Der Auftakt zu diesen Erinnerungen liest sich wie ein Thriller: Aufgrund einer Giftattacke versagen Alexej Nawalnys Sinne den Dienst, er legt sich auf den Flugzeugboden, halluziniert, und erlebt in der Folge eine langwierige Genesung, Das ist derart packend und eindringlich geschildert, man glaubt man sei vor Ort mit dabei.
Rückblende. Zu Alexej Nawalnys ersten Kindheitserinnerungen gehört der Reaktorunfall von Tschernobyl, mit dem die russische Regierung umgeht wie sie mit allem umgeht. Lügen, nichts als Lügen. „Es ist einfach die Regel: In einer unangenehmen Situation lügt man.“ Umsiedlungen waren die Folge; was das in der Praxis bedeutete, schildert er auch am Beispiel der eigenen Familie eindrücklich.
Die Schilderungen seiner Kindheit zeigen ein System, geprägt von Einschüchterung und Mangel, das propagandistisch verklärt wurde, obwohl die Bevölkerung die Glorifizierung der Vergangenheit durchschaute. Im Kopf, doch das Gefühl ging seinen eigenen Weg. Es gehöre zum russischen Nationalcharakter, so Nawalny, damit zu prahlen, die Entbehrungen und Mühen zu ertragen, obwohl diese leicht zu vermeiden gewesen wären. „Wir Russen sehnen uns nach einem normalen Leben, in dem vollen Bewusstsein, dass wir alle unsere bestehenden Probleme selber geschaffen haben. Da wir aber nicht zugeben können, was für Narren wir sind suchen wir nach etwas, mit dem wir prahlen können, obwohl es eigentlich nichts gibt, worauf wir stolz sein können.“
Übrigens: Wer sich wundert, woher diese brutale Gewalt, mit der russische Militärs vorgehen, herkommt, wird unter anderem fündig beim Aufnahmeritual neuer Rekruten durch ältere Soldaten. Dieses institutionalisierte Mobbing wäre gemäss Nawalny nur zu bekämpfen, „indem man eine Armee schafft, in der Berufssoldaten und -soldatinnen ein Gehalt dafür bekommen, dass sie das Land verteidigen.“
Patriot erzählt auch die jüngere Geschichte Russland bzw. der Sowjetunion. So war Gorbatschow im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachfolgern nicht habgierig, doch bei den Russen alles andere als populär, auch wegen seiner Anti-Alkohol-Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Anzahl der Todesfälle durch Alkoholmissbrauch (in den 1970ern bis zu einem Drittel) einzudämmen. „Im ganzen Land drohten Betriebsleiter ihren Arbeitern mit der Entlassung, sollten sie bei Festlichkeiten Alkohol ausschenken, während sie selbst ungehindert weitertranken und über ihre eigenen Anordnungen tranken.“
Doch mit Gorbatschow kam auch Glasnost, die freie Meinungsäusserung, deren frühe Protagonisten im Fernsehen sich später zu Putinisten wandelten, das schnelle Geld war zu verlockend. Es ist dies ein Phänomen, dass auch im Westen zu beobachten war, wo die ehemaligen 68er zu staatstragenden Langweilern mutierten.
Was Patriot wesentlich ausmacht: Die klare, unbeirrte Haltung. Der Mut. Das Engagement. „Angesichts der Realitäten in Russland vernachlässigten wir von Anfang an den leisetreterischen journalistischen Ansatz mit seinen endlosen Einschränkungen – „angeblich“, „möglicherweise“, „mutmasslich“ – , die juristische Berater zu lieben. Wir nannten einen Dieb einen Dieb, Korruption Korruption. Wenn jemand ein riesiges Anwesen besass, sagten wir das nicht nur, sondern filmten es auch mir Drohnen und zeigten den Besitz in all seiner Pracht. Ausserdem brachten wir seinen Wert in Erfahrung und glichen ihm mit dem bescheidenen Einkommen ab, das der Funktionär, dem es gehörte, offiziell angab.“ Chapeau! Von solch engagierter Aufklärung habe ich im „aufgeklärten“ Westen noch nie gehört.
Alexej Nawalny hält sich nicht für besonders mutig. „Aus blanker Wut, Verzweiflung und, paradoxerweise, vor allem Angst, gewinnt man den Mut, um entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste zu handeln.“ Das lernte er, als er sich während der Schulzeit einem älteren und grösseren Jungen, der ihm Geld abknöpfte, entgegenstellte. Dabei lernte er auch eine Lektion fürs Leben: „Es ist einfacher, eine mutige Handlung auszuführen, als mit ihren Folgen zu leben.“
Der Weg zur Uni in völlig überfüllten Bussen, die gestürmt werden müssen; die Drogenszene; die korrupte Immatrikulationsstelle; um Prüfungen zu bestehen, sind Schmiergelder erforderlich … Mein Bild von Russland konkretisiert sich. Doch die Aufklärung geht über Russland hinaus, ist auch immer mal wieder allgemeiner Art. So schreibt er in Bezug aufs Studieren: Die Gesetze der Physik ändern sich nicht bei einem neuen Präsidenten Russlands oder einem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, bei den Rechts- und den Wirtschaftswissenschaften hingegen schon.
Patriot ist fesselnd geschrieben, was bei politischen Büchern eher selten ist. Darüber hinaus (und das ist bei politischen Büchern noch seltener) macht es mich auch immer wieder lachen. Einerseits, weil die beschriebenen Zustände derart grotesk sind (wie etwas der Putschversuch der alten Generäle gegen Gorbatschow), andererseits wegen Vergleichen wie diesen: „Neben Janajew sass Innenminister Pugo, der Mann mit dem komischsten Haarschnitt der Welt, auf den ich später erstmals wieder in dem Film Dracula – Tot aber glücklich mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle stossen sollte.“ In der Tat lassen die hier geschilderten Ereignisse oft an Leslie Nielsen-Filme denken.
Als er nach der Giftattacke aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann er kaum laufen, seine Arme und Beine zitterten, er kann seine Bewegungen nur schwer koordinieren. Es folgen 5 Monate in der Reha. Die New York Times will wissen, ob er nach Moskau zurückkehren will. Er hält das für eine dumme Frage. „Man arbeitet zwanzig Jahre im grellen Licht der Öffentlichkeit, schreibt Hunderte Artikel, untermauert seine Worte täglich mit Taten, und sie denken immer noch, man hätte zu viel Angst um zurückzukehren.“
Was im Kreml abläuft, hält er für irrational. Ähnlich irrational gestaltet sich seine Rückkehr nach Moskau, die im Polizeigewahrsam endet. Die Absurdität des ganzen Ablaufs, von Nawalny detailliert festgehalten (keine Kritik überzeugt mehr als das simple Beschreiben dessen, was ist), ist schon fast jenseits des Vorstellbaren. Wäre da nicht die Gewalt, niemand würde das ernst nehmen.
Das russische System (wie übrigens jedes soziale System) findet immer Gründe, um nicht von den eigenen Privilegien zu lassen. Merken Sie sich, erinnere ich mich an die Worte eines Dozenten für Zivilrecht: „Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen. Gründe dafür finden wir dann immer noch.“ Die Leute im Kreml sind die unangefochtenen Spitzenreiter in dieser Disziplin!
Nawalny mochte Putin von Anfang an nicht, weil der an die Macht kam „als Lohn für seine Loyalität und seine Bereitschaft, dem ehemaligen Präsidenten und dessen Familie Immunität zu gewähren.“ Zusammen mit seinen Mitstreitern engagiert er sich gegen Korruption, nimmt an Protestkundgebungen teil, wird verhaftet. Immer wieder. Einmal verurteilt, glaubt er fünf Jahren Gefängnis entgegenzusehen. „Man stellt sich vor, dass man in so einer Zelle die ganze Zeit hin und her läuft und sich nicht beruhigen kann – tatsächlich aber schläft man wie ein Baby. Vor der Urteilsverkündung ist man unruhig, aber worüber soll man sich Sorgen machen, wenn sie einmal vorbei ist?“ Es sind solche Sätze, die mich die Welt neu sehen lassen.
Er macht Wahlkampf für die aussersystemische Opposition, bei deren Veranstaltungen auch agents provocateurs vorbeischauen, sieht sich mit absurden Anschuldigungen konfrontiert, wird physisch angegriffen. Dass er selber in Gefahr ist, will er zunächst nicht wahrhaben. Doch nach der Ermordung von Boris Nemzow, des ehemaligen Stellvertretenden Ministerpräsidenten, konstatiert er: „Wir können nicht wissen, was als Nächstes geschieht. Es gibt einen Wahnsinnigen namens Wladimir Putin, der hin und wieder ein Zucken im Gehirn hat, einen Namen auf einen Zettel schreibt und befiehlt: ‚Bringt ihn um.'“
In seinem Schlusswort zum Yves-Rocher-Prozess sagt er: „Ich stehe vor Ihnen und bin bereit, so lange hier zu stehen, wie es dauert, Ihnen allen zu zeigen, dass ich diese Lügen nicht hinnehmen will – und nicht hinnehmen werde. Das Ganze besteht buchstäblich aus nichts als Lügen vom Anfang bis zum Ende, verstehen Sie? (…) Warum nehmen Sie diese Lügen hin?“ So sehr dieses Buch Nawalnys Geschichte ist, es weist weit darüber hinaus und ist ein engagierter Aufruf, sich die Lügen der Politiker, weltweit, nicht gefallen zu lassen. Alexej Nawalnys Rückgrat und Zivilcourage sind selten und inspirierend.
Patriot ist auch eine sehr private Geschichte, in der Alexej Nawalny auch schildert, wie er seine Frau kennenlernte und die Geburt seiner Tochter Dascha ihn allmählich verwandelte, von einem eingefleischten Atheisten zu einem religiösen Menschen. „… wenn ich Dascha ansah und wie sie sich entwickelte, dann mochte ich mich nicht mehr mit dem Gedanken anfreunden, dass dies nur eine Frage der Biologie sei.“
Fazit: Enorm hilfreiche Aufklärung! Einzigartig, bewegend und überaus erhellend.
Alexej Nawalny
Patriot
Meine Geschichte
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024