sie passiert.

Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden beschreibt eloquent und anhand einer Unmenge von Beispielen (inklusive höchst fragwürdiger Behauptungen: „Wie jeder von Ressentiments geprägte Mensch liess Hitler später jene büssen, die ihm Gutes getan hatten.“) die Errungenschaften (wie etwa den Respekt für das menschliche Individuum) sowie die Verfehlungen der jüdisch-christlichen Kultur. Der heutzutage liberalen westlichen Welt wirft er vor, radikalen Ideologien wie dem Islamismus nichts entgegen zu setzen. „Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.“

Das Verschwinden des Christentums und damit der Niedergang der abendländischen Kultur („Nicht Kulturen bringen Religionen hervor, sondern Religionen sind der Ursprung von Kulturen.“) sowie der Aufschwung des Islam, lassen sich allein schon aus der Demographie ersehen. Doch Michel Onfray legt auch dar, dass das gewalttätige Christentum dem gewalttätigen Islam nichts entgegenzusetzen hat. So verurteilte der Rechtsrat der Islamischen Weltliga in Mekka Salman Rushdies Satanische Verse und in London „demonstrierten 8000 Menschen für die Ermordung des indisch-britischen Schriftstellers.“ Und der Westen schwieg. Keine Botschafter wurden abgezogen, kein Wirtschaftsembargo erlassen. Von einem Kampf der Kulturen traute man sich im Westen nicht zu sprechen.

Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden ist ein detailreicher, gut geschriebener und engagierter Aufruf, den Kampf der Kulturen ernst zu nehmen.

Michel Onfray
Niedergang
Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden
Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Sibylle Berg: GRM

„Das ist keine Dystopie. Es ist die Welt, in der wir leben. Heute. Und vielleicht morgen. Es wird nicht schlimm. Nur – Anders. Willkommen in der Welt von GRM“, welche die Geschichte von vier Jugendlichen erzählt, die herkunftsgeschädigter kaum sein könnten – durch Armut, sexuelle Gewalt Rassendiskriminierung und und und. Das Alles findet im englischen Rochdale statt, das vor nicht allzu langer Zeit wegen eines Kartells organisierter Kinderprostitution in die Schlagzeilen geraten war.

Da ist Don, die schon seit ihrer Geburt wütend ist und noch so jung ist, „dass Erwachsene sie nicht als Menschen betrachteten. Dabei war schon alles vorhanden. Die Gefühle, die Gedanken, die Einsamkeit. Es gab nur noch keine vertrauten Fächer, um die Gefühle ordentlich zu sortieren.“ Eine Definition von Erwachsensein, die man nicht überlesen sollte. Und da ist der behinderte Peter, dessen Mutter mit einem reichen Russen abhaut. Und da ist Hannah, die ihren Vater mit geöffneten Pulsadern unter der Dusche findet. Und da ist Karen, in deren Familie genetisch einiges schief gelaufen ist.

Don, Peter, Hannah und Karen hatten einander erkannt. „Als Aussenseiter, als Randgruppenerscheinung, als Aussätzige, und das war erstaunlich genug, denn normalerweise erkennen sie einander nie, die am Schulhofrand Stehenden. Sie orientieren sich immer an der Masse, die Seltsamen, die Streber, Spinner, die zu Dicken, zu Dünnen, die Schwulen oder Verlausten, und sehen sie nicht als was sie sind: die Seltsamen. Jene.“

Es ist nicht so sehr die Gesamtgeschichte, die mich an Sibylle Bergs Schreiben fasziniert, es sind ihre Juwelen, die es mir angetan haben. Sätze, die auf den Punkt bringen, was, zum Beispiel, in der Erziehung alles falsch läuft:

“Und dass es meistens junge Männer sind, die durchdrehen. Irgendwas in ihrem Leben deckte sich nicht mit dem, was sie sich vorgestellt hatten. Dinge mit Macht. Oder mit Penis. Und dass alle von ihnen auf den Boden fallen, wie sie es von ihren Müttern gewöhnt waren. Hatten sie sich vorgestellt. Don war nicht erstaunt. Mit Schwachsinn kannte sie sich aus. Sie hatte einen Bruder.“

Oder was es mit den Flüchtlingen auf sich hat: „Der Mensch war nicht in der Lage, für grosse Gruppen Fremder Mitgefühl zu entwickeln. Anteilnahme, die über jene, mit denen man verwandt und befreundet war, hinausging, beschränkte sich bestenfalls auf Einzelpersonen, die gut aussahen oder traurig in Kameras blickten.“

Oder wie Einwanderung hilft, das System (vorläufig) am Laufen zu halten: „Wie in allen Ländern Europas pflanzten sich die Menschen in England wegen des Feminismus nicht befriedigend fort. Mut neuen fortpflanzungsfreudigeren Leuten hoffte man, die Rentenzahlungen an die Alten sicherzustellen. Das war, bevor die Renten abgeschafft wurden.“ Oder dass in England „die Regierung des Landes seit aller Ewigkeit aus Abgängern zweier Universitäten gebildet wurde.“

Lakonisch, nüchtern, illusionslos, realistisch und mit viel Witz beschreibt die in Zürich lebende Sibylle Berg die heutige Zeit. Immer mal wieder musste ich laut heraus lachen ob der treffenden Worte, die sie fand. So notierte sie über die Pakistanis, sie seien „nicht unbedingt die beliebteste Bevölkerungsgruppe im Vereinigten Königreich. Sie hatten ihre eigenen Viertel, ihre eigenen Gangs, ihre eigenen Regeln, und es gab kaum etwas, was man mit ihnen zu tun hatte, ausser man brauchte einen Laster oder ein Taxi, Drogen, Nutten oder billiges Gemüse.“

Überhaupt: Selten habe besser ausgedrückt gefunden, wie die Globalisierung und die damit verbundene neue Völkerwanderung Gewohnheiten und Traditionen zum Einsturz gebracht haben. „Es ging immer mehr Menschen nur darum, irgendwie durchzukommen. Zu überleben. Der Begriff der Heimat hatte sich entleert.“

Ich schätze dieses Buch auch wegen der vielen cleveren Einsichten. Da ist eine überaus reflektierte, hoch empfindsame Frau am Werk, die Grundsätzliches und Wesentliches zu formulieren weiss. „Wie die meisten Menschen spürte er sich nur in Gewohnheiten, und wenn die wegfallen, dann bleibt ein Mensch in lähmender Ratlosigkeit zurück.“ Ein Satz, der klar macht, weshalb wir uns solange festklammern, an was auch immer, bis es einfach nicht mehr geht – erst dann sind wir bereit, uns zu ändern.

Sibylle Berg hat genau hingeschaut und kommentiert den Aberwitz unserer digitalen Welt der Privatisierung und Automatisierung, deren Ziel unter anderem darin zu bestehen scheint, die Menschen ihrer Arbeit zu berauben (kein Wunder, werden wir alle zunehmend orientierungsloser), mit gesundem Zynismus – und dieser tut Not, ja ist heilsam. GRM ist ein wichtiges und auch sehr unterhaltsames Werk!

Sibylle Berg
GRM
Brainfuck
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten

Zugegeben, ich habe mich schon gefragt, ob ich als heterosexueller Mann ein Buch besprechen soll/will, das gemäss dem Untertitel davon handelt, wie Rebecca Solnit Feministin wurde. Ausschlaggebend für meinen Entschluss war letztlich jedoch nicht das Thema, sondern Solnits Weltsicht, die ich aus ihren Büchern kenne und schätze, insbesondere Wanderlust, Aus der nahen Ferne und ihren Text über Eadweard Muybridge.

Rebecca Solnit lebt in San Francisco, einer Stadt, in der ich schon oft war, und in die ich mich jetzt versetzt fühle, als ich von dem „kleinen Viertel von grosser und vilefältiger Spiritualität“ lese, wo sie einst wohnte. „Als ich viele Jahre später etwas Zeit in New Orleans und an anderen Orten der Südstaaten verbrachte, fühlte ich mich dort auf eine verblüffende Weise zu Hause, und mir wurde klar, dass dieses kleine Stück Westcoast damals ein Aussenposten der schwarzen Südstaaten gewesen war.“

Geboren ist sie 1961, war also zu einer Zeit jung, die sich wesentlich von der heutigen unterschied. „Wir waren den Wundern und Frustrationen der Unvorhersehbarkeit ausgesetzt und besser gegen sie gewappnet, denn die Zeit floss damals gemächlich dahin, auch wenn sich das erst im Rückblick so ausnimmt (…) Wir waren auf Begegnungen mit Fremden vorbereitet, vor denen das digitale Zeitalter uns später bewahren würde.“

Wir gehören einer Gesellschaft an, „die uns alle beschädigt, uns Frauen ganz besonders“, schreibt sie. Die Geschichten über die Beschädigungen, die sie in diesem Buch erzählt, machen mich zum Teil fassungslos und zum Teil wütend. Doch Solnit stellt der Dominanz von Ignoranz und Gier auch Geschichten von Wärme und Menschlichkeit gegenüber.

Sie war arm in jungen Jahren, las Bücher in der Buchhandlung im Stehen und kriegte eines Tages von einer Frau, die ein Mann zu ermorden versucht hatte, einen Schreibtisch geschenkt – „ein Sprungbrett für meine Stimme.“ Feminismus, in Solnits Verständnis, meint übrigens, dass wir alle, ungeachtet unseres Geschlechts, eine Stimme haben und gehört werden sollen.

Von der Gewalt gegen Frauen (sie ist selber als Kind einer von Gewalt geprägten Ehe aufgewachsen), denen schon früh beigebracht wird, dies und jenes nicht zu tun, um sich nicht in Gefahr zu bringen (all das, was junge Männer problemlos tun dürfen), schreibt sie, und davon, dass so recht eigentlich Männer Krieg gegen Frauen führen. Frauen und Mädchen werden nicht gejagt und angegriffen wegen irgendetwas, was sie getan hätten, sondern weil sie Frauen und Mädchen sind. „Nicht dafür, wer, sondern dafür, was sie waren. Was wir waren. Tatsächlich allerdings deshalb, weil er war, was er war: ein Mann, der das Verlangen und, wie er meinte, auch das Recht hatte, Frauen etwas anzutun.“

Sie lebt in Büchern, darunter solchen, die sie wieder und wieder liest. Ich werde neugierig auf Ursula K. Le Guins „Erdsee“-Bücher, Milan Kunderas „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ und auf Willa Cather, von der meine Mutter einige Werke besessen hatte. „Durch Bücher zu leben hiess gleichzeitig, nicht zu existieren und in vielen anderen Leben, Gedankenwelten und Träumen zu existieren und die eigene vorgestellte Existenz wie auch die Existenz der eigenen Vorstellung zu erweitern.“

Natürlich äussert sie sich auch zum Schreiben und zitiert Diane di Prima: „Ohne eine Kosmologie kann man keine einzige Zeile schreiben.“ Das meint, man muss seine Stimme finden, aus dem eigenen Herzen sprechen – und das erfordert Mut. Höchst anregend fand ich auch Solnits Bezug zur Kunst, die für sie bedeutet, „dass jegliche Prämisse in Frage gestellt, jedem Problem nachgegangen und in jede Situation eingegriffen werden konnte, und ich verstand die bildende Kunst bald als eine Art philosophisches Hinterfragen mit anderen Mitteln.“ Für jemandem, der mit Kunst vornehmlich eitle Wichtigtuer assoziiert, ist das ein überaus hilfreicher Augenöffner.

Ein Leben sollte in seinen Verästelungen geschildert werden, nicht in einer langen Linie, notiert sie einmal. Dieses nicht-lineare Vorgehen, das die Welt immer wieder neu zusammensetzt, prägt nicht nur Unziemliches Verhalten, sondern ihr Schreiben insgesamt.

Fazit: Hellsichtig und eigensinnig, überzeugend und lehrreich.

Rebecca Solnit
Unziemliches Verhalten
Wie ich Feministin wurde
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Yael Adler: Wir müssen reden, Frau Doktor

Der erste Eindruck: Yael Adler, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Venenheilkunde und Ernährungsmedizin, schreibt gut, persönlich, erzählt aus der alltäglichen Praxis. Ihre Grundeinstellung ist mir nicht nur sympathisch, ich teile sie. „Ich bin fest davon überzeugt, dass ein gutes, ein intaktes Verhältnis zwischen Arzt und Patient eine therapeutische Wirkung hat (…) es geht um das Bewusstwerden von Dingen und Verhaltensweisen, und das können Geräte und Medikamente allein nicht leisten.“

Die Fälle, die sie anführt, sind naturgemäss ganz unterschiedlich, genauso wie das Verhalten der Ärzte (knapp die Hälfte des angestellten ärztlichen Personals sind heutzutage Frauen), doch die Empathielosigkeit gewisser Mediziner ist erschreckend – ein abgeschlossenes Studium garantiert leider keine Mitmenschlichkeit und Einfühlungsvermögen ist kein Prüfungsfach. Übrigens: Auch Ärzte, die zu Patienten werden, werden von ihren Kollegen oft als simple Objekte behandelt.

„Die Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“, dieser viel zitierte Spruch ist aktueller denn je. „Während der Corona-Krise wurden Ärzte und Pflegekräfte als systemrelevant bezeichnet. Allerdings bleibt die Frage, wie nachhaltig diese Erkenntnis ist und ob sie Bestand haben wird: Pflege muss als Beruf mit Entwicklungschancen betrachtet werden, und dazu gehören auch höhere Löhne und eventuell sogar Gefahrenzulagen. Möglich wird das nur, wenn Kliniken sich von zu ausgeprägten wirtschaftlichen Zielen lösen und das Ansehen dieser systemrelevanten Kräfte in unserer Gesellschaft dauerhaft steigt.“

So richtig und wahr und auf den Punkt gebracht dies auch ist, die Formulierung „wenn Kliniken sich von zu ausgeprägten wirtschaftlichen Zielen lösen“ ist meines Erachtens viel zu harmlos, denn das ökonomische Denken, diese Zeitkrankheit, der wir uns alle unterordnen (meist nicht freiwillig), hat in einer Klinik schlicht nichts zu suchen. Wer eine menschliche Medizin will, muss sie von der gegenwärtigen Geld-Obsession strikt abkoppeln, denn diese räumt alles aus dem Weg, das dem Profit im Wege steht – also auch die Zeit, die der Arzt für den Patienten braucht.

„Empathie und Kommunikation kann man bis zu einem gewissen Grad erlernen.“ Das setzt jedoch die Bereitschaft dazu voraus. Fehlt diese, so wäre eine Tätigkeit im Forschungslabor günstiger. Wie sagte doch Voltaire: „Man soll vor allem Mensch sein und dann erst Arzt.“ Eine Maxime, die man sich auch bei anderen Berufsgruppen, bei denen der Kontakt mit den Mitmenschen zentral ist, wünschen würde.

Bis zu 90 Prozent jeder Kommunikation ist non-verbal. Und so sinnvoll es oft ist, eine Checkliste abzuhaken, wenn die non-verbalen Signale des Patienten nicht wahrgenommen werden, passiert das, was Frau Dr. Adler treffend so zusammenfasst: „Dr. Renner hat zugehört, aber nicht verstanden. Er hat informiert, aber nicht erklärt. Er hat sich auf die Laborwerte konzentriert, aber den Patienten übersehen.“

Yael Adler verfügt über ein pädagogisches Händchen, was sich auch in der gelungenen Gliederung, zu der auch die amüsanten Illustrationen von Katja Spitzer beitragen, zeigt. So werden etwa im Kapitel „Patient sucht Arzt“ nicht nur verschiedene Arzttypen vorgestellt, sondern es wird auch jeweils ein Fazit gezogen. „Sollte der Arzt Ihres Vertrauens ein Hypochonder zu sein: Gut für Sie!“ Dass Angst vor Krankheiten zum Arztberuf führen könnte, daran habe ich noch nie gedacht, doch einleuchtend ist es ja schon, schliesslich studieren bekanntlich auch deswegen viele Psychologie, um die eigenen Probleme besser zu verstehen.

Natürlich haben auch Mediziner ihre Lieblingspatienten. Eine solche Patiententypologie aufzustellen ist so recht eigentlich naheliegend, überrascht hat sie mich trotzdem. Positiv überrascht, denn ich finde es ausgesprochen nützlich, wenn Patienten sich über sich und ihre Wirkung Gedanken machen. Hier nur soviel: Die Zwanghaften, die mit einer umfänglichen Liste bewehrt antraben, werden durchaus geschätzt, sofern sie den Arzt nicht detailliert darauf hinweisen, was er alles besser machen könnte.

Es sind nicht zuletzt die vielen Fallgeschichten, die dieses Buch zu einer lehrreichen und unterhaltsamen Lektüre machen – weder hatte ich mir vorstellen können, dass Patienten sich gelegentlich übergriffig verhalten, noch war mir klar, dass Ärzte auch recht eigenartige Figuren sein können. Sicher, theoretisch wusste ich das, doch davon aus der Praxis zu erfahren ist eine ganz andere Geschichte. Gut also, dass Frau Doktor davon redet!

Mich spricht Wir müssen reden, Frau Doktor sehr an und das hat wesentlich damit zu tun, dass Yael Adler Ausführungen vielfältig instruktiv sind, nicht zuletzt, da sie über die Gabe verfügt, medizinische Vorgänge in verständlicher Sprache zu schildern und mich auch immer mal wieder zum Schmunzeln bringt. Etwa wenn sie schreibt: „Nacktheit ist für viele Menschen noch immer mit Scham besetzt, nicht jeder ist am FKK-Strand gross geworden.“ Ich persönlich finde es tröstlich, dass sich das nächstens kaum ändern wird.

Fazit: Spannende, gut geschriebene, informative und hilfreiche Aufklärung.

Yael Adler
Wir müssen reden, Frau Doktor
Wie Ärzte ticken und was Patienten brauchen
Droemer, München 2020

Jerold J. Kreisman: Die Kunst, mit einem Vulkan zu sprechen

„Kommunikationstechniken für Angehörige von Menschen mit Borderline“, heisst der Untertitel. Dass jemand, für den schon der Begriff „Kommunikationstechnik“ ein rotes Tuch ist, zu diesem Buch greift, hat in meinem Fall zwei Gründe: 1) ich habe von Borderlinern viel über mich und das Leben gelernt, 2) ich halte Ich hasse dich – verlass mich nicht, das der Autor zusammen mit Hal Straus verfasst hat, für eines der hilfreicheren Bücher über Borderline, die ich kenne.
Das Buch beginnt wie alle Sachbücher: Der Autor klärt über den derzeitigen Wissensstand in Sachen Borderline auf. Charakteristisch für Borderliner ist die Spaltung, mit der sie die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten im Leben umgehen und Halt zu finden versuchen. Dazu kommt, dass Borderline im Verbund mit weiteren Störungen auftritt, vor allem Depressionen und Angststörungen.

So notwendig die Unterscheidungen von seelischen Erkrankungen auch sein mögen, letztlich sind die gängigen Zuschreibungen ausgesprochen willkürlich und vom Zeitgeist abhängig. Und manchmal wenig hilfreich: „… dauern die Gefühlsschwankungen bei Borderline in der Regel nur Stunden, statt tage- oder wochenlang wie bei der bipolaren Störung.“

Menschen mit Borderline haben ausserordentliche Mühe Ambivalenz und Uneindeutigkeit auszuhalten. Also wird Eindeutigkeit gesucht, werden Schuldige gefunden. Wird der Partner oder die Partnerin zum Sündenbock gemacht, rät Kreisman, es nicht persönlich zu nehmen. „Akzeptieren Sie, dass sich darin eben die Verwirrung der Borderline-Persönlichkeit angesichts ihrer eigenen Ambivalenz spiegelt.“

Die SET-UP Kommunikationstechnik, die in diesem Buch vorgestellt wird, bedeutet aufgeschlüsselt: Support (Unterstützung), Empathy (Mitgefühl), Truth (Wahrheit) sowie Understanding (Verständnis) und Perseverance (Beharrlichkeit). So einleuchtend diese Leitlinien auch sein mögen, in der Praxis (der Autor erläutert seinen Ansatz an zahlreichen Beispielen) überzeugen sie meines Erachtens nicht immer. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, es werde empfohlen, den Borderliner wie ein rohes Ei zu behandeln – was ich für den falschesten Ansatz überhaupt halte.

So rät er etwa einem Ehemann, dessen Frau gerade wütend ausrastet unter anderem zu einem ‚mea culpa‘: „Ich werde mich bessern. Ich werde mich bessern.Aber das, was für uns beide gerade wichtiger ist …“. Fraglich ist auch, ob ein wütend ausrastender Borderliner für sachliche Argumente empfänglich ist. Wesentlich hilfreicher ist die Aufforderung: „Prüfen und respektieren Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Motive“.

Dem Borderliner sind impulsive Wutausbrüche eigen, die auch bei der bipolaren Störung und anderen Formen der Persönlichkeitsstörung sowie bei Substanzmissbrauch vorkommen. „Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung jedoch tritt dieser Zorn nach einem absehbar unabsehbaren, konsequent inkonsequenten Muster in Erscheinung.“ Ein Satz, den man  mehrmals langsam lesen sollte, denn er bringt auf den Punkt, weshalb Borderline auch heute noch weitestgehend ein Rätsel ist.

Auch wenn ich viele der Hinweise und Ratschläge für ziemlich schlicht, oft auch für recht banal und schwierig umzusetzen halte („Bleiben Sie cool. Würdigen Sie das Positive. Lenken Sie den Fokus auf etwas Unverfänglicheres. Achten Sie auf klare Grenzen“ etc), die vielfältigen Aufklärungen über die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind ausgesprochen hilfreich. Je mehr Angehörige über Verlassenheitsängste, innere Leere, verzerrte Fehleinschätzungen und Viktimisierung wissen, desto eher werden sie in der Lage sein, situationsgerecht zu handeln.

Jerold J. Kreisman
Die Kunst, mit einem Vulkan zu sprechen
Kommunikationstechniken für Angehörige von Menschen mit Borderline
Kösel, München 2020

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte