Patrícia Melo: Die Stadt der Anderen

Patrícia Melo zähle zu den wichtigsten Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur, lässt mich der Verlag wissen, und in mir denkt es: Wer bestimmt eigentlich, was eine wichtige Stimme in der brasilianischen Gegenwartsliteratur ist? Nach welchen Kriterien?

Wie auch immer. Wir leben in Zeiten der Superlative (und darin unterscheiden sich Verlage nicht von Supermärkten) und so gehört also Patrícia Melo, jedenfalls gemäss ihrem Schweizer Verlag, zu den sogenannt wichtigsten Stimmen. Ich selber kenne sie bisher „nur“ als Krimi-Autorin, doch weiss bereits nach wenigen Seiten, dass dies ein starker Roman ist, der viel mit der brasilianischen Realität zu tun hat.

São Paulo, Praça da Matriz. Hier treffen sich die Gestrandeten, die auf und von der Strasse leben. Seit jeher beeindruckt von der Resilienz, der Gewitztheit, der Lebenstüchtigkeit der Menschen, deren Überleben von Dosen und Noch-Brauchbarem aus den Abfallcontainern abhängt, lese ich fasziniert, wie treffend Patrícia Melo dies auf den Punkt bringt. „Das Geheimnis der Arbeit bestand darin, Muskeln aus Stahl zu haben, die Strecken zu kennen, die Spreu vom Weizen trennen zu können, aus allem Unbrauchbaren schnell die Dose, das Glas, das Holz herauszufischen …“.

Die Menschen der Praça da Matriz gehen miteinander auch nicht anders um als die an anderen sogenannten Brennpunkten der Mega-Stadt São Paulo. Nicht nur, aber vor allem: missgünstig, gierig, rachsüchtig, neidisch und oft brutal. Und natürlich träumen sie von einem anderen Leben, verkörpert durch die Swiss Life Residence, dem Wohngebiet für die Bessergestellten ganz in der Nähe, das Chilves, zusammen mit wenig vertrauensvollen Schlawinern, zu überfallen plant.

Wie Patrícia Melo die vielfältigen Verhältnisse vor Ort schildert, ist eindrücklich, was vor allem daran liegt, dass sie nicht vereinfacht und trotzdem eine klare Haltung einnimmt. Es sind die materiell Unterprivilegierten, denen ihre Sympathie gehört, auch wenn sie sich über sie keine Illusionen macht, denn der Überlebenskampf bestimmt alles. Diese Illusionslosigkeit bringt auch viel Scharfsinn hervor. So lässt sie etwa den venezolanischen Einwanderer Seno Chacoy, der gerade entlassen wurde (dabei gehörte es zu seinen Pflichten, die Penner nasszuspritzen!), über Brasilien sagen: „Ein echtes Scheissland. Das auf dem besten Weg war, ein zweites Venezuela zu werden.“

Als Seno Chacoys Frau Ana Rosa stirbt, meldet ein Sohn namens Raul („die reinste Bakterienschleuder“), aus einer ihrer früheren Beziehungen, Anspruch auf ihr Häuschen an. Seno geht Raul aus dem Weg, „um diese Kreatur mit den absurden Kritzeleien am Leib, mit denen er den Wänden öffentlicher Toiletten ähnelte, nicht sehen zu müssen.“ Doch schliesslich, bevor er noch zum Mörder wird, zieht er aus.

Es sind die unterschiedlichen Charaktere, die Patrícia Melo ganz hervorragend schildert. Die Transfrau Glenda, die von ihrem Zuhälter verunstaltet wird und im Krankenhaus, sehr zu ihrem Missfallen, auf der Männerabteilung landet. „Weisst du, früher dachte ich, das Problem bei diesen Leuten ist mangelnde Information. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Sie sind einfach nur gemein. Die Bösartigkeit in Person. Die Menschen sind vor allem eins: böse.“ Da ist Iraquitan, der Schriftsteller, der in einem Iglu-Zelt lebt, und von einer Fernsehcrew veräppelt wird. Da ist der beschränkte Salário Minimo, der gemäss Chilves nicht Mindestlohn, sondern Mindesthirn heissen sollte. Und da ist Douglas, der Leichenbestatter, der die Pandemie anders als die meisten erlebt, und für den der Baum „der höchste Ausdruck des Guten“ war: „Er spendete Schatten, pflanzte sich wie die Jungfrau Maria ohne Beischlaf fort, brachte Früchte hervor und wurde aus seinen Samen heraus wiedergeboren.“

Die Stadt der Anderen zeichnet das Bild einer Realität, die niemand mehr imstande ist, zu kontrollieren. Und schon gar nicht diejenigen, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter stehen. „Die Politiker wollen, dass wir die Drecksarbeit erledigen, aber wenn sie Interviews geben, erklären sie sich sofort zu Gegnern der Straflosigkeit solcher angeordneter Handlungen.“ So zutreffend das auch ist, gut formuliert geht anders.

Räumungskommandos der Behörden tauchen überfallartig auf. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, von den Polizisten als ‚Plunder‘, ‚Müll‘ und ‚Gerümpel‘ bezeichnet (es handelt sich um „Decken, Töpfe, Betten, Kocher, Kleider Waren und Arbeitswerkzeuge“), wird abtransportiert; wer sich wehrt, landet im Gefängnis. Zu den für mich stärksten Passagen gehört die Weltsicht der Crack-Hure Jessica, für die „all die Kerle, die höchstens dreissig Real für eine Nummer bezahlten, sich beim Paaren nicht von einem Hund oder einem Maultier unterschieden.“

Mit Die Stadt der Anderen ist Patrícia Melo eine eindrückliche, höchst realistische Geschichte über den Verlust der Freiheit und vom Überleben in der Sklaverei des Geldes gelungen.

Patrícia Melo
Die Stadt der Anderen
Unionsverlag, Zürich 2024

Omri Boehm / Daniel Kehlmann: Der bestirnte Himmel über mir

Wenn zwei Kant-Experten – Philosophie Professor der eine, Autor (der einst eine Doktorarbeit über Kant begonnen hat) der andere – sich über den Mann aus Königsberg austauschen, wird es nicht ausbleiben, dass ein Laie (jedenfalls einer wie ich) gelegentlich nur Bahnhof versteht („Zwar haben spätere Denker versucht, das synthetische Apriori und die Kritik vor der nichteuklidischen Geometrie zu retten …“), doch ist vieles in diesem Werk einem an der Welt der Ideen interessierten Menschen einigermassen zugänglich. Dachte ich zumindest zu Beginn der Lektüre …

Kann man die Person des Philosophen von seiner Philosophie trennen?, gehört zu den Fragen, denen sich die beiden am 30. und 31 Mai 2023 „im idyllisch ruhigen Gartenhaus des Ullstein Verlags in Berlin, in geduldiger Gesellschaft des Lektors Ulrich Wank und eines Tonaufnahmegeräts“ widmeten. Sicher, das kann man, aber soll man? Nein, das soll man nicht, so meine Meinung, doch das war bevor ich die Ausführungen in diesem Werk an mich heranliess.

Ich will hier – vollkommen willkürlich – auf einige Gedanken hinweisen, die ich als anregend empfunden habe. Etwa, dass es bei Kant eine Auseinandersetzung zwischen Natur und Freiheit gibt. „Die Natur gewinnt in der physischen Welt. In der moralischen nicht.“ Man müsse Zuschauer sein, um ein Gefühl der Erhabenheit zu empfinden, meinte Kant. „… bringt er das Beispiel eines Beobachters, der auf einer Klippe sitzt und auf einem stürmischen Meer ein Schiff sieht, das in Gefahr ist unterzugehen. Und das Meer ist tausendfach stärker und grösser als das Schiff. Dabei empfindet dieser Zuschauer ein Gefühl der Erhabenheit.“

Braucht Moral Gott? heisst eine der Überschriften. Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, könnte als Antwort darauf zwar kaum klarer sein, hindert die beiden Autoren jedoch nicht, unter Bezugnahme auf Descartes, Spinoza, Nietzsche und Dostojewski auszuführen, wie eindeutig und radikal Kants Auffassung ist.

Kant ist auch berühmt für sein sapere aude, das ich bislang immer als Aufforderung zum selber denken verstanden habe. Und lerne nun: „Der ganze Aufsatz ‚Was ist Aufklärung?‘ vermengt Denken und Wissen. Auf der einen Seite steht das Selbstdenken. Habe den Mut, für dich zu denken. Auf der anderen: sapere aude, habe den Mut zu wissen. Aber natürlich sind Denken und Wissen nicht dasselbe (…) was man aus diesem Text erinnert, ist die Aufforderung, den Mut zu haben, zu wissen.“ Dass Professor Boehm das so erinnert, bedeutet nicht, dass „man“ es so erinnert. Meine eigene Erinnerung geht so: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Mit anderen Worten: Ich ziehe Kants Erläuterung derjenigen seiner Interpreten vor.

So erhellend ich die Erläuterungen in diesem Gespräch oft finde („… nachdem man Freud gelesen hat, begreift man, dass das Herz noch unergründlicher ist, als man geglaubt hatte, sodass man seine Motive noch weniger gut kennt.“), so absurd kommen sie mir auch immer mal wieder vor („Es muss möglich sein, ein Mensch zu sein, auch wenn es gar keine Menschen gibt.“). Überdies hatte ich fast durchgehend den Eindruck, die beiden Autoren fühlten sich bemüssigt, Kant zu erklären, was er gemeint habe. Allzu viel ist dabei meines Erachtens reinste Spekulation. „Kant würde darüber hinausgehen. Er würde behaupten …“.

Dieses Buch ist voll von: Dieser und jener hat dieses und jenes gesagt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, ich wohne einer Vorlesung bei, der ich allerdings nicht wirklich folgen konnte, weil mir die Grundlagen fehlten, da mir die angeführten Philosophen und Philosophien nur ansatzweise vertraut sind. Unter dem Titel Ist das Selbst eine Illusion? lese ich: „Ich nehme an, dass Spinoza einer gewissen buddhistischen Philosophien näher käme, wie sie jemand wie Schopenhauer verstand. Kant steht auf der anderen Seite von Spinozas Dekonstruktion des Selbst. Vielleicht lässt sich das am besten im Vergleich zu Descartes einsehen. Hegel sagte einmal, Spinoza sei ‚cartesianischer als Descartes‘, was nur zum Teil stimmt …“.

Stattdessen hatte ich mit fortschreitender Lektüre den Eindruck, dass da zwei, die sich und ihr Denken ausgesprochen wichtig nehmen, in einem sehr elitären Elfenbeinturm sitzen und sich gegenseitig Bälle zuwerfen, was gelegentlich auch zu recht abstrusen Situationen führt. So etwa, wenn der studierte Philosoph Boehm sagt: „Ich bin persönlich oft genervt, wenn sich Philosophen zu viel über die moderne Physik auslassen, die sie meist nicht verstehen. Es ist so, wie wenn manche Physiker meinen, dass sie einfach drauflosphilosophieren können, nur schlimmer“, um sich dann über Mathematik und Physik auszulassen.

Auch wenn mich die zur Schau getragene konventionelle Bildung der beiden nervte und mir Humor als auch Leichtigkeit (ohne die meines Erachtens jede Philosophie scheitern muss) fehlten, ihre Ausführungen über Kausalität und insbesondere über Kunst („Für Kant waren Genies diejenigen, die wirklich über sich hinaus als Medien, als Träger von Ideen dienen konnten. Ihre Schöpferkraft, ihre Originalität hat nichts mit der eigenen Subjektivität zu tun … Das ist das genaue Gegenteil von der Art und Weise, wie das Genie in unserer Kultur verstanden wird. Kunst wird oft auf die Faszination reduziert, die wir für den individuellen Autor empfinden.“) lohnen ganz unbedingt.

Omri Boehm / Daniel Kehlmann
Der bestirnte Himmel über mir
Ein Gespräch über Kant
Propyläen, Berlin 2024

Iwan Bunin: Der Sonnenstich

Zuallererst: Ansprechender Umschlag, gutes Format, leserfreundlicher Satzspiegel – das Buch liegt gut in der Hand. Es sind dies die ersten Texte, die ich von diesem Autor lese; sie würden „eine meisterhafte epische Tiefe“ aufweisen, schreibt der Verlag – was auch immer das sein mag.

Die erste Erzählung, Mitjas Liebe, ist von Eifersucht geprägt, die einen an den Rand des Irrsinns bringen kann. Nie war mir dies deutlicher – auch natürlich, weil mir bei der Lektüre die Eifersucht meiner Jugendjahre wieder eindringlich präsent wurde. Selten fühlte ich mich meinen jugendlichen Gefühlen, die von ganz anderer Intensität sind als die des Alters, näher. Nicht zuletzt wegen Beobachtungen wie dieser: „… empfand er dieses besondere Gefühl, das einen stets bei einer Abreise erfasst – ein bestimmter Lebensabschnitt ist vorbei (und zwar endgültig)! – , und verbunden damit eine überraschende Leichtigkeit, die Verheissung von etwas Neuem.“

Mitja zieht sich aufs Land zurück, wo er aufgewachsen ist und wo sich alles noch immer an seinem angestammten Platz befindet. Erinnerungen an seine Kindheit, die ihm wie ein Traum vorkommt, erfüllen ihn. Das Sein und Tun der Natur beruhigen ihn. Gleichwohl sind Katja und Moskau präsent; dass kein Brief von ihr kommt, wühlt ihn auf. „Doch wieder waren vernünftige Überlegungen keine Hilfe.“

Es sind die Schilderungen der Natur, des Ländlichen, von der diese Geschichte einer Obsession mitgeprägt ist, und die trotzdem nicht gegen diese Besessenheit ankommen. „… erfassten ihn dann mit solcher Macht, dass er am ganzen Körper zitterte wie im Fieber, dass seine Zähne aufeinanderschlugen und er Gott anflehte – aber immer vergebens! – , sie wiederzusehen, hier in diesem Bett, wenigstens im Traum.“

Mitja wird mit Aljonka bekannt gemacht, trifft sich mit ihr in einer Hütte. „Den ganzen Tag über hatte eine aussergewöhnliche körperliche Erregung ihn fast keinen Moment losgelassen. Jetzt war sie zu höchster Intensität gesteigert. Doch eigenartig – wie schon den ganzen Tag über war sie auch jetzt ein eigenständiges Phänomen, das ihn nicht ganz durchdrang, das nur von seinem Körper Besitz ergriffen hatte, ohne die Seele zu berühren.“ Mitjas Obsession mit Katja ist anders, schliesst Körper und Seele mit ein; ihr gegenüber empfindet er sich ausgeliefert, machtlos – und ist wild entschlossen, dem allem ein Ende zu machen.

Auf diese beklemmende, ja tragische Geschichte folgt Eine Last, eine kurze Erzählung über den Greis Efrem, der alleine lebt und den Versprechen der Revolutionäre misstraut, dass jetzt, nach der Absetzung des Zaren, jeder ein Stück Land kriegen solle. „Und was ist das überhaupt für eine Verfügung? Sollen jetzt vielleicht Vögel schwimmen und Fische fliegen? Ist es das, was sie wollen? Nein, da kommt nichts Gutes dabei raus.“ Doch Efrem ist nicht nur den Revolutionären gegenüber skeptisch; er ist weise, braucht keine Illusionen mehr.

Der mordwinische Sarafan handelt von einer schwangeren Frau, die – wie wir alle – viel Aufmerksamkeit braucht, allerdings in einem Mass – wie vermutlich nur wenige – , das deutlich macht, dass es noch um ganz anderes als um Aufmerksamkeit geht: um Selbstvergewisserung. „Sie spricht nur von sich selbst. Von mir nie, nicht einmal anstandshalber, kein einziges Wort – sie weiss bis heute nicht und zeigt auch nicht die geringste Absicht zu wissen, wer ich bin, was ich tue, wo ich angestellt bin, ob ich verheiratet bin oder alleinstehend.“ Diese Geschichte lehrt uns übrigens auch, dass wovon wir reden, meist weniger wichtig ist, als wovon wir uns nicht trauen, zu reden.

Doch ich will nicht auf jede der zehn Erzählungen (Zikaden ist für mich keine Erzählung, sondern eine grundsätzliche, philosophische Reflexion über Leben und Tod – mein liebster Text) in diesem Band eingehen. Dass ich mich sofort (und ganz unabhängig von der Thematik) in diese Texte hineingezogen fühle, erkläre ich mir einerseits mit den magischen Naturschilderungen, die mich ruhig werden und spüren lassen, dass wir einem grösseren Ganzen angehören, und andererseits mit der tiefen Seelenkenntnis des Autors, die mich mehr über das Wesen des Menschen lehrt als die vielen Psychologie-Bücher, die ich gelesen habe.

Iwan Bunin
Der Sonnenstich
Erzählungen 1924-1926
Dörlemann, Zürich 2024

Simon Sahner / Daniel Stähr: Die Sprache des Kapitalismus

Ob man ein Buch mag, entscheidet sich oft auf den ersten Seiten. Im Falle von Die Sprache des Kapitalismus ist die Lage jedoch alles andere als eindeutig. „Wenn wir immer nur von Ärzten und Krankenschwestern sprechen statt von Ärzt*innen und Pflegekräften, sind Menschen in weissen Kitteln und hoher Position in Krankenhäusern in unserer Vorstellung männlich und Menschen, die Pflegearbeit leisten, weiblich.“ Heilige Einfalt! Schon möglich, dass die beiden Autoren so ticken, doch derart simpel funktionieren die meisten dann doch nicht. Kurz darauf stosse ich aber auch auf diesen, unmittelbar einleuchtenden und ausgesprochen hilfreichen Satz: „Steigende Preise verbergen im Gegensatz zu Preisen, die erhöht werden, dass es Menschen gibt, die davon profitieren und vielleicht sogar ein Interesse daran haben, dass Konsument*innen sich nicht fragen, wer für die hohen Preise verantwortlich ist.“

Diesem Buch liegt die Vorstellung zugrunde, wir könnten mittels Sprache unser Bewusstsein beeinflussen, vielleicht sogar steuern. Ich halte dies für einen Irrglauben. Wir sind viel komplexer, gehorchen keiner linearen Logik. Zudem empfinde ich die *Schreibweise als Bevormundung und reagiere darauf automatisch mit Ablehnung. Soweit die Ausgangslage. Doch jetzt zum Buch, in dem die Autoren darauf hinweisen, „dass Systeme Strukturen entwickeln, die dazu dienen, das jeweilige System zu erhalten.“ Das leuchtet zwar ein, doch wo bleibt die Evidenz? Auch behaupten sie, dass das rassistische System Risse bekommen hat und schreiben dies „aktivistisch arbeitenden Menschen und People of Color (PoC)“ zu. Nun ja, mehr als eine Behauptung ist das nicht. Und keine sehr plausible. In den meisten Grossstädten leben die verschiedenen Rassen übrigens nach wie vor nach Stadtteilen getrennt. Wer schon mal in Grossstädten war, weiss das.

„Sprache, die nicht hinterfragt, analysiert und verändert wird, stabilisiert Systeme, die oft wenigen Menschen sehr viele Vorteile und vielen Menschen noch mehr Nachteile bringen.“ Wenn Linguisten so argumentieren, kann ich das verstehen, denn das rechtfertigt ihren Beruf, doch im Alltag stossen Sprachmissionare in aller Regel auf Widerstand. Allenfalls werden sprachliche Eigenheiten für interessant befunden. So wird etwa im Portugiesischen Geld gewonnen (ganhar dineiro) und nicht verdient. Was soll/kann man daraus ableiten? Gar nichts, in der Praxis arbeiten die Brasilianer genauso für ihr Geld wie etwa die Schweizer oder die Nordamerikaner.

Die Autoren messen sprachlichen Gewohnheiten eine Bedeutung zu, die sie ausserhalb höherer Lehranstalten schlicht nicht haben. Das lehrt einen das Leben. Gleichzeitig stimmt aber eben auch: Wie wir etwas ausdrücken, erfüllt in aller Regel einen bestimmten Zweck. So werden Metaphern (bildliche Vereinfachungen eines komplexen Sachverhaltes) oft sehr gezielt eingesetzt, was Die Sprache des Kapitalismus an vielen Beispielen aufzeigt. Wobei: „Dass diese Metaphern genutzt werden, ist aber noch kein Beweis für ihre Wirkung, die muss rückblickend an konkreten Situationen aufgezeigt werden.“ Das klingt eher nach Rationalisierung als nach Beweisführung.

Nichtsdestotrotz: Die Sprache des Kapitalismus zeigt überzeugend, dass wir uns von Metaphern einlullen lassen, die wir selten bis nie hinterfragen. Treffend formulieren die beiden Autoren: „Ein Unternehmen als ‚too big to fail‘ zu bezeichnen, ist der sprachliche Ausdruck der Weigerung, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob ein System, in dem Unternehmen so gross und mächtig werden können, noch funktioniert und was eine Alternative wäre.“ Möglicherweise liegt das weniger an den Metaphern als am fehlenden kritischen Denken.

Wie auch immer: Die Sprache des Kapitalismus ist ein nützliches Werk, da es nötige Aufklärung über das kapitalistisches System liefert, zu dem die Autoren grundsätzliche Wert-Fragen stellen. Simon Sahner und Daniel Stähr führen erhellend und überzeugend vor, was kritisches Denken ausmacht. Ihren Glauben, die richtige Wahrnehmung (wobei die Sprache eine zentrale Rolle spielt) habe das Potential für Veränderungen, teile ich hingegen nicht. So machen sich weder Brasilianer noch Thais Illusionen über ihre korrupten Regierungen (Korruption? Haben wir nicht, das ist unser System, sagte „meine“ Thailändisch-Lehrerin einmal), doch die meisten machen sich genauso wenig Illusionen darüber, dass sich das jemals ändern wird.

Die Sprache des Kapitalismus lohnt sich zur Bewusstseinsschulung, ist anregend und interessant als Aufklärung über den Kapitalismus. Und zudem gut geschrieben. Möge dieses Plädoyer für sprachliche Genauigkeit dazu beitragen, dass wir uns ernsthaft und eingehend mit Alternativen zu einer kapitalistischen Lebensweise und der Etablierung eines gerechteren Wirtschaftssystems auseinandersetzen.

Simon Sahner / Daniel Stähr
Die Sprache des Kapitalismus
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Leonie Schöler: Beklaute Frauen

Der Titel sagt bereits alles. Trotzdem hält es die Autorin für nötig zu erwähnen, „die Darstellung dass nur weisse (das meint nicht die Hautfarbe, sondern die politische und gesellschaftliche Machtposition) Männer Dinge von Bedeutung getan, gesagt oder gedacht haben, stimmt einfach nicht.“ Selbstverständlich hat sie Recht, doch das wissen alle mit einem bisschen Verstand, weil sie sich nämlich nicht allein an den Geschichtsbüchern orientieren, wie das Historiker (weiblich wie männlich) zu tun pflegen.

Auch der Untertitel, Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte, lässt keinen Zweifel, worum es der Autorin geht. Dass sie dabei ausgesprochen traditionell unterwegs ist – die Vorstellung, es gebe in der Geschichte Heldinnen oder Helden, offenbart eine Weltsicht, die gängiger und einfallsloser kaum sein könnte – , macht die Lektüre vorhersehbar: Frauen sind zu kurz gekommen. „Die Erklärung der Menschenrechte galt nicht für Frauen, ethnische Minderheiten oder das Proletariat, sondern für weisse, gutbürgerliche Männer.“ Keine Frage, Leonie Schöler hat Recht. Nur eben: Die Menschenrechte sind nirgendwo auf der Welt Realität. Für niemanden.

So recht eigentlich lässt sich dieses Buch anhand von vier Aussagen zusammenfassen. In Leonie Schölers Worten: „1) Die meisten Namen von Frauen, die zu ihren Lebzeiten Bedeutendes bewirkten oder zu bewirken versuchten, sind heute vergessen. 2) Sind ihre Namen vergessen, so ist entweder auch ihr Wirken vergessen oder wird Männern zugeordnet. 3) Sollte es doch einmal eine Frau geschafft haben, dass wir uns an ihren Namen erinnern, so wird meist mehr über ihr Wesen und ihren Lebensstil diskutiert als über ihr Wirken. 4) Wird über das Wesen oder den Lebensstil einer Frau diskutiert, so geschieht dies in direktem Bezug auf ihr Geschlecht und wie sehr sie diesem entspricht – oder eben nicht.“

Geschichte hauptsächlich unter Gesichtspunkten des Geschlechts zu betrachten, trägt wesentlich dazu bei, grundsätzliche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Etwa darüber, warum es erstrebenswert sein sollte, zu Lebzeiten Bedeutendes zu bewirken. Oder darüber, was „bedeutend“ eigentlich meint, und für wen?

Bei gesellschaftlichen Konflikten, so die Autorin, gehe es fast immer um Macht. „Solange wir Menschen unsere Gesellschaft mit Macht organisieren, durchsetzen und bewahren, wird es früher oder später immer auch Machtkämpfe geben.“ Sicher, doch warum sollte man sich daran beteiligen?

Irritiert hat mich vor allem das doch recht schlichte Weltbild, das diesem Werk zugrunde liegt. „Marx hebt hier die Bedeutung der Gleichstellung hervor und misst den gesellschaftlichen Fortschritt an der Stellung der Frau – lässt es sich aber im gleichen Atemzug nicht nehmen, über das Aussehen von Frauen zu lästern. Es ist diese Ambivalenz, die sich durch seine Arbeit und sein Leben zieht.“ Wer Ambivalenz problematisch findet, lebt in einer Welt, die viel mit Ideologie, doch wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Unter dem Titel „Goethe, Lessing, Brecht und Co.: Bildung ist weiss und männlich“ erfährt man auch, welche Werke die Autorin in der Schule zu lesen hatte. „Dort lasen wir Theodor Fontanes Effi Briest und lernten dadurch nicht nur, wie schwer es ist, eine Frau zu sein, sondern auch, dass es offenbar Männer sind, die die Probleme einer Frau am besten literarisch verarbeiten können.“ Der Umkehrschluss wäre dann wohl: Nur Frauen können die Probleme einer Frau am besten literarisch verarbeiten. Mir liegt Whoopy Goldberg näher, die als actor und nicht etwa als actress bezeichnet werden will, da sie sowohl in männliche als auch in weibliche Rollen schlüpfen könne.

Dass sich die Lektüre trotzdem lohnt, liegt für mich daran, dass die Autorin einen wahren Schatz an Wissenswertem ausbreitet. So war mir nur vage bewusst, dass zahlreiche Frauen ihre Werke unter männlichen Pseudonymen veröffentlicht hatten, hatte noch nie von der Biochemikerin Rosalind Franklin gehört, der die Daten geklaut worden waren, die zur Entdeckung der Struktur der DNA führten. Auch war mir der Antisemitismus von Marx und Engels nicht geläufig. Dass Brechts und Picassos Umgang mit Frauen furchtbar war, war mir hingegen nicht neu.

Viktor Frankl hat einst gemeint, es gebe nur zwei Rassen. Die Anständigen und die Unanständigen. Da die Unanständigen in der Mehrzahl seien, gehöre es zu unseren Aufgaben, die Anständigen zu stärken. Darüber hinausgehende Debatten sind meines Erachtens Ablenkungen.

Leonie Schöler
Beklaute Frauen
Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte
Penguin Verlag, München 2024

Neil deGrasse Tyson: Im Spiegel des Kosmos

Es geschieht selten, sehr, sehr selten, also eigentlich nie, dass ich wegen eines Zitats, das einem Buch vorangestellt ist, in regelrechte Begeisterungsstürme ausbreche. Die Ausnahme ist dieses Zitat hier, es stammt von Edgar D. Mitchell, Astronaut der Apollo 14: „Von dort draussen, vom Mond aus betrachtet wirkt die Weltpolitik so lächerlich kleinlich. Am liebsten möchte man einen Politiker am Schlafittchen packen, ihn eine Viertelmillion Meilen hinaus ins Weltall zerren und zu ihm sagen: „Schau dir das an, du kleiner Mistkerl.“

Der US-amerikanische Astrophysiker Neil deGrasse Tyson, geboren 1958 in New York City, weist in seinem Vorwort auf „zwei rasche Lehren aus diesem Buch“ hin: „1) Das menschliche Auge reicht nicht aus, um die fundamentalen Wahrheiten über die Abläufe in der Natur zu enthüllen. 2) Die Erde ist nicht der Mittelpunkt aller Bewegung. Sie kreist um die Sonne, als lediglich einer unter mehreren anderen bekannten Planeten.“ Das wissen wir doch, werden vermutlich die meisten denken. Schon, aber eben nur in der Theorie, denn in der Praxis lassen wir uns von dem leiten, was wir sehen und in unserem Erleben dreht sich die Welt um uns. Und genau deswegen ist Im Spiegel des Kosmos so überaus nützlich – „als Fundgrube von Einsichten, informiert durch das Universum und vermittelt mit den Methoden und Werkzeugen der Wissenschaft.“ Übrigens: „Objektive wissenschaftliche Wahrheiten fussen nicht auf Glaubenssystemen“, sie gründen auf Experimenten, können also nachgewiesen werden.

Mit „Wahrheit & Schönheit. Ästhetik im Leben und im Kosmos“ überschreibt Neil deGrasse Tyson das erste Kapitel. Und diese Formulierung is so recht eigentlich ein Geniestreich, denn Schönheit ist in der Tat Wahrheit, das behauptet er nicht nur, das führt er an Beispielen vor. „In unserem Sonnensystem haben wir Kometen und Planeten und Asteroiden und Monde, und sie alle präsentieren sich dem Auge in umwerfend einziger Form und Gestalt. Zu vielen dieser Objekte haben wir detaillierte und objektiv wahre Kenntnisse angesammelt, woraus sie bestehen, wo sie herkommen und wohin sie unterwegs sind. Derweil drehen und bewegen sie sich auf ihren zugewiesenen Pfaden durch das Vakuum des Weltalls, wie Pirouetten drehende Tänzer in einem kosmischen Ballett, und mit den Gravitationskräften als Choreograph.“ Wunderbar!

Im Spiegel des Kosmos ist ein ungemein hilfreiches Buch, da es einen Perspektivenwechsel vornimmt: Nicht unser Ach-so-delikates-Ego wird gehätschelt, sondern unser Dasein im Kosmos wird uns vor Augen geführt. „Für mich persönlich als Wissenschaftler und als Erdenbewohner ist vielleicht das Schönste am Universum, dass wir überhaupt etwas darüber wissen können.“ Man sollte sich Zeit nehmen für diesen Satz, ihn wirken lassen und zu begreifen bereit sein, dass nichts, absolut gar nichts, selbstverständlich ist. Oder uns zusteht. Oder gar verdient wäre …

Es liegt an unserem Lebenstrieb, dass wir an der Idee, das Ego sei Realität, festhalten. Obwohl wir wissen (können), dass es dieses Ego gar nicht geben kann, denn schliesslich ist alles in stetiger Veränderung begriffen. Diese Vorstellung eines Ego führt übrigens auch zur Astrologie, die lehrt, „dass Sonne, Mond, Planeten und Sterne sich ganz persönlich auf uns auswirken“ … Dazu Neil deGrasse Tyson: „Kenntnisse über das Universum im Allgemeinen – und kosmische Perspektiven im Besonderen – helfen uns zugleich unser Ego von allem zu lösen, was am Himmel passiert, und dabei selbst die Verantwortung für unser eigenes Tun zu übernehmen.“

Dass wir so wenig fähig sind, das Wunder des Lebens, unserer Existenz, des Universums zu sehen, wirklich zu sehen, liegt grösstenteils an unserem Denken, das linear unterwegs ist. Doch: „Wissen wächst nicht linear, sondern exponentiell, deshalb ist jeder Versuch unseres Gehirns hoffnungslos, die Zukunft allein auf Grundlage der Vergangenheit vorherzusagen.“

Im Spiegel des Kosmos liest sich über weite Strecken als Plädoyer für die Wissenschaft und das meint: Verstehen zu wollen, wie die Dinge wirklich sind. Als zu Beginn von Corona viele sich berufen fühlten, ihre Meinung kundzutun – Politiker, Geschäftsleute und andere Ideologen – , waren Wissenschaftler die Einzigen, auf die ich bereit war, zu hören. Nicht, weil sie immer recht hatten, doch weil sie, sofern sie ernsthaft unterwegs waren, bereit waren, sich an Überprüfbarem zu orientieren.

„Die ganze Mission im Leben eines Wissenschaftlers besteht darin, die wahren Merkmale und Eigenschaften der Natur herauszufinden, selbst wenn sie im Widerspruch zu den eigenen philosophischen Überzeugungen stehen. Genau deshalb werden Sie niemals Bataillone von Astrophysikern bei der Erstürmung eines Hügels beobachten können.“ Wir wären gut beraten, uns die Geisteshaltung hinter dieser Mission anzueignen. Argumente dazu liefert dieses Buch zuhauf.

Im Spiegel des Kosmos führt eindrücklich, anregend und überzeugend vor, wie wir unseren Verstand zum Wohle von uns allen nutzen können.

Neil deGrasse Tyson
Im Spiegel des Kosmos
Perspektiven auf die Menschheit
Klett-Cotta, Stuttgart 2024

Nina Jäckle: Verschlungen

Eineiige Zwillingsschwestern. Die Ich-Erzählerin lebt allein, getrennt von ihrer Schwester Ewa, in einem Haus im Wald. Doch die zwölf Minuten jüngere Schwester ist ständig präsent, ja mehr, sie dominiert. Immer mal wieder fragte ich mich: Ist diese Zwillingsschwester eigentlich das zweite Ich der Ich-Erzählerin, ist das vielleicht ein und dieselbe Person?

„Die Notizen in meinen heimlichen Hefte waren mir stets Beweis dafür, dass ich es nicht verstand, den Auftrag, mit Leib und Seele Zwilling zu sein, zu erfüllen.“ Wieso sie glaubt, einen solchen Auftrag erfüllen zu müssen, hat sich mir nicht erschlossen.

Alles sei ersonnen. Das ganze Buch, von vorne bis hinten, so die Autorin in einem Interview. Wobei: Natürlich gebe es in ihrem Leben Rückzug und Einsamkeit und eine sehr enge Beziehung und auch die Frage danach, „was man als gegeben gelten lassen, was man als gegeben anerkennen muss. Und so macht man sich auf die Suche nach dem Vorgegebenen und ebenso nach der definierbaren eigenen Form. Man versucht zu komponieren, auf dass man Urheber der Melodie des geführten Lebens werde…“.

Es ist eine beklemmende Geschichte, die Nina Jäckle erzählt. Der Wunsch, sich von ihrer Obsession freizumachen. Nicht mehr „als Ewas Zweitbesetzung auf ihrer Bühne“ zu stehen, sondern ihr eigenes Bühnenbild zu schaffen und „nur eine einzige Hauptrolle ohne Zweitbesetzung“ zu sein – nach ihrem eigenen individuellen Leben sehnt sie sich.

Nichts ist schwieriger als loslassen und fast unmöglich ist es, sich aus biologischen Verbindungen zu lösen. Als ob das nicht schon ziemlich aussichtslos wäre, gibt Nina Jäckle noch einen obendrauf und schreibt „über den selbstzersetzenden Versuch, sich von einem Menschen abzuwenden, der genetisch mit dir vollkommen übereinstimmt.“

Die Autorin charakterisiert Obsession (und davon handelt Verschlungen hauptsächlich) treffend als „besessen zu werden und besessen zu sein“, beschränkt dies allerdings auf die Abhängigkeit von einem anderen Menschen. Es trifft jedoch genauso auf die Abhängigkeit von chemischen Substanzen zu. Kurz und gut: Eine Obsession ist zumeist eine Sucht, also destruktiv und oft scheinbar ausweglos. Nina Jäckle beschreibt dies eindringlich.

Wie bei jeder Obsession, von der man nicht lassen will, beschäftigt man sich vorwiegend mit dem, was gewesen und nicht mehr zu ändern ist (das psychologische Geschäftsmodell). „Ob wir funktionieren, voneinander entfernt?“, fragt die Ich-Erzählerin. Wer so fragt, hat kaum die Absicht, den Versuch zu wagen. Und doch ist da ein dauerndes Hin und Her, sehnt sich die Ich-Erzählerin nach einem eigenen, ganz eigenen Leben. An Sollen-Imperativen mangelt es ihr nicht. „Ich sollte mir die Gründe aufzählen, weshalb es gut ist, dass ich hier ohne Ewa bin, weshalb es gut ist, dass ich mit weissen Bögen Papier aufgenommene Eindringlinge allein aus dem Haus nach draussen bringe. Ich sollte mir die Gründe aufzählen, weshalb es gut ist, mit niemandes Hilfe rechnen zu können, gerade für mich, die nicht als eine zur Welt kam, die sich also das Einssein erkämpfen muss Tag für Tag.“

Als sie schliesslich begreift … was wird hier nicht verraten, doch es geht mit einem Lachen einher …

Fazit: Dicht, differenziert, bedrückend und hellsichtig.

Nina Jäckle
Verschlungen
Roman
Kröner Edition Klöpfer, Stuttgart 2023

Peter Gritzmann: Plausibel. Logisch. Falsch

Peter Gritzmann ist emeritierter Professor für Mathematik und legt mit diesem Buch eine höchst instruktive Schrift vor, die auch immer mal wieder zum Schmunzeln einlädt. „Und vergessen Sie nicht, 90% aller unserer Kinder zeigen bisweilen ungewöhnliches Verhalten, sind also hochbegabt.“

An ganz vielen und ganz unterschiedlichen Beispielen zeigt der Autor auf, dass plausibel und richtig nicht immer dasselbe ist, der Wählerwillen selten so klar ist wie wir gemeinhin annehmen und wir gut daran täten, die dem Wahlsystem zugrunde liegenden Prinzipien zu hinterfragen. So trägt etwa das amerikanische System des „Electoral College“ dazu bei, den Wählerwillen umzukehren, denn nicht der Gewinner der „popular vote“, sondern derjenige des „electoral vote“ gewinnt.

Überaus aufschlussreich sind auch die Ausführungen zum „Brexit“, bei dem weniger als 37.5% der wahlberechtigten Bürger zustimmten. Mehrheit ist Mehrheit? Nicht, wenn man genauer hinschaut. Wesentlich scheint mir: „Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass die Brexit-Entscheidung komplexe Implikationen hat, die selbst die aufgeklärtesten und informiertesten Bürger kaum überblicken können.“ Mit anderen Worten: Plausibel. Logisch. Falsch geht weit über interessante Gedankenspiele hinaus, ist von grundsätzlicher Bedeutung.

Unter anderen zitiert Professor Gritzmann auch Churchill mit seinem Bonmot: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“ Und warnt dann zu Recht, wovor kaum einmal gewarnt wird: „Das Ergebnis einer Wahl kann durchaus mehr vom Wahlsystem abhängen als von den Mehrheitsverhältnissen.“ Am Rande: Churchill meinte übrigens auch, dass das stärkste Argument gegen die Demokratie eine zehnminütige Unterhaltung mit einem Durchschnittswähler sei.

Wie kann es sein, dass Fachleute auf Grundlage derselben Daten zu vollkommen anderen Schlüssen gelangen? Weil sie ihren Überlegungen unterschiedliche Modell zugrunde legen. Es kommt also darauf an „von welcher Basis aus, aus welchem ‚Interpretationsrahmen‘ wir sie (die Gegebenheiten) bewerten.“ Anders gesagt: Es ist wie immer eine Frage des Kontextes. Und dieser beruht auf Annahmen, und das meint: Er wird konstruiert indem Zuschreibungen vorgenommen werden, die die Daten allein selten hergeben.

„Menschen neigen ständig dazu, Indizien dafür zu suchen, dass ihre vorgefassten Meinungen zutreffen, ob sie nun stimmen oder nicht.“ Dazu kommt, dass wir in aller Regel nur widerstrebend (falls überhaupt) von einmal gefassten Überzeugungen lassen. Man nennt das bias confirmation. Dagegen anzukommen ist schwer, da wir weit weniger offen und flexibel sind als wir gerne annehmen. Professor Gritzmann schlägt diese überaus nützliche Frage vor: „Würde die Welt mehr Sinn ergeben, wenn wir unseren bisherigen Interpretationsrahmen verliessen oder wenigstens abänderten?“

Plausibel. Logisch. Falsch ist reich an erfreulich persönlichen, teils erfundenen, in einfacher, verständlicher Sprache erzählten Geschichten, die das Potential haben, uns wacher und aufmerksamer mit uns und unserer Umgebung auseinanderzusetzen. Niklas Luhmann hat einmal ein Buch mit dem Titel Legitimation durch Verfahren verfasst; Peter Gritzmann macht uns bewusst, dass wir gut beraten sind, uns diese Verfahren genauer anzusehen.

Plausibel. Logisch. Falsch ist ein Buch, das vielfältig nachwirkt. Bei mir sind es vor allem die „klassischen“ Probleme der Wahlverfahren, da ich schon lange intuitiv „weiss“ (ja, klar, die Intuition kann auch täuschen), dass selten die Besten gewinnen (eher die Verkäufer oder die bestens Vernetzten). So ist mir etwa das Wahlverfahren bei den Oscars nicht einmal ansatzweise bekannt. Und sorgt auch deswegen immer mal wieder für Überraschungen. Transparenz ist keine Realität, doch selber denken hilft. Professor Gritzmann zeigt, wie das geht.

Fazit: Instruktiv, amüsant und hilfreich.

Peter Gritzmann
Plausibel. Logisch. Falsch
Auf den Holzwegen des gesunden Menschenverstandes
C.H. Beck, München 2024

Eric Klinenberg: 2020

Verschiedene Länder haben ganz unterschiedlich auf Covid-19 reagiert. Der Soziologe Eric Klinenberg ist der Frage nachgegangen, weshalb sich in den USA, trotz ähnlicher Massnahmen (Büros wurden geschlossen, Grenzen abgeriegelt, das gesellschaftliche Miteinander eingeschränkt) ganz andere Phänomene zeigten als in anderen Ländern. „… verzeichnete kein anderes Land als die USA einen Rekordanstieg bei Tötungsdelikten. Nirgendwo sonst gab es einen Anstieg tödlicher Autounfälle. Und selbstverständlich erlebte auch kein anderes Land einen sprunghaften Anstieg der Waffenverkäufe.“ Woran liegt es, dass die USA ein so aussergewöhnlicher Nährboden für Aggressionen darstellt?, fragt Autor Klinenberg. Andererseits: Was wissen wir denn über Staaten, die von Informationsfreiheit weit entfernt sind wie etwa Russland, China, Iran, Saudi Arabien etc.?

Wir benötigen eine „gesellschaftliche Autopsie“, meint Eric Klinenberg, als „eine Untersuchung der gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Organe, die im Jahr 2020 kollabierten“ und in mir denkt es: Nein, bitte keine neuen Untersuchungen, die dann sowieso in der Schublade verschwinden. Was er dann jedoch hauptsächlich vorlegt, ist, „auf welche unterschiedliche Weise ganz normale Menschen die Pandemie erlebt haben.“ Und das ist sehr spannend …

Die Schulleiterin May Lee, 59, in Chinatown, tat, was gut vernetzte Chinesen tun: „Wenn du von einem tödlichen Virus erfährst, hör genau hin, was die Regierung sagt, und geh davon aus, dass die Situation viel schlimmer ist, als die Regierung zugibt. Schütze dich und deine Familie. Vertraue niemandem ausser deiner Familie und deinen Freunden.“

Fotograf Brandon English, 33, der über einem Bestattungsunternehmen lebte und es als surreal empfand, „von der greifbaren Wirklichkeit so vieler Tode überschwemmt zu werden, während Skeptiker, darunter der Präsident, überall im Fernsehen und in den sozialen Medien verkündeten, das Virus wäre überhaupt nicht gefährlich und würde bald einfach verschwinden.“

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte bietet einerseits packende, detaillierte Aufklärung – so war mir vieles, obwohl ich mich für recht gut informiert hatte, komplett neu, wie etwa der offene Rassismus von Piers Morgan – und andererseits viel akademische Arroganz, die zu wissen vorgibt, wie man die Dinge hätte angehen sollen. Nur eben: Soziologen wir Eric Klinenberg wissen bestenfalls, was die Daten hergeben. Und das meint: Das Wesentliche bleibt ihnen zumeist verborgen. Erfreulicherweise erfährt man dies auch aus diesem Buch: „ … war den taiwanischen Behörden klar, dass sie die Katastrophe nicht durch hilfreiche politische Entscheidungen abgewendet hatten – sie hatten schlicht Glück gehabt.“

Journalismus sei nichts als lautes Getöse, das einfach begleite, was sowieso geschehe, habe ich einmal gelernt. Das liesse sich ebenso von diesem Werk sagen, das sich sehr differenziert ganz unterschiedlichen Aspekten von Corona annimmt, doch letztlich wortreich zudeckt, dass der Mensch mit den verschiedenen Ausprägungen des Lebens schlicht überfordert ist. Speziell was die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten und die Johnson-Regierung im Vereinten Königreich boten, war ein Trauerspiel erster Güte, geprägt von Ignoranz und Inkompetenz.

Irritierend an diesem Werk ist das Vertrauen, das Sozialwissenschaftler in ihre Untersuchungen setzen, denn diese beruhen wesentlich auf Umfragen bzw. Befragungen. Wie falsch diese liegen können (kein Mensch weiss, warum er tut, was er tut), zeigte sich zum Beispiel bei der Wahl von Trump, die, soweit ich mich erinnere, niemand vorhergesehen hatte. Auffallend ist auch, dass die meisten Untersuchungsergebnisse in der Regel nur bestätigen, was man eh schon weiss. „Es geht nicht darum, sich in Krisenzeiten un Einigkeit und Verständnis zu bemühen, sondern hauptsächlich um Schuldzuweisungen.“

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte ist auch Ausdruck ganz unterschiedlicher Wertvorstellungen. Etwa bei der Frage des Maskentragens. „Nicht kulturelle Unterschiede, sondern die Politik war es, die die Maske im ersten Pandemiejahr immer wieder zur Ursache der Zwietracht in den USA machte.“ Nur eben: In der Politik manifestieren sich kulturelle Unterschiede.

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte ist nicht zuletzt ein Werk, das fassungslos macht. Und wütend. Ich meine das positiv. Denn die geballte Unwissenheit, Dummheit und Kurzsichtigkeit „unserer“ Interessenvertreter gehört konfrontiert, auch wenn sie schwer zu ertragen ist. Genauso schwer übrigens wie unsere eigene Unwissenheit, Dummheit und Kurzsichtigkeit, die solche Regierungen möglich macht.

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte macht auch deutlich, dass der Mensch definitiv kein zivilisiertes Wesen ist, denn dazu würde gehören, seine Lage im Universum nüchtern zu bedenken. Wie schrieb doch Pauline Melville in Der Bauchredner (2000) so überaus treffend: Meiner Meinung nach ist das Virus der König auf diesem Planeten, und wir sollten uns nach ihm richten. Der Mensch existiert nur als Gast dieses Meisters der Quantensprünge, der sich so hervorragend an das anpasst, was er nicht vorhergesehen hat.

Für mich lohnt sich dieses Werk hauptsächlich der sieben sehr verschiedenen Porträts wegen, sieben Personen aus unterschiedlichen New Yorker Stadtteilen, die darüber berichten, wie sie mit der Pandemie umgegangen sind. Das ist exzellenter Journalismus und hat gegenüber der politischen Kritik den Vorteil, dass konkret nachvollziehbar ist, was vorgefallen ist und was nicht. Die politische bzw. soziologische Analyse beschränkt sich dagegen weitestgehend darauf, die Anordnungen der Regierung darzustellen. Ob und wie diesen Anordnungen Folge geleistet wurde, erfährt man hingegen nicht – weil man es schlicht nicht weiss.

Wir Menschen vergessen schnell. Gut also, dass es dieses Buch gibt, das uns daran erinnert, dass wir meist trotz „unserer“ Interessenvertreter überleben, dass ein System nur so gut ist wie die Leute, die es bedienen. Und vor allem: Dass wir nichts wirklich im Griff haben, gegen nichts wirklich gefeit sind. Und uns letztlich nichts anderes bleibt, als so anständig wie möglich durchs Leben zu gehen.

Eric Klinenberg
2020
Das Jahr, das die Welt veränderte
Droemer, München 2024

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