Wir leben in Zeiten der Konkurrenz und der Superlative. Eine Autorin (oder ein Autor), die vom Verlag nicht als renommiert angepriesen wird, kann ich mir so recht eigentlich schon gar nicht mehr vorstellen. Im Falle von Suzumi Suzuki handelt es sich „um eine renommierte japanische Soziologin und Kolumnistin.“ In aller Regel schreckt mich die Bezeichnung „renommiert“ ab, bedeutet sie doch vor allem mehrheitsfähig. Da ich jedoch fürchte, meine Auffassung sei nicht mehrheitsfähig, nun also zu diesem schmalen Band.
Die Geschichte, die hier erzählt wird spielt in einer kleinen Wohnung, die von einer jungen Frau am Rand von Tokios Rotlichtviertel bewohnt wird. Nachts arbeitet sie als Hostess in einem Club. Tagsüber betreut sie ihre kranke, dem Tod nahe Mutter, die zwei schmale Gedichtbände veröffentlicht hat und noch ein letztes Gedicht schreiben will.
„Was im Kopf meiner Mutter vorging, war immer schon schwer zu sagen gewesen, auch, bevor die Krankheit sie eines Grossteils ihrer Sprache beraubte. Sie hatte immer schon Launen und merkwürdige Anwandlungen gehabt. Trotzdem verstand ich sie nach wie vor besser als jeder andere Mensch, daran hatte sich nichts geändert.“
Die Tochter erlebt die Mutter als arrogant und besitzergreifend, meist mit abwesendem Blick und nicht gerade auskunftsfreudig, was ihr Leben angeht. Von diesem erfährt dann die Tochter, als eines Tages ein Besucher, der sich als vermögender Mann und früherer Verehrer der Mutter entpuppt, im Spital auftaucht. Unter anderem spricht er die Tochter auf ihre Brandnarben an, die er mit der Mutter in Verbindung bringt. Die Tochter bedeckt die Narben mit Tattoos.
Es gibt nicht wenige Parallelen im Leben der Mutter und der Tochter, die jedoch von den beiden nicht angesprochen werden. Überhaupt bleibt vieles ungesagt. Die Gabe, in einer klaren, schnörkellosen, direkten Sprache verfasst, macht unter anderem deutlich, dass wir nur Weniges in Worte zu fassen vermögen; das Meiste erahnen bzw. spüren wir auch ohne Worte.
Das Faszinierende an diesem Roman ist die Detailtreue, die die Autorin noch den banalsten Handlungen zukommen lässt. Selbst das Die-Wohnungstür-Aufschliessen wird so genau beschrieben, dass man glaubt, die Bewegungen, die dazu erforderlich sind, selber auszuüben. Diese Art von Schreiben, die das alltäglich Komplexe detailliert beschreibt (das ist eine Kunst!), versetzt einen immer mal in eine Art Trancezustand.
Suzumi Suzuki beschreibt nicht nur ihre Handlungen, sondern auch, was sie sich dabei denkt. „Ich murmelte eine Art Dank – mich zu bedanken kam mir merkwürdig vor, aber etwas anderes kam mir nicht in den Sinn – , und lehnte mich vor, um einen besorgten Blick auf meine Mutter zu werfen, woraufhin der Arzt zur Seite trat und sich an die Wand mit dem Spülbecken stellte.“
Die Gabe ist ein Roman, der einem zu Bewusstsein bringt, dass das Leben aus Kleinigkeiten besteht. Suzumi Suzukis Schreiben macht die Wirklichkeit erfahrbar, macht sie wirklicher.
Suzumi Suzuki
Die Gabe
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024
