Stefan Rebenich: Der kultivierte Gärtner

Der erste Eindruck: Ein edel gestaltetes Buch, das gut in der Hand liegt, die kunstvoll gestalteten und angeordneten Grafiken, die fast auf jeder Doppelseite anzutreffen sind, eine ästhetische Augenweide, die das Herz jubeln lässt.

Informativ und unterhaltend will der Band sein, so der Autor, und das ist er auch. Überdies machte er mich auch immer mal wieder schmunzeln. „Der Gärtner ist ein freier Mensch, der seine Zeit für die Gestaltung des eigenen Nutz- und Ziergartens und damit für die  Entdeckung seiner selbst entdecken kann. Im heimischen Grün mag er seine Befriedigung finden, die wieder positiv auf seine Umwelt wirkt.“ Garten-Therapie als ein weiteres Angebot auf dem Markt der Therapien? Unbedingt, und eine für alle Interessierten ausgesprochen nützliche, auch wenn der Ausdruck Therapie sich nicht wirklich aufdrängt, es geht mehr um eine Lebenseinstellung, ja, um eine Lebensphilosophie.

Das zeigt sich etwa im Rat, den Auguste Rodin 1902 dem jungen Rilke gibt, der gerade Frau und Tochter verlassen hatte, „um in Paris zu sich selbst zu finden“: Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience. Dass ohne Anstrengung so ziemlich gar nichts geht, gehört zu den leitenden Gedanken dieses Werkes. Und dass Beharrlichkeit und Disziplin vonnöten sind, so man denn ein erfülltes Leben erfahren will. „Die Pflanze verzeiht keine Pflegefehler.“

Stefan Rebenich, Professor für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte an der Universität Bern, schreibt wie ein strenger, von seiner Mission beseelter Lehrer: „Geniessen kann man die Gaben der Natur jedoch nur dann richtig, wenn die Vielfalt des Möglichen durch planende Voraussicht gestaltet wird: Es braucht individuelle Entwürfe, die nicht von der Stange zu haben sind; sie müssen selbst erarbeitet und umgesetzt werden.“ Zudem: „Alle Freude aufs Gartenjahr bezweckt dabei nichts, wenn sie nicht mit einem unstillbaren Verwirklichungsdrang einhergeht. Die Lust am Garten muss Sie bereits am frühen Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen erfassen, und die Leidenschaft für die Arbeit in Beet darf Sie bis zum Abend nicht verlassen.“

Der kultivierte Gärtner  vermittelt so recht eigentlich eine Grundanleitung für ein erfülltes Leben. lehrt es uns doch: „Nichtstun ist keine Option. Um einen Garten muss man sich kümmern; und zu bestimmten Zeiten ist selbst in absichtlich verwilderten Gärten ein entschiedenes Eingreifen, ein kräftiger Rückschnitt oder eine mutige Verpflanzung notwendig. Die Pflege des Gartens, und sei er noch so klein, ist eine Übung, individuelle Verantwortung für Umwelt und damit zugleich für die Gesellschaft zu übernehmen.“

Gartenarbeit setzt Gestaltungswillen wie auch einem ausgeprägten Sinn für Ordnung und Ästhetik voraus. Gärtner, so scheint mir, werden angetrieben von den Dingen wie sie sein sollen, und nicht wie sie sind. Dies setzt natürlich grosses Natur-Wissen voraus. „Es wird Momente raschen Wandelns und gezielter Erneuerung geben, aber auch Phasen geduldigen Zuwartens und gewünschter Stagnation.“ Genaues Hinsehen und sensibles Herausspüren, was Not tut, ist nicht nur für den Gartenbau, sondern auch für die eigene Person wesentlich.

Die in diesem Buch versammelten Essays zeichnen sich  nicht zuletzt durch ihre Vielseitigkeit aus. Das geht von nützlichen Hinweisen zur Ratgeberliteratur zu Viren im Garten, von der Bedeutung des Baums in England („Mit seiner Hilfe inszenierte die englische Elite auf weitläufigen Landgütern ihren gegenwärtigen und zukünftigen Herrschaftsanspruch.“) zu erhellenden Ausführungen über Paul Klees abstraktes Gemälde Gartensiedlung („… Kunst gibt für Klee nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“).

Fazit: Eine unterhaltsame und überaus nützliche Anleitung fürs Leben.

Stefan Rebenich
Der kultivierte Gärtner
Die Welt, die Kunst und die Geschichte im Garten
Klett-Cotta, Stuttgart 2022

Chang Kuo-Li: Der grillende Killer

Der grillende Killer basiert auf einem Mord- und Korruptionsskandal im taiwanesischen Militär in den 90er Jahren und stammt vom ehemaligen Chefredakteur der China Times Weekly, der 1955 geboren wurde, und auch Historiker und Militärexperte ist, wie ich der Verlagsmitteilung entnehme.

Kommissar Wu von der Kriminalpolizei Taipeh steht zwölf Tage vor seiner Pensionierung, als er den Tod eines Marineoffiziers untersuchen soll, der angeblich Selbstmord begangen hat. Um den Fall weiter zu verfolgen, braucht er die Zustimmung seines Chefs. „Und jeder wusste, dass der Chef ein vielbeschäftigter Mann war, dessen Tage mit Händeschütteln und Rückenklopfen ausgefüllt waren.“ Offensichtlich unterscheiden sich Chefs in Taipeh nicht von Chefs in der Schweiz und an anderen Orten.

Eine weitere Leiche taucht auf, diesmal vom Meer angeschwemmt. Ein Oberst des Heeres, Leiter der Waffenbeschaffung. Hängen die beiden Fälle zusammen? Zur gleichen Zeit erschiesst Alex, ein taiwanesischer Scharfschütze, der in Manarola, einer der Orte von Cinque Terre ein Take-Away führt, in Rom einen … doch ich will der Handlung nicht vorgreifen … Nur dies: In der Folge wird Alex selber gejagt …

Die Morde stehen offensichtlich mit dem taiwanesischen Militär in Verbindung, was dem Autor auch Gelegenheit bietet, über die Konkurrenz zwischen Heer, Marine und Luftwaffe zu räsonieren. Ein anderer Aspekt dieses Thrillers liegt in den wunderbar nützlichen Ausführungen zum Kochen. So nebenbei lerne ich, dass Guave, Kiwi, Zimtapfel und Orange am meisten Vitamin C enthalten.

Der Leser steht am Anfang dieser Geschichte genau so vor einem Rätsel wie Kommissar Wu. Erst allmählich geht einem auf, was wie und mit wem zusammenhängt. Die Konstante dabei ist die „Nebengeschichte“: Unsere von inkompetenten Trotteln regierte Welt. „Wu sah in nicht allzu ferner Zukunft eine Beförderung zum General für Hsiung voraus. Er war ein ebenso begabter Quatschkopf wie Wus Chef, den dieses Talent schon bald zum Leiter einer wichtigen Behörde befördern würde.“

Was diesen Thriller für mich speziell macht sind einerseits die mir nicht unvertrauten Orte wie Cinque Terre und Budapest, die ich von kürzlich erfolgten Aufenthalten noch gut in Erinnerung habe, sowie das lokale Flair von Taipeh. Asiatische Familien sind einander bekanntlich eng verbunden, was ihm Falle von Kommissar Wus betagtem Vater sich darin zeigt, dass er wild entschlossen ist, für seinen Enkel zu kochen, damit der Junge etwas Vernünftiges zwischen die Zähne bekommt. Zudem: „Grossvater liebte Enkel; Mutter liebte Sohn. Manchmal fragte Wu sich, ob sie seine Rolle in dieser Familie als Sohn und Ehemann vergessen hatten.“

Gefallen haben mir auch lehrreiche Aufklärungen wie: „Bei Tagesanbruch war er in Österreich. Er nahm sich ein wenig Zeit und suchte sich einen vietnamesischen Laden. Die waren am sichersten: Vietnamesen neigten nicht zum Tratschen und waren keine Fans von Obrigkeiten, ausserdem verkauften sie alles, was man so brauchte.“ Auch über Taiwan lernt man einiges. Etwa, dass es in den Achtzigern und Neunzigern nicht ungewöhnlich war, dass jugendliche Mütter ihre Neugeborenen an öffentlichen Orten aussetzten, was für den Verlauf dieses Thrillers nicht unwesentlich ist.

Jeden Tag rückt Wus Pensionierung näher, er gerät unter Zeitdruck, da er diese Morde unbedingt aufklären will. Er erkundigt sich bei seinen Unterweltkontakten, drei Gangbossen, die sich jedoch ziemlich zugeknöpft zeigen. „In allem, was wir tun, liegt Gewinn und Verlust. Es ist der Prozess, der zählt, nicht Geburt oder Tod“, schreibt der Autor in seiner Danksagung.

Fazit: Amüsant und informativ, inklusive packender Momente.

Chang Kuo-Li
Der grillende Killer
Droemer, München 2022

Vivian Gornick: Offene Fragen

Ein toller Titel, war mein erster Gedanke. Und ein genauso guter Untertitel, mein zweiter. Ja, so recht eigentlich gefallen mir die beiden sogar besser als der englische Originaltitel, „Unfinished Business. Notes of a Chronic Re-Reader“.

Eine Wiederholungsleserin, also eine Frau, die dasselbe Buch mehrmals liest, ist vermutlich eher die Ausnahme als die Regel. Jedenfalls wenn ich von mir her schliesse. Nun gut, ich bin keine Frau (und dass Frauen Bücher anders lesen als Männer, zeigen unter anderem diese Essays), doch Bücher mehrmals zu lesen, scheint mir trotzdem nicht besonders gängig.

Zu meiner Verwunderung erinnert sich Viviane Gornick nicht nur an den Inhalt, sondern auch an die Charaktere, Stimmungen etc. einst gelesener Bücher. Mir selber ist hingegen schon passiert, dass ich selbst nach zweimaligem Lesen so ziemlich überhaupt keine Erinnerung an die allermeisten Bücher habe, dafür sind mir oft der Ort bzw. die Umstände der Lektüre noch präsent. Auch einzelne Sätze sind mir gelegentlich geblieben (Horatio: „The readiness is all“), doch keine Zusammenhänge.

D.H. Lawrences Söhne und Liebhaber gehört zu den Werken, die Vivian Gornick mehrmals gelesen hat. Jedes Mal setzt sie den Akzent anders und erkennt schliesslich, „dass ich, die Leserin, die eigentliche Bedeutung des Buches ergründen musste.“ Sofern es denn so etwas wie „die eigentliche Bedeutung des Buches“ überhaupt gibt – was ich bezweifle. Denn was wir in ein Buch hineinlesen, gibt immer wesentlich mehr über uns selber Auskunft als über das Buch.

Was mir an Offene Fragen ganz besonders gefällt, sind die Ausführungen über Vivian Gornicks Aufwachsen „in einem proletarischen Einwandererviertel in der Bronx, wo die zahlreichen Geschäfte in der einzigen Einkaufsstrasse sämtliche Bedürfnisse befriedigten.“ In dieser langen Ladenfront befand sich auch eine Zweigstelle der New Yorker Leihbibliothek, in der sie sich durch die ganze Kinderbuchabteilung liest.

„Ich las immer und ausschliesslich, um die Macht des Lebens zu spüren.“ Es sollte lange dauern, bis sie schliesslich erkannte, dass „das zentrale Drama im literarischen Werk immer von der Schädlichkeit der menschlichen Selbstspaltung abhängt“ und ein gutes Buch diese zu heilen imstande scheint. Genauer: „Grosse Literatur, so dachte ich damals und denke es heute noch, ist nicht die Aufzeichnung einer errungenen Ganzheit des Seins, sondern die einer tiefen Anstrengung, die in ihrem Namen unternommen wurde.“

Ganz wunderbar dann ihre persönlichen Bezüge, etwa zu der mir nur dem Namen nach bekannten Colette, die zu sagen schien, was wirklich im Innern eine Frau ablief. Oder zu Natalia Ginzburg, deren Werk ich auch nicht kenne, und von der sie unter anderem zitiert: „Wir wussten nicht, dass in unserem Körper so viel Angst steckte … (wir) kehren überstürzt zu jener einzigen, herzzerreissenden Zärtlichkeit zurück.“ Als dann der Krieg und damit die Katastrophe kommt, und alle Gewissheiten hinwegfegt werden, „merkt sie zu ihrer Überraschung, dass sie an einer Gemeinschaft des Leidens beteiligt ist: ‚Wir lernen, den erstbesten, der vorbeikommt, um Hilfe zu bitten.‘ Aber auch:‘ … dem erstbesten, der vorbeikommt, Hilfe zu geben.’“

Offene Fragen, eine Fundgrube an Anregungen, macht mich nicht nur auf Geschichtenerzähler wie Abraham B. Jehoshua, Thomas Hardy oder Elizabeth Bowen neugierig, sondern regt mich auch an, mein eigenes Lesen und Schreiben („Obwohl ich mir damals dessen nicht bewusst war, hatte ich begonnen, subjektiven Journalismus zu schreiben“, konstatiert Vivian Gornick) zu reflektieren. Im Gegensatz zur Autorin, die bei jedem neuen Lesen Neues zu entdecken imstande ist (sich also entwickelt hat), scheine ich selber stehengeblieben zu sein, denn was ich einst unterstrichen hatte, scheint mir auch heute noch genauso zentral. Wobei: So eindeutig ist es nicht, auch ich setze die Akzente heute vielfach anders als in meiner Jugend, doch „meine“ tieferen Wahrheiten, so kommt es mir vor, sind nach wie vor dieselben.

Zu Vivian Gornicks wesentlichen Erkenntnissen bei ihrem Wiederlesen gehört, „die Urangst davor, die eigene Erfahrung zu begreifen. Was ich jetzt ‚zum ersten Mal verstanden hatte‘ war, wie sehr diese Angst in ihrer eigenen Unwissenheit schwelgt, wie heimtückisch ihr Widerstand ist.“

Fazit: Ein gut geschriebenes, überaus hilfreiches Buch, dass unter anderem deutlich macht, dass Verstehen nicht genügt, dass Handeln gefragt ist.

Vivian Gornick
Offene Fragen
Notizen einer passionierten Wiederholungsleserin
Penguin Verlag, München 2022

Melchior Werdenberg: Malefizien

Die erste Geschichte dieses Bandes spielt im Münstertal. Der siebenjährige Giachen ist verschwunden, die Polizei in Samedan wird aufgeboten. Der Vater wird in Haft genommen, dann wieder freigelassen; der Schwester taucht der verschwundene Bub im Schlaf auf. Die Geschichte blieb mir rätselhaft, die Atmosphäre empfand ich als bedrückend. Ich wähnte mich in einer anderen, lange vergangenen Zeit, was sich auch sprachlich niederschlägt, die ebenfalls aus der Zeit gefallen scheint. „Die Wirtin hat sich erfrecht, von ihrem Platz hinter dem Buffet das Geschehen mitzuverfolgen.“ Mir passt das, dieses Eintauchen in für mich nicht wirklich Fassbares.

Auch die zweite Geschichte ereignet sich in Graubünden, diesmal im Lugnez, wo es zu zwei Todesfällen kommt, wobei die Ursache dafür nicht wirklich erläutert wird. Es ist nicht so sehr, was geschieht bzw. was nicht geschieht, was bei mir hängenbleibt, sondern so „Nebengeschichten“ wie diese hier über die Serviceangestellte Domi: „Sie stammt aus dem hintersten Weiler im Tal. Ein hübsches Mädchen, geschickt, aber schüchtern. Trotz ihrer Anmut hat sie es weder weiter als nach Ilanz noch zu einem Bräutigam gebracht.“

Die ersten beiden Geschichten, die in mir diese eigenartige, von der Berg- und Tal-Schweiz ausgelöste, Beklemmung verdeutlichen, werden gefolgt von einer ganz anderen, rasant erzählten, ausgeprägt selbst-analytischen, die von Toten und Untoten handelt. „Sie trennt eine feine Linie, die, einmal überschritten, keine Umkehr erlaubt. Noch gehört er zu den Untoten, geniesst die Freiheit, sich in seiner alten Welt herumzutreiben, aber Unordnung schaffen, Dummheiten begehen, das ist nicht erlaubt. Da würde man abberufen.“

Mit „Hexenwahn in Sognvitg“ ist Geschichte Nummer vier überschrieben. Wir sind also wieder in Graubünden, doch nicht im heutigen, sondern am Ende des 18nten Jahrhunderts, als eine junge, unehelich geborene Frau umgebracht wird. Doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen …, dies allerdings soll erwähnt werden: Es gehört zu den Kennzeichen dieser ganz unterschiedlichen Geschichten, dass sie nicht nur clever aufgebaut sind, sondern auch immer mit einem zumeist überraschenden Ende aufwarten. Mein Favorit ist diesbezüglich „Granit“.

Eigenartig (in einem positiven Sinne) hat mich berührt, von Orten und Gegenden zu lesen, die ich aus eigener Anschauung kenne. Oder Ereignisse wie den Absturz der JU-52 bei Segnas aus einem neuen und fiktiven Blickwinkel geschildert zu bekommen. Überdies bin ich auch immer wieder auf Stellen gestossen, die mich ob der Wahrheit, die sie vermittelten, schmunzeln machten. „Roland verliess das Gymnasium ohne Abschluss. Stattdessen wurde er in der Surselva Schafhirt für siebenhundert Schafe, unterstützt von zwei ausgebildeten weissen Hütehunden, Bergamasker, von denen er mehr lernen konnte als sie von ihm,“

Der 1954 geborene Melchior Werdenberg, „Heimwehglarner, Berggänger, Glauser-Liebhaber, Jurist und Unternehmer“, wie er sich vom Verlag beschreiben lässt, ist ein Autor, der über eine beeindruckende Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten verfügt und mir eine Schweiz vermittelt, die ich so nicht kenne, in mir jedoch die Art von bedrückenden Gefühlen ausgelöst hat, mit denen ich aller bestens vertraut bin. Gleichzeitig hat er mir ein Land nähergebracht, zu dem ich bislang wenig Zugang hatte – und jetzt ein wenig mehr.

Hier noch mein Lieblingssatz: „Die Nacht, in der der kleine Prinz seine Jungfräulichkeit verlor, war bedeutend für die Menschheit, weil an diesem Tag ein Präsident gewählt wurde, der mit seinen täglichen Tweets die Erde aus ihrer Umlaufbahn zu katapultieren drohte.“

Fazit: Eigen, witzig, überraschend und erhellend.

Melchior Werdenberg
Malefizien
Missgeschicke, Liebeleien und Verbrechen
Elster & Salis, Zürich 2022

Steve Cavanagh: Thirteen

Wir leben im Zeitalter der Verkäufer, was unter anderem meint, dass die Gestaltung eines Buchumschlags wesentlich ist. Eine überaus smarte Variante zeigt Thirteen (TH1RT3EN auf dem Umschlag), ein Thriller, zu dem Lee Child mit den Worten zitiert wird: „Herausragend. Hoch spannend. Spektakulär.“ Und so gehe ich als Lee Child-Fan dieses Werk natürlich sehr gespannt an.

Der New Yorker Strafverteidiger Eddie Flynn soll als Teammitglied des Prominentenanwalts Rudy Carp den Hollywoodstar Robert ‚Bobby‘ Solomon zu verteidigen, der beschuldigt wird, seine Frau und seinen Sicherheitschef ermordet zu haben. Doch Eddie, ein Mann mit einem Alkoholproblem, das er recht gut unter Kontrolle hat, will sich zuerst überzeugen, dass sein Klient unschuldig ist, denn Schuldige zu verteidigen kommt für ihn nicht (mehr) in Frage. „Ein Unschuldiger, der fälschlicherweise angeklagt wird, sieht gleich aus in Nigeria, Irland, Island, überall. Wer diesen Blick schon mal wahrgenommen hatte, vergisst ihn nie mehr. Man sieht ihn nicht so oft (…) Bobby Solomon hatte diesen Blick. Und ich wusste, dass ich ihm helfen musste.“

Trotzdem bleibt Flynn skeptisch, denn Bobby Solomon ist Schauspieler, weiss sich also zu inszenieren. „Aber besass er genug schauspielerisches Talent, um mich zu täuschen?“ Autor Steve Cavanagh ist ein Meister der Spannungserzeugung, zu der auch gehört, die Dinge in der Schwebe zu lassen sowie mit überraschenden Wendungen zu operieren.

Parallel zur Flynn/Solomon-Geschichte wird auch die Geschichte des Serienkillers Joshua Kane erzählt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, als Geschworener für ein Urteil in seinem Sinn zu sorgen. Meisterhaft, wie Cavanagh diesen besessenen, gefühllosen und äusserst brutalen Mann, der von seiner angeborenen Schmerzunempfindlichkeit geprägt ist, schildert – und dabei auch klar macht, wie krank letztendlich die Kontrollmanie des Menschen ist.

Alle Indizien sprechen für Bobby Solomon als Mörder. Dass von ihm selber jedoch keine Spuren am Tatort zu finden sind, macht seine Verteidiger skeptisch. Und so beauftragen sie private Ermittler, den Ungereimtheiten nachzugehen und, man ahnt es, sie werden fündig – die Hinweise legen nahe, dass es sich beim Mörder um einen Serienkiller handelt. Und dieser will nun als Geschworener dafür sorgen, dass Bobby Solomon verurteilt wird.

Der Plot ist also klar – und trotzdem folgt man der Handlung höchst gespannt. Das liegt einesteils daran, dass man die Beweggründe des Serienmörders nicht kennt. Doch sind die eigentlich wichtig? Zeichnet Wiederholungstäter nicht gerade aus, dass sie ihren Opfern „in den seltensten Fallen schon mal begegnet“ sind? Andererseits liegt es am cleveren Aufbau dieses Thrillers, der zwischen Täter und Aufklärern geschickt hin und her wechselt.

Doch es ist nicht nur die Geschichte, die Steve Cavanagh erzählt, es sind auch die aufschlussreichen Informationen, die dazu beitragen, dass man Thirteen mit Gewinn liest. „Für jemanden, der nie Schmerzen empfunden hatte, wusste Kane eine ganze Menge darüber. Schmerz hatte eine wichtige physiologische Funktion. Er war ein Warnsystem. Signale aus dem Hirn sagten einem, dass es ein Problem gab. Kopfschmerzen. Muskelverletzungen. Infektionen. Wenn Kane seinen Körper nicht aufmerksam im Auge behielt, konnte er ihm ernsthaften Schaden zufügen.“

Gefallen hat mir auch die realistische und subtile Schilderung der Beziehung zwischen Flynn und seiner von ihm getrennt lebenden Ex und ihrer gemeinsamen Tochter. Sie scheinen sich wieder näher zu kommen, doch da gibt es eben auch Kevin, den Chef seiner Ex. „Dieser Kevin las bestimmt Bücher über Verwaltungsrecht und die Geschichte des Airconditioners.“

Und dann gibt es in Thirteen auch noch diesen wunderbaren, zumeist in Thrillern zu findenden, no-nonsense Witz: „Wie viele Finger halte ich hoch“, fragte Harry mit drei erhobenen Fingern. „Drei“, sagte ich. „Was für ein Tag ist heute?“ „Dienstag.“ „Wer ist der Präsident der Vereinigten Staaten?“ „Irgend so’n Arschloch“, sagte ich. „Korrekt.“

Thirteen ist sowohl Psychopathen-Porträt als auch packender Justizthriller, in dem die Gladiatoren des Gerichtssaals genauso ihren Auftritt haben wie korrupte Polizisten und Anwälte, die sich bemühen anständig zu sein. Darüber hinaus macht er auch einen wirklich guten Vorschlag, wie man mit einander umgehen sollte, wenn man sich nicht verträgt. „Wollen Sie mir erzählen, wie ich meinen Job zu erledigen habe?“, fragte ich. „Nein, aber ich trauen Ihnen nicht. Und Sie können mich nicht leiden. Fangen wir doch mit Ehrlichkeit an und sehen mal, wie weit wir damit kommen.“

Fazit: Ein grossartiger und ausgesprochen cleverer Pageturner!

Steve Cavanagh
Thirteen
Goldmann, München 2022

Hanya Yanagihara: Zum Paradies

Amerika 1893. David, Spross einer der wohlhabendsten Familien des Landes, hat andere Pläne als sein Grossvater, bei dem er nach dem Tod seiner Eltern aufgewachsen war, für ihn vorgesehen hat. Statt sich mit einem standesgemässen Verehrer (gleichgeschlechtliche Ehen, so will die Autorin die Leser glauben machen, waren zu jener Zeit üblich) zu verloben, folgt er seiner grossen Sehnsucht, einem mittellosen, doch äusserst charmantem Musiklehrer namens Edward, in den er sich rettungslos verliebt hat.

Wie Hanya Yanagihara diese reiche und vornehme Welt schildert, macht deutlich, dass es sich hier nicht um die Wirklichkeit, sondern um einen Roman handelt. „Anders als die Neuankömmlinge, pflegte Davids Grossvater zu sagen, verwechseln Bingham Brothers nicht Ehrgeiz mit Gier oder Klugheit mit Abgefeimtheit – das Unternehmen sei den Staaten gegenüber ebenso verantwortlich wie den Menschen, denen es diente.“

Seiner Sehnsucht zu folgen, mag romantisch klingen, im Falle von David bedeutet es auch, sich auf gänzlich Neues und Unvertrautes einzulassen. „Hast du dir jemals vorgestellt, wie dein Leben sein könnte, wenn dein Name niemandem etwas bedeutet? Wenn du dem entgingst, der du sein sollst, und stattdessen der würdest, der du sein willst?“ Ja, er will und gerät in einen Sog, der ihn fortan bestimmt, auch wenn er immer mal wieder nüchterne Momente hat, die ihm eine Rückkehr ins Vertraute nahelegten.

Die Gefühle von David und Edward füreinander werden als so edel und rein geschildert, dass es mir manchmal etwas arg viel wurde. So viel Überschwänglichkeit! Man ahnt unschwer, dass da etwas nicht stimmen kann. Und so ist es denn auch.

Das zweite der insgesamt drei Bücher spielt hundert Jahre später, im Manhattan der AIDS-Epidemie. Der reinkarnierte David findet sich als Anwaltsgehilfe in einer Kanzlei, in der es „unterschiedliche Toiletten gab, je nach Rang der Beschäftigten.“ Hanya Yanagihara scheint ungemein fasziniert zu sein von den Absurditäten der Vermögenden, ob diese erfunden sind oder nicht. Vor allem aber verfügt sie über ein aussergewöhnliches Einfühlungsvermögen in ganz verschiedene Psychen – sei es die des Hochstaplers Edward oder des Anwalts Charles, eines älteren und reichen Mannes, mit dem David zusammenlebt. „Er hatte nicht einmal eine Stunde mit Charles verbracht, aber er wusste bereits, dass Charles nicht gern überrascht wurde, seine Ansichten, die Betrachtungsweisen, für die er sich entschieden hatte, nicht gern korrigierte.“

Neben viel Banalem und Wichtigtuerischem, die zu den Ingredienzien von Abendgesellschaften gehören, stösst man auch auf Grundsätzliches, auch dies ein Merkmal aussergewöhnlicher Zeiten, in denen der Tod so nahe ist wie während der AIDS-Epidemie. Nicht wenige hatten damals das Gefühl (wie bei Covid-19 oder der Invasion der Ukraine), um sie herum würde alles auseinander fallen. Ein Freund von Charles, seinen Tod vor Augen, sagt: „Ich habe Angst, weil ich weiss, mein letzter Gedanke wird sein, wie viel Zeit ich verschwendet habe. Ich habe Angst, weil ich sterben werde, ohne stolz darauf zu sein, wie ich gelebt habe.“

Das dritte Buch spielt im Jahre 2093, in einer totalitären Welt, in der die Enkelin eines einst mächtigen Wissenschaftlers herauszufinden versucht, wohin ihr Ehemann, ein Wassergärtner, an manchen Abenden verschwindet. „Aber auch wenn ich das sage, weiss ich in Wirklichkeit eigentlich nicht, was mein Ehemann macht. Ich glaube, dass er das macht – anpflanzen und pflegen und ernten – , aber ich weiss es nicht genau, so wie er nicht genau weiss, was ich mache.“

Es ist eine von Seuchen heimgesuchte Welt, die den Menschen gezeigt hat, dass sie sich Illusionen hingegeben, sich grundlegend getäuscht hatten – über sich, das Leben, die Welt, über alles. „Die Krankheit hat uns in jeder Hinsicht darüber aufgeklärt, wer wir sind; sie hat die Fiktionen enthüllt, die wir alle in Bezug auf unser Leben kreiert haben. Sie hat enthüllt, dass dieser Fortschritt, diese Toleranz nicht zwangsläufig mehr Fortschritt oder Toleranz erzeugt. Sie hat enthüllt, dass Freundlichkeit nicht mehr Freundlichkeit erzeugt. Sie hat enthüllt, wie fragil die Poesie unseres Lebens wirklich ist – sie hat Freundschaft als etwas Fadenscheiniges entlarvt, Partnerschaft als etwas von äusseren Umständen Abhängiges, Zufälliges.“ Es sind solche Passagen , die mich mit diesem ausufernden und langatmigen Werk versöhnen, bei dem sich der Sog, der Ein wenig Leben ausgelöst (und auf den ich gehofft) hatte, partout nicht einstellen wollte.

Fazit: Mich liessen die drei miteinander (hauptsächlich durch Namen und Struktur – alte einflussreiche Männer und das Schicksal ihrer Nachkommen, die versuchen auf eigenen Beinen zu stehen) verbundenen Geschichten recht ratlos zurück. Doch es gab eben auch immer wieder Stellen wie diese, die ich ungeheuer stark und aufrüttelnd fand: „Wenn wir überlebt haben, dann deshalb, weil wir schlimmer sind, als wir je glaubten, nicht besser.“ Solcher Erkenntnisse wegen lese ich Bücher!

Hanya Yanagihara
Zum Paradies
Claassen, Berlin 2022

Harald Lesch / Klaus Kamphausen: Über dem Orinoco scheint der Mond

„Warum sind wir nicht in der Lage, unser Denken und Handeln so zu ändern, dass das Leben von uns Menschen und der Erhalt unseres Lebensraums auf diesem Planeten nachhaltig gesichert sind? Warum können wir offensichtlich keine Schlüsse aus Fakten und Tatsachen ziehen?“, fragen die beiden Autoren in ihrer Einleitung. Über dem Orinoco scheint der Mond versucht darauf eine Antwort zu geben, nimmt das Ziel allerdings vorweg: „Wir reden in diesem Buch darüber, dass wir miteinander reden müssen, dass wir über geografische Grenzen, Vorstellungsgrenzen, Denkgrenzen hinweg miteinander reden müssen.“ So reden Politiker und Seelsorger, wenn sie ins Leere reden, zu Recht ins Leere reden, denn wir müssen nicht miteinander reden – wir sollten lernen, einander in Ruhe zu lassen.

Ich habe Über dem Orinoco scheint der Mond trotzdem mit Gewinn gelesen. Einerseits, weil es mir vieles in Erinnerung gerufen hat, dass ich bereits wieder vergessen hatte (etwa dass im August 2021 die halbe Welt in Flammen stand) oder mir so prägnant formuliert nicht bewusst war („Wir glauben nicht mehr an etwas, das grösser ist als die Menschheit selbst. Egal, wo wir hinschauen, wir glauben immer nur an das Machbare, das vom Menschen Machbare.“), andererseits, weil ich auf Gedanken stiess, die ich als Horizont-erweiternd erlebte (etwa, dass Kultur eine Art Angstbefreiungsprozess ist, „bei dem der Mensch in Gemeinschaft mit anderen versucht, mithilfe von Ritualen und Traditionen die Angst vor der Welt zu domestizieren, zu kultivieren, in seinem Inneren zu zähmen.“), dann aber auch, weil sich in mir immer mal wieder Widerstand regte. .

So behauptet etwa Harald Lesch: „Wir werden den Kurs erst dann ändern, wenn die Änderung Erfolg verspricht, wenn sich das Gefühl einstellt, es lohnt sich. Erst dann werden wir unser Handeln ändern.“ Wenn grundsätzliche Verhaltensänderungen so einfach zu bewerkstelligen wären, sähe die Welt entschieden anders aus. Nur eben: Der Mensch ist weder ein abwägendes bzw. kalkulierendes Wesen noch eines, das nur auf seinen Vorteil schaut (sicher, das ist er alles auch, etwa beim Einkauf im Supermarkt) – er ist entschieden komplexer. Und offenbar unfähig, in längeren Zeiträumen zu denken, mit Ausnahme der Chinesen …

Über dem Orinoco scheint der Mond überzeugt vor allem durch die nüchterne Beschreibung der herrschenden Verhältnisse. „Wir leben unter der Dominanz eines sozio-ökonomischen-technischen Regimes, das die ganze Zeit predigt, wir müssten Geld verdienen, in einem System, in dem Wissenschaft, Technik und Wirtschaft eng vernetzt und vollkommen durchökonomisiert sind (…) Wir leben eigentlich ständig am Rand des Wahnsinns, weil wir die Zeit – unsere Zeit – monetarisiert und technologisiert haben. Wir kommen nicht mehr mit, nicht mehr hinterher.“

Dass alles mit allem zusammenhängt, dass wir Menschen Teil der Natur sind – darauf weisen die beiden Autoren an vielen Beispielen eindrücklich hin. Ob allerdings interdisziplinäre Vorlesungen an Universitäten zu einer Weltsicht à la Humboldt („… ein Mann, der Gefühle und Fantasie in seiner Wissenschaft berücksichtigte …“) , an dem sich dieses Buch orientiert, führen können, bezweifle ich. Hilfreich sind hingegen Harald Leschs persönliche Ausführungen. „Man spürt am eigenen Leib, dass das Buch der Natur nicht mit mathematischen Symbolen geschrieben ist, wie Galileo Galilei es einmal gesagt hat. Man spürt schnell, dass in der Natur etwas ganz Grosses herrscht. Man merkt, überall ist Leben. Es gibt keine Lücke. Ständig und überall ist die Natur dabei, ihren Lebenswillen auszudrücken. Das Leben ist mirakulös, eine Form von Materie, die sich offenbar ohne Anlass ausdrückt und einfach nicht verschwinden will. Dem Leben ist nicht beizukommen.“

Eine sehr wahre, aber eben auch problematische Aussage, die ich mir von Professor Lesch, der ganz offensichtlich das Staunen und die damit einhergehende Ehrfurcht nicht verlernt hat, gerne gefallen lasse, von einem Klimawandel-Leugner, der den Satz „Dem Leben ist nicht beizukommen“ wohl etwas anders interpretiert, hingegen nicht.

Neben Alexander von Humboldt werden auch Norman Mailer, Hans Jonas, Hermann Hesse und andere, die ich schätze, mit hilfreichen Einsichten erwähnt. Klaus Kamphausen schreibt: „Und weil Schopenhauer sich nicht erklären konnte, wie beim Mitleid die Schranke zwischen Ich und Nicht-Ich für einen Augenblick aufgehoben wird, kam er zu dem Schluss, dass diese Schranke künstlich und das Ich eine Illusion sei. Mitleid empfinden heisst also nach Schopenhauer: Der mitleidende Mensch macht die Erfahrung, dass der andere nicht grundsätzlich anders ist, dass er und der andere eins sind.“

Um ein anderer Mensch zu werden, braucht es eine andere Erfahrung der Welt. Einsichten genügen nicht. Wir müssen anders handeln, dann folgt anderes Denken. Wir müssen uns Zeit nehmen, um uns mit uns selbst und unserer Stellung im Universum auseinanderzusetzen. „Wenn wir es nicht schaffen, Zeit zu haben, einfach einmal nichts zu tun, einfach einmal zehn Minuten am Tag irgendwo zu sitzen und sonst nichts, gar nichts zu tun, dann werden wir den Weg zu uns selbst, zu unserer Natur nicht wiederfinden.“ Wir können davon ausgehen, dass der umtriebige Harald Lesch weiss, dass das gar nicht so einfach ist.

Fazit: Vielfältig anregend und von praktischem Nutzen.

Harald Lesch / Klaus Kamphausen
Über dem Orinoco scheint der Mond
Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von Morgen zu gestalten
Penguin Verlag, München 2022

Josie-Marie Perkuhn / Mariana Münning (Hrsg.): Operation Covid

Die Massenmedien funktionieren derart gleichgeschaltet, dass einem Angst und Bange werden kann. Nach zwei Jahren Corona auf allen Kanälen, nun seit einigen Wochen die Ukraine auf allen Kanälen. Wir werden zugeschüttet mit Informationen. Das ist Propaganda, die sich jedoch in sogenannt freiheitlichen Staaten (wo das Geld an der Macht ist) und in autoritären Staaten (wo das Geld an der Macht ist) massiv unterscheidet. Anders gesagt: Propaganda ist nicht gleich Propaganda. Die westliche Spielart bedeutet, im Namen der Ausgewogenheit, auch Leuten eine Stimme zu geben, die nachweislich Falsches behaupten. Die Propaganda von Staaten wie Russland und China ist da gänzlich anders gestrickt – da wird von der offiziellen Linie Abweichendes nicht nur verboten, sondern hart und brutal bestraft.

Am 22. März 2022 berichtete „Spiegel Online“: „Der Programmierer Wang Jixian lebt und arbeitet in Odessa, er ist einer der letzten Chinesen in der Ukraine – und er berichtet in sozialen Medien aus seinem Alltag im Krieg. Die chinesische Zensur bestrafte das sofort.“ Die Unterdrückung von Nicht-Genehmem ist ein wesentliches Merkmal autoritärer Staaten – dass sie jedoch nicht lückenlos funktionieren kann, zeigt dieses Buch an zahlreichen Beispielen.

Operation Covid setzt sich aus bereits veröffentlichten Beiträgen und neuen Beiträgen zusammen (…) Die ersten vier Beiträge sind bereits im Frühjahr 2020 entstanden und schildern Eindrücke zur Situation vor Ort. L.S. ist das Kürzel für die Texte, deren Autorenschaft anonym bleibt“, lese ich in der Einleitung. Es sind aufschlussreiche, wenn auch sprachlich unbedarfte wie fehlerhafte Schilderungen (Ich hatte den Eindruck, der chinesische Originaltext des ersten Beitrags sei von einem Computer übersetzt worden.), die mehrfach betonen, der Augenarzt Li Wenliang und die Stationsärztin der Infektionsabteilung am Innerstädtischen Krankenhaus Wuhan, Ai Fen, seien keine Whistleblower gewesen – ganz so als ob Whistleblower ein dirty word wäre.

Man erfährt, dass Li Wenliang bereits zwei Tage nach seiner Ansteckung, die für ihn eindeutig verfolgbar war, erste Symptome zeigte. Nur gerade einen Monat später starb er. Und man lernt, dass in ländlichen Gebieten Ältere oft gar nicht ins Krankenhaus gehen, um ihre Familien nicht zu belasten. Man sollte also mit offiziellen Zahlen vorsichtig umgehen, nicht zuletzt, weil in Wuhan das Militär die Leitung des Virologischen Instituts übernahm, um sicherzustellen, dass nur Regime-Konformes an die Öffentlichkeit dringen konnte.

Jedem politischen Regime geht es primär um Machterhalt. Dafür braucht es die Unterstützung der Bevölkerung, ob in einer Demokratie oder einer Diktatur. Auch das autoritäre chinesische Regime ist gezwungen, sich die Menschen gewogen zu machen. Mit anderen Worten: Sich in einem positiven Licht zu zeigen, ist wesentlicher Teil der Propaganda. Die Ankunft eines chinesischen Ärzteteams im von Corona gebeutelten Norditalien wurde medial clever inszeniert. Vorangegangen war jedoch dies: „Europa hatte noch Ende Januar, beim Höhepunkt des Coronavirus-Ausbruchs in Wuhan, 56 Tonnen medizinischer Hilfsgüter nach China geschickt, war dabei jedoch, auch auf Bitten der chinesischen Seite, diskret vorgegangen.“

Operation Covid ist ein lehrreiches Werk, das unter anderem darüber aufklärt, dass Ärzte in China traditionell über geringes Ansehen verfügen, zeigt wie die chinesische Regierung mit ihrer Impfstofferpressung (Impfstoffdiplomatie scheint mir ein verfehlter Ausdruck) Staaten auf Linie zu bringen versucht, und immer mal wieder mit Verblüffendem aufwartet. „Wie man es auch dreht und wendet, chinesische Dissidenten, die Covid-19 als ‚höchst patriotisches Virus‘ bezeichnen, haben offensichtlich recht. Es verhält sich in chinesischen Körpern anders als in ausländischen. Besonders patriotisch ist es offensichtlich dabei, weniger Chines:innen das Leben zu kosten und bei Personen, die symptomarme Infektionen durchmachen, auch nicht infektiös zu werden.“

Operation Covid informiert auch über die Gründe, weshalb Taiwan bislang mit seiner Covid-Strategie gut gefahren ist und berichtet von persönlichen Erfahrungen vor Ort in China und Taiwan. Überdies erfährt man, dass Querdenker in Taiwan unbekannt sind sowie dass Fundamentalismus jeder Art verbreiterter ist als (jedenfalls von mir) angenommen. Mir hat dieses Buch vor allem vor Augen geführt, wie verheerend es ist, wenn von der Propaganda verbreitete Ideologien der Realität im Wege stehen.

Fazit: Es sind die detaillierten, sachlichen und unaufgeregten Informationen, die dieses Werk überzeugend machen.

Josie-Marie Perkuhn / Mariana Münning (Hrsg.)
Operation Covid
Umgang mit dem Coronavirus von Wuhan bis Taipei
Drachenhaus Verlag, Esslingen 2022

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