Clemens Murath: Der Libanese

Der Libanese ist ein Kriminalroman, die Handlung zu schildern also nicht besonders sinnvoll, da der Spannung abträglich, doch sie dreht sich unter anderem um einen libanesischen Clan, ums Drogengeschäft, die albanische Mafia. Und hat natürlich einen Helden, einen Superhelden – Frank Bosman vom LKA Berlin, ein harter Typ und (natürlich) sensibel, mit einem eigenwilligen Rechtsverständnis, begehrt von einer wesentlich jüngeren (attraktiven natürlich) Poetry Slam Dichterin auf Identitätssuche. Männerträume, also.

Kriminalromane bilden ja immer auch den Zeitgeist ab, im Falle von Der Libanese die Berliner Variante, wo unter anderem die Schlangen vor den Essensausgaben immer länger werden und der Autor den Lebensmittelverteiler Achim sagen lässt, er finde die Welt wesentlich unübersichtlicher als in jungen Jahren, wo klar war, wer zu den Bösen (die US-Imperialisten) und zu den Guten (man selber sowie Revolutionäre, die sich dann aber als Faschisten entpuppten) gehörte. Und wo sich Asylanten sich schon mal als Transgender ausgeben, auch wenn sie es nicht sind, denn Minderheiten haben nun einmal bessere Chancen, wenn es um Asyl geht.

Einiges läuft aus dem Ruder – eine Swingerparty, eine Entführung …, doch es sind nicht so sehr die Ereignisse, sondern es ist das Atmosphärische, das Glatte, das Filmhafte, das diesen Krimi ausmacht. Man merkt fast schon überdeutlich, dass der Autor Drehbücher schreibt, ihn die Action und nicht das Nachgrübeln treibt, obwohl auch Yeats oder Foucault Erwähnung finden.

Wobei: Der Libanese ist durchsetzt mit von der (sozialen) Realität geformten Einsichten. Etwa: „Nur wer sich anpasst, überlebt. Das weiss man, seit Darwin um die Welt segelte, Da sind feste Überzeugungen eher ein Hindernis und Ausdruck halsstarriger Prinzipien.“ (Darwin meinte allerdings die Anpassung an die Natur, nicht an die Karriereleiter). Oder: „Nobles Verhalten ist ein Privileg der Wohlhabenden.“ Oder: „… du kannst ihr nicht helfen. Du kannst ihr nur die Tür öffnen. Durchgehen muss sie allein.“

Auch Einblicke ins Filmgeschäft verschafft einem diese rasant erzählte Geschichte. Und ins brutale Drogenmilieu, die Asylantenszene mit ihren sehr realistisch geschilderten religiös-ethnischen Konflikten, die bio-vegane-Yoga-Kultur, die offenbar vor allem gelangweilte Städter anspricht. Politik kommt für einmal (und wie im richtigen Leben) nur am Rande und bei Karriereerwägungen ins Spiel.

Auch nützliche Handlungsanleitungen finden sich in diesem Kriminalroman – mit den Tätern zu sprechen bringt nichts, die Opfer zu überzeugen, sich zu wehren, ist eindeutig vielversprechender. Überhaupt: Es sind keine Schöngeister, die hier auftreten, sondern no-nonsense Typen.

Clemens Murath bedient sich ganz unterschiedlicher Erzählstränge und weiss sie stimmig miteinander zu verbinden. Die Geschichte liest sich flott, der Ton stimmt, die Dialoge sind super – und ganz speziell die sehr witzigen während der #Metoo Talkshow. Mein (fast) einziger Einwand: Er hat arg viel hineingepackt, das hätte locker für zwei Krimis gereicht. Dass es ihm trotzdem gelingt, die Spannung 470 Seiten lang aufrecht zu erhalten, zeigt einen routinierten Könner.

Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte immer wieder mit Überraschungen aufwartet, die Charaktere sich häufig anders verhalten als man es möglicherweise erwarten würde. Als etwa die fremd gehende Ehefrau des Filmproduzenten und die Prostituierte, die er regelmässig aufsucht, aufeinander treffen, stellt sich heraus, dass die beiden sich mögen. Überrascht hat mich auch, wie realitätsfremd der Spiegel-Journalist dargestellt wird.

Immer mal wieder brachte mich Der Libanese auch zum Lachen. „… ein Ausländer, der allem Anschein nach dem mediterranen Lebensraum zuzurechnen war …“. Irgendwo zwischen Libyen, Spanien und der Türkei? Schon etwas vage … Oder das Zitat von Karl Lagerfeld, „dass ein Mann, der Jogginghosen trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat.“ Jede Wette, dass Lagerfeld ein Kontrollfreak erster Güte gewesen sein muss.

Doch es gibt auch vereinzelt Sätze, die auf mich ziemlich schief wirken. „Seine Welt ist scheppernd über ihm zusammengestürzt, wie das Wellblechdach einer Favela-Hütte in Rio de Janeiro.“ So oft wird das wohl kaum vorkommen, weder in den Favelas von Rio, Porto Alegre oder Recife. Oder: „Rüdiger wischte sich eine Träne aus dem müden Auge.“ Von zwei Augen ist eines müde? Doch das sind Details, die dieser filmreifen Geschichte keinen Abbruch tun.

Fazit: Ein sehr gelungenes Werk, das einen sofort reinzieht und dann nicht mehr loslässt.

Clemens Murath
Der Libanese
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2020

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Mai Thi Nguyen-Kim, studierte Chemikerin, ist als Wissenschaftsjournalistin tätig, engagiert und der Aufklärung verpflichtet. „Die zunehmend verschwimmende Grenze zwischen Fakten und Meinungen, die Informations- und Desinformationsüberflutung in sozialen Medien und die scheinbar unerschütterliche Realitätsfeindlichkeit mancher Menschen, die die Erde für flach oder Viren für nicht existent erklärten (ja, das gab es auch schon vor Corona), waren für mich tatenlos kaum auszuhalten. Ich musste etwas tun, mitmischen, mitreden …“.

Sie tut das, indem sie aufzeigt, was Wissenschaft kann und was nicht. So sind etwa Zahlen nicht einfach Zahlen, sondern sie gehören interpretiert, sind also auch davon abhängig, in welchem Kontext sie gesehen werden. So weist sie unter anderem auf Untersuchungen von Professor Nutts hin, dem ehemaligen Drogenberater der britischen Regierung, gemäss dem Alkohol die weitaus tödlichste Droge ist, die wir kennen – der Mann wurde gefeuert, der Regierung passte seine Aussagen nicht. Mai Thi Nguyen-Kim hat gut begründete methodische Einwände gegen Nutts‘ Ranking, macht aber eben auch klar, wie schwierig es ist, Drogenpolitik auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen.

Dasselbe Phänomen regiert die Corona-Politik, die genau wie die Drogenpolitik (und wie jede Politik) auf Mehrheiten angewiesen ist – und genau das ist das Problem, denn Wissenschaft orientiert sich (im Idealfall) an der Wahrheit und nicht an der Mehrheit.

Wer sich ernsthaft um Wissenschaftlichkeit bemüht, kommt nicht darum herum, genau hinzuschauen und zu fragen, unaufhörlich zu fragen und zu prüfen, und das meint: Auch immer wieder bereits Bestätigtes in Frage stellen. Wo kommen die Zahlen her? Unter welchen Umständen kamen sie zustande? etc. etc.

Wissenschaft bedeutet aber vor allem Reproduzierbarkeit: Jeder und jede müssten unter gleichen Bedingungen zum selben Ergebnis kommen. Insbesondere bei Studien, die auf Umfragen basieren, ist das eine einigermassen aussichtslose Sache. Will ich etwa wissen, ob Videospiele Gewalt hervorrufen, lässt sich das streng wissenschaftlich so recht eigentlich nicht beantworten – man versucht es natürlich trotzdem, schliesslich brauchen auch Sozialwissenschaftler ein Einkommen.

Doch nicht nur sozialwissenschaftliche und psychologische Untersuchungen sind problematisch (wie man etwa telefonische Umfragen überhaupt Ernst nahmen kann, ist mir ein Rätsel), die Scheinbehandlungen die Syphiliskranke im Jahre 1932 in Macon County, Alabama (bekannt geworden als Tuskegee-Syphilis-Studie) erhielten, gehören noch einmal in eine ganz andere Kategorie.

„Gegner der Pharmakonzerne halten oft die Fahne der sogenannten Alternativmedizin hoch, der sie mit deutlich weniger kritischem Geist begegnen.“ Das liegt vor allem daran, dass der Mensch kein wesentlich rationales Wesen ist (mir fehlt der Glaube an vernunftgeleitetes Handeln, im Gegensatz zur Autorin), sondern sich an so ziemlich alles klammert, was ihm vermeintlich Halt gibt bzw. ihm einleuchtet (den meisten, ich schliesse mich ein, eher wenig).

Apropos Alternativmedizin: Eine der spannendsten und erhellendsten Geschichten in Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit handelt von Natalie Grams, die von einer begeisterten Heilpraktikerin (sie promovierte über die Sicherheit von Traditionellen Chinesischen Heilkräutern) zu einer scharfen Kritikerin der Homöopathie und des Heilpraktikerberufs wurde. Sie hatte nämlich herausgefunden, was der gesunde Menschenverstand (der allerdings nicht besonders verbreitet ist) schon lange weiss, dass nämlich die heilende Wirkung einer Therapie nicht unwesentlich von einem guten Arzt-Patienten-Verhältnis abhängt. Doch ein solches benötigt (für Ökonomen unproduktive) Zeit und muss sich gemäss dem heutigen Primat der Ökonomie zu Geld machen lassen – wir leben in Zeiten des Irrsinns!

Einer der Zwischentitel („Zwischen gesunder Skepsis und Verschwörungsmythen: Genaue Lupen für alle!“) in diesem lebendig geschriebenen Buch, fasst so recht eigentlich zusammen, worum es Mai Thi Nguyen-Kim hauptsächlich geht. Was Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit vor allem auszeichnet, ist die ansteckende Begeisterung der Autorin für die Wissenschaft, diesen lebendigen Prozess des Verstehen-Wollens,

Mai Thi Nguyen-Kim
Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit
Wahr, falsch, plausibel? Die grössten Streitfragen wissenschaftlich geprüft.
Droemer, München 2021

Alexander Bogner: Die Epistemisierung des Politischen

Wäre der Untertitel nicht gewesen, den ich verstanden habe, hätte ich mir dieses Buch niemals vorgenommen, denn ich verstehe seinen Titel nicht. Im Gegensatz zu meinen Jugendjahren fühle ich mich deswegen zwar nicht blöd, doch mein Respekt für Leute, die sich so ausdrücken, hält sich in Grenzen. Und so befürchtete ich einen dieser akademisch unlesbaren Texte, doch ich hatte mich getäuscht – das Werk liest sich flüssig und anregend.

Besonders angesprochen hat mich des Autors, Soziologe von Beruf, Interessens- und Wissenshorizont, der von Val McDermid über Lee Child zu Heisenberg und Nietzsche geht. Letzterer bezeichnet übrigens die Wissensoptimierung als „W a h n v o r s t e l l u n g (…,) dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu c o r r i g i r e n im Stande sei.“

Alexander Bogner geht davon aus, dass Demokratie nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist. Ich bezweifle das und halte es mit Horst Herold, dem ehemaligen Leiter des deutschen BKA, einem Sozialdemokraten, der einmal meinte, im Kapitalismus gebe es keine Demokratie, im Kapitalismus herrsche das Geld und nicht das Volk. Doch das vorliegende Buch handelt von etwas Anderem, es ist ein akademisches Buch.

Demokratie bedeutet Streit – und den hält der Autor (im Gegensatz zu mir) offenbar für positiv. Diesen Streit sieht er durch unseren Glauben an die Wissensgesellschaft gefährdet. „Die Rahmung von Konflikten als Wissenskonflikte verspricht eine Rationalisierung des Streits, an dessen Ende auch noch die Verlierer als Gewinner vom Platz gehen werden, weil sie vermittels ihrer Widerrede zum allgemeinen Wissensfortschritt beigetragen und selbst etwas dazugelernt haben: Ende gut, alles gut.“

Anhand der Corona-Krise, des Klimastreits, der Impfkontroverse sowie der Kriminalitätsdebatte zeigt er auf, dass politische Auseinandersetzungen als Wissenskonflikte ausgetragen werden. „Dabei reduziert sich der Streit auf die Frage, wer über die bessere Datengrundlage verfügt.“

Die Demokratie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass jeder Depp (und jede Deppin) mitbestimmen darf, völlig unabhängig vom Informationsstand. Dies ist dem Autor unter anderem Anlass zu Ausführungen darüber, wie viel Ignoranz die Demokratie eigentlich verträgt. Die Dummen vom politischen Prozess auszuschliessen hält er für keine Lösung (sie würde vermutlich auch keine Mehrheit finden), stattdessen setzt er auf „die Dummheit bekämpfen und daher auf (Weiter-)Bildung, Medienvielfalt, Beteiligungsinititiativen und eine anspruchsvollere Debattenkultur“, was sich für mich etwas arg nach einem Postulat anhört, das wohl alle Parteien unterschreiben würden.

Alexander Bogner geht es darum, die Politik vor der Wissenschaft zu retten. Da ich zu denen gehöre, deren Achtung vor der Politik und den Politikern im vergangenen Corona-Jahr noch tiefer gesunken ist, als ich das für möglich gehalten habe (dabei durchaus in Rechnung stellend, dass sie sich in einer extrem schwierigen Lage befunden haben und nach wie vor befinden), tendiere ich zum genauen Gegenteil – ich möchte von Leuten regiert werden, die mehr wissen als ich. Wie also kommt der Autor zu seinem Schluss?

„So wenig sich wissenschaftliche Wahrheit nach der Mehrheitsmeinung richtet, so wenig ist es Aufgabe der Politik, die Wahrheit zu vollstrecken. In der Politik geht es in erster Linie darum, ein breites Spektrum an Meinungen und Betroffenheiten zu berücksichtigen. Auf diese Weise kommt man in der Politik zu Positionen, die nicht beanspruchen können, wahr zu sein, die jedoch ein gewisses Mass an Gemeinsinn repräsentieren und dadurch mit Zustimmung rechnen können. Mehr geht nicht.“

Auch wenn ich gänzlich anderer Auffassung bin – gerade Corona hat gezeigt, dass sich ein Virus nicht um unsere Zustimmung kümmert und Politiker kaum mehr als beamtete Verkäufer sind – , lohnt die Lektüre dieses Werkes, da der Autor ganz unterschiedliche Denkansätze (von Jason Brennan bis zu Paul Feyerabend) analysiert und die Auseinandersetzung damit geeignet ist, die Wahrnehmung zu schärfen.

Alexander Bogner
Die Epistemisierung des Politischen
Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet
Reclam, Ditzingen 2021

Avi Loeb: Ausserirdisch

Vom Science Fiction Autor Arthur C. Clarke stammt die Bemerkung, es wäre schon ziemlich beängstigend, wenn wir Erdenbewohner die einzigen Lebewesen im Universum wären, doch fast genauso beängstigend wäre es, wenn wir nicht alleine wären.

Der Mensch kann sich bekanntlich viel vorstellen, doch empirische Beweise, so Galileo Galilei, kümmerten sich nicht um Zustimmung, lässt der Astrophysiker Avi Loeb jeweils seine Studenten wissen. Mit anderen Worten: Der Autor von Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten ist durch und durch Wissenschaftler, für ihn sind empirische Beweise das A und O.

Loebs Ausgangspunkt ist die Allgegenwart der Naturgesetze. Sollte es also anderswo intelligentes Leben geben, sei es naheliegend anzunehmen, argumentiert er, dass sie sich vermutlich ähnlich orientieren wie wir Menschen das tun. Und da wir Menschen Forschungsreisen zum Mond unternehmen, ist doch auch vorstellbar, dass intelligente Wesen von ausserhalb unseres Sonnensystems zu Forschungsreisen aufbrechen.

Die empirischen Belege, die diesem Buch zugrunde liegen, wurden während elf Tagen gesammelt, angefangen am 19. Oktober 2017. Ein unbekanntes Flugobjekt schoss durch unser Sonnensystem. Der Name, der ihm die Wissenschaft gab, war Oumuamua, stammt aus dem Hawaiischen und bedeutet „Kundschafter“. Dieser war klein, merkwürdig hell, hatte eine ungewöhnliche Form und wich von der Flugbahn ab, die man aufgrund der Gravitationskraft der Sonne erwartete.

Ausserirdisches Leben, darüber rümpfen nicht nur die meisten Wissenschaftler die Nase, mir geht es genau so, doch dabei übersieht man geflissentlich all die anderen „komischen“ Dinge, an die wir vorbehaltlos und ohne jegliche Evidenz glauben: Dass das Leben Sinn mache, zum Beispiel. Klar, auch denen, die das nicht glauben, fehlt die Evidenz. Trotzdem: Wir wollen Beweise. Auch Avi Loeb will Beweise und legt dar, warum die Auffassungen, die ausserirdisches Leben in Abrede stellen, nicht überzeugen.

Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten berichtet nicht nur von diesen elf Tagen, sondern auch vom Aufwachsen des Autors im israelischen Beit Hanan. „Ich träumte davon, meinen Lebensunterhalt mit Denken zu verdienen.“ Doch da die Philosophie zwar grundlegende Fragen stellte, die sie jedoch nicht lösen konnte, entschied er sich fürs Studium der Physik, die geeigneter schien, Antworten geben zu können.

Avi Loeb gehört offenbar zu den Menschen, die mit einer Intelligenz gesegnet sind, die sie befähigt, ganz gleich was erfolgreich zu studieren, sei es Philosophie, Plasma- oder Astrophysik, und irgendwann begreifen, dass die grossen Fragen sich allen Disziplinen stellen und nicht auf Religion und Philosophie beschränkt sind „Ausserdem habe ich festgestellt, dass man einen Rahmen für die Beantwortung der Frage: ‚Was ist ein lebenswertes Leben?‘ erhält, wenn man in die Unermesslichkeit des Weltraums hinausblickt und über den Beginn und das Ende von allem nachdenkt.“.

Mir gefällt Avi Loebs Priorisierung der Naturwissenschaften vor allem deswegen, weil aus dem eigenen Kopf herauszukommen und mit der Welt in einen Dialog zu treten, überaus nützlich ist. Dabei lässt er sich von Daten leiten. „Es gibt eine einzige Wirklichkeit da draussen, und wir sind sehr weit davon entfernt, alle ihre Anomalien auszuschöpfen“, hält er fest. Und: „Wissenschaftler halten das für schön, was von einer Theorie nach ihrem Kontakt mit den Daten übrig bleibt.“

Dass nur schon die Frage, ob es ausserirdisches Leben gibt, auf soviel Ablehnung stossen kann wie sie Avi Loeb erfahren hat, hat nicht zuletzt psychologische Gründe. Denn wenn wir uns einmal entschieden haben, etwas zu glauben, sind wir nur schwer wieder davon abzubringen. Wir wollen nicht, dass unser Weltbild ins Wanken gerät. Es ist unser Gruppendenken, das unsere Zivilisation prägt, es sind nicht die Beweise. Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dies deutlich zu machen.

Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten nimmt unsere Illusionen aufs Korn und plädiert für das, was es selber praktiziert – Forschung ohne Scheuklappen. Ein höchst hilfreiches Buch!

Avi Loeb
Ausserirdisch
Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten
DVA, München 2021

Noam Chomsky: Rebellion oder Untergang!

Der 1928 geborene Noam Chomsky ist ein Phänomen: wegweisender Linguist einerseits, einflussreicher Intellektueller andererseits – ein unermüdlicher Mahner sowie ein unglaublich produktiver Mensch. Was ihn treibt, ist mir unerfindlich, dass er an die menschliche Einsichtsfähigkeit zu glauben scheint, ebenso. Doch er gehört zu den wenigen Intellektuellen, die mir Eindruck machen.

Wir leben bekanntlich in der Ära des Anthropozäns, obwohl, so der Umwelthistoriker Jason Moore, die Epoche seit Ende des 18. Jahrhunderts besser als „Kapitalozän“ definiert werden sollte, um den Charakter dieser zerstörerischen Epoche genauer zu beschreiben.

Dass wir existenziell durch Atomwaffen und Klimawandel bedroht werden, dürfte mittlerweile allen klar sein, doch es ist zu befürchten, dass die meisten dieses Wissen nicht wirklich erreicht. Es ist zu abstrakt, zu wenig vorstellbar. Und überhaupt, was kann ein Einzelner schon tun?

Chomsky lesen hilft. Er macht uns nämlich unter anderem deutlich, dass wir bereits zweimal (so weit wir wissen) der Vernichtung entgangen sind, weil untergeordnete Offiziere sich nicht an die vorgegebenen mechanischen Verfahrensabläufe gehalten haben. Einmal in den 1980er Jahren, als der russische Offizier Stanislav Petrov die Information über einen vermeintlichen US.Angriff nicht an seine Vorgesetzten weitergab und damit einem mit Sicherheit katastrophalen Gegenschlag zuvorkam. Auch Leonard Perroots, Offizier der US-Luftwaffe, der dem vorgeschriebenen Verfahren nicht folgte, gehört hier erwähnt. Das zweite Mal in den 1960er Jahren, als der sowjetische U-Boot-Offizier Wassili Archipow seine Zustimmung zum Abschuss von Nuklearraketen verweigerte. Was lernen wir daraus? Auf jeder Stufe gibt es Einflussmöglichkeiten. Die Namen dieser drei Offiziere müssten so recht eigentlich anstelle der Politiker in den Geschichtsbüchern stehen, denn sie haben Nuklearkatastrophen verhindert.

Rebellion und Untergang! erinnert auch daran, dass im August 1945, als das Atomzeitalter begann, der Ruf nach einer Weltregierung laut wurde, sich seither jedoch der Nationalismus ausgebreitet hat. Und es ermahnt uns, „dass sämtliche Massnahmen zur Bekämpfung der Gefahr einer Umweltkatastrophe globalen Charakter haben müssen.“ Ich kann nicht behaupten, dass mich das zuversichtlich stimmt, leben wir doch in einer politischen Realität, die auf Interessenvertretung basiert, also davon ausgeht, dass verschiedene Ziele zu verfolgen in Ordnung sei.

So leugnen etwa die amerikanischen Republikaner den Klimawandel und zeigen damit, dass für sie Fakten nicht zählen, sie Wunschdenken bevorzugen. Man ist versucht, ihnen den kollektiven Sprung aus dem fünfzehnten Stockwerk nahezulegen, denn bestimmt leugnen sie auch die Existenz der Schwerkraft.

Chomsky zu lesen bedeutet auch, sich von der Vorstellung zu verabschieden, die Massenmedien würden einen informieren. Ein viele Jahre zurückliegendes Chomsky-Porträt im New Yorker zeigte ihn inmitten von Büchern und Manuskripten; davon geblieben ist mir, dass der Mann sich viel breiter informiert als die meisten. „Die Fakten sind also zugänglich, aber nur in einer Form, in der sie selbst von der akademischen Welt kaum zur Kenntnis genommen wird.“

Zu diesen Fakten gehört auch, dass die USA ein in vieler Hinsicht insulares Land sind. Sich dies einmal in Ruhe zu vergegenwärtigen, erklärt mehr als viele soziologische Untersuchungen. „Es gibt nicht viele Länder, die man über 3 000 Meilen durchreisen kann und in denen man doch irgendwie immer am selben Ort ist und nie wirklich auf eine andere Kultur oder Sprache oder Ähnliches stösst.“ Es sind solche Aussagen, dies dieses Buch von den üblichen Aufklärungen abheben. Oder diese: „So erinnere ich mich an Diskussionen mit den Vietnamesen zur Hochzeit des Vietnamkrieges, bei denen sie uns erklärten, welche Art von Aktionen in den USA sie für nützlich hielten. Und sie gaben uns Beispiele, über die sie sich alle einig waren, wie etwa das einer Gruppe von Frauen, die sich schweigend um die Gräber von US-Soldaten versammelte.“ Bemerkenswert ist übrigens wie Chomsky diesen Vorschlag kommentiert – selten wurde mein Unbehagen in Sachen Aktivisten besser auf den Punkt gebracht: „Die Vietnamesen interessierten sich für das Überleben ihres Landes; ob man sich bei den entsprechenden Aktionen gut fühlte, war für sie nicht wichtig.“

Gut informiert zu sein, bedeutet zuzuhören und sich unter anderem zu fragen, was für Gründe Trump und den herrschenden Raubtierkapitalismus möglich machten. Und es bedeutet, sich dem Agenda-Setting der Mainstream-Medien zu entziehen sowie seine Quellen zu erweitern. Und es bedeutet auch, die Prioritäten richtig zu setzen. Hinsichtlich des politischen Geschehens meint das: Die grössten Gefahren für die Menschheit sind Klimawandel und Atomkatastrophe. Daran gilt es immer wieder zu erinnern, das gilt es immer wieder zu betonen. Und genau dies tut Rebellion oder Untergang! Fundiert, differenziert, engagiert und eloquent.

Noam Chomsky
Rebellion oder Untergang!
Ein Aufruf zu globalem Ungehorsam zur Rettung unserer Zivilisation
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2021

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