Robert Coover: Street Cop

Dass die Welt aus den Fugen geraten ist, haben ältere Generationen seit jeher gedacht. Robert Coover und Art Spiegelman schildern in Street Cop eine Welt, in der sich Drohnen, Roboter, fliegende Autos und ein altmodischer Polizist, der Street Cop (der mit Drogen gehandelt hatte, sich deswegen auf der Polizeiwache stellen wollte, dort jedoch sogleich rekrutiert wurde, weil man gerade einen Street Cop brauchte!) aufeinandertreffen. Absurder und witziger geht kaum!

Street Cop spielt in einem dystopischen New York, in dem sich alles stetig wandelt. Nicht nur gehört das Replizieren von Strassenzügen mit 3-D-Druckern zum Normalsten von der Welt, auch Ursache und Wirkung scheinen aufgehoben, „einfach alles war eine rein provisorische Illusion.“

Sich eine solche Welt vorzustellen, passiert meist nur in Science Fiction und wird zumeist als gänzlich unrealistisch abgetan. Nur eben: Was man sich vorstellen kann kann durchaus auch eintreten. Darüber hinaus gilt: Auch was man sich überhaupt nicht hat vorstellen können (etwa dass der heutige Florida-Golfer amerikanischer Präsident werden würde), ist schon eingetroffen. Mit anderen Worten: Dystopien sollten so gelesen werden, wie sie (vermutlich) gedacht sind: Als Warnung.

Street Cop schildert eine Welt, die von Datenbanken, vollkommen sicher vor menschlicher Einflussnahme, und digital erzeugten persönlichen Assistentinnen gelenkt wird. Der Street Cop soll eine Leiche ausfindig machen, wobei es ihn von einer unwirklichen Situation zur nächsten verschlägt. „Er hat beinahe vergessen, wie friedlich die Dinge erscheinen, wenn sie sich nicht ständig verändern.“ Ein Satz, der zum Innehalten einlädt.

Der Street Cop ist ein einfältiger Mann, der die Technik nicht versteht. Robert Coover erzählt von seinen Unzulänglichkeiten, seiner Menschlichkeit, die sich als Gegensatz zur unkontrollierbaren Technik um so deutlicher zeigt.

Der Text sei aus seinen Ängsten um die Gegenwart entstanden, so der Autor, der sich immer sehr aktiv darum bemüht hat, sich vom traditionellen Realismus zu distanzieren. Seine eigene Form des Realismus macht vor allem deutlich, dass unserer Zeit mit den bislang gängigen Beschreibungen so recht eigentlich kaum beizukommen ist.

Wie jede Dystopie ist auch Street Cop eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, eine humorvolle. „Auf ein Verbrechen folgte nun wieder eine Strafe, egal, wie alles zusammenpasste, und plötzlich erkannte er alles, sah jedes kleinste Detail, egal, wie weit es weg war, als ob die Sonne plötzlich die Nacht erhellte, aber wahrscheinlich lag das an seiner Augen-OP, grauer Star.“

Robert Coover, geboren1932, und Art Spiegelman, geboren 1948, sind in einem Alter, das einen zeitlichen Überblick gestattet. „Die Schlechtigkeit der Welt ist nichts Neues, und wir werden immer warten und zusehen und hoffen, dass alles zu einem guten und glücklichen Ende kommt. Aber das wird nicht geschehen. Und ich glaube, das begreifen gerade immer mehr Menschen“, sagt Coover im Gespräch mit Spiegelman, das sich am Ende des Buches findet.

Robert Coover
Street Cop
Zeichnungen von Art Spiegelman
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023

Sarah Jollien-Fardel: Lieblingstochter

Selten habe ich einen Roman gelesen, der packender beginnt. Das liegt nicht nur am ersten Satz, das liegt auch nicht nur am Thema, es liegt ganz zentral an der Sprache, dem Rhythmus, der Erzählkunst.

Die Geschichte spielt im Wallis (dessen Schilderung ein veritabler Augenöffner ist), woher auch die 1971 geborene Autorin stammt, und wo sie, nach mehreren Jahren in Lausanne, heute mit ihrer Familie lebt.

Von einem gewalttätigen Vater erzählt Sarah Jollien-Fardel. Und von Jeannes, der Erzählerin, verängstigter Mutter und der älteren, eingeschüchterten Schwester. Alle im Dorf wissen Bescheid über den gewalttätigen Vater, alle wollen von ihrem Wissen nichts wissen.

Der Vater ist Alkoholiker und braucht wie alle Alkoholiker keinen Grund zum Saufen. Für die Gewalt, die sein Trinken auslöst, gibt es nur einen Grund – den Alkohol. „Es konnte das sehnige Fleisch im Ragout sein, eine Gewürznelke zu viel, ein zu hartes Lorbeerblatt, eine zu weich gekochte Karotte, zu grob geschnittene Zwiebeln. Es konnte der Regen oder die stickige Hitze in der Fahrerkabine seines LKW sein. Es konnte nichts sein. Und schon ging es los.“

Jeanne will weg, sich befreien, schafft es in die Welt der Bücher, ins Internat. Doch kann man die Familie, die Vergangenheit hinter sich lassen? Bis zu einem gewissen Grad, sicher. Nur eben: „Meine Vergangenheit, die ich so erbittert von mir zu weisen versuchte, springt mir ungewollt an die Gurgel.“ Und: „… dass der Stempel unserer Herkunft bleiben würde, auch wenn wir sie verdrängen, auch wenn wir, um uns zu verwandeln, andere nachäffen.“

Sie entdeckt Frauenbeziehungen, geht in den Schuldienst, doch gibt sie den Lehrberuf auf, als sie von einem Buben bzw. dessen Eltern herausgefordert wird. Sie weiss, dass sie Ähnlichkeiten mit ihrem Vater hat. Doch was ist mit ihrer Mutter? Ist sie ihr und ihrem Aushalten nicht auch ähnlich? „Ich schalte auf stur. Aushalten, aushalten, Woche für Woche.“

Lieblingstochter beklagt eindringlich die Gewaltausübung des Vaters; sein Alkoholismus, der diese Gewalt wesentlich auszulösen scheint, kommt bedauerlicherweise kaum zur Sprache. Dafür wird der Alkoholkonsum der Schwester beschrieben, erfreulich nüchtern.

Kann die Loslösung vom alkoholkranken Vater, von der alles ertragenden Mutter gelingen? „Dieser kurze Vorfall von ein paar Minuten hat die alten Wunden wieder aufgerissen. Ich hatte Jahre gebraucht, Abstand, Therapiesitzungen, stundenlange Gespräche mit Marine, um mich allmählich von diesen Schmerzen zu befreien. Ich hatte sie nur betäubt.“ An anderer Stelle schreibt sie nach der Trennung von einer Freundin. „Wir hatten er vorgelebt bekommen, wir wiederholten es.“

Können wir unseren frühen Prägungen entkommen, uns davon befreien oder sind sie uns Schicksal. Davon handelt Lieblingstochter hauptsächlich. Jeanne erfährt, was alle erfahren, die sich glauben ändern zu wollen – dass sie sich nicht ändern will. „Ich erkannte, wie sehr ich in meinem Hass eingemauert war, kein bisschen kompromissbereit, und dabei immer dieselben Erinnerungen durchkaute.“ Doch dann …

Für mich lohnt sich eine Geschichte immer dann, wenn ich darin auf Sätze stosse, die mich aufmerken lassen. Zwei will ich hier erwähnen. „Wir alle wissen, dass Worte nicht zwingend der Wahrheit entsprechen, aber dass sie die Wirklichkeit verändern können.“ Und: „Es konnte keine Rede mehr von Meinungsverschiedenheiten, Bildungs- oder Kulturunterschieden sein, sie verkörperte einfach alles, was mich abstiess.“

Fazit: Eindrucksvolle, bewegende Aufklärung.

Sarah Jollien-Fardel
Lieblingstochter
Aufbau Verlag, Berlin 2023

Claire Keegan: Kleine Dinge wie diese

Oft geschieht es nicht, dass mich ein Buch bereits nach ein paar Zeilen schmunzeln lässt. Und dann auch noch über das Wetter in Irland, das, wie jeder (und jede) weiss, vor allem regnerisch ist. Jedenfalls: „… alle kommentierten die Kälte und den Regen, der gefallen war, auf ihre Weise und fragten sich, was dahintersteckte – wofür er ein Vorzeichen sein könnte – , denn wer konnte wirklich glauben, dass schon wieder ein eisiger Tag bevorstand?“ Des Menschen Eigenart, in Allem und Jedem etwas anderes bzw. mehr zu sehen als es ist, verblüfft mich immer wieder von Neuem.

Der Kohlenhändler Bill Furlong ist bei einer verwitwten Protestantin aufgewachsen und „hatte gute protestantische Gewohnheiten entwickelt, stand gerne früh auf und fand an Alkohol keinen Geschmack.“ Zudem ist ein empathischer Mensch, dem das Wohl seiner Töchter am Herz liegt. Seine Gedanken gehen oft in die Vergangenheit; er versucht sich zu erklären, wie gekommen ist, was gekommen ist und ob sich überhaupt jemals etwas ändert.

Das Kloster in der Kleinstadt New Ross betreibt eine Wäscherei sowie eine Lehranstalt für junge Mädchen, über die allerlei Gerüchte die Runde machen: Es seien Mädchen von zweifelhaftem Charakter, die dort umerzogen würden. „… geredet wurde viel – und gut die Hälfte von dem, was gesagt wurde, konnte man glauben; in der Stadt herrschte kein Mangel an Leuten, die nichts zu tun hatten oder gern tratschten.“

Bill Furlong will die Gerüchte nicht glauben, doch dann begegnet er eines Tages jungen Mädchen, die auf Händen und Füssen den Boden polieren und ihn bitten, sie aus dem Kloster zu befreien. Soll er den Mädchen helfen? Seine Frau will davon nichts wissen, er solle sich um seine eigene Familie kümmern.

Claire Keegan erzählt davon, wie ein Mann aus den Räderwerk seines vertrauten Alltags fällt und dabei zunehmend auf seine inneren Stimmen hört. Und der, weil er anfängt anderes als das Gewohnte zu tun – unter anderem nimmt er sich Zeit, sieht durch Fenster in die Häuser und beobachtet die Menschen bei ihrem Tun – , einen Mann aus sich hervorbringt, der Neues, ihm Ungewohntes tut.

Kleine Dinge wie diese handelt von der Frage, ob man einschreiten oder sich abwenden soll, wenn man mit Unrecht konfrontiert wird. Wie bei vielen wesentlichen Fragen fallen theoretische Antworten oft unbefriedigend aus. Claire Keegan geht den Weg des genauen Beobachtens. Nicht nur die Dinge, die er mit seinen Augen wahrnimmt, registriert Bill Furlong, sondern auch die, die er in seinem Inneren spürt.

Übrigens: Es gibt zahlreiche Sätze in diesem schmalen Band, die mich ob ihrer hellsichtigen Wahrheit regelrecht jubeln lassen. Ein Beispiel: „Es schien ihm richtig und gleichzeitig zutiefst ungerecht, dass so vieles im Leben dem Zufall überlassen blieb.“ Und gerade noch eins: „Es bedurfte einer fremden Person, um Dinge an den Tag zu bringen.“

Kleine Dinge wie diese ist ein berührender, zutiefst menschlicher Text, sensibel und philosophisch, exzellent erzählt.

Claire Keegan
Kleine Dinge wie diese
Steidl, Göttingen 2022

Peter von Matt: Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten

Dass da ein konventionell Gebildeter sich vernehmen lässt, kann man bereits aus dem Titel schliessen („trockne Schleicher“? Etwas sehr bemüht originell, wie ich finde), dass er dies elegant, amüsant und lehrreich tut, erfährt man hingegen erst, wenn man seine Texte liest.

Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten ist reich an vielfältigen Einsichten, die sich im Verlaufe des akademischen Lebens des mittlerweile 85jährigen, emeritierten Professors für Neuere Deutsche Literatur angesammelt haben.

Über Klassifizierungen und Metaphern lässt er sich unter anderem aus – anregend, mit wunderbar illustrativen Beispielen. Peter von Matt ist ein begabter Erzähler – und so macht er sich, wenig überraschend, zum engagierten Fürsprecher des Erzählens, allerdings mit einer Neigung zum Effekthascherischen.

„Erzählen ist nie der Abklatsch eines verworrenen Ganzen, Erzählen ist die Übersetzung eines verworrenen Ganzen in ein Modell. Als ein Modell ist die Erzählung die ältere Schwester der Theorie. Und wenn eine Theorie schliesslich vom Modell zur Formel vorstösst, wirkt darin immer noch die ordnende Kraft der Erzählung fort. Daher hat eine Formel wie E = mc² die gleiche geschliffene Präzision wie eine Metapher, der es gelingt, eine komplexe Gegebenheit auf einen Ausdruck zu verdichten.“

„Als ein Modell ist die Erzählung die ältere Schwester der Theorie.“ Ich verstehe nur Bahnhof. „die ordnende Kraft der Erzählung“? Nun ja, es ist der Erzähler, der ordnet. „geschliffene Präzision wie eine Metapher“? Solche Metaphern sind eher selten, die Beispiele, die der Autor anführt, zwar überzeugend, jedoch meines Erachtens Ausnahmen.

„Offenbar provoziert der Wissenschaftler die Menschen schon durch seine blosse Existenz.“ Also wird er in den Elfenbeinturm relegiert. Peter von Matt wehrt sich geistreich für die Wissenschaftler, für alle. Dabei erfährt man unter anderem, dass die Geisteswissenschaften auch als ‚Orchideenfächer‘ bezeichnet werden, und das meint, „ dass es wissenschaftliche Disziplinen gebe, die reiner Luxus seien, also ohne gesellschaftlichen Nutzen, also unnötig.“ Treffend kontert er: „Der naheliegende Gegenbegriff der ‚Kartoffelfächer‘ wird allerdings nie verwendet. Er würde die Absurdität jener Disqualifizierung rasch aufdecken.“

Elfenbeinturmtheorie versus Common Sense? Wer würde da nicht für den Common Sense optieren, obwohl dieser weit weniger common ist, als der Begriff annehmen lässt. Dazu von Matt: „Der gesunde Menschenverstand betrachtet sich ja als die demokratische Gestalt der Theorie. Und er stützt sich tatsächlich auf die Mehrheit. In Wahrheit aber ist er dogmatisch, weil er sich stets von vornherein im Besitz der Resultate glaubt.“ Dass der gesunde Menschenverstand in der Mehrheit ist, bezweifle ich zwar, doch dass er sich „stets von vornherein im Besitz der Resultate glaubt“, daran habe ich noch gar nie gedacht und bin verblüfft, denn es ist stimmt ganz eindeutig.

Wissenschaftler werden bewundert, dämonisiert und lächerlich gemacht. Dabei können sie weniger als wir annehmen. Überhaupt wird die Wissenschaft, trotz grossartiger Leistungen, überschätzt. „Die Wissenschaft kann also den Mangel feststellen, ihn beheben kann sie nicht. Das kann nur der Mythos. Nur der Mythos erzählt vom Ganzen. Nur er antwortet auf das ‚ewige und unzerstörbare metaphysische Bedürfnis der Menschennatur‘. Nur er gibt dem Menschen, mit Burckhardts frappantem Wort, ‚was er sich nicht selber geben kann’“. Und damit kommt der Autor zu seinem eigentlichen Anliegen: „Das Kunststück, den Mythos mit der Wirklichkeit zu verbinden, gelingt nur der Literatur. Sie nämlich hält es abwechselnd mit beiden Seiten. Sie koaliert mit der Wissenschaft gegen den Mythos und mit dem Mythos gegen die Wissenschaft.“

Darauf folgt dann vielerlei Literaturwissenschaftliches, wobei sich der Eindruck aufdrängt, der Autor hätte seine Schubladen aufgeräumt. Da geht es von „Die Begegnung mit dem wahren Gesicht. Zu einem dramatischen Motiv des weiblichen Schreibens“ über „Kunst und Verschwendung. Die unheimliche Erleuchtung der Welt“ zu „Eros — Wandel und Dauer des Elementaren“ und „Zur Dramaturgie der Dummheit“, worin der Autor ausführt: „’Selbstverschuldet‘ ist eines von den zehn Wörtern, aus denen die berühmteste Definition von Aufklärung besteht: ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.‘ In seinem berühmten Manifest scheut Kant sich nicht, für die ’selbstverschuldete Unmündigkeit‘ auch einmal kurzerhand das Wort ‚dumm‘ zu setzen. Und worin die Schuld an der eigenen Dummheit begründet sei, das spricht er grossartig unverblümt aus: in der ‚Faulheit und Feigheit‘ der Menschen gegenüber ihrer Fähigkeit, unabhängig zu denken. Die Überlegung geht prächtig auf, etwas zu prächtig. So prächtig geht sie auf, dass wir den Verdacht nicht loswerden, hier werde ein stachliges Problem rhetorisch brillant vom Tisch gewischt.“ Im Gegensatz zum Autor finde ich gar nicht, dass hier „ein stachliges Problem rhetorisch brillant vom Tisch gewischt“ werde, die rhetorische Brillanz als Waffe einzusetzen, ist eher seine Domäne.

So ab der Mitte des Buches ist mir klar, dass ich – ein Buchliebhaber, doch ohne wirkliches Interesse an Literaturwissenschaft – eindeutig nicht zum Zielpublikum gehöre, auch wenn ich immer mal wieder auf überaus erhellende Sätze stosse, präzise und darüber hinaus witzig. „Oft brechen die Verkaufszahlen eines bedeutenden Autors ein, wenn eine Biographie erscheint, aus der hervorgeht, wie schlecht er seine Frau behandelt hat. Niemand aber zieht den Umkehrschluss und sagt: ‚Dieser Mann muss ein Genie sein, er ist immer so nett zu seiner Familie.’“

Andererseits: Unter dem Titel „Gerechtigkeit und Sympathie Der Gerichtscharakter der Literatur und ihre Strategien“ lese ich von dem „offenen oder versteckten Anspruch der Literatur, das zweite und gerechtere Gericht zu sein, neben der offiziellen Rechtsprechung.“ Und ihn mir denkt es: Ganz schön arrogant, diese Literaten, obwohl ich kein Freund der offiziellen Rechtsprechung bin. Doch worin unterscheidet sich die Logik der Literatur von derjenigen der juristischen Rechtsprechung? In der offenen Parteinahme. „Die Steuerung der Sympathie ist also durchgängig verzahnt mit einer ebenso folgerichtigen Steuerung der Antipathie.“ Voreingenommenheit also, die doch, so der Autor an anderer Stelle, die Verfechter des Common Sense ausmacht.

Für mich lohnt dieses Buch, weil es quer durch die Wissensgebiete saust und erlaubt, Funde zu machen, die das Herz erfreuen. Von der Klassifizierung der Bäume durch das britische Militär (Palm trees, Pine trees und Trees with a bushy top) zu „Life … it is a tale / Told by an idiot, full of sound and fury, / Signifying nothing.“ (aus Macbeth) zu Kant, der die theologische, die juristische und die medizinische Fakultät als ein Instrument für die Regierung begriff, „um die Untertanen im Zustand der Zufriedenheit zu erhalten. Die Rechtsprechung sichert den Menschen ihren Besitz, die Medizin sichert ihre Gesundheit und die Theologie zeigt ihnen den Weg in das ewige Leben.“ Zum Erhellendsten gehört für mich: “kann die Kenntnis der Biographie eines schöpferischen Kopfes den Zugang zu seinen Werken ebenso erschweren wie erleichtern. Es gibt Gründe für die Annahme, einer der grössten Glücksfälle der Kulturgeschichte sei die Tatsache, dass wir von Shakespeares Leben so wenig wissen.“ Und dann … doch Nein, lesen Sie selber in dieser wohlformulierten, erkenntnisreichen Fundgrube.

Peter von Matt
Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten
Die Möglichkeiten der Literatur
Carl Hanser Verlag, München 2023

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt

Der Einstieg in Die Vereindeutigung der Welt könnte gelungener und packender gar nicht sein, denn „Alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen einst gesungen hat, ist es ja heutzutage wirklich, aber eben nur, wenn man nicht genau hinschaut. Tut man das, entpuppen sich etwa die zahllosen Fernsehprogramme, auf die sich Hagen in ihrem Song „TV-Glotzer“ bezog, als ziemlicher Einheitsbrei, als Scheinvielfalt. Der Untertitel „Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ bringt auf den Punkt, worum es in diesen differenzierten und gelehrten (Thomas Bauer, der Autor, ist seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster) Ausführungen geht.

Die Vielfalt nimmt ab. Auch in der Natur ist sie in gewissen Bereichen weit geringer als wir gemeinhin annehmen. So ist der Vogelbestand seit 1800 bis heute um 80 Prozent zurückgegangen, werden von den einstmals 30 000 Maissorten nur noch ein Dutzend davon in grösserem Stil angebaut und auch die Sprachen gehen zurück. „Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen stellt fest, dass fast 1/3 der ca. 6500 weltweit gesprochenen Sprachen ‚innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben‘.“

Das menschliche Gehirn ist binär unterwegs, unterteilt automatisch in Gut und Böse, Oben und Unten, Schwarz und Weiss. Kurzum: es reduziert Komplexität, spiegelt Eindeutigkeit vor, wo Uneindeutigkeit herrscht. „Menschen sind ständig Eindrücken ausgesetzt, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn ergeben, sich zu widersprechen scheinen, widersprüchliche Gefühle auslösen, widersprüchliche Handlungen nahezulegen scheinen. Kurz: Die Welt ist voll von Ambiguität.“

Automatisch kommt mir Janet Malcolms Zitat eines Geschworenen, das ihrem Iphigenia in Forest Hills vorangestellt ist, in den Sinn: „Everything is ambiguous in life except in court.“ Wir versimplifizieren, weil die Komplexität der Welt uns überfordert. Das Problem ist nur, dass „es eine Welt ohne Ambiguität gar nicht geben kann.“ Wie unterschiedlich Kulturen und Religionen im Laufe der Geschichte damit umgegangen sind, zeigt Professor Bauer an zahlreichen erhellenden Beispielen und begrüsst dabei, wie unter Akademikern üblich, auch Kollegen. „Was wir heute erleben, lässt sich, um einen Ausdruck des Kunsthistorikers Hans Sedlmayr zu gebrauchen, als Verlust der Mitte bezeichnen, und dies ist schlicht das Resultat eines drastischen Verlustes an Ambiguitätstoleranz.“ Für eine solche Erkenntnis braucht es nun wahrlich keinen Kunsthistoriker.

Ganz wunderbar dann das Kapitel Kunst und Musik auf der Suche nach Bedeutungslosigkeit (treffender kann ein Titel kaum sein!), worin der Autor aufzeigt, was Propaganda, Kapitalismus und Gleichgültigkeit heutzutage alles zustande bringen. Nicht wenig gestaunt habe ich, dass die CIA Künstler wie Jackson Pollock und Mark Rothko (ohne deren Wissen) gezielt förderte. So organisierte und finanzierte die CIA Ausstellung um Ausstellung, nahm Einfluss auf Museen und lancierte Zeitschriftenartikel, um dem Abstrakten Expressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Und weshalb tat die CIA das? Weil bedeutungsarme Kunst zur Waffe im Kalten Krieg wurde. Und mit dem Abstrakten Expressionismus, dessen Kunstwerke als solche nichts bedeuteten, war das ideale Gegenstück zum Realistischen Sozialismus gefunden, der sich, wie Ideologien generell, durch Eindeutigkeit auszeichnet.

„Wenn sich Qualitätsunterschiede nicht mit eindeutigen Kriterien feststellen lassen, dann scheint es einfacher zu sein zu sagen, es gebe gar keine Qualitätsunterschiede, als über nicht leicht zu präzisierende, aber dennoch vorhandene Qualitätsunterschiede nachzudenken. Hier sei dagegen daran festgehalten, dass es Qualitätsunterschiede gibt, dass etwa ein Schlager-Tralala nicht dieselbe Qualität hat wie der eingangs erwähnte Punksong der Nina Hagen und dass beide wiederum andere Qualitäten haben als etwa ein Streichquartett von Alban Berg.“ Völlig einverstanden, doch auf welchen (auch uneindeutigen) Kriterien gründet jetzt dieser Qualitätsbegriff?

Höchst anregend auch des Autors Ausführungen zum Authentizitätswahn, der vor so ziemlich gar nichts mehr Halt macht und vom authentischen Wein bis zur authentischen Politik reicht. „Aber passen Authentizität und Demokratie überhaupt zusammen? Tatsächlich können Politiker in Demokratien gar nicht authentisch sein. Sie müssen Kompromisse schliessen, sie müssen im Interesse des Gemeinwesens oder der Partei auch Positionen vertreten, die nicht ihre Herzenspositionen sind, diplomatisch auftreten und Dinge sagen und tun, die sie ausserhalb ihrer Rolle als Politiker nicht sagen oder tun würden.“ Obwohl ich diese Auffassung teile, halte ich sie angesichts des gegenwärtigen gesellschaftlichen Klimas für lebensfremd. Vielleicht war Politik ja einmal so (jedenfalls wurde sie uns so vermittelt), wirklich sicher bin ich mir da jedoch nicht. Heutzutage ist sie jedenfalls garantiert nicht so. Und auch Thomas Bauer konstatiert: „Es kann aber kaum Zweifel darüber geben, dass Authentizität immer mehr als höchstes Ideal geglaubt wird.“ Das Resultat sind authentische Trottel in Ämtern, die nicht für sie gedacht sind.

Die Vereindeutigung der Welt ist ein eloquentes Plädoyer für Ambiguitätstoleranz, das nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil es viele überraschende Zusammenhänge aufzeigt und vorführt, wie man auch mit Komplexität umgehen kann: Indem man genau hinschaut, sich Zeit nimmt und nachdenkt.

Thomas Bauer
Die Vereindeutigung der Welt
Reclam Verlag, Ditzingen 2018

Burkhard Hofmann: Und Gott schuf die Angst

Burkhard Hofmann, geboren 1954, arbeitet seit 1991 als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in Hamburg und behandelt seit zehn Jahren auch Patienten am Persischen Golf. Über seine Erfahrungen mit der Verfasstheit der arabischen Seele berichtet er in Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele, das er als Ansammlung von Fallgeschichten versteht und nicht als eine wissenschaftlich präzise Abhandlung; im Zentrum steht nicht der Einzelfall, sondern die Uniformität der Erscheinungen.

Ankerpunkt der arabischen Kultur ist die Mutter, sich von ihr loszulösen ist nicht erlaubt. Die Mutter ist sakrosankt, der Vater ist hingegen negativ besetzt. Während in der westlichen Kultur die Erziehung zur Unabhängigkeit als Ideal gilt, ist in der arabischen Kultur die Geborgenheit in der Familie das Ziel. „Das Sich-Entfernen von der Herde ist unerwünscht und mit erheblichen Schuldgefühlen verbunden.“ In mir regt sich beträchtlicher Widerstand als ich das lese. Interessiert  mich eine solche Weltsicht? Nein, überhaupt nicht. Ich lese trotzdem weiter und lerne dabei Einiges, nicht nur über arabische, sondern auch über westliche Vorstellungen. Und ganz besonders über die Psychotherapeutische Medizin, die Burkhard Hofmann praktiziert.

Konkret: Was macht ein Facharzt für Psychotherapeutische Medizin genau? Nehmen wir den Fall von Ameera, einer Geschäftsfrau Anfang fünfzig aus Bahrain, die sich ins Private zurückziehen will. Die dadurch entstandene Leere bringt ungeahnte Ängste hervor, die sie mit Medikamenten betäubt.  Burkhard Hofmann erläutert zunächst den kulturellen, sozialen und familiären Kontext. „Vor mir erscheint die Gestalt einer Kindheit voller Kälte und unterdrückter, überkontrollierter Gefühle.“ Er versucht, sie auf ihre inneren Prozesse neugierig zu machen. Jedoch: „Das Festhalten an den Psychopharmaka und das Sprechen über deren zumeist unzulängliche Wirkung blieb ihr eigentliches Interesse.“

Ameera, wie die meisten, die sich einer Therapie unterziehen, will sich nicht ändern. „Ihre Anstrengungs- und Leidensfähigkeit waren sehr begrenzt.“ Was sie interessiert, sind effizientere Psychopharmaka. „Im gesamten therapeutischen Prozess blieb Ameera kaum an ihrer Psychodynamik interessiert.“ Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass die Psychotherapie eher eine Kunst als eine Wissenschaft ist. Und psychotherapeutische Methoden nur bei denen wirken können, die daran glauben. Ich jedenfalls kann mit „unverarbeiteten Kindheitsgefühlen“ oder der Vorstellung, dass „uns belastende Teile der Lebenserzählung“ nacherlebt und verarbeitet werden sollten, wenig anfangen.

Doch auch wenn mich die Psychotherapeutische Medizin nicht überzeugt (sie scheint mir die Probleme, die sie zu lösen versucht, zuerst selber zu schaffen), dieses Buch lohnt. Einerseits, weil Burkhard Hofmann ein genauer Beobachter und hoch reflektierter Mensch ist, der über den Tellerrand seiner Profession hinausschaut, und andererseits, weil er sich und sein Verhalten mit einbringt und sich auch immer wieder (für meine Begriffe gelegentlich anpasserisch – es geht wohl auch darum, den Klienten nicht zu verlieren) selbstkritisch hinterfragt. Das hindert ihn jedoch nicht, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Keine Kultur ist uniform. „Überall in der muslimisch-arabischen Welt geht ein tiefer Riss durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die dem säkular-westlichen Lebensstil Verfallenen, auf der anderen Seite die in Richtung Gottesstaat marschierenden Frommen mit ihren Wünschen nach weitgehender Regulation des öffentlichen Lebens im Sinne der Scharia.“ Burkhard Hofmann beobachtet eine deutliche Veränderung des öffentlichen Lebens in Richtung salafistisch-orthodoxe Ideologie.

Seine Ausführungen über die Ausprägungen der arabischen Kultur sind nicht nur erhellend, sie machen auch klar, dass die westliche und die arabische Weltanschauung unterschiedlicher kaum sein könnten – und trotzdem Wesentliches gemein haben, man denke an die Shopping-Ideologie, die auf der Überzeugung beruht, dass man Wohlbefinden kaufen kann. Ein grundlegender Unterschied besteht im Verhältnis zum Glauben. Für Muslime ist der Glaube „im Kern nicht relativierbar, so wie das für uns der Fall ist.“ Die Tröstungen der Glaubensgewissheit sind den meisten Westlern fremd, nicht jedoch den sich durch die Gemeinschaft definierenden Muslimen.

Kritische Selbstreflexion, Selbstdistanz und Introspektion sind zentral für Menschen, die sich von einer Psychotherapie etwas versprechen. Wem die Unterwerfung unter Gottes Gesetz zuerst kommt, lebt in einem anderen Universum. „Die drei Feuertaufen des westlichen Geistes liegen noch vor dem Gläubigen.“ Die erste ist die kopernikanische Wende, die meint, dass die Erde nicht der Weltmittelpunkt ist und die religiösen Vorstellungen den naturwissenschaftlichen gewichen sind. Die zweite ist Darwin und seine Theorie der Evolution (als ich einen meiner Englisch-Studenten in Istanbul fragte, was er als Mediziner über die Evolution denke, verlangte er einen anderen Lehrer); die dritte Freud und seine Erkenntnis, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind.

Burkhard Hofmann hat sich intensiv (und mit einer Geduld, die mir völlig fremd ist!) mit der arabischen Seele und der westlichen Kultur auseinandergesetzt und fragt sich nun, wie man mit diesem uns fremden Islam umgehen soll. Wie verhält man sich jemandem gegenüber, der sich seines Glaubens wegen überlegen fühlt, der die Trennung von Kirche und Staat weder versteht noch akzeptiert, sondern „als defizitäre Position“ wahrnimmt? Integration kann man da vergessen. Gut, dass es Burkhard Hofmann (der im Gegensatz zu vielen, die nur Meinungen, aber keine Gedanken haben, weiss, wovon er spricht) so deutlich auf den Punkt bringt: „Nicht alles ist überbrückbar, nicht jede Eigenart ist mit der des anderen so kompatibel, dass ein gedeihliches Zusammenleben eine Chance hat. Und manchmal ist das Getrenntleben nicht nur für Paare die bessere Lösung.“

Burkhard Hofmann
Und Gott schuf die Angst
Ein Psychogramm der arabischen Seele
Droemer Verlag, München 2018

Dominique Manotti: Madoffs Traum

Der 1938 in Brooklyn, New York, geborene Bernard Lawrence Madoff war ein angesehener Wertpapierhändler, bevor er wegen eines gigantischen Anlagebetrugs im Gefängnis landete, wo er 2021 starb.

Madoff lebte den amerikanischen Traum – er jagte dem Geld nach, denn Geld ist „die erste, die unmittelbarste Form des amerikanischen Traums“, und damit „der einzige Wert, der einhellig von allen anerkannt und respektiert wird, der Nerv Amerikas. Weil ich an dem, was ich verdiene, mit Gewissheit erkenne, was ich wert bin“, wie seine Biografin Dominique Manotti ihn sagen lässt.

Er heiratet das Geld seines Schwiegervaters, gründet mit 22 Jahren seine eigene Wertpapierfirma, verdient gutes Geld, könnte bereits mit 40 Jahren die Dinge gemächlich angehen, doch dann kommt Reagan an die Macht. Fortan gilt das Gesetz des Marktes, regiert der Traum der Hungrigen, die nicht genug kriegen können.

Die Grundlage des Kapitalismus ist die Gier nach Mehr-Mehr-Mehr und das meint: die Sucht. Es sind die Süchtigen, denen nichts genug ist, die immer mehr wollen, die „unser“ System am Laufen halten. Und Madoff und seine Klientel sind Paradebeispiele von Süchtigen.

Das sah man damals anders, und man sieht es auch heute anders, auch wenn mittlerweile niemand mehr sagt: Gier ist gut, denn sie treibt uns an. Zudem: Sich am Rande der Legalität zu bewegen, ist nicht verwerflich, sondern ein Erfolgsrezept, denn nur Dummköpfe sind gesetzestreu und glauben an den Wert harter Arbeit. So denken die meisten, doch es zu sagen gilt als unfein.

Der Mensch ist imstande, alles zu rationalisieren, von der Gier zu gänzlich unakzeptablem Verhalten. Unakzeptables Verhalten? Für jemandem, dem das Geld den wichtigsten Wert im Leben darstellt, gibt es das nicht. Doch weshalb tolerieren wir das? Weil wir alle (okay, fast alle) das Geld verehren.

Zusammen mit einem Deutschen zieht er ein Ponzi-System auf, von dem beide wissen, dass es auf Dauer nicht gut gehen kann – und so ist es dann auch. Die Immobilienkrise führt dazu, dass die Kunden ihre Einlagen abziehen. Madoff und sein Geschäftsfreund sind bankrott; die Rechnung zahlt der Steuerzahler. Dass der sogenannte Rechtsstaat für die Betrügereien krimineller Finanzleute aufkommt, ist eine Perversion, der viel zu wenig Aufmerksamkeit zukommt. Gut also, gibt es diesen Text.

Madoffs Traum, der Monolog eines Heuchlers, der seine Klientel verachtet und ihr nach dem Mund redet, ist ein Text über Menschen, denen jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt. Wer sich ausschliesslich am Geld orientiert, verfügt über keinen moralischen Kompass. Mit Anstand ist solchen Leuten nicht beizukommen. Es braucht einen Gauner, um die Gauner an die Kandare zu nehmen, meinte Präsident Roosevelt einmal.

Das Wirtschaftsleben hat sich schon lange von der realen Welt, den Produktionsstätten, verabschiedet, sich an die Börse verlagert und damit die Zocker ans Ruder gebracht. Für Geld- und Erfolgshungrige ist der Kapitalismus schlicht genial. Legal/illegal sind keine Kriterien, die vor den Abzockern Bestand haben – erst Madoffs geldgierige Kunden haben Madoff möglich gemacht.

Madoffs Traum sei eine moralische Erzählung, schreibt Manotti, die sich zu Recht darüber empört, dass wieder einmal ein Sündenbock her musste, um das System zu retten. „Die Affäre Madoff ist ein Lehrbuchfall: In den Vereinigten Staaten hat man das Recht, die Armen zu berauben, nicht aber die Reichen. Daher mein Zorn.“

Dominique Manotti
Madoffs Traum
Argument · Ariadne, Hamburg 2023

Olga Ravn: Die Angestellten

Dieser Science-Fiction spielt in einem Raumschiff, von dem man nicht weiss, wer es steuert bzw. wohin und in welcher Funktion es unterwegs ist. Die Insassen sind Menschen und menschenähnliche Wesen, die dort arbeiten.

Ich bin nur schwer in diesen Text reingekommen, zu fremd waren mir diese Gedanken, so gar nicht auf der Linie meines gewohnten Denkens. Ich las, was andere darüber schrieben – und das war ebenso weit weg von dem, wozu ich Zugang habe. Dazu kommt: Mich interessiert überhaupt nicht, was die Autorin mir sagen will, mich interessiert nur, wie etwas auf mich wirkt.

Und dann, ganz plötzlich, fühlte ich mich gepackt. „Ich bin noch nie nicht angestellt gewesen. Ich bin dazu geschaffen zu arbeiten. Ich habe auch nie eine Kindheit gehabt, aber ich habe versucht, mir eine vorzustellen. Mein menschlicher Kollege spricht manchmal davon, nicht arbeiten zu wollen, und dann sagt er etwas sehr Merkwürdiges, etwas ganz Albernes, wie war das noch gleich? Er sagt Man ist mehr als seine Arbeit, oder war es Man ist nicht bloss seine Arbeit? Aber was sollte man sonst sein?“

Der Text ist in Zeugenaussagen gegliedert. Diese stammen einerseits von Menschen und andererseits von menschenähnlichen Wesen, die wie Menschen denken können und sich die Art von unbeantwortbaren Fragen stellen, die auch Menschen umtreibt. „Was würde es für mich bedeuten zu wissen, dass ich nicht lebendig bin? Dass ich, ein Mensch, nur ein gemeisselter, behauener Stein bin, auf Augenhöhe mit den Steinen in diesem Raum, nicht klüger oder empfindsamer?“

Das Individuelle wird getilgt, die vollkommene Anpassung ist wünschenswert. Doch Menschen können ihren eigenen Fragen nicht entkommen. „Ist es kennzeichnend für den Menschen, dass er aus einem anderen Menschenkörper gekommen ist? Oder kann ich ein lebender Mensch sein, der aus einem Sack voll Schleim, aus einer Ansammlung von Laich, aus einem Klumpen von Eiern in einem See oder inmitten von Getreidehalmen oder wilden Gräsern ausgestossen wurde?“

Menschen, Humanoide und Gegenstände stehen miteinander in Verbindung. Die Hand auf die Gegenstände zu legen und ihnen zu lauschen, die Düfte wahrzunehmen – Olga Ravn beschreibt wie alles miteinander verbunden ist. Das Miteinander von Beseeltem und Unbeseeltem ist an die Stelle des gewohnten Gegeneinander getreten.

Das Nebeneinander von Existenziellem („Wäre es so schlimm, kein Mensch zu sein? Würde das bedeuten, nicht zu sterben?“), Alltäglichem („Das, was ich am meisten von zu Hause vermisse, ist das Shoppen.“), Grundsätzlichem („Empfindet der Stein Trauer? Ihr fragt mich, weil ihr selbst nicht sicher seid, ich kann es an euren Gesichtern sehen“) und erschaffener Realität („Mein Name ist Janice und Sonia. Ich bin nicht eine, sondern zwei.“), unterstreicht die Verbundenheit vom Allem und Jedem.

„Bin ich menschlich oder humanoid? Wurde ich erträumt?“ Die Angestellten hebt die Abgrenzungen auf, erschafft eine Kategorien-lose Realität, versetzt uns in den Zustand des Kindes, das gemäss seiner direkten Erfahrungen und ohne soziale Referenzpunkte wahrnimmt und entscheidet. „Ich war noch nicht lange hier, als ich anfing, eine besondere Form von Verbindung mit den Gegenständen im Raum zu spüren. Wenn ich zu ihnen hineinging und mich setzte, wurde ich von einer wundersamen Ruhe erfüllt.“

Die Menschen und die Humanoiden unterscheiden sich darin, dass erstere Sklaven ihrer Erinnerungen sind, während letztere glauben, eine lebenswerte Zukunft vor sich zu haben. Dann reden die beiden nicht mehr miteinander. „Nur ein Dummkopf glaubt, dass Schweigen Zustimmung bedeutet. Auf dem Schiff präsentiert sich ihr Schweigen mehr als Verschwörung denn als Bereitschaft zu dienen.“ Dann reden sie doch wieder miteinander.

Einen wirklichen Zugang zu diesem Buch habe ich nicht gefunden, doch immer wieder stiess ich auf Passagen, die mich aufmerken liessen. Diese hier zum Beispiel: „Der Arbeitsprozess ist jetzt ganz zum Stillstand gekommen. Alle wissen, was kommt. Keiner weiss, was er mit sich selbst anfangen soll. Man wartet nur, ohne zu begreifen, dass die Zeit aufhören wird. Es ist grosszügig von euch, bis zum Schluss weiterzuarbeiten, bis zum bitteren Ende schlechthin, das ist mehr als man über die meisten von uns sagen kann.“

Präziser lässt sich unsere Gegenwart kaum beschreiben.

Olga Ravn
Die Angestellten
März Verlag, Berlin 2022

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