Manchmal ist es ja so, dass das Zitat, das dem Buchtext vorangestellt ist, nicht nur darüber Auskunft gibt, wie gebildet der Autor oder die Autorin sich zeigen will, sondern tatsächlich etwas mit dem Inhalt des Buches zu tun hat. Im Falle von Mr. Loverman ist es eindeutig Letzteres: „Nicht alles, dem man sich stellt, lässt sich auch ändern, aber nichts lässt sich ändern, wenn man sich ihm nicht stellt.“ (James Baldwin, 1924-1987).
Barrington Jedidiah Walker, Esq. und Morris Courtney de la Roux sind Jugendfreunde und lieben sich seit Kindertagen. Beide sprechen sie übermässig dem Alkohol zu – bekanntlich ein höchst taugliches Mittel, wenn man die Dinge nicht so zu sehen gewillt ist, wie sie nun einmal sind. Jetzt, im Ruhestand, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, beschliesst Barrington, sich endlich zu Morris zu bekennen. Jetzt, mit knapp fünfundsiebzig …
Carmel, Barringtons Frau, tief religiös („… sie betet, morgens, mittags und abends und manchmal auch noch laut des Nachts, im Schlaf.“) und von Mann und Ehe enttäuscht, hat ihn im Verdacht, sie zu betrügen. Auf die Idee, dass er es mit Männern treiben könnte, kommt sie anscheinend nicht.
Es ist die Sprache, die Mr. Loverman (hervorragend übersetzt von Tanja Handels) ausmacht, der Ton, der Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte von Barrington, als Monolog, Selbstherrlich, witzig, ein Schlawiner, so kommt er rüber. Doch auch Carmel, die mit ihren eigenen Dämonen kämpft, kommt zu Wort, mit ihrer sehr eigenen Stimme.
Bernardine Evaristo ist eine aussergewöhnlich begabte Erzählerin, allerdings mit der Tendenz zum (für mein Empfinden) gelegentlich völlig unnötigen Bemühen um plakative Formulierungen („Meist ist sie klug genug, nicht gleich am Tag nach dem nächtlichen Schlagabtausch wieder Pearl Harbor zu bombardieren, weil sie genau weiss, was ihr dann blüht: der Atomschlag aus meinem Munde.“). Ihre Gedankengänge sind höchst originell und überaus witzig: „Der ganze Sinn einer Midlife-Crisis ist doch, dass man anfängt, das Leben zu leben, das man wirklich will, anstatt das Leben auszuhalten, das man hat.“
Mr. Loverman handelt von zwei verheirateten Männern, die ihre gleichgeschlechtlichen Vorlieben im Geheimen praktizierten. „Die Wahrheit war, wir wollten damals beide unbedingt anders sein, als wir waren.“ Die beiden stammen aus der Karibik, hatten sich vorgestellt, England sei so eine Art Utopia, in dem man anonym sei und sich verlieren könne. Der Mensch kann sich bekanntlich viel vorstellen …
Einfühlsam, scharf und humorvoll (das geht bestens zusammen, wenn man es nebeneinander bestehen lässt) setzt sich Bernardine Evaristo mit dem Alter, der Sexualität, der Religion, der Voreingenommenheit gegenüber Einwanderern aus der Karibik und dem Sich-Anpassen auseinander. Und produziert dabei so schlaue Sätze wie: „Ich bin nun wirklich kein Historiker, aber wenn er nur lang genug lebt, wird jeder Tölpel Zeuge der Geschichte und weiss, wozu ein Mob fähig ist, wenn er nur von einem Erzmanipulator ordentlich aufgehetzt wird.“
Apropos Geschichte: Mr. Loverman erzählt auch von den 1980ern in London, einer Zeit der verschiedenartigsten Demonstrationen, der Hoffnung auf „Transformation, Transmutation, Transkulturation“ sowie der unterschiedlichsten Sensibilitäten. „Gekränktsein stand damals hoch im Kurs. Gibt sogar Leute, die haben damit richtig Karriere gemacht.“
Dass wir gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, ist ein Gemeinplatz. Und absolut nichtssagend, ausser man schildert diese Zwänge so konkret wie das in Mr Loverman geschieht – als Angst vor dem gemeinhin Unvorhersehbaren. Ein jamaikanischer Elektriker wird erschossen. „Offiziell hiess es, er wär vor dem Casablanca in eine Auseinandersetzung wegen einer Frau geraten und von den Gangstas erschossen worden, die dort ein und aus gingen. Aber auf der Strasse erzählten sich alle, er hätt seine Frau mit nem ‚Homo‘ betrogen; sie hätt ihn in flagranti ertappt und ihr Gangsta-Bruder daraufhin die Schande gerächt, die er über die Familie gebracht hat. Kein Wunder, dass ich Carmel damals nicht verlassen konnt.“
Ganz wunderbar auch der Umgang mit kulturellen Stereotypen. Als sich Carmel darüber aufregt, dass ihr Mann sich auf die Stufen vor der Haustür setzt: „Du tust, als hättest du keine zwanzig Meter Garten hinter dem Haus.“, gibt er zurück: „Und du tust, als wärst du nicht in einer gemeinschaftlichen Kultur aufgewachsen, wo alle vor der Haustür hocken, bei Regen und bei Sonnenschein.“ Um dann noch nachzuschieben: „Die Frau kann ganz schön die Engländerin raushängen lassen, wenn ihr danach ist.“
Fazit: Eine höchst gelungene Kombination aus Witz, Klugheit und Realismus, die sympathisch vorführt, wie trottelig wir Menschen im Leben unterwegs sind.
Bernardine Evaristo
Mr. Loverman
Tropen, Stuttgart 2023