Colum McCann: Twist

Der irische Journalist Anthony Fennell soll eine Reportage über ein Reparaturschiff für Kabelbrüche in der Tiefsee schreiben. Er macht sich kundig und lernt, „dass beinahe die gesamte interkontinentale Information der Welt durch zerbrechliche Röhren auf dem Meeresgrund floss.“ In Kapstadt soll er an Bord gehen. Er trifft sich mit Missionschef Conway, lernt auch dessen Frau Zanele, eine Schauspielerin kennen, die mit ihrer Meinung zur „Krankheit unserer Tage“ nicht zurückhält. „Wir kippen ins Meer, was wir können. Vier Milliarden Industrieabfälle jährlich (…) Wenn das in einem Scheiss-Science-Fiction-Film passiert wäre, würden wir es kapieren, aber so tun wir es nicht. Mit ein bisschen Einsicht würden wir uns alle zu Tode schämen (…) Wissen Sie, wenn der Ozean eine Bank wäre, hätten wir ihn längst gerettet. Du kannst ihnen diesen Mist wieder und wieder erzählen, und trotzdem leugnen sie ihn weiter. Das liegt an der Angst, sie könnten zu viel ändern müssen.“ Das fasst uns Menschen und unsere Zeit treffend zusammen!

Sind Kabel auf dem Meeresgrund beschädigt, bedeutet das auch: Kein Internet mehr, kein Telefon mehr, kein Geld am Automaten mehr. Und genau das passiert eines Tages in Kapstadt, wo Anthony Fennell darauf wartet, an Bord eines Reparaturschiffs für Kabelbrüche gehen zu können. „Es erschien unwirklich, dass es überhaupt keinen Empfang gab. Und doch verband uns dieser Ausfall alle. Er schweisste und zusammen. Sekundenlang schauten wir einander an und verstanden, dass wir verbunden waren.“ Eine solch elementare Erfahrung ist nur möglich, wenn wir aus unseren Gewohnheiten gerissen werden. Unfreiwillig natürlich, denn freiwillig gibt niemand etwas auf.

Womöglich ein defektes Kabel, denkt Fennell, der bis vor Kurzem angenommen hatte, unsere Botschaften und Signale würden von Satelliten übermittelt. Doch nicht nur über Unterwasserkabel klärt Twist auf, sondern auch darüber, dass es auf dem Meeresgrund mehr Leben als irgendwo sonst gibt. „Nichts da unten passt in unsere vertrauten Kategorien, Mann. Wesen, die wir noch nie gesehen, geschweige denn benannt haben. Bakterien, Wirbeltiere, Meeresschnee. Alles da. Daher sind wir gekommen. Das ist der Ursprungsort.“

Die Welt zu entdecken setzt genaues Hinschauen voraus. Twist macht auch deutlich, dass wir in einer Illusion leben, wir uns eine Realität zurechtgezimmert haben, die vor allem deshalb funktioniert, weil wir ganz, ganz Vieles einfach ausgeblendet haben.

Das Reparaturschiff läuft endlich aus, nach einigen Wochen auf See holt ein Greifhaken das beschädigte Kabel herauf. Doch bereits wartet an anderer Stelle ein weiteres Kabel. Aus England, wo Zanele Becketts Godot als Aufruf zur Rettung des Klimas inszeniert und dabei auch selber mitspielt, wird ein tätlicher Angriff auf sie gemeldet. Was die Medien (inklusive der sozialen) damit machen, beschreibt Colum McCann überzeugend.

Während seiner Zeit auf dem Schiff geht Fennell auch vieles aus einer Vergangenheit durch den Kopf. Seine Ex, eine chilenische Tänzerin, mit der er einen Sohn hat; der Film Apocalypse Now , die Feuerwehrleute am elften September etc.– es gehört zu den erstaunlicheren Dingen im Leben, wie aus jedem Zusammenhang gerissene Bilder (und das meint: Emotionen) aus der Vergangenheit uns prägen. Dann ist Conway plötzlich verschwunden, Fennell macht sich in Accra auf die Suche nach ihm …

Twist informiert nicht nur packend über unsere fragilen Abhängigkeiten, sondern ist vielfältig überraschend und lehrt auch Wesentliches über Beziehungen: „… einen Teil unserer menschlichen Wärme macht die Dunkelheit aus, die wir einander nicht zeigen.“ So konstatiert Fennell, als er bei Conway und Zanele zu Besuch ist: „Ich befand mich in der Präsenz eines Paares, das sich auf aussergewöhnliche Weise verbunden war.“ Wie Colum McCann dieses Paar beschreibt, ist ganz besonders eindrücklich.

Fazit: Aufschlussreich, vielschichtig, spannend und geeignet, unser Weltbild zu revidieren.

Colum McCann
Twist
Roman
Rowohlt, Hamburg 2025

Jennifer Down: Körper aus Licht

Wunderbar, toll, denkt es bereits nach den ersten wenigen Seiten in mir, denn die Stimme, der Tonfall, die Art und Weise, wie Maggie Sullivan von ihren jungen Jahren erzählt, gemahnt mich an meine eigene Kindheit, auch wenn diese ganz, ganz anders gewesen ist. Es ist der Umgang der Kinder miteinander, diese Mischung aus Freundschaft und Konkurrenz, die derart gut getroffen ist, dass ich mich in meine ersten Lebensjahre zurückversetzt fühle.

Der Vater landet im Gefängnis, Maggie bei Pflegeeltern. Sie wird vom Sportlehrer, einem Serientäter in Sachen Kinderschändung, missbraucht. Dann von einem Polizisten. Als dieser es unterlässt, sie zu ermahnen, niemandem davon zu erzählen, ist ihr klar, dass sie selber nicht zählt, er hingegen unantastbar ist. All das wird unaufgeregt und sachlich geschildert; dass man sich auch wehren könnte, ist kein Thema.

Eines Tages befindet ihre Pflegemutter, Maggie brauche einen BH. Die Frau im Laden taxiert sie, „mit der flotten Effizienz eines Automechanikers“, als 70C. Nach dem Kauf geht sie mit ihrer Pflegemutter zu Donut King, „und sie kaufte mir meinen ersten Cappuccino, wodurch ich mich erwachsener fühlte als durch die BHs.“ Ich kann mich nicht erinnern. mich jemals intensiver in meine Jugend zurückversetzt gefühlt zu haben, was, wenn man es recht bedenkt, einem Wunder gleichkommt, denn weder war ich ein Mädchen, noch jemals bei Pflegeeltern. Und auch nicht in Australien, sondern in der Schweiz. Doch die ersten Erfahrungen (die ersten Freunde, der erste Kuss, der erste Sex) sind eben auf der ganzen Welt die gleichen.

Sie kommt zu Judith, einer neuen Pflegemutter. „Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es sein würde, woanders zu leben, ohne Judith. Ich hatte mich an ihren trockenen Humor, ihre lakonische Ausdrucksweise und Direktheit gewöhnt. Sie erwartete viel. Sie fragte nach sich nur schwer vorstellen, dass Pädagogen und Pädagoginnen davon viel Ahnung haben

Judith erleidet einen Schlaganfall, Maggie macht ihren Schulabschluss, schreibt sich an der Uni ein. Bei den Einführungstagen kennt sie niemanden. „Ein Junge reichte mir einen Flyer für eine Wet-T-Shirt-Party, die an diesem Abend in einem Klub in der Stadt stattfinden sollte. Ich holte mir einen kostenlosen Kugelschreiber und einen Schlüsselring von der Studentenvereinigung, ein paar Broschüren über Abtreibung von der Sozialistischen Alternative und trank unter einem Baum ein warmes Bier.“ Nichts illustriert die Absurdität unseres menschlichen Tuns besser als die nüchterne Beschreibung dessen, was wir für normal halten.

Sie landet in der Psychiatrie, wie sie dorthin gekommen ist, weiss sie nicht. Im Nachhinein erfährt sie, dass ihre Freundin Alice sie eingewiesen hat. Als sie rauskommt, muss sie Medikamente nehmen, sich eine neue Wohnung suchen, da bei Alice zwischenzeitlich eine andere Frau eingezogen ist. „,,, ich stellte fest, dass ich nicht wütend war, nicht einmal schockiert. Ich empfand allgemein nicht viel. Es kam mir nur wie der nächste Schritt in einer Abfolge vor, die bereits im Gange war. Die nächste Szene in einem Theaterstück. Ich hatte das gleiche reisekranke Déjà-vu-Gefühl wie im Krankenhaus, das gleiche Gefühl von Unabwendbarkeit.“ Es ist dieses nüchterne Registrieren dessen, was ist, das ihr Überleben sichert. Sie ist stark und resilient. Kein Hadern mit dem Schicksal, sondern eine Fähigkeit zur Akzeptanz, die in einer imponierenden Lebenstauglichkeit gründet.

Maggie heiratet, wird schwanger, der Bub stirbt mit nur gerade zwölf Wochen. Sie wird wieder schwanger, der zweite Bub stirbt mit achteinhalb Monaten. Das dritte Kind, ein Mädchen, stirbt nach acht Wochen. Das ruft die Polizei auf den Plan. Sie wird befragt, kommt in Untersuchungshaft, dann auf Kaution frei, taucht unter, fliegt nach Neuseeland, erschafft sich ein neues Ich, lernt einen Amerikaner namens Jeff kennen, zieht zu ihm nach Amerika. Sie erlebt Jeff als durchdrungen von „einem patriotischen Pflichtgefühl“ und bringt damit den mir unerklärlichen amerikanischen Respekt für das Präsidentenamt auf den Punkt.

Sie und Jeff trennen sich, sie wird abhängig vom Schmerzmittel Oxycodon. Sie sehnt sich nach Liebe, ihre zahlreichen Begegnungen/Beziehungen scheitern allesamt. Weil sie sich nicht offenbaren kann, nicht zeigen kann, was sie selber vor sich versteckt? Käme wirklich jemand damit klar, dass ihre drei kleinen Kinder gestorben sind? „Ich dachte, ich hätte mein ganzes Leben damit verbracht, allein zu sein und alles selbst in die Hand zu nehmen. Aber ich war mir nicht bewusst gewesen, wie erdrückend diese Abgeschiedenheit sein würde. Es bringt nichts, in Selbstmitleid zu versinken, und doch – und doch.“

Sie beginnt zu saufen, landet auf der Strasse, beginnt mit Hilfe von Jeff einen Entzug, kommt in die Reha, geht zu den Narcotics Anonymous, und denkt, als sie an einem hellen, kalten Morgen mit ihrem Hund Gassi geht, „dass ich vielleicht dafür bestimmt bin, das zu überstehen. Wir haben nichts mehr zu befürchten.“

Körper aus Licht ist ein ungemein bewegendes Dokument der Resilienz, das Kindheitserfahrungen auf einzigartige Art und Weise nachvollziehbar macht, und eindrücklich aufzeigt, dass die Vorstellung, man könne etwas hinter sich lassen oder gar bewältigen, eine Illusion ist. Doch man kann lernen, mit seinen Dämonen zu leben. Auch das zeigt dieses grossartige Werk.

Jennifer Down
Körper aus Licht
Roman
Ullstein, Berlin 2025

Achim Zons: Von Schatten und Wölfen

Diesem Thriller ist ein Motto vorangestellt ( „Das ist eine wahre Geschichte. Nichts davon ist wirklich passiert.“), das man auf sich wirken lassen sollte, macht es doch deutlich (jedenfalls lese ich es so), dass „wahr“, „wirklich“ und „Geschichte“ so recht eigentlich wenig kompatibel sind, denn eine Geschichte ist nun mal nichts anderes als eine Geschichte.

Die vorliegende Geschichte spielt im Zeitungsmilieu, in dem sich Achim Zons, der mehr als dreissig Jahre als Redakteur für die Süddeutsche Zeitung schrieb, bestens auskennt. So lernt man etwa, dass einen Westfalen zum Leiter des Lokalteils einer in München erscheinenden Zeitung zu machen, entschieden suboptimal ist, „da er bei seinen bayerischen Autoren regelmässig den Irrealis korrigierte, womit er ihnen einen Teil ihrer sprachlichen Ausdruckskraft raubte: den selbstironischen Zweifel, den der bayerische Dialekt gerne mitschwingen liess.“

Adam Rycart, der Ex-Präsident der Vereinigten Staaten, verkündet zur Wiederwahl antreten zu wollen, als der Deutschen Allgemeinen Zeitung seine Krankenakte zugespielt wird, der zu entnehmen ist, dass er an einem potentiell tödlichen Gendefekt leidet. Soll man diese Information veröffentlichen oder, da interessierte Kreise mit schweren wirtschaftlichen Konsequenzen drohen, die Geschichte begraben?

Von Schatten und Wölfen ist ein Thriller mit vielen Bezügen zur aktuellen Weltlage. so wird etwa anhand der Verfilmung von Marguerite Duras‘ L’Amant den Fragen von Lüge und Wahrheit in den Medien nachgegangen: Hatten die Hauptdarsteller vor der Kamera Geschlechtsverkehr, worüber Teile der britischen (natürlich!) Presse spekulierten? Und was macht solches Gerüchte-Verbreiten eigentlich mit den Betroffenen?

Der zu seiner Wiederwahl antretende Präsident ist ein notorischer Lügner, seine Frau stammt aus Slowenien, der Abgeordnete aus Florida treibt es mit minderjährigen Mädchen, der Sturm des Kapitols am 6. Januar wird vorbereitet … Der Thriller ist, neben der Komödie, eine überaus geeignete Form, über die Welt aufzuklären. Besonders dann, wenn die sogenannt reale Welt derart irreal unterwegs ist, dass die Mainstream-Medien überfordert sind.

Von Schatten und Wölfen besteht aus ganz unterschiedlichen Geschichten. Alle sind in sich stimmig und überaus anregend. Und natürlich hängen sie auch alle miteinander zusammen, wobei die Zusammenhänge weniger stimmig sind. Da ich es witzlos finde, einen Thriller nachzuerzählen, werde ich darauf nicht weiter eingehen. Und überhaupt: Es ist die Auseinandersetzung des Autors mit der jüngeren Geschichte Amerikas, die mich vor allem überzeugt. Vor dem hirnrissigen Aktivismus des jetzigen Präsidenten, den uns das Fernsehen sowie Online und Print stündlich zelebrieren, hätte man womöglich den Eindruck gehabt, Achim Zons Fantasie sei mit ihm durchgegangen. Mittlerweile scheint es jedoch alles andere als unwahrscheinlich, dass der im Rycart Tower besprochene Plan, „den 6. Januar zu einem historischen Tag für die Republikaner zu machen“ Realität werden könnte.

À propos unterschiedliche Geschichten: Meine Favoritin ist The Factory, eine Gruppe junger Leute, allesamt Spezialisten in ihren jeweiligen Gebieten, die sich ohne Auftrag und aus eigenem Antrieb zusammengetan haben, um Aufklärung zu betreiben. Ihr Vorgehen gründet auf einem Faktengewebe, das künftige Nachrichten revolutionieren könnte und die ‚alternative facts‘-Schwafler zum Schweigen bringen würde. Wobei, und das macht diesen Thriller wesentlich aus, so idealistisch ist es dann doch nicht, es ist komplizierter …

Auslöser der hier erzählten Geschichte, die ihren Anfang nach der Wahl von Joe Biden nimmt, so der Autor, sei der Gesundheitszustand des jetzigen amerikanischen Präsidenten gewesen, bei dem man sich fragen könne, ob sein seltsames und erratisches Verhalten „auf eine angeborene, krankhafte genetische Disposition zurückzuführen sei.“ Ein plausibler Gedanke, da es mehr als offensichtlich ist, dass dieser Mann nicht alle Tassen im Schrank hat (was genauso gilt für die meisten seiner Wähler).

Obwohl ich der Auffassung bin, den egomanischen Primitivlingen dieser Welt sollte so recht eigentlich die Aufmerksamkeit verweigert werden (sie sollte denen gebühren, die unter diesen Idioten leiden müssen), habe ich diesen Thriller mit Gewinn gelesen: Er ist gut geschrieben, intelligent unterhaltend, reich an aufschlussreichen Einblicken in die Medienwelt (inklusive Anregungen, wie man es besser machen könnte), von vielschichtigen Charakteren bevölkert, klärt auf über politische Interessen, und lässt einen einzelne Schicksale (inklusive dem eines angeschossenen Hundes) mitfühlen.

Achim Zons
Von Schatten und Wölfen
Thriller
C.H. Beck, München 2025

Rebecca Godfrey mit Leslie Jamison: Peggy

Die Angabe zur Autorin ist erklärungsbedürftig: Rebecca Godfrey, die über zehn Jahre an Peggy gearbeitet hatte, starb 2020 und hinterliess fast das vollständige Manuskript, das dann von ihrer Freundin, der Autorin Leslie Jamison, anhand von Godfreys Aufzeichnungen vollendet wurde

Es ist zwar verständlich, doch eben auch schade, dass wir mehr über die Begüterten dieser Welt erfahren als über die, welche mit wenig Geld auszukommen haben. Rebecca Godfrey erzählt das Leben der Erbin Peggy Guggenheims als Roman und kann sich daher Freiheiten herausnehmen, die einer Biografien verwehrt wären. Dabei macht sie auch deutlich, dass Peggy Guggenheim auf ihr Erbe zu reduzieren, dieser sensiblen Rebellin nicht im Geringsten gerecht wird.

Peggy Guggenheim wächst in der New Yorker Upper Class auf, gehört zu einer jüdischen Familiendynastie. Ihr Vater kommt beim Untergang der Titanic ums Leben und hinterlässt der Familie viele Millionen. Dann stellt sich heraus, dass er sich verspekuliert hatte; die Familie muss umziehen, in ein bescheideneres Appartement.

Schon als junges Mädchen weiss Peggy, dass sie etwas Besonderes ist. Sie verliebt sich in ein Mädchen, deren Mutter in der Welt der Kunst zuhause ist. Peggy, sechzehn Jahre alt, begreift, dass auch sie ein Leben mit Kunst und Abenteuer führen will. Ihre Mutter verbietet ihr jedoch den Kontakt zu dieser Familie, das seien Libertins.

Alfred Vanderbilt, der Nachbar der Guggenheims, kommt beim Beschuss der Lusitania ums Leben. Bald schon machen dieselben Helden-Mythen die Runde, die schon den Tod von Peggys Vater begleiteten. Peggy misstraut diesen Geschichten; es ist auch ihre sehr realistische Art die Welt zu sehen, die diesen Roman lohnt.

Sie lernt Laurence Vail kennen („Wenn er trank, wurde Laurence erst gesellig, dann brutal.“), folgt ihm nach Paris, wird von Man Ray, dem russischen Juden aus Brooklyn, fotografiert. „Er sprach in professoralem Ton mit mir, als bräuchte ich Nachhilfe bei der Konjugation von Verben.“ Es sind nicht zuletzt solche Sätze, die mir dieses Buch sympathisch machen. Dann aber auch, und zwar ganz besonders, die Schilderung von Man Rays Art des Fotografierens, bei dem Rebecca Godfrey sehr schön darlegt, dass die rebellische und intelligente Peggy Guggenheim genauso wichtig für das Zustandekommens der Aufnahme von ihr ist wie der Fotograf – ein Phänomen (die Zusammenarbeit von Fotograf und Fotografierter), das selten gebührend beachtet wird.

Sie kriegt einen Sohn, ihr Mann Laurence, der sich selber als König der Boheme sieht, landet im Gefängnis. Peggy merkt, dass sie keine Bohemienne ist und beginnt. alles über Rekordversuche von Piloten zu lesen. „Ich neigte zu idiotischen und allzu schlichten Deklarationen. Ich bin eine Libertin.“ Herrlich!

Sie ziehen nach Südfrankreich, das Saufen ihres Mannes wird schlimmer. Sie unterstützt die praktisch mittellose amerikanische Revolutionärin Emma Goldman, finanziert ihr ein Häuschen an der Mittelmeerküste, wo sie sie regelmässig besucht.

Im Alter von 39, mittlerweile geschieden, kehrt sie nach Paris zurück, wo sie eine Galerie eröffnet. Ihr ist klar, dass sie als wandelnde Geldbörse ohne Kompetenz in Sachen Kunst gesehen wird. Sie setzt sich darüber hinweg; die Surrealisten lösen in ihr das Gefühl aus, „über etwas oder in etwas hinein zu stolpern“. Auch in London eröffnet sie eine Galerie, mit Hilfe von Wyn Henderson. „Eine grobknochige Frau, Mutter zweier jugendlicher Söhne. Sie hatte etwas von einem Stier, einem gutmütigen Stier, und schien es gewohnt zu sein, ihre Jungen herumzukommandieren. Wo der Vater war, wusste ich nicht.“ Ob das die Stimme von Peggy Guggenheim oder von Rebecca Godfrey oder Leslie Jamison ist? Wie auch immer, es ist einfach eine ganz wunderbare Charakterisierung.

Peggy klärt vielfältig auf, ist unterhaltsam und auch immer wieder sehr witzig. Da ihre Männer immer so viel redeten, ging sie manchmal in den Garten „und las mir Tolstoi vor, nur um meine eigene Stimme zu hören.“ Und von Beckett lässt sie uns wissen: „Er verliess das Zimmer nur einmal am frühen Nachmittag, um uns eine Flasche Champagner zu holen. Er war eigentlich kein Mann der Tat, es sei denn, es ging um Champagner im Bett. Das war eines seiner Spezialgebiete.“ Keine Frage, ich sehe den Mann nun mit neuen Augen, vollständiger irgendwie.

Fazit: Gut geschrieben, lehrreich und sehr unterhaltend. Eine vielfältig bereichernde Lektüre.

Rebecca Godfrey mit Leslie Jamison
Peggy
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Ines Calic: Commissaria Iva Markulin und Die Schatten über der Adria

Igor Markulin, Leiter der Antikorruptionsabteilung in Pula, stirbt durch eine Autobombe. Seine Frau, Staatsanwältin in Zagreb und in Italien wie auch in Kroatien als Mafiajägerin bekannt und gefürchtet, lässt ihre familiären Beziehungen spielen, um als Sonderermittlerin nach Pula versetzt zu werden. Sehr schön zeigt die Autorin und Juristin Ines Calic auf, wie das politische Druck-Machen funktioniert. Überhaupt schildert sie ausgesprochen illustrativ, dass ohne persönliche Beziehungen praktisch nichts geht.

War die Autobombe für Iva gedacht? Als die Doktorica (die Anrede mittels Titel scheint in Istrien ein Muss) im Büro des Staatsanwalts vorstellig wird, kondoliert ihr der Kollege zum Tod ihres Mannes mit: „Darf ich Ihnen mein tiefempfundenes Beileid ausdrücken, verehrte Kollegin? Möge die Erde ihrem Mann leicht sein.“ Wunderbar!

„Istrien war ein Stück Adria, das sich jedem Nationalismus verweigerte. Hier, an der Küste, lagen Ljubljana und Triest näher als Zagreb, und das nicht nur geografisch.“ Ein Istrien-Krimi, so die Charakterisierung dieses 400 Seiten Werkes, überzeugt als Einführung zu Istrien mehr denn als Krimi, der eher interessant und anregend als spannend ist. Gleichwohl: An überraschenden Wendungen fehlt es nicht. Und gegen Ende nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Viel Geschichtliches, ausführliche Beschreibungen von Architektur und Landschaft sowie den lokalen Eigenarten – Commissaria Iva Markulin und Die Schatten über der Adria ist so recht eigentlich vor allem eine Liebeserklärung an Istrien. Ich selber war vor vielen Jahren einmal auf Krk, doch ansonsten kenne ich die Gegend nicht. Jetzt hat mich die Autorin neugierig gemacht.

Tito, Partisanen, alte Seilschaften – eine mir unbekannte Welt tut sich auf. Eindrücklich schildert Ines Calic auch die Umweltzerstörungen, die wie immer und überall dem Profit unterordnet sind. Und sie klärt auf über das Rechtssystem. „Iva wusste, dass Gesetze in Kroatien in der Praxis mitunter nicht das Papier wert waren, auf das sie gedruckt wurden.“ Zudem gibt es oft Bezugnahmen auf die ermordeten Mafiajäger Falcone und Borsellino, die beide durch eine Autobombe ihr Leben verloren.

Ines Calic ist eine exzellente Beobachterin, deren vielfältige Ausführungen mich an die Bildbeschreibungen, die im Schulunterricht verlangt wurden, erinnerten. Die typische Juristin, die um die Wichtigkeit von Kleinigkeiten weiss, was natürlich seinen Reiz hat, doch der Mut zur Lücke geht ihr definitiv ab.

Sehr gelungen sind die Schilderungen von Ivas Umgang mit anderen. Anteilnehmend mit Untergebenen, überlegt mit der Beamtenhierarchie. „Ein Mann der aufbegehrte, was durchsetzungsstark, eine Frau war zickig. Suaviter in modo, fortiter in re – sanft im Ton, hart in der Sache. So lautete ihr Motto.“ Auch die regelmässigen Hinweise auf Korruption und Vetternwirtschaft haben es in sich. „Er hatte sogleich über den Kapitalismus und dessen Handlangerin, die katholische Kirche, geschimpft, die die Menschen mit religiöser Hoffnung für weltliche Zwecke missbrauchten.“

Ihre Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass ihr Mann Geheimnisse vor ihr hatte. Doch dann kommt Ivas Assistent zu Tode (dem eigenartigerweise niemand nachzugehen scheint), stirbt ein junger Untersuchungshäftling, dessen Mutter für Ivas Grossvater den Haushalt führt, wird Iva nach dem Leben getrachtet, dann schliesst sich Komesar Miro Baban, dessen Freundin, eine Umweltaktivistin, in Gefahr ist, Iva an – es sind etwas arg viele Handlungsebenen, welche die Autorin da bedient. Weniger wäre mehr gewesen.

Fazit: Ein gut erzählter, differenzierter und aufschlussreicher „Follow The Money“-Krimi, angesiedelt im istrianischen Raubtierkapitalismus, der überzeugend aufzeigt, wie diejenigen, die von einem System profitieren, absolut alles dransetzen, dass es auch so bleibt.

Ines Calic
Commissaria Iva Markulin und Die Schatten über der Adria
Ein Istrien-Krimi
Rowohlt Polaris, Hamburg 2025

Liane Moriarty: Vorsehung

Der Einstieg in diesen Roman ist schlicht grandios: Der Flug von Hobart nach Sydney hat Verspätung, was der Autorin die Möglichkeit gibt, die Flugpassagiere vorzustellen. Wie auf jedem Flug kommt da eine recht bunte Truppe zusammen, die derart lebensnah geschildert ist, dass ich ständig laut herauslachen muss. Wir Menschen sind schon eine überaus eigenartige Spezies! Kurz vor der Landung steht eine alte Dame von ihrem Platz auf, geht durch die Reihe, bleibt bei den einzelnen Passagieren stehen und prophezeit ihnen ihre Krankheiten sowie das Alter ihres Ablebens. Natürlich wollen das nicht alle wissen, doch darauf nimmt die Frau keine Rücksicht (obwohl sie durchaus Skrupel hat) und so bleibt es den Passagieren überlassen, wie sie mit diesen Botschaften umgehen. Ein 29Jähriger, dem sein Tod mit 30 vorausgesagt wird, ist definitiv nicht in der selben Liga wie eine 87Jährige, die noch bis 101 Zeit hat.

Ist sie eine Hellseherin? Und falls ja, können Hellseher irren? Die alte Dame stellt klar: Der Satz „Gegen das Schicksal kommt man nicht an“ stamme nicht etwa von ihr, sondern von ihrer Mutter, die eine Deterministin gewesen sei. Was meint: Der Mensch handelt wie er handelt, weil das in ihm so vorbestimmt ist und sein Tun und Lassen der Kausalität folgt. Der bärtige Mann („er war Universitätsdozent, er genoss es noch mehr als der Durchschnittsmann, Vorträge zu halten“), der den Begriff erläuterte, entpuppte sich als Vertreter des „harten Determinismus“, für den es keinen freien Willen gibt. „Zwischen zweien seiner Schneidezähne steckte ein braunes Reiskorn, und niemand, nicht einmal seine Frau, wies ihn darauf hin. Möglicherweise hielt sie es für kausal unausweichlich.“

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, ist eine philosophische. Von praktischer Relevanz ist sie nicht, denn unser soziales Leben beruht auf der Annahme, dass wir einen freien Willen haben. Darauf gründet auch die Strafjustiz, ansonsten man niemandem eine Tat vorwerfen bzw. ihn dafür bestrafen könnte. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass wir uns die Realität zurechtbiegen (was wir eindeutig tun), denn den Nachweis zu erbringen, dass es den freien Willen auch wirklich gibt, ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Wir glauben eben, was wir glauben wollen; dass uns unser Bauchgefühl täuschen könnte, halten wir nur theoretisch für möglich.

Vorsehung ist glänzend geschrieben, eine Comédie Humaine vom Feinsten. Die Autorin präsentiert ganz unterschiedliche Charaktere (und was würde sich dazu besser eignen als Flugzeugpassagiere, denen Algorithmen ihre Plätze und damit ihre Sitznachbarn zuweisen), die man alle aus dem richtigen Leben zu kennen glaubt. Da ist zum Beispiel Sue, deren Söhne alle den gleichen, dümmlichen Blicke hatten, „als sie plötzlich in die Höhe schossen. Ich weiss gar nicht, wie ich hier hochgekommen bin! “ Sue ist Pflegekraft in der Notfallambulanz, und gehört zu der Sorte Mensch, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. Doch auf einmal überkommt es sie: „Überhaupt nichts hat sie gesehen! Ein ganzer Planet voller Burgen und Kathedralen, Gemälde und Skulpturen, Berge und Ozeane wartet darauf, von Sue und Max O’Sullivan gesehen und bewundert zu werden.“

Vorsehung bietet ein überaus unterhaltsames Welttheater, da Liane Moriarty uns nicht nur am Innenleben der Menschen auf diesem Flug teilhaben lässt, sondern auch schildert, wie sie miteinander umgehen. Da ist etwa der Flugpassagier Ethan Chang, gerade zurück von der Beerdigung seines Kumpels Harvey. Es war Ethans erste Beerdigung und nicht alles lief rund. So sprach er irrtümlicherweise einer Angestellten des Cateringservice sein Beileid aus. „Sie trug eine weisse Bluse und eine schwarze Hose und hielt ein Tablett mit Schinkensandwiches in Händen. Es gab durchaus Anhaltspunkte.“ Oder das frisch verheiratete Paar, Dom und Eve. „Eve weiss nie, ob er nur glücklich tut oder einfach vergisst, was ihm Sorgen gemacht, und sich irgendwann wieder daran erinnert.“

Als das Flugzeug gelandet ist, hat die Hellseherin keine Erinnerung daran, dass sie den anderen Flugpassagieren ihre Vorhersagen aufgezwungen hat. Sie ist die Personifizierung der Vorstellung, dass der Mensch nicht weiss, was er tut, und von seinem Schicksal gelenkt wird. Ob es sich dabei um ein psychisches Problem handelt (die gängige Standardantwort, wenn wir heutzutage nicht weiter wissen), wie „der starke, muskulöse Mann mit dem militärischen Bürstenschnitt, der so aussieht, als könnte er die Welt im Alleingang retten“, behauptet, soll hier nicht verraten werden.

Auch die Hellseherin erzählt ihr Leben, die Flugpassagiere machen sich auf die Suche nach ihr. Zum Einsatz kommt dabei auch eine Facebook-Seite, die in der Folge von vielen besucht wird, die zwar sachlich nichts beitragen können, doch auf sich und ihr Geschäft aufmerksam machen wollen. Vorsehung ist auch ein sehr gelungenes Porträt unserer Zeit, in der wir alle gezwungen werden, für uns zu trommeln.

Vorsehung handelt auch davon, was man mit Wissen anstellt, das man lieber nicht hätte.. So wissen wir alle, dass wir sterben werden. Die übliche Variante ist die Verdrängung. Liane Moriarty zeigt uns weitere Möglichkeiten, zu denen auch das Einholen einer Zweitmeinung, das Sich-Austauschen mit Freundinnen und Bekannten sowie das Relativieren von Vorahnungen gehören. Doch dann stirbt eine junge Flugpassagierin sowie ein altes Ehepaar; alle drei waren auf dem Flug gewesen …

Vorsehung ist weit mehr als ein ungemein unterhaltender Roman; die vielfältigen Einsichten und Hinweise, die er vermittelt, sind ausgesprochen hilfreich und von praktischer Relevanz. So herrscht, wie wir alle wissen, etwa die Überzeugung vor, dass alles seinen Grund haben müsse. Das ist natürlich Unsinn, denn die Dinge sind ganz einfach wie sie sind. Ohne Grund. Und weshalb glauben wir trotzdem, dass alles seinen Grund haben müsse? Die Antwort (eine einleuchtende) findet sich in diesem echt tollen Roman.

Es ist die Mischung von Witz (als die Flugbegleiterin Allegra von einem Kind vollgekotzt wird: „‚Bitte machen sie sich keine Sorgen‘, sagt Allegra. ‚So etwas kommt vor‘. Ihr Entschluss, kinderlos zu bleiben, ist jetzt in Stein gemeisselt.“), Spannung (Wie werden sich die Voraussagen der alten Dame auswirken?), und philosophischer Auseinandersetzung mit der Frage, ob wir unser Schicksal beeinflussen können, welche Vorsehung zu einem rundum überzeugenden Roman macht. Und zu einem Lesevergnügen erster Güte.

Fazit: Packend, clever, anregend und sehr, sehr lustig. Grossartig, ein Meisterwerk!

Liane Moriarty
Vorsehung
Roman
Droemer, München 2025

Annie Ernaux: Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus

„Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“ ist nicht nur der Titel dieses Buchs, sondern auch der letzte Satz, den Annie Ernauxs Mutter geschrieben hat. Im Alter wurde das Gedächtnis der Mutter schlechter, sie erkannte weder Orte noch Plätze noch Personen wieder. Alzheimer, meinte der Arzt. Die vorliegenden Aufzeichnungen halten die letzten Monate und Tage der Mutter fest.

Sie führt Selbstgespräche, redet Unzusammenhängendes, die Nichte lacht. Der Tochter passt das nicht. „Nur wir dürfen über die Verrücktheiten meiner Mutter lachen, wir, die Kinder und ich, nicht sie.“

Die Tochter hat Angst, dass die Mutter stirbt. Sie sieht sich in der Mutter, hat Angst vor dem eigenen Tod. Und ist überfordert mit der Situation „Alles ist vertauscht, sie ist meine kleine Tochter. Ich KANN nicht ihre Mutter sein.“ Immer wieder konstatiert die Tochter Ähnlichkeiten. „Ich komme mir sadistisch vor, so sadistisch, wie sie es in meiner Kindheit mir gegenüber gewesen ist.“

Ein Durcheinander von Gefühlen kennzeichnet die Lage. Die Mutter, die immer ihre christlichen Werte hochgehalten hat, schämt sich, ist wütend, dass sie sich ein Leben lang abrackern musste, um dann so zu enden. Kindheitserinnerungen, Gedanken daran, wie die Mutter früher war. Immer wieder überkommt die Tochter Trauer, abgrundtiefe Trauer.

Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus ist ein bewegendes Dokument der Auflösung, des Verfalls, des Lebensendes, und des Nicht-Begreifens. Nichts ist mehr, wie es einst gewesen ist. Die Kontrolle über den Stuhlgang, das Pinkeln ist auch weg.

Diese Aufzeichnungen blieben lange in der Schublade. Dass Annie Ernaux sie jetzt an die Öffentlichkeit bringt, hat auch damit zu tun, dass sie im Laufe der Jahre zu verstehen gelernt hat, dass es für sie nicht einfach ein einziges Bild der Mutter gibt, sondern ganz verschiedene und ganz unterschiedliche Bilder. Dass sie beim Transkribieren dieser Aufzeichnungen nichts geändert, also das Bruchstückhafte, das Notizen eignet, stehen gelassen hat, zeichnet dieses Buch nicht nur aus, sondern macht es auch überaus lebensnah.

„Meine Mutter dämmert vor sich hin, bekommt nichts mit.“ Doch sie kann auch bösartig sein, schreit herum, gibt Befehle. „Das Schlimmste, immer unvorhersehbar.“ Die Mitbewohner und Mitbewohnerinnen der Mutter im Pflegeheim sind nicht mehr bei Sinnen.

Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus ist eine sehr berührende Bestandesaufnahme einer Welt, die aus den Fugen gerät, ohne die Möglichkeit eines Zurück. Gleichzeitig ist es eine ebenso nüchterne wie sensible Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit.

Annie Ernaux
Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus
Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2025

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod

Im Frauengefängnis von Arizona: Dios verletzt Mel-Mel schwer und lässt Florida wissen, dass sie das nächste Opfer sein wird. Dios, die sogenannt gute Schulen besucht hat, kann Florida, von der sie glaubt, sie halte sich für etwas Besseres, nicht ausstehen. Gut geschilderte klassische Projektion.

Es ist die Zeit der Corona-Pandemie. Florida und Dios kriegen Bescheid, dass sie frühzeitig entlassen werden. Noch zweiundsiebzig Stunden. Einige Frauen gehen auf Dios los, nehmen Rache an ihrer Peinigerin, schlagen sie zusammen. Im Frauengefängnis gibt es viele offene Rechnungen, sind die Umgangsformen wenig zivilisiert.

Vor dem Gefängnistor ist es dieselbe Wüste wie drinnen, dieselbe Hitze. Eine Frau vom Fahrdienst holt Florida ab und chauffiert sie durch eine karge, verlassene und trostlose Landschaft zu einem Motel, wo sie die nächsten zwei Wochen bleiben und von wo aus sie ihren Bewährungshelfer kontaktieren muss. „Und die Zeit vergeht, wie sie es immer macht.“ Das trostlose Amerika, das hier geschildert wird, ist weit näher an der Wirklichkeit als Hollywood.

Ein Sandsturm zieht auf. Floridas Essen, das der Staat liefern muss, bleibt aus. Vieles in diesem Land funktioniert nicht so wie es sollte. Wie Ivy Pochoda das Atmosphärische, die vibes, das, was die Vereinigten Staaten ausmacht, schildert, ist überaus gelungen. Am Rande: Die wenigen spanischen Passagen fand ich überaus prätentiös. Sie drängten sich nicht auf, waren fehl am Platz.

Florida macht sich zu Fuss auf zum nächsten Supermarkt. „Die Stadt ist nicht auf Fussgänger ausgerichtet. Die Blocks ziehen sich absurd lang hin, an den Fussgängerüberwegen muss sie endlos warten.“ Plötzlich eröffnet sich ihr die Möglichkeit zur Flucht aus ihrer vom Staat angeordneten Quarantäne. Sie ergreift sie, genauso wie Dios, die denselben Bus nach Los Angeles nimmt.

Ein Schliesser vom Gefängnis steigt in den Bus. Dios quasselt ihn voll. Florida steigt aus, in Ontario, einer Satellitenvorstadt von Los Angeles. „Ein Ort, an dem man höchstens hält, um zu tanken oder einen Kaffee zu trinken.“ Kurz darauf taucht Dios auf, sie lässt nicht von Florida ab. Dios legt einen messianischen Eifer zutage, Florida davon zu überzeugen, dass sie nicht, wie sie selber zu glauben scheint, anders als die anderen inhaftierten Frauen ist. Wiederum eine Projektion, aber wie viele Projektionen es so an sich haben, nicht nur.

Im zweiten Teil kommt Detective Lobos ins Spiel. Und da im Englischen nicht automatisch ersichtlich ist, ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelt: Lobos ist eine Frau, die einen Todesfall untersucht. Bei dem Toten handelt es sich um einen Mann Mitte zwanzig, der im Bus unterwegs gewesen ist, aus dem zwei Frauen vor Kurzem ausgestiegen sind. Ihm wurde die Kehle aufgeschlitzt, die Frauen, so lernt Detective Lobos, scheinen ihn gekannt zu haben. „Schwarze Witwen, Thelma & Louise, Bitches mit Problemen„, daran orientiert Ivy Pochada ihre Geschichte.

Kennzeichnend für diesen Thriller ist die ständig präsente, brutale Gewalt, nicht nur gegenüber Frauen, sondern auch ausgehend von Frauen. Zudem gibt es da eine Mitinsassin aus dem Gefängnis, Kace, die das Geschehen von aussen bzw. aus einer Metaperspektive kommentiert und einordnet.

Sing mir den Tod hat der Autorin viel Lob von bekannten Berufskollegen (Frauen wie Männer) eingetragen, mich selber hat die Handlung einigermassen ratlos zurückgelassen. Was mich hingegen sehr angesprochen hat, ist die sehr realistische Schilderung von Los Angeles. So wird ein Stadtteil beschrieben: „Ein Favela-artiges Viertel voller Zelte, die inzwische4n auch ausserhalb des ursprünglichen Epizentrums an sämtlichen Freeways, Auffahrten, Flussufern, in Parks und auf Nebenstrassen wuchern. Eine Siedlung, die aus dem Zentrum hinaus in die Stadt ausbricht, westwärts und nordwärts, in die bislang unantastbaren vornehmeren Gegenden von Los Angeles.“ Eindrücklich ist auch, wie sich die Beziehung zwischen Detective Lobos und ihrem Mann veränderte und schliesslich endete.

„Schau in die Vergangenheit. Jeder Vorfall ist eine Durchgangsstation auf dem Weg zur jetzigen Situation. Gewalt ist nur selten spontan. Sie entlädt sich niemals in einem Vakuum.“ Ich bezweifle das zwar (der gegenwärtige amerikanische Präsidentendarsteller demonstriert es mehrmals täglich!), doch von diesem Gedanken wird die Handlung dieses Thrillers geleitet. Und überzeugend dargelegt.

Ivy Pochoda
Sing mir vom Tod
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2025

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