Haruki Murakami: Erste Person Singular

Bereits die erste dieser Erzählungen zeigt schon die für mich typischen Murakami-Merkmale: phantasievoll, irgendwie surreal und gleichzeitig eigenartig realistisch. Nicht die Details, sondern das Gefühl, das sich bei der Lektüre einstellt. Zugegeben, ich spreche von mir. Ein One-Night-Stand, bei dem die junge Frau, die Gedichte schreibt, den Partner fragt, ob es ihn störe, wenn sie beim Orgasmus den Namen ihres Geliebten rufe. Auch habe sie nichts dagegen, wenn er genau so verfahren würde … Mehr will ich hier nicht verraten …

Erzählung Nummer zwei handelt von einem Studenten, der gerade die Aufnahmeprüfung für die Uni in den Sand gesetzt hat und von einer jungen, schönen Frau zu einem Klavierkonzert, das sie geben wird, eingeladen wird. Er folgt der Wegbeschreibung auf der Einladung, doch die Konzerthalle ist verschlossen. Ob er nicht wissen wolle, was dahinter stecke?, wird er von einem Freund gefragt. Worauf er erwidert: „So etwas kommt vor im Leben. Es passiert etwas Unerklärliches und Unlogisches, was uns zutiefst verstört. Und mehr, als sich mit geschlossenen Augen und ohne nachzudenken davon überrollen zu lassen wie von einer grossen Welle, kann man nicht tun.“

Weiter enthält dieser Band eine fiktive Musikkritik („Charlie Parker plays Bossa Nova“), die der Autor als Student verfasste und deren Schicksal verblüffender nicht sein könnte, wie sich Jahre später in einem New Yorker Plattenladen zeigt. Übrigens: „Perry Como sings Jimi Hendrix“ gibt es wirklich nicht.

Die darauf folgende Geschichte „With the Beatles“ ist nicht nur eine Reminiszenz an die Musik der 60er Jahre, sondern auch an Jugend-Beziehungen. Selten ist mir deutlicher gewesen, wie sonderbar mir die Welt vorkommt, wenn ich sie durch Murakamis Augen sehr – sonderbar im Sinne von wirklich, denn die Wirklichkeit ist sonderbar. Da begleitet ihn über Jahre das Bild eines jungen Mädchens mit einer an die Brust gedrückten Beatles-Platte. Da trifft er zweimal im Leben auf den Bruder einer früheren Freundin und beide Treffen lösen gänzlich Unerwartetes aus.

„Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows“ handelt von Murakamis Begeisterung für Baseball und ist so recht eigentlich eine kurze Autobiografie. Nichts geht auf und doch geht alles auf, nichts macht Sinn und doch macht alles Sinn – nur nicht so wie wir uns das üblicherweise vorstellen. Dies ist, was Murakami mir vermittelt.

„Carnaval“ handelt nicht nur von Robert Schumanns Klavierzyklus, sondern auch von der Hässlichkeit, der Schönheit und einer sechs Monate dauernden Freundschaft. Humorvoll und leicht erzählt er diese Geschichte wie unsere rationalen Einschätzungen vor der Wirklichkeit versagen.

Ein Affe, der spricht und Frauennamen klaut, ist die Hauptfigur einer weiteren Geschichte, in der wiederum eigenartige Begegnungen stattfinden, von denen der Protagonist nie so recht weiss, ob er sie als Schicksal, Fügung, logische Konsequenz oder Zufall verstehen soll.

Und auch in der letzten Erzählung weiss der Ich-Erzähler nicht so recht wie ihm geschieht. Wie und wofür wir auch immer uns entscheiden, was uns zustösst, ist rätselhaft. Nie weiss man, ob was dem Protagonisten widerfährt, Traum oder Wirklichkeit ist.

Murakamis Schreiben hat etwas Magisches, das bewirkt, dass das Leben noch rätselhafter erscheint als es eh schon ist.

Haruki Murakami
Erste Person Singular
Erzählungen
DuMont, Köln 2021

Jörg Hacker: Pandemien

Den einzelnen Kapiteln dieses schmalen und informativen Bandes ist jeweils ein Zitat vorangestellt, das häufig auf den Punkt bringt, was tunlichst nicht vergessen werden sollte. Die mir liebsten seien hier genannt. „Die Mikroben haben immer das letzte Wort.“ (Louis Pasteur). „When you’re dealing with new and emerging diseases, you have no ideas and you can’t predict in advance what would happen.“ (Margaret Chan). „The stupidest microbe is always cleverer than the cleverest microbiologist.“ (George Klein).

Dass ich hier keine Politiker zitiert habe, liegt daran, dass alles, was ich von Politikern in der Pandemie gehört habe, mich bisher weder überrascht noch zum Innehalten gebracht hat. Sie sind so überfordert wie wir alle, ich höre lieber auf Menschen, die mehr wissen als ich. Und so halte ich mich an das, was ich zu Beginn der Pandemie von Medizinhistorikern gelernt habe: Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen.

Pandemien verschafft einem einen guten Überblick über Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten, wie es der Untertitel verheisst. Ich nehme hier ein paar Aspekte auf, die mir noch nie aufgefallen waren bzw. über die ich noch nie nachgedacht habe.

Etwa dass die Pestärzte um 1656 eine Art luftdichte Schutzkleidung trugen (gegen von den Planeten Jupiter und Mars erzeugte giftige Dämpfe, die aus der Erde emporstiegen, wie man damals glaubte) sowie einen „Schnabel in Höhe der Mundhöhle, gefüllt mit aromatischen Essenzen gegen den penetranten Leichengeruch.“ Oder dass die heutigen Verschwörungstheorien ihr Pendant damals in der Anrufung der Astrologie hatten. Oder dass die antisemitischen Ursprungsszenarien über Covid-19 ihre Vorgänger in der Pestepidemie im 14. Jahrhundert hatten.

„Was Pandemien mit dem Anthropozän zu tun haben“ ist ein Kapitel überschrieben. Und das meint, dass der Mensch der bestimmende Faktor für das Schicksal des Planeten Erde geworden ist. Meines Erachtens trifft es der Umwelthistoriker Jason Moore besser, der die Epoche seit Ende des 18. Jahrhunderts als „Kapitalozän“ definiert, denn es ist das Kapital, das unsere Epoche bestimmt.

Krankheitserreger, so Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert Koch-Instituts, seien schon immer von Tieren auf Menschen übergegangen, „aber das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung und die zunehmenden Eingriffe des Menschen in die Umwelt machen ein Übergreifen wahrscheinlicher und folgenreicher.“ Die Globalisierung tut ein Übriges.

Fällt im Zusammenhang mit Covid-19 das Stichwort Digitalisierung, so denken wohl die meisten an den Datenschutz, dass und wie jedoch künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen in der Forschung hilfreich sind, wird selten ausgeführt – Jörg Hacker tut es.

Pandemien informiert sowohl über Grundlagenforschung als auch über ethische Fragen. Und nicht zuletzt kommt auch die Wissenschaftskommunikation zur Sprache. Fake News, so erfährt man da unter anderem, sind offenbar nichts Neues.

Konfrontiert mit dem Flickenteppich an täglichen Massnahmen, fragt man sich immer mal wieder, wieso dem Menschen eigentlich die Fähigkeit abgeht, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und entsprechend zu handeln. Die Corona-Pandemie, man kann es nicht genug betonen, gehört in einen grösseren Zusammenhang. Autor Hacker bringt es auf den Punkt. „… dass die Einhegung der Pandemie nur erfolgreich sein kann, wenn zugleich alle anderen globalen Krisen wie Armut, Ungleichheit, Verschlechterung der Ökosysteme etc. systematisch bewältigt werden.“

Jörg Hacker
Pandemien
Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten
Verlag C.H. Beck, München 2021

Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte

Schön gestaltet ist dieses Buch, gut in der Hand liegt es auch, doch der Titel erregt mein Missfallen. Können wir eigentlich nur in Rechten und Pflichten denken? Und überhaupt: Rechte zeichnet aus, dass man sie einklagen kann. Wer  also soll für Pflanzen sprechen? Nach den ersten paar Seiten bin ich jedoch bereits versöhnt und als ich dann noch den Originaltitel nachschlage – La nazione delle piante – ist mir klar, dass hier nicht eine Gruppe selbsternannter Aktivisten einen Lebenssinn sucht und sich wichtig macht, sondern es hier um Grundsätzliches geht.

„In unserer Wahrnehmung sind Pflanzen der anorganischen Welt sehr viel näher als der lebendigen Welt – ein grundlegender Perspektivfehler, der uns teuer zu stehen kommen könnte.“ Denn ohne Pflanzen gäbe es uns nicht, wir können nur mit ihnen zusammen existieren. Stefano Mancuso stellt sich die Pflanzen gerne als fürsorgliche Eltern vor, die unsere Existenz erst möglich machen. Ein wunderbar hilfreicher Gedanke, wir sollten ihn pflegen.

„Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“ nennt der Autor sein Werk im Untertitel. Seine Charta besteht aus acht Artikeln. Artikel 1 benennt den Ausgangspunkt, aus dem sich alles ergibt:  „Die Erde ist die gemeinsame Heimat allen Lebens. Die Macht gehört allen Lebewesen.“ Bei diesem Gedanken zu verweilen, ihn zu spüren versuchen, ermöglicht uns, uns als Teil des Universums zu fühlen.

An zahlreichen Beispielen zeigt Stefano Mancuso auf, weshalb der Mensch nicht nur schlecht beraten ist, wenn er sich wie der Herrscher des Planeten aufführt, der sich  einfach nimmt, was ihm passt, sondern an seinem eigenen Untergang arbeitet. Das Leben auf dem Planeten Erde ist ein Geschenk, wir sollten entsprechend damit umgehen. Darauf kopf- und rücksichtslos herum zu trampeln ist  keine Option.

Doch leider tun wir genau das, denn wir verkennen, dass die vielen ökologischen Gemeinschaften den Motor des Lebens bilden. Mit anderen Worten: Alles ist miteinander verknüpft. Einzugreifen, ohne die Folgen abschätzen zu können (und das können wir oft deswegen nicht, weil wir nicht wissen, wir die Gesetzmässigkeiten nicht kennen, nach denen Lebensgemeinschaften auf der Erde funktionieren), ist mehr als dumm. Wir tun es trotzdem, denn langfristig zu denken scheint uns nicht gegeben. 

„Wir sind Neuankömmlinge auf dem Planeten und verhalten uns wie Kinder, die gefährlichen Unsinn anstellen, ohne den Wert und die Bedeutung dessen zu erkennen, womit sie herumspielen.“ Dieses Buch zeigt, dass man am besten Gegensteuer geben kann, indem man respektiert, was man vorfindet und sich nicht einmischt. Die Erde sollte ganz im Sinne der Gaia-Theorie als ein einziges Lebewesen betrachtet werden.

Stefano Mancuso fordert eine radikale Neuausrichtung. Und führt am Beispiel der Hierarchie aus, weshalb diese Form der Organisation die Falschen fördert und überdies krank macht. Dabei nimmt er auch Bezug aufs Peter-Prinzip, die Parkinson’schen Gesetze, Hannah Arendt und Stanley Milgram. Mit anderen Worten: Dieses Buch handelt nicht „nur“ von Pflanzen, sondern vom Leben auf dem Planeten Erde, das die Raubtiernatur des Menschen im Begriff ist zu zerstören. Höchste Zeit also, dem angeblich so natürlichen Egoismus den Riegel vorzuschieben und uns für Zusammenarbeit (und gegen den Wettbewerb) zu entscheiden. Die Pflanzen zeigen uns wie das geht.

Fazit: Eine notwendige und überaus hilfreiche Lektüre.

Stefano Mancuso
Die Pflanzen und ihre Rechte
Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur
Klett-Cotta, Stuttgart 2021

Hannes Råstam: Quick

In den Jahren zwischen 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick 30 Morde und wird von acht davon verurteilt. Die schwedische Presse erklärt ihn zum Monster, doch es gibt keinen handfesten Beweis für seine Schuld. Vor einigen Jahren habe ich Dan Josefssons Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen (btb, München 2017) gelesen, der sich diesen Fall vorgenommen hat – das Buch ist Hannes Råstam gewidmet. Es gehört zu den eindrücklichsten Werken, die ich kenne. Umso gespannter bin ich jetzt, ob mich Hannes Råstams Schilderung genauso zu packen weiss. Die Antwort ist ja, absolut. Und das ist umso verblüffender, als ich die Geschichte ja bereits kenne – aber eben nicht so.

Das liegt unter anderem auch daran, dass Hannes Råstam (1955-2012), der als investigativer Journalist für den Sender SVT (Swedish Public Broadcasting) arbeitete, so wunderbar launige Bemerkungen übers journalistische Metier einfliessen lässt: „Es war ein ganz normaler Freitag. Es ist immer ein ganz normaler Tag, an dem so etwas passiert.“ Oder: „Aber ihr fiel kein Kommentar ein, der in die Zeitung gepasst hätte.“ Oder: „Er war bekannt für seine Gabe, mit sonorer Stimme derart überzeugend seine Ansichten darzulegen, dass sie sowohl von seinen Untergebenen als auch von Journalisten für die Wahrheit gehalten wurden.“

Der Mensch ist, was er glaubt, heisst es in der Bhagavad Gita. Er ist sein Glaube. Hannes Råstams Quick illustriert das treffend – nur von ihrem Glauben, nicht von den Tatsachen, haben sich die an der Erschaffung des Serienkillers Thomas Quick (der mit bürgerlichem Namen Sture Bergwall heisst) Beteiligten leiten lassen. Selten ist mir bewusster geworden, wie wir Menschen (völlig unabhängig von der Intelligenz) uns selbst belügen,

Quick zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor beschreibt, wie er bei seinen Recherchen vorgegangen ist. Wen er getroffen hat und worauf er sich bei seinen Aussagen stützt. Dabei stösst er auf für mich Verblüffendes. „Als ich mich in der Literatur über die Forschung zum Thema falsche Geständnisse informierte, wurde mir klar, wie häufig solche auftreten. Und es handelt sich dabei keineswegs um eine neumodische Erscheinung.“

Angesichts der zahlreichen Ungereimtheiten, die Hannes Råstam aufführt, wundert man sich nicht wenig, wie es möglich ist, dass ein und derselbe Vorfall derart unterschiedlich interpretiert werden kann. Fassungslos lese ich, wie der Mensch Tatsachen schlicht nicht zur Kenntnis nimmt, wenn sie dem, was er sich einmal entscheiden hat zu glauben, zuwiderläuft. Obwohl: Es gab auch Zweifler. Unter ihnen die Krimiautoren Leif GW Persson und Jan Guillou.

Sture Bergwall ist ein Mann, der nach Aufmerksamkeit giert, der anerkannt werden will. Als er nach Drogen- und Gewaltvergehen in der Psychiatrie landet, bemüht er sich um eine Psychotherapie. Als ihm klar wird, dass er dafür als zu uninteressant betrachtet wird, verfällt er darauf, sich interessant zu machen. Mit Erfolg.

Er liest Bret Easton Ellis‘ American Psycho, macht sich mit Alice Millers Theorien vertraut. Er gibt den Ärzten und Therapeuten das Futter, das sie wollen. Was sie nicht sehen wollen, sehen sie nicht. „Aus Stures Akten und früheren Urteilen geht hervor, dass sein umfangreicher Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten immer wieder zu ernsthaften Problemen in seinem Leben geführt hat. Aber dieses Thema wird in seinen Patientenakten niemals berührt.“ Ein Phänomen, das bei Psychotherapien häufig anzutreffen ist – Suchtprobleme (bei denen man eh nicht weiss, wie man sie angehen soll), werden schlicht ignoriert. Stattdessen stülpt man das, was man studiert hat, über den Patienten.

Quick ist ein hervorragend geschriebener Bericht darüber, wie Sture Bergwall mit den Ermittlern, den Medien und den Therapeuten Katz und Maus spielte. Unfassbar ist dabei vor allem, dass diese durchwegs intelligenten Leute sich als „enabler“, als Möglich-Macher, entpuppten, denn hätten sie nicht aktiv bei der Erschaffung dieses Serienkillers mitgemacht, hätte es den Fall Thomas Quick nie gegeben.

Dieser gigantische Rechts- und Behandlungsskandal liest sich wie ein Thriller und sagt mehr über die Illusionen aus, zu denen wir Menschen Zuflucht suchen, um uns vor der Realität zu schützen, als uns womöglich lieb ist.

Fazit: Exzellenter Journalismus, notwendige Aufklärung und ein aussergewöhnliches Lehrstück in Sachen Selbstbetrug.

Hannes Råstam
Quick
Die Erschaffung eines Serienkillers
Wilhelm Heyne Verlag, München 2020

Prof. Dr. Thomas Bein: Ins Mark getroffen

Nichts ist für unsere Zeit charakteristischer als der Zwang, sich zu verkaufen. Weshalb denn auch der Verlag nicht nur mit den akademischen Titeln des Autors auf dem Umschlag wirbt, sondern ihn überdies noch als Intensivmediziner anpreist. Der eine oder die andere mag sich bei dieser geballten Verkaufsanstrengung fragen, was denn eigentlich so speziell daran sein soll, dass auch Mediziner Krebs kriegen können. Nun ja, einem Mediziner ist in der Regel klarer, was die Diagnose Krebs bedeutet, als einem Nicht-Mediziner – und das ist nicht unbedingt ein Vorteil.

Ins Mark getroffen wird von einem Gedanken aus Hermann Melvilles „Moby Dick“ eingeleitet, den man nicht überlesen, sondern wirken lassen sollte: „Wer unter den Sterblichen mehr Freude als Leid hat, kann nicht aufrichtig sein.“ Zugegeben, das ist nicht unsere Standardeinstellung, die eher dem Hoffen und Nicht-Wahrhaben-Wollen zuneigt, doch es ist eine nüchterne und hilfreiche Einsicht, der wir uns nicht verschliessen sollten.

„Der Arzt als Spitzenverdränger“ lautet einer der Zwischentitel, der mich zwar etwas verwundert zurückliess (die Befindlichkeiten der Ärzte sind weltweit weitgehend tabu), doch letztlich, der Ausführungen des Autors wegen, dann nicht wirklich überraschten. „Depressionen und Suchterkrankungen kommen bei Ärzten häufiger vor als in der restlichen Bevölkerung.“

Thomas Bein ist ein genauer Beobachter, ein belesener Mann und ein exzellenter Schreiber. Mit Ins Mark getroffen legt er ein Buch vor, dass durch seine Aufrichtigkeit, seine Differenziertheit und seine Empathie überzeugt. Zu letzterer macht er sich übrigens einige Gedanken, auch weil er jetzt als Patient unterschiedliche Formen kennenlernt und merkt, dass möglicherweise „das Gespür für die richtige Dosis Empathie, die der Kranke gerade jetzt braucht, noch wichtiger ist als der empathische Inhalt selbst.“

Vom Arzt wird in Sachen Empathie so recht eigentlich Unmögliches abverlangt. „Der Arzt soll sich einfühlen und gleichzeitig – auch zu seinem langfristigen Selbstschutz – distanzieren. Diese Balance ist dem Menschen biologisch nicht mitgegeben worden.“ Doch Empathie ist lernbar, so Professor Bein. Ich bin da skeptisch, denke, dass das nur gelingen kann, wenn sie in einem Menschen angelegt ist (was eindeutig nicht bei allen der Fall ist). Auch optiert er für „eine schärfere Begrifflichkeit und bessere Abgrenzungen“ von Empathie, Sympathie, Mitleid und Altruismus, ein meines Erachtens reichlich akademisches Unterfangen.

Ins Mark getroffen ist ein lebensphilosophisches Buch, das des Autors kritische Reflexionen mit der eigenen Lebenswirklichkeit, sei es als Arzt, sei es als Patient, in Beziehung setzt. Ein Beispiel: Seine Ausführungen über Gelassenheit und Gleichgültigkeit nehmen zwar Bezug auf Theorie und Zeitgeist, orientieren sich jedoch an seiner reflektierten Lebenspraxis.

Apropos Zeitgeist: Aufschlussreich ist auch wie der Intensivmediziner Bein durch Corona erlebte, wie die bislang zumeist verteufelte Maschinenmedizin über Nacht zum Heilsbringer wurde. Er selber kann daran nicht mehr teilnehmen, er gehört jetzt zur Hochrisikogruppe.

Eine Krebs-Diagnose bedeutet immer auch, sich mit der eigenen Endlichkeit zu befassen. Wie man das tut, ist individuell verschieden. Die herrschende „Gesundheitskultur“ sieht Thomas Bein skeptisch, er sucht und geht seinen eigenen Weg – die Balance zwischen „den Verführungen der technischen Allmacht und der multipotenten Todesverdrängung.“

Ins Mark getroffen ist ein sehr persönlicher Text, doch etwas ganz anderes als die Nabelschau, die der Buchumschlag suggeriert. Ich jedenfalls lese dieses Buch als eine nachdenkliche, gescheite und berührende Auseinandersetzung mit dem Arztberuf und der Frage, wie man „ein gutes“ Leben lebt.

Fazit: Eine Lektüre, die lohnt.

Prof. Dr. Thomas Bein
Ins Mark getroffen
Was meine Krebserkrankung für mich als Intensivmediziner bedeutet
Droemer, München 2021

Milton Rokeach: Die drei Christi aus Ypsilanti

Zugegeben, ich hatte zuerst Mühe, den Titel zu verstehen, denn weder war mir der Plural von Christus geläufig, noch dass es sich bei Ypsilanti um eine Stadt in Michigan handelt. Am 1. Juli 1959 bringt der Sozialpsychologe Milton Rokeach im dortigen Krankenhaus drei Patienten zusammen, von denen jeder glaubt, er sei Jesus Christus. Den alkoholkranken Landwirt Clyde Benson, den höchst aggressiven, gescheiterten Schriftsteller Joseph Cassel sowie den Veteran des Zweiten Weltkriegs Leon Gabor. „Wir hatten im Vorfeld entschieden, dass wir nicht versuchen würden, die Männer gegen ihren Willen zu irgendetwas zu bewegen, auch dann nicht, wenn wir deshalb unser Projekt aufgeben müssten.“ Doch was war das Projekt?

Die Forscher wollten den Ursprung verschiedener Überzeugungssysteme erkunden, denen die Menschen anhängen. Die Untersuchung basierte auf drei Annahmen. 1) Überzeugungen sind unterschiedlich stark. 2) je primitiver eine Überzeugung, desto schwieriger wird es sein, sie zu verändern. 3) wird eine primitive Überzeugung verändert, wirkt sich dies nachhaltig aufs ganze System aus.

Kindern wird beigebracht, zwischen wirklich und unwirklich zu unterscheiden. Das Wissen, was real ist und was ein Spiel, ist zentral für ihre Identität und erlaubt ihnen, Kontrolle auszuüben. Wie also kann es dazu kommen, dass sich drei ganz unterschiedliche Männer für Christus halten? Wie in psychiatrischen Kliniken üblich, werden ihnen viele Fragen gestellt, ihre Rationalisierungen und ihr Verhalten beobachtet. Die Stimmung bei den Gruppentreffen wird mit der Zeit gereizter, es kommt zu Gewaltausbrüchen.

Auf mich wirkt, was die drei, die sich gegenseitig beschuldigen, verrückt zu sein, von sich geben, wirr und unverständlich. Zum Teil aber auch scharfsinnig, fantasievoll und spielerisch. Und oft, sehr, sehr abgedreht. Gelegentlich fühlte ich mich an Psychiatrie-Witze erinnert. Ein Beispiel:

„Als er (Leon) an den Tisch tritt, der für Clyde, Joseph und ihn reserviert ist, sagt er: ‚Ah, guten Morgen, Sie instrumentellen Götter‘, und setzt sich mit selbstzufriedenem Lächeln. ‚Diese Männer sind Opfer elektronischer Imposition‘, fährt er fort. Clyde springt auf und schreit: ‚Ich habe diesen Ort gemacht!‘ Sie tauschen einige Beleidigungen aus. ‚Halt’s Maul, du Schlampe‘, ruft Clyde, und Leon antwortet: ‚Ich bin keine Schlampe, mein Herr. Ich bin ein Lamm Gottes.’“ Zu versuchen, darin Sinn zu finden, wie das offensichtlich Milton Rokeach tut, halte ich für reichlich aberwitzig.

Die drei Christi aus Ypsilanti protokolliert dieses Experiment ausführlich und zeigt damit auch, wie der Sozialpsychologe Milton Rokeach und seine Mitarbeiter damals gearbeitet haben. Als nach den ersten Wochen, in denen Streitigkeiten und Ausbrüche die Regel waren, die Verantwortung für die Treffen den drei Männern übertragen wurde. kam die Identitätsfrage nur noch auf, wenn Rokeach sie bewusst ins Gespräch brachte.

Die identitären Konfrontationen, mit denen Rokeach operierte, führten nicht dazu, dass die drei Christi ihre Vernunft zurückgewannen. „Clyde und Joseph erweckten den Eindruck, im Wesentlichen unverändert geblieben zu sein. Doch an Leon lässt sich auch weiterhin feststellen, dass er sich kontinuierlich verändert oder dass sich immerhin sein Wahnsystem noch weiter verfeinert.“ Die Einsichten, die Rokeach für sich selber gewann, waren bedeutender, nicht zuletzt, dass diese drei paranoiden Männer „viel lieber nach Wegen suchten, miteinander in Frieden zu leben, anstatt einander zu zerstören.“

Höchst aufschlussreich ist auch, was der Autor zwanzig Jahre nach Abschluss des Experimentes berichtet. „Während es mir nicht gelungen war, sie von ihren Wahnvorstellungen zu heilen, war es ihnen durchaus gelungen, mich von der meinen zu heilen – von meinem gottgleichen Wahn nämlich, dass ich sie verändern könne, indem ich allmächtig und allwissend ihr tägliches Leben im Rahmen der ‚Institution insgesamt‘ organisierte und umorganisierte.“

Übrigens: Wir alle streben zu einem gewissen Grad danach, wie Gott oder Christus zu sein, schreibt Rokeach unter Bezugnahme auf Fichte, Dostojewski, Sherwood Anderson und William Faulkner. Und er zitiert den erklärten Atheisten Bertrand Russell: „Jedermann würde Gott gleichen wollen, wenn das möglich wäre; einige empfinden Hemmungen, die Unmöglichkeit zuzugeben.“

Fazit: Ein eindrückliches Dokument, das unter anderem zeigt, dass vor allem der Therapeut von der Therapie profitiert.

Milton Rokeach
Die drei Christi aus Ypsilanti
Eine psychologische Studie
Matthes & Seitz Berlin 2021

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