Joseph Conrad: Nostromo

Joseph Conrad (1857-1924) war lange Jahre Kapitän und begann erst spät zu schreiben. Dass seine Zeit auf See seine Wahrnehmung geprägt hat, zeigt sich auch in seinem Schreiben. Besonders beeindruckend sind seine Schilderungen des Wetters, das für Seefahrer bekanntlich zentral ist.

Nostromo spielt im späten 19. Jahrhundert in der fiktiven südamerikanischen Republik Costaguana. Eine Eisenbahnlinie soll erstellt werden, die Grundbesitzer der Hafenstadt Sulaco haben Vorbehalte, doch der Eisenbahn-Financier Sir John erhält Unterstützung von den Goulds. Ich fühle mich in die Welt der Grossgrundbesitzer einer Isabel Allende und eines Garcia Marquez versetzt. Nicht etwa, dass ich Vergleiche anstellen würde, das mögen Befugtere tun (oder auch nicht), ich beziehe mich alleine auf die Bilder, die sich in meinem Kopf einstellen. Was Autoren beabsichtigen, liegt ausserhalb meines Interesses; mich beschäftigt allein, was ein Text bei mir auslöst.

Ich bleibe an Sätzen hängen. „Sie war in der Kunst des Umgangs mit Menschen überaus versiert, die aus feinen Abstufungen von Selbstvergessenheit und der Andeutung umfassender Empathie besteht.“ Mrs. Gould wird so geschildert, deren Mann Charles eine Silbermine ergatterte, mit Hilfe von Männern, die Kapital besassen und die er zu mobilisieren wusste. Die Zeiten sind friedlich. Immer mehr Silber wird gewonnen, immer bedeutender wird die Mine.

Nostromo lässt mich in Südamerika eintauchen. Cartagena soll Sulaco Pate gestanden haben; Kolumbien der Republik Costaguana. Die Bilder, die sich in meinen eigenen Kopf einstellen, sind argentinische, vielleicht auch, weil ich einst in Mendoza Goldminensucher in Englisch unterrichtete.

Es kommt zu politischen Unruhen. Der recht überhebliche Schriftsteller und Journalist Martin Decoud, ein gebürtiger Franzose, stellt sich in den Dienst der Regierung. Er will einerseits die stolze und gebildete Antonia Avellanos beeindrucken, doch erlebt eben auch dies: „Gegen seinen Willen war er bewegt von der Leidenschaft und dem Kummer, die auf der verfeinerten Bühne europäischer Politik unbekannt waren.“ Engländer hält er übrigens für Menschen, die nicht anders können, „als alle schlichten Gefühle, Wünsche, Leistungen zu idealisieren.“

Auch den in Costaguana geborenen Goulds, Abkömmlinge in dritter Generation von englischen Einwanderer, sind die lokalen Sitten nicht ganz geheuer. „Mrs. Gould verbarg tapfer ihr Unbehagen angesichts dieser Menschen und Ereignisse, die den Konventionen ihres Volkes so fremd waren: ein Unbehagen, das zu tief war, um artikuliert zu werden, sogar ihrem Gemahl gegenüber.“ Sehr schön, wie der Autor auf den Punkt bringt, dass die Realität an fremden Orten selten so ist wie man sie sich vorgestellt hat. „Aus der Distanz der Pariser Boulevards Betrachtungen über Revolutionen anzustellen, war etwas ganz anderes. Hier, an Ort und Stelle, liess sich ihre Tragikomik nicht mir der Bemerkung: „Quelle farce“ abtun.“

Die Aufständischen unter Montero sind stärker als gedacht und rücken stetig vor. Martin Decoud schwebt die Abspaltung der Westprovinz vor; mit Hilfe von Nostromo, glaubt er, müsste dies gelingen. Doch ich will hier nicht den Inhalt rekapitulieren, denn es ist nicht die Geschichte dieses Romans, die es mir angetan hat, sondern, zuallererst, die dichte Erzählweise, die einen gleichsam magischen Sog entwickelt.

Ganz besonders angetan war ich von den Charakteren, die hier geschildert werden. Etwa General Barrios, dessen Gott die Flasche ist. Oder Padre Corbeláns, der keinen Hehl daraus machte, „dass die Politiker von Santa Marta härtere Herzen und einen verderbteren Geist hätten als die Heiden, denen er Gottes Wort gebracht hatte.“Oder Kapitän Mitchell, „von seinem Temperament und der lange ausgeübten Befehlsgewalt autoritär“, und deswegen kein Demokrat.

Meisterhaft ist insbesondere wie der Autor den Matrosen „Nostromo“ (nostro uomo), einen Italiener, auch „Capataz de Cargadores“ genannt, der das Silber der Mine vor Monteros Aufständischen retten und per Boot zu einem vorbeikommenden Dampfer bringen soll, zeichnet. Ein Mann, treu und verlässlich, der von den Privilegierten, für ihre Zwecke eingespannt wird. „Diese vornehmen Leute scheinen nicht einmal genug Verstand zu haben, um zu begreifen, was sie einem da antragen“, sagt er. Robert Menasse charakterisiert ihn in seinem Nachwort so: „Er ist gewalttätig und eitel, gierig nach Anerkennung und Bewunderung, er ist völlig empathielos, kann aber plötzlich sentimental sein, manchmal irrational, dabei im Zweifelsfall pragmatisch und konsequent bis zur äussersten Brutalität, doch immer gilt er als unzweifelhaft treu und verlässlich. Als ‚ganz eindeutig einer jener unbezahlbaren Untergebenen, mit denen man renommieren darf, wenn man über sie verfügt.’“ Die meisten Kaderleute oder sogenannten Spitzenbeamten würden sich in dieser Beschreibung unschwer erkennen können.

Übrigens: Wie in jedem wirklich guten, die Zeiten überdauernden Text, finden sich auch in Nostromo Erkenntnisse von ewiger Wahrheit. „Der Wert eines Satzes liegt in der Person, die ihn ausspricht, denn Mann und Frau können nichts Neues sagen …“. Zudem finden sich in diesem Roman Einsichten, die jedenfalls mir neu waren. So hielt ich bislang Eitelkeit für grundlegend verwerflich (automatisch, ohne gross darüber nachzudenken), werde jedoch belehrt, dass sie ein hilfreicher Antrieb sein kann. „Ohne sie wäre er nichts gewesen. Sie forderte seine Verwegenheit, seinen Fleiss, seine Fantasie (… ) Sie liess ihn unbestechlich und wild erscheinen. Sie machte ihn auch glücklich.“

Nostromo ist ein politischer Roman, der unter anderem aufzeigt, wie sich hinter dem Nationalismus („Costaguana den Costaguaneros“) Profitgier und Brutalität verbergen, dass die Europäer in Lateinamerika sich inmitten Wilder als Vertreter der Zivilisation verstehen, und wie diejenigen, die dem Staat dienen, letztlich an ihrer Loyalität, die immer auch Rückgratlosigkeit ist, zugrunde gehen.

Eindrücklich wird vorgeführt, dass wer auf seinem eigenen Weg beharrt, keinen Platz in der sogenannt guten Gesellschaft erhält. So war etwa der Arzt Dr. Monygham bei den Europäern von Sulaco nicht beliebt. „Es konnte keinen Zweifel an seiner Intelligenz geben, und da er seit über zwanzig Jahren im Lande lebte, konnte man den Pessimismus seiner Ansichten nicht völlig ignorieren.“

Nostromo ist auch ein Roman über Anpassungsdruck und Selbstgefälligkeit, Darüber hinaus eignet er sich zur Schärfung der Wahrnehmung. Dass Reichtum eine Waffe ist, „zweischneidig durch Gier und Elend der Menschheit, getaucht in alle Laster der Masslosigkeit“, hat sich mir zum ersten Mal derart klar erschlossen.

Joseph Conrad ist mit diesem Roman ein Werk von seltener Weltklugheit gelungen; man lernt mehr über die menschliche Seele als in vielen psychologischen Büchern. Etwa: „Zwischen ihnen herrschte eine Intimität des Zwists, auf seine Art ebenso eng wie die Intimität von Eintracht und Zuneigung.“ Oder: „Selbst im skeptischsten Herzen lauert in solchem Augenblick, da die Existenz auf dem Spiel steht, die Sehnsucht, eine genaue Darlegung seiner Gefühle zu hinterlassen, wie ein Licht, in dessen Schein die Tat zu sehen sein soll, wenn die Persönlichkeit dahingegangen ist, dahin, wo kein forschendes Licht je bis zur Wahrheit durchdringen kann, die jeder Tod der Welt entreisst.“

Joseph Conrad
Nostromo
Manesse, München 2024

Christian Drosten / Georg Mascolo: Alles überstanden?

Christian Drosten, geboren 1972, leitet das Institut für Virologie an der Berliner Charité; Georg Mascolo, geboren 1964, arbeitet als Journalist und hat zusammen mit seiner Frau Katja Gloger mit Ausbruch ein exzellentes Buch über die Pandemie verfasst. Das Wissen, das er sich bei seinen Corona-Recherchen angeeignet hat, trägt er in Alles überstanden? für meinen Geschmack etwas arg penetrant vor.

Auch wenn Alles überstanden? als Gespräch charakterisiert wird, ein lockeres Gespräch ist es nicht, vielmehr handelt es sich um eine Vorführung des geballten Wissens der beiden. Dieses kommt sehr differenziert daher und ist beeindruckend informativ, wobei man sich jedoch fragen kann, wie relevant es ist, dass der schleswig-holsteinische Ministerpräsident es „total zum Kotzen“ fand, dass vieles aus Beratungen in Echtzeit nach draussen getragen wurde oder dass Georg Mascolo im Januar 2021 von Angela Merkels arg simpler Erkenntnis „Wir sind fertig, jeder“ beeindruckt war.

Das Personalisieren ist eine Journalisten-Krankheit. Man findet davon viel in diesem Werk (Drosten wehrt sich dagegen), das einen mit dem Gefühl zurücklässt, es sei für die Geschichtsbücher verfasst worden. Die Details, die hier abgehandelt werden, müssten jeden Buchhalter erbleichen lassen. Befremdet hat mich überdies das meines Erachtens völlig unrealistische Journalismus-Verständnis von Georg Mascolo: „Sich der eigenen Erfahrungen und Einstellungen bewusst zu sein und dann zu versuchen, diese auszublenden, gehört zum professionellen Journalismus.“ Sinnvoller wäre, wenn Journalisten ihre Voreingenommenheiten (von denen leider viele wenig Ahnung haben) kenntlich machen würden …

Alles überstanden? ist in vier grössere Themenblöcke unterteilt. Die Pandemie und die Politik; Die Pandemie und die Wissenschaft; Die Pandemie und die Medien; Der Streit über die Herkunft des Coronavirus und schliesst mit „Wie verhindern wir die nächste Pandemie – Aufarbeitung und Vorbeugung“. Dabei ist auch überaus aufschlussreich wie unterschiedlich der Journalist und der Wissenschaftler ticken, insbesondere im Unterkapitel „Über den Tellerrand“.

Zugegeben, die Pandemie kommt mir häufig eigenartig weit weg vor. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit diesem Buch, das einem schon Fast-Vergessenes in Erinnerung ruft. Etwa, wie Christian Drosten sagt, „dass man öffentlich nicht explizit über die niedrige Impfquote bei Menschen mit Migrationshintergrund sprechen konnte.“ Klarer als Georg Mascolo kann man es kaum sagen: „Und wenn man nicht sagt, was ist, dann tut man oft auch nicht, was getan werden muss.“ Dass er dann allerdings fordert, man hätte mehr und besser werben und überzeugen müssen, drängt sich hingegen ganz und gar nicht auf, denn gegen tief verwurzelte und zumeist aus Angst geborene Meinungen hilft dieser Ansatz, der auf Einsicht baut, wenig.

Christian Drosten, der zunächst auf die Freiwilligkeit von Verhaltensänderungen hoffte, wurde von der Politik eines Besseren belehrt: „Wenn die Eingriffe durch die Politik nicht stattgefunden hätten, hätten wir in Deutschland wohl eine Katastrophe erlebt.“ Dass ohne Zwang wenig geht, finde ich selbstverständlich. Wäre es anders, bräuchte es keine Polizei. Doch ebenso gilt: Auf das Denken und Handeln der meisten Menschen hat die Politik kaum Einfluss.

Alles überstanden? verzichtet auf Anschuldigungen und Vorwürfe. Professor Drosten: „Meine Botschaft war: Das ist eine Naturkatastrophe. Niemand ist daran schuld, man kann dagegen gar nicht gut aufgestellt sein. Bei einem exponentiellen Wachstum einer Krankheit macht es doch keinen entscheidenden Unterschied, ob man 3000 oder 5000 Intensivbetten hat. Diese Differenz ist schon bei einer Verdoppelung der Krankheitsfälle überschritten, und die Verdoppelungszeit beträgt vielleicht eine Woche.“

Noch einmal Christian Drosten: „Wenn wir irgendeinen Lerneffekt aus der Pandemie mitnehmen wollen, müssen wir zunächst einmal damit aufhören, die vorliegende Evidenz zu relativieren oder schlichtweg zu ignorieren.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Nur wäre das falsch gedacht, denn der Mensch ist bei weitem nicht so zivilisiert wie er glaubt. Dazu kommt, dass der Selbstbetrug zu seinen grössten Talenten gehört.

Allerdings scheint für den Wissenschaftler Drosten die Evidenz fast eine heilige Kuh. Was manchmal problematisch ist. So weist Mascolo etwa in der Frage des Maskentragens darauf hin, dass sich in Zeiten der Seuche etwas schützend vor den Mund zu halten seit alters her als probates Mittel gegolten hat. Darauf zu warten, dass die Wissenschaft mit einschlägiger Evidenz aufwarten konnte, gab in diesem Falle der Wissenschaft eine Bedeutung, die sie definitiv nicht haben sollte.

Besonders aufschlussreich liest sich das Kapitel „Die Pandemie und die Medien“, in dem Christian Dorsten unter anderem deutlich macht, was die Medien (einige, wie Georg Mascolo zu betonen nicht müde wird) im Leben von Betroffenen anzurichten vermögen. Am interessantesten ist dieses Buch, wenn es – wie in diesem Kapitel – persönlich wird. Nicht zuletzt, weil man da auch viel über das Funktionieren der Medien erfährt, die weit weniger der Sache verpflichtet sind als dem Generieren von Aufmerksamkeit sowie dem Geldverdienen. So ist das eben im Kapitalismus, dessen Mechanismen viel erklären, und mir hier zu kurz kommen. In den Worten von Christian Drosten: „Es ist doch so: „Jemand, der immer kontrovers argumentiert und viel Gegenrede provoziert, ist ein interessanterer Talkshowgast oder Interviewpartner als jemand, der rein sachlich argumentiert.“

Alles überstanden? ist geprägt von der Vorstellung, dass, wenn wir angemessen informiert sind, wir das Richtige tun werden. Ich sehe das nicht so, halte den Verstand für ein wenig taugliches Mittel, um die Realität zu akzeptieren, schliesslich weiss ich aus Erfahrung, dass mein eigener Verstand mich oft täuscht. Andererseits: Keine Frage, Wissen kann helfen. Und die nüchterne Analyse ebenso. Beides liefert dieses Buch zuhauf. Zudem finden sich darin auch ganz viele Perlen. Unter anderen diese (von Christian Drosten): „Was oft übersehen wird, sind die vielen Expertinnen und Experten, die sich nicht an Mediendebatten beteiligen.“ Oder diese (von Georg Mascolo).: „Die Menschheit hat ziemlich perfekte Voraussetzungen für das Entstehen neuartiger Krankheiten geschaffen.“

Fazit: Engagierte, detailreiche und überaus nützliche Aufklärung.

Christian Drosten / Georg Mascolo
Alles überstanden?
Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird
Ullstein Verlag, Berlin 2024

Ulises A. Mejias / Nick Couldry: Datenraub

Kolonialismus ist nichts anderes als Landraub. In den Worten der beiden Autoren Ulises A. Mejias und Nick Couldry. „So sehr Kolonialismus zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Methoden vorging, sein Zeil war stets dasselbe: die Aneignung von Land durch Gewalt und Betrug, um sich die Kontrolle über dessen Reichtümer und Arbeitskräfte zu sichern.“ Nachdem dies also geklärt wäre, kann man sich füglich fragen, was denn unsere Daten damit zu tun haben könnten, die wir zum Teil freiwillig, zum Teil gezwungenermassen (das Kleingedruckte) den grossen Konzernen überlassen? Gar nichts. Die Autoren glauben eine theoretische Nische (in der akademischen Welt herrscht wie anderswo Wettbewerb und Eitelkeit) bzw. ein Verkaufsargument entdeckt zu haben, die sie dann auch zu begründen wissen. Doch natürlich ist auch ihnen klar, dass die Analogie nicht wirklich gegeben ist. „Es mag daher seltsam erscheinen, den Raum immaterieller Daten mit dem materiellen Landraub von früher zu verglichen. Schliesslich können Daten endlos kopiert und immer wieder verwendet werden …“.

Ulises A. Mejias und Nick Couldry, beide Universitätsprofessoren, wissen natürlich um die Problematik von Begriffen (was tun Akademiker eigentlich anderes, als Begriffe zu klären?) und so betonen sie denn auch, dass sie zeigen wollen, „dass durch die Beziehungen zu digitalen Plattformen, die wir eingehen, tatsächlich eine neue und erweiterte koloniale Ordnung errichtet wird. Diese neue koloniale Ordnung, die auf der Extraktion von Daten beruht, wird langfristig fast alle Menschen der Möglichkeit berauben, die Urteile zu kontrollieren, die über die gefällt werden, und sie wird dies auf der Grundlage von Daten tun, die man sich über ihr Leben beschafft hat …“.

Trotzdem: Ich finde den Begriff Kolonialismus, der recht eindeutig konnotiert ist, für den gegenwärtigen Datenimperialismus an den Haaren herbeigezogen, Die Phänomene indessen, die die beiden Autoren anführen, haben durchaus Parallelen mit der kolonialistischen Ordnung, die sich wesentlich durch Ungleichheiten auszeichnete. Dass diese grösser werden, dürfte bekannt sein – und wird eigenartigerweise von den meisten, so scheint es zumindest, als eine Art Naturgesetz wahrgenommen.

Warum wehren wir uns nicht? „Ein Hauptgrund dafür ist, dass wir mit Narrativen gefüttert werden, die die Realität verschleiern. Zu diesen Narrativen gehört die Wiederholung der kolonialistischen Mär, dass Ressourcen billig sind.“ Zugegeben, das ist recht plausibel, verkennt jedoch, dass der Mensch seit jeher auf der Flucht vor der Realität gewesen ist.

Was Datenraub eindrücklich darlegt: Wie Big Tech und digitale Plattformen vergessen machen, dass es einmal ganz andere Möglichkeiten des sozialen Lebens gab. Mit anderen Worten: Um am sozialen Leben teilzuhaben, sehen wir uns zunehmend gezwungen, Apps zu installieren, mittels derer dann wiederum unsere Daten gesammelt werden.

„Es ist inzwischen nicht mehr zu übersehen, dass Datensysteme jeglicher Art Stereotype und institutionalisierte Diskriminierung verstärken.“ Verwunderlich ist das nicht, denn diese Systeme werden ja schliesslich von Menschen gefüttert, die sich eher selten an der Gerechtigkeit ausrichten.

Die Auseinandersetzung mit Big Tech ist mehr als nur notwendig, sie ist dringend. Nicht zuletzt deshalb, weil wir nicht wirklich wahrzunehmen scheinen, dass wir immer abhängiger werden von der digitalisierten Welt, die ja auf Strom angewiesen ist, von dem wir eigenartigerweise annehmen, er werde immer unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Fast ein Drittel von Datenraub ist den Möglichkeiten des Widerstands gewidmet. Damit sich Widerstand formieren kann, muss zuallererst erkannt werden, wie die Dinge wirklich sind. „Die Kräfte hinter dem Datenkolonialismus wollen eine Welt, in der sie bestimmen können, wie wir uns zueinander verhalten, sie wollen uns auf allen Ebenen des Lebens ihre Bedingungen aufzwingen. Aber so muss es nicht sein.“ Ulises A. Mejias und Nick Couldry liefern zahlreiche praktische Hinweise, wie man sich wehren kann, auf dass es nicht noch weit schlimmer kommt als es bereits schon ist.

Ulises A. Mejias / Nick Couldry
Datenraub
Der neue Kolonialismus von Big Tech und wie wir uns dagegen wehren können
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Axel Bojanowski: Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Der Untertitel (Der Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft) bringt schön auf den Punkt, wovon dieses Buch handelt – wobei auch deutlich gemacht wird, dass auch unter Wissenschaftlern nicht immer Einigkeit herrscht. Es ist so recht eigentlich das Kernmerkmal von Wissenschaft, dass sie eine Momentaufnahme liefert. Der Haupttitel ist leider dem Marketing geschuldet und hat mit dem Buch – das ist so beim Marketing – so ziemlich gar nichts zu tun, nicht zuletzt, weil Fragen entschieden weniger interessieren als Antworten.

Autor Bojanowski “diplomierte“ (das Wort kannte ich gar nicht) an der Universität Kiel über Klimaforschung und kommt in diesem Werk als sachkundig rüber, wobei ich das nicht wirklich beurteilen kann, denn die meisten Forschungsfelder sind echt schwer zu durchschauen, nicht nur für Aussenstehende, auch für sogenannte Insider. Wie auch immer: Der Autor arbeitet seit 1997 als Wissenschaftsjournalist und bemüht sich um faktenbasiertes Denken, und das kann man von vielen, die sich zum Klima äussern, nicht behaupten.

Dass Bojanowski Journalist ist, zeigt sich nicht nur darin, dass er verständlich und nachvollziehbar schreibt, sondern auch darin, dass er mit Storytelling operiert, allerdings mit nachprüfbarem, und nicht wie der aufgeflogene Spiegel-Fabulierer Claas Relotius, vor dessen 2018 erschienener Titelgeschichte „Nass“ Bojanowski wenig erfolgreich gewarnt hatte. Das Beispiel ist deswegen wichtig, weil es so recht eigentlich für vieles steht, das dieses Buch kritisch beleuchtet: Wer sich einmal entschieden hat, etwas faszinierend und spannend zu finden (etwa Relotius‘ Reportagen), wird selten seine Meinung ändern. Confirmation bias, nennt sich das.

Mir sagt dieses Buch zu, weil es ganz in meinem Sinne argumentiert, sich also an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientiert, die er als „beste Erkenntnisressource und als die erfolgreichste Methode“ bezeichnet, „um herauszufinden, wie die Welt funktioniert.“ Auch das ist natürlich ein confirmation bias, wenn auch ein überprüfbarer. Nur eben: So einfach ist es nicht, denn der Mensch ist nun einmal wie er ist. Und das meint: Er ist viel ideologischer bzw. voreingenommener unterwegs als es ihm (zumeist) bewusst ist. Auch ist er viel egozentrischer als es ihm und allen anderen gut tut. Es ist die Natur, die uns zeigt, wo es langgeht; es ist die Kultur, die glaubt, es besser zu wissen.

Es spricht viel für die journalistische Herangehensweise, derer sich Axel Bojanowski bedient, denn es sind zumeist die Geschichten anekdotischer Natur, die mir (und vermutlich auch anderen) bleiben. Im Kapitel „Umweltschutz als Statuskampf: Alte Reiche gegen neue Reiche“ erfahre ich etwa vom Besuch von Prinz Charles bei einem UN-Klimagipfel in Dubai. Angereist ist er in einem Privatflugzeug; vor der globalen Erwärmung wird alsdann in klimatisierten Gebäuden gewarnt, wo die Reichen und Eitlen unter sich sind. Natürlich ist jedem klar, dass sich wegen solcher Konferenzen nichts ändern wird. Im Kapitel „UN-Umweltkonferenz: Neue Bühne für Rivalen“ wird es auf den Punkt gebracht: „Warnungen verknüpfen die UN-Oberen stets mit einer Lösung: weiteren Konferenzen.“

Guter Journalismus – und dabei handelt es sich bei diesem Buch – darf auch rätselhaft und spannend sein. Dazu gehört etwa das mysteriöse Verschwinden des russischen Klimaforschers Wladmir Alexandrow im spanischen Cordoba, am 31. März 1985. Alexandrow hatte die möglichen Klimafolgen eines Atomkriegs berechnet.

Kein Zweifel, das Thema Klima ist komplex. Der bis heute wunde Punkt der Klimaforschung ist offenbar, dass ungemein schwierig zu bestimmen ist, was für Folgen die Erderwärmung für Umwelt und Gesellschaft haben wird. Nun gut, das ist eben so bei Zukunftsvorhersagen. Was den Menschen jedoch nicht hindert, sich an dem auszurichten, wonach er vor allem bedarf: Sicherheit und Stabilität. Sehr schön bringt das die Kapitelüberschrift „Autorität der Klimamodelle: Verheissung von Kontrolle“ auf den Punkt.

Axel Bojanowski weist unter anderem darauf hin, dass es gemäss aktuellem Wissensstand durchaus Vorgehensweisen gäbe, um eine CO2-neutrale Stromversorgung zu ermöglichen, mittels Kernkraft und Fracking beispielsweise, doch das sind für Umweltaktivisten absolute No-Go-Areas. Zu fragen wäre: Geht es diesen eigentlich um das Klima oder um die Bewirtschaftung des Klimaproblems, also ihrer Daseinsberechtigung? Zu vermuten ist – das gilt eigentlich für alle gesellschaftlichen Problembereiche – , dass das Eigeninteresse zuerst kommt.

Fazit: Gut geschrieben, vielfältig informativ und überaus nützlich.

Axel Bojanowski
Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten
Der Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2024

Sadie Jones: Aufs Land

Amy und Lan (Lachlan) wachsen auf dem Land auf, verhalten sich so risikoreich wie Kinder sich eben verhalten, und man wundert sich, dass sie so unbeschadet durch ihre Kindheit kommen, wie sie es tun. Doch so denken Erwachsene, Kinder denken anders – und dies führt Sadie Jones sehr gekonnt vor.

Aufs Land ist aus der Perspektive der beiden Kleinen geschildert. „Die Erwachsenen holen das Gartensofa, und alle lungern rum und reden und sind langweilig.“ Das liest sich sehr lustig, entwirft aber nicht nur ein überaus treffendes Bild der Erwachsenen („Jim war beim Militär, bevor er Anwalt geworden ist, und danach Schreiner, und das ist laut ihm der Grund, warum er so gut aufräumen kann und Konflikte jeder Art hasst. Um einen Konflikt zu vermeiden, würde er alles tun – meist draussen rumlaufen, aber manchmal auch nicht antworten oder lachen, was Gail nur noch mehr aufregt.“), sondern auch der Kinder, die schon früh Verhaltensweisen zeigen, die sie zumeist auch als Erwachsenen beibehalten. „Bills Schwester Lulu ist so dämlich, dass sie einfach über alles lacht, was Bill anstellt, ausser es tut ihr weh, dann kreischt sie wie am Spiess. Er ist ein total nerviges Kind. Das sind sie beide.“

Doch Amy und Lan müssen sich nicht nur ihrer wohlmeinenden Eltern erwehren (Kinder haben ein feines Gespür für Lügen; zudem verstehen sie sich darauf, bei sogenannt ernsten Themen ihren Eltern jeweils das zu sagen, was diese hören wollen. Dass Kinder die Eltern beruhigen, scheint weitaus häufiger als umgekehrt.), sie müssen sich auch um die Tiere auf dem Hof kümmern, neben Ziegen und Truthühnern gehört auch ein Kalb namens Gabriella Weihnacht dazu.

Kinder und Narren dürfen bekanntlich die Wahrheit sagen. Etwa, dass „Geld Erwachsene immer böse macht, jeder hasst es.“ Oder: „Die Erwachsenen fragen immer, wie es in der Schule war, aber es gibt nichts zu erzählen. Wir wissen es nicht. Kaum sind wir zuhause, haben wir es vergessen.“ Oder: „Alle behaupten immer, ehrlich währt am längsten. Das ist die grösste Erwachsenenlüge von allen. Die Wahrheit ist böse. Ich hasse sie.“

Die Erwachsenen leiden an den üblichen Beziehungsproblemen für die das Auf-dem-Land-Leben offenbar auch nicht die Lösung ist, denn nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob man Fleisch essen darf/soll, nicht nur in der Stadt. So konstatiert Amy: „Jedes Mal, wenn die Ziegen weggebracht werden schwören ich und Lan uns, sie nie und nimmer zu essen, aber dann vergessen wir es wieder. Und wenn sie erst im Shepherd’s Pie oder sonst irgendwo drin sind, kommt es einem gar nicht mehr vor wie diese eine Ziege, die früher auf dem Feld herumgesprungen ist.“

Anhand der noch ungeformten Wahrnehmung von Kindern lässt sich unsere Welt (in diesem Falle von Städtern, die aufs Land ziehen) wunderbar erhellend schildern. Deutlich wird dabei auch, wie eigenartig Erwachsene unterwegs sind. Dass sie sich angesichts ihrer Vorstellungen und ihres Verhaltens über Gebühr ernst nehmen, gehört zu den Rätseln der menschlichen Existenz, die besser dargestellt als analysiert gehört – und genau dies leistet dieser Roman.

Kinder können, was Erwachsene verlernt haben – unbefangen betrachten. Dass man wieder zum Kind werden müsse, um die Welt möglichst unvoreingenommen zu erfahren, wie gescheite Denker sagen, ist so recht eigentlich naheliegend. Doch eben auch schwierig, weil wir das uns einmal mühsam Angeeignete nicht so leicht wieder hergeben.

Fazit: Anrührend, witzig und lebensnah.

Sadie Jones
Aufs Land
Roman
Penguin Verlag, München 2024

Lavie Tidhar: Maror

Maror erzählt von den Erfahrungen zweier nicht gerade einfühlsamer israelischer Polizisten zwischen 1974 und 2008. Dieser Thriller schildert ein Israel, das in den Massenmedien, die tendenziell darauf ausgerichtet sind, uns die Welt verständlich zu machen (und das meint: zu vereinfachen), so nicht vorkommt. Schliesslich gibt es so viele Israel wie es Israelis gibt – was natürlich für jedes andere Land auch gilt – und davon vermittelt der Autor eine gute Vorstellung: Drogen, Prostitution, Waffenhandel, Gewalt, Rechthaberei und derart viele Voreingenommenheiten, dass es jeder halbwegs sensiblen Seele schwindelig werden wird. Besser also, sich am Buch der Prediger orientieren, das immer mal wieder zitiert wird.

Der erste Eindruck: Das ist das bunte, farbige, chaotische Leben, da passiert was, man glaubt sich vor Ort in Israel zu fühlen. Das Atmosphärische dieses Thrillers packt mich,. „Draussen vor dem Haus herrschte Mittagshitze, drinnen hätte es auch jede andere Zeit sein können.“ Und dann die fast beiläufig eingestreuten Lebensweisheiten. „Die Polizei war wie Regen, hiess es, hin und wieder wurde man nass, aber der Ernte konnte das nichts anhaben.“ Und vor allem: „Sie waren einfach da, es war ein perfekter Sommertag, und sie hatten ihn ganz für sich.“

Chief Inspector Cohen, der gern die Bibel zitiert („’Die Rache ist mein‘, sagt der Herr. Fünftes Buch Mose 32:35“), will Detective Avi Sagi in seinem Team haben. „’Und wenn ihr uns beleidigt‘, sagte Cohen leise, ’sollen wir uns nicht rächen?‘ ‚Zweites Buch Mose?‘, riet Avi. ‚Kaufmann von Venedig‘, erwiderte Cohen. ‚Shakespeare‘. ‚Ah‘.“ Unwiderstehlich, diese Art von Witz.

Eine Autobombe in einer Seitenstrasse von Tel Aviv galt einem einflussreichen Mann, der leicht verletzt davonkommt, tötet aber vorbeigehende Kinder. Cohen beauftragt Avi, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Er sagt nicht wie, Avi weiss, was er zu tun hat. Er handelt gemäss seinem eigenen Gesetz. Erst im Nachhinein geht ihm auf, dass Cohen ihn für seine eigenen Zwecke benutzt.

Wer wissen will, wie es auf der Welt zu und her geht, sollte Thriller lesen. Thriller wie Maror, der einen mehr über die Welt lehrt, als sich sogenannte Politik-Experten oder Historiker, die sich an dem orientieren, was ihrer Meinung nach Sinn macht, vorstellen können. Autor Lavie Tidhar lehrt uns unter anderem, dass Beweise für einen Mord zu haben, völlig irrelevant ist (da eh jeder weiss, wer Schuld hat), dass Waffen an alle, die Geld haben, geliefert werden (inklusive Terroristen), und dass Verbrechen nicht schwierig sind, da die meisten Verbrecher nicht sehr schlau sind.

Thriller geniessen auch das Privileg, Dinge zu benennen, die denen, die politisch korrekt unterwegs sind oder glauben, es sein zu müssen, verwehrt sind. So wird etwa ein höherer Polizeibeamter in Tel Aviv mit den Worten zitiert. „Ich bin Araber, deshalb werde ich sowieso niemals Commissioner, und das heisst, ich kann mir irgendeinen Mist erlauben, den sich Juden nicht erlauben können. Ich kann mich zum Beispiel darauf konzentrieren, tatsächlich Verbrechen aufzuklären.“

Zum Faszinierendsten an diesem Werk, das auch im Libanon, den USA und Kolumbien spielt (entgegen offiziellen Verlautbarungen sind israelische Söldner/Ausbilder weltweit im Einsatz), gehört die Schilderung des bunten israelischen Nebeneinander, des sogenannt Widersprüchlichen, der nicht wirklich fassbaren, jedoch erlebbaren Realität. „Es war heiss und still. In der Nähe rauchte jemand einen Joint und der Geruch lag schwer in der Luft. Mädchen im Bikini-Oberteil zogen lachend an Avi vorbei zum Strand. Eine arabische Familie, die Frau mit Kopftuch schob einen Buggy, der Mann telefonierte und rauchte. Zwei junge orthodoxe Jungen mit breitem Pelzrand an den Hüten diskutierten angeregt im Regen. Ein Bodybuilder mit nichts als einer Shorts bekleidet schlenderte vorbei, seine Brust glänzte vom Öl, Angler liessen Schnüre über die Mauer ins Wasser hängen. Avi schluckte noch eine Pille trocken runter.“

Von Recht und Gerechtigkeit handelt Maror nicht, sondern vom Überleben – und dazu ist jedes Mittel recht. Jüdische und arabische Gangs bekriegen sich, und auch untereinander gehen sich Juden wie auch Araber an die Gurgel. Homo homini lupus (Der Mensch ist des Menschen Wolf) regiert die Welt, auch wenn die Menschen es vorziehen, sich hinter sogenannt legitimen Interessen wie Gerechtigkeit und Patriotismus zu verstecken.

Dazu kommt, dass es wie in jedem guten Thriller auch in Maror Sätze gibt, die nicht nur ganz wunderbare Bonmots sind, sondern sich auch dazu eignen, die Welt realistischer zu sehen. Etwa: „Cohen, der ständig die Bibel zitierte, wie es nur Menschen ohne Glauben je fertigbringen.“ Oder: „Zu viel Massanfertigung und zu wenig Geschmack. Das war Miami auf den Punkt gebracht.“Oder: „Schauspieler machen einen den lieben langen Tag was vor, was ist daran so interessant?“ Oder: „Die meisten Anwälte, denen ich begegnet bin, haben für Kriminelle gearbeitet.“

Nicht zuletzt bietet Maror vielfältige politische Aufklärung. Etwa über die verschiedenen Fraktionen, die sich im Libanon bekriegen. Oder darüber, dass Rabin ein illegales Dollarkonto in den USA hatte. Oder dass mit Begin ein Terrorist zum Ministerpräsidenten wurde. Oder dass der Sechstagekrieg Landraub war. Oder von der Bekaa-Ebene, wo alle Gras anbauen …

Lavie Tidhar, geboren 1976 in Israel, und seit 2013 in London ansässig, bisher vor allem als Science Fiction und Fantasy-Autor hervorgetreten, ist mit Maror ein beeindruckendes Panorama unserer gesellschaftlichen Realität gelungen, die nur wenig damit zu tun hat, wovon uns die Medien und die Politik, die andauernd fordern, man müsse miteinander reden, glauben überzeugen zu müssen. Was wirklich abläuft hat vor allem mit Neid, Gier, Hass und Rache zu tun. Zudem lernt man, dass die sogenannten Gesetzeshüter sich so wenig ans Gesetz halten wie die Gesetzesbrecher.

Wer sich auf das Gerangel um Macht und Einfluss einlässt, macht keinen Unterschied zwischen legal und illegal, orientiert sich alleine daran, was ihm zum Vorteil gereicht. Selten habe ich das eindrücklicher geschildert gekriegt als in diesem spannenden und erhellenden Thriller.

Fazit: Packend, aufklärend, realistisch und (erfreulich) desillusionierend.

Lavie Tidhar
Maror
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2024

Joseph O’Neill: Godwin

Der charismatische Mark Wolfe („Alle kannten ihn als Wolfe, als wäre er ein Fernsehdetektiv.“), studierter Molekularbiologe, der bei der P4-Group als technischer Redakteur arbeitet, wird von seiner Chefin Lakesha zu einer Aussprache (Kunden hatten sich beschwert) in ein Café gebeten. Er taucht mit seinem Hund auf; seine Hundeerziehungsphilosophie sei, wie er erläuterte, von der benediktinischen Ordensregel inspiriert. „Ein zentraler Punkt dieser Philosophie, sagte er mir, besage, dass Hunde dann am zufriedensten seien, wenn sie keinerlei Zweifel an ihrem untergeordneten Verhältnis zu ihrem Besitzer hätten.“ Mit anderen Worten; Godwin ist ganz vieles – und ausgesprochen witzig.

Mark, ein hoch reflektierter, latent unzufriedener Mann, hat noch Freitage gut, die nimmt er jetzt. Gedanken über die stetig zunehmende Dummheit und das Ende des Menschen auf der Welt gehen ihm durch den Kopf – Godwin ist auch ein philosophischer Roman. Dann erreicht ihn ein Anruf seines Halbbruders Geoff, der seine Hilfe braucht und den er in der Folge in England aufsucht. Wie O’Neill diese Reise schildert, machte mich Tränen lachen, insbesondere Marks Ankunft in London, wo er von einem jungen Weissen abgeholt wird, der sich in einem „englischen Akzent oder Dialekt, den ich nicht verstehe“ äussert und „an jeder Ampel auf die Bremse steigt, als hätte er noch nie ein Rotlicht gesehen.“

Geoff vermittelt Fussballer. Dabei ist er auch auf den jungen Afrikaner Godwin gestossen, einer fussballerischen Ausnahmeerscheinung. Geoff benötigt Marks Hilfe, um nicht ausgetrickst zu werden. Er habe selber auch schon einen Agenten ausgetrickst. „So laufe das nun mal in dieser Branche. Sie mache einen zu einem Menschen, der man eigentlich nicht sein wolle.“ Keine Frage, das beschreibt so recht eigentlich jede Branche.

Mark fährt für Geoff mit dem Zug nach Le Mans, um dort den französischen Fussballvermittler Jean-Luc Lefebvre aufzusuchen. Ihm wird zunehmend klar, dass sein Europa-Aufenthalt immer mehr ausser Kontrolle gerät. Seine Frau rät ihm telefonisch, zurückzufliegen. Er weiss zwar, dass er genau das tun sollte, doch glaubt er, seinem Impuls, die Flucht zu ergreifen, widerstehen zu müssen. „Ich habe in meinem Leben zu oft die Flucht ergriffen. Es hat mir nichts gebracht.“ Meisterhaft, wie Joseph O’Neill nachvollziehbar macht, wie wir unser ständiges Zögern rationalisieren. Es gehört zum Schicksal des Menschen, nicht zu tun, was er weiss, dass er zu tun hat.

Godwin handelt einerseits von Fussball und Spielergrössen wie Eusébio von Benfica Lissabon, modernen Umgangsformen und afrikanischen Fussballsitten, sowie andererseits von den Machtkämpfen bei der P4-Group, wo eine Frau namens Edil, deren Charakter es nicht zulässt, dass sie nicht im Mittelpunkt steht, die Atmosphäre vergiftet.

Dann taucht plötzlich Jean-Luc Lefebvre bei Mark in Pittsburgh auf – mit überraschenden Fakten. Dieser aussergewöhnlich begabte Geschichtenerzähler verbreitet sich nicht nur engagiert und ausführlich über die verschiedenen Aspekte des Fussballs, sondern auch über ganz vieles, überaus Instruktives aus Afrika (es ist dies auch die bei weitem nützlichste Afrika-Aufklärung, die ich kenne), Amerika und Europa zum besten gibt. „Theoretisch sah man Algerien und sah den Niger – aber in Wirklichkeit? Ein Gebiet ohne Menschen, ohne Strassen, ohne Wasser, ohne eine Vergangenheit oder Zukunft – konnte man ein solches Gebiet als Staat bezeichnen? Konnte der Mars ein Staat sein?“

Godwin ist ein überaus cleveres, spannend zu lesendes Porträt unserer Zeit, voller schlauer Einsichten, etwa zur Eitelkeit („Eitelkeit verweist auf Leere …“), Reflexionen über das „Drama der Kontaktierbarkeit“, über den Unterschied von Mensch und Tier („Es ist die Fähigkeit zur Böswilligkeit, die den Menschen vom Tier scheidet.“) sowie Erkenntnissen fundamentaler Natur. „Das menschliche Leben, erzählt er uns, bestehe nicht nur aus untadeligem Verhalten, Verhalten, das erwartet werde. Die grossen Preise fielen nicht denen zu, die sich gemäss den Erwartungen verhielten.“

Praktisch auf jeder Seite gewinnt man nützliche Einsichten („Die Idee ist gut“, sagte ich. „Aber Ideen werden überbewertet. Du hast die Arbeit gemacht.“), die davon zeugen, dass da ein Autor am Werk ist, der zu denken versteht, und deshalb zu Schlüssen kommt, die von praktischer Relevanz sind. „Annie hatte begriffen, dass die Einzelheiten fast nie das eigentliche Problem sind. Das Problem ist vielmehr eine bestimmte Persönlichkeit – der unausgeglichene Mensch, der davon überzeugt ist, dass er unter ungerechten, aber stets verborgenen Mächten zu leiden hat.“

Es versteht sich: Unsere Lektüre ist von unserer Erwartungshaltung beeinflusst. Meine lässt sich so charakterisieren: Ich möchte unterhalten werden, Einsichten gewinnen und auf Gedanken stossen, die ich als hilfreich empfinde. Godwin hat diese Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.

Fazit: Grossartig, ein wesentliches Buch! Packend, smart, witzig und weise.

Joseph O’Neill
Godwin
Roman
Rowohlt, Hamburg 2024

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