Suzumi Suzuki: Die Gabe

Wir leben in Zeiten der Konkurrenz und der Superlative. Eine Autorin (oder ein Autor), die vom Verlag nicht als renommiert angepriesen wird, kann ich mir so recht eigentlich schon gar nicht mehr vorstellen. Im Falle von Suzumi Suzuki handelt es sich „um eine renommierte japanische Soziologin und Kolumnistin.“ In aller Regel schreckt mich die Bezeichnung „renommiert“ ab, bedeutet sie doch vor allem mehrheitsfähig. Da ich jedoch fürchte, meine Auffassung sei nicht mehrheitsfähig, nun also zu diesem schmalen Band.

Die Geschichte, die hier erzählt wird spielt in einer kleinen Wohnung, die von einer jungen Frau am Rand von Tokios Rotlichtviertel bewohnt wird. Nachts arbeitet sie als Hostess in einem Club. Tagsüber betreut sie ihre kranke, dem Tod nahe Mutter, die zwei schmale Gedichtbände veröffentlicht hat und noch ein letztes Gedicht schreiben will.

„Was im Kopf meiner Mutter vorging, war immer schon schwer zu sagen gewesen, auch, bevor die Krankheit sie eines Grossteils ihrer Sprache beraubte. Sie hatte immer schon Launen und merkwürdige Anwandlungen gehabt. Trotzdem verstand ich sie nach wie vor besser als jeder andere Mensch, daran hatte sich nichts geändert.“

Die Tochter erlebt die Mutter als arrogant und besitzergreifend, meist mit abwesendem Blick und nicht gerade auskunftsfreudig, was ihr Leben angeht. Von diesem erfährt dann die Tochter, als eines Tages ein Besucher, der sich als vermögender Mann und früherer Verehrer der Mutter entpuppt, im Spital auftaucht. Unter anderem spricht er die Tochter auf ihre Brandnarben an, die er mit der Mutter in Verbindung bringt. Die Tochter bedeckt die Narben mit Tattoos.

Es gibt nicht wenige Parallelen im Leben der Mutter und der Tochter, die jedoch von den beiden nicht angesprochen werden. Überhaupt bleibt vieles ungesagt. Die Gabe, in einer klaren, schnörkellosen, direkten Sprache verfasst, macht unter anderem deutlich, dass wir nur Weniges in Worte zu fassen vermögen; das Meiste erahnen bzw. spüren wir auch ohne Worte.

Das Faszinierende an diesem Roman ist die Detailtreue, die die Autorin noch den banalsten Handlungen zukommen lässt. Selbst das Die-Wohnungstür-Aufschliessen wird so genau beschrieben, dass man glaubt, die Bewegungen, die dazu erforderlich sind, selber auszuüben. Diese Art von Schreiben, die das alltäglich Komplexe detailliert beschreibt (das ist eine Kunst!), versetzt einen immer mal in eine Art Trancezustand.

Suzumi Suzuki beschreibt nicht nur ihre Handlungen, sondern auch, was sie sich dabei denkt. „Ich murmelte eine Art Dank – mich zu bedanken kam mir merkwürdig vor, aber etwas anderes kam mir nicht in den Sinn – , und lehnte mich vor, um einen besorgten Blick auf meine Mutter zu werfen, woraufhin der Arzt zur Seite trat und sich an die Wand mit dem Spülbecken stellte.“

Die Gabe ist ein Roman, der einem zu Bewusstsein bringt, dass das Leben aus Kleinigkeiten besteht. Suzumi Suzukis Schreiben macht die Wirklichkeit erfahrbar, macht sie wirklicher.

Suzumi Suzuki
Die Gabe
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Joël Dicker: Ein ungezähmtes Tier

Ein ungezähmtes Tier spielt hauptsächlich in Genf und in Cologny, wo Leute mit Geld zuhause sind, und diejenigen, die nicht ebenso begütert sind, nicht gerne gesehen werden. Soviel zur angeblich klassenlosen Schweiz, in der Bundesräte mit Zug, Tram und Bus unterwegs sind, weswegen denn nicht wenige Patrioten glauben, die sozialen Unterschiede im Land seien nicht wirklich von Belang. Nun ja, es irrt der Mensch, solang er strebt …

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein spektakulärer Raubüberfall in einem Genfer Juweliergeschäft. Spannend erzählt Joël Dicker, dieser überaus talentierte Autor, von den Vorbereitungshandlungen bzw. der Zeit vor dem Überfall. Saint-Tropez, Paris, Saragossa, San Remo und London sind ebenfalls Schauplätze dieses abwechslungsreichen Romans.

Die Familien Braun (Arpad Banker, Sophie Anwältin, vermögend) und Liégan (Greg Teamleiter bei einer Spezialeinheit der Polizei, Karine Boutique-Verkäuferin, nicht vermögend) sind befreundet. Greg ist Sophie verfallen, die er voyeuristisch beobachtet, er kann nicht anders, handelt zwanghaft. Eines Morgens bemerkt Sophie, das jemand das Haus observiert, kann Greg aber nicht identifizieren. Für einen Moment kommt Greg zu Sinnen, stellt seine Observierungen ein, doch eine Obsession lässt sich nicht so leicht abschütteln.

Doch Greg ist nicht der Einzige, der Sophie im Visier hat. Ein geheimnisvoller Mann, der offenbar einen Auftrag ausführen soll, ist auch hinter ihr her. Bei einem Einsatz lernt Greg dann eine junge Kollegin kennen, die sich interessiert an ihm zeigt … doch soll hier nicht der Roman nacherzählt werden. Nur soviel: Es geht (kein Wunder, bei einem Roman, der in Genf spielt) auch um Schwarzgeld sowie um Geheimnisse, Vermutungen und Verdächtigungen.

Die Handlung spielt einerseits in der Gegenwart, dann wiederum in Vergangenheit, nimmt aber gleichzeitig Ereignisse in der Zukunft vorweg. Das ist überaus geschickt konstruiert; Joël Dicker versteht es ausgezeichnet, die Dinge in der Schwebe zu halten. Was sich da anbahnt hat, wie so recht eigentlich immer, seinen Grund in der Vergangenheit, doch der Autor lässt sich Zeit, hält den Leser (und die Leserin) hin. Meisterhaft weiss er die Spannung zu steigern.

Sophie wird nicht nur als überirdisch schön, sondern auch als perfekt geschildert. Eine Einarbeitungszeit in einen Fall, der vollkommen neu für sie ist, braucht sie offenbar nicht. Eine Stunde genügt, um einem schwierigen Kunden mehr zu liefern als dieser erwartet hat. Mit andern Worten: Es gibt zwar auch realistische Momente in diesem Roman, zahlreicher sind jedoch die Szenen, in denen man sich in einem James Bond-Film wähnt – rasant, ansprechend, ohne seelischen Tiefgang.

Joël Dicker operiert durchgehend mit Andeutungen, legt Fährten. Das macht neugierig, man will wissen, was dahinter steckt. Auch ein glänzender Unterhalter ist er, ein Aufklärer hingegen nicht. Die Leute haben Geld, leben luxuriös, zwar haben sie ihre Macken, doch sie sind alle umgänglich, verstehen sich auf das gesellschaftliche Spiel des Fassaden-Zeigens. Auch an einleuchtenden Gründen für jegliches Verhalten fehlt es nicht.

Ein ungezähmtes Tier ist überaus reich an Überraschungen. Glaubt man sich zu Beginn der Geschichte in einer ziemlich normalen Welt, so lernt man alsbald, dass ein jegliches auf Sand gebaut ist. Dieser Roman ist auch eine gelungene Parabel darüber, dass die Dinge selten so sind wie sie scheinen.

Fazit: Packend und filmreif. Joël Dicker versteht sein Handwerk und liefert wie gewohnt beste Unterhaltung.

Joël Dicker
Ein ungezähmtes Tier
Roman
Piper, München 2025

Gerhard Henschel: Mord auf Hohenhaus

In den Wäldern des hessischen Mittelgebirges liegt das luxuriöse Schlosshotel Hohenhaus, in dem eine internationale Dylanologenkonferenz stattfindet. Als bei der Enthüllung einer Dylan-Skulptur eine Leiche entdeckt wird … doch hier soll nicht dieser Kriminalroman nacherzählt, sondern auf die Protagonisten aufmerksam gemacht werden, schliesslich sind es immer die Figuren, die einen Krimi ausmachen.

Da wäre einmal der Berliner Rechtsanwalt und Bob-Dylan-Verehrer Michael Ritz, der Menschen, die
Dylans Stimme alles andere als toll finden, wie folgt zurecht weist. „Anstatt unmittelbar vom Ohr ins Herz zu gelangen, nahm Dylans Stimme bei ihnen einen Umweg über den nichtsnutzigen Kopf und verhedderte sich dort in absurden Kontrollfiltern.“ Doch nicht nur bei Dylan kennt er sich aus, auch in Arno Schmidt, auf den er in seiner Jugend geflogen war, führt er uns ein. Ein einziger Satz von Schmidt hatte damals genügt, ihn Arno Schmidt-süchtig zu machen: „Der bleierne Mond gaffte aus seinem Hexenring.“

Auch die anderen Figuren, die in diesem Kriminalroman auftreten, sind ziemlich speziell. Der deutsch-griechische Bildhauer Lysander Diamantopoulos, in Dylanologenkreises nicht unumstritten, weil er angeblich „Christmas in the Heart“ für Dylans bestes Album hält. Der ehemalige Staatsanwalt aus Washington Glenn „I’m a beer guy“ Kirschner, der frühere Korrespondent von „Dagens Nyheter“ Kalle Blomkvist, die Harley-Davidson Tri Glide Ultra-Fahrerin Jane Penhaligan, die eine Zeitlang als Detective Sergeant in Manchester im Einsatz gewesen war … Eine wahrhaft bunte Truppe!

So sehr Mord auf Hohenaus die Absurditäten der Heldenverehrung (ein Religionswissenschaftler referiert über Dylans christliche Phase; ein Professor für interkulturelle Theologie weist auf die besondere Bedeutung der Rosen in Dylans Songtexten hin), ohne die wir Menschen offenbar nicht auskommen können, einen in einem fort lachen machen, es ist schade, dass für „Dylans Stellung zu Konfuzius, zum Koran, zur Thora, zum Buddhismus, zum Hinduismus und zum Ägyptischen Totenbuch“, wegen des dauernd dazwischenquatschenden Publikums, keine Zeit mehr bleibt.

Es ist der Witz und die Komik, die Mord auf Hohenhaus lohnen, aber als Kriminalroman? Spannung habe ich jedenfalls keine empfunden, abwechslungsreich hingegen war das Buch gleichwohl. Das liegt am Erzähltalent des Autors, der so ziemlich Alles und Jedes mit viel Ironie betrachtet und dabei nicht versäumt auf Absonderlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte hinzuweisen … Von Gerichtsurteilen zu Sitte und Anstand über die Eigenheiten des ICE bis zu Ernst Jüngers Verbindung zu Beate Uhse.

Eine weitere Besonderheit von Mord auf Hohenhaus ist die detaillierte, wunderbar gekonnte Schilderung von allerhand Kulinarischem, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Eine Premiere! Ich kann mich an keinen Roman erinnern, der das bisher geschafft hat.

Autor Gerhard Henschel kennt sich nicht nur bei Bob Dylan, Arno Schmidt und in der Küche aus, er ist auch ein Pilz- und Fledermauskenner, doch vor allem ist er ein subversiver Anarchist, der die Vertreter des Systems überaus gekonnt auflaufen lässt, da er bzw. sein Protagonist Michael Ritz über einen Wissenshorizont verfügt, vom dem, diejenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das System am Laufen zu halten, mangels Fantasie nicht einmal träumen können.

Nach zwei Toten kommt es fast zu einer Hexenverbrennung. Es ist recht wirklich aberwitzig, was hier vorgelegt wird; aber eben auch gespickt mit informativen Perlen: So soll Thomas Hobbes in „Leviathan“ verkündet haben, „dass die Hexen zu Recht bestraft gehörten, wenn sie ihrerseits an die Macht des Hexenhandwerks glaubten.“ Ich liebe solche Infos, da sie immer mal wieder dazu beitragen, mein Weltbild zurechtzurücken.

Mord auf Hohenhaus bringt uns ein Deutschland nahe, dass man so recht eigentlich nur als Satire erträgt. Von der Zensur des Bayerischen Rundfunks über die Boulevardpresse, die ihre Quellen erfindet, bis zum Diplom-Fachpsychologen vom Berliner Systemischen Institut für Achtsamkeit (se non è vero, è ben trovato). Darüber hinaus sind die vielfältigen Hinweise auf Bob Dylans und Arno Schmidts Werk eine echte Bereicherung. Nicht zuletzt deswegen geniesse ich dieses überaus unterhaltsame Werk.

„Surreal is the word for all of that“, kommentiert Ex-Staatsanwalt Kirschner einmal das Geschehen. Das charakterisiert auch dieses Buch treffend. Mord auf Hohenhaus, wo der Pianist so schöne Lieder zum besten gibt wie „Komm auf die Schaukel, Luise“ und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, ist all denen zu empfehlen, die die gegenwärtige Weltlage ziemlich unerträglich finden.

Gerhard Henschel
Mord auf Hohenhaus
Ein Schlosshotel-Kriminalroman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2025

Kaveh Akbar: Märtyrer!

Diesem Roman ist ein Zitat von Clarice Lispector vorangestellt, allerdings nur ein Teil davon, das vollständige Zitat befindet sich am Ende des Buches. Und da ich von Clarice Lispectors Schreiben sehr angetan bin, gehe ich die Lektüre so an, wie man so recht eigentlich jede Lektüre angehen sollte: Aufs Positivste voreingenommen.

Cyrus Shams, knapp dreissig, ist trockener Alkoholiker, besucht AA-Meetings. Bei einem dieser Treffen meldet er sich zu Wort, obwohl er das gar nicht vorgehabt hat, redet darüber, dass Gott und seine Mom, dass das nur Wörter seien, er früher dauernd ins Bett gepinkelt habe, und wird zurecht gewiesen mit dem Argument „Thema ausserhalb der Gemeinschaft“ (bei den AA-Meetings ist man gehalten, über Themen, die mit Alkohol zu tun haben, zu sprechen). Anschliessend versucht sein Sponsor Gabe ihn auf Linie zu bringen, doch Cyrus ist durch mit den AA-Meetings. „das war sein letztes AA-Meeting gewesen, beschloss er. Und sein letztes Gespräch mit Gabe.“

Cyrus, geboren 1988 im Iran, verlor früh seine Mutter, die in dem Flugzeug nach Dubai unterwegs war, das von Flugzeugabwehrraketen getroffen wurde, die von der USS Vincennes abgefeuert worden waren. Auch sechsundsechzig Kinder waren auf diesem Flug gewesen. Und der amerikanische Vizepräsident sagte in den Nachrichten. „Die Fakten sind mir egal. Ich bin nicht der Typ, der sich für Amerika entschuldigen würde.“ Die amerikanische Politik wurde nicht erst mit dem Florida-Golfer menschenverachtend. Wobei: Das ist vermutlich generell und auf der ganzen Welt die Regel.

Cyrus zieht mit seinem Vater Ali in die USA. Als Junge beschäftigt er sich obsessiv mit dem Tod, im College nimmt er verschiedenste Drogen, dann stirbt sein Vater, der in einer Hühnerfabrik arbeitet, an einem Schlaganfall, und Cyrus ist alleine auf der Welt. Doch da ist noch sein Freund Zee („Zee war offen schwul, und Cyrus verliebte sich einfach in Menschen; das Geschlecht hatte keinen nennenswerten Einfluss auf sein Interesse.“) sowie der gemeinsame Kumpel der beiden, Sad James.

Die Sucht (allerlei Drogen, doch vor allem Alkohol) spielt eine wesentliche Rolle in Märtyrer! . Immer mal wieder vergleicht Cyrus die Zeit zuvor und danach, die nasse und die trockene, doch die beiden sind nicht so radikal getrennt, wie sich das Nicht-Süchtige womöglich vorstellen. „Jetzt, wo er nüchtern war, erwartete er manchmal noch immer genau das vom Universum – den heftigen Schock schier körperlicher Entrückung, einen Engel, der vom Himmel fiel, um ihn mit dem Knüppel der Klarheit eins überzuziehen. Aber er begriff allmählich, dass die Welt nicht so funktionierte und die Erleuchtung manchmal in der subtilen Form eines Freundes kam, er einem etwas zeigte, was er auf Twitter entdeckt hatte.“

Das neben der Sucht weitere zentrale Thema dieses Romans ist Cyrus‘ Besessenheit vom Tod. Ganz besonders beschäftigen ihn die Märtyrer, die ihr Leben opferten, um Gutes zu bewirken. In einem Museum in Brooklyn sucht er eine sterbende Künstlerin auf, die dort Besucher empfängt, und ihn auf sich selber zurückwirft. „Aber du willst sterben. Und es soll ein glorreicher Tod sein. So wie ihn sich alle iranischen Männer wünschen.“ Sie ist skeptisch. Cyrus scheint ihr (sie stammt selber aus dem Iran) weit iranischer als es ihm selber bewusst ist.

Die Künstlerin stammt ursprünglich aus dem Iran („Mir fehlen Orte, Speisen. Frisches Fladenbrot, echte Mangos. Solche Sachen.“) und erfreulich nüchtern unterwegs. „… ich kenne mich selbst zu gut, als das ich zulassen könnte, dass sich jemand vor mich hinsetzt, und mich eine Heldin nennt. Was denn, weil ich Krebs und ein paar Klappstühle in einem Museum habe?“

Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, wandert immer mal wieder zurück in die Vergangenheit, als Cyrus‘ Vater Ali auf der Hühnerfarm arbeitete; Arash Sirazi, der Bruder von Cyrus‘ Mutter Roya, als Soldat im Irakkrieg im Einsatz war; Roya mit Cyrus schwanger war. Es ist eine überaus gelungene Mischung aus Konversationen und Träumen. In einem diese Träume kommt auch Präsident Schreihals vor, der unter anderem so charakterisiert wird: „Der Typ Mann, dessen gnadenloses Beharren auf der eigenen Kompetenz und Genialität in der amerikanischen Öffentlichkeit anscheinend alle gegenteiligen Beweise verdrängt hatte.“

Ganz besonders angesprochen haben mich neben den erhellenden Ausführungen zur Sucht (Etwa: „Aktive Sucht ist ein Algorithmus, etwas grauenhaft Gleichförmiges. Die Geschichte kommt erst danach.“ ) sowie die verblüffenden iranisch-amerikanischen Gemeinsamkeiten: „Die Schnittmenge von Iraner-Sein und Midwesterner-Sein war pathologische Höflichkeit, ein lähmender Zwang, andere keinesfalls zu verärgern.“

Kaveh Akbar
Märtyrer!
Roman
Rowohlt, Hamburg 2025

Christian Mitzenmacher: Knallkrebse

Tom und Laura haben sich am Münchner Oktoberfest kennengelernt. Als Tom anschliessend mit ihr Kontakt aufnehmen will, meldet sie sich nicht, doch dann … Wunderbar, wie Christian Mitzenmacher den Beginn dieser Freundschaft schildert. Tom ist fasziniert von Lauras Stimme, die sowohl dunkel als auch weich ist. „Laura zuzuhören war wie im Bett zu liegen, wenn der Regen ans Fenster prasselt.“

Am Anfang ihrer Freundschaft, übernahm Tom die Patenschaft für den sechzehnjährigen Flüchtling Farid. Für Tom, Physikdoktorand, machte dies seinen Lebenslauf interessanter. Und es war cool. Doch mit der Zeit kriegt er Zweifel.

Farid stammt aus Afghanistan, ist nicht auf den Mund gefallen, liebt Supermärkte und spielt diszipliniert Fussball. Tom verbringt viel Zeit mit ihm und lernt dabei einiges über die Kultur, aus der Farid kommt. Die Stärke dieser Schilderungen liegt darin, dass Autor Christian Mitzenbacher (vorwiegend) beschreibt und (wenig) interpretiert. Auffällig dabei ist, dass Farid nicht (wie das im Westen üblich ist) über alles sprechen will und in kulturell geprägten Vorstellungen lebt, mit denen er sich nicht auseinandersetzen mag. Tom hingegen, immer mal wieder herausgefordert durch Laura, konfrontiert sich mit seiner eigenen Kultur bzw. seinen Vorstellungen.

Laura war anfangs skeptisch, als sie von Toms Patenschaft für Farid erfuhr. „Jemand, der eh weiss, was für das Patenkind das Beste ist.“ Und wie das eben so ist: Was man anderen vorwirft, beschreibt meist einen selber. „Farid ist ziemlich eingebildet, aber zu klug, um es sich anmerken zu lassen“, sagte sie schliesslich. „Der muss schnell eine Frau finden, bevor sein Anspruch noch weiter steigt und nur noch Professorinnen in Frage kommen.“ Es gibt einige solcher witzigen Stellen in diesem Buch, die auch schön illustrieren, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen gibt.

Knallkrebse ist geprägt von Auseinandersetzungen über Grundsätzliches. Tom hat seine eigenen Vorstellungen, sein Bruder Lukas ebenso. Und Laura sowieso. Wie geht man damit um? Einmal so, dann wieder anders. Christian Mitzenbacher erzählt eine Geschichte voller vieler überraschender Wendungen.

Lukas und seine Freundin trennen sich. Als er Tom davon erzählt, bringt er Wesentliches auf den Punkt. „Weisst du, das ist diese beschissenen Beziehungsökonomie. Was verlierst du, wenn du es ihr sagst? Was hast du für Anreize, es nicht zu tun? Wann genau war bitte das Alter, in dem es common sense wurde, die Dinge so zu betrachten? Anreize hier, Anreize da, was ist ökonomisch und individuell das Beste, wie kannst du dein Scheissleben optimieren, maximieren, was auch immer, mit dir selbst im Zentrum. Im restlichen Leben ist das vielleicht okay, aber in Beziehungen?“ Wunderbar und überaus treffend.

Als Farid eines Tages bei Tom auftaucht und ihm mitteilt, er werde sich nach Budapest aufmachen, um anschliessend auf der Westbalkanroute nach Pari zu suchen, von der er auf seiner Flucht nach Deutschland getrennt wurde, hält Tom ihn mit Gewalt zurück.

Farid wird depressiv, landet in der Klinik. Tom besucht ihn, nimmt ihn mit zum Fussballspiel. Die Medikamente, die Farid nehmen muss, entstellen ihn. „In Lauras Blick lag Hilflosigkeit, vor allem aber las ich darin Vorwürfe. Hätte ich Farid nicht aufgehalten, wäre er jetzt nicht in der Psychiatrie. Sie sagte das nie zu mir, wir sparten das Thema aus, doch ich war überzeugt, dass sie das meinte.“ Nicht nur in Afghanistan, auch in Deutschland wird über die tieferliegenden Gefühle, die uns letztlich antreiben und ausmachen, nicht wirklich gesprochen.

Tom flieht nach Frankreich, wo er bei Sofie, einer Freundin seines Bruders Lukas, unterkommt. „Sofie lebte alleine am Atlantik und suchte nach nichts. Sie wartete, bis die Dinge zu ihr kamen.“ In Gedanken ist er oft bei Farid, und bei Laura. Doch auch anderes beschäftigt ihn. Als er sich darüber ereifert, dass Erwachsene nicht über über die grossen Dinge, den Sinn des Lebens, miteinander reden, dass nur noch gelebt werde, erwidert Sofie, das sei doch wunderbar. „Ich glaube ja, dass wir das meiste schon die ganze Zeit wissen. Seit wir klein sind, Was du mit erwachsen meinst, ist nur, dass wir selbstbewusst genug werden, um unsere Zweifel beiseite zu schieben.“

Christian Mitzenmacher
Knallkrebse
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025

Johannes Groschupf: Skin City

Johannes Groschupf, Jahrgang 1963, mehrfach ausgezeichneter Thriller-Autor, war mir kein Begriff, doch dass er das Thriller-Handwerk beherrscht, ist mir bereits nach den ersten paar Seiten klar.

Eine Einbrecherbande aus Tiflis, angeführt von Koba, ist in Berlin unterwegs. Die Kriminalpolizistin Romina Winter soll auf Geheiss ihrer Mutter ihre jüngere Schwester Sanda suchen. Jacques Lippold wird aus dem Tegeler Gefängnis entlassen und macht Bekanntschaft mit einer Kleingartenkolonie. Dies der Auftakt, der überaus gelungene Auftakt, denn diese drei Geschichten sind in sich geschlossen und spannend erzählt.

Bei einem Einbruch in Dahlem verletzt sich Koba an einem Glassplitter. Romina Winter will den Jemand, der ihre Schwester übel zugerichtet hat, selbst zur Strecke bringen. Jacques Lippold gibt sich als Finanzberater aus, wird als Hochstapler entdeckt, und vermöbelt den, der ihn entdeckt hat.

Es versteht sich: Irgendwann treffen die unterschiedlichen Akteure dieses Thrillers aufeinander und … Lesen sie selbst, es lohnt. Hier nur soviel: Wie der Autor diese drei Geschichten miteinander verbindet, überrascht und ist gekonnt.

Was Skin City (ein für mich nicht verständlicher Titel, was nicht am Englischen liegt) ausmacht, ist das kunterbunte, konfliktreiche Berlin, dieses center of ambition, wie Jim Harrison einmal Grossstädte genannt hat. Drogen, Gier, Gewalt, Eitelkeiten, Überlebenskampf, die ganze Palette eben. Speziell dabei ist, dass Johannes Groschupf einen in ganz verschiedene Lebensrealitäten eintauchen lässt, man das Gefühl hat, man sei mittendrin und mit dabei. Und dass er uns so nebenbei auch aufklärt über das Leben im Gefängnis, von dem die, die es noch nie erlebt haben, eine klare Meinung haben, die dann der einschlägigen Erfahrung des ehemaligen Insassen Jacques Lippold gegenübergestellt wird.

Die Roma-Familien, der Verkehr, die Touristen, die Handwerker und die Bessergestellten. Das Berlin des Johannes Groschupf ist multidimensional. Er zeigt uns die Häuser der Reichen von innen, nimmt uns mit auf Auktionen, lässt uns teilhaben an der Berliner Kunstszene. Und und und …

Zu den für mich stärksten Szenen gehört die Schilderung der Roma-Familie, der Romina Winter entstammt, und in der sie einen schlechten Stand hat, weil sie jetzt bei der Polizei ist und niemand mit der Polizei reden will. Höchst realistisch auch, wie Romina die Dealer im Görlitz Park schildert, die nie etwas gesehen haben wollen. „Kein Deutsch, sorry. Und wenn man sie auf Englisch fragt, können sie plötzlich auch kein Englisch. Das wüsste ich gern, wie die ihre Geschäfte abwickeln, wenn sie kein Deutsch und kein Englisch reden.“

Aufschlussreich ist auch, wie die verschiedenen sozialen Verhältnisse charakterisiert werden. Die Roma-Diebe mit ihrem eigenen Moralkodex, die hierarchisch strukturierten georgischen Einbrecherbanden … ein Freigeist ist nirgendwo zu finden, alle sind gefangen in Abhängigkeiten.

„Du kriegst ein Mädchen aus der Harzer Strasse, aber du kriegst die Harzer Strasse nicht aus dem Mädchen“, sagt ihr Polizeikollege zu Romina. Mit anderen Worten: Wir können unseren Prägungen nicht entgehen. Das gilt auch für alle anderen Figuren dieses spannenden, vielfältig überraschenden, ereignisreichen Thrillers, der in einem Berlin abseits der massenmedialen Version spielt.

Johannes Groschupf
Skin City
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2025

Barbara Kingsolver: Demon Copperhead

Demon Copperhead kommt in einem Trailer in den Wäldern Virginias zur Welt. „Jeder weiss, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind – Gewinner wie Verlierer.“ Seine Mutter ist wieder einmal auf Entzug, der Vater tot.

Demon Copperhead erzählt seine Geschichte – direkt, farbig und unverbildet sprudelt sie aus ihm heraus. „Irgendwann hatten sie auch einmal Hühner, unter anderem einen Hahn, mit dem Gemüt eines Serienmörders, von dem ich Albträume bekam.“ Er lernt, was alle Kinder lernen – den Unterschied von real und eingebildet. „Maggot beruhigte mich, indem er mir erklärte, dass Bibelgeschichten so was waren wie Superheldengeschichten. Nicht zu verwechseln mit dem richtigen Leben.“

Dann heiratet seine Mutter den Kotzbrocken Stoner, der das Kommando über sie und Demon an sich reisst. Ich komme aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, derart plastisch und nah an der Wirklichkeit ist das alles geschildert. Nicht, dass dieses Leben besonders lustig wäre, doch Demon beschreibt den Alltag und die dumme, primitive Gewalt, die am unteren Ende der sozialen Hierarchie Angesiedelten mit einem ziemlich einzigartigen no-nonsense-Blick, der die Absurdität unserer menschlichen Bemühungen offenbart, dass man gar nicht anders kann, als immer mal wieder befreit aufzulachen. Demon Copperhead ist ein eindringliches Sozialdrama mit dem Potential unsere Weltsicht emphatisch zu erweitern.

Rache, so sagt man, sei verwerflich. Doch als Maggots Mutter sich an ihrem Peiniger rächt, hat sie meine Sympathie. Die Gerichte sprechen Recht, so sagt man. Doch wenn man liest, wie das Recht auf Seiten dessen steht, der sich den besser argumentierenden Anwalt leisten kann, weiss man wieder einmal, dass das sogenannte Recht erstaunlich biegsam ist. Demon Copperhead ist ein überaus lehrreicher Roman.

Nach dem Selbstmordversuch seiner Mutter wird Demon vom Jugendamt an einen Bauern weitergereicht, der Jungs bei sich aufnimmt, weil er Geld braucht. Und natürlich gibt es unter den Jungs eine Hierarchie. Und auch im Schulbus geht es darum, sich zu behaupten. Einige der Mädchen können das besonders gut, weil sie es müssen.

Demons Mutter landet in der Reha. Als sie raus kommt, ist sie schwanger, und kurz darauf tot. Oxycontin, von dem der Arzt behauptet hatte, es sei harmlos. Demon kommt zu Pflegeeltern, die dafür vom Sozialamt dringend benötigtes Geld erhalten, das aber nicht reicht, um den Jungen mit genügend Essen zu versorgen, weshalb ihm sein Pflegevater einen Job auf einer Müllhalde besorgt. „Auf der Müllkippe ist mir eine meiner wichtigsten Erkenntnisse gekommen, nämlich dass alle, die leben, im Grunde ständig dabei sind, ihr altes Zeug gegen anderes Zeug einzutauschen, tagein, tagaus.“ Davon berichten die Massenmedien so recht eigentlich nie.

Das Verhalten der Menschen mit den Augen eines aufgeweckten, sensiblen und kämpferischen Jungen zu beschreiben, ermöglicht der Autorin Barbara Kingsolver überaus treffende Zuspitzungen, die unter anderem zeigen, dass niemand jemals wirklich erwachsen wird (was auch immer das sein mag). „Als sie weg waren, ging ich runter in die Küche, wo Mrs Peggot denn grossen Topf Schwarzaugenbohnen kochte, den sie an Silvester assen, damit sie im nächsten Jahr Glück hatten.“

Demon erlebt die Erwachsenen wie die Erwachsenen die Jungen erleben – als fundamental irrational. „Der springende Punkt war, dass Mr McCobb jetzt nicht mehr zur Arbeit fahren konnte und seinen Job verlor. Sagt ihr mir mal, wie sinnvoll es ist, wenn Leute, denen man Geld schuldet, einem den Wagen wegnehmen, sodass man keinen Cent mehr verdienen kann. Ich schätze, das ist die Erwachsenenversion des Lehrers, der einen zur Schnecke macht, weil man die Schule nicht mag.“

Demon macht sich per Anhalter auf den Weg nach Murder Valley in Tennessee. Er wird ausgeraubt und trifft auf die Art von kuriosen Amerikanern, die es niemals in die Medien schaffen. Demon Copperhead ist auch ein Buch über das hoffnungsfrohe, durchgeknallte, liebenswerte, brutale Amerika, in dem sogar ein Zirkuselefant aufgehängt wird. Bedenkt man es recht, so dürfte das, was gerade in den USA geschieht, keine Überraschung sein!

In Murder Valley macht er seine Grossmutter („Meine Grossmutter hatte für Jungen oder Männer nichts übrig. ‚Für alle, die im Stehen pinkeln‘, wie sie sich ausdrückte.“) ausfindig, die allerdings wenig mit ihm anzufangen weiss. „‚Was machen wir mit dir?‘, fragte sie immer wieder. Als ob ich das wüsste.“ Unmöglich, dieses Buch nicht zu lieben!

Dann landet er bei einem Schulleiter, der auch Coach der Footballmannschaft ist, wird verletzt und bekommt Oxycontin verschrieben, verliebt sich in eine Frau, die auf Fentanyl steht … Doch ich will hier nicht den Roman nacherzählen, der neben einer ungemein unterhaltsamen und anregenden Geschichte auch einen höchst originellen Blick auf die Welt eröffnet, was sich etwa in so herrlich schlauen Sätzen wie diesem zeigt: „Ich wusste gar nicht, dass ich das dachte, es kam einfach so raus.“ Oder in so gewitzten Beobachtungen wie dieser: „‚Hast du viel Gepäck, mein Sohn?‘ Da ich nicht sein Sohn war, sagte ich nichts.“

Ein eindrückliches, bewegendes Dokument des (Über)Lebenswillens; sehr smart, sehr lustig, und ansteckend kämpferisch – ein Juwel von einem Buch! Demon Copperhead gehört zu den seltenen Romanen, die einen mehr über das Leben lehren, als Schule und Medien zusammen.

Barbara Kingsolver
Demon Copperhead
Roman
dtv, München 2024

M.W. Craven: Der Gourmet

Der Auftakt ist grandios: Zwei Männer, der eine gut gekleidet, der andere in schlammbespritzten Jeans, sitzen an einem Restauranttisch und warten auf zwei barbarisch behandelte Vögel, wie das in sogenannten Gourmet-Tempeln gang und gäbe ist. Der gut gekleidete Mann ist gewissenlos, derjenige in schmutzigen Kleidern kann einen Vogel, dessen Lunge man mit Brandy ‚ertränkt‘ hat, nicht geniessen. Was lernt man daraus? Die Barbaren, auf ihr Image Wert legend, geben sich zivilisiert; die Anständigen verfügen zwar über Moral, doch die zählt bekanntlich kaum.

Der Sterne-Koch Jared Keaton, ein Psychopath sondergleichen, sitzt wegen Mordes an seiner Tochter seit sechs Jahren im Gefängnis, als die Tochter (deren Leiche nie gefunden worden war) sich plötzlich bei der Polizei meldet und behauptet, entführt, unter Drogen gesetzt und gefangen gehalten worden zu sein.

Es waren die Ermittlungen von DS (Detective Sergeant) Washington Poe, die zu Keatons Verhaftung und Verurteilung geführt hatten. Kein Wunder also, dass nun Polizistenkollegen auf ihn losgehen, denn zu dem, was Kollegen bekanntlich auszeichnet, gehört zentral die Missgunst.

DS Washington Poe (dessen Motto lautet: „Lasst nicht zu, dass das Dringende dem Wesentlichen in die Quere kommt …“.) ist fassungslos, dass die DNA der jungen Frau, die behauptet, die Tochter von Jared Keaton zu sein, bestätigt, dass er sich geirrt hat. Dock kann das sein? Der zuständige Superintendent Gamble, der vor der Pensionierung steht, macht Poe zu seinen Kontaktmann. Und so geht Poe den Fall von Neuem im Detail durch, wobei er auch die Pathologin Estelle Doyle aufsucht, von der er so charakterisiert wird. „Sie sind der ständige Aussenseiter, Poe. Das treibt sie an, bringt sie dazu, zu tun, wozu andere nicht bereit sind.“

Worauf dieser Kriminalroman hinausläuft, ist nicht schwer zu erraten, trotzdem liest er sich spannend. Das liegt wesentlich daran, dass man einiges über Psychopathen lernt. Sehr erfolgreiche Menschen sind häufig Psychopathen, denn sie sind vollkommen empathielos und verfügen über die Art von Rücksichtslosigkeit, die es für den grossen Erfolg braucht. Zudem geht es bei ihnen immer um Rache. „Damit er selbst gewinnt, muss jemand anders wissen, dass er verloren hat.“ Mit Blick auf die gegenwärtige Weltpolitik darf man füglich konstatieren: Aktueller als Der Gourmet kann ein Kriminalroman kaum sein.

Was diesen Krimi zudem auszeichnet, ist das Interagieren der sehr unterschiedlichen Charaktere sowie die Aufklärung über Mannigfaltiges, darunter das Blut. „Blut ist Leben. Es ist die perfekteste und spezialisierteste Flüssigkeit, die je existiert hat. Bioengineering vom absolut Feinsten. Es tut alles, was es tun muss. Es ernährt uns und schützt uns. Es transportiert Sauerstoff durch unseren Körper und entfernt Kohlendioxid. Es reguliert unsere Körpertemperatur, und es hilft uns, uns fortzupflanzen.“

Der Gourmet ist auch ein Kriminalroman, der einen Hilfreiches übers Leben lehrt. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung sind wir nämlich nicht alle fähig, etwas zu verstehen, wenn es uns nur klar erklärt wird. „Doyle war Professorin der Medizin, und er war beim Mittelschulabschluss in Biologie durchgefallen. Es gab keine Verständigungsgrundlage (…) ‚Hören Sie, ich kann es Ihnen erklären, aber verstehen müssen Sie es schon selber.'“

Eine abgelegene Schäferhütte dient Poe als Rückzugsort. Es ist auch ein Ort, der Poe gelehrt hat, selbständig zu werden. „Er lächelte beim Arbeiten. Vor zwei Jahren hatten sich seine technischen Fähigkeiten darin erschöpft, ein Stück Papier zusammenzufalten, um es unter ein wackelndes Tischbein zu klemmen. Einen Generator hätte er ebenso wenig warten können, wie er seinen Ellbogen ablecken konnte. Jetzt brauchte er nicht einmal darüber nachzudenken, was er gerade tat.“ Poe hat übrigens auch einen Hund; wie er den beschreibt, ist preiswürdig. „Furchtlos stürzte er sich in halb zugefrorene Bäche, weigerte sich aber standhaft, in die Badewanne zu steigen.“

Der Gourmet spielt in der Grafschaft Cumbria, im Nordwesten Englands, eine der, so der Autor, unwirtlichsten Gegenden im Vereinigten Königreich, die er sehr bildhaft beschreibt. Dieser Krimi korrigiert auch mein England-Bild, wobei nicht zuletzt die Schilderung des Nachtlebens in Carlisle dazu beiträgt – und es realistischer macht.

In seiner Schäferhütte kriegt Poe Besuch von der brillanten Tilly Bradshaw, seiner Arbeitskollegin, die er um Hilfe gebeten hat, denn er weiss, dass Jared Keaton gefährlich und hinter ihm her ist. Tilly ist sehr speziell, und sie ist sehr eigen. Woher ihr Charakter stammt, war selbst ihren Eltern ein Rätsel. „Von liebenswert bis peinlich, sie war, was sie war. Jetzt wollte Poe sie gar nicht mehr anders haben.“ Sätze, bei den man verweilen sollte. Wer sie begreift, wird auch selber, wer er oder sie ist – und lässt die anderen auch sie selber sein.

Packend, clever, witzig, und mit überraschenden Wendungen. Der Gourmet lehrt einen viel darüber, wie psychopathische Narzissten ticken, und wie es in den Küchen von Sterne-Restaurants zu und her geht.

M.V. Craven
Der Gourmet
Kriminalroman
Droemer, München 2025

Niall Williams: Das ist Glück

Es sei gleich gesagt: Niall Williams ist ein begnadeter Fabulierer und dieser Roman ein Lesegenuss erster Güte. Die Charakterisierungen der Gemeindemitglieder des kleinen irischen Dorfes Faha machten mich Tränen lachen („… die bereits drei Mal die letzte Ölung erhalten hatte, sich aber, hiess es, nicht in den Himmel aufmachen wollte, solange sie nicht sicher sein konnte, dass ihr Mann Tom am entgegengesetzten Ort gelandet war …“.

Es regnet, als ich mit der Lektüre beginne. Passender könnte es kaum sein, denn in Faha regnete es „zu jeder Tages- und Nacht- und auch zu jeder Jahreszeit, beachtete weder den Kalender noch die Wettervorhersage …“, bis der Regen dann doch aufhört, in der Karwoche 1958, als die Religion und der Glaube noch eine ganz andere Bedeutung hatten als heutzutage. Ein Haarschnitt am Karfreitag, hiess es damals in Irland, verbannte den Kopfschmerz für ein ganzes Jahr!

Faha ist ein aus der Zeit gefallener Ort, die Einwohner Neuerungen gegenüber skeptisch- Man kennt sich, weiss, wer wer ist und wohin gehört. „Direktheit lag nicht in der Natur von Faha.“ Und natürlich geht man in die Kirche. Und macht sich Gedanken über Gott. „Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (…) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (…) anders lässt sich das nicht erklären.“

Das ist Glück ist ein ungemein dichter Text, der mich dermassen begeistert, dass ich fast jeden Satz unterstreichen könnte, auf dass er sich in meine Gehirnwindungen eingraben möge, denn nicht nur schreibt Niall Williams überaus witzig, er vermittelt auch ganz viele hilfreiche Erkenntnisse, die einem die Welt neu sehen lassen. „… mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen…“.

Hat man schon eine Weile gelebt (der smarte Erzähler ist 78) und ist zudem humorbegabt, dann sieht man das Leben (immer mal wieder) als die Komödie, die es auch deswegen ist, weil wir Menschen auf die eine oder andere Art wichtig tun müssen. Woran erinnert man sich eigentlich, fragt sich der Erzähler hin und wieder, und kommt zum Schluss, dass man das nicht wirklich sagen kann, doch dass einem dieses oder jenes manchmal heller und intensiver vorkommt. Und das reicht ja eigentlich auch. Niall Williams ist ein Philosoph, ein vom Leben geschulter. „All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen.“

Das ist Glück spielt in einer Zeit als es noch eine Welt der Heiligen gab, und alle deren Namen wussten. Auch Mond und Sterne standen zur Verstärkung bereit. Zudem: „Die bekannte Welt war damals längst noch nicht so scharf umrissen, und Wissen wurde nicht mit Tatsachen gleichgesetzt. Geschichten waren so eine Art menschlicher Kitt.“ Die Welt, obwohl viel unbekannter als heute, kam einem damals bekannter vor.

1958 kommt der Strom nach Faha, und zwar in Gestalt des weitgereisten Christy, der für die Regierung arbeitet, und als Untermieter bei Noels Grosseltern einzieht. Eine Million Strommasten werden benötigt, doch da das irische Holz für Admiral Nelsons Flotte draufgegangen war und sich jetzt mitsamt der Flotte auf dem Meeresgrund befand, wurde man in Finnland vorstellig. Der Abgesandte Mangan hatte zwar keine Ahnung, was für einen Fisch („grösser als der Teller“) er vorgesetzt bekam, „aber mit genügend Salz, so seine Überzeugung, bekam man selbst ein Stück Holz hinunter.“ Die Bücher, die mich dauernd zum Lachen bringen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist Glück gehört eindeutig dazu.

Am Beginn der Freundschaft von Christy (der nicht nur des Stroms, sondern auch einer alten Liebe wegen nach Faha gekommen ist) und dem siebzehnjährigen Noel (der dem Priesterseminar entflohen ist) steht ein Besäufnis mit einem anschliessenden Kater, der literarisch gleichsam veredelt wird. „Wenn man nach einer solchen Nacht erwacht, reagiert man mit einem Rezept universeller Gültigkeit. Es besteht aus einem Teil Scham, zwei Teilen Selbsttadel, drei Teilen Fassungslosigkeit, und der Rest ist blosses Staunen. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgeschlagen, meine Augen sassen auf Stielen. Nie zuvor hatte ich mich so wenig mich selbst gefühlt, was allerdings auch nicht eines gewissen Reizes entbehrte.“

Das ist Glück wirft auch einen Blick zurück, nicht nur auf eine Zeit ohne Strom, sondern auch auf die Jugend, die einem im Nachhinein eigenartig, oft auch ziemlich blöd und gelegentlich rührend vorkommt. „Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat.“

Dass das Wesen des Menschen unergründlich ist, wissen zwar alle zum Denken Befähigte, doch selten wurde das so witzig beschrieben wie in diesem Roman. Man nehme etwa das Haar der Frauen. „Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten.“ Warum es so schwierig ist, sich als die oder der anzunehmen, als die oder der man zur Welt gekommen. lässt sich letztlich wohl nicht beantworten. Auch darin zeigt sich das Unergründliche des Menschen.

Das ist Glück ist ein wahrer Glücksfall. Sehr lustig, sehr clever sowie reich an vielfältig lehrreichen Einsichten, wie etwa der, dass jeder echte Realist über Genauigkeit und Strenge verfügt, oder dass jemand, der mit einer Religion aufgewachsen ist, sich davon niemals wirklich lösen kann, oder… Nein, Halt, Stopp! Selber lesen, es lohnt, garantiert.

Niall Williams
Das ist Glück
Roman
Ullstein, Berlin 2025

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