Dag Solstad: 16.7.41

Ein Zitat von Iris Radisch ist der Presseinformation des Verlages vorangestellt: „Norwegens Grösster“. Nach welchen Kriterien bloss? Na ja, Substanzlosigkeit ist das Kennzeichen der Werbung. Und hat auch durchaus einen Effekt. In meinem Falle: Meine Erwartungshaltung ist gross.

Der Einstieg enttäuscht mich, wirkt wie ein Schüleraufsatz: Dag Solstad, geboren am 16.7. 41, begibt sich zum Flughafen, wo er sich, weil er zu früh ist, die Zeit vertut. „Der Unterschied zwischen einem internationalen Flughafen und anderen modernen Treffpunkten, wie z.B. einem Kaufhaus, ist riesig. In einem Flughafen sind alle Handelnde, in einem Warenhaus gibt es viele Betrachter und Flaneure, die sich lediglich umschauen, ohne bestimmten Grund (…) Auch zwischen internationalen Flughäfen und Bahnhöfen ist der Unterschied riesig …“. Ich bin selber oft auf Flughäfen und Bahnhöfen und teile diese Einschätzung überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Auf mich wirken alle Konsumstätten recht uniform.

Einmal in der Luft, blickt er in die Wolkenlandschaft, imaginiert Fabelwesen, erzählt von vergangenen Träumen. „Alles, was ich sah, erschien mir wie ein Kirchenlied. Ich sah die geheimsten Hoffnungen der Menschheit. Ich sah Zeichen der Gnade und deutliche Bilder der Erlösung.“ Auch Engelscharen sieht er. Und einen Löwen und ein Lamm. Mich erinnerte das an lange zurückliegende LSD-Erfahrungen. Ich bin froh, handelte es sich nicht um einen Langstreckenflug.

Dann beschreibt er Berlin, dem er sich aus verschiedenen Richtung annähert. Ein origineller Ansatz. Geografie, Verkehrslage, Architektur. Geschichtliches. Ganz Unterschiedliches fällt ihm auf, auch „dass die Berliner Bevölkerung Berlins ureigene Atmosphäre ausmacht“. Und er behauptet: „Keine Stadt ist zu jeder Tageszeit so voll von auffälligen Gestalten wie Berlin.“ Egal, ob das stimmt, er nimmt es offenbar so wahr. Und regt mich damit zu eigenen Gedanken über Berlin und andere Städte und deren Bevölkerung an.

Auf Seite 72 wird es dann für mich plötzlich spannend, denn da lese ich, dass der Autor ohne Grund nach Berlin gekommen ist. Weder ist er auf der Flucht noch auf der Suche, auch verfolgt er kein bestimmtes Projekt. „Es gibt für mich keinen Grund, hier zu sein, und das ist vielleicht genau der Grund, weshalb ich mich hier befinde. Um zu frühstücken. Sonst nichts.“ Ein norwegischer Zen-Buddhist? Eher ein Buchhalter, der von seinen Spaziergängen berichtet. „Studierte man die Karte, und nur dann, stellte sich sogar heraus, dass es von der Hobrechtbrücke aus zu Karstadt tatsächlich kürzer war als von der Kottbusser Brücke, und das war eine ziemlich grosse Verschiebung der Perspektive.“ Es gibt ziemlich viele solche Sätze, die mich einigermassen ratlos zurück lassen.

Doch irgendwann geht mir auf, dass Dag Solstad Berlin so beschreibt, wie ich vor Jahren, als ich immer mal wieder während Monaten in Bangkok wohnte, Bangkok erlebt und beschrieben habe. Und ab da hat er meine volle Aufmerksamkeit, auch wenn sie nicht allein Kreuzberg gilt, wo er und seine Partnerin eine Zweizimmerwohnung gemietet haben, sondern genau so meinen Erinnerungen an die Gegend zwischen unterer Sukhumvit und Siam Square.

Alles registriert er, zu allem macht er sich Gedanken. Ein neugieriger Ethnologe, der eine neue Stadt und ihre Bewohner erkundet. Ein Beobachter, der zum Teilnehmer am Stadtleben wird. So ging es mir schon oft, nicht nur in Bangkok, auch in San Francisco und in Santa Cruz do Sul. Dag Solstads recht ausgeprägtes Interesse an Geschichte geht mir hingegen ab.

Er läuft durch Berlin und denkt nach. Über seine Einsprachigkeit. Und über seine schlechten Träume. Und er berichtet über einen Geistesblitz, den er Ende des 20. Jahrhunderts in Moskau hatte und der ganz plötzlich wieder auftaucht. „Erneut war mir ein Geistesblitz, der alles in meinem Leben hätte erklären können, entglitten.“ Wenn man den Alltag bewusst wahrnimmt, wird einem eben noch ganz Anderes bewusst.

Er beschliesst, Schuhe zu kaufen, betritt Kaufhäuser und staunt über die Welt. Er räsoniert über den Qualitätsbegriff, hat Appetit auf Fisch und konstatiert das Offensichtliche: „In dem kleinen Fischgeschäft roch es nach Fisch.“ Er befindet sich auf einer Entdeckungsreise. Das Banale zu schildern, lässt dieses speziell erscheinen.

Einmal, er kriegt beim Essen keine Luft mehr, landet er auch im Spital. Er erzählt auch von seiner Höhenangst. Und er sinniert über den Zusammenhang zwischen seinem wachen Leben und seinen Träumen. Es ist dieses Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, das nicht sogenannt Wichtiges von sogenannt Unwichtigem trennt, das mir dieses Buch sympathisch macht.

Warum dieses Werk als Roman bezeichnet wird, ist mir unerklärlich. Ich selber lese es als Beschreibung dessen, was ist, als aufmerksames Wahrnehmen von dem, was seine Augen sehen und was durch seinen Kopf geht. Er sei ein Mann ohne Vergangenheit, konstatiert er einmal. „Nur kurze Momente des Aufflackerns von gelebtem Leben, also von Vergangenheit, die einmal Gegenwart war, tauchen bisweilen als Erinnerungen in mir auf, die ich im Grossen und Ganzen von mir wegschiebe. Ich habe sehr wenig Platz für derlei Erinnerungen.“ Solche Sätze lassen mich innehalten, unterbrechen den Automatismus, der das Leben prägt.

Er besucht Lillehammer und fährt nach Sandefjord, wo er aufgewachsen ist, Auch das schildert er sehr detailliert, was mich einerseits fasziniert und andererseits gelegentlich fragen lässt, ob der Mann eigentlich auch Gedanken hat, die er nicht zu Papier bringt. So sehr mir gefällt, dass da einer einen höchst unspektakulären Alltag in Worte fasst und ihm dadurch Bedeutung verleiht, so sehr nervt mich auch, dass er zum Auslassen unfähig zu sein scheint.

Da beschreibt einer, wie er sich und die Welt wahrnimmt. Dass er das hauptsächlich an einem ihm fremden Ort tut, schärft seine Sinne und erlaubt ihm, die Gegenwart zuzulassen. Jedenfalls für Momente, denn er entkommt dem Warten, einer unserer Geiseln, nicht. „Ich warte ab. Registriere. Und warte. Worauf? Dass die Zeit reif ist.“

Dag Solstad
16.4.71
Dörlemann, Zürich 2020

Timothy Snyder: Die amerikanische Krankheit

In meinen Augen wurde Amerika schon immer überbewertet und mit Hollywood verwechselt. Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass weit mehr als man sich hat vorstellen können, im Argen liegt. Ein nüchterner Blick tut schon lange Not, angesichts der jetzigen Regierung wird er dringend. Und Geschichtsprofessor Timothy Snyder liefert ihn und zwar so, wie man das am besten tut: Indem man konkret und grundsätzlich wird – seinen Anfang nimmt Die amerikanische Krankheit mit seinen eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen.

Im Dezember 2019 stimmt einiges nicht mit seiner Gesundheit. In München wird eine Blinddarmentzündung übersehen, in Connecticut wird er operiert, in Florida kurz darauf wieder krank. Schliesslich landet er mit einer Sepsis („der Tod war nahe“) in einer überfüllten Notaufnahme in New Haven. Er schildert dies nüchtern und unaufgeregt, beschreibt in einfacher Sprache, was er wahrnimmt: Ein völlig überfordertes System – kein Wunder, denn es ist darauf angelegt, dass einige wenige davon profitieren. „Die Spezialisten in Sachen Profit sind in den physischen und mentalen Raum vorgedrungen, der einst von den Spezialisten in Sachen Medizin kontrolliert wurde.“

Zeit zu haben und sich in Geduld zu üben, gehört nicht zu den Wesensmerkmalen unseres modernen Lebens. Die Beobachtungen, die der Patient Snyder im amerikanischen Spital macht, bringen es auf den Punkt: „Menschen sind bei fast jeder Aufgabe viel schlechter, wenn sie in der Nähe eines Mobiltelefons sind; beide Ärzte hatten die ihren eingeschaltet und zur Hand.“ Und: „Die ständige Ablenkung der Ärzte und Krankenschwestern ist ein Symptom unserer Krankheit. Jeder Patient hat eine Geschichte, aber niemand geht der Geschichte nach.“

Am Rande: Einmal hört er zwei Krankenschwestern sich über eine Freundin, eine schwarze Ärztin, die sich für ihn einsetzt, unterhalten. „’Wer war sie?‘ ‚Sie hat gesagt, sie sei Ärztin.‘ Sie sprachen über meine Freundin. Sie lachten (…) Rassismus beschädigte in dieser Nacht meine Lebenschancen; er beschädigt die Lebenschancen anderer in jedem Augenblick ihres Lebens.“

Warum er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen habe, als er in der Notaufnahme gewesen sei, wird er von Kollegen gefragt. Seine Antwort zeigt, weshalb die Gesundheitspolitik mitentscheidend dafür ist, ob wir in einer wirklichen Demokratie (und nicht einer solchen des Geldes) leben. „Wenn jeder Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung zu minimalen Kosten hat, wie dies für fast alle Menschen in der entwickelten Welt gilt, ist es einfacher, Mitbürger als gleichberechtigt zu betrachten.“

Timothy Snyder ist beruflich viel unterwegs und, da er unter heftiger Migräne leidet, auch zu einer Person geworden, „die nachts in fremden Ländern Krankenhäuser aufsuchte.“ Dabei machte er auch die Erfahrung, dass „die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinausgeht „…) Und mir ist klar geworden, dass sie in einem System arbeiten, dass all das ermöglicht und fördert.“ Er scheint also ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht allerdings nicht allen so, wie der Arzt Klaus Scheidtmann in Seitenwechsel berichtet.

Das Ehepaar Snyder hat zwei Kinder, das eine wurde in Wien geboren, das andere in den USA. Die Unterschiede sind eklatant – was in Österreich selbstverständlich ist, kostet in Amerika viel Geld. Doch Die amerikanische Krankheit stellt nicht einfach Gesundheitssysteme einander gegenüber, sondern wird grundsätzlich: Als Covid-19 die USA erreichte, wollte die US-Regierung die Wahrheit nicht wahrhaben, beschwichtigte, log und lügt immer noch. „Da die Wahrheit einen befreit, widersetzen sich die Menschen, die einen unterdrücken, der Wahrheit (…) Die Wahrheit erfordert Arbeit, Fakten stimmten oft nicht mit dem überein, was wir glauben, was wir glauben wollen oder was wir glauben sollen. Fakten sind das, was wir begreifen, wenn wir die richtige Distanz zwischen unseren Gefühlen und der Welt um uns herum feststellen.“

Fazit: Ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer gegen die kommerzielle Medizin.

Timothy Snyder
Die amerikanische Krankheit
Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital
C.H. Beck, München 2020

Benjamin Moser: Sontag

Mein Interesse an diesem monumentalen 800-Seiten-Werk gründet in meiner Auseinandersetzung mit Sontags Ansichten über Fotografie, einer Stelle aus dem Buch ihres Sohnes, David Rieff, worin er vom Sterben seiner Mutter schreibt (sie habe immer gedacht, mit ihrem Verstand würde sie in der Lage sein, auch die Mediziner-Sprache zu verstehen, und war kläglich gescheitert.) und meiner Wertschätzung von Benjamin Mosers Clarice Lispector Biografie sowie seinem Engagement für diese brasilianische Autorin. Soweit meine Rationalisierungen, die bestenfalls darüber Zeugnis geben, was mir zur Zeit gerade einleuchtet.

Bücherlesen kann auch ein sinnlicher Genuss sein – nur schon Format, Ausstattung, angenehm kurze Kapitel und leserfreundlicher Satzspiegel machen dieses Werk dazu. Dass Benjamin Moser überdies ein höchst talentierter Schreiber ist macht die Lektüre zu einem veritablen Erlebnis, bei dem man den Eindruck hat, die handelnden Personen in Fleisch und Blut vor sich zu haben. Was natürlich ein Irrtum ist, denn dass kaum etwas verschiedener ist als Mythos und Realität, das zeigt er sehr überzeugend auf – wobei mich das ständige Verweisen auf vermeintliche Gegensätze („Zunehmend ‚in der Welt zu Hause‘, wie Alfred Chester gesagt hatte, lernte sie ihre Mönchszelle schätzen.“ / „In diesen Jahren oberflächlichen Ruhms und liebloser Affären befürchtete sie, sie könne jenen kleinen Rest an Selbst verlieren, der ohnehin nie ganz sicherer Besitz gewesen war.“) ziemlich irritierte.

Die reale Susan Sontag ist nicht vom Himmel gefallen, sondern eine von ihren Eltern (und speziell der Mutter, die Alkoholikerin war) geprägte Tochter, die bereits in jungen Jahren von dem Gefühl dominiert wurde, eine Aussenseiterin zu sein (eigenartig, dass sich viele öffentliche Personen als Aussenseiter verstehen). Dazu beigetragen haben neben ihrem Intellekt und ihrer Attraktivität auch ihre Interessen, mit denen sie an der damaligen Universität von Chicago, die ein klassisches Bildungsideal pflegte, wozu gehörte, dass man nicht nur die alten Griechen kannte, sondern auch etwas von Physiologie und Quantenphysik verstand, bestens aufgehoben war.

Es ist eine spannende Lektüre, die einen das zwanzigste Jahrhundert aus einer ungewohnten und höchst aufschlussreichen Perspektive erleben lässt, reich an Details und Zusammenhängern, die mir gänzlich unbekannt waren. Etwa dass die junge Susan zusammen mit zwei Studienkollegen von Thomas Mann empfangen wurde. Oder dass Herbert Marcuse nach seiner Flucht aus Deutschland bei den Rieffs unterkam. Oder sie mit Jasper Johns eine einmonatige Affäre hatte. Oder Herberto Padilla für sechs Monate bei sich aufnahm. Oder dass Aids mit fast vierzig Millionen Toten „eine der grössten Pandemien in der Geschichte der Menschheit“ war. Und und und …

Gestaunt habe ich, dass sie, die mir vor allem als Foto-Philosophin ein Begriff ist, ihrem Sohn verbot, bei Reisen aus den Fenstern von Zügen und Bussen zu blicken und dass „Sehen für sie ihr Leben lang eine Anstrengung“ war. „Sie sagte immer, er müsse von einem Ort nur alle Fakten und historischen Daten wissen, aber aus dem Fenster zu blicken, nütze ihm nichts.“ Benjamin Moser argumentiert: „Aber gerade weil sie keine natürlichen Zugang zum Sehen hatte, war sie gezwungen, darüber zu reflektieren – etwas, was jemandem mit einem mühelosen Zugang nie in den Sinn gekommen wäre.“ Ich wäre mir da nicht so sicher, denke eher, dass, wie Susie Linfield schrieb, Intellektuelle Angst vor Emotionen haben und sich deshalb in Theorien flüchten.

Sontag ist eine Biografie voller bunter Charaktere – selten habe ich derart plastisch geschildert das grosse Welttheater miterlebt. Da tritt der lateinamerikanische Feuerwerkskörper Irene Fornés auf (eine der mich nachhaltig beeindruckenden Personen in diesem Buch) wie auch der von rigiden Vorstellungen von Schicklichkeit geleitete Philip Rieff, da wird der sie grosszügig fördernde New Yorker Verleger und Lebensfreund Roger Straus vorgestellt wie auch der auf Amphetaminen schwebende Andy Warhol. Und ich werde daran erinnert, dass Ronald Reagan „nicht zwischen Bild und Wirklichkeit, Metapher und Objekt, gefilmter Erfahrung und gelebter Erfahrung unterschied.“

Benjamin Moser erzählt jedoch nicht nur vom Leben und Wirken der nicht wirklich fassbaren Susan Sontag (welches Leben ist schon fassbar?), dieser „Grossmeisterin des Ehrgeizes“, zu deren Eigenschaften gehörte, dass sie sich von gänzlich Ungebildeten beeindrucken lassen konnte („Wir schauen uns das Kunstwerk nicht an, wenn wir es interpretieren. So betrachtet man keine Kunst“, wies sie ihr Freund Paul Thek einmal zurecht); er berichtet auch vom kulturellen Leben New Yorks, von der Gründung der ‚New York Review of Books‘ (häufig als ‚The New York Review of Each Other’s Books‘ bespöttelt), von den Eifersüchteleien und Intrigen derer, die sich für überlegen halten, weil sie über die alten Griechen reden können. „Die Welt, in der Susan sich bewegte, war boshaft.“

Überheblich, voller Selbstzweifel und mit höchsten Ansprüchen an sich selber, eine öffentliche Persona und eine private Tagebuchschreiberin (wobei sie wusste, dass auch diese Tagebücher einmal veröffentlicht werden würden), keine Frage, Susan Sontag war ein vielschichtiger Mensch (doch wer ist das nicht?). Am aufschlussreichsten fand ich die Muster, die Benjamin Moser auszumachen imstande war. Etwa dieses: „… das blieb ihr ganzes Leben bemerkenswert gleich. In wenigen Monaten verwandelte sich Leidenschaft in Bissigkeit und Eifersucht.“ Oder dieses: „In mancherlei Hinsicht – darunter einer sehr nachteiligen – hatte Susan grosse Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.“

Sontag lässt sich auch als aufschlussreiche Einführung in die höchst kompetitive Kunstszene New Yorks lesen. Immer wieder kam mir dabei Jim Harrisons Beschreibung von Grossstädten als „centers of ambition“ in den Sinn. Man muss in der Tat ungeheuer ambitioniert sein, um es in dieser Stadt zu schaffen – und Susan Sontag war das eindeutig. Sympathisch kommt sie nicht rüber, doch sympathische Menschen sind selten aussergewöhnlich erfolgreich.

Höchst anregend fand ich vor allem die Wiederbegegnung mit Sontags Reflexionen über Fotografie. Insbesondere Sätze wie: „Die letzte Weisheit des fotografischen Bilds lautet: ‚Hier ist die Oberfläche. Nun denk darüber nach – oder besser: erfühle, erkenne intuitiv – , was darunter ist, wie eine Realität beschaffen sein muss, die so aussieht.’“ Glänzend auch ihre Einschätzung des maoistischen China: „Die Chinesen wollen nicht, dass Fotografien besonders viel aussagen. Sie wollen die Welt nicht aus einen ungewöhnlichen Blickwinkel anvisieren, um Neues zu entdecken. Fotografien sollen zu Schau stellen, was schon beschrieben ist … Für die chinesischen Behörden gibt es nur Klischees – die sie freilich nicht als klischeehafte, sondern als ‚korrekte‘ An-Sichten betrachten.“

Susan Sontag misstraute der Kamera, weil ihre Linse die Wirklichkeit verändert und sie gleichzeitig erschafft. „Diese Form des Sehens – eine Form, die Materie verwandelt und verfälscht – ist der Grund, warum Sontag der Kamera – und der Metapher – misstraute. Denn eine Fotografie ist letztlich eine Metapher – eine Sache, die für eine andere steht – , und Susan hatte eine instinktive Abneigung gegen Metaphern.“ Doch ist eine Fotografie wirklich eine Metapher? Sie kann meines Erachtens durchaus auch einfach für sich stehen.

Die Pflicht zur universellen Bildung, die unter anderen Joseph Brodsky verkörperte, durchzieht auch Susan Sontags Leben. Ein Ideal der Hochkultur, das auch diese Biografie durchzieht, wo man ständig auf Menschen trifft (Walter Benjamin, Elias Canetti und und und), deren Ansprüche an sich selber zwar zu herausragenden Werken geführt (nicht, dass ich das wirklich beurteilen könnte), aber ihnen ein gutes Leben (was auch immer das sein mag) verwehrt hat. Doch hatten sie (haben wir), denn wirklich eine Wahl? À propos Benjamin: „Ein Grund für Benjamins Selbstmord war die Tatsache, dass er sich die Bibliothek, die er den Nazis hatte überlassen müssen, nie wieder zurückholen konnte.“ Einer der dümmeren Sätze (Wer kann schon wissen, weshalb sich jemand umbringt?) dieser exzellenten Biografie. Ein anderer ist dieser hier: „Die Beziehung zwischen Fotografie und Wirklichkeit ist so belastet wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen.“ Eine Beziehung (!) zwischen Fotografie und Wirklichkeit? Gimme a break!

Prominent kommt auch Annie Leibovitz vor. Es sind Passagen, die mir nicht nur nahegehen, sondern mich viele mir vertraute Namen in einem ganz neuen, sehr desillusionierten Licht sehen lassen, den Rolling Stone-Herausgeber Jann Wenner etwa. Oder die Rolling Stones. „Mit diesen Typen längere Zeit abzuhängen machte sie echt fertig. Es waren nicht einfach Drogen, es waren Sex und Drogen und Gemeinheit und Bösartigkeit und Grauen“, sagte eine ihrer Freundinnen. Und: „Manchmal war es sehr erniedrigend. Sie erklärte sich mit jedem Scheiss einverstanden.“ Der faustische Pakt scheint geradezu Bedingung für Erfolg in „unserem“ kapitalistischen System.

„Sie waren das schlimmste Paar, das ich je erlebt habe, was Unfreundlichkeit, Gehässigkeit und Groll anging“, sagte Sontags Sohn David, der Leibovitz nicht mochte. Die Schilderung dieser beiden Frauen, beide auf jeweils ihre Weise das Gegenteil von seelisch und geistig ausgeglichen, ist ein Meisterstück. Gewundert habe ich mich auch, wie man als Fotografin so reich werden kann.

Höchst beeindruckend ist wie Benjamin Moser es geschafft hat, diesen immensen Stoff zu organisieren. Und wie ungeheuer anregend diese Lektüre ist – ein intellektuelles Feuerwerk, das einem unter anderem, zu meiner grossen Überraschung (wie gesagt, kenne ich vor allem Sontags Gedanken zur Fotografie), auch Kleist und Cioran und John Cage („Schlimm ist nicht, wo man ist, schlimm ist nur zu denken, man wäre lieber woanders.“) näher bringt. Und mir deutlich macht, worin ihr Dilemma wesentlich lag – Selbstakzeptanz war für Susan Sontag keine Option.

Fazit: Ein überaus spannendes, höchst lehrreiches, singuläres Buch. Einfach grossartig!

Benjamin Moser
Sontag
Die Biografie
Penguin Verlag, München 2020

Martin Brüne: Der unangepasste Mensch

Dass es mich gibt ist einem Zufall zu verdanken. Hätten sich nämlich Ei- und Samenzellen meiner Eltern nicht genau zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt getroffen und vereinigt, gäbe es mich nicht. Für diejenigen, die hinter Allem und Jedem einen geheimen Plan vermuten oder sich Bedeutsames erhoffen, ist das eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis, auf mich selber wirkt sie jedoch vor allem (nein, nicht nur) befreiend. Auch natürlich weil sie nicht nur mich, sondern so recht eigentlich alle Lebewesen betrifft und so meine Ego-Fixiertheit relativiert.

Noch Einiges mehr ist dem Zufall zu verdanken, wie Martin Brüne, Jahrgang 1962, Professor für Psychiatrie, in Der unangepasste Mensch. Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution ausführt, auch wenn es dem Menschen eignet, die Dinge entschieden anders zu sehen und die Tatsache, dass er überlebt, mehr seinem Geschick als der Natur zurechnet. Was das typisch Menschliche ausmacht, was uns von unseren nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet und was uns verbindet, darum geht es in diesem Buch, das überdies davon handelt, „welche psychischen und körperlichen Probleme uns begegnen, wenn wir versuchen, den Spagat zwischen Steinzeit und Moderne zu meistern“ und auch davon, „was uns unsere evolutionäre Vergangenheit lehren kann, Krankheiten besser zu verstehen und zu behandeln.“

So nachvollziehbar ein anthropozentrisches Weltbild auch ist (wie wir die Welt wahrnehmen, liegt schliesslich in uns begründet), es ist nachweislich falsch und führt letztlich zu einem nicht mehr rückgängig zu machenden Desaster. Auch die Aufforderung „Macht Euch die Erde untertan“ hat zu Corona und zur Klimakatastrophe geführt. Nichtsdestotrotz: wir haben uns als unglaublich erfolgreich erwiesen, sind aber nach wie vor extrem vulnerabel (und können daran wenig bis gar nichts ändern, meint Professor Brüne).

Es ist hilfreich, den Menschen in grösseren Zusammenhängen zu betrachten. „Wenn sich Umwelten so rasch ändern, dass Tier- und Pflanzenarten nicht die Flexibilität haben, sich daran anzupassen, sterben sie aus. Dies ist es, was wir heute geradezu in Echtzeit beobachten können. Jedes Jahr verschwinden geschätzte 20 000 Tier und Pflanzenarten unwiederbringlich von unserem Planeten.“ Bedauerlicherweise scheint es uns nicht gegeben, vorausschauend zu empfinden (vorausschauend zu denken geht schon, aber was nützt schon denken?), doch uns darum zu bemühen, unseren Erkenntnissen auch Taten folgen zu lassen, wäre überaus nützlich.

Es wäre nicht nur wünschenswert, sondern ist geradezu überlebenswichtig, dass wir lernen, „der Natur nicht zu sehr ins Handwerk zu pfuschen“. Dabei hilft es auch, sich zu vergegenwärtigen, dass unser Organismus ein eigentliches Ökosystem bildet, bestehend aus etwa 30 Billionen eigener Zellen „und mindestens noch einmal so viele Zellen in uns und auf uns, die nicht unser Erbgut tragen, sondern das von Bakterien, Pilzen und Viren – zusammengenommen ‚Mikrobiota‘ genannt.“ Es gibt Schätzungen, die von einem Verhältnis von 10 zu 1 ausgehen. Das Verhältnis von unseren etwa 25 000 Genen zu den etwa acht Millionen Gene des Mikrobioms ist noch drastischer. „Die nüchterne Bilanz ist daher, dass das meiste in und auf unserem Körper nicht uns gehört, sondern artfremd ist.“ Das wirklich zu verstehen, kann ehrfürchtig machen.

Martin Brüne widmet sich ganz unterschiedlichen Themen, von der Evolution zur Genetik, dem Darm zur Borderline-Störung, der Schizophrenie zum Mitgefühl mit Gefühl. Immer wieder stosse ich auf Sätze, die mich innehalten und sie bedenken lassen. Etwa dass Tiere, entgegen uns Menschen, einen Grossteil ihres Lebens tatsächlichen Gefahren ausgesetzt sind. „Anders als sie können nur wir Menschen uns bedroht fühlen, ohne dass dafür ein faktischer Grund dafür vorliegt.“ Daraus schliesse ich unter anderem: Eine gute Therapie (von griechisch ‚therapeia‘ für ‚Dienst, Pflege, Heilung’“) sollte sich an Fakten (und weniger an Interpretationen) orientieren.

„Zu einer guten Behandlung gehörte früher auch immer die Einbettung der Massnahme in ritualisierte Abläufe. Davon gibt es in der modernen Medizin leider immer weniger, weil Rituale Zeit kosten.“ Und Krankenhäuser immer häufiger zu kranken Häusern werden, was damit zu tun hat, dass unsere Zeit sich der Profit-Maximierung verschrieben hat, der auch (verblendeter geht es kaum) das Gesundheitswesen unterworfen wird.

Fast schon seherisch (kurz vor der Drucklegung erschien Covid-19 auf der Bildfläche) weist Martin Brüne darauf hin, dass möglicherweise „irgendein fieser ‚Superbug‘ auftaucht, der die Welt in Atem hält. Mit dem Klimawandel ziehen nämlich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, Tiere bei uns ein, die höchst unwillkommen sind.“

Fazit: Grundsätzlich, lehrreich und nützlich.

Martin Brüne
Der unangepasste Mensch
Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Garry Disher: Hope Hill Drive

Australien ist mir nicht unvertraut, ich habe das Land mehrere Male besucht und in Darwin, das für die meisten Einwohner das Ende der Welt bedeutet, studiert. Bereits die ersten Seiten von Hope Hill Drive lassen mich wieder vor Ort wähnen, die Weite und Leere und Abgeschiedenheit dieses Kontinents spüren, dessen Schicksal auch von Geschehnissen andernorts abhängt. „Die übliche Geschichte. Die Familienfarm konnte keine Familie mehr ernähren. Entweder verkaufte man an einen reichen Nachbarn oder an eine Agrofirma in chinesischer Hand, oder man suchte sich andere Arbeit und blieb.“

Constable Paul Hirschhausen (Hirsch), der einmal Detective gewesen war und degradiert wurde, weil er das Pech gehabt hatte, zu einer korrupten Einheit zu gehören, leitet die Polizeistation in Tiverton, einer Kleinstadt im staubigen Niemandsland, wo Kupfer geklaut wird, Betrunkene Unfälle bauen und wo es neben den lokalen Asozialen auch den lokalen Ladenbesitzer wie auch den lokalen Besserwisser gibt. Und wo die Leute besser über einen Bescheid wissen als man es selber tut.

Es ist vor allem die Schilderung des Lebens im Outback, die diesen Kriminalroman auszeichnet. Diese spezifische Atmosphäre, die der Weite eigen ist, der davon geprägte Menschenschlag, oft misstrauisch, mundfaul und gelegentlich verschlagen, doch eben immer auch wieder pragmatisch und anständig. „Noch so ein Mantra des Buschlands: Die Dinge waren nie fürchterlich oder fantastisch, sondern okay.“

Zu diesem Ödland gehört auch immer wieder überrascht zu werden. „Er hatte noch nie Emus in freier Wildbahn gesehen. Leonard Cohen, der seine dunkle, urbane Lyrik brummelte, ein Polizeifahrzeug auf einer Mallee-Ebene. Emus, die im Outback den Staub aufwirbelten … welche Logik steckte hinter diesen drei Tatsachen?“

Es ist auch eine Gegend, in der das Unterwegssein mit aufgedrehter Musik sich geradezu aufdrängt. „Gegen Mittag bretterte Hirsch die Landstrasse entlang, 25 or 6 to 4 von Chicago – einer der besten Songs, die je geschrieben worden waren, eine Behauptung, die Hirsch nicht leichtfertig aufstellte – wummerte aus den Lautsprechern des Dienstfahrzeugs.“ Wer sich jetzt nicht sofort auf youtube diesen Song anhört, dem ist nicht zu helfen.

Eines Tages rettet Hirsch ein kleines Mädchen aus einem brütend heissen Auto, deren Mutter, die sie wegen eines Arzttermins dort zurückgelassen hatte, als Adresse den Hope Hill Drive angibt. „Hope Hill war keine Ortschaft und auch keine sonderliche Anhöhe; ganz gewiss jedoch gab es dort nicht viel Hoffnung.“ Kurz darauf werden einige der Ponys auf dem Hof von Nan Washburn bestialisch abgeschlachtet. Ist des Rätsels Lösung in Hope Hill zu finden?

Auf einem anderen Hof werden zwei Leichen gefunden. Polizisten aus Sydney finden sich vor Ort ein und zeigen die übliche Arroganz von Grossstädtern (die fast immer vom Land stammen). Bei der Polizei geht es übrigens genauso zu und her wie bei allen anderen bürokratischen Institutionen – Neid und Missgunst regieren.

Garry Disher ist ein hervorragender Charakter-Beschreiber, lebenserfahren und humorvoll. So schildert er einen der dubiosen Flann-Brüder: „Schlank, locker; oberflächlich betrachtet durchaus charmant, aber darauf fiel niemand herein. Frauen erkannten hinter dem guten Aussehen eine gewisse Gefühlskälte und wandten sich ab. Männer waren argwöhnisch (…) Mit der Waffe, den dunklen Haaren, dem schmalen Gesicht, der olivdunklen Haut und der geschmeidigen Anmut hätte er im Film auftreten können. Allerdings nicht als Held.“

Hope Hill Drive beginnt gemächlich, man vermeint den Staub und die lähmende Hitze des Outback regelrecht zu spüren, doch nach und nach nimmt er Fahrt auf, wird zu einem veritablen page-turner und steuert auf einen überraschenden, gänzlich unerwarteten Finish zu – ein rundum überzeugendes Werk.

Fazit: Berührend, spannend und lebensweise.

Garry Disher
Hope Hill Drive
Unionsverlag, Zürich 2020

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