Der 1959 in Argentan/Frankreich geborene Michel Onfray, ein rastloser Mann, der mehr als 50 Bücher verfasst hat, hat sich auf die Suche nach den Gründen des Niedergangs der abendländischen Kultur gemacht und ist zum Schluss gekommen, dass wenn die Religion verfällt, auch die Kultur verfällt. „Eine Kultur schöpft ihre Kraft stets aus der Religion, von der sie legitimiert wird. Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.“
Doch er fragt auch: „Was kann man jenseits unserer engen geistigen Kategorien, denen die Erkenntnisse der Astrophysik verheerend zusetzen, schon wissen und was kann man hoffen?“ Die Astrophysik lehrt uns unter anderem, dass wir in einer Galaxie namens Milchstrasse, einer Zusammenballung von Sternen, in dessen Zentrum sich ein massives schwarzes Loch befindet, leben. Und dass es noch Millionen von weiteren Galaxien gibt. „Wenn Menschen meinen, willentlich zu bestimmen, was mit ihnen geschieht, wiegen sie sich in Illusionen.“
Auf einer Illusion, folgt man Michel Onfray, gründet auch die jüdisch-christliche Kultur, denn Jesus von Nazareth habe es historisch nie gegeben. Überdies sei eine Zeugung ohne Geschlechtsverkehr und eine Mutter, die nach der Geburt noch immer Jungfrau war, mit dem gesunden Menschenverstand nur schwer zu vereinbaren. Auch über Jesus‘ Kindheit sei kaum etwas bekannt, schreibt er, zählt dann aber doch einiges auf – er verfügte über wundertätige Kräfte, hatte keine Bedürfnisse, Leidenschaften liess er nicht erkennen.
„Die Biographie Jesu“, so Onfray, „wurde schriftlich niedergelegt, noch ehe er gelebt hatte – so genau, dass er gar nicht gelebt haben musste.“ Einer der vielen Hinweise darauf bildet etwa die Tatsache, dass gemäss Archäologen das Städtchen Nazareth zu der Zeit, als Jesus (von Nazareth) zur Welt gekommen sei, noch gar nicht existierte, sondern erst im 2. Jahrhundert n.Chr. besiedelt worden ist.
Das Detail-Wissen des Michel Onfray erschlägt einen geradezu, macht einen aber auch schmunzeln. „Obwohl Jesus, da ohne reale Existenz, ein Körper fehlte, wurde er doch beschnitten. Als Beweis dafür wird an verschiedenen Kultstätten in Europa ein Dutzend Vorhäute verwahrt und auch verehrt …“. Auch die Nabelschnur, die Maria mit Jesus verband, werde an verschiedenen Kultstätten verwahrt, hingegen gebe es keine Hinweise darauf, was mit der Vorhaut des Paulus, der dafür eintrat, dass die Beschneidung nicht mehr am physischen Leib, sondern an der Seele vorgenommen wurde, geworden sei. „Psychoanalytisch gesehen – Gott bewahre – , könnte der chirurgische Eingriff als traumatisches Erlebnis verstanden werden: nämlich als eine Art Kastration auf psychischer Ebene. Das Verbot der Beschneidung durch Paulus diente dann der Verhinderung einer Wiederholung des Traumas wie auch der Sublimierung des körperlichen Eingriffs zu einem rein spirituellen Akt.“
Nur eben: Dass die Bibel voller Widersprüche steckt, ist bekannt, dass jeder fündig werden kann, der nach Rechtfertigungen für sein Handeln sucht, ist auch bekannt. Denn es ist der Glaube, der den Menschen ausmacht.
Michel Onfrays Vorlieben und Abneigungen
Wie jedes Buch, so handelt auch Michel Onfrays Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden wesentlich von des Autors Vorlieben und Abneigungen. Die Psychoanalyse ist definitiv nicht sein Ding und seine Achtung vor der Moral des Christentums hält sich in Grenzen. „Das Christentum triumphierte nicht, weil es die Wahrheit in Händen hielt, sondern weil es mit bewaffneter Gewalt, Polizeimacht, politischer List und kriegerischer Einschüchterung auftrat.“
Unsere Zeit habe aufgehört zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen, Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen, so Onfray. Er illustriert das, indem er die den Marktgesetzen gehorchende Funktionsweise der Medien beschreibt. „Angesichts eines Feuers erklären sie, die Flammen schlügen aus dem Gebäude; die Feuerwehrleute und Notärzte werden mit dem Kommentar bedacht, Hilfe sei vor Ort, und wenn die Polizei das Gelände absperrt, wird berichtet, die Polizei sperre das Gelände ab.“ Mit anderen Worten: Die Medien begleiten mit grossem Lärm, was auch ohne sie passiert.
Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden beschreibt eloquent und anhand einer Unmenge von Beispielen (inklusive höchst fragwürdiger Behauptungen: „Wie jeder von Ressentiments geprägte Mensch liess Hitler später jene büssen, die ihm Gutes getan hatten.“) die Errungenschaften (wie etwa den Respekt für das menschliche Individuum) sowie die Verfehlungen der jüdisch-christlichen Kultur. Der heutzutage liberalen westlichen Welt wirft er vor, radikalen Ideologien wie dem Islamismus nichts entgegen zu setzen. „Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.“
Das Verschwinden des Christentums und damit der Niedergang der abendländischen Kultur („Nicht Kulturen bringen Religionen hervor, sondern Religionen sind der Ursprung von Kulturen.“) sowie der Aufschwung des Islam, lassen sich allein schon aus der Demographie ersehen. Doch Michel Onfray legt auch dar, dass das gewalttätige Christentum dem gewalttätigen Islam nichts entgegenzusetzen hat. So verurteilte der Rechtsrat der Islamischen Weltliga in Mekka Salman Rushdies Satanische Verse und in London „demonstrierten 8000 Menschen für die Ermordung des indisch-britischen Schriftstellers.“ Und der Westen schwieg. Keine Botschafter wurden abgezogen, kein Wirtschaftsembargo erlassen. Von einem Kampf der Kulturen traute man sich im Westen nicht zu sprechen.
Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden ist ein detailreicher, gut geschriebener und engagierter Aufruf, den Kampf der Kulturen ernst zu nehmen.
Michel Onfray
Niedergang
Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden
Albrecht Knaus Verlag, München 2018




