
Walensee, am 4. Mai 2021
Hans Durrers Buchbesprechungen

Walensee, am 4. Mai 2021
Dieser Kriminalroman ruft in mir bereits nach den ersten Seiten Bilder aus meiner argentinischen Zeit hervor. Und dies ist allein der Tatsache geschuldet, dass sein Autor, Guillermo Martínez, in Buenos Aires lebt. Schon eigenartig, was der Kopf so mit einem macht.
Die schöne und intelligente Studentin Luciana B. arbeitet für einen Monat als Sekretärin bei einem Schriftsteller (dem Erzähler dieser Geschichte). Die Intimität, die sich zwischen den beiden einstellt, ist fast mit Händen zu greifen, doch zu mehr als einem Kuss kommt es nicht, bevor Luciana wieder zu ihrer angestammten Arbeit bei einem Krimiautor namens Kloster zurückkehrt.
Zehn Jahre später steht sie wieder vor des Erzählers Tür. Ein völlig veränderter Mensch, dem man die einstige Schönheit nicht mehr ansieht. Ihr Verlobter sei tot, ihre Eltern und ihr Bruder ebenfalls. Kloster habe sie umgebracht. Und er sei noch nicht fertig mit dem Töten. „Niemand weiss Bescheid. Niemand bekommt es mit“, informiert ihn Luciana. Obwohl die Zeitungen von allen drei Fällen berichtet hàtten, „obwohl sich die Todesfälle unübersehbar vor aller Augen ereignet hatten und einer sogar einen Skandal verursacht hatte.“Sie bittet den Erzähler/ Schriftsteller um Hilfe.
Dem Allem vorangegangen war der Versuch Klosters, Luciana zu küssen, doch sie entwand sich ihm und kündigte. Anwälte kommen ins Spiel; die Anwältin, an die sich Luciana wendet, übernimmt das Szepter. „Ihren Worten nach waren verheiratete Männer am leichtesten einzuschüchtern, wir müssten uns nur überlegen, welche Summe wir aus ihm herausholen wollten.“ Die junge Frau gerät in einen Sog, ist dem Fortgang der Dinge ausgeliefert.
Doch erzählt Luciana die Wahrheit oder ist sie besessen von Wahnvorstellungen? Als der Erzähler/Schriftsteller auf ihr Begehr Kloster aufsucht, kriegt er eine ganz andere Einschätzung der Geschehnisse zu hören. Er ist hin und her gerissen, wem soll er glauben? Sieht Kloster die Realität voraus, wird diese davon beeinflusst, was er schreibt?
Dieser Text ist ungeheuer dicht und von einer Differenziertheit, die Kriminalromanen selten eignet. Guillermo Martínez ist ein Meister darin, beklemmende Gefühle hervorzurufen. Mit Der langsame Tod der Luciana B. ist ihm ein Meisterwerk gelungen, das einerseits aufzeigt, wie aus einer Lappalie ein Monster wird. „Rückblickend betrachtet hatte er mir schliesslich nur einen Kuss geben wollen. Doch die Konsequenzen standen dazu in keinem Verhältnis, schienen ausser Kontrolle geraten.“ Und andererseits deutlich macht, dass das Leben viel verrückter und verzwickter ist als dass es sich geradlinig entwickeln würde.
Der langsame Tod der Luciana B. ist ein raffiniertes Rätselspiel mit Bezugnahmen auf Oliver Sacks, Edgar Allen Poe, Thomas Mann und Henry James. Auch Hegel wird einmal zitiert, mit diesem hilfreichen Satz: „Das Subjekt ist die Reihe seiner Handlungen.“ Kloster meint dazu (und charakterisiert damit so recht eigentlich diesen Roman): „ … James hat sein ganzes Werk auf den Intervallen zwischen den einzelnen Handlungen errichtet, auf den Einschüben zwischen den Dialogzeilen, auf den versteckten Absichten, auf der Hölle aus Zögern, Berechnungen und Strategien, die jeder Handlung vorangehen.“
Es gehört zu den Mysterien der menschlichen Existenz, dass wir nicht wissen (können), was wir mit unserem Verhalten in Gang setzen. Selten wurde das so eindringlich dargestellt wie in diesem rundum stimmigen Kriminalroman, der einen in seinen Bann schlägt, auch weil er unter anderem darlegt, dass wir unseren Gefühlen (und dazu gehören Hass und Rache) in einem Masse ausgeliefert sind, das uns das Fürchten lehren sollte.
Fazit: Ein höchst gelungener Krimi darüber, wie Literatur die Realität vorauszuahnen vermag.
Guillermo Martínez
Der langsame Tod der Luciana B.
Eichborn, Köln 2021

Sargans, am 6. Mai 2021
Warum sich unser Wald davonmacht und der Braunbär auf den Eisbär trifft – Wie der Klimawandel Pflanzen und Tiere vor sich hertreibt“ lautet der überaus ausführliche Untertitel, der damit so recht eigentlich zusammenfasst, was in diesem anregenden und informativen Werk zur Sprache gebracht wird. Autor Benjamin von Brackel, Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München, beschäftigt sich darin mit dem Phänomen, dass auch Tiere und Pflanzen wegen der steigenden Temperaturen ihren angestammten Lebensraum verlassen.
„Wie konnte es sein, dass sich gerade eine massive Umverteilung des Lebens auf der Erde abspielt wie seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr – und keiner weiss davon? Jedenfalls abgesehen von den Biologen, die dazu forschen?“ Benjamin von Brackel, der seit 2012 über den Klimawandel schreibt und bis vor vier Jahren selber nichts davon mitbekommen hat, begibt sich auf Spurensuche.
Die Erderwärmung hat zur Folge, dass sich der Lebensraum der Tiere verändert. So nehmen etwa in der Arktis die Biberpopulationen zu, die Flüsse und ganze Landstriche überfluten, und entziehen damit dem Polarfuchs die Lebensgrundlage. Und es überschneiden sich die Lebensräume, was unter anderem zu Cappuccino-Bären führt, Hybriden aus der Paarung von Eis- und Grizzlybären.
Dazu kommt, dass vielen indigenen Gemeinschaften die Lebensgrundlage entzogen wird, wenn auf einmal die Grönlandwale oder Lachse ausbleiben. Das grösste Problem für diese traditionellen Jäger, die Meister der Anpassung sind, so Benjamin von Brackel, ist jedoch der moderne Mensch mit seiner Massenindustrie.
Er berichtet von Baumarten, die wandern. Und von mitwandernden Insekten, die in und von ihnen leben. So sehr uns die Corona-Pandemie zu Bewusstsein gebracht hat, wie rücksichtslos wir in den Refugien von Tieren und Pflanzen unterwegs sind, wir müssen überdies zu Kenntnis nehmen, dass der Klimawandel den Spiess umdreht: „Nicht mehr wir kommen zur Wildnis, sondern die Wildnis kommt zu uns.“
Der Volksmund kennt den Spruch: Gelegenheit macht Diebe. Und genau wie Diebe verfahren auch die Mücken, Zecken und Raupen, die neuerdings bei uns einfallen – „sie nutzen ganz einfach alle Möglichkeiten, die Klimawandel und Globalisierung ihnen bieten.“
Dass Biologen bei Politikern auf taube Ohren stossen, wenn sie ihnen von der Wanderung der Arten erzählen, erstaunt wenig, macht aber andererseits (wieder einmal) deutlich, dass der Mensch schlecht beraten ist, wenn er sich von der Politik anderes erwartet als die Durchsetzung von kurzsichtigen Eigeninteressen.
Ich lese Die Natur auf der Flucht auch als Einladung, mich in die Schuhe eines anderen zu versetzen. Etwa in die von Pierre Rasmont, des „Hummelpapstes Europas“, der im aussergewöhnlich heissen Sommer 2003, als in Paris so viele Menschen starben, dass ein Kühllager für Lebensmittel zur Leichenhalle umfunktioniert werden musste, in den Pyrenäen und im finnischen Kevo, einem Hummel-Eldorado, nur noch einen Bruchteil der üblichen Insektenmenge vorfand.
Die Natur auf der Flucht ist ein journalistisches Buch und das meint in diesem Fall, dem Storytelling und dem Personalisieren verpflichtet, was teilweise etwas komische Züge annimmt. „Unter der Dusche erinnerte sich Peters an einen Science-Artikel, der ihm in die Hände gefallen war.“ Doch diese Herangehensweise hat Vorteile: Der Text ist anschaulich, liest sich leicht und ist informativ.
Benjamin von Brackel
Die Natur auf der Flucht
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Quarten, am 4. Mai 2021
Presseclub in der ARD, zugeschaltet aus Berlin ist Anna Mayr, Journalistin bei der Zeit, einer Publikation, die ich schon seit vielen Jahren nicht mehr lese, weil mich die Meinungen, die in sogenannt angesehenen Publikationen vertreten werden, schlicht nicht interessieren, denn diese Leute, so meine Vorstellung, wissen nur etwas von „ihrem liberalen Leben“ und haben keine Ahnung, wie es auf der Welt zu und her geht. Doch was Anna Mayr in dieser Sendung sagt, gefällt mir, denn sie redet von den Bewohnern der Plattenbauten und fragt sich, ob eigentlich die Corona-Regierungsbeschlüsse auch denen Rechnung tragen, die in engen Hochhauswohnungen keine Möglichkeit haben, Distanz zu halten. Sie sagt noch einiges mehr, doch das ist, woran ich mich erinnere. Sie redet also von dem, wovon ich gedacht habe, Zeit-Journalisten verstünden gar nichts. Doch es ist umgekehrt: Ich verstehe davon gar nichts, Anna Mayr hingegen schon. Das finde ich raus, als ich sie google und auf ihren Lebenslauf und ihr Buch „Die Elenden“ stosse, ein „no-nonsense“ Buch par excellence.
Anna Mayr ist selber in einem Plattenbau-Viertel aufgewachsen (so ambivalent, wie das für jedes Leben charakteristisch ist), mit Eltern, die für das System nicht tauglich sind, was sie so recht eigentlich auszeichnet, denn keiner (Frauen sind mitgemeint), der sensibel und anständig ist, taugt für diesen Wettbewerbswahnsinn, der empathielose Idioten an die Spitze bringt. Nur eben: Nicht-System-tauglich-zu-sein hat Konsequenzen, wirtschaftliche und psychische, weshalb es denn auch die meisten vorziehen, sich zu verleugnen und sich anzupassen.
Von aussen betrachtet ist Anna Mayrs Lebensgeschichte eine Aufstiegsgeschichte, schliesslich ist es eher selten, dass ein Kind von zwei Langzeitarbeitslosen bei einer staatstragenden Zeitung landet. Sie hat darüber geschrieben, „wie meine Eltern mich zur Antifaschistin erzogen, wie ihnen nichts wichtiger war als Gerechtigkeit. Und dass sie trotzdem nicht zur Wahl gingen, weil es da keine Partei gab, die sie wählen konnten.“ So viel zum medialen Demokratiegeschwafel.
Die Elenden ist wesentlich (jedenfalls lese ich es so) eine Auseinandersetzung mit dem Wertesystem unserer Gesellschaft, in der Arbeitslose keine Stimme haben. Als die Autorin, die mehr Gerechtigkeit für Arbeitslose fordert, zu Anne Will eingeladen wird, fragt sie sich, weshalb die Redaktion keine Hartz-IV-Empfänger einlädt. Nun ja, wer einigermassen versteht, wie die Medien funktionieren, fragt sich das nicht, denn die Medien repräsentieren ja unser Wertesystem.
„Unsere Gedanken und Annahmen entsprechen den Strukturen, die der Kapitalismus errichtet hat, sie sind politisch erwünscht. Indem wir sie pflegen, zementieren wir diese Strukturen und ermöglichen politische Entscheidungen, die Familien wie meine schwächer machen und andere stärker — oder eben: normaler“, hält sie treffend fest und bringt damit das Dilemma unserer Zeit auf den Punkt. Doch kann man da wirklich nichts tun? Will man das angesichts der Salon Linken, die ja eigentlich nur lächerlich sind, überhaupt? „Ich glaube, dass das trotzdem möglich ist: eine unpeinliche Stellungnahme für die Unterdrückten.“
Mir scheint, ihr ist das gut gelungen, obwohl ich ihren Glauben, „dass sich vieles über den Blick der Gesellschaft auf die Arbeitslosen verstehen lässt, indem man sich die Geschichten von vier Männern und die Umstände ihrer Zeit anschaut: Martin Luther, Johannes Calvin, Benjamin Franklin und James Watt“ nicht teile und diesen Bildungsexkurs überflüssig finde. Und ich mich über einige ihrer Überzeugungen schon sehr wundere (auch übers Lektorat, das soviel Unreflektiertheit durchgehen liess): „Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Eltern ihre Kinder auf irgendeine Weise zerstören.“ Zerstören?! Echt? Der nachfolgende, an Banalität kaum zu übertreffende Satz macht es nicht besser. „Jedes Leben wird in seiner Kindheit geprägt, und zwar nicht nur positiv.“
Doch das Buch machte mich auch immer mal wieder laut heraus lachen. Unter anderem darüber: „Life-Coaching ist eine Form der Beratung, bei der die einen Geld damit verdienen, dass sie den anderen einreden, dass diese die Verantwortung für ihr Wohlbefinden selbst tragen.“ Und darüber: „Es gibt einen recht miesen Film, der Over the Top heisst, in dem Sylvester Stallone einen Trucker spielt, der sehr starke Oberarme hat. Er zieht mit seinem Truck von Stadt zu Stadt und besiegt andere Trucker beim Armdrücken, am Ende gewinnt er die Weltmeisterschaften, ungefähr so geht die Handlung.“ Wir leben schon in einer ziemlichen Schwachsinn-Gesellschaft!
Zu meinen Lieblingssätzen in diesem Aufklärungswerk gehört: „Durch die Pandemie sind Ungerechtigkeiten so wahnsinnig offensichtlich geworden, dass es fast grotesk ist, wie sie sich zuvor verbergen liessen.“ Noch grotesker ist allerdings, dass man auch gegen diese so offensichtlich gewordenen Ungerechtigkeiten nichts tut.
Die Elenden erzählt Anna Mayrs Geschichte, eine Nabelschau ist das Buch jedoch nicht. Auch erläutert sie (und nimmt dabei unter anderen Bezug auf Karl Marx und Hannah Arendt), die kapitalistischen Zusammenhänge, um die es wesentlich geht. Und sie hat eine Mission. „Ich schreibe auf, was ich weiss, was ich erlebt und gelernt habe. Ich würde das nicht tun, wenn ich nicht daran glaubte, dass Texte etwas ändern.“ Doch können Texte etwas ändern? Genauer: Kann dieser Text etwas ändern? In meinem Falle schon, denn ich vermeine, Arbeitslose jetzt mit etwas anderen Augen zu sehen. Empathischer.
Anna Mayr
Die Elenden
Hanser Berlin 2020

Sargans, am 30. April 2021
Den Überblick zu haben, die grossen Linien zu verstehen, bedeutet auch, sich in einem grösseren Ganzen zu sehen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor bzw. ist dies der Grund für mein Interesse an diesem Buch. Ich lese es mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis, da es meinen Horizont übersteigt, wie jemand ernsthaft glaubt, Aussagen über Ereignisse, die Millionen von Jahren zurückliegen, machen zu können. Doch Autor Laurent Testot weiss, dass viele dieser Annahmen hypothetischer Natur sind. „Festzuhalten bleibt, dass die heute erhaltenen Spuren zu spärlich sind, um eine zusammenhängende Familiensaga der ersten menschlichen Erdbewohner zu erstellen.“ Zudem hat er Humor (und damit meine Sympathie): „Als flexibler Allesfresser kommt der Mensch in sämtlichen Ökosystemen zurecht.“
Die Globalgeschichte des Menschen bietet viel Spannendes, Interessantes und Lehrreiches. So nahm ich etwa mit einiger Verblüffung zur Kenntnis, dass Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Zoroastrismus, Judentum und das Denken der Griechen zur gleichen Zeit entstanden, zwischen dem 7. und 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Und ich erhalte Antworten auf Fragen, die mich, als Historie-Ignoranten, immer mal wieder einigermassen ratlos gelassen haben: Wir kann es sein, dass um 1600 Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilen, die Niederländer sich in Indonesien breit machen konnten, die Briten einmal die halbe Welt beherrschten?
Gelegentlich habe ich auch gestutzt. Etwa als ich lese, dass im Jahr 221 v.u.Z. der König von Qin China geeint habe und unter anderem die als ‚Klassiker‘ geltenden Bücher verbrennen liess. Gab es damals in China wirklich schon Bücher? Übrigens: Die erste Pest ereignet sich im Mittleren Orient und Europa im Jahre 541 und verschwindet um 850 wieder. „Um 610 herum hat eine ähnliche Epidemie China am anderen Ende Eurasiens getroffen und die dortige Bevölkerung um ein Drittel dezimiert. Dann vergisst die Welt fünf Jahrhunderte lang diese Plage und die überlebenden Bevölkerungsgruppen verlieren ihre teuer erkaufte Immunität …“. Die Geschichte könnte uns schon einiges lehren!
Das Goldene Zeitalter des Islam (von 650 bis 950) wurde begleitet von einer ‚grünen islamischen Revolution‘ und das meint, dass nicht nur der Raum zwischen Pakistan und Spanien unter einer Autorität steht, sondern sich ungefähr entlang eines Breitengrades erstreckt, also klimatisch homogen ist. „Reis, verschiedene Hirsearten, Sorgho, Wassermelone, Zitrone, Orange, Artischocke, Spinat, Zuckerrohr, Aubergine, Mango, Kokosnuss, Banane und Baumwolle profitieren von einer schnelleren Verbreitung von Indien nach Europa über die Levante, ebenso wie in umgekehrter Richtung.“
Zwischen 950 und 1200 wächst die Welt immer mehr zusammen. Das hat wesentlich mit dem Handel zu tun: Dieser befördert den Fortschritt, denn er ermöglicht, voneinander zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Zum Beispiel werden Tee und Baumwolle aus Asien gefragter und haben erfreuliche Nebeneffekte. „Für Tee muss man Wasser kochen, das dadurch desinfiziert wird – so werden Krankheiten des Verdauungsapparats eingedämmt, die seit den Anfängen der Urbanisierung auftreten“ Und: „Was die Baumwolle anlangt, so können dank der Professionalisierung indischer Weber qualitativ hochwertige Kleidungsstücke hergestellt werden, die preiswerter sind als die aus dem zuvor verwendeten Hanf und leicht waschbar: Flöhe und andere Überträger von Krankheiten verschwinden.“
Neben dem Handel haben auch kriegerische Eroberungen zu Innovationen geführt. So übernahmen und integrierten etwa die Mongolen, die zwischen 1200 und 1450 ein riesiges Reich beherrschten, das militärische Wissen, das sie vor Ort antrafen und sicherten die Handelsrouten – Verbindungen, deren sich auch die wieder ausbrechende Pest bedient. Vier Jahrhunderte lang wütete sie in Eurasien und „löscht in Zehn- bzw. Zwanzigjahreszyklen ein Viertel oder gar die Hälfte der Bevölkerung ganzer Landstriche aus. Ihr letztes Aufflammen in Europa, 1720-22, tötet mehr als jeden zweiten Bewohner von Marseille.“
Die französische Originalausgabe der Globalgeschichte des Menschen erschien 2019, die gegenwärtige Covid-19 Pandemie hat also keinen Eingang gefunden in Laurent Testots Überlegungen, doch da sich dieses Werk mit Grundsätzlichem befasst, gelten die planetaren Grenzen, die der Autor ausgemacht hat, nach wie vor. Es sind dies die Erderwärmung, das Artensterben sowie sozio-ökonomische Verknappung und Brüche. Sie alle rühren von einem grundsätzlich falschen Bild her, das der Mensch von sich hat: dass er Herr der Welt und nicht Teil von ihr ist.
Laurent Testot ist ein nüchtern argumentierender Mann, dessen Blick in die Zukunft nicht von Hoffnung, sondern von Realismus geprägt ist: „Wir haben noch ein paar Jahrzehnte, um die Erde zu retten – zwar nicht vor dem ökologischen Desaster, denn dieses hat bereits stattgefunden, aber wir können zumindest beweisen, dass Menschsein bedeutet, seine Würde zu bewahren und zu retten, was möglich ist.“
Fazit: Ein überaus nützliches Werk, das hilft, sich in einem grösseren Ganzen zu sehen und von den Alltagsaufgeregtheiten nicht erschlagen zu werden.
Laurent Testot
Die Globalgeschichte des Menschen
Vom Faustkeil zur Digitalisierung
Reclam, Ditzingen 2021

Sargans, am 30. April 2021
Bastia, Korsika. Huma, auf die dreissig zugehend, kehrt zurück, nach sieben Jahren. Mit dem Schiff, aus Marseille. Ich wähne mich vor Ort mit dabei, so sehr spricht mich Stil, Rhythmus und Ton von Laure Limongi an. Nicht zuletzt ihr trockener Witz hat es mir angetan. „ … die Automaten, die mit Konservierungsstoffen vollgestopften Süssigkeiten zum Preis iranischen Kaviars verkauften …“.
Sieben Tage Windstille handelt vom Geheimnis einer Familie, ist aber auch die Geschichte einer Befreiung. Und darüber hinaus, jedenfalls für mich, eine korsische Einführung, denn ich weiss so gut wie nichts von dieser Insel. „Für die Stadtbewohner – die seit über fünfzig Jahren den Grossteil der korsischen Bevölkerung ausmachen – ist der Rhythmus des Lebens geprägt durch das Ritual des Dorfbesuchs am Wochenende. Auf Korsika hat jeder ein Dorf.“
Dasjenige der Pietris liegt über eine Stunde von Bastia entfernt; ihre Villa hoch oben auf den Klippen, mit Blick übers Meer. Die kleine Huma erlebt die Wochenenden im Dorf als verwirrend. Was man isst kommt aus dem Garten oder vom Tausch mit Nachbarn, fliessendes Wasser gibt es nicht. „Das Reich der Werbung und der chemischen Düfte in der Stadt; aus der Erde kommende, noch Humusgeruch verströmende Lebensmittel im Dorf – es ist seltsam, dass diese zwei so unterschiedlichen Welten nr eine wenn auch sehr kurvenreiche Autostunde auseinanderliegen.“
Es hat etwas Magisches, dieser Sprachsog – man glaubt den Ort zu sehen, zu spüren, zu riechen – wie Laure Limongi diese Familie schildert, bei der allein zählte, dass der äussere Schein gewahrt wurde. Und dann diese sehr speziellen Charakterisierungen: Madeleine, die Alleinherrscherin des Pietri-Imperiums, Zie, die schönere Rita Hayworth, Gabriel, der Kirk Douglas ähnelte und das pflegte.
Als die kleine Huma in der Schule gefragt wird, was ihre Eltern, Alice und Lavi, beruflich tun, weiss sie keine Antwort. Und so fragt sie zuhause. Ihr Vater baut Gebäude, kriegt sie die gesellschaftlich akzeptable Antwort, welche die Autorin wunderbar ironisch ergänzt:, „in denen viele Familien wohnen, vereint in der unbeschreiblichen Freude über die enge Nachbarschaft, genannt Mehrfamilienhäuser.“
Das Elternhaus voller Waffen, Mutter und Vater, die ständig über Politik streiten, so wächst Huma auf. Es ist die Zeit der Korsischen Nationalen Befreiungsfront mit Parolen, die die Franzosen und Araber raus haben wollten. „Will man sie ins Meer werfen? Und ihre Mama, die auf dem Festland geboren wurde, schmeisst man die dann auch ins Meer?“, fragt sich die Kleine. Fragen, die deutlich machen, wie simpel doch viele Leute emotional unterwegs sind.
Als Huma sechs Jahre alt ist, beschliessen ihre Eltern, sie solle fortan mit May, der Grossmutter, im obersten Stock des Hauses leben. Meisterhaft, wie Laure Limongi das hoch komplexe, von Neid, Eifersucht, Rache, Missgunst und Ressentiments geprägte Innenleben dieser Familie schildert. Überhaupt gelingt es ihr ganz hervorragend, Atmosphärisches zu vermitteln – das Bild von Korsika, das in meinem Kopf entsteht, offenbart mir eine Insel mit sehr eigenen Gesetzen. „May wundert sich, dass der Gebrauch von Waffen auf dem Festland so stark reglementiert ist. Es ist nicht leicht, ihr klarzumachen, dass das Gesetz hier genauso lautet wie auf Korsika.“
Es gibt Szenen in diesem Buch, die sich mir eingegraben haben. Als Lavi auf seinen Vater losgeht, als die zehnjährige Huma bei der Wahl ihre Grossmutter überlistet. Und dann gibt es da diese ganz wunderbare Schilderung des Fotoentwickelns im Badezimmer, die eine Zeit heraufbeschwört, als der Fotografie eine Magie eignete, die sie weitgehend verloren hat. „Mit der Spitze der Zange, die das Papier im Bad schwenkt, berührt sie den Beweis ihrer Existenz und des wohlwollenden Blickes, der auf sie gerichtet ist.“
Fazit: Sensibel und realistisch, bewegend und überraschend.
Laure Limongi
Sieben Tage Windstille
Mare, Hamburg 2021