Bereits die erste dieser Erzählungen zeigt schon die für mich typischen Murakami-Merkmale: phantasievoll, irgendwie surreal und gleichzeitig eigenartig realistisch. Nicht die Details, sondern das Gefühl, das sich bei der Lektüre einstellt. Zugegeben, ich spreche von mir. Ein One-Night-Stand, bei dem die junge Frau, die Gedichte schreibt, den Partner fragt, ob es ihn störe, wenn sie beim Orgasmus den Namen ihres Geliebten rufe. Auch habe sie nichts dagegen, wenn er genau so verfahren würde … Mehr will ich hier nicht verraten …
Erzählung Nummer zwei handelt von einem Studenten, der gerade die Aufnahmeprüfung für die Uni in den Sand gesetzt hat und von einer jungen, schönen Frau zu einem Klavierkonzert, das sie geben wird, eingeladen wird. Er folgt der Wegbeschreibung auf der Einladung, doch die Konzerthalle ist verschlossen. Ob er nicht wissen wolle, was dahinter stecke?, wird er von einem Freund gefragt. Worauf er erwidert: „So etwas kommt vor im Leben. Es passiert etwas Unerklärliches und Unlogisches, was uns zutiefst verstört. Und mehr, als sich mit geschlossenen Augen und ohne nachzudenken davon überrollen zu lassen wie von einer grossen Welle, kann man nicht tun.“
Weiter enthält dieser Band eine fiktive Musikkritik („Charlie Parker plays Bossa Nova“), die der Autor als Student verfasste und deren Schicksal verblüffender nicht sein könnte, wie sich Jahre später in einem New Yorker Plattenladen zeigt. Übrigens: „Perry Como sings Jimi Hendrix“ gibt es wirklich nicht.
Die darauf folgende Geschichte „With the Beatles“ ist nicht nur eine Reminiszenz an die Musik der 60er Jahre, sondern auch an Jugend-Beziehungen. Selten ist mir deutlicher gewesen, wie sonderbar mir die Welt vorkommt, wenn ich sie durch Murakamis Augen sehr – sonderbar im Sinne von wirklich, denn die Wirklichkeit ist sonderbar. Da begleitet ihn über Jahre das Bild eines jungen Mädchens mit einer an die Brust gedrückten Beatles-Platte. Da trifft er zweimal im Leben auf den Bruder einer früheren Freundin und beide Treffen lösen gänzlich Unerwartetes aus.
„Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows“ handelt von Murakamis Begeisterung für Baseball und ist so recht eigentlich eine kurze Autobiografie. Nichts geht auf und doch geht alles auf, nichts macht Sinn und doch macht alles Sinn – nur nicht so wie wir uns das üblicherweise vorstellen. Dies ist, was Murakami mir vermittelt.
„Carnaval“ handelt nicht nur von Robert Schumanns Klavierzyklus, sondern auch von der Hässlichkeit, der Schönheit und einer sechs Monate dauernden Freundschaft. Humorvoll und leicht erzählt er diese Geschichte wie unsere rationalen Einschätzungen vor der Wirklichkeit versagen.
Ein Affe, der spricht und Frauennamen klaut, ist die Hauptfigur einer weiteren Geschichte, in der wiederum eigenartige Begegnungen stattfinden, von denen der Protagonist nie so recht weiss, ob er sie als Schicksal, Fügung, logische Konsequenz oder Zufall verstehen soll.
Und auch in der letzten Erzählung weiss der Ich-Erzähler nicht so recht wie ihm geschieht. Wie und wofür wir auch immer uns entscheiden, was uns zustösst, ist rätselhaft. Nie weiss man, ob was dem Protagonisten widerfährt, Traum oder Wirklichkeit ist.
Murakamis Schreiben hat etwas Magisches, das bewirkt, dass das Leben noch rätselhafter erscheint als es eh schon ist.
Haruki Murakami
Erste Person Singular
Erzählungen
DuMont, Köln 2021



