Bernardine Evaristo: Mr. Loverman

Manchmal ist es ja so, dass das Zitat, das dem Buchtext vorangestellt ist, nicht nur darüber Auskunft gibt, wie gebildet der Autor oder die Autorin sich zeigen will, sondern tatsächlich etwas mit dem Inhalt des Buches zu tun hat. Im Falle von Mr. Loverman ist es eindeutig Letzteres: „Nicht alles, dem man sich stellt, lässt sich auch ändern, aber nichts lässt sich ändern, wenn man sich ihm nicht stellt.“ (James Baldwin, 1924-1987).

Barrington Jedidiah Walker, Esq. und Morris Courtney de la Roux sind Jugendfreunde und lieben sich seit Kindertagen. Beide sprechen sie übermässig dem Alkohol zu – bekanntlich ein höchst taugliches Mittel, wenn man die Dinge nicht so zu sehen gewillt ist, wie sie nun einmal sind. Jetzt, im Ruhestand, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, beschliesst Barrington, sich endlich zu Morris zu bekennen. Jetzt, mit knapp fünfundsiebzig …

Carmel, Barringtons Frau, tief religiös („… sie betet, morgens, mittags und abends und manchmal auch noch laut des Nachts, im Schlaf.“) und von Mann und Ehe enttäuscht, hat ihn im Verdacht, sie zu betrügen. Auf die Idee, dass er es mit Männern treiben könnte, kommt sie anscheinend nicht.

Es ist die Sprache, die Mr. Loverman (hervorragend übersetzt von Tanja Handels) ausmacht, der Ton, der Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte von Barrington, als Monolog, Selbstherrlich, witzig, ein Schlawiner, so kommt er rüber. Doch auch Carmel, die mit ihren eigenen Dämonen kämpft, kommt zu Wort, mit ihrer sehr eigenen Stimme.

Bernardine Evaristo ist eine aussergewöhnlich begabte Erzählerin, allerdings mit der Tendenz zum (für mein Empfinden) gelegentlich völlig unnötigen Bemühen um plakative Formulierungen („Meist ist sie klug genug, nicht gleich am Tag nach dem nächtlichen Schlagabtausch wieder Pearl Harbor zu bombardieren, weil sie genau weiss, was ihr dann blüht: der Atomschlag aus meinem Munde.“). Ihre Gedankengänge sind höchst originell und überaus witzig: „Der ganze Sinn einer Midlife-Crisis ist doch, dass man anfängt, das Leben zu leben, das man wirklich will, anstatt das Leben auszuhalten, das man hat.“

Mr. Loverman handelt von zwei verheirateten Männern, die ihre gleichgeschlechtlichen Vorlieben im Geheimen praktizierten. „Die Wahrheit war, wir wollten damals beide unbedingt anders sein, als wir waren.“ Die beiden stammen aus der Karibik, hatten sich vorgestellt, England sei so eine Art Utopia, in dem man anonym sei und sich verlieren könne. Der Mensch kann sich bekanntlich viel vorstellen …

Einfühlsam, scharf und humorvoll (das geht bestens zusammen, wenn man es nebeneinander bestehen lässt) setzt sich Bernardine Evaristo mit dem Alter, der Sexualität, der Religion, der Voreingenommenheit gegenüber Einwanderern aus der Karibik und dem Sich-Anpassen auseinander. Und produziert dabei so schlaue Sätze wie: „Ich bin nun wirklich kein Historiker, aber wenn er nur lang genug lebt, wird jeder Tölpel Zeuge der Geschichte und weiss, wozu ein Mob fähig ist, wenn er nur von einem Erzmanipulator ordentlich aufgehetzt wird.“

Apropos Geschichte: Mr. Loverman erzählt auch von den 1980ern in London, einer Zeit der verschiedenartigsten Demonstrationen, der Hoffnung auf „Transformation, Transmutation, Transkulturation“ sowie der unterschiedlichsten Sensibilitäten. „Gekränktsein stand damals hoch im Kurs. Gibt sogar Leute, die haben damit richtig Karriere gemacht.“

Dass wir gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, ist ein Gemeinplatz. Und absolut nichtssagend, ausser man schildert diese Zwänge so konkret wie das in Mr Loverman geschieht – als Angst vor dem gemeinhin Unvorhersehbaren. Ein jamaikanischer Elektriker wird erschossen. „Offiziell hiess es, er wär vor dem Casablanca in eine Auseinandersetzung wegen einer Frau geraten und von den Gangstas erschossen worden, die dort ein und aus gingen. Aber auf der Strasse erzählten sich alle, er hätt seine Frau mit nem ‚Homo‘ betrogen; sie hätt ihn in flagranti ertappt und ihr Gangsta-Bruder daraufhin die Schande gerächt, die er über die Familie gebracht hat. Kein Wunder, dass ich Carmel damals nicht verlassen konnt.

Ganz wunderbar auch der Umgang mit kulturellen Stereotypen. Als sich Carmel darüber aufregt, dass ihr Mann sich auf die Stufen vor der Haustür setzt: „Du tust, als hättest du keine zwanzig Meter Garten hinter dem Haus.“, gibt er zurück: „Und du tust, als wärst du nicht in einer gemeinschaftlichen Kultur aufgewachsen, wo alle vor der Haustür hocken, bei Regen und bei Sonnenschein.“ Um dann noch nachzuschieben: „Die Frau kann ganz schön die Engländerin raushängen lassen, wenn ihr danach ist.“

Fazit: Eine höchst gelungene Kombination aus Witz, Klugheit und Realismus, die sympathisch vorführt, wie trottelig wir Menschen im Leben unterwegs sind.

Bernardine Evaristo
Mr. Loverman
Tropen, Stuttgart 2023

Monika Maron: Essays und Briefe

Flugasche hat mich für Monika Maron eingenommen. Ich weiss nur noch undeutlich, wovon die Geschichte gehandelt hat, doch ich erinnere mich an das ernste und schöne Gesicht der Autorin auf dem Umschlag, und daran, dass auch in einer komplexen Welt mit intelligent argumentierenden und ganz unterschiedliche Auffassungen vertretenden Akteuren, eine klare moralische Haltung möglich war. Gut möglich, dass ich mich täusche, doch wer kommt schon gegen seine Erinnerungen an?

Auch der Umschlag von Essays und Briefe zeigt eine attraktive Frau (und ja klar, natürlich beeinflusst mich das), Zigarette zwischen den Fingern, die auch zur Schau stellt, dass man als Raucherin ein stattliches Alter, sie ist 1941 geboren, erreichen kann. Warum sie mir sympathisch ist? Das hat vermutlich (ich kann nur raten, wer kennt sich schon?) mit ihrer Ausstrahlung, mit ihrer eigenwilligen Haltung zu tun.

Die Texte stammen teils von vor dem Mauerfall, teils von danach. Bei den Briefen handelt es sich um einen im ZeitMagazin veröffentlichten Briefwechsel mit Joseph von Westphalen. Für jemanden wie mich, der sich über den Osten Deutschlands noch nie gross Gedanken gemacht hat, bietet dieses Buch nützliche und notwendige Aufklärung, die sich auch der Tatsache verdankt, dass Monika Maron nicht mit Links/Rechts-Kategorien zu fassen ist.

Der erste Essay, der mich in seinen Bann zieht, ist „Wo war Leonora Carrington?“, der mich veranlasst, die kurzzeitige Geliebte von Max Ernst in Desmond Morris‘ Werk über die Surrealisten nachzuschlagen. „Der Schriftsteller als Wanderzirkus“ handelt von Lesereisen, die Monika Maron als Talkshow in der Buchhandlung beschreibt, bei der es „um voyeuristische Lüsternheit: die Vorstellung des Schriftstellers als Mensch und Raucher, als Mensch und Konfektionsgrösse“ geht. Über den am 22. Mai 1939 in New York durch die eigene Hand aus dem Leben geschiedenen Ernst Toller, schreibt sie: „Tollers politisches Ideal, der gewandelte gütige Mensch als Voraussetzung einer Revolution, war unerfüllbar. Er wusste das und hielt daran fest.“

Besonders aufschlussreich fand ich „Fettaugen auf der Brühe“, der davon handelt, wie die einstigen Karrieristen aus dem Osten jetzt auch im Westen medial florieren, und worin sich auch der schöne Satz findet: „Wie blöd sind wir eigentlich, dass wir einen Markt hergeben für Leute, von denen man sich nur eins wünschen kann: dass sie endlich, endlich den Mund halten.“

Die Themenpalette geht von Heinrich Heine über Peter Zadek zu den Girlies, von Christos Reichstagsverhüllung über die zwei Berichte an die Stasi aus dem Jahre 1976 zur Frage, warum sie schreibe. „Ich weiss nicht, ob andere Schriftsteller wirklich wissen, warum sie schreiben. Ich jedenfalls weiss es nicht (…) Vielleicht bin ich nur Schriftstellerin geworden, weil es mir sehr früh als eine trostreiche Beschäftigung erschien, Wörter auf einen Zettel zu schreiben.“

Überaus aufschlussreich fand ich „Rollenwechsel. Über einen Text und seine Kritiker“, worin sich Monika Maron mit ihren Kritikern auseinandersetzt. Genauer: Mit der Reaktion des Feuilletons auf Pawels Briefe. Dabei charakterisiert sie Rezensenten als professionelle Leser, „die, weil sie über geprüfte Kriterien zur Beurteilung von Literatur verfügen oder zu verfügen glauben, stellvertretend für eine potenzielle Leserschaft lesen und das Ergebnis ihrer Prüfung in hundertfacher Auflage verbreiten.“ Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: So ein Rezensent bin ich nicht und möchte ich nicht sein. Ich gebe hier ausschliesslich meine willkürlich ausgewählten Eindrücke kund. Weder frage ich mich, was die Autorin mir sagen will, noch rätsle ich über den Stellenwert des Werkes in der Zeit- bzw. der Literaturgeschichte; manche Sätze oder Bilder bleiben mir, andere nicht – mir genügt, dies zur Kenntnis zu nehmen.

Dass und wie sich Monika Maron gegen ihre Kritiker wehrt, gefällt mir. Ausführlich befasst sie sich mit der Kritikerin Corina Caduff, die offenbar (so lese ich sie) genau das tut, was Fotokritiker fast immer mit Fotos tun (nach zwanzig Jahren des Schreibens über Fotografie, ist mir das zur Gewissheit geworden), und im Talmud so geschildert wird: Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen die Dinge wie wir sind. Meines Erachtens gilt das nicht nur für Fotografien, es gilt auch für Bücher, ja, es gilt so recht eigentlich für alles.

Wie kommt es, dass wir sind, wer wir sind? Die Hirnforschung lehrt uns, dass unser Spielraum weit weniger gross ist, als wir gemeinhin annehmen, und so „kämpfen wir verzweifelt um das Recht auf Verantwortung für unser Tun und Lassen und für unsere Verdienste und somit auch für unsere Schuld, um unsere selbst gestaltete Biografie.“ Der Überlebenstrieb bzw. das Ego hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind – im Guten wie im Schlechten. Was wir daraus machen, darauf kommt es an, kriegte Monika Maron, damals Mitte dreissig, von einer Freundin gesagt.

Natürlich habe ich meine Lieblinge unter diesen Essays. Die „Laudatio auf Marie-Luise Scherer“ gehört dazu. Einmal, weil Scherers Texte bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und mich überzeugt haben, dass Reportage Kunst sein kann (man lese: Der Akkordeonspieler), dann aber auch wegen: „Marie-Luise Scherer fragt nicht warum, sie fragt nach dem Was. Was ist passiert, und wem ist es passiert.“ Man kann von ihr das Hinschauen lernen. „Mit ihrem seltenen Blick, der nie auf das Erwünschte, sondern immer auf das Vorzufindende zielt, der nie nach Beweisen für das schon Gewusste sucht, sondern nach dem, was noch nicht gewusst wird und gewusst werden kann …“. Es lohnt sich, bei diesen luziden Beobachtungen zu verweilen.

Auch Monika Maron hat – wenig überraschend – diesen „seltenen Blick“, der sich an dem orientiert, was ist. Besonders schön, auch weil so absurd-witzig, ist „Was ist eigentlich los?“, worin sie unter anderem daran erinnert, dass „die Grundbegriffe der Demokratie keine Glaubensartikel, keine Gebote (sind), sondern Gesetz, zu dem man sich nicht bekennen, aber das man befolgen muss, wenn man hier lebt.“

Gestaunt habe ich, dass offenbar in keiner Partei „die Bürgerrechtler so unsichtbar geworden sind wie bei den Grünen.“ Gewundert habe ich mich allerdings, dass Frau Maron sich darüber wunderte, „dass Rechtsanwälte, von denen es man nicht erwartet hätte“ bei den gestürzten ostdeutschen Machthabern vorstellig wurden, um sie vor der westdeutschen Siegerjustiz zu retten. War die Rechtsanwendung (insbesondere mit prominenten Klienten), jemals etwas anderes als ein Geschäftsmodell, bei dem man seine Eitelkeit ausleben konnte?

Es gibt ganz Vieles, das ich sehr ähnlich sehe wie Monika Maron, der der Islam Angst macht („Die Wahrheit ist, dass ich vor dem Islam wirklich Angst habe.“), und es gibt Anderes, das ich ganz, ganz anders sehe (sie wählt die FDP und würde Sebastian Kurz wählen, wenn dies möglich wäre – das war 2017, als sie dies schrieb). Doch vor allem: Diese Essays und Briefe sind Ausdruck eigenständigen Denkens, mit dem sich auseinanderzusetzen hilfreich ist – weil es anregt, auch selber so genau hinzuschauen wie es Monika Maron tut.

Monika Maron
Essays und Briefe
Hoffmann und Campe, Hamburg 2022

Christine Dwyer Hickey: Schmales Land

„Ein leuchtender Sommer in Cape Cod: Die Geschichte einer unerwarteten Freundschaft zwischen einem Waisenjungen und dem Künstlerpaar Josephine und Edward Hopper“, informiert der Verlag. Ich erhoffe mir hauptsächlich Aufschluss über die Hoppers – und werde nicht enttäuscht.

Die Aitchs (wie die Hoppers aus mir unerfindlichen Gründen in diesem Roman heissen) wohnen am Strand, an dem auch immer wieder Besucher auftauchen, von denen Mrs Aitch, sie ist selber auch Künstlerin, glaubt, sie würden ihren berühmten Mann stören, weshalb sie sie verscheucht. Als ihr Mann davon erfährt, verbietet er sich ihr Vorgehen; er besteht darauf, für sich selber zu entscheiden. Dass das Verhältnis der beiden mehr als nur problematisch ist, ist offensichtlich. Andererseits: Das ständige Hin und Her, das Streiten, die Schwierigkeiten beflügeln auch.

Ob er stolz auf seine Bilder sei?, will sie von ihm wissen. Nicht wirklich, antwortet er, ihm gehe es um den Prozess, weniger um das Resultat. Sie will das nicht gelten lassen. „Wenn sie so reagiert, weiss er wieder, dass er sie liebt.“ Kurz darauf beklagt sie sich, er behandle sie wie Luft. „Wenn sie so redet, weiss er nicht mehr, wie oder warum er sie je hat lieben können.“

Christine Dwyer Hickey hat mit diesem Roman auch das Porträt einer Ehe (und vermutlich ganz vieler Ehen) verfasst, in der zumeist ganz unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, die so recht eigentlich am besten so nebeneinander her leben wie im Falle der Aitchs. „Seine Frau macht gleichzeitig Augen und Mund auf. Er hofft, dass heute zu den Ausnahmen gehört. Manchmal fängt sie aber auch schon zu reden an, bevor sie die Augen überhaupt aufmacht.“ Er selber bedarf der morgendlichen Stille. „Wenn er am Morgen ungestört lesen kann, umgibt ihn eine grosse Ruhe, eine Zeitlosigkeit.“

Ihr Mann befindet sich in einer Schaffenskrise. „Es wird anscheinend mit jedem Jahr etwas schwerer, etwas weniger der Mühe wert. Sisyphusarbeit, und der Felsblock mit jedem Mal grösser.“ Wie der Autorin die Schilderung seiner mit dem Alter zunehmenden Antriebslosigkeit gelingt, ist höchst beeindruckend, Was ihm einst alles bedeutete, berührt ihn nun nicht mehr. „Er gleicht dem Weiberhelden, den kein Rock mehr reizt.“

Schmales Land spielt im Jahr 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der deutsche Waisenjunge Michael in Amerika ankommt, wo er das malende Künstlerpaar Aitch kennenlernt, das der Zehnjährige fortan fast jeden Tag besuchen kommt. Der Mann hat so seine liebe Mühe damit, dass sich der Junge mit seiner Frau wohler fühlt als mit ihm. „Der Junge findet etwas an mir, und du, du bist für ihn bloss ein weiterer nicht vertrauenswürdiger Erwachsener. Eifersucht, Eifersucht, Eifersucht.“

Schmales Land ist auch ein Buch übers Malen, über den kreativen Schaffensprozess, über die Suche nach den Bildern im Kopf. Zu den für mich stärksten Szenen gehört ein Traum von Mrs Aitch, in dem ihr ein Bild erscheint, das sie „von der keimenden Idee bis zur endgültigen Komposition“ hervorgebracht hat.

Was mir Schmales Land wertvoll macht sind vor allem die kontemplativen Momente. „Zum Lesen macht er stets schon mal den oberen Teil der Halbtür auf, damit die Morgenluft hereinkam. Er lehnt sich in seinem Sessel zurück, legt die Füsse auf die Chaiselongue und stellt die Kaffeekanne in Reichweite. Dann schlägt er sein Buch auf. Und wird zum Beobachter des Treibens anderer. Aus ebendem Grund geht er so gern ins Kino.“ Eine bessere Einladung zum Kopfkino, das dieser Roman bietet, ist eigentlich nicht vorstellbar.

Christine Dwyer Hickey
Schmales Land
Unionsverlag, Zürich 2023

Melchior Werdenberg: Nichts als die Wahrheit

In England lügt man nicht, in England betreibt man einen ökonomischen Umgang mit der Wahrheit. Juristen wissen, dass man sowohl aktiv als auch passiv lügen kann. Und die Bibel verheisst, die Wahrheit werde den Menschen frei machen. Ja, was denn nun? Wer auf einfache und klare Antworten hofft, kommt bei Nichts als die Wahrheit nicht auf seine Kosten – da wird stattdessen vorgeführt, wie gewitztes Denken geht.

Nichts als die Wahrheit ist ein ausgesprochen dünner Band, den als Buch zu bezeichnen sich nicht wirklich aufdrängt, auch der sehr grossen Schrift und der vielen Leerräume wegen. Kann man daraus schliessen, über die Wahrheit gebe es nur wenig zu sagen?

Autor Melchior Werdenberg, geboren 1954, „ist Jurist und passionierter Erzähler von allerlei Lügengeschichten am Rande der Realität“, lässt der Verlag wissen und so hätte man sich so recht eigentlich Ausführlicheres gewünscht als ein paar wenige Sprüche, deren Sinn sich mir nicht immer erschlossen hat – dafür waren sie spitzfindig und unterhaltsam.

Andererseits: Gute Juristen verstehen sich darauf, kurz und knapp Wesentliches herauszuschälen, sei es in der Form von Behauptungen, sei es als Fragen.Warum sie der Autor als Sinnsprüche (laut Oxford Languages, „ein Spruch oder Satz, der eine allgemein gültige Wahrheit, eine tiefere Erkenntnis enthält“) bezeichnet, ist mir tendenziell verborgen geblieben. Zum Beispiel im Falle von „Wahrheit ist Ansichtssache“ (für einen Juristen vielleicht, als Geschäftsgrundlage) oder „Wahrheit ist kein Argument“ (wer behauptet das und weshalb sollte sie es auch sein?).

Zugegeben, man sollte nicht, wie ich es getan habe, aufs Geratewohl hineinlesen, sondern den Band so angehen, wie er aufgebaut ist, also mit dem Prolog beginnen, in dem geklärt wird, wie mit den hier vorgelegten Sinnsprüchen verfahren werden soll: „Sie sind meist suggestiv und wollen nicht hinterfragt werden.“ Echt jetzt?

Nun gut, als Leser hat man den Vorteil, dass einem die Vorgaben des Autors wurscht sein können. Für mich sind Lüge und Wahrheit existenzielle Kategorien, für den Juristen Melchior Wechselberg scheinen sie hingegen wesentlich Diskussions- bzw. Unterhaltungsstoff zu sein. „Der richtige Umgang mit Wahrheit und Lüge besteht wohl darin, zu erkennen, dass die Wahrheit per se kein Argument ist, und für die Lüge, die sich als Wahrheit ausgibt, gilt das natürlich ebenso.“ Das klingt, jedenfalls in meinen Ohren, etwas arg nach alles ist relativ. Nur eben: Ist es nicht. So gibt es die Wahrheit der Geburt und des Todes. Und auch die Realität ist wahr; sie existiert, ob man an sie glaubt oder nicht. Doch wer Solches behauptet, hat noch nie mit Juristen zu tun gehabt, von denen Jurist Werdenberg zu berichten weiss: „Recht wird auch dann gesprochen, wenn sich die Wahrheit nicht finden lässt.“

Für mich liegt der Wert dieses Werkes darin, dass es mir Anstösse gibt, und zwar ganz viele. Dass sie mich meist zum Widerspruch reizen, was seinen Reiz hat, will ich für einmal vernachlässigen, stattdessen lasse ich die Rubrik „Und ein Blick auf die Justiz“ auf mich wirken, die mit dem schönen bon mot beginnt: „Im Gerichtssaal begegnen sich zwei Wahrheiten und werden ersetzt durch eine Fiktion.“ Genau so schön (und wahr) finde ich: „Jeder schwört auf Verlangen ’nichts als die Wahrheit‘ zu sagen und sagt doch, was er will.“ Der allerschönste ist jedoch dieser hier: „Quod non est in actis non est in mundo“ (‚Was nicht in den Akten ist, ist nicht auf der Welt.‘). Ob das ein Sinnspruch ist, sei dahingestellt, doch es beschreibt die erfundene Juristenwelt trefflich, zu der auch gehört, was ein Mann aus den USA, der bei der Zusammenstellung der Geschworenen nicht berücksichtigt wurde, einst geäussert hat: „Everything is ambiguous in life except in court.“ Und auch dies ist wahr!

Fazit: Vielfältig anregend, zum Widerspruch reizend.

Melchior Werdenberg
Nichts als die Wahrheit
Aber an der Lüge kommt keiner vorbei / Sinnsprüche
Elster & Salis, Zürich 2022

Stefan Gärtner: Tote und Tattoo

Vor über 30 Jahren habe ich einmal eine Journalismus-Buchreihe mit illustren Autoren wie Herbert Riehl-Heyse, Hermann Schreiber und Jürgen Leinemann herausgegeben. Deren Texte, so glaubte ich damals, seien es wert, „über den Tag hinaus“ aufbewahrt zu werden. Heutzutage bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher (obwohl ich nach wie vor stolz bin, dass es diese Bücher gibt), auch wenn viele von ihnen ausgesprochen gut gealtert sind, was auch daran liegt, dass sie häufig Grundsätzliches thematisierten, und die Autoren exzellente Schreiber waren. Bei der vorliegenden Texte-Sammlung weiss ich nicht so recht, wie ich sie ’sub specie aeternitatis‘ einschätzen soll, doch hat sie mich bestens unterhalten und einiges gelehrt – und das kann ich nur von wenigen Büchern sagen. Und überhaupt: Warum sollen Bücher eigentlich Ewigkeitswert haben?

Der etwas bemüht originelle Titel Tote und Tattoo mag ein Hinweis darauf sein, die vorliegenden Texte des 1973 geborenen Autors, unter anderem Kolumnist für ‚Titanic‘ und die Zürcher ‚WOZ‘ (eine wahrhaft gelungene Kombination!), nicht allzu ernst zu nehmen, was beim Einstiegstext ‚Schreckschraube und Wunderkind‘ recht mühelos gelingt, denn wer, ums Himmels Willen, interessiert sich schon für Sandra Maischberger oder Christiane Hörbiger? Andererseits: Die Absurdität der Fernsehunterhaltung ist selten besser geschildert worden. Dabei weist Autor Gärtner auch auf die von Hitler stammende Maxime, „eine Lüge müsse nur unverschämt genug sein, um mit Sicherheit geglaubt zu werden“ hin – sie ersetzt ganze akademische Bücherstapel zu diesem Thema.

Immer wieder schmunzelnd, manchmal auch laut heraus lachend – so erlebe ich die Lektüre. Dabei sind es hauptsächlich die Bemerkungen am Rande, die mich regelrecht begeistern. „… der FAZ-Kollege Jasper v. Altenbockum (der, nebenbei, genauso aussieht, wie er heisst)…“, trotzdem stört mich etwas ganz grundsätzlich an diesem Band: Ich mag mich nicht wirklich mit den ziemlich abseitigen Themen befassen, die mir die Massenmedienvertreter vorgeben und in die sich Autor Gärtner genussvoll und kritisch verbeisst. Wie kann man sich bloss, um ein Beispiel zu geben, mit der Rede eines Aussenministers (des Polen Radoslaw Sikorski) oder über die Frage, was Angela Merkel oder einen Spiegel-Journalisten wohl antreibt, ernsthaft auseinandersetzen? Anders gesagt: Womit man sich beschäftigt, scheint mir weit wesentlicher als wie man das tut.

„Es gehört zum Erkenntnisfortschritt der mittleren Jahre, dass Dummheit und Mittelmass sich immer durchsetzen, und Dreistigkeit tut’s sowieso.“ So isses! Allerdings ist es kein Ausweis von Durchblick, wenn man sich dann recht ausführlich mit ebendiesem wenig inspirierenden Mittelmass befasst. Andererseits: Täte Stefan Gärtner dies nicht, dann gäbe es auch diese seine Texte nicht.

Es findet sich viel Erhellendes in diesem Band, gelegentlich aber auch wenig Durchdachtes. So werden etwa die Autoren Markus Metz und Georg Sesslen mit der Aussage zitiert, die furchtbarsten Eigenschaften der Kleinbürger seien Angst und Gier, was das jedoch mit Kleinbürgern zu tun hat, erschliesst sich vermutlich nur denen, die sich für keine solchen halten, denn Angst und Gier – ist das nicht offensichtlich? – gehören zur Grundausstattung von uns allen.

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Niklas Luhmann hat das geschrieben, 1995 war das. Dieser Satz ging mir bei der Lektüre von Tote und Tattoo immer mal wieder durch den Kopf. Anders gesagt: Stefan Gärtner schreibt über die Medienwelt – kritisch und witzig – , die mir mit ihren aufgeregten Debatten (ich kenne niemanden, dem Maxim Biller oder Judith Hermann oder … ein Begriff sind) ziemlich irreal vorkommt. Andererseits lässt sich an dieser medialen Welt aber eben auch sehr gut aufzeigen, auf welch eigenartige Art und Weise wir uns entschieden haben, unsere Zeit auf diesem Planeten zu verbringen.

Zu einem meiner persönlichen Favoriten in diesem Band gehört „Wie fühlt sich das an?“ (der andere heisst „Bül bül bül“), worin sich Autor Gärtner „Ein paar nüchterne Gedanken zu identitätspolitisch bewegter Wissenschaft und der Kritik an ihr“ macht und unter anderem festhält, „rassistisch, so ja auch der Tenor einer ganzen Reihe von Büchern zum Thema, sind alle, die nicht selbst Opfer von Rassismus sind“ – treffender geht kaum!

Fazit: Ein höchst unterhaltsames Plädoyer für nüchternes Denken.

Stefan Gärtner
Tote und Tattoo
Essays, Glossen, Kritik der Dummheit
Edition Tiamat, Berlin 2023

Laurent Richard & Sandrine Rigaud: Die Akte Pegasus

Wir leben in Zeiten, in denen weltweit derart viele Informationen zirkulieren, dass die Vorstellung, jemand könnte noch irgend etwas Ähnliches wie einen Überblick haben, geradezu grotesk erscheint. Um nicht vollständig in dieser ungeheuren Informationsflut zu ersaufen, muss unser Gedächtnis den sich immer schneller ansammelnden Müll immer schneller entsorgen. Dabei gerät auch unter die Räder, was besser nicht vergessen werden würde. Die Akte Pegasus, zum Beispiel.

Die Spionagesoftware Pegasus wurde von der israelischen Firma NSO entwickelt. Sie ist imstande, jedes Mobiltelefon vollständig zu überwachen, ohne Spuren zu hinterlassen. NSO startete einmal als Unternehmen, das seine Grundprinzipien ernst nahm. „Wir verkaufen nur an staatliche Institutionen und mischen uns nicht in ihr Handeln ein. Und wir werden diese Institutionen überprüfen, um sicherzustellen, dass sie die Menschen- und bürgerlichen Freiheitsrechte respektieren und sich an die Gesetze und Bestimmungen halten, die auch in Israel gelten.“

Das Leben lehrt uns, dass der (finanzielle) Erfolg einen Mechanismus in Gang setzt, der nach immer mehr giert, und dass, was auch immer der Mensch erfindet, sich (auch) gegen ihn wenden wird. Dazu kommt die Kommerzialisierung, die von der Profitmaximierung angetrieben wird, und die Möglichkeiten potentiell destruktiver Anwendungen ständig vorantreibt. Wir alle sind abhängig von Handys – und damit potentiell überwachbar. Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, wird von denen, die etwas von ihm wollen, letztlich eines Besseren belehrt.

Die Investigativjournalisten Laurent Richard und Sandrine Rigaud (am Rande: wer als Journalist nicht investigativ unterwegs ist, ist kein Journalist), aufgeschreckt nicht zuletzt durch die Ermordung von Berufskollegen (2021 waren es 55), begaben sich auf Spurensuche. Davon handelt dieses Buch, das sich streckenweise wie ein Thriller liest – und mich künftig noch etwas illusionsloser durchs Leben gehen lässt. Ich bin froh drum, denn es sind „unsere“ Illusionen, die die Mächtigen an der Macht halten.

„Wie die Spionagesoftware, Privatsphäre, Pressefreiheit und Demokratie attackiert“, so der Untertitel, steht zwar im Mittelpunkt dieses Buches, doch ist auch davon die Rede, wie die sogenannte Politik der Interessen funktioniert, bei der es wesentlich ums Geschäften geht – und dieses betreibt man mit allen, die einem Vorteile zu verschaffen vermögen, auch mit Diktatoren, wie die Autoren unter anderem am Beispiel von Aserbaidschan aufzeigen.

Es versteht sich: Spionagesoftware ist nicht per se schlecht. „Ein Mittel, um Übeltäter im Internet zu überwachen, wenn sie ihre potentiell tödlichen Pläne entwickelten“, kann sie selbstverständlich auch sein. Nach den Attentaten in Madrid mit zweihundert Toten und nahezu zweitausend Verletzten, erklärte David Vincenzetti vom Mailänder HackingTeam die Privatsphäre für wichtig, die nationale Sicherheit jedoch für wichtiger. „Fachleute der Sicherheitsbehörden stimmten ihm zu!“, notieren Richard und Rigaud offenbar entsetzt.

Soll die Privatsphäre wirklich sakrosankt sein? Also auch die von Gewalttätern und Pädophilen? Und was bedeuten Presse- und Redefreiheit wirklich? Leider bleibt eine vertiefte Auseinandersetzung mit solchen Fragen auf der Strecke – Pressefreiheit ist in der Praxis das Recht der Medieneigentümer ihre Meinungen zu verbreiten – , stattdessen liefert Die Akte Pegasus eine Geschichte von der Front, denn die Journalisten, die sich dafür eingesetzt haben, die Welt auf die Gefahren von Pegasus aufmerksam zu machen, befinden sich im Krieg.

Zu den Kriegerinnen, deren Mut dieses Buch wesentlich geprägt hat, gehört die Reporterin Khadjja Ismayilova aus Aserbaidschan, die mit den Worten zitiert wird. „Es ist wichtig, dass die Leute Beispiele von Journalisten sehen, die nicht aufgeben, wenn sie bedroht werden. Es ist wie im Krieg. Verlässt du deinen Schützengraben, wird er von den Angreifern übernommen … Du musst deine Stellung halten, sonst wird sie dir weggenommen, und dann bleibt dir noch weniger Raum, immer weniger Raum, der Raum schrumpft zusammen, bis du nicht mehr atmen kannst.“ Und sie gibt einen sehr konkreten Ratschlag: „Tu in deinem Hotelzimmer nichts, was dir unangenehm wäre, wenn es an die Öffentlichkeit käme.“

Laurent Richard & Sandrine Rigaud
Die Akte Pegasus
Wie die Spionagesoftware, Privatsphäre, Pressefreiheit und Demokratie attackiert
Droemer, München 2023

Friedrich Christian Delius: „Darling, it’s Dilius!“

Der im Frühjahr 2022 verstorbene Büchner Preisträger Friedrich Christian Delius hinterlässt mit diesem Buch eine Autobiografie der besonderen Art – gut dreihundert Stichworte, die mit A beginnen. Dem Autor war klar, dass jedes Leben aus einzelnen Stücken zusammengefügt und ein Lebensplan im Nachhinein erfunden wird, eine Biographie also immer den Versuch darstellt, etwas Unfassbares fassbar zu machen. Und so entschied er sich für eine Collage, die um den Buchstaben A kreist.

Ich mag Bücher, die einen nicht dazu anhalten, sie von Anfang bis Ende zu lesen (wobei: von Cover zu Cover klingt weniger apodiktisch), man hineinlesen kann, wo man mag, weil die Reihenfolge der darin geäusserten Gedanken und Überlegungen, da sowieso willkürlich, nicht eigentlich wichtig ist.

Zustimmend nickend nehme ich den Eintrag zu „August, Erster“ zur Kenntnis. Den Schweizer Nationalfeiertag verbringt der Autor immer mal wieder mit zu Schweizern gewordenen Freunden (aus Wien und Berlin) in Chernex bei Montreux: „Ein Nationalfeiertag als Folklore, ohne Pathos …“.

Zum Affekt schreibt er unter anderem, was er bereits 2005 notiert hat: „Es werden keine Meinungen mehr gebildet, es werden Emotionen hervorgerufen. Diese Verschiebung ist bedenklich, denn der Affekt ist ein schlechter Ratgeber…“. Nüchterner und wahrer lässt sich die heutige Zeit, in der Gefühle quasi heiliggesprochen werden, das Bauchgefühl glorifiziert, die Intuition gepriesen wird, kaum charakterisieren.

Mein Lieblingseintrag betrifft „Achtundsechzig“, wo er sich wesentlich mit der Jahrzehnte später erfolgten medialen Zubereitung auseinandersetzt. Dass Friedrich Christian Delius, Jahrgang 1943, die Zeit anders erlebte als die notwendigerweise vereinfachenden Medien ist wenig erstaunlich – das geht wohl jedem, zum Nachdenken-Neigenden, so, der selber (mehr oder weniger) vor Ort war. Was seine Ausführungen jedoch mit seltener Klarheit zu Bewusstsein bringen, ist, dass wer sich an den Medien orientiert, die Welt nicht versteht bzw. nicht verstehen kann, denn diese gehorchen Gesetzen, die mit der erlebten Realität wenig zu tun haben. Das liegt einerseits daran, dass die Wirklichkeit nicht zu fassen ist (weshalb denn auch der Autor keine sogenannt klassische Autobiografie, die bestenfalls aufrichtige Fiktion sein kann, vorlegt), sondern zu der vorliegenden Version von recht willkürlich aneinander gefügten Stücken greift, und andererseits darauf zurückzuführen ist, dass die Medien, alle Medien, sich des Helden- bzw. Wortführer-Narrativs bedienen. „Alles war anders, nämlich viel widersprüchlicher, mehrdeutiger, spielerischer.“ So habe auch ich selber, ein Nach-Achtundsechziger, diese Zeit wahrgenommen.

Es ist ausgesprochen spannend und höchst aufschlussreich, diese Geschichtsstunde anhand von Erinnerungsstücken, die der Autor „Darling, it’s Dilius!“ (Aufklärung zu diesem Titel findet sich unter „Abish, Cecile und Walter“) präsentiert. Von Hermann Josef Abs, lange Chef der Deutschen Bank, wurde er verklagt, der junge Jörg Fauser wollte seine Werke nicht in dem linken Verlag sehen, bei welchem Delius als Lektor tätig war, und ein deutscher buddhistischer Abt soll in Colorado, USA, am liebsten Delius-Bücher lesen.

Diese Lebenserinnerungen anhand von Collagen seien etwas für Delius-Kenner, hat ein Kritiker geschrieben (und vermutlich sich selber gemeint), nur eben: Falscher geht eigentlich nicht, denn ich selber – mir war Friedrich Christian Delius bisher nur dem Namen nach bekannt – hat die Lektüre nicht nur eine gute Zeit verschafft, sie hat mir auch zu vielfältigen Einsichten verholfen.

Delius‘ Erinnerungen zeichnen sich durch Genauigkeit, Selbstironie sowie Empathie aus. Keine Ahnung, ob er auch im Alltag so war, doch was er beschreibt, ist mir überaus sympathisch, nimmt mich für seine zur Veröffentlichung freigegebenen Meinungen sehr ein. Berührt haben mich insbesondere der Eintrag über Anne Duden und Delius‘ Selbstporträt unter dem Stichwort „Achternbusch, Herbert“: „Manchmal wäre ich schon gern anarchistischer gewesen, wo sie der Dichter und Filmer Herbert Achternbusch besipielsweise. Das denkt der Vorsichtige, Ängstliche, Brave, wenn die Zeit dafür vorbei ist, in naiver Selbstgefälligkeit und Selbstüberschätzung und sicher, solche Risiken nicht mehr eingehen zu müssen.“

Darling, it’s Dilius!“ ist auch die Art Geschichtsbuch, in dem man allerlei erfährt, wovon in der „regulären“ Geschichtsschreibung selten bis gar nicht die Rede ist: Von dem Narzissten Klaus Wagenbach, etwa. Oder von Horst Herolds Verhältnis zu Andreas Baader. Oder davon, dass es kein Ende gibt, nur Anfänge.

Friedrich Christian Delius
„Darling, it’s Dilius!“
Erinnerungen mit grossem A
Rowohlt Berlin, Berlin 2023

Hannah Fry & Adam Rutherford: Der ultimative Guide zu absolut Allem*

Wenige Bücher machen mich bereits mit der Einführung jubeln, doch Der ultimative Guide zu absolut Allem* gehört eindeutig dazu. Das liegt an den Beispielen, anhand derer aufgezeigt wird, „wie schlecht der Mensch dafür ausgerüstet ist, das Universum zu begreifen“, und es liegt an Sätzen wie etwa diesem: „Wie man es auch dreht und wendet: Die Intuition ist ein miserabler Ratgeber.“

Wir wissen zwar, dass vieles nicht so ist, wie es uns erscheint, doch erstaunlicherweise hilft dieses Wissen nicht, unsere Wahrnehmung anzupassen. Unsere Gewohnheiten sind stärker als unsere Erkenntnisse – so reden wir, wider besseres Wissen, nach wie vor davon, dass die Sonne auf- und untergeht.

Dieses Buch plädiert dafür, unser Primatenhirn auszuschalten und uns der Hilfsmittel zu bedienen, „die wir erfunden haben, um unsere evolutionär bedingten Blockaden zu überwinden.“ Darüber hinaus zeigt es, wie wenig wir unseren Instinkten vertrauen können, und ermuntert uns, „einen Weg zu finden, wie man herausfindet, was man nicht weiss.“ Zudem lehrt es, dass „die Bereitschaft, seine Meinung zu ändern, eine grosse Tugend darstellt (ganz generell, aber insbesondere in der Wissenschaft).“

Wissenschaft zu betreiben, bedeutet, genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und auch sich selber in Frage zu stellen – was vielen Verschwörungstheoretikern unvorstellbarer nicht sein könnte. Wissenschaft zu betreiben, bedeutet auch, sich von seinen Vorstellungen leiten zu lassen und gleichzeitig bereit zu sein, sich von ihnen zu befreien.

Um zu verstehen, wer oder was wir sind, ist auch ein Blick auf unsere Vorfahren vonnöten. Wie alle Primaten sind wir hauptsächlich mit unserem Überleben und der Fortpflanzung befasst. „Der Grossteil unserer biologischen Hardware hat sich seit den Zeiten, in denen keine der hochfliegenden Ideen, wie unser Universum wohl gestrickt sein mag, irgend jemanden interessierte, so gut wie überhaupt nicht verändert.“

„Steinalt (noch älter als die Stones)“ lautet der Titel eines der Kapitel, das sich unter anderem mit der Frage auseinandersetzt, vor wie langer Zeit die Erde entstanden ist. Es kommt darauf an, wen man fragt? Nein, Meinungen sind hier nicht gefragt. Das Zusammenspiel von Geologie, Chemie und Atomphysik liefert Daten, die Gesteinsbildungen von vor ca. 4,5 Milliarden Jahren annehmen lassen. Vorstellen kann ich mir das zwar nicht, doch was kann ich mir schon vorstellen?

Der ultimative Guide zu absolut Allem* ist reich an faszinierenden Geschichten über Ursprünge, Anfänge, die Zeit, das Leben, ja so recht eigentlich über so ziemlich alles, was neugierige Menschen eben so beschäftigt. Vor allem aber handelt es davon, dass „es ein sehr reales Universum gibt, das aus physischer Materie besteht und Regeln gehorcht, die jedenfalls auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind.“ Gleichzeitig sind wir Menschen „wundersame Wesen, die mit ihren Erfindungen und Kenntnissen Zeit und Raum zu transzendieren vermögen. Und zugleich sind wir zutiefst fehlerhaft und absolut miserabel darin, dieses fantastische Universum so zu sehen, wie es wirklich ist. Der erste Schritt zur wahren Aufklärung und Erleuchtung besteht darin, sich genau dieser Tatsache bewusst zu sein.“

Dazu liefert dieses hervorragend geschriebene Buch mehr als nur einen überaus lehrreichen und vergnüglich zu lesenden Beitrag, es präsentiert ein Sammelsurium erhellender Geschichten, die sich auch dadurch auszeichnen, dass sie vermeintlich Widersprüchliches nebeneinander stehen lassen. So wissen wir in der Rückschau, dass jede Wirkung eine Ursache hat, haben jedoch nicht das Gefühl, dass unser künftiges Handeln von Vergangenem abhängt.

Eine der zentralen Fragen, um die es in diesem Buch geht, betrifft den Determinismus: Ist alles vorherbestimmt oder verfügen wir über einen freien Willen? Das Problem dabei ist, „dass wir ganz und gar schlecht gerüstet sind, um die Frage zu beantworten.“ Richard Feinman, Nobelpreisträger für Physik, hat es einmal so formuliert: „The first principle is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool.“

So recht eigentlich weiss ich nie so recht, weshalb mir gewisse Sätze hängenbleiben und andere, von denen ich gerne hätte, dass sie mir hängenbleiben würden, nicht. So erinnere ich mich in einem Philosophie-Buch gelesen zu haben, dass Platon nie gelacht haben soll – eine bleibende Erinnerung. Ich vermute, dass mich auch die Ausführungen von Hannah Fry und Adam Rutherford über Kolumbus fortan begleiten werden. Sie beginnen so: „Dass Christoph Kolumbus von Selbstzweifeln geplagt gewesen wäre, kann man nun wirklich nicht behaupten.“

Sicher, auch ein Griesgram wie Platon kann mit vielem Recht haben, ich selber ziehe es jedoch vor, auf Humor-begabte Menschen zu hören. Mir dies wieder einmal bewusst gemacht zu haben, gehört zu den Vorzügen dieses ausgezeichneten Buches.

„Man is made by his belief, as he believes so he is“ heisst es in der Bhagavad Gita. Leider, will ich da nur hinzufügen, denn der Unsinn, den der Mensch zu glauben imstande ist, ist so recht eigentlich uferlos. Man ist deshalb froh, dass sich zum Ausgleich und als Orientierungshilfe Der ultimative Guide zu absolut Allem* anbietet. “Wir wissen, dass sie glauben, einen freien Willen zu haben. Wir glauben das ja auch. Aber was wir glauben und was wirklich zutrifft, das sind oft zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Am Rande: Wer an den bevorstehenden Weltuntergang glaubt, ist gut beraten, das Datum so festzulegen, dass er oder sie davon ausgehen kann, das mögliche Ausbleiben der Apokalypse nicht mehr mitbekommen zu müssen.

Der ultimative Guide zu absolut Allem* liefert wunderbar nützliche, höchst unterhaltsame und sehr englische, mit viel Witz gespickte Aufklärung, die es uns ermöglicht, die Dinge zu sehen wie sie sind, so wir denn die Bereitschaft mitbringen, dies überhaupt in Betracht ziehen zu wollen. Und wozu soll das gut sein? Es macht das Leben leichter …

Hannah Fry & Adam Rutherford
Der ultimative Guide zu absolut Allem*
(*gekürzt)
C.H. Beck, München 2023

Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord

Fällt ein Gentleman über Bord, so ist das nicht dasselbe wie wenn eine Dame, ein CEO (der per definitionem kein Gentleman sein kann) oder ein Matrose über Bord gehen. Klar, auch eine Dame, ein CEO oder ein Matrose können auf einem Ölfleck ausgleiten, doch nur ein Gentleman tut immer das Richtige. Nur eben: Was ist das Richtige, wenn man ins Meer fällt?

Henry Preston Standish hatte klare Vorstellungen darüber, was passieren sollte, wenn jemand wie er über Bord geht. Das Schiff, die Arabella, soll unverzüglich anhalten, ein Rettungsboot heruntergelassen, er selbst aus dem Wasser gezogen und von den Mitpassagieren, die in einer Reihe an der Reling stehen, lächelnd in Empfang genommen werden. Nur hat niemand seinen Sturz in den Ozean bemerkt, auch seine Abwesenheit scheint zunächst keinem auf dem Schiff aufzufallen, doch dann wird sein Fehlen doch noch bemerkt. Der Kapitän ordnet wütend an, umzukehren, auch wenn er die Suche für aussichtslos hält; die Passagiere können sich nur Selbstmord vorstellen und sehen im Nachhinein zahlreiche Anzeichen, die darauf hingedeutet haben. Höchst gelungen, wie Autor Herbert Clyde Lewis den Menschen und seine nachträglichen Einsichten auf die Schippe nimmt.

Während Standish stundenlang im Meer treibt und die Arabella mit der Zeit nur noch als kleinen Punkt am Horizont wahrnimmt, gehen ihm die unterschiedlichsten Sachen durch den Kopf, darunter auch, dass Ertrinkende ihr ganzes Leben in der Rückschau vorbeiziehen sehen. Da ihm das nicht geschieht, schliesst er daraus, dass er nicht am Ertrinken ist …

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, doch vorher hadert Standish noch mit Gott und den Warum-Fragen. Selbstmord scheidet aus, denn: „Die Standishs gehörten nicht zum suizidalen Schlag.“ Und wie in lebensbedrohlichen Situationen üblich, weiss er plötzlich mit seltener Klarheit, was er künftig in seinem Leben machen würde. „Es gab eine so grossartige Geschichte zu erzählen, wenn er denn nur gerettet werden könnte! Die Welt bedurfte der Geschichte: eine Erzählung des Mutes angesichts des Unheils von der elementarsten Art, eine Erzählung der Hoffnung, genährt durch ein tapferes Herz.“

Henry Preston Standish war privilegiert aufgewachsen. „Er hatte von allem das Beste empfangen, ohne zu bemerken, dass es das Beste war. Auf fantasielose Weise nahm er alles für selbstverständlich.“ Er heiratete Olivia, sie bekamen zwei Kinder und lebten ein so unauffälliges und massvolles Leben wie die meisten anderen auch. „Tatsächlich war Standish einer der ödesten Männer auf der ganzen Welt. Auch wenn Psychologen beteuern mögen, dass es unmöglich sei – Standish war weder ein introvertierter noch ein extrovertierter Mensch.“ Zweifellos eine der originelleren Charakterisierungen eines Gentleman.

Doch was bringt diesen 35jährigen Börsenmakler eigentlich dazu, sein erfolgreiches, geregeltes Leben Hals über Kopf zu verlassen und eine Schiffsreise anzutreten? Er weiss es nicht, doch er weiss, er muss fort. Heutzutage, wo wir alles, was wir nicht verstehen, zumindest benennen können (was zum Irrglauben führt, wir hätten es begriffen), liefe dies wohl auf Midlife-Crisis hinaus. Doch Autor Herbert Clyde Lewis hält sich nicht mit theoretischen Erwägungen auf, stattdessen erzählt er eine Geschichte, eine wunderbar einfühlsame, von Hoffnung, Verlorenheit, Fehleinschätzungen und Selbstbetrug geprägte, in einem scheinbar von Zufällen regierten Universum, das wir nicht verstehen. „Es gab einige Dinge, die sich ein Mensch vorstellen, und einige, die ein Mensch sich nicht vorstellen konnte.“

Fazit: Eine sehr amüsante, clever erzählte Geschichte, die es schafft, Leser und Leserin wider besseres Wissen bis zum Schluss hoffen zu lassen.

Herbert Clyde Lewis
Gentleman über Bord
Mare, Hamburg 2023

Janosch: Wörterbuch der Lebenskunst

Die einzige Kunst, die mich wirklich interessiert, ist die Lebenskunst. Auch, weil sie sich weder kaufen noch verkaufen lässt. Lebenskunst ist angewandte Kunst; wer sie nicht lebt, zeigt, dass er sie nicht verstanden hat.

Janosch, informiert mich der Verlag, sei einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Kinderbuchautoren. In meiner Vorstellung haben ‚erfolgreich‘ und ‚bekannt‘ wenig mit Lebenskunst zu tun, doch assoziiere ich Kinderbuchautoren mit spielerischer Fantasie und einer Affinität zum kindlichen Gemüt – und das liegt für mich sehr, sehr nahe an der Lebenskunst.

Wilhelm Schmid fragt in seinem Nachwort, ob Janosch, geboren 1931 als Horst Eckert in Zaborze (Polen), ein Philosoph sei? In Sachen Lebenskunst meint das: „nicht einfach nur in den Tag hineinzuleben (was möglich, aber wohl eher keine Kunst ist), sondern sich ein paar Gedanken zu machen. Nicht immer, aber immer mal wieder.“ Wenn ich ebenso vorsichtig formulieren würde, würde ich sagen: das ist schon etwas sehr vage. Doch Wilhelm Schmid ist noch vorsichtiger: „Ob Janosch das auch so sieht, weiss natürlich nur er selbst.“ Das sehe ich entschieden anders: Ich glaube überhaupt nicht, dass wir wirklich wissen, was bzw. wie wir denken, denn dafür sind wir und unser Denken viel zu komplex.

Nichtsdestotrotz: Wilhelm Schmids Nachwort ist eine gute, differenzierte und überaus hilfreiche Einführung in dieses 1995 zum ersten Mal erschienene Werk, das teilweise etwas aus der Zeit gefallen scheint (Stichwort: Dame). Man sehe es den knappen Sentenzen nicht immer an, was alles dahinterstecke, führt Schmid aus. Ich bin mir nicht sicher, ob da so viel Gedankenarbeit dahinter steckt, vielmehr hatte ich oft den Eindruck, Janoschs Talent fürs Bonmot sei vielen Sätzen Pate gestanden. Ausgesprochen treffend fand ich hingegen Schmids Überlegungen zu dem schlicht dummen Satz: „Vergiss es nicht: Heute ist der schönste Tag in deinem Leben!“

Das Wörterbuch der Lebenskunst ist alphabetisch gegliedert, die jeweiligen Anfangsbuchstaben ziert eine schmunzeln machende illustrierte Initiale. Apropos schmunzeln: „Ein kleiner Junge, befragt, wie er Gott beschreiben würde: ‚Ein Gespenst, das uns ängstigt.’“ Und unter „Gut“ liest man: „Keiner kann sofort sagen, was gut oder schlecht ist. Am besten, man wartet ab, wie es ausgeht.“ Ein Rat, den der Autor auch auf „Der erste Eindruck, den du von jemandem hast, ist der richtige und bleibt – wetten?“ hätte anwenden sollen.

Wörterbuch der Lebenskunst scheint mir ein ziemlich hochtrabender Titel für diese kunterbunte Sammlung von teilweise originellen Einfällen. Mir haben vor allem die Erläuterungen zur Dummheit gefallen. Und der Verweis unter dem Stichwort Erziehung: „Siehe unter Furcht.“ Sowie das Abraten von der Selbstsuche und diese weise Charakterisierung von Schicksal: „Alles ist auf eine fatale Weise so oder anders.“ Anderes empfand ich als etwas bemüht und effekthascherisch.

„Unser grösstes Glück ist, dass wir die Wahrheit nicht wissen.“ Wie viele andere Aussagen in diesem Wörterbuch sollte man auch diese in Ruhe bedenken – und nicht allzu ernst nehmen.

Janosch
Wörterbuch der Lebenskunst
Reclam Verlag, Ditzingen 2023

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