Maud Ventura: Mein Mann

Die Ich-Erzählerin empfindet nach 15 Jahren Ehe die Beziehung zu ihrem Mann als symbiotisch und auch ihre beiden Kinder leben in Symbiose. Zudem bewohnen sie ein wunderschönes Haus. Und auch der Job als Englischlehrerin passt perfekt zu ihr. Besser geht eigentlich gar nicht. Nur eben: So mögen Normalsterbliche denken, sie selber ist ein Kontrollfreak erster Güte und das meint: Alles hat so zu sein, wie sie sich das vorstellt.

Kontrollfreaks sind sehr strukturiert unterwegs, die kleinsten Kleinigkeiten sind ihnen wichtig. Neben dem Englischunterricht im Gymnasium betätigt sich die Ich-Erzählerin auch als Übersetzerin. Das liegt ihr, da muss man sich einfühlen können und, im Gegensatz zur Autorin, nicht etwas erfinden.

Sie kontrolliert nicht nur andere, sondern auch sich selber. So macht sie sich Gedanken, ob sie eine schlechte Mutter sein könnte, weil sie ihren beiden Kindern keinen Abschiedskuss auf die Wange gedrückt hatte. Sie ist gescheit, differenziert, eine überaus aufmerksame Beobachterin ihrer Mitmenschen. Etwas nicht zu wissen, kann sie sich nicht zugestehen.

Wer ständig kontrolliert, vergleicht auch ständig – und will natürlich perfekt sein. Der richtige Haarschnitt, die richtige Garderobe. Angst, nicht zu genügen, ist die Folge. Ein Benimmbuch wird zu ihrem quasi religiösen Führer. Maud Ventura beschreibt diese selbst-auferlegten Zwänge überaus eindrücklich.

Die Dinge und Menschen haben für sie da zu sein und das schliesst ihren Mann mit ein, der keinen Namen zu haben scheint, und nur als Mein Mann in Erscheinung tritt. Besitzergreifender geht es eigentlich nicht. Es ist wunderbar gekonnt, wie die Autorin es schafft, die Anspannung sowie die latente Aggressivität, die den obsessiv Veranlagten eigen ist, spürbar zu machen.

Mein Mann erzählt die Geschichte einer Egomanin, die restlos alles auf sich bezieht. Als ihr Mann auf der Hochzeitsreise krank wird und das Bett hüten muss, ist ihre Reaktion: Der vermiest mir die Hochzeitsreise. Dass diese Ego-Obsession eine veritable Krankheit ist, zeigt sich auch daran, dass die Ich-Erzählerin zwar intelligent und feinfühlig ist, doch nicht zu merken scheint, was sie in ihrem Wahn anrichtet, denn andere zu spüren ist ihr nicht wirklich gegeben.

Doch Mein Mann ist nicht nur ein eindrücklicher Roman, der überzeugend aufzeigt, dass der Verstand gegenüber Obsessionen machtlos ist, es handelt sich auch um die Darstellung einer eigenartigen Gefühlskälte, gekoppelt mit einer narzisstischen Bedürftigkeit. „Ich habe keinerlei Gefallen daran, eine verliebte Frau zu sein. Es gibt mir keinerlei Selbstzufriedenheit, eine solche Leidenschaft zu leben. Ich habe keinerlei Nachsicht mit mir selbst, wenn ich in diesen Zustand gerate.“

Mittels diverser Strategien versucht sie ihre Unsicherheiten und Ängste in den Griff zu bekommen. Dann fragt sie sich, ob ihr Mann vielleicht eine Affäre hat. Sie macht sich im Internet kundig, was Indizien dafür sein könnten. Dass sie selber eine Affäre hat, ist natürlich etwas ganz anderes, Schuldgefühle hat sie keine.

Fazit: Die packende Schilderung einer Obsession, mit einem cleveren und überraschenden Schluss.

Maud Ventura
Mein Mann
Roman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2024

Aiki Mira: Proxi

Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich durch ein Zitat von Andreas Eschbach, dessen Die Abschaffung des Todes ich letzthin richtiggehend verschlungen habe. Zu spät habe ich dann bemerkt, dass sich seine Empfehlung auf ein anderes Buch und da vor allem auf die Sprache bezogen hat. Kurz und gut: Nach gut fünfzig Seiten habe ich realisiert, dass ich nicht in diese Geschichte hineinkomme, mich das Geschilderte nicht anspricht. Begründen mag ich das nicht weiter, da ich vom Post-Rationalisieren wenig halte.

Trotzdem gab es auf diesen ersten fünfzig Seiten einige Sätze, die mich innehalten liessen. „Die Panik erinnert sie daran, dass es unmöglich ist, sich selber zu kennen. Selbst jetzt mit vierzig Jahren hätte sie nicht sagen können, wer sie ist. So viel liegt im Dunklen.“ Eine überaus hellsichtige Beobachtung. Zudem eine sehr originelle Feststellung, da die meisten schon bei der Erwähnung des Wortes Panik nach Therapie schreien. Nicht so die Autorin, die ihren Gedanken weiter ausführt. „Sie glaubt nicht mehr an ein einziges, unveränderliches Selbst, das niemals töten könnte.“

Zwei weitere Sätze habe ich mir angestrichen. „Prognosen sind mathematisch erzeugte Spekulationen.“ So habe ich das noch nie gesehen – und wundere mich jetzt darüber, schliesslich ist es offensichtlich. Auch dieser Satz: „Du wirst nie bereit sein für das Draussen. Es wird immer anders sein, als du denkst.“ drückt eine Weisheit aus, die universeller nicht sein könnte. Was kann man daraus schliessen oder vielmehr: Was schliesse ich daraus? Alles wird immer anders sein, als man denkt. Vorausgesetzt, man ist bereit und fähig, genau hinzuschauen. Mein liebster Satz ist jedoch dieser: „Freiheit ist wie ein Augenblick: einzigartig und kurz.“ Es lohnt sich, bei dieser Wahrheit zu verweilen, die den politischen Freiheits-Schwaflern noch nicht einmal ansatzweise dämmert.

Übrigens: Die Protagonistin Kawi verlässt ihr Wohnung nicht, verdient ihr Geld mit Korrekturlesen, und verbringt ihre restliche Zeit mit Nachdenken und Gamen. Letzteres ist eine Sucht, von der sie sich befreien möchte, weshalb sie auch alle Zugänge gelöscht und alle Games deinstalliert hat. „Kawi weiss, dass das nicht ausreicht, um die Sucht zu beenden. Sie hat bloss einen ersten Schritt getan. Ihre Hand, ihr ganzer Körper wird viel Zeit brauchen, um das zu begreifen.“ So isses!

Ich starte erneut einen Versuch und orientiere mich dieses Mal an der Verlagsinformation, gemäss welcher es sich bei Proxi um eine virtuelle Realität handelt, die ein zweites Leben mit neuen Identitäten ermögliche. „Nicht nur in der Psychiatrie sind viele auf alternative Welten wie Proxi angewiesen. Auch ausserhalb der Psychiatrie werden virtuelle Umgebungen zum Fluchtraum.“ Und wovor flüchtet man? Vor kollektiv geteilten posttraumatischen Störungen. „Aneinandergekettete Katastrophen verschoben bei Mensch und Tier den gesamten neurologischen Apparat.“ Alles klar? Mir eher nicht …

Dann wird Proxi durch einen Virusangriff zerstört. Kawi und andere wollen ihre verlorene Welt zurück, sie machen sich auf die Jagd nach der versteckten Sicherheitskopie von Proxi … doch wiederum bin ich für diese Geschichte nicht wirklich warm geworden. Irgendwie schade, denn immer mal wieder stiess ich (neben Verwirrendem wie etwa, dass in einer digitalen Welt Türen ächzen) auf schlaue Einsichten und gelegentlich musste ich auch sehr schmunzeln. „Die Ironie ist: Wir ernähren uns vegan, aber auf unserer Haut leben eine Menge fleischfressender Mikroben.“

Zum Schluss, als sich zeigt, dass alles miteinander verbunden ist, wird es dann spannend. „Die alten linearen Entwicklungsmodelle der Menschen werden gerade auf einer tiefen materiellen Ebene in Frage gestellt. Daraus könnte etwas Neues entstehen …“. Nein, das ist nicht das Ende, es folgen noch diverse anregende Spekulationen, die sich lohnen.

Aiki Mira
Proxi
Eine Endzeit-Utopie
Tor, Frankfurt am Main 2024

Percival Everett: Die Bäume

Es liegt mittlerweile gut 14 Jahre zurück, dass ich auf Percival Everett gestossen bin – und ich war begeistert. Mit anderen Worten: Positiver eingestimmt könnte ich Die Bäume kaum angehen – und werde nicht enttäuscht, im Gegenteil, denn dieser Roman ist sowas von abgedreht und komisch, dass ich abwechselnd schmunzle und laut herauslache. Ein Beispiel:

„Hier lebten Wheat Bryant und seine Frau Charlene. Wheat war zurzeit arbeitslos, war ständig und immer zurzeit arbeitslos. Charlene wies oft und gern darauf hin, dass das Wort zurzeit ein Davor und Danach voraussetzte und dass Wheat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Job gehabt habe, von einem Zurzeit also keine Rede sein könne. Charlene arbeitete als Empfangsdame bei der Money Tractor Exchange J. Edgar Price Eigentümer (der offizielle Firmenname, ohne Kommas) …“. Die Schilderung des Unfalls, wegen dem Wheat seinen Job als Lastwagenfahrer verlor, ist preiswürdig; das Video ging natürlich viral.

Im Städtchen Money, Mississippi, werden mehrere weisse, dicke Männer ermordet. Neben den Leichen taucht für kurze Zeit eine schwarze Gestalt auf – und verschwindet alsbald. Die örtlichen Behörden sind überfordert (wer wäre das nicht?) und kriegen Verstärkung aus der Stadt. Die Südstaaten der USA zeichnen durch Ironie und Unwissenheit aus, lernt man – zwei schwarze Detektive aus der Grossstadt sind da definitiv am rechten Platz! „Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert“, sagte Jim. „Ja, das erzähl mal den Arschgeigen dahinten mit den Trump-Mützen.“ Am Rande: Die MAGA-Mützen sind (das passt zu Trump) made in China.

Dann wird ein fünfzigjähriger Mann in Chicago brutal zu Tode geprügelt, sein Kopf ist, wie schon bei den beiden Opfern in Money, mit Stacheldraht umwickelt. Genau wie der Kopf des 1955 gelynchten vierzehnjährigen schwarzen Jungen, Emmett Till, der angeblich einer Weissen gegenüber etwas Anzügliches gesagt haben soll, und für dessen Mord die Väter der in Money ermordeten Männer verantwortlich waren. Die Weisse, die später zugab, gelogen zu haben, ist die Grossmutter der beiden in Money Getöteten – und sie lebt noch.

Die Bäume ist sehr gut erzählt und sehr, sehr lustig. Percival Everett versteht es ausgezeichnet unsere Erwartungshaltung zu unterlaufen – zwei schwarze Detektive, die bei den Weissen im Süden der USA zum Rechten sehen! Er zeichnet ein Bild von Amerika voller Absurdität, die durch Trump („Weisst du, der ist genau wie wir“, sagt ein KKK-Mitglied) ins Rampenlicht gezerrt wurde, und so recht eigentlich nur noch mit Lachen gekontert werden kann. So heisst das Bestattungsinstitut Easy Rest, kriegt ein Unidozent keine Festanstellung, weil er zu produktiv ist, die Gerichtsmedizinerin ist eine fünfzigjährige Britin namens Helvetica Quip und die FBI-Agentin Herberta Hind wird beigezogen, da ungeklärt ist, ob der Schwarze, der neben den Toten gefunden wurde und dann wieder verschwand, womöglich ein Geist ist.

Lynchmorde wurden nicht verfolgt und kümmerten niemanden, doch jetzt scheinen die toten Opfer Rache zu üben. „Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.“, schrieb einst William Faulkner.

Doch wer ist dieser schwarze Junge? Auch Mama Z, die seit Jahrzehnten über die Lynchjustiz Buch führt und dabei ein beeindruckendes Archiv geschaffen hat, wird zu den Ermittlungen hinzugezogen. Dann weiten sich die Morde auf ganz Amerika aus. Das wird mit viel Humor erzählt, die Protagonisten machen sich einen Spass draus, andere reinzulegen. Und die Bedienung Gertrude hilft den Gästen, die sie mag, auf die Sprünge. „Wir sollten bestellen“, sagte Hind. „Ich nehme das Chili.“ „Mögen Sie Chili?“, fragte Gertrude. „Vielleicht essen Sie besser das Hühnersandwich.“ „Dreimal Hühnersandwich“, sagte Jim. „Kommt sofort.“ Gertrude ging.

Die Bäume ist nicht nur unterhaltsam, sondern ebenso ein Porträt der amerikanischen Trump-Wähler, die, übergewichtig, bei Pizza und Bier „zwischen Fox News, wo gerade Hannity moderierte, und Wrestling hin und her schalteten. ‚Die haben recht‘, sagte Fancel. ‚Dieses Obamacare funktioniert einen Scheissdreck. Wir haben uns eingekauft, weil wir mussten, und ich habe nicht ein einziges Pfund abgenommen.“ So abstrus und irrwitzig dieser Roman auch ist, vieles darin ist der Wirklichkeit abgekuckt, nicht zuletzt die Rede des Präsidenten mit der orangen Gesichtsfarbe.

Zu der in der heutigen Zeit heftig debattierten Integration gehört auch die Frage, ob es eigentlich ein Fortschritt ist, wenn Schwarze Institutionen wie dem FBI, der CIA, dem Kongress angehörten. Nein, meint die 105jährige Mama Z. Und warum nicht? „Schlechte Gesellschaft. Ich bin nicht gern in schlechter Gesellschaft.“ Viel gepriesen wird heutzutage auch das Bauchgefühl, mit dem Percival Everett erfreulich kurzen Prozess macht. „Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl?“, fragte Moon. „Nicht das Geringste.“

Die Bäume ist auch ein überaus aufschlussreiches Amerika-Buch. Wie jedes andere Land auch lebt Amerika von seinen Mythen, zu denen auch gehört, dass die Amis Individualisten seien, allerdings höchstens in dem Sinne, dass alle, natürlich völlig unabhängig voneinander, dasselbe wollen. „Das Mietshaus war insofern unscheinbar, als es genauso aussah wie jedes andere Haus in dem Block, einem Block, der genauso aussah wie jeder andere Block in dem Viertel.“

Fazit: Clevere Unterhaltung, ungewöhnliches Südstaaten-Porträt sowie Aufklärung über Lynchjustiz – bei Percival Everett geht das bestens zusammen.

Percival Everett
Die Bäume
Roman
Heyne, München 2024

Tracy Chevalier: Das Geheimnis der Glasmacherin

Was zuerst auffällt, ist der überaus gelungene Umschlag sowie der farbige Buchschnitt, der schön illustriert, dass sich Glas in ganz unterschiedlichen Farben zeigen kann. Bücher sind bekanntlich auch sinnlich erfahrbar und die Farbgestaltung von Das Geheimnis der Glasmacherin demonstriert dies ganz wunderbar.

Diesem Roman ist “ Eine kurze Erläuterung der Zeit alla Veneziana“ vorangestellt, aus der wir erfahren, dass Glas aus Sand hergestellt wird, „der wie durch Zauberei durchscheinend oder sogar durchsichtig wird, wenn man ihn zum Schmelzen bringt.“ Auch solcher Einsichten wegen lese ich Bücher, schliesslich hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, woher Glas eigentlich kommt bzw. wie es hergestellt wird, und bin jetzt völlig fasziniert.

Venedig, 1468. Der Tod des bekannten Glasmachers Lorenzo Rosso bringt seine Familie in Schwierigkeiten, denn ohne ihn ist die Qualität der Glasarbeiten der Rossis nicht mehr gewährleistet. Die Tradition verlangt, dass der Sohn die Glasschmiede übernimmt, doch dieser erweist sich als wenig geeignet. Seine jüngere Schwester Orsola, damals herrschte die einhellige Meinung, Frauen gehörten an den Herd und ins Bett, lernt im Geheimen (und dazu noch bei der Konkurrenz) die Glasbearbeitung.

Im 15ten Jahrhundert waren Frauen in der Welt des Glases nicht willkommen. Doch die zu erwartenden Widerstände schrecken Orsola nicht. Sie weiss, dass ihre Arbeit mehr als perfekt sein muss, um von den Händlern akzeptiert werden. Das Geheimnis der Glasmacherin ist auch ein Roman über das Sich-Behaupten, ein Dokument der Emanzipation.

Was mich vor allem für diesen Roman einnimmt, ist Tracy Chevaliers Menschenkenntnis. „Orsola liebte Giacomo (ihren Bruder), weil er freundlich und sanft war. Er stellte keine grossen Ansprüche. Was aber auch bedeutete, dass man keine grossen Ansprüche an ihn stellen durfte.“ Entschieden weniger zugesagt hat mir hingegen die Marotte der Autorin, ohne jede Notwendigkeit immer mal wieder zu italienischen Ausdrücken zu greifen.

Das Geheimnis der Glasmacherin ist auch lehrreich. So wird die venezianische Glaskunst bekanntlich in Murano ausgeübt. Doch wieso eigentlich? Der Doge hatte im 13ten Jahrhundert verfügt, „dass alle Glasmacher nach Murano gehen mussten und nur dort arbeiten durften. zum einen um die Stadt vor der Brandgefahr durch die Schmelzöfen zu schützen, zum anderen um die Handwerker im Auge zu behalten und zu verhindern, dass sie die Geheimnisse des Muraneser Glasgewerbes aufs Festland mitnahmen.“

Orsola lernt, einfache Perlen herzustellen, die sie dem Kaufmann Klingenberg anbietet, der daraufhin bei ihr solche Perlen in Auftrag gibt. Wunderbar, wie dieser Klingenberg charakterisiert wird. „Sein Venezianisch war sehr korrekt, aber das Musikalische der Sprache wurde von seinem deutschen Akzent, denn er war sicher in Deutschland aufgewachsen und hatte Venezianisch erst später gelernt. Ihm zuzuhören war, als versuche man, durch die Ruinen eines Gebäudes zu gehen, mit unebenem Boden, verborgenen Löchern und Steinbrocken, über die man stolpern konnte.“

Dann bricht die Pest aus, die man zunächst – natürlich! – nicht wahrhaben will. Dabei kommt es auch zu Persönlichkeitsveränderungen (wovon ich während der Pandemie nie gelesen habe). „In gesundem Zustand war Nicoletta sanftmütig gewesen, doch nun war sie reizbar, geriet leicht in Wut und schlug zuweilen wild um sich, als versuchte sie, die Pest mit Fäusten zu bekämpfen.“ Immer mehr Tote, immer mehr Häuser werden unter Quarantäne gestellt. „Es war eine seltsame Vorstellung, dass da draussen immer noch Pfirsiche wuchsen und reiften, während sie hier drinnen sassen und Angst vor dem Tod sassen.“ Fast ein Drittel der Bevölkerung Venedigs stirbt.

Überaus sympathisch ist mir der Humor der Autorin. „Bist du sicher, dass das nicht dein Kind ist?“, fragte er, während er ihr folgte. „Es sieht mich nämlich genauso finster an wie du.“ „Bei Leuten, die sie mag, lächelt sie“, erwiderte Orsola schmunzelnd. Und ganz besonders sympathisch ist mir ihr Umgang mit der Zeit, mit der sie zu spielen versteht. Und dies ist, angesichts der Tatsache, dass die Zeit uns zumeist terrorisiert bzw. wir uns von ihr terrorisieren lassen, wunderbar befreiend. „Jetzt springen wir in der Zeit voraus. Mit der Zeit alla Veneziana ist das möglich (…) An diesem magischen Ort, an dem die Zeit anders verläuft, sind sie (Orsola) und diejenigen, die ihr etwas bedeuten, nicht älter geworden.“

So recht eigentlich erzählt Das Geheimnis der Glasmacherin die Geschichte Venedigs durch die Jahrhunderte bis ins Heute am Beispiel einer Glasmacherfamilie und speziell der herrlich eigenwilligen Orsola. Die Stadt wandelt sich vom Handelszentrum zur Stadt des Glücksspiels und des Karnevals zu den riesigen Kreuzfahrtschiffen. Und in Murano haben die Glaswerkstätten den Showrooms Platz gemacht. Das Denken und Fühlen der Menschen ist sich jedoch ziemlich gleich geblieben,

Tracy Chevalier
Das Geheimnis der Glasmacherin
Roman
Atlantik, Hamburg 2024

Morgan Audic: Das kalte Schweigen der See

Longyearbyen auf Spitzbergen. Der Ort ist dem Autor, einem Gymnasiallehrer aus Rennes, Anlass über die örtlichen Verhältnisse, die einigermassen speziell sind, aufzuklären. Die nördlichste Siedlung der Welt. Von November bis Ende Januar kein Tageslicht. Dreihundert Eisbären bei dreitausend Einwohnern. Wer die Stadt verlässt, muss eine Waffe tragen.

Polizistin Lottie, aus Oslo stammend, unter Angstattacken leidend, wird zu einem abgelegen Strand geschickt, wo sich die übel zugerichtete Leiche einer jungen Meeresbiologin befindet, neben ihr ein gestrandeter Pottwal. Wurde sie von einer Bärin angegriffen?, wie die Version der Polizei lautet. Lottie glaubt das nicht …

Höchst beeindruckend ist, wie der Autor Lotties Angstattacken nachvollziehbar macht. Und ganz besonders, wie es Lottie schafft, wieder allmählich zur Ruhe zu finden. Mit Wasser. „Trinken half ihr, den Atem zu beruhigen. Das erinnerte den Körper an seine Kernaufgaben. Während dieser Anfälle hatte sie das Gefühl, gegen ihren eigenen Leib zu kämpfen. Ihr Kopf wusste, dass keine Gefahr bestand, aber das half nichts. Er war wie ein Reiter auf einem durchgehenden Pferd.“

Dann ertrinkt eine junge Journalistin, die mit ihrer Firma, Nordland Safari, über die Meeresfauna informiert. Dabei ist sie auch auf verstümmelte Tiere gestossen. Unfassbar, was Menschen Tieren antun. Nils Madsen, ein früherer Berufskollege, der nach wie vor an Kriegsschauplätzen unterwegs ist, geht der Sache nach. Die beiden toten jungen Frauen kannten sich.

Welten stossen aufeinander: Die naturverbundenen Walfänger einerseits, die idealistischen Naturschützer andererseits. Es spricht sehr für dieses Buch, dass da nicht schwarz/weiss gemalt wird. Das Gefühl von Ungerechtigkeit und Verständnislosigkeit gibt es auf beiden Seiten, und aus guten Gründen. Nur eben: Nicht die Gründe sind entscheidend, sondern wie man handelt – zuerst handelt man, die Gründe werden nachgereicht.

Wieso Das kalte Schweigen der See als Thriller bezeichnet wird, hat sich mir nicht erschlossen, denn Nervenkitzel (thrills) habe ich selten gespürt. Obwohl: In der zweiten Hälfte nimmt die Geschichte Fahrt auf. Spannend ist dieses Buch, das der Autor im Nachwort als Roman bezeichnet, gleichwohl. Zuallererst als Schilderung des hohen Nordens, wo die Sonne wochenlang nicht aufgeht und einen Menschenschlag hervorbringt, der mit einem Gemüt gesegnet ist, das einige manchmal total ausrasten lässt. Dann aber auch der Naturschilderungen wegen, die einem vor Augen führen, wie staunenswert die Welt ist. „Seit Uhrzeiten wanderte der Skrei zwischen Januar und April von der Barentssee nach Süden, um sich in den Gewässern der Lofoten und Vesterålen fortzupflanzen. Eine vom Instinkt geleitete, mehrere Hundert Kilometer lange Reise.“

Das kalte Schweigen der See ist ein aktuelles Buch, in das auch die gegenwärtige politische Wirklichkeit Eingang gefunden hat. So hat sich etwa der einst konziliante Ton gegenüber Russen (und umgekehrt) seit der Invasion der Ukraine gewandelt. Über den neuen russischen Konsul konstatiert der Autor trocken: „Im Gegensatz zu seinem Vorgänger liess er keine Gelegenheit aus, Ärger zu machen.“

Morgan Audric versteht es ausgezeichnet, die unterschiedlichen Menschen, die dieses Buch bevölkern, zu charakterisieren. Besonders aufschlussreich ist der Dialog von Liv, die bei einer Haiattacke auf La Réunion ein Bein verlor, und Nils, der ihr zu erklären versucht, weshalb es ihn in Kriegsgebiete zieht. „… es war eine Atmosphäre, ein Gefühl. Ein Kriegsgebiet, eine humanitäre Katastrophe, eine Revolution, alles, was einen zwang, im Augenblick zu leben, den Horizont der eigenen Zukunft auf die folgende Minute, die folgende Stunde, den folgenden Tag zu reduzieren, alles, was die Vergangenheit, den Leerlauf, die Angst auslöschte.“

Das kalte Schweigen der See bietet eindrückliche Aufklärung über Norwegens Norden, wo hungrige Bären auf Menschen losgehen, und wo vielfältig geforscht wird, unter anderem über die Lärmverschmutzung der Ozeane. „Die Schallwellen verbreiten sich im Wasser viermal schneller als in der Luft. Schiffsmotoren, das Einrammen von Pfählen für Windparks, unterirdische Bohrungen (…) Besonders gefährlich für Säuger ist das Sonar der Militärs (…) Eine grosse Zahl von Schnabelwalen war unmittelbar nach einer NATO-Übung an einer Insel gestrandet.“ Sie waren desorientiert und zu schnell aufgetaucht.

Gefälschte Walfangquoten, Tierverstümmelungen, politische Einflussnahme, Lügen, Grausamkeit, Mord – der Mensch ist wahrlich ein unerfreuliches Wesen. Die Aufklärung, die Autor Morgan Audic liefert, ist ausgesprochen vielfältig und überaus lehrreich.

Fazit: Eine spannende und abwechslungsreise Auseinandersetzung mit der Frage, wie man leben soll – und dabei Lust macht auf den hohen Norden.

Morgan Audic
Das kalte Schweigen der See
Thriller
Hofmann und Campe, Hamburg 2024

Alexej Nawalny: Patriot

Der Auftakt zu diesen Erinnerungen liest sich wie ein Thriller: Aufgrund einer Giftattacke versagen Alexej Nawalnys Sinne den Dienst, er legt sich auf den Flugzeugboden, halluziniert, und erlebt in der Folge eine langwierige Genesung, Das ist derart packend und eindringlich geschildert, man glaubt man sei vor Ort mit dabei.

Rückblende. Zu Alexej Nawalnys ersten Kindheitserinnerungen gehört der Reaktorunfall von Tschernobyl, mit dem die russische Regierung umgeht wie sie mit allem umgeht. Lügen, nichts als Lügen. „Es ist einfach die Regel: In einer unangenehmen Situation lügt man.“ Umsiedlungen waren die Folge; was das in der Praxis bedeutete, schildert er auch am Beispiel der eigenen Familie eindrücklich.

Die Schilderungen seiner Kindheit zeigen ein System, geprägt von Einschüchterung und Mangel, das propagandistisch verklärt wurde, obwohl die Bevölkerung die Glorifizierung der Vergangenheit durchschaute. Im Kopf, doch das Gefühl ging seinen eigenen Weg. Es gehöre zum russischen Nationalcharakter, so Nawalny, damit zu prahlen, die Entbehrungen und Mühen zu ertragen, obwohl diese leicht zu vermeiden gewesen wären. „Wir Russen sehnen uns nach einem normalen Leben, in dem vollen Bewusstsein, dass wir alle unsere bestehenden Probleme selber geschaffen haben. Da wir aber nicht zugeben können, was für Narren wir sind suchen wir nach etwas, mit dem wir prahlen können, obwohl es eigentlich nichts gibt, worauf wir stolz sein können.“

Übrigens: Wer sich wundert, woher diese brutale Gewalt, mit der russische Militärs vorgehen, herkommt, wird unter anderem fündig beim Aufnahmeritual neuer Rekruten durch ältere Soldaten. Dieses institutionalisierte Mobbing wäre gemäss Nawalny nur zu bekämpfen, „indem man eine Armee schafft, in der Berufssoldaten und -soldatinnen ein Gehalt dafür bekommen, dass sie das Land verteidigen.“

Patriot erzählt auch die jüngere Geschichte Russland bzw. der Sowjetunion. So war Gorbatschow im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachfolgern nicht habgierig, doch bei den Russen alles andere als populär, auch wegen seiner Anti-Alkohol-Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Anzahl der Todesfälle durch Alkoholmissbrauch (in den 1970ern bis zu einem Drittel) einzudämmen. „Im ganzen Land drohten Betriebsleiter ihren Arbeitern mit der Entlassung, sollten sie bei Festlichkeiten Alkohol ausschenken, während sie selbst ungehindert weitertranken und über ihre eigenen Anordnungen tranken.“

Doch mit Gorbatschow kam auch Glasnost, die freie Meinungsäusserung, deren frühe Protagonisten im Fernsehen sich später zu Putinisten wandelten, das schnelle Geld war zu verlockend. Es ist dies ein Phänomen, dass auch im Westen zu beobachten war, wo die ehemaligen 68er zu staatstragenden Langweilern mutierten.

Was Patriot wesentlich ausmacht: Die klare, unbeirrte Haltung. Der Mut. Das Engagement. „Angesichts der Realitäten in Russland vernachlässigten wir von Anfang an den leisetreterischen journalistischen Ansatz mit seinen endlosen Einschränkungen – „angeblich“, „möglicherweise“, „mutmasslich“ – , die juristische Berater zu lieben. Wir nannten einen Dieb einen Dieb, Korruption Korruption. Wenn jemand ein riesiges Anwesen besass, sagten wir das nicht nur, sondern filmten es auch mir Drohnen und zeigten den Besitz in all seiner Pracht. Ausserdem brachten wir seinen Wert in Erfahrung und glichen ihm mit dem bescheidenen Einkommen ab, das der Funktionär, dem es gehörte, offiziell angab.“ Chapeau! Von solch engagierter Aufklärung habe ich im „aufgeklärten“ Westen noch nie gehört.

Alexej Nawalny hält sich nicht für besonders mutig. „Aus blanker Wut, Verzweiflung und, paradoxerweise, vor allem Angst, gewinnt man den Mut, um entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste zu handeln.“ Das lernte er, als er sich während der Schulzeit einem älteren und grösseren Jungen, der ihm Geld abknöpfte, entgegenstellte. Dabei lernte er auch eine Lektion fürs Leben: „Es ist einfacher, eine mutige Handlung auszuführen, als mit ihren Folgen zu leben.“

Der Weg zur Uni in völlig überfüllten Bussen, die gestürmt werden müssen; die Drogenszene; die korrupte Immatrikulationsstelle; um Prüfungen zu bestehen, sind Schmiergelder erforderlich … Mein Bild von Russland konkretisiert sich. Doch die Aufklärung geht über Russland hinaus, ist auch immer mal wieder allgemeiner Art. So schreibt er in Bezug aufs Studieren: Die Gesetze der Physik ändern sich nicht bei einem neuen Präsidenten Russlands oder einem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, bei den Rechts- und den Wirtschaftswissenschaften hingegen schon.

Patriot ist fesselnd geschrieben, was bei politischen Büchern eher selten ist. Darüber hinaus (und das ist bei politischen Büchern noch seltener) macht es mich auch immer wieder lachen. Einerseits, weil die beschriebenen Zustände derart grotesk sind (wie etwas der Putschversuch der alten Generäle gegen Gorbatschow), andererseits wegen Vergleichen wie diesen: „Neben Janajew sass Innenminister Pugo, der Mann mit dem komischsten Haarschnitt der Welt, auf den ich später erstmals wieder in dem Film Dracula – Tot aber glücklich mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle stossen sollte.“ In der Tat lassen die hier geschilderten Ereignisse oft an Leslie Nielsen-Filme denken.

Als er nach der Giftattacke aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann er kaum laufen, seine Arme und Beine zitterten, er kann seine Bewegungen nur schwer koordinieren. Es folgen 5 Monate in der Reha. Die New York Times will wissen, ob er nach Moskau zurückkehren will. Er hält das für eine dumme Frage. „Man arbeitet zwanzig Jahre im grellen Licht der Öffentlichkeit, schreibt Hunderte Artikel, untermauert seine Worte täglich mit Taten, und sie denken immer noch, man hätte zu viel Angst um zurückzukehren.“

Was im Kreml abläuft, hält er für irrational. Ähnlich irrational gestaltet sich seine Rückkehr nach Moskau, die im Polizeigewahrsam endet. Die Absurdität des ganzen Ablaufs, von Nawalny detailliert festgehalten (keine Kritik überzeugt mehr als das simple Beschreiben dessen, was ist), ist schon fast jenseits des Vorstellbaren. Wäre da nicht die Gewalt, niemand würde das ernst nehmen.

Das russische System (wie übrigens jedes soziale System) findet immer Gründe, um nicht von den eigenen Privilegien zu lassen. Merken Sie sich, erinnere ich mich an die Worte eines Dozenten für Zivilrecht: „Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen. Gründe dafür finden wir dann immer noch.“ Die Leute im Kreml sind die unangefochtenen Spitzenreiter in dieser Disziplin!

Nawalny mochte Putin von Anfang an nicht, weil der an die Macht kam „als Lohn für seine Loyalität und seine Bereitschaft, dem ehemaligen Präsidenten und dessen Familie Immunität zu gewähren.“ Zusammen mit seinen Mitstreitern engagiert er sich gegen Korruption, nimmt an Protestkundgebungen teil, wird verhaftet. Immer wieder. Einmal verurteilt, glaubt er fünf Jahren Gefängnis entgegenzusehen. „Man stellt sich vor, dass man in so einer Zelle die ganze Zeit hin und her läuft und sich nicht beruhigen kann – tatsächlich aber schläft man wie ein Baby. Vor der Urteilsverkündung ist man unruhig, aber worüber soll man sich Sorgen machen, wenn sie einmal vorbei ist?“ Es sind solche Sätze, die mich die Welt neu sehen lassen.

Er macht Wahlkampf für die aussersystemische Opposition, bei deren Veranstaltungen auch agents provocateurs vorbeischauen, sieht sich mit absurden Anschuldigungen konfrontiert, wird physisch angegriffen. Dass er selber in Gefahr ist, will er zunächst nicht wahrhaben. Doch nach der Ermordung von Boris Nemzow, des ehemaligen Stellvertretenden Ministerpräsidenten, konstatiert er: „Wir können nicht wissen, was als Nächstes geschieht. Es gibt einen Wahnsinnigen namens Wladimir Putin, der hin und wieder ein Zucken im Gehirn hat, einen Namen auf einen Zettel schreibt und befiehlt: ‚Bringt ihn um.'“

In seinem Schlusswort zum Yves-Rocher-Prozess sagt er: „Ich stehe vor Ihnen und bin bereit, so lange hier zu stehen, wie es dauert, Ihnen allen zu zeigen, dass ich diese Lügen nicht hinnehmen will und nicht hinnehmen werde. Das Ganze besteht buchstäblich aus nichts als Lügen vom Anfang bis zum Ende, verstehen Sie? (…) Warum nehmen Sie diese Lügen hin?“ So sehr dieses Buch Nawalnys Geschichte ist, es weist weit darüber hinaus und ist ein engagierter Aufruf, sich die Lügen der Politiker, weltweit, nicht gefallen zu lassen. Alexej Nawalnys Rückgrat und Zivilcourage sind selten und inspirierend.

Patriot ist auch eine sehr private Geschichte, in der Alexej Nawalny auch schildert, wie er seine Frau kennenlernte und die Geburt seiner Tochter Dascha ihn allmählich verwandelte, von einem eingefleischten Atheisten zu einem religiösen Menschen. „… wenn ich Dascha ansah und wie sie sich entwickelte, dann mochte ich mich nicht mehr mit dem Gedanken anfreunden, dass dies nur eine Frage der Biologie sei.“

Fazit: Enorm hilfreiche Aufklärung! Einzigartig, bewegend und überaus erhellend.

Alexej Nawalny
Patriot
Meine Geschichte
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

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