Dr. med. Carola Holzner: Keine Halben Sachen

Eine attraktive Frau mit verschränkten Armen, die Unterarme tätowiert, blickt auf dem Cover in die Kamera. Wie kommt eine Ärztin dazu, sich tätowieren zu lassen?, fragt es so in mir. Um sich wie alle, die sich tätowieren lassen, ihrer selbst zu vergewissern, vermute ich. Mehr dazu hier. Selbstverständlich ist auch eine weniger bedeutungsschwere Antwort möglich: Diese Tätowierungen gefallen ihr einfach.

Nichts ist faszinierender als die Realität und davon erfährt man in diesem gut geschriebenen Buch einiges. Dazu kommt, dass Carola Holzner über viel Selbstironie verfügt – ich habe immer mal wieder laut heraus lachen müssen. „Die Kombination müde und klar ist wirklich so gar nichts für mich. Und 19 Grad sind für mich ganz nah am Frost.“

Notfallmedizin ist eine Lebensschulung. Jedenfalls für die, die bereit dazu sind, vom Leben zu lernen. Die Autorin gehört dazu. Sich selbst und ihre Rolle reflektierend, beschreibt sie, wie sie mit „uneinsichtigen“ Patienten und Empathie-losen Kollegen umgeht, wie sie sich um Gelassenheit bemüht, angesichts der Dinge, die sie nicht ändern kann. „… Ich atme tief durch. Vor lauter Gelassenheit ist nun endlich das komplette Labor fertig. Gut, dass ich gerade im Begriff bin, mich mit meiner Gelassenheit selbst zu hypnotisieren, als mein Telefon klingelt.“ Wunderbar!

Carola Holzner schildert die Notaufnahme als Mikrokosmos. Da treffen viele aufeinander, die sich im Alltag nie begegnen. Und da wird innert Sekunden entschieden, was zu tun ist. Auch dass Patienten medizinisch notwendige Eingriffe verweigern, kommt vor. Und die Ärztin hat das schweren Herzens zu akzeptieren. Auch für mich als Leser ist das schwer zu ertragen.

Keine Halben Sachen ist eine veritable Achterbahnfahrt durchs Leben. Absurde Telefonate mit der Notärztin, Patienten, die die Notaufnahme missbrauchen, Ärzte, die beschimpft werden, Egoisten, die aus Bequemlichkeit anderen den dringend benötigten Platz wegnehmen, eine zuweilen schwer erträgliche Anspruchsmentalität, die sich immer mehr auszubreiten scheint.

Bei letzterer handelt es sich offenbar um einen Trend, der auch auf anderen Gebieten zu beobachten ist. Jedenfalls habe ich noch nie einen Politiker auf die Fragen von Journalisten antworten hören. Stattdessen tragen sie vorbereitete Statements vor. Medien oder das Gesundheitssystem, so kommt es mir vor, haben sich den Wünschen der Benutzer bzw. der Patienten unterzuordnen. Die Vorstellung, dass das Leben ein Wunschkonzert sei, ist offenbar wesentlich verbreiterter als ich angenommen habe.

Keine Halben Sachen bietet auch überaus nützliche Aufklärung. Etwa über die Gefahren von Dr. Google. Oder übers Impfen. „Eine Impfung funktioniert wie eine kugelsichere Weste. Du kannst zwar an Armen und Beinen getroffen werden, aber sie schützt dich gut vor lebensgefährlichen Verletzungen.“ Oder über die Angst. Oder PEP. Was das ist? Selber nachlesen ….

Keine Halben Sachen macht auch deutlich, dass es ganz ungute gesellschaftliche Verschiebungen gibt, die im allgemeinen Bewusstsein keinen grossen Stellenwert einnehmen. So wird etwa das Gesundheitssystem missbraucht, indem Rettungskräfte gerufen werden, ohne dass dazu eine wirkliche Notwendigkeit besteht. Carola Holzner begegnet diesem Trend mit Aufklärung. „’Wenn ich mit dem Rettungsdienst eingeliefert werde, komme ich schneller dran‘, denken einige ganz Schlaue. Es ist mir ein besonderes Anliegen das hier mal klar zu stellen: NEIN!“

Und dann ist da noch die berührende Geschichte vom Wunder von Wittlich, als Frauen und Männer beherzt eingegriffen haben, als ihr Freund und Kollege plötzlich bewusstlos vom Stuhl fiel. Viele trauen sich in einem solchen Fall nicht, Hand anzulegen, fürchten, sie könnten etwas falsch machen. Falsch, so Carola Holzer, falsch wäre nur gewesen, nichts zu tun. Auch was in welcher Reihenfolge zu tun ist, erläutert sie. Zudem: „Frischt eure Erste-Hilfe-Kurse regelmässig auf. Lernt zu reanimieren. Informiert euch!“ Damit ihr auch wisst, dass der sogenannte Notfallspray nur bei Herzkranken zu verwenden ist. Keine Halben Sachen ist auch ein nützlicher Ratgeber.

Ihre Arbeit prägt die Notärztin Carola Holzner. Bewegend schildert sie, was ein plötzlicher Kindstod für mannigfaltige Auswirkungen hat. Dass dabei auch ihre eigenen Gefühle nicht zu kurz kommen, macht dieses Buch zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie man leben soll. „Das Leben ist kurz. Zu kurz für Kompromisse“

Es ist ihre no-nonsense Grundhaltung dem Leben gegenüber, die Carola Holzner und dieses Buch auszeichnet. Nüchtern, pragmatisch, lernwillig und empathisch. Die für mich gelungensten Passagen sind die, bei denen man ihr quasi beim Denken zuschauen kann. Wenn sie sich zum Beispiel über einen gefühlskalten Chirurgen nervt, der Patienten als Sache behandelt. Oder bei ihren wunderbar amüsanten Selbstgesprächen, wenn sie es mit Patienten zu tun hat, die eindeutig in einer ganz anderen Lebenswirklichkeit unterwegs sind.

Fazit: Engagiert, informativ, unterhaltsam und überaus hilfreich.

Dr. med. Carola Holzner
Keine Halben Sachen
Wie die Notaufnahme den Blick aufs Leben verändert
Fischer, Frankfurt am Main 2022

Erica Fischer: Spät Lieben Gelernt

Erica Fischer, 1943 in St Albans bei London geboren, wuchs in Wien auf und studierte am Dolmetschinstitut der Universität Wien; ihr Buch Aimée & Jaguar wurde zum Weltbesteller. Das vorliegende Buch gibt eine Version ihres Lebens. Genauer: Was sie aufgeschrieben hat, ist das, was sie erinnert und sich entschieden hat, öffentlich zu machen.

Spät Lieben Gelernt ist gut geschrieben, erfreulich unprätentiös, mit zahlreichen Fotos sowie einigen Zeichnungen ihres Bruders Peter versehen, den sie als eigenbrötlerischen und sensiblen Buben (und später Mann) beschreibt, den seine Mutter nicht loslassen konnte oder wollte. Da die sehr selbstbezogene Mutter mit dem aggressiven und selbstzerstörerischen Peter nicht immer klar kam, erhielt er vom Vater Prügel. „Später sagte mir meine Therapeutin, dass auch das erzwungene Mitansehen von Grausamkeiten zu einer Traumatisierung führen kann“, notiert die Autorin. Das ist einleuchtend und wesentlich überzeugender als die Interpretation zu Peters Bettnässen, die eher dem Sinngebungsbedürfnis der Therapeutin zuzuschreiben ist. „Meine Therapeutin sagte mir später, dass bei Bettnässern die nicht geweinten Tränen an anderer Stelle ausfliessen.“

„Von Hitler zur Jüdin gemacht“ heisst eines der Kapitel. Die Mutter hatte das behauptet. Wie kam sie dazu? „Von Kindheit an hatte sie antisemitische Ausgrenzung erfahren. Und wohin sie auch flüchtete, der Antisemitismus war schon da – lange vor Hitler, und erst recht in Wien.“ Solche Sätze lassen mich aufmerken – auch weil sie „unsere“ Hilflosigkeit gegenüber Phänomenen illustrieren, die wir nicht wirklich verstehen (Antisemitismus) und deshalb zu Vereinfachungen (Hitler) greifen.

Es zeichnet dieses Buch aus, dass die Autorin nicht zu erklären versucht, was sie nicht zu erklären weiss – und es stattdessen beschreibt. Ihre „afrikanischen Gefühle“, zum Beispiel, die sie seit ihrer Kindheit sich nach dem afrikanischen Kontinent haben sehnen lassen. Als sie Anfang der 1980er-Jahre Mosambik besuchte, hatte sie das Gefühl, sie würde heimkommen, „obwohl das bettelarme, erst kurz zuvor unabhängig gewordene und vom Bürgerkrieg zerrissene Land so gar nichts mit meinen Afrikaträumen zu tun hatte. Erklären kann ich es nicht.“

Als ein niederländischer Psychologe sie in der Gruppensitzung fragt, von wem sie lieben gelernt habe – Was für eine bescheuerte Frage! Der Ursache-Wirkung-Wahnsinn scheint keine Grenzen zu kennen! –, antwortet sie: „Ich habe nicht lieben gelernt.“ Muss man denn lieben lernen? Ich weiss es nicht, doch in meiner Vorstellung entzieht sich die Liebe unseren Erklärungsmustern. Doch darum geht es der Autorin nicht, stattdessen tut sie, was man gemeinhin tut – sie geht zurück in die Kindheit, beschäftigt sich mit Mutter und Vater.

Erica Fischer ist kinderlos geblieben. Und setzt sich damit detailliert auseinander. Es ist überhaupt ein Merkmal dieses Buches, dass es nicht eindimensional daherkommt, also verschiedene Sichtweisen nicht nur zeigt, sondern sie auch einordnet. Als etwa ihre Mutter in einem Interview äusserte, sie habe ihre Kinder als Zugeständnis an ihren Mann bekommen, bemerkt sie. „Als ich das las, erschrak ich, wäre ich doch gern erwünscht gewesen, aber später wurde mir klar, dass nicht stimmte, was meine Mutter da von sich gab.“ Sie begründet das dann auch schlüssig.

Sie berichtet von ihrem feministischen Aktivismus, dem Umgang mit dem Älterwerden, ihren Gedanken zum Tod und über ihr Schreiben – differenziert und eigenständig, selten auch ärgerlich, etwa wenn sie notiert, dass Frauen vom Blick in den Spiegel nicht erfahren, wer sie wirklich sind. Nun ja, das tun auch Männer nicht. Und dann behauptet sie: „Der Blick, den wir auf uns selbst im Spiegel werfen, ist nicht unser eigener, sondern einer von aussen …“. Das liegt in der Natur der Sache, ist man da versucht einzuwerfen. Doch sie fügt hinzu: „oft ist es der verinnerlichte männliche Blick. Das hält die Kosmetikindustrie am Laufen.“ Das leuchtet mir ein. Und ich frage mich: Soll bzw. kann man das ändern?

Besonders angesprochen haben mich die Ausführungen übers Fremdsein, was so recht eigentlich ihre Lebensform ist. „Ich lebe im Dauerexil von all dem, was traditionellerweise eine gefestigte Existenz umreisst. Das Fehlen einer solchen Sicherheit und Selbstgewissheit ist meine stabilste Identität. Sie entfaltet ihren Duft auf Reisen. Im Niemandsland gibt es weder Einsamkeit noch Fremdheit, nur Freiheit“, notierte sie 2003. Nicht nur Freiheit, auch Verlorenheit, erlaube ich mir da hinzufügen.

Fazit: Ein sympathisches, angenehm unaufgeregtes Buch.

Erica Fischer
Spät Lieben Gelernt
Mein Leben
Berlin Verlag, Berlin/München 2022

W. E. B. Du Bois: „Along the color line“

Immer mal wieder bin ich im Laufe der Jahre auf den Namen W.E.B. Du Bois gestolpert, doch das vorliegende Buch, das einerseits Kolumnen aus dem „Pittsburgh Courier“, und andererseits mit einem  erhellenden Nachwort von Oliver Lubrich, Professor für Komparatistik an der Universität Bern, versehen ist, das ich so recht eigentlich spannender fand als Du Bois‘ Texte, weil da auch auf die Zeugnisse von anderen internationalen Beobachtern über Deutschland hingewiesen wird. Es sind die verschiedenen Gesichtspunkte, die mich interessant dünken, etwa von Virginia Woolf, Albert Camus, Samuel Beckett oder Alejo Carpentier, der einmal „von einer (fiktionalen) Reise nach Weimar, wo der Geruch von Lederstiefeln die Atmosphäre bestimmt“ erzählt. Übrigens: Obwohl Du Bois niemals mit den Nazis paktierte, verfasste er 1953 jedoch eine Eloge auf Stalin.

W.E.B. Du Bois (1868-1963) gehörte zu den Protagonisten der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Er studierte im Berlin der Kaiserzeit bei Max Weber und promovierte als erster Afroamerikaner an der Harvard University. Seine Antwort auf die Frage, wie gross diese Ehre für ihn gewesen sei, zeugt von einem grossen Ego: „The honor, I assure you, was Harvard’s.“ Sein Blick auf Deutschland ist ein afroamerikanischer sowie elitärer; er gibt an, in Nazideutschland keine Diskriminierung erfahren zu haben, konstatierte jedoch verblüfft, dass  er wiederholt für einen Juden gehalten wurde.

Unter dem Titel „Die deutschen Vorwürfe gegenüber den Juden“ zitiert er einen Regierungsangestellten um die vierzig mit diesen Worten: „In der Tiefe seines Nachkriegselends verspürte das deutsche Volk eine bittere Eifersucht und Furcht vor diesem fremden Element, das im eigenen Staat die Macht übernahm. Es brauchte lediglich einen Demagogen, um aus diesem Gefühl Kapital zu schlagen.“

Verhält sich ein Volk unerklärlich, so liege das meist daran, dass man den Hintergrund nur unzureichend verstehe, so Du Bois. Der gängige Ansatz also, gemäss dem es für alles identifizierbare Gründe geben muss. „Deutschland hat in seiner jüngeren Geschichte vier Schrecken durchlebt, die kein Volk durchmachen und dabei normal bleiben kann. Das sind: Krieg, Versailler Vertrag, Inflation sowie wirtschaftlicher Zusammenbruch und Revolution.“ Nun ja, der Mensch braucht keine Gründe, um sich unmenschlich zu verhalten, er ist so. Und dass wir das bzw. uns selber nicht verstehen, ist zwar auch nichts Neues, sollte aber tunlichst akzeptiert werden.

Wie jeder Reisende, so ist auch Du Bois ständig am Vergleichen. In England fallen ihm die guten Manieren auf, die man in Amerika verloren zu haben scheint. Das Rassenproblem in Belgien, das in eine flämische und eine französische Hälfte geteilt ist, kommt ihm abstrus vor. Für die Mehrheit der Amerikaner erfolge ein Europa-Besuch aus Neugier, schreibt er, „das Alte zu entdecken, das Merkwürdige, das Ungewöhnliche; sich davon zu überzeugen, dass es Menschen gibt, die nicht Englisch sprechen, und dass Französisch und Deutsch tatsächlich von einigen seltsamen Leuten benutzt werden, um ihre Gedanken auszudrücken, und nicht als Übung im Schulunterricht.“ Wunderbar!

Wie für Zeitungskolumnisten üblich, schreibt auch Du Bois über so ziemlich Alles und Jedes. Über die  Landwirtschaft, über Rasse und Lebensumstände, den Balkan, „Die Oper und die Schwarzen“, den Nationalsozialismus, Ägypten, Kleidung und Lebensmittel, die Olympischen Spiele. Und und und …

Für mich am aufschlussreichsten waren seine Ausführungen über den Status des Amateurs, der für die Teilnahme an den Olympischen Spielen Voraussetzung ist. „Dies ist nichts als das Echo aus einer Zeit, als nur die Reichen Sport treiben konnten und keiner Arbeit bedurften.“ Und sein Hinweis auf die Bedeutung der Propaganda. „Die grösste  Erfindung des Weltkriegs war die Propaganda. Die systematische Verzerrung der Wahrheit zu dem Zweck, grosse Mengen von Menschen alles glauben zu machen, was die Regierung sie glauben machen will, hat sich zu einer Kunstform entwickelt, wenn nicht zu einer Wissenschaft.“

W. E. B. Du Bois
„Along the color line“
Eine Reise durch Deutschland 1936
C.H. Beck, München 2022

Klaus Scherer: Kugel ins Hirn

Klaus Scherer arbeitet als Sonderreporter beim NDR. Ein Jahr lang hat er Menschen begleitet, die gegen die Kriminalität im Internet vorgehen. Fahnder der Landeskriminalämter, verdeckte Ermittler des Verfassungsschutzes sowie Staatsanwältinnen. Anlass dazu war das neue Gesetz über Hetze im Netz, das wegen seines Antragsvorbehalts allerdings keine juristische Sternstunde gewesen ist.

Hat sich durch das Internet wirklich so viel geändert? Die Jugend dachte doch schon immer anders als die Eltern, Parallelwelten – man denke nur an gewisse städtische Milieus – gab es auch schon immer. Berührungspunkte existierten trotzdem. Doch diese, wenn es sie überhaupt noch gibt, scheinen zunehmend rar. Trumpisten, so Klaus Scherer, „wird keine Quelle der Welt an der eigenen Wahrheitsversion mehr zweifeln lassen. Und auch die von Kriegspropaganda getriebenen Anhänger Wladimir Putins dürften, wie wir seit dessen Überfall auf die Ukraine gelernt haben, kaum noch unabhängige Informationen erreichen.“

Mit Verlaub: Es gibt keine Wahrheitsversionen, es gibt nur die Wahrheit. Und es ist auch nicht so, dass unabhängige Informationen einen wirklichen Unterschied machen. Leider. Das lässt sich in Ländern beobachten, in denen die Korruption gang und gäbe ist. Die Menschen dort wissen das, man muss sie nicht darüber aufklären, doch ihr Wissen darum macht keinen Unterschied.

Dass Lügen, Hass und Hetze im Internet die gesellschaftliche Ruhe und Ordnung bedrohen, ist für mich keine Frage. Das liegt auch daran, dass jede technische Neuerung das Bestehende verändert und oft in Frage stellt. Sicher, Gewalt und Drohungen kam es schon vor dem Internet, doch bringen neue Möglichkeiten auch immer wieder neue und andere Ausprägungen von Gewalt hervor. Man denke etwa ans Happy Slapping.

Kugel ins Hirn zeigt den Reporter Scherer bei der Arbeit. Das ist spannend zu lesen, auch natürlich, weil es aufzeigt, wie Medienleute ticken. Oder genauer: Wie dieser Reporter tickt. „Im Vorgespräch habe ich sie als resolute Ermittlerin kennengelernt. Sorgsam formulierte Sätze, direkter Blick. Dass sie mit Drohungen rechnen muss, wenn sie sich im Fernsehen äussert, weiss sie. Andere lehnten meine Anfragen deshalb ab. Sie nicht. Sie weiss um die Bedeutung der Öffentlichkeit, wenn es um die Prävention von Straftaten geht.“

Man erfährt also wie Klaus Scherer vorgeht, wen er wie befragt, was für Annahmen er korrigiert. Und man lernt wieder einmal: Die Lage ist schwierig. Einerseits, weil weder Ignoranz noch Gesinnung strafbar sind, andererseits, weil der Justiz, die sich grösstenteils an Gesetze vor der Internetzeit zu halten hat, oftmals die Hände gebunden sind.

Was dieses Buch auch deutlich macht, ist die Mär von der Justiz, die angeblich auf der Wissenschaft gründet. Dass ein und derselbe Sachverhalt oft ganz unterschiedlich bewertet wird, weist eher darauf hin, dass Entscheide bereits getroffen werden, bevor man Begründungen darüber austauscht. „Merken Sie sich“, meinte ein Dozent während meines Jurastudiums, „das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen. Begründungen finden wir dann immer noch.“

Verblüfft hat mich, dass viele das Netz für eine straffreie Zone halten. Wie ignorant muss jemand eigentlich sein, um einen Aufruf zum Mord als legal einzustufen? Interessant auch: Nicht alle verstecken sich hinter der Anonymität, es gibt auch echte Bekenner, die überhaupt kein Problem haben, zu ihren menschenverachtenden Äusserungen zu stehen. Und dann gibt es auch die, die sich im richtigen Lebern als ganz umgängliche Personen erweisen, auch wenn sie im Internet quasi eine andere Persönlichkeit annehmen.

Reporter Scherer berichtet nicht nur, er fragt sich auch Grundsätzliches: Woher kommt eigentlich dieser Groll? Wie alle anderen auch, weiss er darauf keine Antwort, doch wie man darauf reagieren soll, das weiss er: mit gelassener Routine, mit den Mitteln des Rechtsstaates.

Kugel ins Hirn schliesst mit dem Oberhasser und notorischen Lügner aus Queens, der wenig überraschend auch beim Golf betrügt, und so recht eigentlich bei allem, was er äussert nur sich selbst beschreibt. Wie geht man mit so jemandem um? So wie der im Buch zitierte Demokrat Barney Frank. „Er war bereit zuzuhören. Aber nicht, sich auf jede Argumentationsebene zu begeben, die er dadurch nur aufgewertet hätte.“

Fazit: Guter Journalismus, nützliche Aufklärung.

Klaus Scherer
Kugel ins Hirn
Lügen, Hass und Hetze im Netz bedrohen die Gesellschaft / Unterwegs mit Strafverfolgern
Droemer, München 2022

Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam

Philipp Felsch, Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt Universität zu Berlin, legt mit Wie Nietzsche aus der Kälte kam ein sehr akademisches Werk vor, was in diesem Falle meint: sehr differenziert, für Nietzscheologen – und zu diesen gehöre ich definitiv nicht. Die Lektüre lohnt sich trotzdem. Einmal, weil die Geschichte, die hier erzählt wird, höchst faszinierend ist, dann aber auch, weil Professor Felsch gut zu schreiben versteht.

Zwei Italiener, Giorgio Colli („Nietzsche braucht keine Interpreten.“) und Mazzino Montinari („Nietzsche ist eine Krankeit.“), der eine „ein bürgerlicher Privatgelehrter mit gräkophilen Obsessionen“, der andere „ein zwölf Jahre jüngerer abtrünniger Kader der kommunistischen Partei mit proletarischem Familienhintergrund“, machen sich auf, den wahren Nietzsche zu porträtieren. Sie tun dies mit einer philologischen Genauigkeit, die der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher so charakterisierte: „Die aggressive Intelligenz Nietzsches wahrgenommen mit den Mitteln der ödesten Pedanterie.“

Philipp Felsch charakterisiert Giorgio Colli als Menschenfänger. Dass er sich bei seiner Einschätzung auch auf Fotografien bezieht, ist allerdings problematisch, denn uns fehlt die Fähigkeit „Persönlichkeitsmerkmale aus statischen Abbildungen oder allein aus Gesichtszügen herauszulesen. Wir sind vielmehr von der Entwicklung her darauf angelegt, sehr sensibel auf den emotionalen Ausdruck einer Person zu achten – ob sie zum Beispiel traurig, angewidert oder panisch dreinschaut – , wenn sie in Aktion ist, das heisst mit uns oder anderen interagiert“, wie John Bargh in Vor dem Denken ausgeführt hat.

Sowohl Colli, der Lehrer und „Führer“, wie auch Montinari, sein Lieblingsschüler, waren Antifaschisten, doch während Colli in Nietzsche einen modernen Mystiker sieht, versteht ihn Molinari „als radikalen Aufklärer, als Verfechter unscheinbarer, mit strenger Methode gefundener Erkenntnisse.“ Die Archivarbeit, der sie sich verschrieben haben, bedeutet Ordnung und Klarheit zu schaffen, was nur dann Sinn macht, wenn man annimmt, das Leben gehorche einer gewissen Folgerichtigkeit. Eine einigermassen fragwürdige Annahme, wie ich finde.

Wie Nietzsche aus der Kälte kam ist ein sehr gelehrtes Werk, in dem es von vielfältigen Bezügen geradezu wimmelt. Von Norbert von Hellingraths Hölderlin-Ausgabe, über Kafkas spärliche Hinterlassenschaften zu Walter Benjamin, der das Original in der Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit bedeutungslos fand. Und weiter zu Thomas Mann, Adorno und und und. Doch Professor Felsch bereitet nicht einfach sein Wissen aus, er erklärt und erläutert und stellt Zusammenhänge her.

Als einer, der sich von den Philosophen (und allen anderen) nimmt, was ihm passt und alles andere nicht beachtet, da mir akademisches Arbeiten, bei dem als wichtig erachtet wird, wer was wie wo und in welchem Zusammenhang geäussert hat, wenig bedeutet, bin ich verblüfft, wie spannend sich dieses Buch liest. Dazu kommt, dass die Lektüre überaus anregend ist, was auch daran liegt, dass Philipp Felsch weit über sein Hauptthema hinausgeht und vielfältige wie auch nützliche Einsichten, etwa über Italien – „Die Familie erklärt in Italien alles, sie rechtfertigt alles, und sie bedeutet alles“, so Leonardo Sciasca – vorlegt sowie über die sogenannt tonangebenden Intellektuellen der damaligen Zeit wie Togliatti, Sartre, Calvino und andere mehr.

Apropos tonangebende Intellektuelle: Bei den Nietzscheologen, unter denen Missgunst und Eitelkeiten so verbreitet sind wie überall sonst auf der Welt, waren Colli und Montanari alles andere als willkommen, wie Professor Felsch in seiner Einleitung deutlich macht.

Zudem – und dies ist, was mir die Lektüre unter anderem wertvoll macht – werde ich auch mit den Gedanken Gramscis („Ohne ein neues Denken, ohne eine hohe Kultur kann in der modernen Welt keine einzige politische Bewegung erfolgreich sein“, so Luigi Rossos Fazit aus Gramscis Überlegungen) und Lukács vertraut gemacht, der die Auffassung vertrat, Nietzsches gesamtes Werks sei ein Angriff auf die fortschrittlichen Kräfte des Sozialismus.

Angesichts der Tatsache, dass jeder in Nietzsche hineinliest, was er will – Wir sehen die Dinge nicht, wie sind, wir sehen sie, wie wir sind, heisst es im Talmud – ist das Unterfangen von Colli und Montanari höchst einleuchtend. Gleichzeitig scheint mir die Vorstellung, einen Menschen mittels seiner Aufzeichnungen erfassen zu können, gänzlich absurd. Besonders eingedenk Nietzsches Satz: „Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel als er imstande ist ein Beispiel zu geben.“ Hält man sich dann noch vor Augen, was in Jenseits von Gut und Böse zu lesen ist: „Schreibt man nicht gerade Bücher, um zu verbergen, was man bei sich birgt?“, oder nimmt man seine berüchtigte Parole der Überschreitung: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“, mag man sich gelegentlich schon fragen, woher bloss die Vorstellung kommt, man könne einen Menschen und sein Werk verstehen?

Selten ist mir deutlicher geworden, dass Nietzsches apodiktische Sätze vor allem als Aufforderungen an sich selber zu verstehen sind. Etwa aus der Fröhlichen Wissenschaft: „Wir gehören nicht zu Denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoss von Büchern zu Gedanken kommen.“ So konnte Montinari zum Beispiel nachweisen, dass Nietzsche, der bis zu seinem Tod ein hungriger Leser geblieben war, Gedanken von Wagner, Tolstoi und Renan übernommen hatte.

Wie Nietzsche aus der Kälte kam ist ein sehr spezielles und überaus erhellendes Buch. Einmal, weil die Ausgangslage aussergewöhnlicher kaum sein könnte: Da lädt der Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur im ostdeutschen Weimar zwei mangelhaft Deutsch sprechende Italiener, die nicht über einschlägige Qualifikationen verfügten, ein, sich des Nietzsche-Archivs anzunehmen. Dann aber auch, weil diese kenntnisreiche Darstellung höchst differenziert aufzeigt, was es von Nietzsches Nachlass und dem Umgang mit ihm, alles zu wissen gibt.

Philipp Felsch
Wie Nietzsche aus der Kälte kam
Geschichte einer Rettung
C.H. Beck, München 2022

Jane Harper: Der Sturm

Von Jane Harper habe ich gelesen, sie erkunde intensiv die Orte, wo ihre Thriller spielen. Und das merkt man. „Der Sturm“ spielt in Tasmanien, wo vor 12 Jahren ein Mädchen namens Gabby spurlos im Meer verschwand; auch Finn, der seinen Bruder Kieran retten wollte, kam ums Leben. Die Menschen in Evelyn Bay machen Kieran für den Tod der beiden verantwortlich, weshalb Kieran denn auch die Insel verlässt. Als er jetzt, frisch verheiratet und mit Kind, wieder zurückkommt, liegt der Schuldvorwurf immer noch schwer in der Luft. Jane Harper hat die beklemmende Atmosphäre, die typisch ist für Kleinstädte, wo alle alles über alle anderen zu wissen glauben, hervorragend eingefangen.

Darüber hinaus zeigt sie eindrücklich, dass dem Menschen das Verzeihen und Vergessen nicht wirklich gegeben ist – nichts vermag er hinter sich zu lassen, alles trägt er sein Leben mit sich herum, wenn auch häufig mit der Zeit in abgeschwächter Form. Allerdings geht das nicht allen so, denn Verletzungen und Urteile halten sich, sofern man sie pflegt – und das tun nicht wenige.

Dann taucht die Leiche von Bronte, einer jungen Kellnerin, die Künstlerin werden will, am Strand auf. Die Polizei trifft ein, befragt Leute. Die Ereignisse in der Gegenwart werden durchbrochen von solchen in der Vergangenheit. Dabei spielt vor allem die Macht des Wassers eine dominierende Rolle – vor allem in Gestalt des Sturmes von vor 12 Jahren, auf den die Autorin immer wieder zurück kommt. Hängt der Tod von Bronte und der damalige Sturm, bei dem neben Gabby und Finn auch dessen Freund Toby im Meer verschwanden, zusammen?

Der Verlauf der Geschichte bringt zunehmend Klarheit darüber, wer mit wem verwandt und befreundet, wer welche Rolle in der Kleinstadt spielt. Wie in solchen Gemeinschaften üblich, scheinen sowohl Missgunst als auch Misstrauen all überall zu lauern. Auch wenn man glaubt, seine Nachbarn zu kennen, weiss man doch das meiste nicht. Zudem ist man mit Schuldzuschreibungen schnell zur Hand.

Jane Harper versteht es ausgezeichnet, die bedrückte Stimmung in Evelyn Bay nach dem erneuten Tod von Bronte an genau derselben Stelle, zu genau derselben Jahreszeit, wo man damals Gabbys Rucksack gefunden hat, zu schildern. Auch der untersuchende Polizeibeamte ist derselbe.

Sehr gelungen sind die Charakterisierungen der Figuren, die alle sehr komplex sind. Und ganz besonders die von Kierans dementem Vater, der heftigen Gefühlen unterworfen ist und unter Gedächtnisschwund leidet. Auch ein Schriftsteller, der seit einiger Zeit im Ort Wohnsitz genommen hat, wird komt ins Spiel. „G.R. Barlins Kinn war deutlich weniger schneidig und sein Blick nicht annähernd so durchdringend wie das Umschlagfoto seines Buches einen Glauben machen wollte, aber die mürrisch-abwesende Miene bekam er ganz gut hin.“ Seine genaue Beobachtungsgabe führt nicht nur zu einer Neubewertung der Ereignisse von vor 12 Jahren, sondern lässt auch das Internetverhalten der Leute in einem anderen als dem üblichen Licht erscheinen. „Wenigstens sind die Menschen im wahren Leben ziviler als im Internet.“

Der Sturm ist ein beeindruckender Thriller über Schuld und Verantwortung, der unter anderem auch die Frage thematisiert, ob „das Aufwärmen der Vergangenheit bei manchem mehr Schäden anrichtet als zu helfen.“ Dazu kommt, dass das Gedächtnis auf sehr eigene Art und Weise unterwegs ist. „In seiner Erinnerung war die Strasse leer, aber er wusste nicht, ob er sich an den letzten Samstagabend oder an einen der Dutzende Abende erinnerte, an denen er dieselbe Strecke gelaufen war.“

Nichtsdestotrotz ist das Sich-Bemühen um die Wahrheit heilsam. Und davon handelt dieser sehr gut geschriebene, bewegende und bis zum Schluss spannende Thriller.

Jane Harper
Der Sturm
Rütten & Loening, Berlin 2022

Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere

Wir Menschen nehmen nur einen sehr, sehr kleinen Ausschnitt der Welt wahr.Tieren geht es ebenso; auch ihre Welt ist begrenzt. Wir halten die Welt, die wir wahrnehmen können „fälschlicherweise leicht für alles, was man kennen kann. Das ist eine Illusion, und diese Illusion hat auch jedes Tier.“

Was der Mensch übers Tier weiss bzw. wissen kann, findet seine Grenzen in seiner Wahrnehmung. Vieles können wir uns gar nicht vorstellen, weil unsere Fantasie weit beschränkter ist als wir gemeinhin annehmen. Ed Yong, Wissenschaftsjournalist bei The Atlantic, ist der Auffassung, „dass Tiere hoch entwickelt sind und es uns bei aller vielfach gepriesenen Intelligenz schwerfällt, andere Lebewesen zu verstehen oder uns der Neigung zu widersetzen, ihre Sinne durch unsere eigenen zu betrachten.“ Schopenhauer war übrigens der Meinung, die Sinne der Tiere seien weiter entwickelt als die von uns Menschen, weshalb uns denn auch der Verstand mitgegeben wurde, auf dass dieser unsere mangelhaft ausgeprägten Sinne ergänzen möge.

Die meisten Menschen haben nicht nur Mühe, aus ihrer vertrauten Welt herauszutreten, es macht ihnen auch Angst. Freiwillig wagt sich selten jemand in unbekanntes Territorium. Wer hingegen mit einer sogenannten „Störung“ geschlagen ist, wird sich gezwungenermassen neu orientieren müssen. „Wenn Menschen ihre Welt auf eine Weise wahrnehmen, die als untypisch gilt, besitzen sie vielleicht ein intuitives Gefühl für die Grenzen des Typischen.“ Zugespitzt formuliert: Von Normalen können wir nur etwas über die normale Welt erfahren.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere ist ein Augenöffner, der ausgesprochen detailliert über die Wahrnehmungsfähigkeiten ganz unterschiedlicher Tiere informiert. Dass Hunde über einen ausgeprägten Geruchssinn verfügen, das wusste ich, doch dass dieser es ihnen erlaubt, sowohl die Vergangenheit, die Gegenwart wie auch die Zukunft zu lesen, war mir vollkommen neu. Zu den für mich verblüffendsten Experimenten gehört das des Biologen E.O. Wilson, der Oleinsäure auf lebende Ameisen strich. Die Folge: Die andern Ameisen behandelten diese wie Leichen „und trugen sie zu den Abfallhaufen der Kolonie. Dass die Ameisen noch lebten und sichtbar zuckten, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass sie wie Tote rochen.“

Nun sind Menschen zwar keine Ameisen, auch wenn sie manchmal mit einem ähnlichen Tunnelblick unterwegs sind: Menschen können wählen, mit welchen Sinnen sie die Welt wahrnehmen wollen. Unsere Fähigkeit, in andere Umwelten einzutauchen, betrachtet Ed Yong, als unsere grösste Sinnesleistung. Voraussetzung dafür ist, sich mit diesen anderen Umwelten vertraut zu machen. Und genau dies leistet dieses Buch – anschaulich, differenziert und überzeugend.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere ist ein ungemein informatives Werk, das mich vielerlei lehrt, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Sicher, dass Menschen zwei Augen haben, die im Kopf liegen, gleich gross und nach vorn gerichtet sind, das wusste ich. Und habe automatisch angenommen, dies sei der Normalfall. Doch weit gefehlt. So sind etwa die Augen der Riesenkraken so gross wie Fussbälle. Und dann die Fülle verschiedener visueller Umwelten: „Manche Tiere sehen in der Ferne jedes einzelne Detail, andere nicht mehr als verschwommene Flecken aus Licht und Schatten.“

Die Riesenkraken mit ihren riesigen Augen sehen sogar in einer Tiefe von bis zu 800 Metern. Fesselnd beschreibt Ed Yong, wie Forscher das herausgefunden haben. Dabei macht er auch deutlich, wie verheerend das menschliche Vordringen in unbekannte Gebiete sein kann. „Die völlige Dunkelheit der Tiefsee wirft für Forschende, die ihre Bewohner studieren wollen, ein Problem auf. Was um sie herum vorgeht, sehen sie nur dann, wenn sie an ihrem eigenen Tauchboot das Licht einschalten, aber das ist für Organismen, die sich an ein Leben ohne Licht angepasst haben, verheerend. Schon Mondlicht kann einen Tiefenkrebs in wenigen Sekunden blind machen. Die Scheinwerfer eines Tauchbootes richten noch viel schlimmere Schäden an.“ Die Forscher haben mittlerweile gelernt, der Umwelt in der Tiefsee respektvoller gegenüberzutreten.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere handelt von so ziemlich allem, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann: Geruch und Geschmack, Licht, Farben, Wärme, Kälte, Schmerzen. Apropos Schmerzen: Empfinden Tiere Schmerzen? Wer schon einmal in die Augen eines Pferdes geschaut hat, weiss, dass sie es tun. Ed Yong schlägt vor, anders zu fragen und zitiert die Physiologin Catherine Williams (er zitiert übrigens ganz viele Forscher, die Aufschlussreiches zu berichten wissen): „Unter welchen Bedingungen und angesichts welcher Reize ist es ein Vorteil, sie (die Schmerzen) zu haben, sie zu erleben und sie zur Schau zu stellen?“

Die erstaunlichen Sinne der Tiere macht mich immer wieder staunen. So lautet etwa eine der Legenden zu einer auch farblich eindrücklichen Aufnahme (der Bildteil allein lohnt dieses Buch): „Schmetterlinge und andere Insekten tragen Rezeptoren an den Füssen und schmecken damit die Dinge, auf denen sie landen.“ Eine andere: „Ein Wels ist eine schwimmende Zunge: überall auf der Haut sind Geschmacksknospen verteilt.“

Fazit: Eine faszinierende und überaus lehrreiche Einladung in unbekannte Welten einzutreten.

Ed Yong
Die erstaunlichen Sinne der Tiere
Erkundungen einer unermesslichen Welt
Kunstmann, München 2022

Kolja Reichert: Kann ich das auch?

Autor Kolja Reichert, geboren 1982, ist seit 2021 Programmkurator für Diskurs (nirgendwo ist der Mensch kreativer als in der Erfindung von Berufen) an der Bundeskunsthalle Bonn. Mit diesem Buch hat er sich einiges vorgenommen, denn er will, so der Verlag, „die Kunst von den Prätentionen und Missverständnissen befreien, die uns den Zugang zu ihr verbauen.“ Zudem habe er ein Buch für alle geschrieben, die sich von der Kunst ausgeschlossen fühlen. „Und für alle, die vergessen haben, warum sie bei ihr mitmachen.“ Mit anderen Worten: Ich gehöre nicht zum Zielpublikum, ich bin einfach nur neugierig, ganz allgemein. Zudem bin ich voreingenommen: Ich halte die meiste Kunst für bestenfalls einen guten Einfall. Und die meisten Künstler, ob Frau oder Mann, für eitle Wichtigtuer.

Kolja Reichert, das merkt man schon nach den ersten paar Seiten, ist ein Kunstbegeisterter, der gut zu schreiben versteht, und dem die Auseinandersetzung mit Kunst zu mehr „Wachheit und Ausgeglichenheit im eigenen Leben“ verholfen hat. Wunderbar, kann ich da nur sagen, auch wenn jede ernsthafte Auseinandersetzung mit irgendetwas vermutlich zum selben Ergebnis führen wird.

Nichtsdestotrotz, im Falles des Autors war es die Kunst, und über diese weiss er nicht nur viel Anregendes zu sagen, für die lebt er so recht eigentlich – sein Enthusiasmus und sein Engagement sind fast mit Händen zu greifen. „Je mehr Kunst ich gesehen habe, desto reicher wurde auch die Welt um mich herum.“ Ich kenne dieses Gefühl, ich verspürte es, als ich die Fotografie entdeckte. Und den Journalismus. Und das Interkulturelle. Und die Linguistik. Eigentlich immer, wenn ich (meist nicht für lange) für etwas brannte. Kolja Reichert, so kommt es mir vor, brennt für die Kunst. 

Einigermassen verblüffend ist es ja schon: In vielen Bereichen der Gesellschaft werden Experten respektiert. Man denke an Corona oder Atomkraftwerke oder die Luftfahrtindustrie. Im Bereich der Kunst ist das nicht so, da vertraut jeder auf sein eigenes Gefühl. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass es keine Instanz gibt, die verbindlich festlegen könnte, was Kunst ist. Doch es gibt Experten; ihre Aufgabe sei es, Kriterien zu formulieren, an denen die Kunst gemessen werden kann, so Autor Reichert.

„Wir glauben, erst wenn ein Kunstwerk etwas bedeutet, ist es ein gutes Kunstwerk. Ich denke, es ist umgekehrt: Wenn es klar und deutlich etwas bedeutet, ist es kein gutes Werk“, lese ich. Stimmt das, stimmt das nicht? Keine Ahnung. Doch es deutet die Richtung an: Kunst ist etwas, wofür man sich Zeit nehmen, auf das man sich einlassen muss. Reagiert man darauf bewegt oder erstaunt oder ergriffen, wäre das ein Hinweis darauf, dass es sich um Kunst handeln könnte.

Das leuchtet mir ein. Und erinnert mich an Robert M. Pirsigs Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, worin er versucht, Qualität zu definieren. Doch so sehr er sich auch bemüht, es geht nicht, sie lässt sich gedanklich/sprachlich nicht fassen. Was hingegen funktioniert: Man kann sie spüren. Dazu braucht es kein Vorwissen, nur Bereitschaft ist erforderlich. The readiness is all, sagt Horatio in Hamlet.

„Wie erkennt man ein Kunstwerk?“ gehört für mich zu den lustigsten der 50 Beiträge, denn man lernt dabei, das alles, wirklich alles zur Kunst erklärt werden kann. Die Vorstellungskraft  des Menschen kennt bekanntlich eine Grenzen. Der Glaube ebenso wenig. Für mich gilt: Wie jeder Gaube sollte auch der Glaube an die Kunst nicht allzu ernst genommen werden.

Kann ich das auch? ist sowohl erfrischend als auch ärgerlich. Erfrischend, weil Kolja Reichert die Fragen stellt, die wohl viele stellen und sie eigenständig beantwortet; ärgerlich, weil er meines Erachtens der Kunst und ihren Machern (Frauen sind mitgemeint) eigenartig devot begegnet – so glaubt er etwa, er müsse zuerst die Sprache der Kunst lernen, um sich mit Künstlern austauschen zu können. Eine eigene Sprache und die damit verbundene Art zu denken, ist ein bewährtes Mittel, Nicht-Initiierte draussen zu halten und seine privilegierte Stellung zu sichern. Viel Substanz steckt meist nicht dahinter.

50 Fragen an die Kunst, so der Untertitel, lädt ein zum Selber-Denken. Ich jedenfalls habe oft gestutzt und mich gefragt, ob der Autor seine apodiktisch formulierten Verallgemeinerungen wirklich ernst meint. „… alles, was wir tun, beruht auf Gewohnheiten, die Menschen über Generationen ausgebildet haben. Kunstwerke brechen aus diesen Gewohnheiten aus.“ Nein, nicht alles (nur fast alles), was wir tun, beruht auf Gewohnheiten. Auch brechen Kunstwerke nicht notwendigerweise aus diesen Gewohnheiten aus. Trotzdem ist der Grundgedanke, dass uns Kunstwerke aus unseren Gewohnheiten reissen können, richtig. Das tut allerdings auch ein Sprung ins kalte Wasser.

Nicht wenige der Fragen sind eigentlich keine („Warum kann nicht alles sofort verständlich sein?“, „Kann man über Kunst sprechen?“) und wohl eher der Tatsache geschuldet, dass es 50 Fragen werden sollten. Zudem sind einige etwas gar weit hergeholt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einem Menschen?“, „Was ist der Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einem Autor?“ Der rote Faden dabei ist der Autor und seine Neugier – das genügt meines Erachtens vollkommen.

Besonders aufschlussreich empfand ich die Ausführungen zu „Wie gross ist die Kunstwelt?“, wo ich auch lernte, dass man erst vom Ende des 18. Jahrhundert an, also während der Aufklärung, Kunst als Begriff verwendete. „Vorher gab es Architektur, Malerei, Bildhauerei, Musik und Literatur, und sie alle galten als Handwerk. Jetzt entwickelte sich eine Vorstellung davon, was sie vom Handwerk unterschied und was sie der Gesellschaft brachten, Freiheit zum Beispiel. Mit dem Bürgertum, das sich seine eigenen Geschmacksurteile bildete, entstanden Theorien der Ästhetik, und der Kunstmarkt, der im 17. Jahrhundert in den Niederlanden entstanden war, blühte.“

Was dieses Buch lesenswert macht, ist Kolja Reicherts engagierte Art und Weise sich mit Kunst und was gemeinhin dazu gehört, auseinanderzusetzen. Dabei deutlich geworden ist für mich vor allem, dass Kunst nicht wirklich zu fassen ist. Einschlägiges Wissen kann die Wertschätzung steigern, wie man am Beispiel des Autors gut erkennen kann, doch scheint es auch eine Ebene zu geben, auf der man intuitiv spürt, dass man es mit etwas ganz Besonderem zu tun hat. Siehe auch hier.

Fazit: Vielfältig anregende, hilfreiche Aufklärung.

Kolja Reichert
Kann ich das auch?
50 Fragen an die Kunst
Klett-Cotta, Stuttgart 2022


Geert Lovink: In der Plattformfalle

„Wir wollten die Pandemie nutzen, um uns auszuruhen und weiterzukommen. Das ist nicht gelungen. Die Bequemlichkeit des ewig Gleichen erwies sich als zu stark“, lese ich in der Einleitung. Und: „Wir gaben unsere Machtlosigkeit zu – dass unser Leben unbeherrschbar geworden war.“ Dass jemand den ersten der zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker zitiert, um damit unsere Internet-Befindlichkeit zu diagnostizieren, ist ein erfreulicher Ansatz, denn daraus folgt, dass die Art und Weise wie viele das Internet benutzen, nichts anderes als eine Sucht ist. Gefragt müsste dann eigentlich: Wie kommen wir davon los? Autor Geert Lovink geht es jedoch um etwas anderes: Wie kriegen wir etwas, dass klar aus dem Ruder gelaufen ist, wieder in unsere Gewalt. Er plädiert also für kontrolliertes Internetnutzen, oder wenn wir beim Alkohol bleiben: für kontrolliertes Trinken.

In Sachen Alkohol ist das ein Ansatz, der meist nur Nicht-Alkoholikern möglich ist. Für veritable Alkoholiker funktioniert kontrolliertes Trinken hingegen nicht. Und beim Internetnutzen? Da wir fast schon dazu gezwungen werden, uns des Internets zu bedienen, bleibt uns kaum was anderes übrig, als der überlegte Gebrauch. Geert Lovink sagt viele gescheite Sachen, zitiert viele differenziert argumentierende Leute – mir kam es manchmal so vor, als ob man mit dem Verstand zudecken würde, dass wir uns weder ändern wollen noch können. Grundsätzlich meine ich. Ein bisschen geht schon, als Alibi.

Das Leben vor dem Bildschirm laugt uns aus, erschöpft uns. Warum ist das so?, fragt Geert Lovink und führt viele erhellende Meinungen an, aber auch ausgesprochen Banales. „Wie Caroline Cowles Richards sagt: ‚Was nicht geheilt werden kann, muss ertragen werden.’“. Da ich nicht wusste, wer Caroline Cowles Richards ist, habe ich sie gegoogelt: Sie lebte von 1842-1913 und war ein Civil War Civilian and Diarist. Autor Lovink zeigt also, wie gebildet er ist. Er tut das übrigens etwas gar oft. „Das Internet ist der Friedhof der Seele. In Anlehnung an einen Satz von Cioran könnte man sagen, dass niemand in den Sozialen Medien das findet, was im Leben verloren gegangen ist.“ Das wissen die meisten wohl auch ohne Cioran.

Die Bezugnahme auf Berühmtheiten wie Fernando Pessoa und Walt Whitman, die lange vor der Internet-Zeit lebten, weist auch darauf hin, dass die grundsätzlichen Phänomene unseres Zeitalters sich nicht von früheren Zeiten unterscheiden, da sie in der conditio humana begründet sind. Dazu gehört das Frankenstein-Phänomen, das sich auch als Internet-Phänomen zeigt: Wir schaffen etwas, das eine Eigendynamik entwickelt und uns entgleitet.

Dass die Digitalisierung unser aller Leben verändert, ist allen klar. Detailliert und anhand vieler Beispiele bringt Geert Lovink die zahlreichen Gedanken einschlägig damit Befasster auf den neuesten Stand. Das ist gut geschrieben, ansprechend dargestellt, auch wenn die Antwort auf die Kernfrage „Und jetzt, was sollen wir tun?“ dieselbe ist, die das kontrollierte Trinken der Abstinenz vorzieht: „Vorsicht vor der Falle der europäischen Offline-Romantik. Lasst uns stattdessen virtuelle Meetings wieder zur Ausnahme machen. Zuerst sollten wir virtuelle Konferenzen zum Gegenstand der Debatte und des globalen Dialogs machen.“ So klingen Pädagogen und Politiker.

Trotzdem: In der Plattformfalle lohnt, weil es die verschiedenen Denkansätze, die sich mit Plattformen und dem Internet auseinandersetzen, sehr schön aufzeigt. Dann aber auch, weil die vielfältigen und zumeist anregenden Erwägungen sich an der Lebenswirklichkeit orientieren. „Hightech kann nicht einfach nur existieren, sondern steht immer kurz vor dem ‚Nichtfunktionieren‘ – der Akku stirbt, die Internetverbindung fällt aus, das Software-as-a-Service-Abonnement fällt aus.“

In der Plattformfalle ist auch ein erfreuliches no-nonsense Buch, das einleuchtend für die Zerschlagung von Monopolplattformen und den Ausschluss von Google, Facebook und anderen Unternehmen aus Internetgovernance-Gremien plädiert. Nur eben: „Dopamingesteuerte, impulsive Nutzer:innen sind dafür bekannt, dass sie die von Habermas aufgestellten Regeln nicht kennen und nicht mit langen Stunden belästigt werden können, die eine Vollversammlung dauert, um einen Konsens zu erreichen.“ Es ist nicht zuletzt diese realistisch nüchterne Sicht der Dinge, die dieses Buch auszeichnet.

Geert Lovink
In der Plattformfalle
Plädoyer für die Rückeroberung des Internets
transcript Verlag, Bielefeld 2022

Norris von Schirach: Beutezeit

Rohstoffhändler Anton, nach zehn Jahren in Moskau seit über zwölf Monaten beruflich inaktiv, wird von einem Headhunter in New York („Wenige Orte werden so überschätzt wie New York … Das traf auf alle sogenannten Weltstädte zu.“) als Wunschkandidat an ein Unternehmen vermittelt, für das er in Kasachstan einen Stahlkonzern gründen soll.

Um dabei erfolgreich zu sein, muss man die richtigen Leute kennen, und an die kommt Anton denn auch überraschend schnell heran. Im Roman geht das, im richtigen Leben ist das etwas schwieriger, trotzdem lernt man in Beutezeit einiges über das Geschäftsgebaren in der früheren Sowjetunion zu Beginn der 2000er Jahre. Nach den Angriffen auf die Zwillingstürme beschäftigte Geschäftsleute vor allem die Frage, ob der Dollar schwächer oder stärker werden würde …

Bereits in seinem ersten Roman Blasse Helden, der zunächst unter dem Pseudonym Arthur Isarin erschien, hat Boris von Schirach gezeigt, dass er spannend und unterhaltsam zu erzählen weiss. Und das tut er auch in Beutezeit. Gleichzeitig vermittelt er ein überaus anschauliches Bild von Kasachstan. „Das jüngst errichtete Hotel sah aus, als wäre ein im Westen verwirklichter Architekturplan aus den Achtzigerjahren noch einmal realisiert worden (…) Auf einem der Fernsehkanäle wurde der Präsident gefeiert, auf dem nächsten der Premierminister.“ Ich ziehe solche Beschreibungen jeder politischen Analyse vor.

Auch über China werde ich aufgeklärt. „Solange China bettelarm gewesen war, hatte man das Land im Westen eher bemitleidet oder verehrt. Aufsteiger waren dagegen unbeliebt, da schlug der Futterneidreflex verängstigter Wohlstandsbürger durch.“ Und über die Schweiz, die ihre Neutralität der Welt als Business-Modell zu verkaufen versteht, das auch die Anschläge in New York nicht zu erschüttern vermochte, wie Anton bei einem Besuch in St. Gallen lernt. „’Kunst und Kommerz schliessen sich bei uns nicht aus‘, präzisierte der Notar für Anton und führte als Beispiel langatmig die gelungene Restaurierung der Bauernstube eines Heimatmuseums an, deren Kosten Russen jüngst grosszügig, öffentlichkeitswirksam und steueroptimiert übernommen hatten.“ Treffender kann man mein Herkunftsland wahrlich nicht beschreiben!

Meine liebste Aufklärung betraf jedoch die Medien: „Für die altgediente Journaille änderte sich dabei wenig; statt wie bis vor zehn Jahren aus ideologischen Gründen die Falschmeldungen der TASS zu verbreiten, erschien jetzt, wofür bezahlt wurde.“ Schön gesagt. Und mich an die bekannte Definition der Pressefreiheit erinnernd, gemäss welcher diese darin besteht, dass ein paar Reiche ihre Meinung veröffentlichen können. Auch die Arbeit der Fernsehjournalisten, die sich jeweils an Tatorten einfinden, wird wunderbar treffend charakterisiert. „Da es nichts zu berichten gab, interviewten sie sich gegenseitig über das, was sie im Fernsehen gesehen hatten.“

Hat der Westen eigentlich den Osten verändert oder der Osten den Westen? Anton kommt zum Schluss, dass „abgesehen von stilistischen Feinheiten, seit den Medici und Fugger, alles beim Alten geblieben war. Vielleicht bestand der einzige Unterschied darin, dass die einen Raffael und Dürer, die anderen Repin, und wieder andere Mondrian den Vorzug gaben.“ Andererseits: Unterschiede gibt es natürlich, vor allem im Bezug auf Gewaltanwendung. Und dass die Mentalität östlich es Urals auch nur irgendwie kompatibel sei mit westlichen Vorstellungen, glaubt höchstens, wer noch nie dort war.

Beutezeit ist auch eine nützliche Lektüre, die nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil sie nicht pädagogisch belehrt, sondern leicht und witzig unterhält. Als Antons uigurische Geschäftspartnerin vor dem Gang zur deutschen Botschaft, wo sie hofft, ein Schengen-Visum zu ergattern, fragt, ob dreitausend Dollar wohl reichen, wird sie von Anton zurecht gewiesen. „Auf keinen Fall wirst du da drin jemanden bestechen.“ „Warum nicht?“ „Ist unüblich.“ „Ich habe anderes gehört.“ „Lass mir meine Illusionen. Sollten die jetzt auch schon die Hand aufhalten, dann nur wegen eurer Neigung, jeden zu kaufen.“

Wobei: Korruption und Nepotismus scheinen in Kasachstan mehr als nur gängig, sie sind so recht eigentlich der Normalfall. „Wer es könnte, aber nicht tut, wird verspottet.“ Als Anton auf der Skipiste einen amerikanischen NASA-Ingenieur trifft, der von der Sojus-Rakete schwärmt („Die Schlichtheit ihres Designs ist genial.“), wird er auch mit einer bestechenden Weltansicht vertraut gemacht, gemäss welcher die allermeisten Menschen damit beschäftigt sind, „die herrschende Meinung ihrer Umgebung herauszufinden, um sie dann zu übernehmen. Ist evolutionsbedingt, hat die Überlebenschancen erhöht.“ Diese Theorie hat überdies den Vorteil zu erklären, weshalb unabhängig denkende Typen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. „Wer die Harmonie der Gleichgesinnten stört, wird ausgestossen. Das stärkt den Zusammenhalt der Gruppe.“

Beutezeit machte mich auch immer mal wieder laut heraus lachen, vor allem die Dialoge haben es mir angetan. „Du hast also Zweifel?“ „Nein, ich bin Muslima.“ „Das wusste ich gar nicht.“ „Sehr gemässigte Sunnitin.“ Und dann die Schilderung eines Fluges nach Tschetschenien! Keine vier Pferde brächten mich dazu, in dieser Weltgegend einen Inlandflug auch nur in Betracht zu ziehen! Als Leser amüsierte ich mich jedoch köstlich.

Einen Roman zu schreiben, bedeutet ja immer auch davon zu berichten, was einen selber fasziniert, stört, umtreibt etc. Der Hinweis auf das Buch der Worte des Humanisten Ibrahim Qunanbajuly (1845-1904), genannt Abai, macht unter anderem deutlich, dass es überall auf der Welt, ungeachtet des jeweiligen Systems, unabhängige Denker gibt.

Fazit: Erhellend, clever, sehr lustig und so absurd wie das richtige Leben.

Norris von Schirach
Beutezeit
Penguin Verlag, München 2022

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