Der Libanese ist ein Kriminalroman, die Handlung zu schildern also nicht besonders sinnvoll, da der Spannung abträglich, doch sie dreht sich unter anderem um einen libanesischen Clan, ums Drogengeschäft, die albanische Mafia. Und hat natürlich einen Helden, einen Superhelden – Frank Bosman vom LKA Berlin, ein harter Typ und (natürlich) sensibel, mit einem eigenwilligen Rechtsverständnis, begehrt von einer wesentlich jüngeren (attraktiven natürlich) Poetry Slam Dichterin auf Identitätssuche. Männerträume, also.
Kriminalromane bilden ja immer auch den Zeitgeist ab, im Falle von Der Libanese die Berliner Variante, wo unter anderem die Schlangen vor den Essensausgaben immer länger werden und der Autor den Lebensmittelverteiler Achim sagen lässt, er finde die Welt wesentlich unübersichtlicher als in jungen Jahren, wo klar war, wer zu den Bösen (die US-Imperialisten) und zu den Guten (man selber sowie Revolutionäre, die sich dann aber als Faschisten entpuppten) gehörte. Und wo sich Asylanten sich schon mal als Transgender ausgeben, auch wenn sie es nicht sind, denn Minderheiten haben nun einmal bessere Chancen, wenn es um Asyl geht.
Einiges läuft aus dem Ruder – eine Swingerparty, eine Entführung …, doch es sind nicht so sehr die Ereignisse, sondern es ist das Atmosphärische, das Glatte, das Filmhafte, das diesen Krimi ausmacht. Man merkt fast schon überdeutlich, dass der Autor Drehbücher schreibt, ihn die Action und nicht das Nachgrübeln treibt, obwohl auch Yeats oder Foucault Erwähnung finden.
Wobei: Der Libanese ist durchsetzt mit von der (sozialen) Realität geformten Einsichten. Etwa: „Nur wer sich anpasst, überlebt. Das weiss man, seit Darwin um die Welt segelte, Da sind feste Überzeugungen eher ein Hindernis und Ausdruck halsstarriger Prinzipien.“ (Darwin meinte allerdings die Anpassung an die Natur, nicht an die Karriereleiter). Oder: „Nobles Verhalten ist ein Privileg der Wohlhabenden.“ Oder: „… du kannst ihr nicht helfen. Du kannst ihr nur die Tür öffnen. Durchgehen muss sie allein.“
Auch Einblicke ins Filmgeschäft verschafft einem diese rasant erzählte Geschichte. Und ins brutale Drogenmilieu, die Asylantenszene mit ihren sehr realistisch geschilderten religiös-ethnischen Konflikten, die bio-vegane-Yoga-Kultur, die offenbar vor allem gelangweilte Städter anspricht. Politik kommt für einmal (und wie im richtigen Leben) nur am Rande und bei Karriereerwägungen ins Spiel.
Auch nützliche Handlungsanleitungen finden sich in diesem Kriminalroman – mit den Tätern zu sprechen bringt nichts, die Opfer zu überzeugen, sich zu wehren, ist eindeutig vielversprechender. Überhaupt: Es sind keine Schöngeister, die hier auftreten, sondern no-nonsense Typen.
Clemens Murath bedient sich ganz unterschiedlicher Erzählstränge und weiss sie stimmig miteinander zu verbinden. Die Geschichte liest sich flott, der Ton stimmt, die Dialoge sind super – und ganz speziell die sehr witzigen während der #Metoo Talkshow. Mein (fast) einziger Einwand: Er hat arg viel hineingepackt, das hätte locker für zwei Krimis gereicht. Dass es ihm trotzdem gelingt, die Spannung 470 Seiten lang aufrecht zu erhalten, zeigt einen routinierten Könner.
Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte immer wieder mit Überraschungen aufwartet, die Charaktere sich häufig anders verhalten als man es möglicherweise erwarten würde. Als etwa die fremd gehende Ehefrau des Filmproduzenten und die Prostituierte, die er regelmässig aufsucht, aufeinander treffen, stellt sich heraus, dass die beiden sich mögen. Überrascht hat mich auch, wie realitätsfremd der Spiegel-Journalist dargestellt wird.
Immer mal wieder brachte mich Der Libanese auch zum Lachen. „… ein Ausländer, der allem Anschein nach dem mediterranen Lebensraum zuzurechnen war …“. Irgendwo zwischen Libyen, Spanien und der Türkei? Schon etwas vage … Oder das Zitat von Karl Lagerfeld, „dass ein Mann, der Jogginghosen trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat.“ Jede Wette, dass Lagerfeld ein Kontrollfreak erster Güte gewesen sein muss.
Doch es gibt auch vereinzelt Sätze, die auf mich ziemlich schief wirken. „Seine Welt ist scheppernd über ihm zusammengestürzt, wie das Wellblechdach einer Favela-Hütte in Rio de Janeiro.“ So oft wird das wohl kaum vorkommen, weder in den Favelas von Rio, Porto Alegre oder Recife. Oder: „Rüdiger wischte sich eine Träne aus dem müden Auge.“ Von zwei Augen ist eines müde? Doch das sind Details, die dieser filmreifen Geschichte keinen Abbruch tun.
Fazit: Ein sehr gelungenes Werk, das einen sofort reinzieht und dann nicht mehr loslässt.
Clemens Murath
Der Libanese
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2020




