Thomas Fischer: Sex and Crime

Wer dieses Buch mit Gewinn lesen wolle, müsse eine gewisse Schwelle überwinden, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Und das meint: Ohne die Bereitschaft, sich auf juristisches Denken (zu dem auch das Juristendeutsch gehört) einzulassen, lohnt die Lektüre nicht wirklich. Allzu schwer macht es Thomas Fischer, geb. 1953, bis April 2017 Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, den Lesern jedoch nicht – er ist ein begabter Schreiber und weiss sich verständlich (zwar etwas schulmeisterlich, doch auch immer mal wieder witzig) auszudrücken. So stellt er unter anderem klar, dass die Annahme, Juristen seien ständig juristisch (in Sprache und Denken) unterwegs, falsch sei. „Das stimmt ebenso wenig wie die Annahme, Zahnärzte würden beim Abendessen stets über das Kariesrisiko referieren, genauso wenig therapieren Psychologen zum Glück nicht rund um die Uhr ihre soziale Umgebung.“ Wobei: So ganz sicher bin ich mir da nicht, denn unser Sprechen und Denken wird wesentlich von dem geformt, womit wir uns beschäftigen respektive von unserem Handeln. Ich jedenfalls bilde mir ein, Juristen auch auf hundert Meter als solche zu erkennen …

„Die Lebenswirklichkeit ist unendlich vielgestaltig und kann sprachlich nicht einfach abgebildet, sondern muss in begrifflichen Abstraktionen beschrieben werden.“ Das hat viel für sich, nur gibt es auch noch ganz andere Gründe, weshalb Juristisches auch Juristen oft ein Rätsel ist. So lässt sich etwa mit dem Verkomplifizieren von Sachverhalten gut Geld verdienen. Auch kann man sich wichtig machen. Andererseits: Die Dinge sind nun mal kompliziert, in jeder Disziplin. So verstand auch die gescheite Susan Sontag, die sich auf ihren Verstand einiges einbildete, die spezialisierten Mediziner nicht, die ihren Krebs bekämpften.

Der Titel Sex and Crime ist Marketingüberlegungen geschuldet (Nichts scheint heutzutage wichtiger als Kaufen und Verkaufen) und irreführend, denn dieses Buch ist vor allem eine recht nüchterne Abhandlung zu Fragen des Sexualstrafrechts. Zugegeben, eine anregende, weil grundsätzliche, die nicht zuletzt deutlich macht, „dass durchweg die ökonomischen Positionen und Interessen von grösster Bedeutung für die jeweiligen Moralvorstellungen waren.

Juristen (wie eigentlich allen akademisch Ausgebildeten) geht es wesentlich um Begriffsklärung, was im Justizwesen (im Gegensatz zum akademischen Leben) regelmässig praktische Folgen nach sich zieht. So trifft etwa die Vorstellung einer Leitkultur in der Praxis auf schier unüberwindliche Hindernisse. Das liegt daran, dass es eine allgemeingültige Moral nicht gibt, weswegen denn auch der durchschnittliche Strafrichter die Verhaltensweisen junger Erwachsener aus ungebildeten armen Bevölkerungsschichten schlicht nicht nachvollziehen kann. Woher auch?Thomas Fischer spricht viele solcher Konfliktfälle an und er macht praktische Vorschläge, wie sie anzugehen sind. Seine Ausführungen zur Empathie (Seite 171) empfand ich als überaus hilfreich.

Was mir an Sex and Crime ganz besonders gefällt: Dass Vorgänge nie isoliert, sondern immer in grösseren gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachtet werden. Und dabei auf Wesentliches hingewiesen wird: Etwa darauf, dass bis vor etwa 15 Jahren vor allem männliche Jugendliche den Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung äusserten und es heutzutage vor allem weibliche Jugendliche sind (etwa 80 Prozent). Die Umwandlung des Körpers gemäss seinen Wünschen zeigt sich jedoch genauso im Sport oder in der plastischen Chirurgie. Dahinter steht die Überzeugung, der Mensch solle frei entscheiden können. Das Recht unterstützt ihn dabei, wohl wissend, dass der Mensch gar nicht frei sein kann. Nur eben: Wer will denn schon das ganze System zum Einstürzen bringen?

Wir leben in einem das Ego zelebrierenden Zeitalter, was unter anderem zur Folge hat, dass wir Alles und Jedes einklagen wollen. Autor Fischer hat zwar durchaus Verständnis für das ständig zunehmende Straf- und Verfolgungsbedürfnis, macht jedoch auch deutlich, dass die Ausweitung der Strafbarkeitsbereiche kein probates Mittel ist, um mit gesellschaftlichen Veränderungen, die sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten ereignen, klarzukommen.

„Sein braucht Sollen: die Notwendigkeit von Normen“ ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem ausführt, dass diese sich wandeln (wie alles andere auch, möchte man hier hinzufügen) und also kontinuierlich gesellschaftlich neu ausgehandelt werden müssen. Die herrschende Kultur bestimmt, wo es langgeht, und diese kann von Ort zu Ort, etwa von Stadt zu Land oder auch in einzelnen Stadtteilen, verschieden und/oder von der Religion bzw. der Kultur geprägt sein. Zu der offensichtlich nicht-kompatiblen westlichen und muslimischen Sexualmoral meint Autor Fischer: „Es kommt hier nicht drauf an, ob eine dieser Positionen richtig ist und eine andere falsch.“ Ich sehe das entschieden anders.

Juristen halten sich ans Recht, was auch in dem schönen Satz zum Ausdruck kommt: Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis. Autor Fischer, ein argumentations- und streitfreudiger Mann, liefert mit diesem Werk ein gelungene Einführung in die mannigfachen juristischen Versuche, das Leben einzufangen. Auch wenn er als erfahrener Richter um die Grenzen des rechtlich Regelbaren weiss, die Untersuchungshaft hat er selber wohl kaum erfahren, wenn er beklagt, dass sie häufig wie eine vorweggenommene Strafe behandelt werde. Juristisch hat er zwar Recht, doch wer schon einmal auf Rikers Island in Untersuchungshaft gesessen ist (schrieb Janet Malcolm in ‚Iphigenia in Forest Hills‘), weiss, dass die Unschuldsvermutung reine Fiktion ist.

Sex and Crime zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass es an Beispielsfällen aufzeigt, wie die Strafrechtspraxis funktioniert. Eindrücklich demonstriert der Autor, wie Juristen mit dem wirklichen Leben umgehen – sie bedienen sich eines überaus komplexen, hochdifferenzierten theoretischen Gebildes, das weit stärker von der sozialen Wirklichkeit geprägt ist als dass es diese prägt. Dabei wird die herrschende Streitkultur nicht etwa in Frage gestellt, sondern als zum Menschen gehörig begriffen.

„Das wirkliche Leben ist ausserordentlich vielgestaltig, und kein Fall ist genau wie andere. Dass es auf Einzelheiten, Differenzierungen und Grenzbereiche ankommt, ist eine der Botschaften, welche das Buch gerne vermitteln würde“, schreibt Thomas Fischer im Vorwort. Dies ist ihm zweifellos gelungen. Darüber hinaus zeigt er überzeugend auf, wie erhellend (und wohltuend, angesichts der täglichen medialen Aufgeregtheiten) stetes Bemühen um Sachlichkeit sein kann. Nicht nur für Auseinandersetzungen mit dem Sexualstrafrecht, sondern generell.

Thomas Fischer
Sex and Crime
Über Intimität, Moral und Strafe
Droemer, München 2021

Sarah Hall: Die Töchter des Nordens

„Eines der 100 besten Bücher des Jahrzehnts“, lese ich auf dem Buchumschlag. Der Satz wird The Times zugeschrieben, die offenbar Journalisten beschäftigt, die besser in der Werbung tätig wären, die dafür bekannt ist, absolut Substanz-frei formulieren zu können und damit Konsumenten zu gewinnen. Überlegt man sich kurz – kurz genügt – was uns mit so einem Satz zugemutet wird (Die hundert besten Bücher? Nach welchen Kriterien? Und überhaupt: Von welchem Jahrzehnt?), doch nein, das tut man natürlich nicht und greift stattdessen zum Buch, weil auch der völlige Schwachsinn (oder vielleicht gerade dieser) einen neugierig machen kann. Schon verblüffend, wie verführbar der Mensch ist, ob er sich nun Gedanken macht oder nicht. Klar doch, ich spreche von mir.

Der Einstieg von Die Töchter des Nordens packt mich sofort: „Schwester“, dies der Name der Erzählerin, lebt mit ihrem Mann Andrew in Rith, einer der letzten Städte Englands, nahe des Lake District, in einer Art Strafkolonie, in der alles normiert und fremdbestimmt ist. Postapokalyptisch. Das Gesundheitssystem war zusammengebrochen, Epidemien grassierten, Gerüchte hatten die zensierten Nachrichten ersetzt – überall herrschte Angst in England, das zu einer amerikanischen Kolonie verkommen war.

Schwester will weg, plant ihren Abgang aus diesem Dasein der importierten Dosen. „Ich hatte dieses Frachtgut aus Metall, von dem das Land abhängig war. Alles war entweder zu süss oder zu salzig.“ Und dann geht sie los, ausgestattet mit dem Nötigsten und mit einem Gewehr bewaffnet … Eindrücklich wird ihr Aufbruch geschildert, man glaubt, mit dabei zu sein.

Sie will nach Carhullan, einer abgelegenen Farm, wo eine Gruppe Frauen eine neues, besseres Leben begonnen hat. So hat sie es jedenfalls in einem älteren Zeitungsbericht gelesen. Und natürlich wird über die Frauen geredet. „Die Einheimischen verbreiteten alle möglichen Gerüchte über ihr Leben in den Bergen, und viele davon waren grausam oder anzüglich.“ Schwesters Vater hatte ihr geraten, sich von ihnen fernzuhalten, doch insbesondere Jackie Nixon, die, zusammen mit ihrer Freundin Veronique, die Anführerin und in frühen Berichten als typische Nordengländerin beschrieben worden war („starrköpfig, wortkarg, menschenscheu“), hatte es ihr angetan.

Doch der Empfang in Carhullan gestaltet sich ausgesprochen aggressiv, sie wird eingesperrt, überlegt sich zu fliehen. Dann lernt sie Jackie Nixon kennen. „Vor mir sass die Frau, die ich schon so lange hatte kennenlernen wollen; eine Einheimische, die unter extremen Bedingungen einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut und fast zwei Jahrzehnte am Laufen gehalten hatte, während um sie herum die Welt zusammengebrochen war.“ Und sie verfügt über die Eigenschaften, die Personen, die Macht ausüben, eigen ist: Selbstsicherheit, Willensstärke und einen Hang zum Fanatismus.

Carhullan hatte als Zufluchtsort für missbrauchte Frauen begonnen, doch es ist keine Ansammlung von Opfern, die sich auf der Farm zusammengefunden hat. Viele waren Verbrecherinnen oder Aussenseiterinnen gewesen, „gewalttätig, grossspurig, sozial unfähig, promisk, drogenabhängig und sich der Tatsache bewusst, dass es eines Systems bedurfte, um sie auf Linie zu bringen. Sie waren sich einig, dass ihnen nichts Besseres als Carhullan hätte passieren können …“. Sie sind, trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten, eine eingeschworene Gemeinschaft, respektieren und helfen einander.

Nach und nach stellt sich heraus, dass die Farm eine ähnliche Strafkolonie ist wie die Stadt, aus der die Frauen geflohen sind. Unter Jackies Kommando trainiert eine Spezialeinheit, extremer und abartiger als diejenige der Britischen Armee. Jackie, von der wilden Landschaft des Nordens mit seinen verfehdeten Sippen geprägt, ist eine Trinkerin („Der Dunst von Whisky hing im Flur; entweder sie hatte die Nacht durchgetrunken oder schon am frühen Morgen damit angefangen.“) und überzeugt, dass ein Angriff bevorsteht. Ist ihr wirklich Ernst damit, die Farm aufzulösen und mit einer Guerilla-Truppe in die besetzten Städte zu ziehen?

Ist Die Töchter des Nordens „eines der 100 besten Bücher des Jahrzehnts“, wie die Werbung behauptet? Keine Ahnung (ich nehme Werbung nicht ernst, ich falle darauf rein), ich erinnere mich nur an wenige, die mir während des letzten Jahrzehnts einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen habe. Was diese Dystopie jedoch mit Sicherheit ist, jedenfalls für mich: Eine atmosphärisch dichte, beklemmend realistische Darstellung der Radikalisierung.

Sarah Hall
Die Töchter des Nordens
Penguin Verlag, München 2021

Michael McCarthy: Faltergestöber

Dass es exponentielles Wachstum gibt, ist mir erst in der Corona-Zeit wirklich bewusst geworden, obwohl ich das berühmte Seerosenbeispiel schon lange kannte. Dass sich die Weltbevölkerung in nur vierzig Jahren, von 1960 bis 2000 von drei auf sechs Milliarden verdoppelt hat, ist mir jedoch überhaupt nicht klar gewesen. „Im Jahrzehnt darauf kam eine weitere Milliarde hinzu und in den nächsten vier Jahrzehnten wird sie noch einmal um drei Milliarden wachsen“, schreibt Michael McCarthy in Faltergestöber. Doch nicht nur die Bevölkerung, auch der Konsum explodiert. Das rechte Mass ist uns schon längst abhanden gekommen; Mehr-Mehr-Mehr ist unsere Devise. Wir sind alle süchtig und das meint nicht etwa ‚auf der Suche‘, sondern krank (Sucht kommt von siech = krank).

Wir sind gerade dabei, unsere Lebensgrundlage, den Planeten Erde, zu zerstören. Wie können wir nur so blöd sein? Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass wir uns falsch sehen, denn uns fehlt die Einsicht, „dass Menschen nicht per se gut sind und sich nicht freiwillig ändern, wenn es gegen ihre egoistischen Motive geht. Da kann man genauso gut von Katzen verlangen, dass sie keine Vögel mehr jagen.“

Nur eben: Dass alles mit allem verbunden ist, „dass einzelne Pflanzen- und Tierarten mit anderen lebenden Organismen, die allesamt nicht bloss miteinander, sondern auch mit ihrer Umgebung agieren“, ist eine relativ neue Einsicht. Unser fragiles Ökosystem verlangt Rücksichtnahme, eine Eigenschaft also, mit der man im Raubtierkapitalismus nicht weit kommt. „In den Mainstream jedoch hat das Empfinden der Einheit mit der Biosphäre keinen Eingang gefunden. Er spielt bei den Entscheidungsträgern der modernen Welt und den Abermillionen, die sich nach ihnen richten, keine Rolle, sondern wird in anthropologische und spirituelle Nischen abgedrängt.“

Faltergestöber  ist ein zutiefst persönliches Buch, das auch die schwierigen familiären Umstände des Autors, die offen und gänzlich unprätentiös geschildert werden, nicht ausspart und damit deutlich macht. in was für einem komplexen und schwer zu durchschauenden Netzwerk unser Leben abläuft: Ganz viele Faktoren, die wir nicht bestimmen können, sind da am Werk. Doch da sind auch die, auf die wir Einfluss nehmen. Wie wir das tun, hängt von unserer Grundeinstellung ab.

Michael McCarthys Grundeinstellung ist die Liebe zur Natur. Und diese zu wecken ist das Ziel dieses Buches. Seine nüchterne und pragmatische Herangehensweise hat meine Sympathie. „Ich bin kein Wissenschaftler, weder Evolutionsbiologe noch Psychologe; ich will nichts beweisen, nicht logisch argumentieren, sondern schlicht sagen: Das habe ich erlebt, vielleicht kann es zum Verständnis beitragen.“ Wobei: Wie viele gebildete Engländer, stapelt er da schon ziemlich tief, denn schliesslich kommentiert er höchst kenntnisreich, was er beobachtet hat.

Wir Menschen halten uns für Rationalisten, doch die Eigenbeurteilung, wie wir alle wissen, trifft selten zu. Auch wenn es unsere Eitelkeit kränken mag, unsere Instinkte prägen unser Verhalten weit mehr als unser Kopf. „Verallgemeinernd könnte man sagen, wir besässen, tief in unseren Genen verankert, eine starke, intuitive Bindung zu unserer Umwelt.“

Das Problem ist: Die wenigsten nehmen diese Intuition wahr; unser Wirtschaftssystem verlangt Wachstum. Innert nur gerade 50 Jahren wurde die Hälfte der britischen Biodiversität vernichtet, grösstenteils durch die Landwirtschaft. Dass die Ressourcen begrenzt sind, kümmert uns nicht, da unser Denken nicht langfristig ausgerichtet, sondern von ‚Nach mir die Sintflut‘ geprägt ist. Auch das angeblich in grossen Zeitspannen denkende China  richtet sich danach aus. „Nirgendwo auf der Welt wird die Zerstörung der Natur unerbittlicher und gründlicher betrieben als in der Volksrepublik, die vermutlich in Kürze zur grössten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen wird.“

Faltergestöber  handelt unter anderem von einer Flussmündung in Südkorea, die einem Prestigeprojekt weichen muss. Dafür  wird der Lebensraum von vielen Watvögeln zerstört. Als ich das lese, wird mir bewusst, wie selten mir klar ist (wie selten ich spüre, heisst das), dass die Erde nicht nur der Lebensraum von uns Menschen ist. Faltergestöber  schärft mein Bewusstsein. Und das ist nötig. Apropos Flussmündung: „Kennen Sie etwa ein winziges Mündungslied? Über Berge und Flüsse, über Wälder und Wiesen und Seen gibt es Lieder in Hülle und Fülle. Aber über Mündungen? Nein.“ Ich bin mir gewiss, ich werde Flussmündungen künftig neu sehen.

Michael McCarthy versteht es ausgezeichnet, sein Staunen über die Welt zu vermitteln. Jedenfalls glaubte ich seine Glücksgefühle und, ja, seine Liebe zur Natur nachempfinden zu können. Nur wenn wir das Staunen wieder lernen, werden wir den Glauben an den Wert der Natur, die Ehrfurcht vor der Schöpfung erfahren. Faltergestöber  regt vielfältig dazu an, es ist ein ganz wunderbares Buch!

Michael McCarthy
Faltergestöber
Vom Glück, das die Natur uns schenkt
Matthes & Seitz Berlin 2021

Véronique Ovaldé: Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln

Dieser Roman beginnt mit Reisevorbereitungen. Nicht nur Ausweise und Plüschtiere, sondern auch eine Beretta muss mit. Gloria, die mit ihren beiden Töchtern, sechs und fünfzehn, an der Côte d’Azur lebt, will mit ihnen in den Norden, nach Kayserheim im Elsass, nahe der deutschen Grenze, in ein anderes Licht. Ich wähne mich in einem Thriller.

Von ihrem Naturell her ist Gloria eine Einzelgängerin. Glänzend, wie Véronique Ovaldé sie beschreibt: „Die Gesellschaft von anderen hatte ihr nie behagt, weder als Kind noch als Jugendliche, die Mädchen waren falsche Schlangen und die Jungs lüsterne Affen … Sie konnte sich zwar selbst nicht besonders gut leiden, aber immer noch besser als die anderen … Es ist nicht auszuschliessen, dass sie ihre Vorliebe für das Alleinsein als Zeichen für Überlegenheit ansah …“.

Mit siebzehn, als Bedienung in einer Bar, hatte Gloria Samuel kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ihr Onkel Gio, dem Samuel illegal Erworbenes verkauft, will sie davon abbringen, sich auf den Jungen, der auch zu viel trinkt, einzulassen. Ohne Erfolg. „Er hatte die Anziehungskraft des Jungen ebenso unterschätzt wie das Bedürfnis der Tochter seines Freundes, nicht mehr allein zu sein, er hatte den ungezügelten Appetit, das junge Alter und die Lust der beiden unterschätzt, aber das lag für ihn soweit zurück, wie hätte er sich da erinnern, die Person, die er vor zwanzig Jahren war, wiederbeleben sollen …“.

Vor Pietro will sich Gloria mit ihren Töchtern in Sicherheit bringen. Erst nach und nach erschliesst sich dem Leser, wer dieser Pietro ist. Mit anderen Worten: Die Autorin versteht es, die Spannung aufrecht zu erhalten. Doch es ist nicht allein die Geschichte, die erzählt wird, die diesen Roman lesenswert macht, es sind vor allem die Gedanken und Überlegungen, die Gloria durch den Kopf gehen. Diese sind Alltags-philosophisch und immer mal wieder witzig. So kommentiert sie die Anweisung im Flugzeug, „erst sich selber die Sauerstoffmaske über das Gesicht zu ziehen, bevor man den Kindern eine anlegt“, mit „wer hat jemals einen Flugzeugabsturz überlebt, nur weil er eine Rettungsweste oder eine Sauerstoffmaske angelegt hat?“ Oder „ … sie meditierte, grübeln ist so ein hässliches Wort …“.

Darüber hinaus spricht mich Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln auch wegen der verschiedenen Wirklichkeiten an, die Véronique Ovaldé beschreibt. Dazu gehören diejenigen der Nacht („aber es waren nächtliche Überlegungen, sie waren verschwommen und verstört und ergaben ein alarmierendes Bild von der Welt.“) und des Tages („Am Morgen hatte sie das Gefühl des Grauens und den nicht zu löschenden Durst abgeschüttelt …“.), aber auch diese, die wir üblicherweise allzu schnell verwerfen: „Gloria gehörte zu der Sorte Mensch, die es nicht für ausgeschlossen hielt, dass der Geist ihrer Grossmutter zurückgekommen war, um im Kayserheimer Haus zu spuken – oder es nie verlassen hatte.“ Sie unterscheidet übrigens auch zwischen Gespenstern und Geistern.

Beeindruckend ist überdies wie lebendig die beiden Töchter charakterisiert werden. Auch die eigenwillige, smarte und wütende Gloria mit ihren Momenten des Jähzorns, den sie nicht zu kontrollieren weiss, geht einem unter die Haut. „Aber so ist das Gesetz des Streits und der Wut. Es gilt, jedes Mass und jede Würde über Bord zu werfen.“

Gloria hat selbstverständlich auch andere Momente („sie kann ihm etwas vorspielen, sie ist eine Frau“), denn sie weiss, dass Arroganz und Dummheit oft miteinander einhergehen. Doch natürlich soll das Ende dieses faszinierenden Thrillers hier nicht verraten werden. Nur soviel: „Niemand ist verletzlicher, als derjenige, der sich für geschickter, schlauer und intelligenter hält als alle anderen.“

Fazit: Fesselnd, gekonnt strukturiert, clever.

Véronique Ovaldé
Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021

Katja Gloger / Georg Mascolo: Ausbruch

Das Buch beginnt wie ein Thriller – und das ist, neben dem Lesevergnügen, (auch) ein Problem, denn eine spannende Geschichte braucht Akteure, die wissen, was sie tun. Und das ist bei dieser Pandemie nachweislich nicht der Fall, denn niemand weiss wirklich, was zu tun ist. Sicher, einige wissen mehr als andere, doch es sind die Wissenschaftler und nicht die Politiker, von denen dieses Buch zu grossen Teilen handelt.

Mit anderen Worten: Dieses Buch ist Journalismus als Storytelling und das heisst Fiktion. Das ist keineswegs negativ gemeint, sondern bedeutet, dass wir mit der Komplexität der Wirklichkeit nicht klarkommen beziehungsweise dass wir nur die Version der Wirklichkeit, die sich als Geschichte erzählen lässt, verstehen. Und dies birgt die Gefahr von falschen Schlüssen. „Hätte die chinesische Staatsführung rascher reagiert, wären die WHO und mit ihr die Welt früher über die drohende Gefahr informiert gewesen, die Zahl der Infizierten wäre deutlich niedriger gewesen“, schreiben die Autoren, nachdem sie dargelegt haben, dass die WHO zwar informiert gewesen war, doch wegen des chinesischen Drucks nicht früher eindeutig Stellung bezogen hat.

Solch monokausale Herleitungen sind jedoch die Ausnahme, denn Ausbruch überzeugt wesentlich dadurch, dass viele Stimmen zu Worte kommen und die gewichten naturgemäss unterschiedlich. „Er lügt wie ein Augenzeuge“ sagt bekanntlich ein russisches Sprichwort. Verblüfft hat mich wieder einmal, was für weitreichende Auswirkungen ein einzelner Vorfall für das Verhältnis der Beteiligten haben kann (Seehofer, Drosten, Schulschliessungen).

Es ist hervorragendes Storytelling notabene, das die Autoren vorlegen. Zudem reich an Details (etwa dass die Asche Robert Kochs in kupferner Urne im gleichnamigen Institut hinter einer weissen Marmorplatte aufbewahrt wird), spannend und informativ. Ausbruch leistet, was guter Journalismus zu leisten imstande ist. Das Problem dabei ist, es stellt Logik und Sinn her, wo vielfach nur Durcheinander regiert. Auch das dem Journalismus eigene Personalisieren erweist sich angesichts einer Situation, die restlos alle überfordert, als problematisch. „’Mit jeder Entscheidung retten wir Leben, aber wir zerstören auch Perspektiven‘, sagt einer von ihnen.“ Dass da nicht steht, wer diesen Satz gesagt hat, finde ich erfreulich, schliesslich könnte ihn jeder gesagt haben.

„Die Wahrscheinlichkeit der Unwahrscheinlichkeit“ ist ein Kapitel überschrieben, das deutlich macht, dass Regierungen sich durchaus mit biologischen Bedrohungslagen auseinandersetzen, obwohl die meisten diese nicht wirklich ernst nehmen. Das liegt, wie ich finde, in der Natur des Menschen, der sich zwar den Tod anderer, aber nicht seinen eigenen vorstellen kann. Oder anders gesagt: Was den Menschen nicht unmittelbar betrifft, geht ihm am Arsch vorbei. Dazu kommt: Wir leben in Zeiten, in denen uns instant gratification selbstverständlich geworden ist. Wir sind auf der Stufe verwöhnter Kinder stehengeblieben, denken in Kategorien von was uns zusteht und nicht von was ist nötig. Und überhaupt: Wer nimmt schon Katastrophenschutzübungen ernst?

Die Corona-Pandemie führt auch immer wieder zu Verblüffendem. So haben etwa Staatsschützer weniger zu tun, da Gefährder zu Hause bleiben und deswegen Observationen ausgesetzt werden. „Der britische Geheimdienst MI5 meldet, Beschattungen auf leeren Strassen seien ohnehin kaum möglich, die Observanten würden entdeckt.“

„Das Virus verbreitet sich schneller als die Einsicht“ gehört zu den Sätzen, die wohl am besten diese Pandemie beschreiben. Doch auch die Einsichten nützen wenig, denn der Mensch muss etwas erfahren, bevor er es begreift. So wissen wir zwar, dass nichts im Leben sicher ist. Doch wir glauben es nicht. Und auch jetzt, wo wir es erfahren, wollen wir es nicht wahrhaben, wehren wir uns dagegen, bleiben wir lieber bei dem, was wir kennen.

Was mich fassungslos macht: Dass der Akzent der Politik nach wie vor auf der Frage liegt: Was können wir den Leuten zumuten? Und nicht: Was erfordert die effizienteste Bekämpfung der Pandemie? Und auch dies: Dass die Abermillionen Toten der Spanischen Grippe im kollektiven Gedächtnis nicht präsent sind. Und es ganz so aussieht, also ob auch die Toten von Covid-19 es bis jetzt nicht sind und es womöglich nie sein werden. Den Glauben der Autoren an einen kollektiven Lernprozess des Erinnerns teile ich nicht. Doch dass sie mit diesen Innenansichten einer Pandemie gegen das Vergessen anschreiben, ist (jedenfalls mir) hochwillkommen – mit nicht geringem Erstaunen habe ich nämlich zur Kenntnis nehmen müssen, was mir schon alles nicht mehr präsent ist.

Ausbruch ist nicht nur ein Lehrstück in Sachen Politik, Medizingeschichte, Medien und Virologie, sondern auch ein Buch darüber, dass der Mensch die Realität nicht wahrhaben will. Er täuscht, verdrängt, lügt – so lange es nur irgendwie geht. Das Verwaltungsungetüm, das uns weltweit regiert und von dem alle wissen, dass es ineffizient und vor allem ein Instrument der Arbeitsbeschaffung für die darin Tätigen ist (eine Bürokratie sei „an end in itself“ hat der Anthropologe Nigel Barley einmal gemeint), dient auch der Ablenkung davon, dass alles im Leben unsicher ist. „Respekt für den Zustand andauernder Unsicherheit“ (Nassim Nicholas Taleb) sollte uns leiten – tut es aber eben nicht. Nach wie vor nicht.

Fazit: Exzellenter Journalismus; hilfreiche, der Komplexität Rechnung tragende Aufklärung.

PS: Der Buchumschlag als Illustration von völliger Ratlosigkeit ist sehr gelungen.

Katja Gloger / Georg Mascolo
Ausbruch
Innenansichten einer Pandemie
Piper, München 2021

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