Patrícia Melo zähle zu den wichtigsten Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur, lässt mich der Verlag wissen, und in mir denkt es: Wer bestimmt eigentlich, was eine wichtige Stimme in der brasilianischen Gegenwartsliteratur ist? Nach welchen Kriterien?
Wie auch immer. Wir leben in Zeiten der Superlative (und darin unterscheiden sich Verlage nicht von Supermärkten) und so gehört also Patrícia Melo, jedenfalls gemäss ihrem Schweizer Verlag, zu den sogenannt wichtigsten Stimmen. Ich selber kenne sie bisher „nur“ als Krimi-Autorin, doch weiss bereits nach wenigen Seiten, dass dies ein starker Roman ist, der viel mit der brasilianischen Realität zu tun hat.
São Paulo, Praça da Matriz. Hier treffen sich die Gestrandeten, die auf und von der Strasse leben. Seit jeher beeindruckt von der Resilienz, der Gewitztheit, der Lebenstüchtigkeit der Menschen, deren Überleben von Dosen und Noch-Brauchbarem aus den Abfallcontainern abhängt, lese ich fasziniert, wie treffend Patrícia Melo dies auf den Punkt bringt. „Das Geheimnis der Arbeit bestand darin, Muskeln aus Stahl zu haben, die Strecken zu kennen, die Spreu vom Weizen trennen zu können, aus allem Unbrauchbaren schnell die Dose, das Glas, das Holz herauszufischen …“.
Die Menschen der Praça da Matriz gehen miteinander auch nicht anders um als die an anderen sogenannten Brennpunkten der Mega-Stadt São Paulo. Nicht nur, aber vor allem: missgünstig, gierig, rachsüchtig, neidisch und oft brutal. Und natürlich träumen sie von einem anderen Leben, verkörpert durch die Swiss Life Residence, dem Wohngebiet für die Bessergestellten ganz in der Nähe, das Chilves, zusammen mit wenig vertrauensvollen Schlawinern, zu überfallen plant.
Wie Patrícia Melo die vielfältigen Verhältnisse vor Ort schildert, ist eindrücklich, was vor allem daran liegt, dass sie nicht vereinfacht und trotzdem eine klare Haltung einnimmt. Es sind die materiell Unterprivilegierten, denen ihre Sympathie gehört, auch wenn sie sich über sie keine Illusionen macht, denn der Überlebenskampf bestimmt alles. Diese Illusionslosigkeit bringt auch viel Scharfsinn hervor. So lässt sie etwa den venezolanischen Einwanderer Seno Chacoy, der gerade entlassen wurde (dabei gehörte es zu seinen Pflichten, die Penner nasszuspritzen!), über Brasilien sagen: „Ein echtes Scheissland. Das auf dem besten Weg war, ein zweites Venezuela zu werden.“
Als Seno Chacoys Frau Ana Rosa stirbt, meldet ein Sohn namens Raul („die reinste Bakterienschleuder“), aus einer ihrer früheren Beziehungen, Anspruch auf ihr Häuschen an. Seno geht Raul aus dem Weg, „um diese Kreatur mit den absurden Kritzeleien am Leib, mit denen er den Wänden öffentlicher Toiletten ähnelte, nicht sehen zu müssen.“ Doch schliesslich, bevor er noch zum Mörder wird, zieht er aus.
Es sind die unterschiedlichen Charaktere, die Patrícia Melo ganz hervorragend schildert. Die Transfrau Glenda, die von ihrem Zuhälter verunstaltet wird und im Krankenhaus, sehr zu ihrem Missfallen, auf der Männerabteilung landet. „Weisst du, früher dachte ich, das Problem bei diesen Leuten ist mangelnde Information. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Sie sind einfach nur gemein. Die Bösartigkeit in Person. Die Menschen sind vor allem eins: böse.“ Da ist Iraquitan, der Schriftsteller, der in einem Iglu-Zelt lebt, und von einer Fernsehcrew veräppelt wird. Da ist der beschränkte Salário Minimo, der gemäss Chilves nicht Mindestlohn, sondern Mindesthirn heissen sollte. Und da ist Douglas, der Leichenbestatter, der die Pandemie anders als die meisten erlebt, und für den der Baum „der höchste Ausdruck des Guten“ war: „Er spendete Schatten, pflanzte sich wie die Jungfrau Maria ohne Beischlaf fort, brachte Früchte hervor und wurde aus seinen Samen heraus wiedergeboren.“
Die Stadt der Anderen zeichnet das Bild einer Realität, die niemand mehr imstande ist, zu kontrollieren. Und schon gar nicht diejenigen, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter stehen. „Die Politiker wollen, dass wir die Drecksarbeit erledigen, aber wenn sie Interviews geben, erklären sie sich sofort zu Gegnern der Straflosigkeit solcher angeordneter Handlungen.“ So zutreffend das auch ist, gut formuliert geht anders.
Räumungskommandos der Behörden tauchen überfallartig auf. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, von den Polizisten als ‚Plunder‘, ‚Müll‘ und ‚Gerümpel‘ bezeichnet (es handelt sich um „Decken, Töpfe, Betten, Kocher, Kleider Waren und Arbeitswerkzeuge“), wird abtransportiert; wer sich wehrt, landet im Gefängnis. Zu den für mich stärksten Passagen gehört die Weltsicht der Crack-Hure Jessica, für die „all die Kerle, die höchstens dreissig Real für eine Nummer bezahlten, sich beim Paaren nicht von einem Hund oder einem Maultier unterschieden.“
Mit Die Stadt der Anderen ist Patrícia Melo eine eindrückliche, höchst realistische Geschichte über den Verlust der Freiheit und vom Überleben in der Sklaverei des Geldes gelungen.
Patrícia Melo
Die Stadt der Anderen
Unionsverlag, Zürich 2024
