
Susch, am 7. November 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Susch, am 7. November 2022
Unter Geschichten, die das Denken herausfordern hatte ich mir vorgestellt, dass die Autorin auf Geschichten gestossen ist, die sie zum Denken angeregt hatten. Doch weit gefehlt! „Immer mehr Geschichten tauchten auf“, lese ich im Nachwort, „und es machte mir zunehmend Spass, sie aufzuschreiben. Jedes Mal, wenn ich über ein Thema nachdachte, das ich interessant fand, bot sich eine neue Geschichte an. Oft schienen sich die Geschichten selbst zu schreiben; ich musste sie nur noch eintippen. Die Figuren und ihre Geschichten brachten mich häufig zum Nachdenken.“ Klingt nach einem Zirkelschluss: Ein Thema bringt sie zum Nachdenken. Sie denkt sich eine Geschichte dazu aus, die sie dann wiederum sie zum Nachdenken bringt.
Kein Zweifel, Geschichten können lehrreich sein, indem sie uns neue Sichtweisen eröffnen. Sie können aber eben auch das Gegenteil bewirken und andere Perspektiven blockieren. Eine der für mich anregendsten Geschichten in diesem Band trägt den Titel „Tu me manques“. „Im Französischen sagt man nicht ‚Ich vermisse dich‘. Man sagt: Tu me manques. Was sich vielleicht am besten mit ‚Du fehlst mir‘ übersetzen lässt.“
Was bewirkte, dass ich diese Geschichte besonders anregend gefunden habe? Der Vater der Protagonistin ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seither fehlt er ihr. Das ist nicht schwer nachzuvollziehen. Doch da gab es ein paar Sätze, die mich überrascht haben. „Seit er gestorben war, wusste sie: Wenn jemand nicht mehr da ist, ist er erst wirklich da. Immer, die ganze Zeit. Er war vor allem genau in dem Moment zwischen Schlafen und Wachsein da, in dem Moment, in dem die Welt noch offenstand, und alles möglich war.“ So hatte ich das noch nie gesehen, was auch deswegen erstaunlich war, weil diese Sätze ausdrückten, was ich auch selber so erlebe.
Eine andere Geschichte, die mich berührte, lautet „Die Lavendelfelder“; der Untertitel „Muss man sich vor dem Tod fürchten?“ erklärt, worum es geht. Erfreulicherweise wird die Frage nicht beantwortet. Überhaupt geht es in diesem Buch mehr um Fragen und weniger um Antworten. Jeder Geschichte ist ein Fragenkatalog angehängt, der gegliedert ist in „Anregende Fragen, Verständnisfragen, Philosophische Fragen und Kreative Aufgaben.“ Etwas sehr pädagogisch, finde ich. Und nicht besonders sinnvoll.
Die erste unter „Anregende Fragen“ lautet: „Würden Sie dem Tod gerne begegnen? Was würden Sie ihn fragen?“ In der Geschichte wird der Tod als Mann namens Hein dargestellt und damit vermenschlicht, was ich nicht nur falsch, sondern problematisch finde. Ich weiss, wir Menschen sind nun mal so, können uns nichts vorstellen, das anders als wir selber ist, da wir ja nur uns selber kennen. Doch warum hat mich die Geschichte berührt? Wegen zwei Sätzen, die Hein gegenüber der Frau äussert, die in Frankreich, auf dem Land, umgeben von Lavendelfeldern lebt. „Niemand weiss, wann ich komme, aber jeder geht davon aus, dass es noch einige Zeit dauern wird. Das finde ich sonderbar.“ Ich auch. Sehr sonderbar.
Die Themen, die in Geschichten, die das Denken herausfordern behandelt werden, sind grundsätzlicher Art. Das geht von „Was kann man besitzen?“ über „Hat man auch gewonnen, wenn es niemand sieht?“ bis zu „Woher weiss man, dass etwas ‚fertig‘ ist?“ Die für mich originellste Geschichte handelt von der Frage „Wann hat ein Wort eine Bedeutung?“ und erzählt vom „Depot der vergessenen Wörter“, in dem die Wörter nach Kategorien geordnet sind. Da gibt es die Kategorie der vergessenen Schimpfwörter oder die Kategorie der schwierigen Wörter, die einen intelligent erscheinen lassen oder … Wer sich jetzt fragt, was es da noch alles gibt, ist reif für dieses Buch.
Elke Wiss
Geschichten, die das Denken herausfordern
Eine praktische Anleitung zum Philosophieren
Kösel Verlag, München 2022
Andrej Kurkow ist ethnischer Russe, lebt seit jeher in Kyiiw und ist auch deswegen quasi prädestiniert (ein anderer Grund ist, dass er ein aufmerksamer und nachdenklicher Beobachter ist), sich zum russischen und ukrainischen Nationalcharakter zu äussern. Der Fatalismus, der den Russen eignet, gibt es in der Ukraine nicht. „Ukrainer sind selten niedergeschlagen. Sie sind auf den Sieg hin programmiert, auf Glück, auf das Überleben unter schwierigen Bedingungen sowie auf die Lust am Leben.“
Das vorliegende Tagebuch beginnt zwei Monate vor Ausbruch des Krieges, gefolgt von Aufzeichnungen und Essays aus der Kriegszeit. Der letzte Eintrag stammt vom 11. Juli 2022. Vor den Russen oder Corona hatten die Ukrainer vor dem Krieg kaum Angst, vor der Armut hingegen schon. „Millionen von Ukrainern leben im Ausland und überweisen regelmässig ihr Einkommen an die Zurückgebliebenen.“ Zwei Ukrainerinnen, die als Putzkräfte am Danziger Flughafen arbeiteten, gehen mir durch den Kopf – dass man dabei mehr als in der Ukraine verdienen konnte, wunderte mich damals (vor drei Jahren).
Nachrichtensendungen, aber auch sogenannte Hintergrundberichte und Reportagen über den Krieg in der Ukraine, geben den nominellen Führern – vom Präsidenten zu Generälen zu Ministern – eine Bedeutung, die sie im richtigen Leben selten haben. Tagebuch einer Invasion liefert eine höchst willkommene, und mitunter realistisch-witzige Korrektur. „’Wir warten nicht darauf, dass die Welt unsere Probleme löst‘, hatte Präsident Selenskyi in seiner Neujahrsansprache gesagt. Ich persönlich warte aber darauf und rechne sogar damit.“
Die Ukraine ist ein Land, in dem starke Winde den Strom ausfallen lassen, weil sie die Leitungen zerstören. Und wo ein Niederländer mit seiner Frau, einer Afro-Ukrainerin, lebt und mit russischen Fördermitteln eine niederländische Übersetzung von Puschkins „Eugen Onegin“ anfertigt. Und wo während des Krieges über Schulmahlzeiten gestritten wird.
Als Präsident Selenskyj die Bevölkerung aufruft, ukrainische Flaggen in die Fenster und auf die Balkone zu hängen, ist die Folge nicht gerade berauschend. „Während meines gesamten Spaziergangs sah ich nur zwei ukrainische Flaggen und eine litauische (…) Auf Facebook gab es mehr offenkundiges Zurschaustellen von Patriotismus als in der realen Welt. Ich weiss nicht, warum das so ist.“ Ein Schluss drängt sich gleichwohl auf: Die Medienwelt ist nicht die richtige Welt.
„Anspannung, aber keine Panik“, notiert Andrej Kurkow am Tag der russischen Invasion. Und am folgenden Tag: „Jetzt befinden wir uns im Krieg mit Russland. Aber die U-Bahn in Kyjiw fährt wie gehabt und die Cafés haben geöffnet.“ Zu wissen, dass der Krieg begonnen hat, bedeutet nicht, dass man es auch versteht. „Man muss sich psychisch an die Vorstellung gewöhnen, dass der Krieg begonnen hat. Denn von diesem Moment an bestimmt er die eigene Lebens- und Denkweise und die Entscheidungsfindung.“
Kurkow und seine Frau wollen zu ihrem Haus auf dem Land – keine einfache Sache, denn viele flüchten aus der Stadt und von weiter her. Auch beschreibt er, wie es Freunden geht – der eine kommt gerade nach einer Krebsoperation aus dem Krankenhaus, einem andern mussten beide Beine amputiert werden – und macht damit den Schrecken des Krieges nachfühlbar.
Doch Tagebuch einer Invasion erzählt nicht nur vom Krieg, sondern auch von der Geschichte, die einige lieber nicht wahrhaben wollen, und von dem, was die Ukraine ausmacht: Brot und Weizen. „Selbst in Ägypten bäckt man Brot und Kuchen aus ukrainischem Mehl. Jetzt wäre es an der Zeit, die Felder für die Aussaat vorzubereiten, aber diese Arbeit bleibt nun liegen. In vielen Regionen stecken die Weizenäcker voller Metall: Granatsplitter, Bruchteile gesprengter Panzer und Autos, Überreste abgeschossener Flugzeuge und Hubschrauber. Und alles ist voller Blut. Dem Blut von Russlands Soldaten, die nicht verstehen, wofür sie kämpfen, dem Blut ukrainischer Soldaten und Zivilisten, die wissen, dass es die Ukraine nicht mehr geben wird, wenn sie nicht kämpfen.“
Postboten werden getötet, zwei Priester auf offener Strasse hingerichtet, und junge Freiwillige, die Futter in ein Hundeheim bringen, werden erschossen. Die Aufzählung könnte beliebig weitergeführt werden. Wie ist das nur möglich, dass im 21sten Jahrhundert ein Krieg im Stil des Zweiten Weltkriegs stattfindet, mit der Bombardierung friedlicher Städte und der Ermordung der lokalen Bevölkerung? Andrej Kurkow erklärt es sich mit dem Wahn eines alternden Putin, die UdSSR oder ein modernes russisches Kaiserreich wiederauferstehen zu lassen, doch gleichzeitig fragt er sich, ob man Russland überhaupt verstehen kann. Jedenfalls: die russische und die ukrainische Mentalität sind überhaupt nicht zu vergleichen.
Andrej Kurkow bringt auf den Punkt, worum es bei diesem Krieg geht. „Die Ukraine hat mir dreissig Jahre Leben ohne Zensur, ohne Diktatur, ohne Kontrolle über das, was ich schreibe oder sage, gegeben. Dafür bin ich meinem Land unendlich dankbar. Und ich sehe nun allzu deutlich, dass im Falle der Einnahme der Ukraine durch Russland all diese Freiheiten, an die sich die ukrainischen Bürger so gewöhnt haben, gemeinsam mit der Unabhängig unseres Staates verloren gehen würden.“ Doch nicht alle wollen zum Militär und versuchen das Land auf illegalem Weg zu verlassen.
Tagebuch einer Invasion ist ein bewegendes, aufwühlendes Buch darüber, dass sich das Leben von einem Moment zum nächsten ändern kann, man ganz plötzlich mit Umständen konfrontiert wird, die man sich gar nicht hat vorstellen können. Auch lerne ich Verblüffendes. Etwa dass Tierliebhaber Eintrittskarten für den geschlossenen Zoo kaufen, da doch die Tiere gefüttert werden müssen. Und dass die Russen ukrainische Friedhöfe zerstören und in den besetzten Städten Gedenktafeln, die an ukrainische Persönlichkeiten erinnern, mit Hämmern von den Häuserwänden geschlagen werden.
In der Ukraine findet derzeit ein Völkermord statt; eine ganz Kultur soll ausradiert werden. „Man kann so etwas erst verstehen, wenn man es selbst sieht und erlebt.“ Was er selbst sieht und erlebt hat, beschreibt Andrej Kurkow in diesem empathischen und erschütternden Bericht.
Andrej Kurkow
Tagebuch einer Invasion
Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2022

Santa Cruz do Sul, am 30, Dezember 2021
Für die meisten Leute, zu denen auch ich zähle, ist YouTube eine mehr oder weniger nützliche Informations- und Unterhaltungsquelle. Nur eben: YouTube ist viel mehr als das. Der Journalist Mark Bergen klärt mit YouTube. Die globale Supermacht anhand von umfangreichem Material darüber auf, wie die digitale Öffentlichkeit funktioniert.
Die drei jungen Männer in den Zwanzigern, die YouTube initiierten, waren so begabt wie eigensinnig. Es ist dies ein allgemeines Phänomen: Die Angepassten mit den guten Noten eignen sich eher als Verwalter, denn als Entdecker/Entwickler. Von den drei enthusiastischen Gründern ist keiner mehr dabei.
Dass da plötzlich jeder jederzeit gratis ein Video hochladen konnte, war zuerst einmal vor allem aufregend. Und dass visionäre Amateure dafür verantwortlich waren, war ausgesprochen erfreulich, hatte aber auch eigenartige Nebeneffekte, denn es führte unter anderem zu ganz neuen Branchen wie etwa dem Influencer-Marketing oder den Tutorials.
Der Mensch ist was er tut bzw. womit er sich beschäftigt. Mehr als fünfhundert Stunden Videomaterial werden pro Minute auf YouTube hochgeladen. Mit anderen Worten: YouTube, gesteuert von Algorithmen und Profitmaximierung, beeinflusst in einem ausserordentlichen Mass was – und wie – wir die Welt sehen.
Technische Neuerungen bringen selten nur Gutes hervor, sondern werden regelmässig von einschlägig interessierten Interessensgruppen für ihre Zwecke instrumentalisiert. „Rechtsgerichtete Christen wollten das Internet restlos von Pornografie und anderen Sünden befreien, Verfechter der freien Marktwirtschaft wollten weniger Einschränkungen für den Online-Handel, und Medienlobbyisten setzten sich für den Schutz von geistigem Eigentum ein.“ Paradiesische Zustände für Rechtsanwälte.
Als Google die Video-Plattform übernahm, wollte der kalifornische Technologie-Gigant es vermeiden, anderen Ländern Googles Werte und Normen aufzuzwingen (aus wirtschaftlichen und nicht etwa aus ethischen Gründen), doch eine unüberschaubare, babylonische Videoplattform zu kontrollieren, war eine kaum zu bewältigende Herausforderung, da die einzelnen Staaten ganz eigene Vorstellungen hatte, was bei ihnen erlaubt war uns was nicht. Was tat man etwa, falls Indien, wo Homosexualität strafbar ist, verlangen würde, LGBTQ-Videos zu sperren? Tim Wu, Juraprofessor an der Columbia University: „Man muss Google auf die gleiche Weise vertrauen, wie die Menschen früher ihrem König vertrauten.“ Vielleicht doch lieber nicht.
Im Laufe der Zeit tauchten auch immer mehr Fälschungen auf YouTube auf. Wie bei Fotografien ist auch bei Videos nicht immer leicht zu erkennen, ob die Bilder die Wirklichkeit abbilden.Neben den Fake-Videos nahmen auch die Fake-Kommentare zu. Die Versuche, das System (ja so recht eigentlich jedes System, man denke etwa an Verkehrsregeln) zu überlisten, sind dermassen gängig, dass man sich gelegentlich fragt, was mit den Menschen eigentlich nicht stimmt. Egal, was es ist, es wird immer einige geben, die querschiessen.
Aufschlussreich wenn auch wenig überraschend sind auch die vielfältigen Informationen darüber, wie man natürlich sofort versuchte, mit diesen Einschaltquoten Geld zu machen. So habe ich zum Beispiel gelernt, wozu Cookies verwendet werden bzw. was Cookies eigentlich sind, nämlich „versteckte Code-Fragmente, die man bei jedem Seitenaufruf unbemerkt aufsammelte und die sich sozusagen merkten, auf welchen Seiten man gesurft hat. Man stöberte auf ein paar Websites über Inneneinrichtung, öffnetet dann eine Nachrichtenseite, und zack: überall bunte Banner mit Werbung für Möbel. Dafür sorgten Cookies.“
Zu den populären journalistischen Formen gehört das Storytelling, dessen sich auch Mark Bergen ausgiebig bedient: Er zeigt anhand von Einzelpersonen wie YouTube sich entwickelt hat. Der Vorteil dabei: Das Buch liest sich flüssig; der Nachteil: der grössere Zusammenhang bleibt aussen vor bzw. geht dabei fast unter. Der grössere Zusammenhang in Sachen YouTube ist, dass die Basis des Kapitalismus die Gier ist und diese bestimmt so recht eigentlich das Schicksal von allen, die in dieser Maschinerie landen. Zum grösseren Zusammenhang gehört aber auch, dass diejenigen wie etwa Steve Jobs, die die Technologie vorantreiben, am weitaus besten um die Gefahren wissen.
„Angeblich gewährte Steve Jobs seinem Nachwuchs kaum Zugang zu moderner Technologie. Wie Jobs verbrachten die Angestellten von YouTube Stunden damit, Code und Geschäftspläne zu überprüfen, mit denen die Nutzer möglichst lange auf der Seite gehalten werden sollten, bevor sie nach Hause gingen und ihren Kindern befahlen, YouTube auszumachen.“
YouTube. Die globale Supermacht erzählt eine verrückte und turbulente Geschichte. Klare Regeln, was auf der Video-Plattform erlaubt ist und was nicht, gibt es nicht wirklich. Dazu kommt, dass die gegenwärtig gültigen Regeln nicht in Stein gemeisselt sind und von Land zu Land variieren können. Wie in allen anderen Branchen auch, wurstelte man drauflos – das Unternehmen wurde zunehmend zur Spielwiese bzw. zur Arena für grosse Egos. Es ist ein Kennzeichen der modernen Welt, dass es vor allem unangenehme Typen (Männer wie Frauen) an die Spitze schaffen, denn seelisch und geistig Gesunde tun sich diese Rangeleien schlicht nicht an.
YouTube. Die globale Supermacht ist auch eine Geschichte über unsere Zeit, in der Alles und Jedes zum Geschäft gemacht wird, was vermutlich den meisten schon gar nicht mehr auffällt. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, meinte einst Bertolt Brecht. Heute müsste das heissen, erst kommt die Gier und das war’s dann auch schon. Anders gesagt: Weitestgehend unregulierte Medien zeigen uns Abgründe, vor denen uns so recht eigentlich grausen müsste.
Mark Bergen
YouTube. Die globale Supermacht
Wie Googles Videoplattform unsere Weltsicht dominiert
Droemer, München 2022
Es entbehrt nicht der Ironie, dass Reinhold Messner, der Co-Autor dieses Werkes, der bisher vor allem dadurch aufgefallen ist, dass er keinen Gipfel und keine Wüste auslassen konnte, den Verzicht predigt. Andererseits: Wer, als einer, der offenbar nie genug kriegen konnte, wäre geeigneter, den Verzicht zu schätzen. Nur eben: Messner hat eine ganz andere Vorstellung von Verzicht als ich. Er versteht darunter Minimalismus, ich assoziiere mit Verzicht hingegen, nicht seinen Begehrlichkeiten nachzugeben.
Sinnbilder ist in drei Teile gegliedert. Im ersten schreibt Reinhold von seiner Kindheit, seiner Familie, seinen Schuljahren und natürlich vom Bergsteigen, das er für sich als sinnstiftend begreift. „Bergsteigen heisst für mich Sinn schöpfen. So wie ich Wasser aus der Quelle schöpfe, schöpfe ich Sinn aus dem Tun im Hier und Jetzt. So passiert gelingendes Leben.“ Im zweiten kommt seine Frau Diane zu Wort, im dritten dann wieder er.
Als Kind waren ihm Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit eins, heutzutage ist ihm der Sinn wichtiger als der Nutzen. „Damit möchte ich das Nutzlose relativieren, den Sinn betonen: Ich lebe nach Prämissen der Sinnhaftigkeit, Nützlichkeit ist sekundär. Eine Grenzerfahrung aber darf nicht Anekdote bleibe – sie muss erschüttern.“
Das Bergsteigen bringt auch die Angst hervor. Wie geht er damit um? Zuallererst: Indem er sie anerkennt. Und sie sich dann nicht wegerklärt. „Solange ich aber nach rationalen Erklärungen für die Angst suche, finde ich Ausreden, aber keinen Sinn. Erst indem ich gehe, steige, handle, löse ich die Sinnfrage auf.“ Er handelt sich in ein neues Empfinden hinein.
Reinhold Messner ist ein Denker, einer, der sich der Natur und den Gewalten aussetzen muss/will. Sein Denken ist die Frucht seiner Erfahrungen. Nietzsche geht mir durch den Kopf: „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ Darüber hinaus ist er auch ein spürender und fühlender Beobachter. „Der Fussgänger als Traumtänzer, der sein Leben nicht nach moralischen Vorgaben misst, den Wert seines Tuns nicht nach Nutzen beurteilt, sondern nach ästhetischen Massstäben, glaubt zu schweben.“ Wunderbar!
Sinnbilder ist überaus reich an erhellenden Einsichten. So preist Reinhold etwa das Aufhören, weil erst dieses den Weg freimacht für neue Projekte. „Ich bin ein Leben lang dem Prinzip des Aufhörens gefolgt (…) Jeder Neuanfang ist mit Unsicherheit, Zögern, ja Angst verbunden. Aufhören will geübt sein …“.
Während Teil eins fast ausschliesslich von Reinhold handelt, widmet sich Diane im zweiten Teil hauptsächlich ihrer Beziehung. „Er ist. Hochkonzentriert und vertieft bei all seinem Tun Während ich allzu oft in meine Träume abschweife, bleibt er bei der Sache. Im Hier und Jetzt.“ Sie ist eine höchst aufmerksame Beobachterin und überdies hoch reflektiert. „… seine authentische Art inspiriert mich wortlos, allein sein Tun, sein So-Sein regt mich zum Nachdenken an.“
Ich habe selten so einfach und klar formuliert gelesen, worum es bei der Liebe geht: Sich selber sein zu können. „Liebt man sich aber selbst, wird man schnell in einem Satz mit Egoismus und Narzissmus genannt. Legitim scheint lediglich die Nächstenliebe. Aber ist die Liebe ohne Selbst-Bewusstsein und Selbstliebe überhaupt möglich? Ich war vor Reinhold, bin mit Reinhold und werde auch ohne ihn sein (…) Wir sind lediglich zwei Menschen, die gut harmonieren und beschlossen haben, Verantwortung füreinander zu übernehmen.“
Angesichts der Tatsache, dass Reinhold Messner auf die 80 zugeht, kann in diesem Werk, das nicht nur von Verzicht handelt, auch die Auseinandersetzung mit Alter und Endlichkeit nicht fehlen. „Wer nicht sterben gelernt hat, kann nicht leben“, sagen die Tibeter. Und Milarepa wird mit den Worten zitiert: „Meine Religion ist es, ohne Bedauern zu leben und zu sterben.“ Es sind hilfreiche Gedanken, die man in diesem Buch findet.
Es sind persönliche Geschichten, die Diane und Reinhold Messner hier erzählen, doch wie alle wirklich guten Geschichten gehen sie über das Persönliche hinaus. Es gehe nicht darum, so Diane, „die Konsumgesellschaft“ zu kritisieren, sondern sich selbst zu hinterfragen. Das leuchtet auch deswegen ein, weil Diskussionen über die Zustände bzw. Umstände meist die Vorstellung vermitteln, diese hätten immer nur mit den andern, doch nichts mit uns zu tun.
Sinnbilder ist gut geschrieben. mit vielen Fotos ausgestattet, vielfach inspirierend und rundum sympathisch.
Reinhold Messner / Diane Messner
Sinnbilder
Verzicht als Inspiration für ein gelingendes Leben
S. Fischer, Frankfurt am Main 2022
Am 15. Mai 2012 erschiesst im französischen Jarville Sylvie L. ihren Mann. Ein paar Monate später passiert dasselbe noch einmal. Die Täterin heisst Jacqueline Sauvage. Sie wird sowohl in erster als auch in zweiter Instanz zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wobei die Tötung des Ehegatten einen erschwerenden Umstand darstellt.
„Die Schwurgerichte haben längst entschieden, doch ein Teil der öffentlichen Meinung denkt anders darüber. Mir bleibt es ein moralisches Rätsel“, schreibt die Journalistin Valentine Faure, die Autorin dieses Buches, das sprachlich zwar ausgesprochen hölzern daherkommt (“Doch die Unklarheit mag dem Präsidenten gut zu Gesicht stehen, der davon profitiert, wenn das Foto schön ist.“), doch vor allem deswegen lohnt, weil der Text reich an Informationen in Sachen „Das Weibliche und das Verbrechen“ ist.
Ich selber muss bei der öffentlichen Meinung immer zuallererst an „Toyer“, Gardner McKays Psychothriller denken, und speziell an diese Stelle: „Nach allem, was ich über den sogenannten Mann auf der Strasse gelernt habe, seit ich als Reporterin unterwegs bin, ist die Öffentlichkeit etwas, das man nicht gern bei sich im Haus hätte, wenn es ein einzelnes menschliches Individuum wäre. Sie ist eine erbärmliche Kreatur – faul, untalentiert, treulos, egozentrisch, phlegmatisch, nicht in der Lage, sich auszudrücken, wankelmütig, übergewichtig, ohne eigene Meinung. Dazu geboren, sich an andere anzuhängen:“
Sylvie L. wird zu neun Jahren Haft verurteilt. In den sozialen Medien wird den Medien vorgeworfen, „ein allzu eindeutiges Bild der Angeklagten zu entwerfen.“ Doch wie das in den sozialen Medien (was an ihnen sozial sein soll, ist mir schleierhaft) so ist: Da melden sich fast ausschliesslich Leute zu Wort, die einfach ihr Ideologie-Süppchen kochen, ungeachtet der Tatsachen. Andererseits: Ist das bei den Massenmedien wirklich anders?
„Uralte Gefühle scheinen da an die Oberfläche zu kommen“, konstatiert Valentine Faure angesichts der Reaktionen von Bekannten auf den Namen Jacqueline Sauvage, die eine recht problematische Figur zu sein scheint. Was hält sie bei dem gewalttätigen Mann, der auch die Töchter vergewaltigt? „Sich niemals beklagen und nicht um Hilfe rufen“, ist das Eine, doch es ist komplizierter und so recht eigentlich mit (m)einem Durchschnittsverstand nicht zu verstehen.
Valentine Faure legt detailliert dar, wie die Justiz mit häuslicher Gewalt und mit Tötungsdelikten umgeht. Gemäss dem juristischen Menschenbild weiss der Mensch, was er tut. Und falls doch nicht, gibt es Schuldausschlussgründe. Dostojewski sieht das anders, in „Schuld und Sühne“ schreibt er: „Der Verbrecher ist in dem Augenblick, in dem er sein Verbrechen begeht, stets ein Kranker.“
Im Kern handelt dieser Text von Selbstjustiz, die bei Frauen strenger bestraft wird als bei Männern. Seitenlang wird eine auf Psychotraumatologie und Viktimologie spezialisierte Psychiaterin sowie ein Staatsanwalt zitiert, die, wenig überraschend, vorwiegend ihr eigenes Weltbild zum besten geben. Und wie bei Journalisten üblich, kommen auch viele einschlägig mit dem Thema Frauen und Gewalt Befasste zu Wort. Valentine Faure kommt zum Schluss, „dass wir alle Empathie für weibliche Opfer empfinden können, uns aber eher mit der Frau identifizieren, die zurückschlägt. Wir sollten lieber annehmen, dass man Ohnmacht zwar lernen, aber auch wieder verlernen kann, und dass daher alles verhandelbar ist.“
Valentine Faure
Als ich wieder aufstand, nahm ich das Gewehr
Gewalt von Frauen
Edition Tiamat, Berlin 2022
Für jemanden wie mich, der so recht eigentlich, abgesehen von Schulerinnerungen, wenig von Goethe weiss, ist dieses umfangreiche Werk in erster Linie eine überaus reichhaltige Fundgrube. „Was Giorgio Vasari über Michelangelo sagte, könnte auch auf Goethe gemünzt sein: ein ‚Geist (…), allvermögend in jeder Kunst und jedem Beruf‘, dem zudem ‚wahre Philosophie und die Zierde der hohen Dichtkunst‘ eigen sei.“
Es versteht sich: Jede Biographie ist auch, wenn nicht vor allem, ein Dokument der eigenen Wahrnehmung. Hier ein Gedicht Goethes, das Jeremy Adler als leichtfüssig, humorvoll und mit einem Hang zur Selbstironie bezeichnet: „Vom Vater hab‘ ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Von Mütterchen die Frohnatur / Und die Kunst zu fabulieren. / Urahnherr war der Schönsten hold, / Das spukt so hin und wieder, / Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, / Das zuckt wohl durch die Glieder. / Sind nun die Elemente nicht / Aus dem Complex zu trennen, / Was ist denn an dem ganzen Wicht / Original zu nennen?“ So zutreffend Adlers Einschätzung auch ist, ich selber lese da auch hinein, dass wir kaum mehr als die genetische Fortführung unserer Ahnen sind. Und da Goethe Gefühlsschwankungen, auch heftige, nicht fremd waren, wird er vermutlich gelegentlich auch so gefühlt haben.
Was dieser Goethe nicht alles gewesen ist! „Er ist Dichter, Dramatiker. Romancier, Novellist Essayist, Literaturkritiker, Kunstkritiker, Kulturkritiker. Biograph, autobiographischer Autor, Tagebuchschreiber, Briefschreiber, Übersetzer, Herausgeber, Philosoph, Naturwissenschaftler, Künstler, Sammler, Theaterdirektor, Beamter und Staatsmann.“
Weshalb man sich für ein Buch interessiert, ist bekanntlich individuell verschieden (auch wenn wir so verschieden, wie wir uns einbilden, wohl kaum sind). In meinem Falle ist es vermutlich das Universale, also das, was heutzutage unter „fächerübergreifend“ läuft. Mich fasziniert diese organische Weltschau, die ich mit Weisheit in Verbindung bringe. Eindrücklich zeigt Jeremy Adler auf, dass Goethes Denken nicht nur auf zahlreiche Wissensgebiete ausstrahlte und viele ganz unterschiedliche Denker beeinflusste, sondern dass auch er von ganz vielen, ganz unterschiedlichen Denkern beeinflusst worden ist. Goethe repräsentiert „Europäische Weltweisheit“, wie eines der Kapitel überschrieben ist.
Doch wie kommt es eigentlich, dass so viele herausragende Geister sich auf Goethe berufen? Und auf ganz unterschiedlichen Gebieten wie etwa der politischen Ökonomie. „Er befreundete sich mit Experten, doch liess er sich von diesen Kennern nicht einschüchtern, und indem er jedes Thema auf der Grundlage universellen Denkens in einen weiteren Kontext und jeden Gegenstand in sein unmittelbares, natürliches Umfeld stellte, vermochte er dessen Parameter sehr genau und überzeugend aus Grundprinzipien abzuleiten.“
Jeremy Adlers Goethe ist derart konventionell gebildet, und dabei von ungeheurer Dichte, dass es mich nicht nur beinahe erschlägt, sondern mich völlig überfordert. Anders gesagt: Man sollte mehr als nur neugierig sein, um dieser geballten Ladung europäischer Bildung den Respekt zu erweisen, den sie verdient. Ein Beispiel: „Die Erwähnung von Missolonghi im oberen Zitat mag an Byrons Tod dort erinnern, aber sie hat auch eine politische Bedeutung: Goethe beschwört hier den Philhellenismus, der in den Jahren 1820 bis 1829 Deutschland überwältigte und zu einer liberalen – auch nationalen – europäischen Bewegung führte. Derart platziert Goethe sein Drama in einen politischen Kontext, und zwar in das Zeitalter des europäischen Liberalismus. Die Pointe dieser Strategie liegt nicht zuletzt auch in der Herstellung eines kosmopolitischen Dramas bzw. darin, ein Beispiel für Weltliteratur zu liefern.“ Ich selber bin weder mit Byron noch mit Deutschland in den Jahren 1820 bis 1829 noch mit allem anderen vertraut …
„Gefühl ist alles“ steht über einem Kapitel, das unter anderem zeigt, dass Goethe auch ein guter Selbstdarsteller bzw. ein begabter Verkäufer war. „… schuf er einen Mythos seiner selbst als eines Repräsentanten seiner Zeit – worin die deutsche Geschichtsschreibung ihm folgt, wenn sie von der ‚Goethezeit‘ spricht.“ Doch was bedeutet der Satz „Gefühl ist alles“ aus Faust? „Wie auch bei Vertretern der Philosophie besitzt das Gefühl für Herder und Goethe eine kognitive Funktion.“
Goethe zu lesen, sei „stets eine Einladung, neu zu denken und neu zu fühlen“, und dies ist natürlich mit ein Grund, weshalb er nicht wirklich zu fassen ist. Kein Wunder, hatte er für Denker, die nicht im Systemdenken unterwegs waren, eine besondere Bedeutung. Natürlich gab es auch Persönlichkeiten, die ihn bzw. einige seiner Charakterzüge kritisch sahen. So meinte etwa Beethoven: „Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt.“ Jeremy Adler ist sich allerdings nicht so sicher, ob Goethe sich in der Rolle als Höfling so wohl fühlte.
Goethe ist ein monumentales Werk und nicht zuletzt eine ungeheure Fleissarbeit – der Anhang alleine beträgt mehr als hundert Seiten! Aus dieser Fülle ein wunderbar lesbares Buch zu machen, ist auch deswegen eine herausragende Leistung, weil Jeremy Adler es schafft, gleichzeitig höchst detailliert zu berichten und Wesentliches herauszuschälen. Für mich bedeutet das Sätze wie: „Kennzeichnet das Mittelalter die Liebe zu Gott, so wird die Moderne durch den Wissensdurst definiert.“ Oder: „In wenigen Worten vermag Goethe seine Erkenntnistheorie zu skizzieren: ‚Alles was im Subject ist, ist im Object.’“
„So möchte ich denn eine neue Art Buch schreiben“, so der Autor, „die Goethe in seinen vielfältigen Verbindungen zu seinen Vorgängern wie auch Nachfolgern zeigt, und hoffe, auf diese Weise seine Stellung innerhalb des westlichen Zivilisation demonstrieren zu können.“ Dies ist ihm zweifellos gelungen. Darüber hinaus weist er auf Zeitloses hin, wenn er etwa Goethes „Verbindung von Organischem und Rationalem, von Bewusstsein und Unbewusstem“ herausstreicht und betont: „Ethik und Ästhetik gehören zusammen.“
Fazit: Glänzend geschrieben, hoch gebildet, faszinierend, und bereichernd.
Jeremy Adler
Goethe
Die Erfindung der Moderne / Eine Biografie
C.H. Beck, München 2022
Schöner Denken 2, was für ein toller Titel, denkt es so in mir. Schade, dass ich Band 1 verpasst habe, nehme jedoch an, dass angesichts der ständig zunehmenden Verwirrung in der nach wie vor wachsenden Konsumwelt Band Nummer 3 wohl nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.
Die Bedeutung eines Wortes sei sein Gebrauch in der Sprache, meinte bekanntlich Ludwig Wittgenstein. Dieser entwickelt sich aufgrund vieler unregulierter Faktoren, doch das passt nicht allen. Und so glauben sie, sie müssten/sollten/dürften da Einfluss nehmen. Ob sie dafür eine Mehrheit haben, interessiert sie nicht, sie wissen ganz einfach, dass sie Recht haben. Mit solchen Leuten kann und soll man nicht diskutieren. Man kann das allerdings auch anders angehen. Aufklärend. Josef Joffe und Michael Miersch zeigen in Schöner Denken 2 wie das geht.
Damit Aufklärung gelingen kann, braucht es Menschen, die bereit und willig sind, sich aufklären zu lassen. Das ist eher selten, hindert Aufklärer jedoch nicht, weiterhin den Sisyphus zu geben, den man sich ja angeblich als glücklichen Menschen vorzustellen hat. Anders gesagt: Ich gehöre zu denen, die sich von Aufklärung eher wenig versprechen. Doch ich schätze intelligente, witzige und unterhaltsame Argumente. Und davon finden sich in diesem Band, der so recht eigentlich eine Sammlung der Absurditäten unserer Zeit darstellt, zahlreiche.
So fordert etwa das Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Stadt München „Respekt“ für städtische Bäume, damit diese „in Würde altern“ dürfen. Mir scheint, da war eine PR-Agentur am Werk, die vermutlich gerade für eine Kampagne für ältere Mitbürger ausgezeichnet worden war. Von einer Behörde wäre eigentlich zu erwarten, „dass sie nicht Forderungen aufstellt, sondern sich um das Stadtgrün kümmert.“ In unserem Zeitalter der Ankündigungen und Versprechungen, auch als Businesspläne bekannt, ist das eher selten.
„Nach über 3000 Jahren anatomischer Überbewertung der Physis erkannte die akademische Welt im Licht der Genderwissenschaft, dass jeder Mensch sich frei entscheiden kann, ob er/sie/es weiblich, männlich oder divers ist.“ Was dabei unter anderem untergeht: Jeder Entscheid kann auch falsch sein. Doch wer sich dagegen auflehnt, dass der Mensch sich zum Gestalter von Allem und Jedem aufschwingt (kein Wunder, nimmt diese Tendenz zu, seit das Hubble- und das James Webb-Teleskop klar gemacht haben, dass wir noch unbedeutender sind, als wir bisher geglaubt haben), hat mehr als nur einen schweren Stand. „Kathleen Stock, Philosophin an der Universität Sussex, gab ihren Lehrstuhl auf, weil sie den Shitstorm nicht aushalten konnte. Die leidenschaftliche Feministin hatte behauptet, das biologisch bestimmte Geschlecht könne nicht durch Umbenennung abgeschafft werden.“
Der Glaube, man könne mittels Sprache das Bewusstsein verändern, scheint in dem Masse zuzunehmen, in dem wir uns machtlos fühlen. Allerdings nicht bei allen. Es gibt auch Menschen, die ihre Orientierungslosigkeit im Universum einigermassen gelassen hinnehmen. Humor hilft dabei. Und von diesem findet sich in diesem Band viel. Auch an sich nüchterne Feststellungen wie „Es gehört zum festen Repertoire von Bundespräsidenten, Bischöfen und Leitartiklern Konsens zu rühmen und vor einer Spaltung der Gesellschaft zu warnen“ lesen sich sehr lustig.
Ich reagiere allergisch auf Gängelungen sogenannt Wohlmeinender, ertrage es so ziemlich überhaupt gar nicht, von Trotteln belehrt zu werden, kann weder Politiker noch Pädagogen noch Medienschaffende (was für ein Ausdruck) wirklich ernst nehmen, doch ich lasse mir gerne echte Aufklärung gefallen. Und bin geradezu entzückt, wenn mich jemand auf Verblüffendes aufmerksam macht, das mir vollkommen entgangen ist. Etwa darauf, dass man kaum mehr von Flüchtlingen, dafür von Geflüchteten hört, weil Endungen wie „ling“ oder „linge“ angeblich abwertend seien!!
Speziell aufschlussreich fand ich die Ausführungen zur Kulturellen Aneignung, auch weil sie aufzeigen, wie aus einem nicht nur normalen, sondern bereichernden Austausch ein bornierter, destruktiver, lebensfeindlicher Vorgang werden soll. „Was erlaubte sich die Engländerin Agatha Christie, als sie den belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot erfand, der im Film vom russischstämmigen Peter Ustinov gespielt wird?“ Man wünschte sich diesen politisch Korrekten einen Ausflug nach Asien, wo so ziemlich alles ohne zu fragen (und zu meiner Freude: es ist billiger!) kopiert wird.
Schöner Denken 2 ist auch deutlich und klar. „Kunst kommt von Können, nicht von Tugend.“ Oder: „Ein paar Klassiker: ‚Frieden schaffen ohne Waffen,‘ ‚Reden statt rüsten‘, ‚politische Probleme lassen sich nie militärisch lösen‘. Solche erhabene Parolen klingen stets besser als die Wirklichkeit; spätestens seit Putins Eroberungszug gegen die Ukraine sind sie Makulatur. Putin redet nicht; er raubt.“
Die beiden Autoren sind bestens informiert unterwegs, wissen eigenständig zu denken und bieten mit diesem Werk auch die Möglichkeit zu mannigfaltigen Entdeckungen. Zu meinen liebsten gehört der William Buckley zugeschriebene Spruch: „Ich möchte lieber von den ersten 2000 Leuten im Boston-Telefonbuch regiert werden als von den Professoren der Harvard-Universität.“ Angesichts der Tatsache, dass die Verbreitung von unausgegorenem Schwachsinn vor allem Studierten zu verdanken ist, würde man sich die Ankunft von Humpty Dumpty auch im deutschsprachigen Sprachgebiet wünschen. Sie wissen nicht, wer das ist? Lesen Sie dieses Buch!
Josef Joffe / Michael Miersch
Schöner Denken 2
99 Phrasen für die geistige Inneneinrichtung der Nation
Edition Tiamat, Berlin 2022
„Als sich der Krebs zurückmeldete, überraschte mich das nicht.“ John Burnside weiss offensichtlich um die Wichtigkeit des ersten Satzes, denkt es so in mir. Der gerade zitierte leitet „Die Kälte draussen“ ein und ist meines Erachtens der gelungenste erste Satz, der in diesem Band versammelten zwölf Geschichten.
„Die Kälte draussen“ handelt von Bill, der mit einem Tanklastwagen Melasse an die Bauern liefert, wohl seine letzten Weihnachten vor sich hat und, auch wenn verheiratet und Vater einer in Kanada verheiraten Tochter ist, ein Einzelgänger ist. Der nahe Tod macht ihn sensibler für den Alltag, was John Burnside sehr eindrücklich beschreibt. Obwohl er eigentlich keine Tramper mitnimmt, lädt Bill eine verletzte Person ein, die er zuerst für eine Frau hält, die sich jedoch als Mann entpuppt, einzusteigen. „Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, verstand ihn aber dennoch. Was er meinte, war, dass er nicht anders konnte.“ Eine perfekte Geschichte darüber, dass jeder für sich alleine lebt. Bill gehört zu denen, die sich darüber nicht beklagen, sondern es einfach konstatieren.
Die zweite Geschichte „So etwas wie Glück“ handelt von der jungen Bankpraktikantin Fiona, deren Schwester mit dem aufbrausenden, gewalttätigen Stan liiert ist, der seinen Bruder wegen eines Pullovers halb zu Tode schlägt und deswegen im Gefängnis landet. Warum diese düstere Geschichte voller Vorahnungen diesen Titel trägt, hat sich mir nicht erschlossen, doch sie zeichnet sich aus durch ganz wunderbare Stimmungsbeschreibungen. „Die Kunden kamen mit Mänteln und Handschuhen in die Bank, schüttelten sich an der Tür die Flocken von den Schultern und aus dem Haar, lächelnd, gut gelaunt dank dieses strahlenden Tages. Man konnte das Kind in jedem Gesicht erkennen, ein begrabenes Leben, das wieder auferstand, etwas Helles um Mund und Augen, eine kindliche Lieblichkeit, die in ausgetrocknete Stimmen zurückkehrte.“
Wobei: Vom Glück ist in diesem Band natürlich auch die Rede. Hier nur zwei Hinweise. Einmal das wunderbare Bonmot Le bonheur est une fleur qu’il ne faut pas cueillir. Und dann das hilfreiche Geständnis, „es hat nämlich lächerlich lang gedauert, bis ich begriff, dass das Glück etwas viel Einfacheres ist, als ich anfangs glaubte.“
„Fügung“, die dritte Geschichte, spielt am Ende der Kindheit („Wir wollten die Welt – und wir bekamen eine sterbende Bergarbeiterstadt, in der sich nichts ändert ausser dem Wetter.“): Ein Bub, ein Aussenseiter (seine eigene Gesellschaft ist ihm am liebsten), beobachtet seine Umwelt und speziell ein Paar, das keins sein durfte und sich deshalb heimlich traf. Vor allem faszinierend fand ich die Gedanken, die sich der Bub, der wie alle aufgeweckten Buben voller Fragen ist, so macht. „Es heisst, man hat Glück, wenn man sich kaum erinnert. So lebt man vor allem in der Gegenwart. Erinnerungen verwirren nur, da einem die Vergangenheit stets schöner erscheint und man darunter leidet, dass man sie nicht zurückholen kann.“ Oder: „Vor einigen Jahren hatte ich was mit einer Frau, die angeblich ein fotografisches Gedächtnis besass, und da habe ich mich gefragt, wie das ist: Bleiben die Erinnerungen reglos und starr, unveränderlich wie Schnappschüsse im Familienalbum? Sie sagte, sie könne es nicht beschreiben. Mir jedenfalls nicht.“ Wunderbar! Wie auch John Burnsides Überlegungen zum Schicksal, dem wir ziemlich egal sind und das nach sehr eigenen, überaus rätselhaften Gesetzen unterwegs ist.
Von den Sehnsüchten eines 14Jährigen, schreibt er. Und von Beziehungen, die mit So etwas wie Glück so ziemlich gar nichts zu tun haben. Eine Frau, die sich vor ihrem ständig vor Wut explodierenden (wegen nichts und wieder nichts) Mann fürchtet. Seine gewalttätige Natur und ihre Angst sind fast mit Händen zu greifen. Und von einem Polizisten, der einen Mann, der im Schnee unterwegs ist, nach Hause bringt. „Und obwohl ich derjenige bin, der sie noch alle beieinander hat, komme ich mir wie ein Trottel vor, wenn ich mit ihm rede.“
John Burnsides Geschichten bleiben einem im Gedächtnis haften. Weil da ein nachdenklicher und sensibler Mann davon erzählt, dass diejenigen, die nicht ins gängige Schema passen, womöglich Zugang zu einer Welt haben, die den sogenannten Normalos verschlossen bleibt. Und weil er eindrücklich davon zu berichten versteht, wie ein einzelner Moment eine lebensbestimmende Macht erlangen kann. Besonders gut gelingt ihm überdies, die Unbeholfenheit der Jungs gegenüber den Mädels darzustellen. Wunderbar auch, wie er die Pfuhlschnepfen beobachtet. „Man sah ihnen an, dass sie unablässig auf Gefahren achteten, trotzdem taten sie, als gehörte ihnen die Welt, stelzten über den Strand, die Flügel auf dem Rücken gefaltet, von sich eingenommen wie altmodische Bankiers, die ihren Verdauungsspaziergang machen.“
Fazit: Berührende Geschichten, die starke Bilder (und das meint: intensive Gefühle) zurücklassen.
John Burnside
So etwas wie Glück
Geschichten über die Liebe
Penguin Verlag, München 2022