Der irische Journalist Anthony Fennell soll eine Reportage über ein Reparaturschiff für Kabelbrüche in der Tiefsee schreiben. Er macht sich kundig und lernt, „dass beinahe die gesamte interkontinentale Information der Welt durch zerbrechliche Röhren auf dem Meeresgrund floss.“ In Kapstadt soll er an Bord gehen. Er trifft sich mit Missionschef Conway, lernt auch dessen Frau Zanele, eine Schauspielerin kennen, die mit ihrer Meinung zur „Krankheit unserer Tage“ nicht zurückhält. „Wir kippen ins Meer, was wir können. Vier Milliarden Industrieabfälle jährlich (…) Wenn das in einem Scheiss-Science-Fiction-Film passiert wäre, würden wir es kapieren, aber so tun wir es nicht. Mit ein bisschen Einsicht würden wir uns alle zu Tode schämen (…) Wissen Sie, wenn der Ozean eine Bank wäre, hätten wir ihn längst gerettet. Du kannst ihnen diesen Mist wieder und wieder erzählen, und trotzdem leugnen sie ihn weiter. Das liegt an der Angst, sie könnten zu viel ändern müssen.“ Das fasst uns Menschen und unsere Zeit treffend zusammen!
Sind Kabel auf dem Meeresgrund beschädigt, bedeutet das auch: Kein Internet mehr, kein Telefon mehr, kein Geld am Automaten mehr. Und genau das passiert eines Tages in Kapstadt, wo Anthony Fennell darauf wartet, an Bord eines Reparaturschiffs für Kabelbrüche gehen zu können. „Es erschien unwirklich, dass es überhaupt keinen Empfang gab. Und doch verband uns dieser Ausfall alle. Er schweisste und zusammen. Sekundenlang schauten wir einander an und verstanden, dass wir verbunden waren.“ Eine solch elementare Erfahrung ist nur möglich, wenn wir aus unseren Gewohnheiten gerissen werden. Unfreiwillig natürlich, denn freiwillig gibt niemand etwas auf.
Womöglich ein defektes Kabel, denkt Fennell, der bis vor Kurzem angenommen hatte, unsere Botschaften und Signale würden von Satelliten übermittelt. Doch nicht nur über Unterwasserkabel klärt Twist auf, sondern auch darüber, dass es auf dem Meeresgrund mehr Leben als irgendwo sonst gibt. „Nichts da unten passt in unsere vertrauten Kategorien, Mann. Wesen, die wir noch nie gesehen, geschweige denn benannt haben. Bakterien, Wirbeltiere, Meeresschnee. Alles da. Daher sind wir gekommen. Das ist der Ursprungsort.“
Die Welt zu entdecken setzt genaues Hinschauen voraus. Twist macht auch deutlich, dass wir in einer Illusion leben, wir uns eine Realität zurechtgezimmert haben, die vor allem deshalb funktioniert, weil wir ganz, ganz Vieles einfach ausgeblendet haben.
Das Reparaturschiff läuft endlich aus, nach einigen Wochen auf See holt ein Greifhaken das beschädigte Kabel herauf. Doch bereits wartet an anderer Stelle ein weiteres Kabel. Aus England, wo Zanele Becketts Godot als Aufruf zur Rettung des Klimas inszeniert und dabei auch selber mitspielt, wird ein tätlicher Angriff auf sie gemeldet. Was die Medien (inklusive der sozialen) damit machen, beschreibt Colum McCann überzeugend.
Während seiner Zeit auf dem Schiff geht Fennell auch vieles aus einer Vergangenheit durch den Kopf. Seine Ex, eine chilenische Tänzerin, mit der er einen Sohn hat; der Film Apocalypse Now , die Feuerwehrleute am elften September etc.– es gehört zu den erstaunlicheren Dingen im Leben, wie aus jedem Zusammenhang gerissene Bilder (und das meint: Emotionen) aus der Vergangenheit uns prägen. Dann ist Conway plötzlich verschwunden, Fennell macht sich in Accra auf die Suche nach ihm …
Twist informiert nicht nur packend über unsere fragilen Abhängigkeiten, sondern ist vielfältig überraschend und lehrt auch Wesentliches über Beziehungen: „… einen Teil unserer menschlichen Wärme macht die Dunkelheit aus, die wir einander nicht zeigen.“ So konstatiert Fennell, als er bei Conway und Zanele zu Besuch ist: „Ich befand mich in der Präsenz eines Paares, das sich auf aussergewöhnliche Weise verbunden war.“ Wie Colum McCann dieses Paar beschreibt, ist ganz besonders eindrücklich.
Fazit: Aufschlussreich, vielschichtig, spannend und geeignet, unser Weltbild zu revidieren.
Colum McCann
Twist
Roman
Rowohlt, Hamburg 2025

