Joseph Conrad (1857-1924) war lange Jahre Kapitän und begann erst spät zu schreiben. Dass seine Zeit auf See seine Wahrnehmung geprägt hat, zeigt sich auch in seinem Schreiben. Besonders beeindruckend sind seine Schilderungen des Wetters, das für Seefahrer bekanntlich zentral ist.
Nostromo spielt im späten 19. Jahrhundert in der fiktiven südamerikanischen Republik Costaguana. Eine Eisenbahnlinie soll erstellt werden, die Grundbesitzer der Hafenstadt Sulaco haben Vorbehalte, doch der Eisenbahn-Financier Sir John erhält Unterstützung von den Goulds. Ich fühle mich in die Welt der Grossgrundbesitzer einer Isabel Allende und eines Garcia Marquez versetzt. Nicht etwa, dass ich Vergleiche anstellen würde, das mögen Befugtere tun (oder auch nicht), ich beziehe mich alleine auf die Bilder, die sich in meinem Kopf einstellen. Was Autoren beabsichtigen, liegt ausserhalb meines Interesses; mich beschäftigt allein, was ein Text bei mir auslöst.
Ich bleibe an Sätzen hängen. „Sie war in der Kunst des Umgangs mit Menschen überaus versiert, die aus feinen Abstufungen von Selbstvergessenheit und der Andeutung umfassender Empathie besteht.“ Mrs. Gould wird so geschildert, deren Mann Charles eine Silbermine ergatterte, mit Hilfe von Männern, die Kapital besassen und die er zu mobilisieren wusste. Die Zeiten sind friedlich. Immer mehr Silber wird gewonnen, immer bedeutender wird die Mine.
Nostromo lässt mich in Südamerika eintauchen. Cartagena soll Sulaco Pate gestanden haben; Kolumbien der Republik Costaguana. Die Bilder, die sich in meinen eigenen Kopf einstellen, sind argentinische, vielleicht auch, weil ich einst in Mendoza Goldminensucher in Englisch unterrichtete.
Es kommt zu politischen Unruhen. Der recht überhebliche Schriftsteller und Journalist Martin Decoud, ein gebürtiger Franzose, stellt sich in den Dienst der Regierung. Er will einerseits die stolze und gebildete Antonia Avellanos beeindrucken, doch erlebt eben auch dies: „Gegen seinen Willen war er bewegt von der Leidenschaft und dem Kummer, die auf der verfeinerten Bühne europäischer Politik unbekannt waren.“ Engländer hält er übrigens für Menschen, die nicht anders können, „als alle schlichten Gefühle, Wünsche, Leistungen zu idealisieren.“
Auch den in Costaguana geborenen Goulds, Abkömmlinge in dritter Generation von englischen Einwanderer, sind die lokalen Sitten nicht ganz geheuer. „Mrs. Gould verbarg tapfer ihr Unbehagen angesichts dieser Menschen und Ereignisse, die den Konventionen ihres Volkes so fremd waren: ein Unbehagen, das zu tief war, um artikuliert zu werden, sogar ihrem Gemahl gegenüber.“ Sehr schön, wie der Autor auf den Punkt bringt, dass die Realität an fremden Orten selten so ist wie man sie sich vorgestellt hat. „Aus der Distanz der Pariser Boulevards Betrachtungen über Revolutionen anzustellen, war etwas ganz anderes. Hier, an Ort und Stelle, liess sich ihre Tragikomik nicht mir der Bemerkung: „Quelle farce“ abtun.“
Die Aufständischen unter Montero sind stärker als gedacht und rücken stetig vor. Martin Decoud schwebt die Abspaltung der Westprovinz vor; mit Hilfe von Nostromo, glaubt er, müsste dies gelingen. Doch ich will hier nicht den Inhalt rekapitulieren, denn es ist nicht die Geschichte dieses Romans, die es mir angetan hat, sondern, zuallererst, die dichte Erzählweise, die einen gleichsam magischen Sog entwickelt.
Ganz besonders angetan war ich von den Charakteren, die hier geschildert werden. Etwa General Barrios, dessen Gott die Flasche ist. Oder Padre Corbeláns, der keinen Hehl daraus machte, „dass die Politiker von Santa Marta härtere Herzen und einen verderbteren Geist hätten als die Heiden, denen er Gottes Wort gebracht hatte.“Oder Kapitän Mitchell, „von seinem Temperament und der lange ausgeübten Befehlsgewalt autoritär“, und deswegen kein Demokrat.
Meisterhaft ist insbesondere wie der Autor den Matrosen „Nostromo“ (nostro uomo), einen Italiener, auch „Capataz de Cargadores“ genannt, der das Silber der Mine vor Monteros Aufständischen retten und per Boot zu einem vorbeikommenden Dampfer bringen soll, zeichnet. Ein Mann, treu und verlässlich, der von den Privilegierten, für ihre Zwecke eingespannt wird. „Diese vornehmen Leute scheinen nicht einmal genug Verstand zu haben, um zu begreifen, was sie einem da antragen“, sagt er. Robert Menasse charakterisiert ihn in seinem Nachwort so: „Er ist gewalttätig und eitel, gierig nach Anerkennung und Bewunderung, er ist völlig empathielos, kann aber plötzlich sentimental sein, manchmal irrational, dabei im Zweifelsfall pragmatisch und konsequent bis zur äussersten Brutalität, doch immer gilt er als unzweifelhaft treu und verlässlich. Als ‚ganz eindeutig einer jener unbezahlbaren Untergebenen, mit denen man renommieren darf, wenn man über sie verfügt.’“ Die meisten Kaderleute oder sogenannten Spitzenbeamten würden sich in dieser Beschreibung unschwer erkennen können.
Übrigens: Wie in jedem wirklich guten, die Zeiten überdauernden Text, finden sich auch in Nostromo Erkenntnisse von ewiger Wahrheit. „Der Wert eines Satzes liegt in der Person, die ihn ausspricht, denn Mann und Frau können nichts Neues sagen …“. Zudem finden sich in diesem Roman Einsichten, die jedenfalls mir neu waren. So hielt ich bislang Eitelkeit für grundlegend verwerflich (automatisch, ohne gross darüber nachzudenken), werde jedoch belehrt, dass sie ein hilfreicher Antrieb sein kann. „Ohne sie wäre er nichts gewesen. Sie forderte seine Verwegenheit, seinen Fleiss, seine Fantasie (… ) Sie liess ihn unbestechlich und wild erscheinen. Sie machte ihn auch glücklich.“
Nostromo ist ein politischer Roman, der unter anderem aufzeigt, wie sich hinter dem Nationalismus („Costaguana den Costaguaneros“) Profitgier und Brutalität verbergen, dass die Europäer in Lateinamerika sich inmitten Wilder als Vertreter der Zivilisation verstehen, und wie diejenigen, die dem Staat dienen, letztlich an ihrer Loyalität, die immer auch Rückgratlosigkeit ist, zugrunde gehen.
Eindrücklich wird vorgeführt, dass wer auf seinem eigenen Weg beharrt, keinen Platz in der sogenannt guten Gesellschaft erhält. So war etwa der Arzt Dr. Monygham bei den Europäern von Sulaco nicht beliebt. „Es konnte keinen Zweifel an seiner Intelligenz geben, und da er seit über zwanzig Jahren im Lande lebte, konnte man den Pessimismus seiner Ansichten nicht völlig ignorieren.“
Nostromo ist auch ein Roman über Anpassungsdruck und Selbstgefälligkeit, Darüber hinaus eignet er sich zur Schärfung der Wahrnehmung. Dass Reichtum eine Waffe ist, „zweischneidig durch Gier und Elend der Menschheit, getaucht in alle Laster der Masslosigkeit“, hat sich mir zum ersten Mal derart klar erschlossen.
Joseph Conrad ist mit diesem Roman ein Werk von seltener Weltklugheit gelungen; man lernt mehr über die menschliche Seele als in vielen psychologischen Büchern. Etwa: „Zwischen ihnen herrschte eine Intimität des Zwists, auf seine Art ebenso eng wie die Intimität von Eintracht und Zuneigung.“ Oder: „Selbst im skeptischsten Herzen lauert in solchem Augenblick, da die Existenz auf dem Spiel steht, die Sehnsucht, eine genaue Darlegung seiner Gefühle zu hinterlassen, wie ein Licht, in dessen Schein die Tat zu sehen sein soll, wenn die Persönlichkeit dahingegangen ist, dahin, wo kein forschendes Licht je bis zur Wahrheit durchdringen kann, die jeder Tod der Welt entreisst.“
Joseph Conrad
Nostromo
Manesse, München 2024


