Ein Zitat von Iris Radisch ist der Presseinformation des Verlages vorangestellt: „Norwegens Grösster“. Nach welchen Kriterien bloss? Na ja, Substanzlosigkeit ist das Kennzeichen der Werbung. Und hat auch durchaus einen Effekt. In meinem Falle: Meine Erwartungshaltung ist gross.
Der Einstieg enttäuscht mich, wirkt wie ein Schüleraufsatz: Dag Solstad, geboren am 16.7. 41, begibt sich zum Flughafen, wo er sich, weil er zu früh ist, die Zeit vertut. „Der Unterschied zwischen einem internationalen Flughafen und anderen modernen Treffpunkten, wie z.B. einem Kaufhaus, ist riesig. In einem Flughafen sind alle Handelnde, in einem Warenhaus gibt es viele Betrachter und Flaneure, die sich lediglich umschauen, ohne bestimmten Grund (…) Auch zwischen internationalen Flughäfen und Bahnhöfen ist der Unterschied riesig …“. Ich bin selber oft auf Flughäfen und Bahnhöfen und teile diese Einschätzung überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Auf mich wirken alle Konsumstätten recht uniform.
Einmal in der Luft, blickt er in die Wolkenlandschaft, imaginiert Fabelwesen, erzählt von vergangenen Träumen. „Alles, was ich sah, erschien mir wie ein Kirchenlied. Ich sah die geheimsten Hoffnungen der Menschheit. Ich sah Zeichen der Gnade und deutliche Bilder der Erlösung.“ Auch Engelscharen sieht er. Und einen Löwen und ein Lamm. Mich erinnerte das an lange zurückliegende LSD-Erfahrungen. Ich bin froh, handelte es sich nicht um einen Langstreckenflug.
Dann beschreibt er Berlin, dem er sich aus verschiedenen Richtung annähert. Ein origineller Ansatz. Geografie, Verkehrslage, Architektur. Geschichtliches. Ganz Unterschiedliches fällt ihm auf, auch „dass die Berliner Bevölkerung Berlins ureigene Atmosphäre ausmacht“. Und er behauptet: „Keine Stadt ist zu jeder Tageszeit so voll von auffälligen Gestalten wie Berlin.“ Egal, ob das stimmt, er nimmt es offenbar so wahr. Und regt mich damit zu eigenen Gedanken über Berlin und andere Städte und deren Bevölkerung an.
Auf Seite 72 wird es dann für mich plötzlich spannend, denn da lese ich, dass der Autor ohne Grund nach Berlin gekommen ist. Weder ist er auf der Flucht noch auf der Suche, auch verfolgt er kein bestimmtes Projekt. „Es gibt für mich keinen Grund, hier zu sein, und das ist vielleicht genau der Grund, weshalb ich mich hier befinde. Um zu frühstücken. Sonst nichts.“ Ein norwegischer Zen-Buddhist? Eher ein Buchhalter, der von seinen Spaziergängen berichtet. „Studierte man die Karte, und nur dann, stellte sich sogar heraus, dass es von der Hobrechtbrücke aus zu Karstadt tatsächlich kürzer war als von der Kottbusser Brücke, und das war eine ziemlich grosse Verschiebung der Perspektive.“ Es gibt ziemlich viele solche Sätze, die mich einigermassen ratlos zurück lassen.
Doch irgendwann geht mir auf, dass Dag Solstad Berlin so beschreibt, wie ich vor Jahren, als ich immer mal wieder während Monaten in Bangkok wohnte, Bangkok erlebt und beschrieben habe. Und ab da hat er meine volle Aufmerksamkeit, auch wenn sie nicht allein Kreuzberg gilt, wo er und seine Partnerin eine Zweizimmerwohnung gemietet haben, sondern genau so meinen Erinnerungen an die Gegend zwischen unterer Sukhumvit und Siam Square.
Alles registriert er, zu allem macht er sich Gedanken. Ein neugieriger Ethnologe, der eine neue Stadt und ihre Bewohner erkundet. Ein Beobachter, der zum Teilnehmer am Stadtleben wird. So ging es mir schon oft, nicht nur in Bangkok, auch in San Francisco und in Santa Cruz do Sul. Dag Solstads recht ausgeprägtes Interesse an Geschichte geht mir hingegen ab.
Er läuft durch Berlin und denkt nach. Über seine Einsprachigkeit. Und über seine schlechten Träume. Und er berichtet über einen Geistesblitz, den er Ende des 20. Jahrhunderts in Moskau hatte und der ganz plötzlich wieder auftaucht. „Erneut war mir ein Geistesblitz, der alles in meinem Leben hätte erklären können, entglitten.“ Wenn man den Alltag bewusst wahrnimmt, wird einem eben noch ganz Anderes bewusst.
Er beschliesst, Schuhe zu kaufen, betritt Kaufhäuser und staunt über die Welt. Er räsoniert über den Qualitätsbegriff, hat Appetit auf Fisch und konstatiert das Offensichtliche: „In dem kleinen Fischgeschäft roch es nach Fisch.“ Er befindet sich auf einer Entdeckungsreise. Das Banale zu schildern, lässt dieses speziell erscheinen.
Einmal, er kriegt beim Essen keine Luft mehr, landet er auch im Spital. Er erzählt auch von seiner Höhenangst. Und er sinniert über den Zusammenhang zwischen seinem wachen Leben und seinen Träumen. Es ist dieses Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, das nicht sogenannt Wichtiges von sogenannt Unwichtigem trennt, das mir dieses Buch sympathisch macht.
Warum dieses Werk als Roman bezeichnet wird, ist mir unerklärlich. Ich selber lese es als Beschreibung dessen, was ist, als aufmerksames Wahrnehmen von dem, was seine Augen sehen und was durch seinen Kopf geht. Er sei ein Mann ohne Vergangenheit, konstatiert er einmal. „Nur kurze Momente des Aufflackerns von gelebtem Leben, also von Vergangenheit, die einmal Gegenwart war, tauchen bisweilen als Erinnerungen in mir auf, die ich im Grossen und Ganzen von mir wegschiebe. Ich habe sehr wenig Platz für derlei Erinnerungen.“ Solche Sätze lassen mich innehalten, unterbrechen den Automatismus, der das Leben prägt.
Er besucht Lillehammer und fährt nach Sandefjord, wo er aufgewachsen ist, Auch das schildert er sehr detailliert, was mich einerseits fasziniert und andererseits gelegentlich fragen lässt, ob der Mann eigentlich auch Gedanken hat, die er nicht zu Papier bringt. So sehr mir gefällt, dass da einer einen höchst unspektakulären Alltag in Worte fasst und ihm dadurch Bedeutung verleiht, so sehr nervt mich auch, dass er zum Auslassen unfähig zu sein scheint.
Da beschreibt einer, wie er sich und die Welt wahrnimmt. Dass er das hauptsächlich an einem ihm fremden Ort tut, schärft seine Sinne und erlaubt ihm, die Gegenwart zuzulassen. Jedenfalls für Momente, denn er entkommt dem Warten, einer unserer Geiseln, nicht. „Ich warte ab. Registriere. Und warte. Worauf? Dass die Zeit reif ist.“
Dag Solstad
16.4.71
Dörlemann, Zürich 2020




