Dass da ein konventionell Gebildeter sich vernehmen lässt, kann man bereits aus dem Titel schliessen („trockne Schleicher“? Etwas sehr bemüht originell, wie ich finde), dass er dies elegant, amüsant und lehrreich tut, erfährt man hingegen erst, wenn man seine Texte liest.
Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten ist reich an vielfältigen Einsichten, die sich im Verlaufe des akademischen Lebens des mittlerweile 85jährigen, emeritierten Professors für Neuere Deutsche Literatur angesammelt haben.
Über Klassifizierungen und Metaphern lässt er sich unter anderem aus – anregend, mit wunderbar illustrativen Beispielen. Peter von Matt ist ein begabter Erzähler – und so macht er sich, wenig überraschend, zum engagierten Fürsprecher des Erzählens, allerdings mit einer Neigung zum Effekthascherischen.
„Erzählen ist nie der Abklatsch eines verworrenen Ganzen, Erzählen ist die Übersetzung eines verworrenen Ganzen in ein Modell. Als ein Modell ist die Erzählung die ältere Schwester der Theorie. Und wenn eine Theorie schliesslich vom Modell zur Formel vorstösst, wirkt darin immer noch die ordnende Kraft der Erzählung fort. Daher hat eine Formel wie E = mc² die gleiche geschliffene Präzision wie eine Metapher, der es gelingt, eine komplexe Gegebenheit auf einen Ausdruck zu verdichten.“
„Als ein Modell ist die Erzählung die ältere Schwester der Theorie.“ Ich verstehe nur Bahnhof. „die ordnende Kraft der Erzählung“? Nun ja, es ist der Erzähler, der ordnet. „geschliffene Präzision wie eine Metapher“? Solche Metaphern sind eher selten, die Beispiele, die der Autor anführt, zwar überzeugend, jedoch meines Erachtens Ausnahmen.
„Offenbar provoziert der Wissenschaftler die Menschen schon durch seine blosse Existenz.“ Also wird er in den Elfenbeinturm relegiert. Peter von Matt wehrt sich geistreich für die Wissenschaftler, für alle. Dabei erfährt man unter anderem, dass die Geisteswissenschaften auch als ‚Orchideenfächer‘ bezeichnet werden, und das meint, „ dass es wissenschaftliche Disziplinen gebe, die reiner Luxus seien, also ohne gesellschaftlichen Nutzen, also unnötig.“ Treffend kontert er: „Der naheliegende Gegenbegriff der ‚Kartoffelfächer‘ wird allerdings nie verwendet. Er würde die Absurdität jener Disqualifizierung rasch aufdecken.“
Elfenbeinturmtheorie versus Common Sense? Wer würde da nicht für den Common Sense optieren, obwohl dieser weit weniger common ist, als der Begriff annehmen lässt. Dazu von Matt: „Der gesunde Menschenverstand betrachtet sich ja als die demokratische Gestalt der Theorie. Und er stützt sich tatsächlich auf die Mehrheit. In Wahrheit aber ist er dogmatisch, weil er sich stets von vornherein im Besitz der Resultate glaubt.“ Dass der gesunde Menschenverstand in der Mehrheit ist, bezweifle ich zwar, doch dass er sich „stets von vornherein im Besitz der Resultate glaubt“, daran habe ich noch gar nie gedacht und bin verblüfft, denn es ist stimmt ganz eindeutig.
Wissenschaftler werden bewundert, dämonisiert und lächerlich gemacht. Dabei können sie weniger als wir annehmen. Überhaupt wird die Wissenschaft, trotz grossartiger Leistungen, überschätzt. „Die Wissenschaft kann also den Mangel feststellen, ihn beheben kann sie nicht. Das kann nur der Mythos. Nur der Mythos erzählt vom Ganzen. Nur er antwortet auf das ‚ewige und unzerstörbare metaphysische Bedürfnis der Menschennatur‘. Nur er gibt dem Menschen, mit Burckhardts frappantem Wort, ‚was er sich nicht selber geben kann’“. Und damit kommt der Autor zu seinem eigentlichen Anliegen: „Das Kunststück, den Mythos mit der Wirklichkeit zu verbinden, gelingt nur der Literatur. Sie nämlich hält es abwechselnd mit beiden Seiten. Sie koaliert mit der Wissenschaft gegen den Mythos und mit dem Mythos gegen die Wissenschaft.“
Darauf folgt dann vielerlei Literaturwissenschaftliches, wobei sich der Eindruck aufdrängt, der Autor hätte seine Schubladen aufgeräumt. Da geht es von „Die Begegnung mit dem wahren Gesicht. Zu einem dramatischen Motiv des weiblichen Schreibens“ über „Kunst und Verschwendung. Die unheimliche Erleuchtung der Welt“ zu „Eros — Wandel und Dauer des Elementaren“ und „Zur Dramaturgie der Dummheit“, worin der Autor ausführt: „’Selbstverschuldet‘ ist eines von den zehn Wörtern, aus denen die berühmteste Definition von Aufklärung besteht: ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.‘ In seinem berühmten Manifest scheut Kant sich nicht, für die ’selbstverschuldete Unmündigkeit‘ auch einmal kurzerhand das Wort ‚dumm‘ zu setzen. Und worin die Schuld an der eigenen Dummheit begründet sei, das spricht er grossartig unverblümt aus: in der ‚Faulheit und Feigheit‘ der Menschen gegenüber ihrer Fähigkeit, unabhängig zu denken. Die Überlegung geht prächtig auf, etwas zu prächtig. So prächtig geht sie auf, dass wir den Verdacht nicht loswerden, hier werde ein stachliges Problem rhetorisch brillant vom Tisch gewischt.“ Im Gegensatz zum Autor finde ich gar nicht, dass hier „ein stachliges Problem rhetorisch brillant vom Tisch gewischt“ werde, die rhetorische Brillanz als Waffe einzusetzen, ist eher seine Domäne.
So ab der Mitte des Buches ist mir klar, dass ich – ein Buchliebhaber, doch ohne wirkliches Interesse an Literaturwissenschaft – eindeutig nicht zum Zielpublikum gehöre, auch wenn ich immer mal wieder auf überaus erhellende Sätze stosse, präzise und darüber hinaus witzig. „Oft brechen die Verkaufszahlen eines bedeutenden Autors ein, wenn eine Biographie erscheint, aus der hervorgeht, wie schlecht er seine Frau behandelt hat. Niemand aber zieht den Umkehrschluss und sagt: ‚Dieser Mann muss ein Genie sein, er ist immer so nett zu seiner Familie.’“
Andererseits: Unter dem Titel „Gerechtigkeit und Sympathie Der Gerichtscharakter der Literatur und ihre Strategien“ lese ich von dem „offenen oder versteckten Anspruch der Literatur, das zweite und gerechtere Gericht zu sein, neben der offiziellen Rechtsprechung.“ Und ihn mir denkt es: Ganz schön arrogant, diese Literaten, obwohl ich kein Freund der offiziellen Rechtsprechung bin. Doch worin unterscheidet sich die Logik der Literatur von derjenigen der juristischen Rechtsprechung? In der offenen Parteinahme. „Die Steuerung der Sympathie ist also durchgängig verzahnt mit einer ebenso folgerichtigen Steuerung der Antipathie.“ Voreingenommenheit also, die doch, so der Autor an anderer Stelle, die Verfechter des Common Sense ausmacht.
Für mich lohnt dieses Buch, weil es quer durch die Wissensgebiete saust und erlaubt, Funde zu machen, die das Herz erfreuen. Von der Klassifizierung der Bäume durch das britische Militär (Palm trees, Pine trees und Trees with a bushy top) zu „Life … it is a tale / Told by an idiot, full of sound and fury, / Signifying nothing.“ (aus Macbeth) zu Kant, der die theologische, die juristische und die medizinische Fakultät als ein Instrument für die Regierung begriff, „um die Untertanen im Zustand der Zufriedenheit zu erhalten. Die Rechtsprechung sichert den Menschen ihren Besitz, die Medizin sichert ihre Gesundheit und die Theologie zeigt ihnen den Weg in das ewige Leben.“ Zum Erhellendsten gehört für mich: “… kann die Kenntnis der Biographie eines schöpferischen Kopfes den Zugang zu seinen Werken ebenso erschweren wie erleichtern. Es gibt Gründe für die Annahme, einer der grössten Glücksfälle der Kulturgeschichte sei die Tatsache, dass wir von Shakespeares Leben so wenig wissen.“ Und dann … doch Nein, lesen Sie selber in dieser wohlformulierten, erkenntnisreichen Fundgrube.
Peter von Matt
Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten
Die Möglichkeiten der Literatur
Carl Hanser Verlag, München 2023