Markus Gasser: Die Verschwörung der Krähen

Wer Buchbesprechungen verfasst kriegt ab und an auch Besprechungsexemplare zugeschickt, auf die er selber wohl kaum gekommen wäre. Ein historischer Abenteuerroman, sei Markus Gassers Die Verschwörung der Krähen, lässt der Verlag mich wissen. Definitiv nicht mein Ding, denkt es automatisch in mir. Doch weglegen geht nicht, denn ich bin Sammler, nicht Jäger. Und so schaue ich mir das Buch nach vielen Monaten dann doch näher an.

De Foe, heisst der Held. Ist das etwa der Defoe von Robinson Crusoe, das ich vor nicht allzu langer Zeit sehr angetan gelesen habe? „Unternehmer, Journalist, Kirchengegner, Geheimagent wider Willen und Intimfeind Queen Annes“, lese ich im Klappentext. So in etwa, inklusive dichterischer Freiheiten, könnte das durchaus hinkommen. Nur eben: Ich bin nicht wirklich an literarischen Fragen interessiert. Stattdessen beginne ich zu lesen …

… und bin sofort drin, denn dieser Markus Gasser ist ein höchst begabter und überaus lustvoller Schreiber. Darüber hinaus ist er ein witziger und scharfsinniger Beobachter. Den adligen Intriganten Nottingham, von der Queen damit beauftragt, De Foe in den Kerker zu werfen, beschreibt er so: „Eigentlich lag am Grund seines Wesens eine kaum erträgliche Schwermut – er weinte nicht selten und mit Genuss, aber heimlich, nach Mitternacht – doch umso entschlossener wollte er in den Augen der Queen einer Kanone gleichen, die einen De Foe vom heiligen Boden Englands wegpusten konnte.“ Viel treffender lässt sich das englische Wesen kaum beschreiben.

Ränkespiele, machtgeile Opportunisten, das Geld, das die Welt regiert – nichts ist jemals neu unter der Sonne. Anders gesagt: Auch am historischen Abenteuerroman lässt sich aufzeigen, wie der Mensch und die Welt, die soziale, funktioniert. Neid, Missgunst, Rache, Niedertracht … you name it. Was öffentlich diskutiert wird, damals im Parlament, heute in den Medien, ist der Zirkus, der die Leute bei Laune hält. Das politisch Entscheidende geschah und geschieht hinter verschlossenen Türen.

Die Geschichte lehre, dass Völker und Regierungen nichts aus ihr lernen, meinte bekanntlich Hegel. Die Verschwörung der Krähen ist reich an Beispielen, die die verblüffende Stabilität des menschlichen Verhaltens über die Jahrhunderte zeigen. „De Foe nämlich hatte öffentlich gemacht, dass Sir Salathiel Kleinkriminelle hopsgehen liess, um wahre Verbrecher zu schützen.“ Eine auch heutzutage gängige Praxis, die anzuprangern bereits um 1700 nicht empfehlenswert war. Selten wurde der Zynismus der englischen Oberschicht witziger und vernichtender geschildert als in diesem höchst anregenden Werk.

Die Trennung von Staat und Kirche hatte De Foe gefordert, eine Ketzerei sondergleichen, die in den Augen der Staatsdiener hart geahndet werden musste. Die Königin, von Lady Marlborough gedrängt, sich diesen Ketzer persönlich anzusehen, kam zu einem anderen Eindruck als ihre Berater. Soviel zu den Beratern. An den Pranger kam De Foe trotzdem.

„Daniel de Foe sah sich zeitlebens als ein Kind der Verfolgung, der Pest und des Feuers.“ Er war ein freiheitsliebender Mensch, verstand nicht, dass sich so viele Leute in die Irre führen liessen, obwohl sie wussten, dass man sie belog. Wer würde da heutzutage nicht automatisch an die Anhänger des Egomanen aus Queens oder des notorischen englischen Lügners denken? Er heiratet die eigenständige Mary Tuffley, die sich von einem Mann nicht viel sagen liess und sich manchmal wunderte, wer ihr Daniel eigentlich war, der in Gedanken immer woanders schien.

De Foe ist eigensinnig, macht Schulden, glaubt daran, dass jeder vor dem Gesetze gleich zu sein hat, was damals wie heute als naive Verblendung bewertet wird. Seit jeher herrscht das Tyrannenprinzip: „Er bittet jeden um seine Meinung, aber weil er sich für gotterwählt hält, ist nur seine Meinung von Gewicht. Geht es nach ihm, müssen wir unbedingt Angst haben: Sobald wir uns nicht mehr fürchten, haben wir nur noch den Wunsch, selber Angst zu verbreiten und alle geschlossen zum Widerstand aufzuwiegeln.“

Geheimagent Smite hilft De Foe dem Kerker zu entkommen und … doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen, sondern Lust auf die Lektüre dieses sehr anregenden und unterhaltsamen Romans machen, der sich durch das fantasievolle Fabulieren des Autors, dem nicht nur eine seltene Sprachbegabung eigen ist, auszeichnet, sondern auch durch so wunderbar hellsichtige Formulierungen wie diese: „Jetzt aber war Smite längst über die Stadt hinweggeflogen und in sein Land verschwunden, das Land ohne Zeit, ohne die schlaflosen, finsteren Nächte, ohne die Mühsal der Traurigkeit.“

Fazit: Ein historischer Abenteuerroman, hervorragend geschrieben, den ich wesentlich als differenzierte und luzide Darstellung der heutigen politisch-sozialen Welt wahrnehme.

Markus Gasser
Die Verschwörung der Krähen
C.H. Beck, München 2022

Karine Tuil: Diese eine Entscheidung

Die Ich-Erzählerin von Diese eine Entscheidung heisst Alma Revel, ist 49, getrennt lebend, Mutter von drei Kindern. Sie arbeitet als Ermittlungsrichterin bei der Terrorbekämpfung, ihr Metier ist die Beweiserhebung, die Abgründe der menschlichen Seele ihr tägliches Brot. „Wir erforschen die Gedanken und Absichten der Täter, wir haben das Bedürfnis nach Erklärungen – aber wozu? Am Ende stossen wir doch nur auf Leere und menschliche Verletzlichkeit.“

Die Autorin Karine Tuil ist Juristin, ihre informierte Sicht auf das Justizwesen lässt sie Sätze äussern, die man auf sich wirken lassen sollte. „… meine Überzeugung, dass eine Gefängnisstrafe, auch wenn sie zu einer Art Einsicht ins eigene Tun verhelfen mag, sehr destruktive Folgen haben kann. Eine Inhaftierung bringt die dunkelsten Seiten in Menschen zum Vorschein, und wer diese Horizontverengung nicht selber erlebt hat, weiss nicht, was für ein Desaster sie ist.“

Sie hat beruflich mit Islamisten zu tun, wird bedroht und deswegen von zwei Sicherheitsbeamten begleitet. Auch eine Affäre hat sie, mit Emmanuel, einem Anwalt, was in Juristenkreisen als problematisch erachtet wird und sich im Verlaufe der Geschichte zuspitzt. Sie weiss, „wie sehr Sex und Nähe einen Menschen aus dem Gleichgewicht bringen können“, doch ebenso weiss sie, dass „Begegnungen, die uns das Gefühl einer vollkommenen Übereinstimmung mit einem Menschen vermitteln, den wir ein paar Stunden zuvor nicht wirklich kannten“, höchst selten sind. „Vielleicht ein-, zweimal im Leben, und auch nur, wenn das Glück mitspielt.“ Es sind nicht zuletzt solche cleveren Lebenseinsichten, die mir dieses Buch wertvoll machen.

In der Hauptsache dreht sich Diese eine Entscheidung um einen jungen Mann, gegen den ein Terrorismusverdacht vorliegt. „Ich zwinge mich, die Person, die vor mir sitzt, nicht auf das zu reduzieren, was sie getan hast.“ Klingt vernünftig, ja schon beinahe edel, oder etwa naiv?

Als Ermittlungsrichterin vertritt Alma Revel den Rechtsstaat, in den Augen vieler muslimischer Angeklagten das verhasste System. Sie will verstehen, glaubt, dies den Angeklagten schuldig zu sein. Natürlich kommt sie dabei auch immer wieder an ihre Grenzen. Sie bemüht sich weiterhin.

Diese eine Entscheidung liest sich sehr spannend; es gelingt der Autorin hervorragend, die Atmosphäre von Angst, Einschüchterung und Lähmung, die der Terror verursacht, zu vermitteln. Darüber hinaus lernt man auch einiges über internationale Machtpolitik. „Die Türkei nahm im Grunde permanent Geiseln und verfügte dadurch über ein Menschenreservoir, mit dem sie uns erpressen konnte.“

Karine Tuil schreibt packend und ist eine hoch reflektierte Betrachterin, die sich zum Beispiel wundert, dass es im Französischen zwar ein Wort für Kind ohne Eltern gibt, Waise, doch keines für Eltern, die ihr Kind verloren haben. Glänzend auch die Spitze gegenüber der Pariser Grossbourgeoisie in Gestalt der Familie Forest, der ihr Liebhaber angehört: „… seine progressiven Ansichten betonte man mit Vorliebe in Gegenwart unterbezahlter Hausmädchen und minderjähriger Babysitterinnen, denen die charismatischen Forest-Männer in den 1970er-Jahren noch unbehelligt nachstellen konnten. Die Ehefrauen sahen darüber hinweg, schliesslich war man für die sexuelle Befreiung.“

Diese eine Entscheidung ist wesentlich eine Auseinandersetzung mit der Demokratie („Die Konfrontation ist ein Mittel der Demokratie …“) und dem Rechtsstaat („… Urteilen bedeutet, gerne zuhören, sich um Verständnis bemühen und entscheiden wollen.“), die beide nicht wirklich leisten können, was sie implizit versprechen, denn der Blick auf die Welt hängt letztlich weniger von unseren Idealen ab als von unserer Herkunft. „Er blickte von der Warte des Grossbürgertums auf die Dinge“, kommentiert Alma Emmanuels Belehrungen. Ihre Sicht auf sich selber ist illusionslos: „Ich hasse, was mein Beruf aus mir gemacht hat.“

Engagiert plädiert Karine Tuil für das Primat des Rechts, auch wenn ihr bewusst ist, dass die Literatur dem Recht überlegen ist, wenn es darum geht, der Komplexität des Lebens einzufangen. „Lesen war eine Konfrontation mit dem Anderssein, wer las, wies eine gefälschte Darstellung der Welt zurück.“

Fazit: Eine fesselnde, aufwühlende Auseinandersetzung mit Grundfragen des gesellschaftlichen Lebens. Unbedingt zu empfehlen.

Karine Tuil
Diese eine Entscheidung
dtv, München 2022

Karina Sainz Borgo: Nacht in Caracas

Ich war noch nie in Venezuela, doch mein vor zwanzig Jahren verstorbener Freund Armando hat von diesem Land geschwärmt. Nicht zuletzt deswegen interessiert mich dieses Buch. Und weil Caracas gut in meinen Ohren klingt. Doch Nacht in Caracas handelt nicht von den Schönheiten des Landes, sondern von der politischen Situation und den desaströsen Verhältnissen, die damit einher gehen.

Adelaida Falcón steht vor dem Grab ihrer Mutter. Die beiden Schwestern der Mutter, die Zwillinge Amelia und Clara, achtzig Jahre alt, sind nicht gekommen. Sie lebten in Ocumare de la Costa und waren in ihrem Leben höchstens einmal nach Caracas gekommen. „Drei Stunden Fahrt auf einer Strasse voller Schlaglöcher und Banditen trennten sie von der Hauptstadt. Allein das hätten sie, ganz abgesehen von Alter und Krankheit – Diabetes die eine, Arthritis die andere –  , kaum überstanden.“

Das heutige Venezuela scheint ein absolutes Albtraumland zu sein. Bewaffnete Raubüberfälle bei Beerdigungen; sogenannte Biker des Vaterlandes, die ihre Umwelt terrorisieren; Plünderungen; Massengräber. Selbst nur lesend ist das schwer zu ertragen.

„Dieses Land, in dem die Frauen immer allein gebaren und die Kinder von Männern grosszogen, die zum Verschwinden nicht einmal die Mühe machten.“ Einher geht diese furchtbare Macho-Kultur mit den landesüblichen Schönheitswettbewerben. „Die Grösste, Hübscheste, Dümmste. Trotz all dem Elend in der Stadt kann ich noch immer Spuren dieser Krankheit ausmachen.“ Dass der Mensch von der Vernunft regiert werde, ist wohl der fundamentalste Irrtum aller Zeiten.

Entgegen einer verbreiteten Ansicht, bringen prekäre Umstände nicht notwendigerweise das Beste in den Menschen hervor. Stattdessen werden die Mitmenschen zu Konkurrenten. „Der Vordermann in der Schlange war ein potentieller Gegner, jemand, der mehr besass.“ 

Adelaida Falcón  wird gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben, von einer Krankenschwester im Haus verarztet, verschafft sich Zugang zur Wohnung einer Nachbarin und  findet diese tot vor.

Karina Sainz Borgo kontrastiert den Alltag in diesem gesetzlosen Land mit Erinnerungen an ihre Mutter und an ihr eigenes Aufwachsen. Und sie erzählt vom Einwanderungsland Venezuela, das von Männern und Frauen aus Santiago, Madrid, den Kanaren, Barcelona, Sevilla, Neapel und Berlin besiedelt worden war. Es war einst ein Land im Aufbau gewesen; heute ist es ein Land des Terrors.

Dieser Terror ist beklemmend, durchzieht das ganze Leben. Adelaida Falcón will nur noch weg. Und es gelingt ihr. Nacht in Caracas ist auch ein Buch voller überraschender Wendungen.

Ich weiss, dies ist ein Roman, also eine fiktive Geschichte. Nichtdestotrotz wirkt das geschilderte Geschehen auf mich real, lässt mich die Vorstellung nicht los, das dies alles genau so geschehen sei. Manchmal, so kommt es mir vor, gelingt es ja einem Roman, die Wirklichkeit zu vermitteln.

Karina Sainz Borgo
Nacht in Caracas
S. Fischer, Frankfurt am Main 2019


Witold Gombrowicz: Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten

Witold Gombrowicz, geboren 1904, Jurastudium in Warschau, lebte 24 Jahre in Buenos Aires, schrieb Zeitungsartikel und arbeitete als Sekretär bei der Banco Polaco. 1963 kehrte er nach Europa zurück, lebte zuerst in Berlin, später im südfranzösischen Vence, wo er am 24. Juli 1969 friedlich im Schlaf starb.

Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten ist das erste Werk, das ich von ihm lese – mich sprach der Titel an. Ein bescheidener Mann scheint der Autor nicht gewesen zu sein. Andererseits: Weshalb immer diese Hochachtung, dieses Eingeschüchtert-Sein vor der Philosophie?

Der Band wird eingeleitet mit einem Vorwort von Francesco Matteo Cataluccio über „Gombrowiczs Philosophie“. Keine Ahnung, wer der Mann ist. Der Verlag sah offenbar keine Notwendigkeit, ihn vorzustellen. Egal, schauen wir, was er schreibt. Er beginnt mit Wesentlichem. Für Gombrowicz sei der Schmerz zentral gewesen. „Ich sehe das Universum als etwas vollkommen Schwarzes und Leeres, in dem das einzig Wirkliche das ist, was wehtut; eben der Schmerz. Das ist die wahre Hölle, der Rest ist nichts als Geschwafel.“

Schön schält Francesco Matteo Cataluccio heraus, was er als den Kern von Gombrowiczs Philosophie bezeichnet: Die Unreife, die Infantilität der modernen Menschen (er nimmt sich selber nicht aus), denen eine Vaterfigur fehlt, und die deswegen dem Totalitarismus anhängen. Kennzeichen der Moderne seien „die Weigerung, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen, die traurige Bürde der Reife, die schwindelerregende Orientierungslosigkeit, die durch Freiheit und Demokratie bewirkt werden.“ Hellsichtiger ist die heutige Zeit selten charakterisiert worden.

„Wir verwirklichen uns nicht in der Sphäre der Begriffe, sondern der Personen. Wir sind Personen und müssen es bleiben, unsere Rolle besteht darin, dass in einer immer abstrakteren Welt das lebendige Menschenwort nicht verklinge“, zitiert Cataluccio Gombrowicz, dem die Literatur sowohl der Philosophie und auch der Naturwissenschaft überlegen schien, da diese die Stimme eines Menschen aus Fleisch und Blut, die Philosophie hingegen eine Systematisierung sei. „Ich glaube nicht an eine unerotische Philosophie. Ich habe kein Vertrauen zu einem Denken, das sich frei macht vom Geschlecht …“.

Gombrowicz befasst sich in diesem Werk mit Kant, Schopenhauer, Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Husserl, Sartre, Nietzsche, dem Existenzialismus, Marx sowie dem Marxismus. Und zwar so, dass er sie auf auf ihre wesentlichen Gedanken und Aussagen herunterbricht. Das ist höchst erfrischend. Und ausgesprochen lehrreich.

Besonders angetan ist er von der Weltsicht Schopenhauers (und hat damit ganz automatisch meine Sympathie), dem sich sein direktes Wissen durch Intuition offenbarte. Gombrowicz führt aus: „Der Mensch ist auch ein Ding. Also, wenn ich ein Ding bin, muss ich in meiner Intuition, meinem Absoluten das suchen, was ich in meinem Wesen bin. Und, sagt Schopenhauer, ich weiss, dass das Elementarste, das Grundlegendste in mir, der Wille zum Leben ist.“ Der Wille zum Leben (oder der Wille zum Sein – denn auch ein Stein will überdauern, ein Licht sich fortsetzen), existiert ausserhalb von Raum und Zeit, ist also an sich, kann sich aber nur manifestieren, wenn er, begrenzt in Raum und Zeit, Phänomen wird.

Doch auch zu Schopenhauer hat er Einwände: Der Teil seines Werkes, der der orientalischen Philosophie gewidmet ist, hält er für wenig überzeugend, denn diese proklamiere die Kontemplation und den Verzicht auf das Leben. Nun ja, Kontemplation ist nicht dasselbe wie der Verzicht aufs Leben. „Derjenige, der die Welt betrachtet und darüber staunt, ist der Künstler“, schreibt er an anderer Stelle. Genau so isses.

Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten ist eine Einladung, Witold Gombrowicz beim Denken zuzusehen. Eine faszinierende Einführung in Hegel und Kant und all die andern, die in diesem Buch mit ihren Kerngedanken vorgestellt werden, kenne ich nicht.

Fazit: Eine Entdeckung, die Lust macht auf die Welt der Ideen und Vorstellungen; Gombrowiczs Freude am eigenständigen Denken, das im Erfahren des Lebens, also auf unseren Empfindungen gründet, ist fast mit Händen zu greifen.

Witold Gombrowicz
Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten
Kampa, Zürich 2022

Alexander McCall Smith: Der talentierte Herr Varg

Dass Alexander McCall Smith, emeritierter Professor für Medizinrecht an der Universität Edinburg, Träger von dreizehn Ehrendoktorwürden sowie Verfasser von über achtzig Romanen, einen Kriminalroman über einen talentierten Kriminalpolizisten namens Ulf Varg schreibt, der in Schweden lebt, ist irgendwie naheliegend, weil der Autor selber ein überaus talentierter Mann ist, der lange in Botswana gelebt hat, und man sicher von ihm auf den Kommissar, zumindest teilweise, schliessen darf. Schliesslich schreibt doch der Mensch hauptsächlich von dem, was er kennt – also von sich selber.

Es ist in jeder Hinsicht zu begrüssen, dass Alexander McCall Smiths Motto – „Ich setze auf die fröhlichen Seiten des Lebens!“ – auch in diesem Werk auf vielseitige Art und Weise zum Tragen kommt. Das beginnt schon bei seinem ersten Fall, bei dem ein Priester einem Vertreter des Fahrenden Volkes eine blutige Nase schlägt und dafür auch verurteilt wird, obwohl keiner der fünfzehn Zeugen den Vorfall bestätigen wollte. Nur dass sich dann herausstellt, dass die Dinge ziemlich anders gewesen waren …

Das Dezernat für heikle Fälle, bei dem Herr Varg angestellt ist, hat bei den Kollegen keinen einfachen Stand, da sie der Auffassung sind, so recht eigentlich seien alle Fälle heikel. Das Dezernat teilt diese Auffassung und weist denn auch die eingehenden Fälle meist anderen Dezernaten zu, da sie zu wenig heikel sind. Dieser Auswahlvorgang hält das ganze Dezernat für heikle Fälle vollauf beschäftigt.

Der ledige Ulf Varg besitzt einen Abschluss in Kriminologie sowie einen hörgeschädigten Hund, der imstande ist von den Lippen zu lesen. Zu Beginn dieses Kriminalromans befindet er sich auf dem Weg zu einer eintägigen Psychotherapieveranstaltung in einem Wellnesscenter auf dem Land zum Thema „Löse deine Vergangenheit“. Einer der Teilnehmer bei der Gruppentherapie kämpft mit seinen Impulsen – und verlässt dann aus einem Impuls heraus die Gruppe.

Varg ist nicht nur ein aufmerksamer Beobachter, er macht sich auch über vieles Gedanken, womit sich die meisten selten bis gar nie beschäftigen. Über die Installationskunst etwa, die er für „rein zufällige Ansammlungen von Gegenständen“ hält, die regelmässig von Raumpflegerinnen, den Vertretern „einer Ästhetik des gesunden Menschenverstands“, als Abfall entsorgt wird. Oder über Sportreporter einer Zeitung, die sich ausführlich über ein geschossenes Tor ereifern konnten, obwohl es da ja so recht eigentlich nicht wirklich viel zu sagen geben sollte.

Der talentierte Herr Varg ist ein höchst amüsantes Buch, bei dem die Absurditäten des Alltags nicht zu kurz kommen, sei es, dass Ingenieure über die Instabilität von Brücken diskutieren, sei es, dass die Auswüchse der Bürokratie aufs Korn genommen werden, sei es, dass die Moderaten Extremisten (dessen Vorsitzender Ulfs eigener Bruder, Björn Varg, ist) dafür plädieren, mehr Hunde auszubilden, die mehr Menschen beissen – natürlich nur die, die es verdient haben.

Man kann den Ausuferungen der Politischen Korrektheit so recht eigentlich nur mit Humor begegnen. Zum Beispiel indem man darauf hinweist, dass Vorschläge, die die Polizei dazu auffordern, weniger aggressive Hunde – also etwa Dackel oder Pudel – einzusetzen, offenbar nicht bedenken, dass eine gewaltfreie Polizei vor allem von gewaltbereiten Kriminellen geschätzt werden würde. Anders gesagt: Der talentierte Herr Varg ist auch ein aufklärendes Werk, dessen Autor sich nicht zuletzt wundert, dass Leonard Cohen von seiner Suzanne offenbar Orangen erhält, „die den weiten Weg aus China gekommen sind.“

Der talentierte Herr Varg ist zudem ein ausgesprochen realistisches Buch, das unter anderem auch von einem Kurs mit dem Titel „Stressbewältigung am Arbeitsplatz“ berichtet, der dann vierzig Minuten überzogen wird, was dazu führt, dass man wegen es einsetzenden Feierabendverkehrs gestresster nach Haus kommt als an anderen Tagen.

Wir leben ja bekanntlich in aktiven Zeiten, in denen wir ständig psychologisch analysiert werden. Sehr schön bringt es Alexander McCall Smith auf den Punkt: „Heutzutage stehen alle unter dem Druck, etwas zu tun. Wenn man nicht irgendwas tut, wird einem vorgeworfen, nichts zu tun.“

Der talentierte Herr Varg ist reich an ganz vielen, ausgesprochen skurrilen Geschichten – Varg, der dem Mann seiner Kollegin Anna hinterher spioniert, weil er sich in sie verguckt hat; Schwedens berühmtester Schriftsteller, der anscheinend etwas zu verbergen hat und deswegen angeblich erpresst wird; ein Betrüger, der Hunde als Wölfe verkauft – , doch es sind vor allem McCall Smiths oft bizarre Alltagsbeobachtungen, die dieses Werk auszeichnen und mich ständig zum Lachen bringen. Dazu kommt, dass man auch einiges lernt: Ich jedenfalls wusste nicht, dass schwedische Hunde als anfälliger für Depressionen gelten als ihre südländischen Artgenossen.

Anstelle von psychologischen Ratgebern sollte man Der talentierte Herr Varg lesen. Weil es vergnüglicher ist. Aber auch wegen Sätzen wie diesen: „Narziss war ein Teenager. Das vergessen wir gern.“

Alexander McCall Smith
Der talentierte Herr Varg
Neues aus dem Dezernat für heikle Fälle
Knaur, München 2022 

Guy Deutscher: Die Evolution der Sprache

Die Bücher, bei denen mich schon die ersten Seiten ständig zustimmend schmunzeln lassen, sind rar; das vorliegende gehört eindeutig dazu. Das liegt an Sätzen wie „Oft scheint die Sprache mit derartigem Geschick entworfen worden zu sein, dass man sich kaum vorstellen kann, sie sei etwas anderes als die vervollkommnete Schöpfung eines Handwerksmeisters.“  Oder: „Die Sprachmaschine gestattet es so ziemlich jedem – vom prämodernen Jäger in grauer Vorzeit bis hin zu postmodernen Intellektuellen in grauer Vorstadt – , diese bedeutungslosen Laute zu einer unendlichen Vielfalt subtiler Bedeutungen zu verknüpfen, und das alles anscheinend ohne die geringste Mühe.“

Guy Deutscher will mit diesem Buch „einige Geheimnisse der Sprache enthüllen und versuchen, das Paradox dieser grossen Erfindung, die nicht erfunden wurde, aufzulösen.“ Doch wie will man eigentlich Verbindliches über die Herausbildung komplexer Sprachen herausfinden, also über etwas, das sich in vorgeschichtlicher Zeit zugetragen hat? Indem man sich eines Grundaxioms bedient, mit dem auch dîe Geologie operiert, also von der Gegenwart ausgeht, denn die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit.

Ob die Sprache angeboren ist, streiten sich Linguisten noch heute, was hauptsächlich daran liegt, dass niemand wirklich weiss, was genau im Gehirn verankert ist. Fakt ist jedoch (und darüber wird nicht gestritten), dass Kinder sich jede beliebige menschliche Sprache aneignen können. „Man nehme ein menschliches Baby von irgendeinem Ort des Globus und setze es an einem beliebigen anderen Ort ab, auf der indonesischen Insel Borneo beispielsweise, und in wenigen Jahren wird es heranwachsen und fliessend und fehlerlos Indonesisch sprechen.“

Um sich verständigen zu können, genügt es bekanntlich nicht, einfach Wörter aneinanderzureihen. Entscheidend ist vielmehr wie die Worte aneinandergereiht werden. Vertauscht man ein Wort, ändert sich die Bedeutung eines Satzes. So hat man etwa Entwicklungshilfe definiert als Transfer von Geld „von armen Menschen in reichen Ländern zu reichen Menschen in armen Ländern.“

Wie alles andere so befindet sich auch die Sprache im ständigen Wandel. Viele dieser stetigen Veränderungen nehmen wir gar nicht wirklich wahr, doch wenn wir einmal innehalten (was ganz generell ein gute Idee ist) und uns die Zeit nehmen, einige Sprachphänomene etwas genauer zur betrachten, so stellen wir unschwer fest, dass sich da ganz Eigenartiges tut. Nehmen wir ein Wort wie „irre“, das heutzutage für „es ist ja unglaublich“ (im negativen Sinne) bis zu „das ist so was von super“ (im positiven Sinne) gebraucht wird. Schon eigenartig, dass ein Wort, das einst für „geistesgestört“ stand, so schnell seine Bedeutung gewechselt hat.

Wie immer und überall: Der Wandel geschieht in einem Kontext und ist in diesem meist verständlich, wobei ein besonderes Problem die Präpositionen stellen, wie dieses Beispiel sehr schön illustriert: „Ein junger Mann bremst neben einem Türken und fragt: ‚Sag mal, wo geht’s hier nach Aldi?‘ ‚Zu Aldi‘, entgegnet der Türke. Darauf der junge Mann: ‚Was denn, schon Feierabend?'“

Gemäss den Fachleuten ist der Sprachwandel oft ein Wandel zum Schlechten. „Sprachen haben ebenso wie Regierungen eine natürliche Neigung zur Entartung“, so Samuel Johnson. Viele sehen Anglizismen als Hauptgefahr. So meinte E. Siewert in der Süddeutschen Zeitung, Luthers Worte „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ müssten  in einer zeitgemässen Fassung heissen:  „Dies ist mein Statement. Ich sehe keine Alternative. Der Superboss im Heaven möge mir assistieren! Und tschüss!“

Die Evolution der Sprache ist eine wahre Fundgrube an Erhellendem und Aufschlussreichem. Und es ist ein überaus witziges Werk. „Eine Frau im Laden: ‚Kann ich das Kleid im Fenster anprobieren?‘ Die Verkäuferin: ‚Sicher, aber wir haben auch Umkleidekabinen.'“ Zudem geht dieses Buch so recht eigentlich weit über die Sprache hinaus und bietet höchst Lehrreiches in Sachen Wahrnehmung bzw.  Welt- und Lebensorientierung. Konkret: „Wäre es nicht möglich, wiederkehrende Muster in der wachsenden Masse an neuen Informationen ausfindig zu machen, dann würde unser Verstand einfach an Details ersticken.“

Guy Deutscher
Die Evolution der Sprache
Wie die Menschheit zu ihrer grössten Erfindung kam
C.H. Beck, München 2022 

Wolfgang Hagen: Das Loch

Wolfgang Hagen (1950-2022) war Professor für Medienwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. Bei diesem Werk handle es sich um „die Fokussierung auf die Leerstellen und Nullstellen der neuzeitlichen Philosophie-, Technik-, Kunst-, Medien- und Materialgeschichte“, lese ich und in mir denkt es: Ups, da habe ich mir ganz etwas anderes vorgestellt, nämlich eine witzige, skurrile Abhandlung über das Wesen des Lochs. Wobei: Das ist dieses Werk ab und zu auch. Und trotzdem habe ich ein Problem damit. Das liegt an der akademischen Ausdrucksweise, die ja vor allem den Zweck hat, die Fachfremden draussen zuhalten. Konkret: Wenn Kurt Tucholsky das Loch als „Grenzwache der Materie“ beschreibt, verstehe ich das; wenn diese höchst gelungene Formulierung jedoch als „die präziseste gestalttheoretische Beschreibung des Lochs“ und als „seine semiotisch-ikonografische Paradoxie literarisierend“ bezeichnet wird, weiss ich, dass ich nicht zum Zielpublikum gehöre. Mit anderen Worten: Keine Chance, dass ich diesem Werk auch nur annähernd gerecht werden könnte – einige Eindrücke müssen genügen.

Immer mal wieder anregend und mich zum Schmunzeln bringend ist Das Loch zweifellos. „Wird zwischen Loch und Öffnung unterschieden, dann wäre das A…loch kein Loch, denn es lässt sich schliessen und öffnen.“ Oder: „Phänomenologisch sind Löcher ein Etwas und ein Nichts zugleich. Sind sie wie das was sie umgibt, also z.B. Käse oder Höhlen, oder sind sie das gerade nicht?“ Oder: „Entgegen so mancher Kolportage des Höhlengleichnisses sei festgehalten: Bei Plato gibt es kein Loch, sondern einen Balken und dahinter ein Feuer.“

Wolfgang Hagen scheint ein Mann von grenzenloser Neugier gewesen zu sein; seine intellektuelle Bandbreite ist beeindruckend – und würde mich vermutlich einschüchtern, wenn ich einen Zugang zu den Wissensgebieten hätte, die ihn offenbar umgetrieben haben.

Auch wenn ich den meisten Gedankengängen nicht zu folgen imstande bin, da diese meinem Hirn bzw. der Art wie es nun mal funktioniert, verschlossen sind, stosse ich nichtsdestotrotz auf Auffassungen, die ich so noch nie gedacht und deswegen als bereichernd empfunden habe. Etwa dass Heidegger die neuzeitliche Technik als „Anmassung einer Metaphysik, die sich nur an die Stelle eines weltschaffenden Schöpfers setzen will“ kritisierte.

Zugang hatte ich vor allem zu Hagens Ausführungen über Tucholsky, der Hitler kommen sah, und auch geschrieben hat, Löcher auf Reisen gebe es nicht. Falsch, meint Wolfgang Hagen, auch wenn das zu Tucholskys Zeiten so gewesen ist, denn: „Heute aber durchqueren ‚Löcher auf Reisen‘ das Silizium aller unserer Computerchips, quadrillionenfach jede Sekunde.“

Verblüffend und faszinierend zugleich ist, dass Löcher offensichtlich allgegenwärtig sind. So arbeitet etwa das Fernsehen mit Löchern, „nämlich mit zwei sich synchron drehenden Loch-Scheiben“, und auch den Transistor, „heute myriadenfaches Schaltelement in allen Computern auf der Welt, gäbe es nicht ohne dieses Loch.“

Mein spezielles Interesse gehört der Fotografie, weshalb mich denn auch die Schilderungen rund ums Bild besonders angesprochen haben. In Erinnerung gerufen hat mir Wolfgang Hagen unter anderem, dass das erste bekannte Foto von Niépce aus dem Jahre 1826 keine Menschen zeigte. „Niépce erlebte die pompöse Einführung der Fotografie durch die Académie française im September 1839 nicht mehr und musste deshalb alles seinem technisch unbegabten, aber geschäftstüchtigen Gönner Louis Daguerre überlassen.“

Schon damals also regierten die Geschäftstüchtigen. Und schon damals gab es Widerstand gegen die Maschinisierung und Technisierung des Blickes auf die Welt. So bezeichnete Baudelaire 1859 „die fotografische Industrie (als) die Zuflucht aller gescheiterten Maler (…) der Unbegabten und der Faulen.“ Was auf den ersten Blick einleuchten mag, verkennt jedoch, dass bei der Malerei alles von Grund auf gestaltet werden muss, während es bei der Fotografie darum geht, das bereits Vorhandene einzurahmen.

Fazit: Das Loch weitet den Horizont.

Wolfgang Hagen
Das Loch
Merve Verlag, Leipzig 2022

Arkadi Babtschenko: Im Rausch

Ich bin sofort drin in diesem Buch, fühle mich gepackt von der knappen no-nonsense Sprache, aber auch von der Realität des russischen Lebens, wo sich die Frage, was man denn gerne mit seinem Leben anfangen möchte, offenbar gar nicht stellt – man macht das, was sich anbietet.

Russland sei ein Land im permanenten Kriegszustand, so Arkadi Babtschenko. „Seit Napoleon haben bei uns durchschnittlich alle fünfundzwanzig Jahre mehr oder weniger grosse Kriege stattgefunden.“ Der Krieg sei ein Virus, sobald es genügend Virusträger gebe, gehe es los.

Realistischer wurde wohl kaum je geschildert, dass nicht ein Führer, eine Ideologie oder die wirtschaftliche Lage für einen Krieg verantwortlich ist, sondern das grausige Phänomen, dass der Mensch in kürzester Zeit jegliche zivilisatorische Errungenschaft abwerfen kann und „sich in eine Masse von Charakteridioten verwandeln lässt.“

An die Vernunft zu appellieren, bringt da gar nichts, denn gegen Hysterie ist nun mal nicht anzukommen. Arkadi Babtschenko rät denjenigen, die die Russifizierung der Krim begrüsst haben, ihre neue Realität zu betrachten: Keine freien Wahlen mehr, Wehrpflicht, Fernsehpropaganda, Datschas für Offizielle am Strand, und ganz, ganz viele Verbote.

Er wird zu einer Talkshow eingeladen. Das war 2015. Am 4. November, dem Tag der Einheit des Volkes. Zu einer Sendung über Patriotismus, wo sie allerdings nichts von dem hören wollen, was er einst in Tschetschenien erlebt hat. Selten habe ich eindrücklicher gelesen, wie Fernsehleute sich nicht für die Realität, sondern für ihre Karriere interessieren.

Sarkastischer (“… die Wähler stimmen ehrlich und offen für jeden, der lange genug im Fernsehen gezeigt wird…“) und realistischer habe ich noch nie über Russland gelesen. Das liegt auch daran, dass der Akzent von Babtschenkos Schreiben sich weniger mit möglichen Motiven befasst (die sich uns sowieso nicht wirklich erschliessen), sondern festhält, was er erlebt und sieht – und worüber er sich Gedanken macht. „Putin hat eines wirklich geschafft: Er hat den übelsten Dreck aus den Menschen herausgeholt. Allen Hass, alle Fremdenfeindlichkeit, alle Aggression. Die schmutzigsten, widerwärtigsten, schwärzesten Züge der menschlichen Natur. Das hat so nicht einmal die UdSSR geschafft.“

Im Rausch charakterisiert Russlands Werteorientierung als Infantilismus. Das meint: Eine simple Welt, ohne Grautöne. Primitiv und verantwortungslos. „Die mangelnde Wertschätzung des Lebens – auch des eigenen – ist wohl die Haupteigenschaft des Infantilismus.“ Diese Haltung durchdringt alle Klassen und macht auch vor intelligenten Leuten nicht Halt. Die bildreichen Beispiele, die der Autor anführt, bleiben einem haften – etwa Panzer, die Tomaten und Gänse zerquetschen.

Die Russen, die ticken anders, erinnere ich mich eine Professorin für Sicherheitsfragen in einer Talkshow sagen hören. Diesen Eindruck bestätigt und verstärkt Im Rausch.

Klar, man liest von Gefangenenlagern (und möchte lieber nicht so genau wissen, was dort für Zustände herrschen) oder von Oligarchen, die angeblich aus Fenstern springen, doch Im Rausch zu lesen macht einem die Brutalität, die Willkür, ja, die Menschenverachtung des Regimes in einem Masse deutlich, dass ich die Lektüre von Zeit zu Zeit unterbrechen musste, weil es mir sonst zu viel wurde. Auch an seinem eigenen Beispiel dokumentiert Arkadi Babtschenko, wie eine Hetzjagd auf Andersdenkende in Putins Russland abläuft.

Teil 2 dieses Buches handelt von der Invasion der Ukraine. In Form eines Tagebuchs. Verblüffend ist unter anderem, dass der Autor bereits am 24. Februar 2022 notiert, dass es für die Russen nicht gut läuft, denn so ein Angriff muss schnell, ganz schnell erfolgen – und das tut er nicht. Drei Tage später, am 27. Februar 2022: „Russland hat den Krieg verloren. Schon jetzt.“

Höchst erstaunlich an diesem Tagebuch fand ich Aufzeichnungen wie die über den ukrainischen Matrosen Taras Ostaptschuk, der im Fernsehen den Einschlag eines russischen Marschflugkörpers in ein Wohnhaus in Kyiv sah. und daraufhin die Luxusjacht seines Bosses, dessen Firma solche Marschflugkörper herstellte, flutete. Als der spanische Richter den Einschlag gesehen hatte, „liess er den Ukrainer laufen und die Anklage fallen.“ Wunderbar!

In Kyiv habe eine Frau vom Balkon aus ein Glas Gurken nach einer russischen Drohne geworfen – und sie so runtergeholt! Kann das sein? Keine Ahnung, doch die Geschichte gefällt mir. Genauso wie die Zerstörung des Mythos von der polnisch-ukrainischen Feindschaft. Das Gegenteil ist richtig, davon zeugt, dass in den ersten zehn Kriegstagen mehr als eine halbe Million Ukrainer in Polen aufgenommen worden sind.

Im Rausch ist ein engagiertes und überzeugendes Dokument des Widerstandes und der Würde sowie auch ein wütender Aufruf zum Krieg gegen den russischen Aggressor, der all das, was er den Ukrainern antut, am eigenen Leib erfahren soll – weil er sonst nichts kapiert, meint Arkadi Babtschenko.

Arkadi Babtschenko
Im Rausch
Russlands Krieg
Rowohlt Berlin 2022

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