
Szombathely, Ungarn, am 27. Oktober 2021
Hans Durrers Buchbesprechungen

Szombathely, Ungarn, am 27. Oktober 2021
Susan Taubes, 1928 in Budapest geboren, emigrierte im Alter von 11 Jahren mit ihrer Familie in die USA. Der vorliegende Roman erschien 1969 unter dem Titel Divorcing in New York, „eine Woche vor dem Freitod der Autorin und zwei Jahre nach Abschluss ihres eigenen Scheidungsverfahrens. Insofern war es naheliegend, den Roman als autobiografisches Zeugnis zu lesen“, so die mit dem Nachlass von Susan Taubes betraute Sigrid Weigel im Vorwort, nur um dann hinzuzufügen: „Dem widerspricht jedoch die in jeder Hinsicht radikale Schreibweise, die alle genreüblichen Konventionen durchbricht und ein intelligentes Spiel mit etablierten Erzählmustern und mit den Rollenreden traditioneller Rituale treibt.“ Rollenreden traditioneller Rituale? Was auch immer das sein mag …
Ausser Leuten, die Literatur studiert haben, kenne ich niemanden, der der Auffassung ist, man könne Autor und Werk voneinander trennen. Weshalb die gewählte Form ein Argument gegen das autobiografische Zeugnis sollte, entzieht sich mir: Bei Allem, was wir tun und sagen, in welcher Form auch immer, geben wir immer vor allem Auskunft über uns selbst. Dazu gehört auch Erfundenes und Konstruiertes. In diesem Sinne ist schlicht alles autobiografisch, kann es so recht eigentlich gar nichts anderes geben. Mit anderen Worten: Ich lese diesen Roman als Abschiedsbrief einer seit Jahren depressiven Frau, die plant sich umzubringen. „Jetzt, da ich tot bin“, scherzt Sophie mit ihrem Lover, „kann ich endlich meine Autobiografie schreiben.“
Auf Nach Amerika und zurück im Sarg bin ich durch einen Beitrag von Leslie Jamison in der ‚New York Review of Books‘ aufmerksam geworden, der sich auch in diesem Buch findet, worin sie unter anderem dieses „Sammelsurium von Erinnerungen, Träumen, Streitereien, erotischen Begegnungen, Notizen aus dem Leben einer Mutter sowie finsteren Fantasien, einschliesslich einer Leichenschau, einem Begräbnis und einem Strafprozess“ als „ein seltsames Kunstwerk, provokativ und beunruhigend“ beschreibt. Das trifft es für mich sehr gut.
Sophie Blind verlässt ihren treulosen Mann Ezra und siedelt mit ihren drei Kindern nach Paris über, wo sie etliche Liebhaber hat. „So grauenhaft, frivol oder sinnlos, wie es Sophie vorkommt, kann es in Paris eigentlich gar nicht sein. Nichts von dem, was sie tut, kann sie ernst nehmen.“ Freischwebend, nicht zu fassen, melancholisch und scharfsinnig, so wirkt sie auf mich. Ezra reist ihr nach, will nicht akzeptieren, dass ihre Ehe gescheitert ist, sie nicht mehr mit ihm verheiratet sein will.
Rückblenden auf ihre Ehe mit Ezra, die Kindheit in Ungarn, die Zeit als junge Frau. „Es war schön, immer beschäftigt, immer überlastet zu sein; aufgebraucht zu werden, darum ging es im Leben, sie war damals schon fast durchsichtig geworden.“ Es ist die Mischung aus Gedanken- und Erinnerungsfetzen, existenziellen Einsichten („Bewusstwerdung, ein lebenslanger Kampf. Weil ungezählte Aufbrüche, selten ein Ankommen – meistens irrig.“) und hellsichtiger Eigenwahrnehmung („Sie ist nur begrenzt zum Selbstbetrug fähig …“) empfinde ich als überaus faszinierend.
Dieser Roman ist auch ein Lebensbericht. Die Flucht vor den Nazis, die Jahre in New York. „Sie hatte durchaus vor, Amerika zu lieben.“ Ihr Besuch 1947 im von den Russen besetzten Budapest, wo sie auch ihre Mutter trifft, die sie erstaunlich jugendlich und unverändert erlebt. Wie sie es geschafft habe zu überleben? „Als das Bombardement begann – wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so neurotisch bin“, sagte sie in bester Laune, „es hat mich überhaupt nicht gestört. Ich habe alles verschlafen wie ein Bär.“ Ich bezweifle, dass man sich das ausdenken kann.
„Ja, sie liebte das Reisen. Es ist die einzige Art zu leben, sagte Sophie immer, die einzige Art, in der Zeit zu leben: mit ihr zu entfliehen. Sophie wurde unruhig, wenn sie zu lange an einem Ort war.“ Nirgendwo scheint sie sich zugehörig zu fühlen; sie wirkt, als ob sie sich auch sich selber entziehen würde.
In Paris, ein Mann mit hängendem Wahlrossschnauzer will ihr weismachen, ihr Problem sei, sich „zwischen Spinoza und einer Existenz als Playgirl in Acapulco zu entscheiden“ – Nach Amerika und zurück im Sarg liest sich so phantastisch wie realistisch. „Zwischen Leben und Traum war eigentlich kein allzu grosser Unterschied, sosehr die beiden auch miteinander zankten, stritten, sich gegenseitig auszutricksen versuchten. Anders war nur ein Buch (…) In einem Buch wusste sie, wo sie war. Denn mochte es auch noch so verwirrend, stümperhaft und doppelsinnig sein – ein Buch war und blieb ein Buch.“
Überaus faszinierend auch die Ausführungen zur Psychoanalyse. Sophies Vater erklärt seiner Tochter, er sei Mediziner, Neurologe und Psychoanalytiker, die Psychoanalyse eine neue Wissenschaft, die noch von sehr wenigen verstanden würde. „Man glaubte, dass man etwas gegen die Lehre oder über die menschliche Natur ausgesagt habe, aber nach dieser Lehre handelten alle Aussagen von sich selbst.“ Hellsichtig kommentiert die junge Sophie: „Die Leute, die zu ihrem Vater kamen und ihm alles erzählten, wussten nicht, dass das Allerwichtigste war, sein Geheimnis zu wahren. Sie hatten kein Geheimnis, darum waren sie so unglücklich und deshalb mussten sie immer wieder zu ihrem Vater kommen.“ Max Frisch geht mir durch den Kopf. Der Mensch vergebe sich mit seinen Geheimnissen, hat er einmal gemeint.
Nach Amerika und zurück im Sarg ist sehr gut übersetzt; Sprache, Ton und Rhythmus sprechen mich sofort an. Und natürlich ist es kein simples Erinnerungsbuch, schliesslich kann man Erinnerungen nicht trauen. So notiert Sophie über ihren Vater: „Was er über sie erzählte und woran sie sich tatsächlich erinnerte, das gehörte in verschiedene Schubladen. Nur, dass sie sich nicht sicher war, was wirklich ihres war, alles war mit anderer Leute Sachen vermischt: was sie ihr erzählten, Papi, Omama und ihre vielen Tanten und Onkels. Sie brauchte wirklich eine Schublade, wo sie deren Dinge einlagern konnte.“
Fazit: Ein wunderbares Potpourri! Traurig und lustig, tragisch und berührend, clever und imaginativ.
Susan Taubes
Nach Amerika und zurück im Sarg
Matthes & Seitz Berlin 2021

Zürich, am 10. November 2021
Familie Galvin, Vater Don, zuerst beruflich erfolgreich bei der Air Force, dann als „eine Art innerstaatlicher Diplomat“, Mutter Mimi, ausgelastet mit 10 Buben und zwei Mädels. Sechs der zehn Brüder wurden bis Mitte der 1970er-Jahre mit Schizophrenie diagnostiziert. Der Journalist Robert Kolker erzählt mit Hidden Valley Road nicht nur eine Familien-, sondern auch eine Medizingeschichte.
12 Kinder! Was bewegt ein Paar, so viele Kinder zu haben? Natürlich kann man das nicht wirklich wissen – nicht einmal die Beteiligten können das, schliesslich sind wir Menschen viel zu komplex, um zu verstehen, was uns so oder anders ticken lässt – , doch Robert Kolker tut, was gute Journalisten tun: Er liefert eine plausible Erklärung (wahrscheinlich ein Ausweichmanöver, um sich den schmerzlichen Enttäuschungen in ihrem Leben nicht stellen zu müssen) und präsentiert gleichzeitig die Einschätzung der nicht gerade wohlmeinenden Schwiegermutter (es sei Mimis Methode, im Wettstreit mit Don die Oberhand zu haben).
Charakteristisch sowohl für Don als auch für Mimi war, dass sie Unangenehmes generell einfach ausblendeten. Als ihr ältester Sohn wegen seines bizarren Verhaltens psychiatrisch untersucht wurde, machten sie in Zweckoptimismus, wobei sie ein psychiatrischer Freund unterstützte, der allerdings unzureichend informiert war. Und als die Frau des Zweitältesten sie mit dem gewalttätigen Verhalten ihres Stimmen hörenden Sohnes konfrontierte, erlebte sie Eltern, die nicht bereit waren, die Realität zu akzeptieren. Es gab viele heftige Streitereien, Gewalt und Missbrauch in ihrem Haus an der Hidden Valley Road, auch die Polizei tauchte öfters auf – wahrhaben wollten sie das nicht. Trotzdem kümmerten sie sich, vor allem Mimi, sehr um die Kinder.
Die damalige Psychiatrie war unter anderem charakterisiert durch den Streit (und nachfolgenden Bruch) von Freund und Jung. Für Freud waren seelische Erkrankungen das Resultat prägender (und oft sexueller) Kindheitserlebnisse, Jung hingegen war der Auffassung, dass „das Konzept der Libido durch einen genetischen Faktor ergänzt werden“ müsse.
Anlage oder Einfluss der Umwelt? Diese Frage prägt unter anderem die Schizophrenie, die natürlich auch eine Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Theorien bildet. Wobei: Ich frage mich schon wie man jemanden wie Jacques Lacan, der zum berühmt gewordenen Fall Schreiber meinte, „Schreibers Probleme seien seiner Frustration darüber entsprungen, nicht der Phallus sein zu können, der seiner Mutter gefehlt habe“, eigentlich ernst nehmen kann.
Wie alles, so hat sich auch die Vorstellung, was denn Schizophrenie eigentlich ist bzw. sein soll, im Laufe der Zeit gewandelt. Und so recht eigentlich sagen die Definitionen mehr über das vorherrschende Denken der jeweiligen Zeit als über die Krankheit. Dazu kommt, dass die Diagnosestellung mehr Kunst als Wissenschaft ist.
Die zentrale Frage lautet: Wie kann es sein, dass sechs von zwölf Kindern eine Schizophrenie entwickeln, die anderen sechs aber nicht? Eine genetische Vorbedingung scheint definitiv gegeben, muss aber offenbar nicht notwendigerweise vererbt werden. Wie konnte das sein? Hidden Valley Road ist auch eine spannende Psychiatrie-Geschichte.
Nachdem einer ihrer Söhne seine Freundin und sich selber umgebracht, und weitere Söhne in der Psychiatrie landeten, begannen sich auch die Eltern Fragen zu stellen. War es vielleicht jeweils ein emotionaler Schock gewesen, der die Brüder aus der Bahn geworfen hatte? Lag es an den Drogen, der Gegenkultur, am Missbrauch durch einen Priester? „Es war traurig festzustellen, dass, als der Patient zunehmend provokativ wurde, dies die Familie offenbar für seinen Normalzustand hielt“, notierte ein Arzt.
Dieses Buch schildert ganz Vieles in Einem: Ein aussergewöhnliches und tragisches Familienschicksal, die Bemühungen und Hilflosigkeit der Psychiatrie, die Forschung der von Marketing-Erwägungen dominierten Pharmaindustrie, das Amerika zur Zeit der Gegenkultur, und und und … , doch insbesondere die Unfähigkeit des Menschen, einen ernsthaften, ehrlichen Blick auf das eigene Leben zu werden. Ob letzterer im vorliegenden Falle geholfen hätte, weiss man nicht, doch dass darauf zu verzichten keine Option ist, zeigt dieses gut geschriebene Buch eindrücklich.
Fazit: Aufwühlend, faszinierend und überaus lehrreich.
Robert Kolker
Hidden Valley Road
Im Kopf einer amerikanischen Familie
btb, München 2021

Szombathely, Ungarn, 27. Oktober 2021
„Für eine Geschichte im Pazifik wurde er beschossen, für eine andere wohnte er monatelang bei Strassengangs“, lese ich unter anderem über den Autor und in mir denkt es: Einer dieser Angeber-Journalisten, der sich für mutig hält. Ich habe einmal fürs IKRK gearbeitet und einige solcher „Helden“ mitgekriegt – und sie eigentlich nur peinlich gefunden. Zusätzlich skeptisch machte mich das Vorwort von Christian Drosten, der von des Autors „ganz eigenem Stil“ schreibt und meint: „Muss der dabei oft etwas ungewohnte Ton sein? Ich denke, es gibt durchaus eine Berechtigung dafür.“ Enthusiastisch klingt das in meinen Ohren nicht gerade.
Mein Start in dieses Buch war also eher suboptimal, doch ich bin sofort drin und schätze des Autors pro Wissenschaft Positionierung, was meint, dass er Prozess-orientiert und Fragen-stellend unterwegs ist, jedoch keine Sicherheit vermittelt. Mehr als vorläufiges Wissen ist nun einmal nicht zu haben. Zudem: „Objektiv bedeutet nicht, beide Seiten wiederzugeben, wenn eine Seite schon lange widerlegten Unsinn erzählt.“ So isses! Und klar doch, es sind auch definitive Aussagen möglich. Sympathisch ist mir überdies, dass es um Muster gehen soll, die immer wieder auftreten. Nicht zuletzt, weil den gegenwärtigen Medien-Debatten die emotionale Distanz abgeht. Denken ist nämlich etwas anderes, als nur gerade seine Gefühle zu rationalisieren, es ist die nüchterne, emotional distanzierte Auseinandersetzung mit Tatsachen. Wie sagte doch Philip K. Dick so treffend: „Reality is that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.“
Auch des Autors Sprache ist nicht so mein Ding. Flotter Stil, gewöhnungsbedürftig, doch nach und nach komme ich rein – und finde gut, dass die Pandemien-Geschichte einmal so erzählt wird: Als storytelling, nachvollziehbar, dabei nicht simplifizierend, sondern reich an Details, der Komplexität Rechnung tragend, Zusammenhänge aufzeigend. Dass da Persönliches, Wissenschaftliches und Politisches, Ignorante, Schwachsinnige (eine Frau will ihren Hund nicht impfen lassen, weil sie Angst hat, er könnte Autist werden) und ausgesprochen Schlaue bequem nebeneinander zu stehen kommen, ist näher an unserer Wirklichkeit als das üblicherweise säuberlich voneinander Getrennte.
Dieses Buch handelt von SARS-CoV-2, HIV, Ebola, Pocken, Cholera, Nipah, Schweinegrippe, Masern und und und … Dann aber auch von PCR, R-Wert, Herdenimmunität, Impfen und Verschwörungen. Umfassender und eigenwilliger als Philipp Kohlhöfer in Pandemien informiert, geht kaum.
Ich gehöre zu denen, die vor der gegenwärtigen Pandemie, Viren höchstens mit Grippe- oder Computerviren in Verbindung brachten (ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen) und war dann recht baff, dass es überall Virologen und Epidemiologen zu geben scheint, wobei: „Die globale Corona-Szene ist übersichtlich. Man kennt sich. In Deutschland gibt es neben Drostens Labor nur noch John Ziehbur, Virologe der Justus-Liebig-Universität in Giessen, der seit Jahren an Coronaviren arbeitet.“
Pandemien ist ein höchst instruktives und, bei allen interessanten Details, grundsätzliches Werk. Nur schon die folgenden Sätze in Ruhe zu bedenken, macht einem bewusst, wie vulnerabel wir so recht eigentlich sind. „Zwei oder drei Menschen können eine neue Krankheit haben, ausgelöst von einem Virus, das noch keiner kennt und das das Potenzial hat, zu einer globalen Katastrophe zu werden, aber wenn diese zwei oder drei Kranken nicht auffallen, überregional, und niemand die Fälle miteinander verbindet, weil die Cluster fehlen, dann erkennt keiner ein Muster, und die Welt wird entweder nie davon erfahren oder sehr viel später. So gesehen ist es nicht gut, von einem Ausbruch zu hören, was auch immer es ist, der sich in achttausend Kilometern Entfernung ereignet hat.“ Das beschreibt auch eindrücklich, was unter anderem mit der vernetzten Welt gemeint ist.
Es sind spannende Zeiten, die wir gerade erleben – es gibt viel zu lernen. Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, von der Rolle, die Viren und Bakterien spielen, und bin verblüfft, dass ich mich plötzlich für Fledermäuse (fünfzehn Fledermausarten gibt es allein in Schleswig Holstein) und Leukozyten (die weissen Blutkörperchen, die zur Infektabwehr da sind) zu interessieren vermag. Das ist nicht nur, aber eben auch, das Verdienst dieses Buches
Apropos Fledermäuse: Diese scheinen zuerst eine Höhle auszukundschaften, bevor sie einziehen. „Es gibt ein paar Theorien, aber letztlich liegt die Motivation der Tiere im Dunklen.“ Ein Satz, der mich schmunzeln liess, da ich die Motivforschung nicht mal bei Menschen ernst nehmen kann (wir sind viel zu komplex, um zu verstehen, wieso wir so und nicht anders funktionieren), aber bei Tieren …!?
Was Muster angeht: Bereits bei der Spanischen Grippe war zu beobachten, was sich auch heute zeigt: Impf- und Maskengegner auch unter einigen wenigen Medizinern. Die Argumente sind sich weitgehend gleich geblieben, weshalb sich denn auch der Eindruck aufdrängt, die Gegnerschaft habe mit etwas anderem zu tun, als den vorgebrachten Argumenten – starre, in sich geschlossene Weltbilder mit eindeutigen Antworten auf wirklich alle Fragen als Ausdruck einer fundamentalen Lebensangst.
Pandemien ist auch eine Einladung zu einer Entdeckungsreise, bei der es nicht nur um Viren (obwohl: das ist ein unerschöpfliches Thema) geht, sondern um das Rätsel des Lebens. Auf dieser Reise hat Philipp Kohlhöfer einige wunderbar anregende Menschen getroffen, deren Begeisterung für ihr Forschen ansteckend ist. Und deren Mut – etwa im Falle der belgischen Delegation, die sich wegen Ebola in die Zentralafrikanische Republik aufmachte und nicht wusste, was sie dort erwarten würde – mir grossen Eindruck machte.
Immer wieder stosse ich auf Stellen, von denen ich im Nachhinein merke, dass sie sich in mein Hirn eingegraben haben. Beispiele: „Steht in jedem Lehrbuch, Impfen ist gut. Kann man keine zwei Meinungen drüber haben, wenn man in die Medizingeschichte guckt.“ Und: „Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel. Sie können keine eigene Energie erzeugen und brauchen zu ihrer Vermehrung einen Wirt. Letztlich sind sie nicht mehr als eine leblose Sammlung von Genen, geschützt durch eine Eiweisshülle.“ Und: „Wir werden von Viren kontrolliert.“
Dieses Buch ist eine ungeheure Fleissarbeit. Was Philipp Kohlhöfer zusammengetragen hat, ist enorm, wie er dieses riesige Ganze gegliedert und zusammengefügt hat, eine Meisterleistung. Seine intensive Auseinandersetzung mit diesem Fachgrenzen überschreitenden Wissenschaftsthema, das höchst beeindruckend journalistisch abgehandelt wird, verblüfft auch deswegen, weil der Autor kein ausgebildeter Wissenschaftler ist (Geisteswissenschaften sind für mich keine Wissenschaften – gerade hatte ich mich verschrieben, fast wäre Geisterwissenschaften herausgekommen). Das Schöne am Journalismus, hat Herbert Riehl-Heyse einmal geschrieben, sei, dass man sich ständig mit Themen befassen dürfe, von denen man eigentlich nichts verstehe. Tut man dies mit Neugier und Verstand und in einer derartigen Breite und Tiefe wie Philipp Kohlhöfer es in Pandemien getan hat, hat man einen veritablen Glücksfall vor sich.
Fazit: Grossartig! Spannender und vielfältiger bin ich selten aufgeklärt worden.
Philipp Kohlhöfer
Pandemien
Wie Viren die Welt verändern
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

Szombathely, Ungarn, 27. Oktober 2021
Ein Holzstich unbekannter Herkunft zeigt einen Wanderer, der den Rand der Welt erreicht hat. Und was jetzt?, fragt Olga Tokarczuk. Um dann mit der Beobachtung fortzufahren: „Die Welt ist klein – im Lauf des vergangenen Jahrhunderts ist sie stark geschrumpft.“ Fernsehen, Telefon, Internet, Handy. Wir machen die Erfahrung, „dass auch das Repertoire an Rollen und Möglichkeiten endlich ist und dass die Menschen einander stärker ähneln, als unsere Vorfahren je gedacht hätten.“ Das fühlt sich eigenartig und auch etwas ernüchternd an. Ist die Welt etwa weniger exotisch, als man sich das gedacht hat? „Hinzu kommt der Eindruck von Überfüllung, begrenztem Raum, der immerwährenden Anwesenheit fremder Menschen …“. Distanz ist nötig, um die Dinge richtig zu sehen; Fotos der Erdkugel aus dem All erinnern uns an das Übergeordnete, das wir so selten wahrnehmen.
Dies einige der Gedanken aus dem ersten Essay dieses Werkes. „In meinem Schreiben versuche ich immer, das Augenmerk und die Sensibilität meiner Leser und Leserinnen auf das grosse Ganze zu lenken.“ Sie vermisst „Ex-zentriker“, die fähig sind, weit-umspannend zu denken, beklagt, dass die Universitäten ihre Rolle als Wissenserzeuger und Wissensvermittler verloren haben, da sie mit dem an-Land-Ziehen von Aufträgen und Fördermitteln ausgelastet sind. Viel kränker als unsere Wettbewerbsgesellschaft geht kaum.
Apropos „das grosse Ganze“: Ich staune über das Wissen von Olga Tokarczuk, die sich offenbar bei den Pythagoräern genauso auskennt wie beim anarchistischen Diogenes, und der die jüdisch-christliche Tradition ebenso vertraut zu sein scheint wie die antiken Philosophen oder Descartes, Kant und Jeremy Bentham. Dabei wird mir bewusst, dass mir diese Art des Gebildet-Seins wohl immer fremd sein wird – auch weil mich die gängigen Zusammenhänge nicht interessieren.
„Ich sagte ihr, dass ich sehr gerne Montaigne lese, aber nicht in einem Zug von vorne bis hinten, sondern von Zeit zu Zeit, indem ich seine Essais an einer beliebigen Stelle aufschlage und seinen Ausführungen folge, zum reinen Vergnügen und um meine eigenen Gedanken zu klären“, schreibt sie in „Wie Übersetzer die Welt retten“. Und genau so lese ich diese Übungen im Fremdsein. Sie liest Montaigne übrigens in der polnischen Übersetzung, was Vorteile hat, denn sein Französisch sei archaisch, veraltet und erfordere viel Konzentration, wie ihr eine französische Bekannte, ebenfalls Schriftstellerin, erklärt.
Zu den mich besonders nachdenklich machenden Texten gehört „Die Masken der Tiere“, was natürlich auch daran liegt, dass mich das Leiden der Tiere bislang höchstens gestreift, also nicht wirklich erreicht hat. „In der buddhistischen Philosophie gibt es den Begriff des ‚fühlenden Wesens‘. Er wird allgemein als Bezeichnung sowohl des Menschen als auch anderer, nicht-menschlicher Lebewesen gebraucht.“ Wer sich für diese beiden Sätze Zeit nimmt, sie bedenkt und wirken lässt, der kann gar nicht anders als zu erkennen, dass die Welt ganz anders ist, als wir sie bisher wahrgenommen haben. „Wenn man einmal ‚erkannt‘ hat, ist das Einzige, was einem bleibt, eine ‚mitfühlende Vorstellungskraft‘ zu entwickeln, das heisst Mitgefühl oder, in der Begrifflichkeit der westlichen Psychologie, Empathie.“
Olga Tokarczuk weist auch auf Jane Goodall hin, der beim Betrachten von Schimpansen, die unter einem kleinen Waldwasserfall badeten, aufgegangen ist, „dass ihrem Verhalten eine Art Nachsinnen über die Bewegung innewohnte, dass auch sie die Fähigkeit zur Reflexion, zu einem tiefen, ergreifenden Sein-in-der-Zeit besitzen. Dass womöglich auch sie etwas wie unsere religiöse Erfahrung erleben.“
Wie Bilder so triggern auch Texte eine Unzahl an Gedanken und Emotionen, von denen einige auch im Zusammenhang mit dem gerade Gelesenen stehen. Wer einmal in die Augen eines Pferdes gesehen habe, könne keinen Zweifel haben, dass Tiere leiden, geht mir durch den Kopf. Und genauso die Empfindung als Kind: Wer einen Ast von einem Baum abtrennt, fügt dem Baum eine Wunde zu.
Olga Tokarczuk fasziniert, „was die herkömmlichen Grenzen überschreitet, gegen die als selbstverständlich akzeptierten Normen rebelliert“; sie will die Welt beschreiben, wie sie ist, in ihrer ganzen Komplexität, und das kann nur gelingen, wenn man sich aufmacht, diese Welt auch sinnlich zu erfahren. Fern des Gewohnten, auf Reisen, lässt sich das Fremdsein üben – es ist nötiger denn je.
Olga Tokarczuk
Übungen im Fremdsein
Essays und Reden
Kampa, Zürich 2021

Szombathely, Ungarn, am 27. Oktober 2021
„Was die Erfahrung und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben“, meinte bekanntlich Hegel. Johannes Krause und Thomas Trappe sehen das offenbar anders. Gemäss der Verlagsinformation zeigen sie in diesem Werk, „was wir aus der Vergangenheit für unser Überleben lernen können – und welche Gefahren in der zügellosen Kraft des Menschen liegen.“
Hypris ist in zehn Kapitel unterteilt, denen jeweils eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt ist, die zum Zweck hat, des Lesers Neugier zu wecken – und dies gelingt, jedenfalls in meinem Falle, bestens. Das erste Kapitel handelt von der Archäogenetik, dem Forschungsgebiet von Johannes Krause, dem ein Grossteil dieses Werkes gewidmet ist; das letzte Kapitel davon, dass die Evolution uns auf unserem weiteren Weg nicht helfen wird.
Das Buch ist vielfältig bebildert und enthält zahlreiche aufschlussreiche Grafiken – das ist höchst ansprechend und gestalterisch clever gemacht. Ausgesprochen gelungen sind auch die Zwischentitel, die anregender kaum sein könnten. Hier einige Beispiele: „Unfähig zum Masshalten“ (hier geht es nicht etwa um Sucht, sondern um eine Erweiterung der Speisekarte), „Ein fataler Hang zu Statussymbolen“, „Eine verhängnisvolle Mutation“. Und mein Liebling „Die vergebliche Suche nach uns selbst.“
Den beiden Autoren geht es darum, „die Frage in den Vordergrund treten zu lassen, wie es gelingen kann, das 21. Jahrhundert zu einem neuen Kapitel des Erfolgs, nicht des Scheiterns zu machen.“ Ihr Ausgangspunkt ist die DNA, „der wir – anders als alle anderen Spezies – aber nicht machtlos ausgeliefert sind. Oder es zumindest nicht sein müssen.“ Doch weshalb sollte man eigentlich versuchen, im Labor Gehirne zu „neandertalisieren“? Weil man damit vielleicht dem Geheimnis dieses Organs auf die Spur kommt, denn wir wissen nach wie vor nicht, was den Menschen zum Menschen macht.
„Die Reise der Menschheit zwischen Aufbruch und Scheitern“, wie der Untertitel heisst, ist zuerst einmal eine Reise zurück zu den Ursprüngen und damit zu unseren ausgestorbenen Vorfahren, den Neandertalern, deren Lebensmittelpunkt Höhlen waren, in denen auch eine gute Befeuerung möglich war, schliesslich lebten sie im Europa der Eiszeit.
Angesichts der modernen Wettervorhersagen, deren Genauigkeit auch für den nächsten Tag recht schwankend sein können, wundere ich mich schon etwas über die gewaltigen Zeitabstände, mit denen die beiden Autoren operieren und über die sie anscheinend glauben, verlässliche Angaben machen zu können. „Das Endzeitalter des Miozäns, das vor 23 Millionen Jahren begann und vor 5,3 Millionen Jahren endete, bot für die Ausbreitung des Menschenaffen geradezu ideale Voraussetzungen.“ Ihre häufigen Bezugnahmen aufs Klima finde ich einleuchtender – die klimatischen Veränderungen im Verlaufe der Geschichte waren offenbar enorm und machen mich immer mal wieder staunen, dass da überhaupt jemand überlebte.
Mein besonderes Interesse gilt derzeit den Pandemien und auch dazu äussern sich Johannes Krause und Thomas Trappe. 1346 kam der Pesterreger nach Europa; Pestleichen wurden erfolgreich als biologische Waffen eingesetzt, die Verbreitung des Pestbakteriums tat ein Übriges. „Mindestens 7000 mittelalterliche und neuzeitliche Ausbrüche wurden seitdem allein in Europa gezählt, und einer der vorerst letzten war jener in Madagaskar im Jahre 2017. Sämtliche Pandemien – auch die dritte Pandemie, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Hongkong ihren Ausgang nahm – fussten auf dem einen Bakterienstamm, der vor knapp 700 Jahren mit präziser Gewalt verbreitet wurde.“
Corona sei nicht vergleichbar mit dem Schwarzen Tod, so die Autoren, doch dass ein Pathogen mit einer solchen Schlagkraft sich über den Globus verbreitet, sei nicht auszuschliessen. Ebola ist so ein Kandidat gewesen und konnte nur des wenig intensiven globalen Waren- und Menschenverkehrs unter Kontrolle gebracht werden. Eine der derzeit grössten Gefahren für hochinfektiöse und tödliche Erreger ist die Massentierhaltung. Warum dem so ist? Die Antwort findet sich im Buch.
Dass der Mensch sich zur bestimmenden Spezies entwickelt hat, ist wesentlich seinem Eroberungsdrang zu verdanken, bei dem die Konkurrenz rücksichtslos aus dem Weg geräumt wurde. „Heute, da diese Herrschaft den gesamten Planeten umgreift, haben wir den letzten Gegner vor uns: uns selbst.“
Fazit: Erhellend und wesentlich.
Johannes Krause / Thomas Trappe
Hybris
Die Reise der Menschheit zwischen Aufbruch und Scheitern
Propyläen, Berlin 2021