Eine attraktive Frau mit verschränkten Armen, die Unterarme tätowiert, blickt auf dem Cover in die Kamera. Wie kommt eine Ärztin dazu, sich tätowieren zu lassen?, fragt es so in mir. Um sich wie alle, die sich tätowieren lassen, ihrer selbst zu vergewissern, vermute ich. Mehr dazu hier. Selbstverständlich ist auch eine weniger bedeutungsschwere Antwort möglich: Diese Tätowierungen gefallen ihr einfach.
Nichts ist faszinierender als die Realität und davon erfährt man in diesem gut geschriebenen Buch einiges. Dazu kommt, dass Carola Holzner über viel Selbstironie verfügt – ich habe immer mal wieder laut heraus lachen müssen. „Die Kombination müde und klar ist wirklich so gar nichts für mich. Und 19 Grad sind für mich ganz nah am Frost.“
Notfallmedizin ist eine Lebensschulung. Jedenfalls für die, die bereit dazu sind, vom Leben zu lernen. Die Autorin gehört dazu. Sich selbst und ihre Rolle reflektierend, beschreibt sie, wie sie mit „uneinsichtigen“ Patienten und Empathie-losen Kollegen umgeht, wie sie sich um Gelassenheit bemüht, angesichts der Dinge, die sie nicht ändern kann. „… Ich atme tief durch. Vor lauter Gelassenheit ist nun endlich das komplette Labor fertig. Gut, dass ich gerade im Begriff bin, mich mit meiner Gelassenheit selbst zu hypnotisieren, als mein Telefon klingelt.“ Wunderbar!
Carola Holzner schildert die Notaufnahme als Mikrokosmos. Da treffen viele aufeinander, die sich im Alltag nie begegnen. Und da wird innert Sekunden entschieden, was zu tun ist. Auch dass Patienten medizinisch notwendige Eingriffe verweigern, kommt vor. Und die Ärztin hat das schweren Herzens zu akzeptieren. Auch für mich als Leser ist das schwer zu ertragen.
Keine Halben Sachen ist eine veritable Achterbahnfahrt durchs Leben. Absurde Telefonate mit der Notärztin, Patienten, die die Notaufnahme missbrauchen, Ärzte, die beschimpft werden, Egoisten, die aus Bequemlichkeit anderen den dringend benötigten Platz wegnehmen, eine zuweilen schwer erträgliche Anspruchsmentalität, die sich immer mehr auszubreiten scheint.
Bei letzterer handelt es sich offenbar um einen Trend, der auch auf anderen Gebieten zu beobachten ist. Jedenfalls habe ich noch nie einen Politiker auf die Fragen von Journalisten antworten hören. Stattdessen tragen sie vorbereitete Statements vor. Medien oder das Gesundheitssystem, so kommt es mir vor, haben sich den Wünschen der Benutzer bzw. der Patienten unterzuordnen. Die Vorstellung, dass das Leben ein Wunschkonzert sei, ist offenbar wesentlich verbreiterter als ich angenommen habe.
Keine Halben Sachen bietet auch überaus nützliche Aufklärung. Etwa über die Gefahren von Dr. Google. Oder übers Impfen. „Eine Impfung funktioniert wie eine kugelsichere Weste. Du kannst zwar an Armen und Beinen getroffen werden, aber sie schützt dich gut vor lebensgefährlichen Verletzungen.“ Oder über die Angst. Oder PEP. Was das ist? Selber nachlesen ….
Keine Halben Sachen macht auch deutlich, dass es ganz ungute gesellschaftliche Verschiebungen gibt, die im allgemeinen Bewusstsein keinen grossen Stellenwert einnehmen. So wird etwa das Gesundheitssystem missbraucht, indem Rettungskräfte gerufen werden, ohne dass dazu eine wirkliche Notwendigkeit besteht. Carola Holzner begegnet diesem Trend mit Aufklärung. „’Wenn ich mit dem Rettungsdienst eingeliefert werde, komme ich schneller dran‘, denken einige ganz Schlaue. Es ist mir ein besonderes Anliegen das hier mal klar zu stellen: NEIN!“
Und dann ist da noch die berührende Geschichte vom Wunder von Wittlich, als Frauen und Männer beherzt eingegriffen haben, als ihr Freund und Kollege plötzlich bewusstlos vom Stuhl fiel. Viele trauen sich in einem solchen Fall nicht, Hand anzulegen, fürchten, sie könnten etwas falsch machen. Falsch, so Carola Holzer, falsch wäre nur gewesen, nichts zu tun. Auch was in welcher Reihenfolge zu tun ist, erläutert sie. Zudem: „Frischt eure Erste-Hilfe-Kurse regelmässig auf. Lernt zu reanimieren. Informiert euch!“ Damit ihr auch wisst, dass der sogenannte Notfallspray nur bei Herzkranken zu verwenden ist. Keine Halben Sachen ist auch ein nützlicher Ratgeber.
Ihre Arbeit prägt die Notärztin Carola Holzner. Bewegend schildert sie, was ein plötzlicher Kindstod für mannigfaltige Auswirkungen hat. Dass dabei auch ihre eigenen Gefühle nicht zu kurz kommen, macht dieses Buch zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie man leben soll. „Das Leben ist kurz. Zu kurz für Kompromisse“
Es ist ihre no-nonsense Grundhaltung dem Leben gegenüber, die Carola Holzner und dieses Buch auszeichnet. Nüchtern, pragmatisch, lernwillig und empathisch. Die für mich gelungensten Passagen sind die, bei denen man ihr quasi beim Denken zuschauen kann. Wenn sie sich zum Beispiel über einen gefühlskalten Chirurgen nervt, der Patienten als Sache behandelt. Oder bei ihren wunderbar amüsanten Selbstgesprächen, wenn sie es mit Patienten zu tun hat, die eindeutig in einer ganz anderen Lebenswirklichkeit unterwegs sind.
Fazit: Engagiert, informativ, unterhaltsam und überaus hilfreich.
Dr. med. Carola Holzner
Keine Halben Sachen
Wie die Notaufnahme den Blick aufs Leben verändert
Fischer, Frankfurt am Main 2022